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Vermummte Propaganda

Im August wurde der Vorsitzende der Partei “Alternative für Deutschland” (AfD) bei einer Wahlkampfveranstaltung angegriffen. In den Medien las sich der Vorfall anschließend so:

Bild.de:

Drei Festnahmen, 16 Verletzte - Messer-Angriff auf AfD-Chef Lucke!

Focus.de:

Mit Reizgas und Messer bewaffnet - Acht Vermummte attackieren AfD-Parteichef Bernd Lucke

abendblatt.de:

Vermummte mit Messer und Reizgas greifen AfD-Chef an

“Spiegel Online”:

Wahlkampfrede von Bernd Lucke: Vermummte greifen AfD-Veranstaltung an

“B.Z.” online:

Vermummte in Bremen - Pfefferspray-Angriff auf AfD-Chef Bernd Lucke

Süddeutsche.de:

afd13

“Bild”:

16 Verletzte! Linke Chaoten attackieren Chef der AfD

In fast allen Artikeln ist von mindestens 20 teilweise vermummten Personen die Rede, von denen acht auf die Bühne gelangt seien. Die “vermutlich dem linksextremen Lager zuzuordnende[n] Angreifer” hätten Pfefferspray benutzt, außerdem sei ein AfD-Helfer mit einem Messer angegriffen und verletzt worden. Insgesamt habe es 15 Verletzte gegeben, drei Personen seien festgenommen worden.

All diese Informationen stammten aus einer Pressemitteilung der Polizei Bremen, die sich so ziemlich mit dem deckte, was auch die AfD selbst mitgeteilt hatte.

Auf einem Video, das noch am selben Tag bei Youtube auftauchte, spielt sich der Vorfall allerdings ein bisschen anders ab. Darin ist zu sehen, wie lediglich zwei Männer auf die Bühne rennen und Bernd Lucke einfach nur umstoßen. Dann schmeißt einer der Männer etwas von der Bühne, danach liegt offenbar Pfefferspray in der Luft.

Viele Medien verlinkten dieses Video, sie schienen sich aber nicht weiter daran zu stören, dass darauf etwas anderes zu sehen ist als das, was Polizei und AfD geschildert hatten. Nur wenige Journalisten meldeten nach Betrachten des Videos Zweifel an. Das Handelsblatt etwa schrieb mit Blick auf die Aufnahmen, von einem “brutalen Angriff” könne “nicht die Rede sein”.

Der AfD jedenfalls kam die bundesweite Aufregung nur allzu gelegen. Plötzlich hatte die Partei die volle Aufmerksamkeit der Medien. Mitten im Wahlkampf. Und das wusste sie zu nutzen:

“Zeit Online”:

Attacke bei Walkampfrede - AfD-Chef verlangt schärferes Vorgehen gegen Linksextreme

Focus.de:

AfD-Chef nach Angriff - Bernd Lucke: "Geduld mit Linksextremen aufgeben"

Hinsichtlich des Angriffs gibt es inzwischen aber Neuigkeiten. Wie die “taz” und “NWZonline” heute berichten, ist die Polizei von ihrer ursprünglichen Darstellung abgerückt. Polizeipräsident Lutz Müller habe gestern zugegeben, dass die Erstmeldung “auf den Angaben der Veranstalter” fußte. Er habe außerdem klargestellt, dass keineswegs ein Messer im Spiel gewesen sei.

Auch die Anzahl der Vermummten muss Müller zu Folge deutlich korrigiert werden. Gesichert sei lediglich, dass zwei Störer maskiert waren. Das zeige ein Video. Allerdings seien noch nicht alle Aufnahmen ausgewertet worden. Müller schätzt: “Vielleicht waren acht bis zehn Personen vermummt.” Auf die Bühne wiederum seien nur drei bis vier Protestierer gelangt, die Lucke hinunter schubsten. Im Übrigen, so Müller, habe bislang lediglich einer der Festgenommenen ins linke Spektrum eingeordnet werden können.

Anderen Medien ist diese Entwicklung nicht mal eine Meldung wert.

Mit Dank an Kris R.

