Archiv für Dezember 10th, 2018

Jetzt nehmen uns die Muslime auch noch das Schwimmbad weg

Die Sache ist eigentlich schon dämlich genug: Ein Vater, der mit seiner zweijährigen Tochter regelmäßig einen Mutter-Kind-Treff besucht, wird gebeten, nicht zum Schwimmausflug mitzukommen. Die Kursleiterin spricht ihm vorher auf die Mailbox:

„Ich wollte dir Bescheid geben: Wir sind ja am Mittwoch alles Frauen. Und es sind auch muslimische Frauen dabei. Deswegen wäre es gut, wenn deine Frau kommen würde. Du kannst dann leider nicht kommen. (…) Ich hoffe auf dein Verständnis!“

Wie gesagt: dämlich genug. Sogar so dämlich, dass die für den Mutter-Kind-Treff zuständige Bremer Sozialbehörde gegenüber „Bild“, wo auch das Transkript der Mailboxaufnahme erschienen ist, sagt:

„Wir wollen mehr Väter in den Eltern-Kind-Gruppen. Wir wollen auch, dass Väter häufiger in die Elternzeit gehen. Sie sollen natürlich mit muslimischen Eltern gemeinsam am Kinderschwimmen teilnehmen. Was dort praktiziert wurde, ist grundsätzlich nicht die Linie unseres Hauses.“

Also: Eine falsche Reaktion einer Mitarbeiterin, mit der der Sprecher der Sozialbehörde über diesen Fehler reden wolle. Soll alles so nicht wieder vorkommen.

In der Bremen-Ausgabe der „Bild“-Zeitung hyperventilieren sie diesen einmaligen Fehler einer Person zu einem generellen Schwimmverbot für Vater und Tochter, „weil Muslime im Bad sind“:

Ausriss Bild-Zeitung - Weil Muslime im Bad sind - Jetzt darf Papa mit der Tochter hier nicht mehr schwimmen
(Alle Unkenntlichmachungen durch uns.)

„Jetzt darf Papa mit der Tochter hier nicht mehr schwimmen“ ist schlicht falsch. Natürlich — und zum Glück — kann niemand Tim F. verbieten, mit seiner Tochter in das Bremer Schwimmbad zu gehen, ob nun Muslime dort im Becken sind oder nicht. „Weil Muslime im Bad sind“ ist mindestens heftig verbogen. Dass Tim F. am fraglichen Tag nicht am Schwimmausflug teilnehmen sollte, bezog sich nicht darauf, dass allgemein auch Muslime im Schwimmbad waren, sondern speziell auf die Zusammensetzung der Mutter-Kind-Gruppe. Das macht den Fehler der Kursleiterin und die Angelegenheit für Vater und Tochter nicht besser, aber die „Bild“-Dachzeile falscher.

Bei Bild.de ist vor der Paywall nur Folgendes lesbar:

Screenshot Bild.de - Weil Muslime im Bad sind - Papa darf mit Tochter (2) nicht mehr zum Schwimmen - Papa Tim F. und Tochter Amelia-Sophie hatten sich so aufs Kinder-Schwimmen gefreut. Doch daraus wurde nichts. Der engagierte Vater wurde aus der Schwimmgruppe ausgeschlossen.

Die Antwort der Bremer Sozialbehörde und all die anderen Relativierungen können hingegen nur zahlende Kunden lesen.

Die Aufregung, die die „Bild“-Medien erzeugen, findet selbstverständlich Widerhall in den Sozialen Netzwerken: Muslime, die Personen mit deutschen Vornamen vermeintlich das Schwimmen unmöglich machen — da springen „AfD Rosenheim Kreisverband“, „Anno 1273 Oberlungwitzer Patrioten“, „Völker dieser Welt erheben sich !!“, „AfD – Kreisverband Rottweil/Tuttlingen“ und ähnliche Kandidaten gerne auf.

Und auch auf der Facebookseite von „Bild“ ist ordentlich was los. Der Post zum Artikel wurde über 5200 Mal geliket, mehr als 1200 Mal geteilt und knapp 1600 Mal kommentiert. Dass Dachzeile und Überschrift bei Bild.de sowie die Überschrift, die auf der „Bild“-Facebookseite angezeigt wird („Muslimische Frauen wollen ihn nicht: Vater darf mit Tochter (2) nicht mehr zum Schwimmen“), für ziemliche Verwirrung sorgen, wem nun was alles scheinbar von welcher Gruppe verboten werde, hat offenbar auch die „Bild“-Redaktion gemerkt. Sie kommentiert selbst:

Screenshot eines Facebook-Kommentars der Bild-Redaktion - Nur noch mal zum Verständnis: Auf dem Titelbild ist Eltern-Kind-Bereich zu sehen. Das liegt daran, dass es im Bad einen Bereich gibt, der kindergerecht gestaltet ist. In diesem speziellen Fall geht es allerdings um einen Ausschluss vom Mutter-Kind-Treff, also einer Schwimmveranstaltung beziehungsweise einem Treffen.

