…fragen “Bild” und Bild.de heute und schreiben wie zur Antwort:
“Wir verzeichnen eine Zunahme der Tornados in Deutschland. In den vergangenen Wochen hatten wir schon 20 Stück. Im Vergleich dazu hatten wir zwischen 1990 und 2000 gerade einmal 100 Tornados”, erklärt Diplom-Meteorologe Karsten Brandt (35) von “donnerwetter.de die Tornado-Saison gegenüber BILD.de.
Der Meteorologe und Wirbelsturmexperte Thomas Sävert, der auch eine deutsche “Tornadoliste” führt, schreibt uns dazu: “An diesem Absatz ist alles falsch. Wir verzeichnen keine echte Zunahme der Tornados in Deutschland, es wird einfach mehr beobachtet. Ob es einen tatsächlichen Trend gibt, weiß noch niemand, auch Herr Brandt nicht. Bisher sind aus diesem Jahr rund 10 (nicht 20) Tornados bei uns bekannt, und zwischen 1990 und 2000 gab es weit mehr als 150 Tornados, von denen man bisher weiß. Der zitierte Herr Brandt ist kein Diplom-Meteorologe und schon gar kein Tornadoexperte.”
Falsch sei auch folgende Beschreibung:
Das Phänomen werde durch große Druckunterschiede verursacht und trete plötzlich und nur kurzzeitig am Rand von Gewitterzonen auf, anders als die über größere Strecken wandernden Tornados in den USA. Eine Vorhersage sei daher praktisch unmöglich, so [der Meteorologe Günther] Fleischhauer.
Sävert sagt: “Es gibt keinen Unterschied zwischen Tornados in den USA und Tornados in Deutschland. Die meisten sind nur schwach und kurzlebig, auch in den USA. Sie können hier bei uns genauso stark sein wie in den Staaten.”
Und dann auch noch die “Tornado-Karte der Leser-Reporter” von Bild.de: Von den derzeit neun eingetragenen Fällen aus Deutschland, seien nur drei Fälle bestätigte Tornados — alle anderen seien entweder noch nicht genauer untersucht oder sogar nur harmlose Staubteufel auf Sportplätzen. Säverts Fazit: “Hier wird selbst aus dem kleinsten Staubwirbel ein Tornado gemacht.”
Die zwei Twitter-User reagieren damit jeweils aufAnfragen der “Bild”-Redaktion. Die möchte in ihrer Berichterstattung nämlich Videos verwenden, die @Zigoooo1 beziehungsweise @MarwKiel zuvor bei Twitter hochgeladen haben. Die Aufnahmen zeigen, wie gestern ein Tornado durch Kiel zieht.
Anderen Medien, darunter CNN, CBS News, die dpa, die European Broadcasting Union, Weather.com, erlauben @Zigoooo1 und @MarwKiel auf Nachfrage, das Videomaterial zu verwenden. Dass auch “Bild” es verwendet, wollen sie offenbar nicht.
Die “Bild”-Redaktion benutzt die Videos aber einfach trotzdem.* Gestern Abend veröffentlichte sie bei Bild.de einen Artikel zum Kieler Tornado:
Darin zu sehen: ein etwas mehr als eine Minute langer Videozusammenschnitt. Auch die Aufnahmen, die die zwei Twitter-User hochgeladen haben, sind dabei. Beim Video von @MarwKiel steht eine Quelle am rechten Bildrand:
Beim Video, das @Zigoooo1 online gestellt hat, nicht mal das:
Inzwischen ist bei Bild.de ein längeres Video zum Tornado in Kiel erschienen, nun gut zwei Minuten lang. Die Aufnahmen, die @Zigoooo1 und @MarwKiel bei Twitter gepostet haben, sind darin weiterhin zu sehen.
*Nachtrag, 14:39 Uhr: Die “Bild”-Redaktion hat offenbar einen Umweg genommen, um an die Videos zu kommen: Sie hat sich die Aufnahmen bei einer Agentur besorgt. Zumindest bei einem der zwei Videos konnten wir eine vorherige Zustimmung des Urhebers der entsprechenden Agentur gegenüber finden. Über die Agentur ist das Video dann bei Bild.de gelandet, auch wenn die “Bild”-Redaktion wusste, dass der Urheber das nicht möchte.
Und bitte nicht wundern, dass manch ein Link in diesem Beitrag ins Nichts führt – der Twitter-User @Zigoooo1 hat seinen Account inzwischen gelöscht.
In der vergangenen Woche haben die “Bild”-Medien mindestens 31 Mal Fotos von Menschen gezeigt, die Opfer eines Unglücks oder Verbrechens geworden sind.
In drei Fällen waren die Gesichter verpixelt, in zwei Fällen die Augen. In 26 Fällen gab es keinerlei Verpixelung.