Haudegen, Giftgas, Martin Luther King

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “BILD übernimmt Spiegel: Büchner und die ‘Brandstifter'”
(debattiersalon.de, Marion Kraske)
Ex-Mitarbeiterin Marion Kraske schreibt über den “Spiegel” (und den Boulevard): “Saßen da früher alte, unbequeme Haudegen mit Rückgrat, weitgereiste und weltgewandte Geister, denen Amerika ebenso vertraut war wie Albanien oder Afghanistan, tummeln sich (im Übrigen auch in anderen Redaktionen) heute glatte und angepasste Hauskarrieristen, die die Welt wahlweise aus dem Elfenbeinturm oder vom Deck der Segelyacht beurteilen, die zwar streetsmart und Talkshow-kompatibel sind, denen politische Prozesse allerdings egal und politisches Denken augenscheinlich fremd sind.”

2. “Wenn ‘Meinungsbildner’ beliebig austauschbar geworden sind”
(ef-magazin.de, André F. Lichtschlag)
André F. Lichtschlag stellt in den Mainstream-Medien Beliebigkeit fest: “War es früher anders? Sehr wohl. Rudolf Augstein in der ‘Bild’ und Axel Springer für den ‘Spiegel’ oder die damalige Mitherausgeberin des ‘Rheinischen Merkur’ Christa Meves in der ‘Zeit’, in der ausgerechnet dieser ‘Merkur’ nach ihrem Ausscheiden aufging, wären genauso undenkbar gewesen wie Franz Josef Strauß und Otto Graf Lambsdorff in der SPD oder Herbert Wehner in der FDP oder CDU. Sie alle stehen für unverwechselbare Inhalte, ja für Prinzipien. Sie hatten, was altmodische Menschen noch heute Charakter nennen.”

3. “BILD WILL KRIEG”
(rationalgalerie.de, U. Gellermann)
Ulrich Gellermann liest “Bild” und andere deutsche Medien zum Thema Giftgas in Syrien.

4. “‘Ich habe die Nase voll'”
(taz.de, Cigdem Akyol und Jürn Kruse)
Ex-ARD-Nahostkorrespondent Jörg Armbruster im Interview: “In Damaskus muss man mit dem Informationsministerium zusammenarbeiten, sonst wird man sofort ausgewiesen. Natürlich trifft man da ständig auf Lügen. Aber ich bin auch auf Menschen gestoßen, die mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit und ohne Kamera erzählten, wie es wirklich zugeht. Es gibt allerdings auch Kollegen, die lassen sich anlügen.”

5. “Streichs Wutrede: Labbadia, Hertha und die Medien”
(youtube.com, Video, 3:01 Minuten)
Die “Badische Zeitung” zeigt Ausschnitte einer Pressekonferenz: “Mit einer denkwürdigen Wutrede hat Christian Streich vom SC Freiburg auf die Entlassung von Bruno Labbadia beim VfB Stuttgart und den angeblichen Sex-Skandal bei Hertha BSC reagiert. Im Fokus seiner Kritik: die Medien.”

6. “I have a dream”
(youtube.com, Video, 16:28 Minuten, englisch)
Am 28. August 1963 hielt Martin Luther King seine Rede “I Have a Dream”.

Phoenix, Cochem, Blick

6 vor 9

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1. “Gamescom 2013 mit dem TV Sender Phönix”
(getdigital.de, Gesine)
Gesine wird von Phoenix an der Gamescom in Köln begleitet und notiert ihre Erfahrungen: “(Btw., von den 8 Mitarbeitern waren mindestens 4-5 überflüssig… 2 gelangweilte Assistentinnen? DFQ? Einen Praktikanten, der ausschließlich die Kamera trägt? Einen Mann mit Schminke, dessen Dienste während des ganzen Tages höchstens 10 Minuten benötigt wurden? Da hätte man wirklich einiges zusammenlegen können… aber da öffentlich-rechtliche Fernsehsender keine Unternehmen sind, die den Gesetzen der Marktwirtschaft unterliegen, ist das wohl einfach so.)” Siehe dazu auch diesen Text über chinesische Profispieler, die von westlichen Amateurspielern bezahlt werden (tagesspiegel.de, Jens Mühling).

2. “Reisebericht: Cochem als ‘Ballermann der Mosel’ tituliert”
(rhein-zeitung.de, Thomas Brost)
Der Bericht “Der Schönheit wohnt der Schrecken inne” im Reiseressort der FAZ. “Man wünsche sich für Cochem, so steht zu lesen, ‘nichts sehnlicher, als dass eine gewaltige Gnadenflutwelle diese ganze Chose ad hoc renaturieren möge’. Die Gegenreaktion fällt heftig aus.”