Mit Dank an Ingmar D. und Christian M. für die Hinweise!

Nachtrag, 14. Dezember: Die Geschichte hat laut „Bild“ vermeintlich eine neue Wendung bekommen.

Obdachlos im Medienzirkus, Witzbildmaler Ruthe, Migrationspakt

1. Nicht ohne meinen Vater: Wie ein Obdachloser im Medienzirkus untergeht
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Vor einem Jahr machte das „Twitter-Märchen“ vom Sohn die Runde, der seinen obdachlosen Vater via Netzwerk suchte … und fand. Die emotionale Geschichte sorgte für große Aufmerksamkeit: Der Account @deinTherapeut wurde „meist genannter deutscher Twitter-Nutzer“ im Jahr 2018. Nächstes Jahr soll die Geschichte als Buch bei einem großen Publikumsverlag erscheinen. Eine Geschichte, zu der es schon jetzt einige kritische Fragen gibt.
Weiterer Lesehinweis: Darf der das? (faz.net, Sebastian Eder). „Mit einer Geschichte über seinen Vater wurde @deinTherapeut zum meistgenannten deutschen Twitter-Account 2018. Doch Kritiker werfen ihm „grobe Fahrlässigkeit“ im Umgang mit psychisch beeinträchtigten Jugendlichen vor. Was sagt er dazu?“

2. Wie wir arbeiten
(deutschlandfunk.de, Ann-Kathrin Büüsker, Audio, 27:09 Minuten)
Seit über einem Jahr gibt es den (empfehlenswerten) „Deutschlandfunk“-Podcast „Der Tag“. In einer Sonderausgabe spricht Ann-Kathrin Büüsker mit ihren Kollegen über die tägliche redaktionelle Arbeit, das Moderatorenprinzip, die Kunst, kontroverse Interviews zu führen, und erklärt, warum es keine perfekte Sendung gibt.

3. Ich äußere mich nicht politisch, sondern menschlich
(viertausendhertz.de, Christian Möller, Audio, 82:09 Minuten)
Ralph Ruthe ist nicht nur für seine Cartoons, sondern auch für seine klare Haltung bekannt. „Viertausendhertz“-Podcaster Christian Möller hat sich mit Witzbildmaler Ruthe zum Spaziergang durch Bielefeld verabredet.

4. Alberne Panikattacken
(spiegel.de, Thomas Fischer)
„Spiegel Online“-Kolumnist und Ex-BGH-Richter Thomas Fischer kommentiert die Debatte um den Migrationspakt: „Warum so furchtsam? Was soll die absurde Behauptung, man unterzeichne einen „Pakt“, der gar nichts bedeutet und keinerlei Folgen haben kann? Der Pakt ist, nach meiner Ansicht, im Grundsatz vollkommen in Ordnung; er beeinträchtigt staatliche Souveränität nicht, formuliert aber gemeinsame Ziele; und selbstverständlich wird erwartet, dass sich die Vereinbarungsparteien daran halten, auch wenn das nicht erzwungen werden kann. Warum fürchtet man sich davor, das klar zu sagen?“

5. Ex-Bild-Chef Kai Diekmann im Gespräch – #118
(falter.at, Florian Klenk, Audio, 62:59 Minuten)
Beim Europäischen Mediengipfel Ende November haben sich Ex-„Bild“-Chef Kai Diekmann und „Falter“-Chefredakteur Florian Klenk zum Branchentalk getroffen. Nun gibt es das Gespräch zum Nachhören. Es geht um Medienwelt und Medienwandel, Donald Trump und Fake News, die verkaufte „Hörzu“ und Diekmanns angebliche Penisverlängerung.

6. Clickbait-Knüppel aus dem Sack! Wie Medien ein harmloses Knecht-Ruprecht-Zitat ausnutzen
(meedia.de)
Grünen-Politikerin Josefine Paul findet, wie viele andere auch, dass die angstbesetzte Figur des Knecht Ruprecht nicht mehr in das heutige Bild der Kindererziehung passe. Das wurde in einigen Medien und von der AfD sofort mit überdrehten Überschriften sinnentstellend und klickträchtig verarbeitet und zur Skandalmeldung hochgejazzt.