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Das gottverdammte Gottesteilchen

Hurra, es gibt wieder Nobelpreisträger in Physik! Wie heute verkündet wurde, sind es diesmal der Belgier François Englert und der Brite Peter Higgs, die vor allem mit der Entdeckung eines neuen Elementarteilchens Bekanntheit erlangten. “Higgs-Boson” wird dieses Teilchen genannt, zumindest von denen, die sich damit auskennen. Journalisten nennen es viel lieber das “Gottesteilchen”.

... aber was haben diese Teilchen eigentlich mit Gott zu tun?

fragte Bild.de heute und gab auch gleich eine Antwort:

Jahrzehntelang fahndeten Physiker nach dem “Gottesteilchen”. Es spielte nach der Teilchentheorie eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Universums nach dem Urknall. Deshalb auch der Name – Gottesteilchen.

Ah ja.

Die tatsächliche Entstehungsgeschichte des Begriffes liest sich, wenn man sich denn die Mühe macht, allerdings ein wenig anders. Und weil Sie dem “Gottesteilchen” in diesen Tagen wahrscheinlich wieder öfter begegnen werden — zum Beispiel bei Tagesspiegel.de, “Focus Online”, Stern.de, den Online-Auftritten von n-tvMDR“manager magazin”, “Handelsblatt”, “Berliner Zeitung”, “FAZ” und so weiter — wollen wir die Geschichte mal kurz zusammenfassen.

Gewissermaßen erfunden wurde der Begriff von dem Physiker Leon Lederman, der ihn in seinem 1993 veröffentlichten Buch “The God Particle: If the Universe ist the Answer, what is the Question?” erstmals benutzte.

Dort schreibt er:

Dieses Boson ist so bedeutend für die heutige Phsyik, so wesentlich für unser Verständnis von der Struktur der Materie und doch so schwer fassbar, darum habe ich ihm einen Spitznamen gegeben: das Gottesteilchen. Warum Gottesteilchen? Zwei Gründe. Erstens, weil der Verleger uns nicht erlaubt hat, es das Gottverdammte Teilchen zu nennen – obwohl das ein viel passenderer Name wäre, angesichts seines niederträchtigen Wesens und des Aufwands, den es verursacht. Und zweitens, weil es da eine Art Verbindung gibt zu einem anderen Buch, einem viel älteren …

(Übersetzung von uns.)

Die Medien finden den Namen auf jeden Fall auch heute noch total super. Die Wissenschafts-Kollegen und die Kirche dagegen eher so mittel.

Und dem frisch nobelbepreisten Peter Higgs ist es inzwischen sogar “peinlich”, dass sich der Begriff so eingebürgert hat. “Ich glaube nicht an Gott”, sagt er, “aber ich habe immer gedacht, dass dieser flapsige Begriff einige Menschen beleidigen könnte.”

Lederman, der mit der Einführung des Begriffs den ganzen Schlamassel erst ausgelöst hat, sieht es aber gelassen. 2006 schrieb er in einer neuen Auflage des Buches:

Was den Titel angeht – The God Particle – , so hat mein Co-Autor Dick Teresi zugestimmt, die Schuld auf sich zu nehmen (ich habe ihn ausbezahlt). Ich habe den Begriff einmal als Scherz in einer Rede benutzt. Er erinnerte sich daran und benutzte ihn als Arbeitstitel für das Buch. “Keine Sorge”, sagte er, “kein Verleger benutzt jemals den Arbeitstitel für das fertige Buch”. Der Rest ist Geschichte. Der Titel verärgerte letztlich zwei Gruppen: 1) die, die an Gott glauben und 2) die, die es nicht tun. Von jenen in der Mitte wurden wir herzlich empfangen.

Aber damit müssen wir leben. Ein Teil der Physikergemeinschaft hat den Namen aufgegriffen, und sowohl die Los Angeles Times als auch der Christian Science Monitor haben das Higgs-Boson als “Gottesteilchen” bezeichnet. Das erhöht unsere Hoffnung auf eine Verfilmung.