3. “‘Die Stimme des Blattes war wenig zu hören'”
(nzz.ch, Francesco Benini)
Ringier-CEO Marc Walder erklärt, wie der neue “Blick”-Chefredakteur ausgewählt wurde: “Dass René Lüchinger Chefredaktor des ‘Blicks’ wird, haben – nach dem Durchlauf durch die Gremien – schliesslich Verleger Michael Ringier und ich entschieden. Frank A. Meyer war nicht involviert. Meines Wissens kennt er Lüchinger noch nicht einmal persönlich.” Siehe dazu auch “Intrigen, Morde, Unzucht” (nzz.ch, ela.) über 18 “Blick”-Chefs in 54 Jahren.

4. “Kanzlerin Merkel im Wohnzimmer”
(berliner-zeitung.de, Peer Schader)
Das TV-Programm ist in den Wochen vor der Bundestagswahl “randvoll mit Politik-Erklärstunden”, schreibt Peer Schader.

5. “‘Ich arbeite bei ‘die aktuelle’ und kann prima in den Spiegel schauen'”
(stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier beantwortet einen Kommentar einer mutmaßlichen Mitarbeiterin der Zeitschrift “die aktuelle”.

6. “Kevin Spacey: ‘Das Fernsehen hat das Kino überholt'”
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Thomas Lückerath dokumentiert eine Rede von Kevin Spacey (youtube.com, Video, 46:53 Minuten, englisch).

Heavy Metal, Hühnerstall, Hitlergruß

6 vor 9

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1. “Journalismus bei der Tafel”
(timo-rieg.de)
Timo Rieg entdeckt Rezensionsexemplare seines eigenen neuen Buchs in Online-Shops: “Besonders schön dabei sind immer die Hinweise ‘ungelesen’ oder ‘originalverpackt’. So viel Mühe hat sich dann der Journalismus gemacht zu prüfen, ob das Buch eine Besprechung wert ist oder nicht: ohne zu lesen, ohne es nur zu öffnen. (…) Ohne aufgrund der überschaubaren Fallzahl eine quantitative Aussage treffen zu wollen, so sind es wohl doch ganz überwiegend die gut situierten Einkommensgruppen im Redaktionsbetrieb, die sich dieser Form der Gemeinwohlpflege hingeben.”

2. “Wie der Heavy Metal in den Leitmedien abschneidet”
(powermetal.de, Stephan Voigtländer und Nils Macher)
Teil 2 der Analyse, wie Heavy Metal von den Leitmedien verarbeitet wird, setzt den Schwerpunkt auf Beiträge im Radio und Fernsehen.

3. “Der Fuchs im Hühnerstall”
(taz.de, David Denk)
“Spiegel”-Mitarbeiter reagieren auf die Verpflichtung von Nikolaus Blome als stv. Chefredakteur.

4. “Wenn der Pöbel kommentiert: BILD-Leser wollen sich nicht für einen Deutschen schämen, der Flüchtlinge mit dem Hitlergruß begrüßt”
(kaputtmutterfischwerk.de, Ronny)
Ronny sammelt Kommentare auf der Facebook-Seite von “Bild”, die zu diesem Foto abgegeben wurden.

5. “Tatort ‘Bild’: Eine Falschmeldung zieht Kreise”
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Ein “Tatort” soll erstmalig um 22 Uhr ausgestrahlt werden, was es noch nie gegeben habe, behaupten “Bild” und Bild.de – die Meldung wird von mehreren anderen Medien übernommen. “Alle wiederholen dabei die Behauptung der ‘Bild’, dass die späte Ausstrahlung ein einmaliger Vorgang in der ‘Tatort’-Geschichte sei. Doch das stimmt so nicht.”

6. “Lahme Zoten, Wahn um Quoten: Fehlt dem ZDF der Mut?”
(zdf.de, Video, 62:18 Minuten)
Georg Diez, Oliver Kalkofe und Nilz Bokelberg sprechen mit ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler über das ZDF-Programm. Siehe dazu auch die Kompaktversion in 3:15 Minuten auf youtube.com.

Wunder, Weltwoche, Werbeformat

6 vor 9

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1. “‘Neue Welt’ ruft Wunder zurück”
(topfvollgold.de, Mats Schoenauer)
Der Tod von Prinz Friso von Oranien-Nassau: “Anderthalb Jahre lang haben deutsche Regenbogenhefte das Schicksal des Prinzen ausgeschlachtet. Sie haben spekuliert, gemutmaßt und prophezeit, sie haben Gerüchte verbreitet, Fakten verdreht und sich Dinge einfach ausgedacht. Allein in den vergangenen vier Monaten ist Prinz Friso mindestens sechs Mal für tot erklärt worden, genauso oft gab es dann plötzlich doch ein ‘Wunder’, und immer wieder irgendwelche Dramen, Enthüllungen und Skandale.”

2. “Weltwoche: Rega wirft ‘gröbste Recherche-Fehler’ vor”
(persoenlich.com, Lea Friberg)
“Wie viele Fehler darf ein einzelner Journalist eigentlich machen?”, fragt die Schweizerische Rettungsflugwacht in einer Medienmitteilung und kommentiert in einem PDF-Dokument einige Passagen aus dem betreffenden Artikel.

3. “Vor geschlossenen Türen”
(tageswoche.ch, Samuel Schlaefli)
Samuel Schlaefli versucht, etwas über die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zu erfahren: “Statt Antworten auf meine Fragen, gibt es einen Wälzer mit dem die Kommunikationsabteilung den Journalisten endgültig erschlägt. Und dies ohne, dass ihr jemand den Vorwurf machen könnte, sie hätte die Presse nicht ausreichend mit Informationen versorgt.”

4. “Wir diskutieren ein potentielles Werbeformat und freuen uns auf Feedback”
(netzpolitik.org, Markus Beckedahl)
Markus Beckedahl lotet bei seinen Lesern die Akzeptanz einer neuen Werbeform aus: “Dagegen spricht, dass es irgendwie Paid-Content ist, wenn auch nicht aus der PR-Abteilung. Wir würden dafür bezahlt, dass wir jeden Tag die neueste Folge hier einstellen, Ihr müsste die neueste Folge irgendwie sehen (nicht ansehen, aber sie kommt im Nachrichten-Stream) und Euch schützt kein Adblocker davor.”

5. “‘Die Autorität des aufzeichnenden Bleistifts'”
(derstandard.at, Klaus Taschwer)
Ein Interview mit Anke te Heesen, die zur Geschichte des Interviews forscht: “Es gab tatsächlich Zeiten, als große Angst vor dem Interview herrschte, was sich leicht erklären lässt: Mit der Beichte und der medizinischen Anamnese stellt vor allem das Verhör eine seiner drei Wurzeln dar.”

6. “Walulis sieht fern: Eine typische Fußballsendung”
(youtube.com, Video, 3:36 Minuten)

Antenne Bayern, Energiewende, Burnout

6 vor 9

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1. “Hat Antenne Bayern bei der Brüderle-Sendung getrickst?”
(radiowatcher.de)
“Live”-Gespräche auf Antenne Bayern, zum Beispiel zwischen Helmut Markwort und Rainer Brüderle.

2. “Burnout und raue Töne”
(augengeradeaus.net, Thomas Wiegold)
Das Bundesministerium für Verteidigung erklärt, dass ein von “Bild” zitierter Satz von Thomas de Maizière (“Manchmal ist ein Burn-out auch das Ergebnis von Unterforderung”) “völlig aus dem Gesamtzusammenhang gerissen und sinnentfremdend genutzt” wurde, “um eine Geschichte zu konstruieren”.

3. “Bild: Die Energiewende hassen”
(klima-luegendetektor.de)
Der Klima-Lügendetektor schreibt über “Bild”-Schlagzeilen zum Offshore-Windpark Riffgat, der aufgrund noch nicht verlegter Kabel von einem Dieselgenerator in Schwung gehalten wird. “Das ist natürlich ärgerlich für den Investor EWE, aber vernünftig für die Anlagen, die im kommenden Februar dann schadensfrei in Betrieb gehen sollen. Jedenfalls ist das alles andere als ‘Wahnsinn’: Ein spezieller Problemfall, den die Offshore-Windtechnologie mit sich bringt und der auch bei anderen Windparks – etwa im RWE-Projekt Nordsee Ost – oder während der Bauphase auftritt.”

4. “Zeitung ist kein Jedermannsmedium”
(sozialtheoristen.de, Stefan Schulz)
Rückmeldungen des Publikums sollten nicht überbewertet werden, findet Stefan Schulz. “Wirklich gut ist das Fernsehprogramm dann, wenn es wie Literatur hergestellt wurde, wenn ein Autor oder ein Autorenteam abgeschottet an einem Werk arbeitet, es unter Vermeidung äußerer Einflüsse nach dem eigenen Entwurf produziert und am Stück dem Publikum vorsetzt. Beziehungsweise, wenn der Zuschauer nur zuschaut, wenn Menschen intensive Gespräche führen, während diese ein bisschen vergessen, dass alles vor Publikum stattfindet.”