Mit Dank an ex00r und Bernd H.

Madsack, Westnetz, Helden

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Fokussieren, zentralisieren, konzentrieren: LVZ gibt überregionale Kompetenz an Madsack in Hannover ab”
(l-iz.de, Ralf Julke)
Ralf Julke analysiert, wie die Mediengruppe Madsack “Einsparungen und Angebotseinschnitte” kommuniziert.

2. “Der Mann ist nicht so bescheuert wie sein Film”
(vice.com, Moritz Eichhorn)
Ein Interview mit Hansjörg Thurn, dem Regisseur des fast durchwegs negative Kritiken erntenden Fernsehfilms “Helden – Wenn dein Land dich braucht”: “Wir sind zwar das Land von Tatort und sozialkritischen Filmen, aber die Frage ist doch, ob wir als Deutsche nicht versuchen dürfen, andere Genres auszuprobieren. Ich finde schon. Als ich die Wanderhure gedreht habe, gab’s in Deutschland den historischen Film gar nicht mehr. Trotzdem hatten wir damit 10 Millionen Zuschauer. Es kann funktionieren, aber man weiß das erst, wenn man es ausprobiert hat.”

3. “Ein Angebot, das man ablehnen kann”
(faz.net, Stefan Niggemeier)
Stefan Niggemeier schreibt zum bevorstehenden Start der Deutschland-Ausgabe der “Huffington Post”: “Journalisten (…) sehen sich plötzlich damit konfrontiert, dass ihnen an jeder Stelle Aufmerksamkeit angeboten wird, aber immer häufiger die Möglichkeiten fehlen, sie in Euro umzutauschen.”

4. “Experiment mit einem Hybrid”
(medienwoche.ch, Nick Lüthi)
Nick Lüthi stellt Westnetz.ch vor, ein journalistisch betriebener, “digitaler Quartieranzeiger” der Verkehrsbetriebe Zürich. Chefredakteur Thomas Haemmerli: “Ein journalistisch geführter Dialog ist die Zukunft der Firmenkommunikation.”

5. “Fox News debuts bizarre, giant tablets in its outrageous new newsroom”
(theverge.com, T.C. Sottek, englisch)
Neue berührungssensitive Bildschirme im Newsroom von “Fox News”: “‘We call these BATs,’ Smith notes. ‘Big area touchscreens.'”

6. “Oh no, CNN–that’s not where Hong Kong is!”
(twitter.com/traciglee, Screenshot)
Siehe dazu auch den Videomitschnitt (youtube.com, 12 Sekunden).

Zwickau, Tame, Promi Big Brother

6 vor 9

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1. “Warum wir Journalisten zurücktreten sollten”
(blogs.taz.de, Sebastian Heiser)
Sebastian Heiser plädiert dafür, dass die politischen Journalisten Deutschlands wegen Fehleinschätzung zurücktreten: “Die Union hat am Sonntag eine absolute Mehrheit im Bundestag nur knapp verfehlt. Niemand von uns hat das vorher auch nur für denkbar gehalten.”

2. “NSU-Berichterstattung: Wortewandel bei Tagesschau und Tagesthemen”
(zwickautopia.blogspot.de)
Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell, nimmt Stellung, warum die nationalsozialistische Terrorgruppe NSU zunächst “Zwickauer Terrorzelle” genannt wurde.

3. “Promi-BB: ‘Zügel deine Worte, verdammte Scheiße!'”
(dwdl.de, Hans Hoff)
Hans Hoff sieht sich Promi Big Brother an.

4. “Mission: Dachschadensbegrenzung”
(topfvollgold.de)
Drei Stellungnahmen der Regenbogenpresse nach Rügen des Presserats: “Wir hatten bisher ja immer gedacht, dass es die Redakteure und Autoren sind, die in diesen Läden am meisten Fantasie haben müssen. Doch die wirklich kreativen Köpfe der Regenbogenpresse sitzen ganz offenbar in den Rechtsabteilungen.”