5. “In der geistigen Schuldenfalle”
(spiegel.de, Wolfram Weimer)
Wolfram Weimer sieht den Journalismus in einer ähnlichen Glaubwürdigkeitskrise wie die Politik. “Eine Ursache der journalistischen Krise liegt in der Auflösung von Wahrheiten zu diskursiven Konsensen. Wir fragen immer weniger danach, was wir für richtig halten, sondern danach, was andere für richtig halten könnten.”

6. “Make Me a German”
(youtube.com, Video, 55:23 Minuten, englisch)
Eine britische Familie entdeckt Deutschland. Die Doku bezieht sich mehrfach auf “Der Durchschnitts Deutsche”.

Vom Bordstein bis zur Headline

Sie haben es vielleicht mitbekommen: Bushido ist zurück. Und weil er in einem neuen Song Politiker bedroht und weil gerade Sommerloch ist, drehen die Medien jetzt völlig am Rad.

Die Berichterstattung nimmt aktuell dermaßen besorgniserregende Züge an, dass es Zeit ist, sich den Fall mal etwas näher anzuschauen. Damit wir nicht durcheinanderkommen, fangen wir am besten gleich bei der Wahrheit an:Morddrohungen als PR-Masche - Die billige Wahrheit hinter Bushidos Hass

Zuletzt inszenierte sich Bushido als braver Familienvater. Doch in einem neuen Video bepöbelt und bedroht der Rapper Politiker und Prominente. BILD am SONNTAG enthüllt die abgefeimte Marketingstrategie hinter der Hass-Attacke

Die “Bams”-Reporter sind zu der Erkenntnis gelangt, dass Bushido dieses Video vor allem deshalb veröffentlicht hat, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Und um sein Gangster-Image mal wieder ein bisschen aufzupeppen. Nach der “altbewährten Methode: ‘gut ist, was provoziert'”. Kurzum: Bushido benutze die “Morddrohungen als PR-Masche”.

Im Hause Springer sind sie sich also völlig im Klaren darüber, dass es Bushido “bei der ganzen Sache vor allem um PR geht”. Und trotzdem schenken sie ihm seit Tagen genau das, was er will: Aufmerksamkeit.

Los ging es am Freitag mit dieser Schlagzeile auf Bild.de:Hass-Song auf Youtube - Bushido droht Politikern mit Mord

Am Tag darauf legte die gedruckte “Bild” mit einer Titelgeschichte nach:Neues Hass-Video mit Mord-Drohungen gegen Politiker - Strafanzeige gegen Bushido

Im Innenteil sah der Artikel so aus:Bushido in seinem neuen Hass-Video - "Du Schwuchtel wirst gefoltert!"

Die härtesten Passagen des Songs hat “Bild” natürlich abgedruckt — stilecht samt Einschussloch.

Auch auf Bild.de werden die bösen Zitate ausführlich wiedergegeben, zum Beispiel in diesem Artikel:Hass-Video! Strafanzeige! - Jetzt spricht der Politiker, dem Bushido den Tod wünscht

Oder in diesem:"Clip verstößt gegen unsere Richtlinien" - YouTube sperrt Bushidos Hass-Video

(Auf Bild.de waren einige der umstrittenen “Hass-Video”-Passagen bis heute übrigens immer noch zu sehen.)

Am Wochenende schickte “Bild” dann extra zwei Reporter auf Recherchereise in eine “Dorf-Disko”. Dort hatte Bushido nämlich seinen ersten Auftritt “nach der Veröffentlichung seines Skandal-Videos”. Zurückgekommen sind die Autoren mit einem Video des Auftritts (in dem die besonders bösen Stellen säuberlich untertitelt sind), einer neunteiligen Fotostrecke (davon neun Mal Bushido in Aktion) und jeder Menge aufgeschnappter “Hassparolen”, die sie im Artikel ausführlich zitieren:

Vor nur 400 Zuschauern - Bushido hetzt in Dorf-Disko

Dazu gibt’s nochmal die Szenen aus dem Video, eine Umfrage unter Jugendlichen, zwei weitere Fotos (einmal Bushido, einmal Bushido und Shindy) und die Einschätzung eines Rechtsexperten.

Am Montag folgte dann die nächste Titelgeschichte der “Bild”-Zeitung, Kategorie: Höchstform.

Heino geht auf Proll-Rapper los - Bushido gehört ins Gefängnis! ... oder in die Psychiatrie

Und selbst Franz Josef Wagner richtete am Montag seinen Brief an die “dumme Wurst” Bushido, obwohl es seiner Meinung nach ja eigentlich mehr Sinn machen würde, “an Brüllaffen oder lärmende Frösche zu schreiben”. Das Video sei jedenfalls “so eklig, wie Ratten essen”.

Bild.de setzte die Artikelflut im Laufe des Tages fort und veröffentlichte vier weitere Texte:

Nach Hass-Video und Anzeige - Jetzt spricht Bushido! ++ Klaus Wowereit stellt Strafanzeige gegen Bushido ++

Autogrammstunde abgesagt - Saturn lädt Bushido-Kumpel Shindy ausErstes Interview nach dem Skandal - Bushido bricht sein Schweigen ++ Ich werde mich nicht entschuldigen ++ Ich schieße nur mit Worten ++ Der Song ist kein Aufruf zur Gewalt ++Bushido - "Ich schieße nur mit Wörtern"

Gestern musste sich Bushido zwar mit etwas weniger Platz auf der Titelseite der “Bild”-Zeitung zufrieden geben, im Innenteil spendierte ihm das Blatt aber erneut einen großen Artikel:

Hass-Video - Was sagen Bushidos Freunde jetzt?

Auch online ging es munter weiter:FDP-Politiker Serkan Tören zeigt Rapper an - "Bushidos Rechnung wird nicht aufgehen"

Skandal-Song - Das denken die Promis über Bushido

Künstler, Familienvater, Geschäftsmann - Bushido - Sein lauter Weg zum Pöbel-Rapper

Im TV-Interview - Bushido zofft sich mit ORF-Moderatorin

Hass-Video - Was verdient Bushido an dem Skandal?

Skandal-Album "NWA" indiziert - Bushidos Hass-Rap kommt auf den Index

Und so dreht sich bei “Bild” seit Tagen und auf allen Kanälen alles nur um einen. Und Bushido selbst lacht sich währenddessen ins Fäustchen — wenn er denn eine Hand frei hat:

Screenshot: http://instagram.com/p/btLkDyILyL/#

In einem Fernseh-Interview sagte er am Montag, das Album sei mittlerweile “in den Trends auf Platz 1”. Aus “Geschäftsmann-Perspektive” sei die Sache also “super gelaufen”.

Aber Bushido ist schon lange nicht mehr der Einzige, der den “Wirbel” um den Song als “PR-Masche” nutzt.

Die “Bild”-Zeitung macht es im Grunde genauso. Nur eben auf ihre Weise. Das ist spätestens seit dieser Aktion klar:

Hey, Bushido! Jetzt rappt BILD zurück - Wir suchen IHRE Rap-Antwort an den Rüpel-Rapper +++ 1000 Euro Belohnung

BILD.de veröffentlicht die besten Ideen. Zusätzlich darf sich der kreativste Kopf über eine Belohnung von 1000 Euro freuen.

Jetzt geht sie erst richtig los, die wilde Fahrt auf dem Trittbrett: Die Leser werden dazu aufgefordert, zurückzuschlagen. Auf die Idee muss man erst mal kommen. Die “BundesRAPublik” ließ sich jedenfalls nicht lange bitten und schickte “tausende Texte, Videos und Audio-Dateien” an die Redaktion, wie “Bild” heute stolz mitteilte:

Bushido bekommt Gegenwind aus dem Internet - Deutschland rappt zurück!

(Unkenntlichmachung von uns.)

In den veröffentlichten “Raps” finden sich dann solche Zeilen:

Guten Tag Bushido, Seit wann bist du denn Salafist? Dein Gandalf-Bart ist echt der letzte Mist.

Oder solche:

Bildleser zersägen dich wie eine Fräse, und jetzt kriegst DU Löcher wie ein Schweizer Käse!

Oder solche:

[…] die Zunge dir in den Hals zu stecken, du kannst mich mal an meinem schwulen Arschloch lecken.

Den vorläufigen HöheTiefpunkt dieser irrsinnigen Geschichte lieferte aber ein ganz besonderer Pöbel-Poet:

Sprechen möchte der Kolumnist nicht mit Bushido, aber auf die Bitte von BILD hat Franz Josef Wagner den Brief vorgelesen, seine Stimme wurde mit Musik unterlegt. Wagners erster eigener Rap – im VIDEO oben!