5. “Was Journalisten mit Twitter anfangen können”
(youtube.com, Video, 4:52 Minuten)
Ein Gespräch mit Frederik Fischer vom Berliner Unternehmen Tame.

6. “Was ist uns denn hier für ein Unsinn passiert?”
(twitter.com/KaiDiekmann)
Kai Diekmann weist darauf hin, dass die von ihm verantwortete “Bild” den Artikel “Grüne suchen Schuldigen für Niederlage” gleich zweifach abdruckt.

Michael Hanfeld, taz, Twerk Fail

6 vor 9

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1. “Jimmy Kimmel Reveals ‘Worst Twerk Fail EVER – Girl Catches Fire’ Prank”
(youtube.com, Video, 5:06 Minuten, englisch)
Jimmy Kimmel enthüllt die Hintergründe über das am 3. September hochgeladene Video “Worst Twerk Fail EVER – Girl Catches Fire!”, das bereits über zehn Millionen mal angesehen und auch von mehreren Medien aufgegriffen wurde.

2. “FAZ prangert Verschwendung in der ARD an – dabei ist alles noch viel schlimmer”
(udostiehl.wordpress.com)
Udo Stiehl beschäftigt sich mit den “34 – im weitesten Sinne – Sportjournalisten der ARD”, die gemäß Michael Hanfeld in der FAZ zur Wahl des IOC-Präsidenten in Buenos Aires akkreditiert waren.

3. “Monokultur in den Chefetagen”
(taz.de, René Martens)
René Martens blickt auf sich ankündigende Personalwechsel beim WDR: “Als sicher gilt, dass Jörg Schönenborn, seit mehr als einem Jahrzehnt Chefredakteur des WDR Fernsehens, befördert wird. Zudem könnte Jochen Rausch, der Chef des erfolgreichen Radioprogramms 1Live, auf den Hörfunkdirektorenposten klettern. Als geeignet für diesen Top-Job gilt auch Jona Teichmann, Leiterin der Landesprogramme im Hörfunk. Die ist aber ‘ausgerechnet’ (Süddeutsche Zeitung) mit Schönenborn verheiratet. Andere Frauen stehen offenbar nicht zur Debatte.”

4. “… und mit kleinem Penis regiert man schlechter?”
(welt.de, Kritsanarat Khunkham)
Kritsanarat Khunkham stört sich an den “an Bösartigkeit kaum zu überbietenden” Fragen, die Philipp Rösler von der “taz” gestellt wurden. Im Artikel “Rassismus-Streit zwischen Rösler und der ‘Taz'” (welt.de, Thomas Vitzthum) ist weiter zu lesen: “‘Das Interview war keineswegs unter dem Stichwort ‘Hass’ angefragt, wie ‘Taz’-Chefredakteurin Ines Pohl behauptet’, sagte ein Parteisprecher der ‘Welt’. Vereinbarter Schwerpunkt sei vielmehr ‘Stil und Anstand im Wahlkampf’ gewesen.”

5. “Unwahrheiten in der taz”
(alexanderdilger.wordpress.com)
Aufgrund “falscher Tatsachenbehauptungen” schaltet Alexander Dilger einen Anwalt ein, der “die taz abmahnt und die Abgabe einer Unterlassungserklärung sowie einen Widerruf verlangt”. Der Artikel wird gelöscht und mit einer Richtigstellung (“Das war alles falsch. Entschuldigung.”) ersetzt.