“Wagners erster eigener Rap” — oder anders:Post von Wagner - Franz Josef Wagner im Gangsta-Style

Das hat womöglich nicht mal Bushido verdient.

Galileo, Offshore-Leaks, Bob Mankoff

6 vor 9

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1. “Galileo – sehen, staunen, wegschalten”
(akduell.de, Sabi)
Das ProSieben-Infotainmentmagazin “Galileo”: “Obwohl die Bewertung des Formats der Sendung immer noch Geschmackssache sein kann, gibt es auch indiskutable Mankos wie falsche Informationen, die während der Sendezeit gegeben werden. (…) Abgesehen von Recherchefehlern hat die Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten in ihrem Prüfungsbericht von 2011 die Inhalte der Sendung offiziell als entwicklungsbeeinträchtigend eingestuft.”

2. “LHR erzielt Rekordsumme für Mandanten: Fotograf erhält 14.000 € Schadensersatz wegen Nichtnennung als Urheber”
(lhr-law.de)
In einer außergerichtlichen Einigung zahlt ein Unternehmen 14.000 Euro: “Unser Mandant, ein Fotograf, hatte bemerkt, dass eines seiner Lichtbildwerke als Illustration mehrerer Pressemitteilungen eines Unternehmens verwendet wurde. Und das, ohne Einverständnis und – was für Fotografen häufiger viel wichtiger ist – ohne seinen Namen zu nennen.”

3. “Gunter Sachs: Lockvogel – Pechvogel”
(medienblog.blog.nzz.ch, Rainer Stadler)
Als “bloss eine grosse mediale Windmaschine”, verdächtigt Rainer Stadler rückblickend die Offshore-Leaks: “Die ‘Süddeutsche Zeitung’ nannte im Lead zum Auftaktartikel den Namen Sachs in einem Atemzug mit den Begriffen Waffenschmuggler, Steuerflüchtlinge, Betrüger. Für den flüchtigen Leser drängten sich also entsprechende Assoziationen auf. Die Differenzierungen erfolgten erst danach im langen Text.”

4. “Recht und Unrecht im Fall Gunter Sachs”
(sueddeutsche.de, Bastian Obermayer)
Bastian Obermayer hält dagegen: “Die Entscheidung der Berner Finanzverwaltung ist kein umfänglicher Freispruch – dafür bleibt zu vieles ungeklärt. Zum Beispiel, ob Sachs sein seit 1993 in Offshore-Firmen geparktes Vermögen bis zum Jahr 2008 korrekt deklariert hat – also die weit größere Zeitspanne.”

5. “Fake-Profil auf Instagram: Kim Jong Uns deutscher Botschafter”
(spiegel.de, Tobias Brunner)
Das Instagram-Konto northkorea_dprk_officialsite wird von einem 18-jährigen Schüler aus einem Dorf bei Stuttgart betrieben.

6. “Bob Mankoff: Anatomy of a New Yorker cartoon”
(youtube.com, Video, 21 Minuten)
Bob Mankoff entscheidet, welche Cartoons in den “New Yorker” kommen und welche nicht.

Bild Plus, Barack Obama, Technoviking

6 vor 9

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1. “Sensation: Mann (32) verdient Geld mit Witzen im Internet “
(sueddeutsche.de, Bastian Brinkmann)
Ein Porträt von Stefan Sichermann, Macher der Satire-Website “Der Postillon”.

2. “BildPlus-Quiz: zahlen oder nicht zahlen?”
(meedia.de)
Welche Inhalte auf Bild.de sind kostenpflichtig? Ein Quiz zum Klicken.

3. “Über den Unterschied zwischen Kritik und Beschimpfung”
(zeit.de, Harald Martenstein)
Harald Martenstein schreibt seinen Leserbriefschreibern: “Wenn Sie jemanden einen Nazi, einen Chauvinisten oder einen Sexisten nennen, dann ist es ganz wichtig, diesen Vorwurf irgendwie zu belegen. Das Gewicht des Vorwurfs befreit Sie nicht von der Aufgabe, den Vorwurf zu begründen.”

4. “Interview zum erstinstanzlichen Urteil im Technoviking-Prozess”
(netzpolitik.org, Leonhard Dobusch)
Der Streit um ein im Jahr 2000 an der Fuckparade in Berlin aufgezeichnetes Video: “Wenn ich die Unterlassungserklärung damals einfach unterschreiben hätte, dann würde ich mich selbst von meinem Werk ausschliessen und darf es noch nicht einmal mehr im Kunst- oder Bildungskontext zu nichtkommerziellen Zwecken zeigen, obwohl es in Form des Mems sowieso weiter unkontrollierbar existieren würde. Als eines der ersten Youtube-Memes mit einer unglaublichen Vielfalt an User-Reaktionen, die nach wie vor trotz des Alters des Memes nicht abebbt, ist es im Sinne der Kunst- und Wissenschaftsfreiheit für mich nicht vertretbar, diese Vielfalt nicht mehr in einem reflektierenden Kontext zeigen zu dürfen.” Siehe dazu auch “The Story of Technoviking” (indiegogo.com, Video, 3:45 Minuten).

5. “Wie Journalisten ihren selbst erzeugten Mythen zum Opfer fallen”
(wiesaussieht.de, Frank Lübberding)
Die Berichterstattung über den Obama-Besuch in Berlin: “Wir erleben das faszinierende Schauspiel, dass Journalisten über den Live-Ticker-Wahn zu Hofschranzen werden, die dem der Berichterstatter der frühen 1960er Jahre in nichts nachstehen.”

6. “Obama Quest – Looking for Love in All the Foreign Places”
(thedailyshow.com, Video, 4:12 Minuten, englisch)
Ist Barack Obama in Deutschland nach wie vor ein Rockstar? “Losing 95 percent of your audience in just five years, that basically makes Obama the NBC of presidents.”

Bildschirmreihenfolge, Liebeserklärungen, Magie

6 vor 9

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1. “Second Screen first”
(carta.de, Hermann Rotermund)
Hermann Rotermund glaubt, dass der sogenannte “Second Screen” eigentlich der erste sei und dass die Online-Medien “in unserem Medien-Universum die Funktion des Leitmediums übernommen” haben: “Wir erleben […] die fortschreitende Erosion des Leitmediums Fernsehen, dessen Relevanz sich weder durch Quotenkalkulationen noch durch pathetische Qualitätsbehauptungen glaubwürdig stützen lässt.”

2. “Liebeserklärung von Armin Wolf an den Journalismus “
(youtube.com, Vortrag von Armin Wolf, Video, 20:11 Minuten)
Armin Wolf auf der Jahreskonferenz des Netzwerk Recherche über Journalismus und warum es seiner Meinung nach wenig Berufe gibt, “in denen die Chance, jeden Tag klüger zu werden und was zu lernen, so groß ist.” Nachlesen kann man den Text hier.

3. “Magie”
(tagesanzeiger.ch, Constantin Seibt)
Auch Constantin Seibt hat eine Art “Liebeserklärung” an den Journalismus verfasst: “Die Unberechenbarkeit der Welt – und die Unberechenbarkeit des Schreibens – macht Journalismus zu einem romantischen Beruf.”

4. “So viel ‘Bild’ muss nun wirklich nicht sein”
(blogmedien.de, Horst Müller)
Horst Müller bezweifelt dass die vom Springer Verlag eingeführte Bezahlvariante künftig als erfolgreiches “Geschäftsmodell der Onlinemedien” gelten wird. Neben etlichen anderen Problemen, sei vor allem die Bedienbarkeit zu kompliziert und unzeitgemäss: “Alle Abonnements sind nach Angaben bei ‘BILD.de’ monatlich kündbar. Wer genauer nachliest stellt jedoch fest, dass dabei eine Kündigungsfrist von ‘7 Tagen vor Ende der laufenden Vertragsperiode’ einzuhalten ist.” Siehe dazu auch “Bezahlen im Netz” (nicobruenjes.de, Nico Brünjes) und “‘BildPlus’: Der Rohrkrepierer” (timoniemeier.wordpress.com, Timo Niemeier).

5. “Can BuzzFeed Be Stopped?”
(techcrunch.com, Jon Evans, englisch)
Jon Evans prüft die Behauptung des Buzzfeed-Chefredakteurs Ben Smith, dass am Tag der Boston-Attentate, die Top 5 Buzzfeed-Artikel aus serösen Nachrichten bestanden (“hard news”). Siehe auch “Was Medien von Buzzfeed lernen können” (meedia.de, Stefan Winterbauer).

6. “Jung & Naiv – Folge 63: Der Bundesregierungsprecher”
(netzpolitik.org, Tilo Jung, Video, 21:06 Minuten)
Tilo Jung spricht mit dem Sprecher der Bundesregierung, Steffen Seibert. Seibert sagt, er mache auf Twitter alles selber. Ausser Links, die könne er sich “immer noch nicht” selbst machen.

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