6. “Achtjähriges jemenitisches Mädchen stirbt nach Zwangsheirat und erzwungenem Sex – Versuch eines Faktenchecks”
(kyriacou.ch)

Kartographie, NZZ am Sonntag, Eritrea

6 vor 9

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1. “Verlage und Redaktionen: Investiert in Karten!”
(datenjournalist.de, Lorenz Matzat)
Redaktionen und Verlage sollten sich mehr mit Kartographie im Netz befassen, findet Lorenz Matzat. “Das (einst) kostenfreie Kartenmaterial und die Satellitenbilder von Google Maps wurde als gegeben hingenommen; nicht ohne ironische Note im Medienbereich, wo so gerne über die ‘Kostenlosmentalität’ (der anderen) gemeckert wird. Jedenfalls sorgte die Ankündigung von Google Ende 2011, von kommerziellen Anbietern ab einer bestimmten Nutzungsmenge ihres Kartenmaterials Geld zu verlangen, für Aufruhr.”

2. “‘Letzte Ausfahrt RTL’: Gottschalk und Jauch im Gespräch”
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Ein Pressetermin mit Günther Jauch und Thomas Gottschalk. Gottschalk: “Früher wenn der Herr Mose in der ‘Hörzu’ seine Stimme erhoben hat, hat mich das noch irgendwo betroffen. Heute kriege ich die ‘Hörzu’ nach Malibu. Das ist so eine ‘Apotheken-Umschau’ mit Radio- und Fernsehprogramm. Da erschreck ich nicht mehr, wenn drin steht, der Gottschalk hat es hinter sich. Weil ich weiß: das lesen ein paar tausend Leute und haben es morgen wieder vergessen. Ich bin inzwischen diese Blogger gewohnt, die nachts um 2 Uhr mit bekleckertem T-Shirt da sitzen, weil sie nicht schlafen können und überlegen, wen sie jetzt vollrotzen können.”

3. “Cheers, ‘NZZ am Sonntag'”
(okuehni.com)
Olivia Kühni antwortet Felix E. Müller, der eine angeblich dem Untergang geweihte Welt des langsamen Journalismus auf Print einer stets von neuen Gadgets getriebenen Welt online gegenüberstellt: “Viele Journalisten, insbesondere auch jüngere, schreiben seit Jahren das exakte Gegenteil. Es hat ihnen nur in den grossen Verlagshäusern lange niemand zugehört. Seit Jahren pochen wir verzweifelt darauf, dass unsere Zeitungen endlich weg müssten von Aktualitätswahn, Zitierungswahn und Primeurjagd. Dass man endlich das Nachrichtengeschrei sein lässt, die Pseudo-Objektivität und die ewige Frage nach dem ‘Aufhänger’.”

4. “Reporting in the world’s least press-friendly country”
(blogs.afp.com, Jenny Vaughan, englisch)
Jenny Vaughan berichtet aus Asmara, der Hauptstadt von Eritrea. “The city itself is clean, quiet and free of beggars, unlike so many nearby African cities. It is an ideal destination for tourists, which, sadly, are limited from entering the country because of strict visa restrictions.”

5. “Nichts als Worthülsen und alle spielen mit”
(dradio.de, Stephan Hebel)
Die Medien im Vorfeld der Bundestagswahl: “Viele von ihnen tun genau das, was sie beklagen: Sie betreiben die Entpolitisierung des Politischen mit. Sie setzen der Inhaltsleere der Wahlkampfbotschaften oft nicht einmal den Versuch entgegen, die großen Auseinandersetzungen um Verteilung und Solidarität erkennbar zu machen, die die Parteien so nicht führen mögen.”

6. “Geht’s noch, Deutschland?”
(youtube.com, Video, 4:46 Minuten)

89.0 RTL, Bernd Ulrich, William Cohn

6 vor 9

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1. “‘Verarsche’, ‘Betrug’, ‘Beschiss’? Hörer empört über Gewinnaktion bei 89.0 RTL”
(fair-radio.net, Sandra Müller)
Der Sender 89.0 RTL verspricht seinen Hörern vollmundig “Volltanken für 89 Cent – egal wieviel Liter”, im Kleingedruckten heisst es aber, dass dieses Angebot nur “die ersten drei Teilnehmer” an der Tankstelle nutzen können. Siehe dazu auch “Nach Shitstorm: 89.0 RTL stoppt 89-Cent-Tank-Aktion” (radiowatcher.de)

2. “Springer muss 100.000 Euro zahlen”
(vzhh.de)
Die Axel Springer AG muss wegen Verstoß gegen eine Unterlassungsverpflichtung 100’000 Euro bezahlen: “Einen Anruf des Kunden zu provozieren, um angeblich Abwicklungsfragen zu klären und stattdessen ein Verkaufsgespräch zu führen, verstößt klar gegen die Regeln eines fairen Wettbewerbs.”

3. “Deutsche Medien im Kriegsrausch”
(heise.de/tp, Alexander Dill)
Alexander Dill beschäftigt sich mit einem “Zeit”-Artikel von Bernd Ulrich: “Offensichtlich weiß die Zeit mehr als das britische Unterhaus und die deutsche Regierung, nämlich, dass der syrische Präsident Assad Giftgaspatronen in seiner eigenen 5-Millionen-Metropole einsetzt, um – ja, um was? Um Luftangriffe der Amerikaner zu provozieren, weil diese ihm helfen, im Bürgerkrieg zu gewinnen und an der Macht zu bleiben? Ein bizarres Kalkül.”

4. “Die Geschichte von Angelika K.”
(topfvollgold.de, Mats Schoenauer)
Ein normaler Artikel im redaktionellen Teil fünf verschiedener Zeitschriften: “Fünfmal der gleiche PR-Text, fünfmal aufwendig ans Layout der anderen Artikel angepasst, fünfmal fehlt jegliche Kennzeichnung, dass es sich um Werbung handelt.”

5. “Zwölf Mann auf dem Platz und niemand auf der Pressetribüne”
(schwatzgelb.de, Scherben)
Medienberichte über ein Fußballspiel zwischen dem MSV Duisburg und Borussia Dortmund II: “Es kommt nicht mehr darauf an, ein Thema als erster zu besprechen oder wenigstens neue Informationen oder auch nur einen intelligenten Gedanken beizutragen: Alles, was woanders steht, muss auch auf der eigenen Seite stehen! Pervers wird das Ganze aber dann, wenn man noch nicht einmal mehr prüft, was man eigentlich schreibt.”

6. “Deutscher TV Herbst: Rede an die Nation”
(youtube.com, Video, 2:51 Minuten)
Jan Böhmermann nimmt Stellung zur “Entführung” von William Cohn, der in einem Wahlwerbespot für die Grünen auftritt: “Als seriöser Qualitätsjournalist im Auftrag des staatsfernen ZDFneo begrüße ich zwar ausdrücklich die ungefragte politische Instrumentalisierung meiner gebührenfinanzierten Fernsehsendung durch die Partei ‘Bündnis 90/Die Grünen’. Zur Wahrung der politischen Neutralität fühle ich mich jedoch vor den Gebührenzahlern verpflichtet, auch allen anderen Parteien die Möglichkeit zu geben, auf Kosten der Integrität von ZDFneo, meines Teams von der BTF GmbH und mir Wahlwerbung zu betreiben.”

Vermummte Propaganda

Im August wurde der Vorsitzende der Partei “Alternative für Deutschland” (AfD) bei einer Wahlkampfveranstaltung angegriffen. In den Medien las sich der Vorfall anschließend so:

Bild.de:

Drei Festnahmen, 16 Verletzte - Messer-Angriff auf AfD-Chef Lucke!

Focus.de:

Mit Reizgas und Messer bewaffnet - Acht Vermummte attackieren AfD-Parteichef Bernd Lucke

abendblatt.de:

Vermummte mit Messer und Reizgas greifen AfD-Chef an

“Spiegel Online”:

Wahlkampfrede von Bernd Lucke: Vermummte greifen AfD-Veranstaltung an

“B.Z.” online:

Vermummte in Bremen - Pfefferspray-Angriff auf AfD-Chef Bernd Lucke

Süddeutsche.de:

afd13

“Bild”:

16 Verletzte! Linke Chaoten attackieren Chef der AfD

In fast allen Artikeln ist von mindestens 20 teilweise vermummten Personen die Rede, von denen acht auf die Bühne gelangt seien. Die “vermutlich dem linksextremen Lager zuzuordnende[n] Angreifer” hätten Pfefferspray benutzt, außerdem sei ein AfD-Helfer mit einem Messer angegriffen und verletzt worden. Insgesamt habe es 15 Verletzte gegeben, drei Personen seien festgenommen worden.

All diese Informationen stammten aus einer Pressemitteilung der Polizei Bremen, die sich so ziemlich mit dem deckte, was auch die AfD selbst mitgeteilt hatte.

Auf einem Video, das noch am selben Tag bei Youtube auftauchte, spielt sich der Vorfall allerdings ein bisschen anders ab. Darin ist zu sehen, wie lediglich zwei Männer auf die Bühne rennen und Bernd Lucke einfach nur umstoßen. Dann schmeißt einer der Männer etwas von der Bühne, danach liegt offenbar Pfefferspray in der Luft.

Viele Medien verlinkten dieses Video, sie schienen sich aber nicht weiter daran zu stören, dass darauf etwas anderes zu sehen ist als das, was Polizei und AfD geschildert hatten. Nur wenige Journalisten meldeten nach Betrachten des Videos Zweifel an. Das Handelsblatt etwa schrieb mit Blick auf die Aufnahmen, von einem “brutalen Angriff” könne “nicht die Rede sein”.

Der AfD jedenfalls kam die bundesweite Aufregung nur allzu gelegen. Plötzlich hatte die Partei die volle Aufmerksamkeit der Medien. Mitten im Wahlkampf. Und das wusste sie zu nutzen:

“Zeit Online”:

Attacke bei Walkampfrede - AfD-Chef verlangt schärferes Vorgehen gegen Linksextreme

Focus.de:

AfD-Chef nach Angriff - Bernd Lucke: "Geduld mit Linksextremen aufgeben"

Hinsichtlich des Angriffs gibt es inzwischen aber Neuigkeiten. Wie die “taz” und “NWZonline” heute berichten, ist die Polizei von ihrer ursprünglichen Darstellung abgerückt. Polizeipräsident Lutz Müller habe gestern zugegeben, dass die Erstmeldung “auf den Angaben der Veranstalter” fußte. Er habe außerdem klargestellt, dass keineswegs ein Messer im Spiel gewesen sei.

Auch die Anzahl der Vermummten muss Müller zu Folge deutlich korrigiert werden. Gesichert sei lediglich, dass zwei Störer maskiert waren. Das zeige ein Video. Allerdings seien noch nicht alle Aufnahmen ausgewertet worden. Müller schätzt: “Vielleicht waren acht bis zehn Personen vermummt.” Auf die Bühne wiederum seien nur drei bis vier Protestierer gelangt, die Lucke hinunter schubsten. Im Übrigen, so Müller, habe bislang lediglich einer der Festgenommenen ins linke Spektrum eingeordnet werden können.

Anderen Medien ist diese Entwicklung nicht mal eine Meldung wert.

Mit Dank an Kris R.

Haudegen, Giftgas, Martin Luther King

6 vor 9

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1. “BILD übernimmt Spiegel: Büchner und die ‘Brandstifter'”
(debattiersalon.de, Marion Kraske)
Ex-Mitarbeiterin Marion Kraske schreibt über den “Spiegel” (und den Boulevard): “Saßen da früher alte, unbequeme Haudegen mit Rückgrat, weitgereiste und weltgewandte Geister, denen Amerika ebenso vertraut war wie Albanien oder Afghanistan, tummeln sich (im Übrigen auch in anderen Redaktionen) heute glatte und angepasste Hauskarrieristen, die die Welt wahlweise aus dem Elfenbeinturm oder vom Deck der Segelyacht beurteilen, die zwar streetsmart und Talkshow-kompatibel sind, denen politische Prozesse allerdings egal und politisches Denken augenscheinlich fremd sind.”

2. “Wenn ‘Meinungsbildner’ beliebig austauschbar geworden sind”
(ef-magazin.de, André F. Lichtschlag)
André F. Lichtschlag stellt in den Mainstream-Medien Beliebigkeit fest: “War es früher anders? Sehr wohl. Rudolf Augstein in der ‘Bild’ und Axel Springer für den ‘Spiegel’ oder die damalige Mitherausgeberin des ‘Rheinischen Merkur’ Christa Meves in der ‘Zeit’, in der ausgerechnet dieser ‘Merkur’ nach ihrem Ausscheiden aufging, wären genauso undenkbar gewesen wie Franz Josef Strauß und Otto Graf Lambsdorff in der SPD oder Herbert Wehner in der FDP oder CDU. Sie alle stehen für unverwechselbare Inhalte, ja für Prinzipien. Sie hatten, was altmodische Menschen noch heute Charakter nennen.”

3. “BILD WILL KRIEG”
(rationalgalerie.de, U. Gellermann)
Ulrich Gellermann liest “Bild” und andere deutsche Medien zum Thema Giftgas in Syrien.

4. “‘Ich habe die Nase voll'”
(taz.de, Cigdem Akyol und Jürn Kruse)
Ex-ARD-Nahostkorrespondent Jörg Armbruster im Interview: “In Damaskus muss man mit dem Informationsministerium zusammenarbeiten, sonst wird man sofort ausgewiesen. Natürlich trifft man da ständig auf Lügen. Aber ich bin auch auf Menschen gestoßen, die mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit und ohne Kamera erzählten, wie es wirklich zugeht. Es gibt allerdings auch Kollegen, die lassen sich anlügen.”

5. “Streichs Wutrede: Labbadia, Hertha und die Medien”
(youtube.com, Video, 3:01 Minuten)
Die “Badische Zeitung” zeigt Ausschnitte einer Pressekonferenz: “Mit einer denkwürdigen Wutrede hat Christian Streich vom SC Freiburg auf die Entlassung von Bruno Labbadia beim VfB Stuttgart und den angeblichen Sex-Skandal bei Hertha BSC reagiert. Im Fokus seiner Kritik: die Medien.”

6. “I have a dream”
(youtube.com, Video, 16:28 Minuten, englisch)
Am 28. August 1963 hielt Martin Luther King seine Rede “I Have a Dream”.

Phoenix, Cochem, Blick

6 vor 9

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1. “Gamescom 2013 mit dem TV Sender Phönix”
(getdigital.de, Gesine)
Gesine wird von Phoenix an der Gamescom in Köln begleitet und notiert ihre Erfahrungen: “(Btw., von den 8 Mitarbeitern waren mindestens 4-5 überflüssig… 2 gelangweilte Assistentinnen? DFQ? Einen Praktikanten, der ausschließlich die Kamera trägt? Einen Mann mit Schminke, dessen Dienste während des ganzen Tages höchstens 10 Minuten benötigt wurden? Da hätte man wirklich einiges zusammenlegen können… aber da öffentlich-rechtliche Fernsehsender keine Unternehmen sind, die den Gesetzen der Marktwirtschaft unterliegen, ist das wohl einfach so.)” Siehe dazu auch diesen Text über chinesische Profispieler, die von westlichen Amateurspielern bezahlt werden (tagesspiegel.de, Jens Mühling).

2. “Reisebericht: Cochem als ‘Ballermann der Mosel’ tituliert”
(rhein-zeitung.de, Thomas Brost)
Der Bericht “Der Schönheit wohnt der Schrecken inne” im Reiseressort der FAZ. “Man wünsche sich für Cochem, so steht zu lesen, ‘nichts sehnlicher, als dass eine gewaltige Gnadenflutwelle diese ganze Chose ad hoc renaturieren möge’. Die Gegenreaktion fällt heftig aus.”

3. “‘Die Stimme des Blattes war wenig zu hören'”
(nzz.ch, Francesco Benini)
Ringier-CEO Marc Walder erklärt, wie der neue “Blick”-Chefredakteur ausgewählt wurde: “Dass René Lüchinger Chefredaktor des ‘Blicks’ wird, haben – nach dem Durchlauf durch die Gremien – schliesslich Verleger Michael Ringier und ich entschieden. Frank A. Meyer war nicht involviert. Meines Wissens kennt er Lüchinger noch nicht einmal persönlich.” Siehe dazu auch “Intrigen, Morde, Unzucht” (nzz.ch, ela.) über 18 “Blick”-Chefs in 54 Jahren.

4. “Kanzlerin Merkel im Wohnzimmer”
(berliner-zeitung.de, Peer Schader)
Das TV-Programm ist in den Wochen vor der Bundestagswahl “randvoll mit Politik-Erklärstunden”, schreibt Peer Schader.

5. “‘Ich arbeite bei ‘die aktuelle’ und kann prima in den Spiegel schauen'”
(stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier beantwortet einen Kommentar einer mutmaßlichen Mitarbeiterin der Zeitschrift “die aktuelle”.

6. “Kevin Spacey: ‘Das Fernsehen hat das Kino überholt'”
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Thomas Lückerath dokumentiert eine Rede von Kevin Spacey (youtube.com, Video, 46:53 Minuten, englisch).

Heavy Metal, Hühnerstall, Hitlergruß

6 vor 9

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1. “Journalismus bei der Tafel”
(timo-rieg.de)
Timo Rieg entdeckt Rezensionsexemplare seines eigenen neuen Buchs in Online-Shops: “Besonders schön dabei sind immer die Hinweise ‘ungelesen’ oder ‘originalverpackt’. So viel Mühe hat sich dann der Journalismus gemacht zu prüfen, ob das Buch eine Besprechung wert ist oder nicht: ohne zu lesen, ohne es nur zu öffnen. (…) Ohne aufgrund der überschaubaren Fallzahl eine quantitative Aussage treffen zu wollen, so sind es wohl doch ganz überwiegend die gut situierten Einkommensgruppen im Redaktionsbetrieb, die sich dieser Form der Gemeinwohlpflege hingeben.”

2. “Wie der Heavy Metal in den Leitmedien abschneidet”
(powermetal.de, Stephan Voigtländer und Nils Macher)
Teil 2 der Analyse, wie Heavy Metal von den Leitmedien verarbeitet wird, setzt den Schwerpunkt auf Beiträge im Radio und Fernsehen.

3. “Der Fuchs im Hühnerstall”
(taz.de, David Denk)
“Spiegel”-Mitarbeiter reagieren auf die Verpflichtung von Nikolaus Blome als stv. Chefredakteur.

4. “Wenn der Pöbel kommentiert: BILD-Leser wollen sich nicht für einen Deutschen schämen, der Flüchtlinge mit dem Hitlergruß begrüßt”
(kaputtmutterfischwerk.de, Ronny)
Ronny sammelt Kommentare auf der Facebook-Seite von “Bild”, die zu diesem Foto abgegeben wurden.

5. “Tatort ‘Bild’: Eine Falschmeldung zieht Kreise”
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Ein “Tatort” soll erstmalig um 22 Uhr ausgestrahlt werden, was es noch nie gegeben habe, behaupten “Bild” und Bild.de – die Meldung wird von mehreren anderen Medien übernommen. “Alle wiederholen dabei die Behauptung der ‘Bild’, dass die späte Ausstrahlung ein einmaliger Vorgang in der ‘Tatort’-Geschichte sei. Doch das stimmt so nicht.”

6. “Lahme Zoten, Wahn um Quoten: Fehlt dem ZDF der Mut?”
(zdf.de, Video, 62:18 Minuten)
Georg Diez, Oliver Kalkofe und Nilz Bokelberg sprechen mit ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler über das ZDF-Programm. Siehe dazu auch die Kompaktversion in 3:15 Minuten auf youtube.com.

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