Nur in einem Fall haben Angehörige der Veröffentlichung laut “Bild”-Angabe zugestimmt (bei einem Mann, der in Tschechien bei einem Tornado ums Leben kam).
***
Ohne erkennbare Zustimmung veröffentlichte die “Bild”-Zeitung (wie in der Woche zuvor auch schon in ihrer Onlineausgabe) Fotos einer Frau, die bei dem Messerangriff in Würzburg getötet wurde. Eines davon groß auf der Titelseite:
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag von uns.)
Woher die Fotos stammen, wird nicht ersichtlich. Eines sieht aus, als sei es durch eine Scheibe hindurch aufgenommen worden.
Bild.de zeigt auch das private Foto einer 16-Jährigen, die an einem Bahnübergang von einem Zug erfasst wurde und starb:
Und die Gesichter zweier Bergsteigerinnen, die in den Alpen ums Leben kamen:
“Bild am Sonntag” und Bild.de zeigen auch (erneut) Fotos von Menschen, die bei einem Gebäudeeinsturz in Miami starben:
“Foto: Quelle: Twiiter” [sic!]
Veröffentlicht werden seit einigen Wochen auch immer wieder Bilder einer Frau, die in Griechenland getötet wurde, mutmaßlich von ihrem Ehemann (der ebenfalls immer wieder gezeigt wird):
Am häufigsten zeigten die “Bild”-Medien in der vergangenen Woche – wie auch in der Woche davor – Fotos eines Paares, das auf dem Gardasee bei einer Kollision zweier Boote gestorben ist:
Mindestens 18 Mal wurden ihre Gesichter bislang in “Bild”, “Bild am Sonntag” und bei Bild.de gezeigt.
In vielen Fällen werden Freunde, Kollegen oder Familienmitglieder sogar vonReporternbedrängt, damit sie Fotos der Menschen herausrücken, die sie gerade verloren haben.
Wie jedoch viele Betroffene selbst darüber denken, kann man zum Beispiel hier nachlesen. Dort sagt der Vater eines Mädchens, das beim Amoklauf von Winnenden getötet wurde und deren Foto in den Tagen darauf immer wieder in der “Bild”-Zeitung erschien:
Die “Bild”-Zeitung und andere, auch Fernsehsender, ziehen Profit aus unserem Leid! Dreimal hintereinander sind Bilder [unserer Tochter] erschienen, ohne dass wir das gewollt hätten. Wir hätten das nie erlaubt. Die reißen die Bilder an sich und fragen nicht danach, was wir Hinterbliebenen denken und fühlen.
Pressekodex Richtlinie 8.2
Die Identität von Opfern ist besonders zu schützen. Für das Verständnis eines Unfallgeschehens, Unglücks- bzw. Tathergangs ist das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich. Name und Foto eines Opfers können veröffentlicht werden, wenn das Opfer bzw. Angehörige oder sonstige befugte Personen zugestimmt haben, oder wenn es sich bei dem Opfer um eine Person des öffentlichen Lebens handelt.
In einem Interview in unserem Buch sagt ein anderer Betroffener, dessen Bruder bei einem Skiunfall gestorben ist und später ohne Erlaubnis der Angehörigen groß auf der Titelseite der ”Bild”-Zeitung zu sehen war:
Das war eines der schlimmsten Dinge an der Geschichte: Dass die “Bild” die Kontrolle darüber hat, mit welcher Erinnerung mein Bruder geht. Dass das letzte Bild von der “Bild”-Zeitung kontrolliert wird und nicht von ihm selbst oder von uns.
Auch in anderen Medien kommt es vor, dass solche Fotos veröffentlicht werden. Doch niemand macht es so häufig und so eifrig wie “Bild”. Mehr als die Hälfte aller Rügen, die der Presserat je gegen die “Bild”-Medien ausgesprochen hat, bezog sich auf die unzulässige Veröffentlichung von Opferfotos.
Um zu verdeutlichen, in welchem Ausmaß “Bild” auf diese Weise Profit aus dem Leid von Menschen zieht, wollen wir hier regelmäßig dokumentieren, wie häufig die “Bild”-Medien solche Fotos veröffentlichen.
Hessen passt. Und trocken sieht das auch aus. Allerdings zeigt das Foto kein “völlig ausgetrocknetes Flussbett”, sondern den Edersee, bei dem es sich um einen Stausee handelt, aus dem seit Jahrzehnten im Sommer regelmäßig kontrolliert große Mengen Wasser abgelassen werden, um den Binnenschiffsverkehr auf der Oberweser garantieren zu können. Die Edertalsperre wurde 1914 fertiggestellt. Wenn der Pegel des Edersees weit genug sinkt, kommt das “Edersee-Atlantis” zum Vorschein — zum Beispiel die Aseler Brücke, die auf dem Foto oben zu sehen ist. Als Symbol für das prophezeite “nahe Ende” der Menschheit taugt das Bild also nicht so richtig.
Über diesen ganzen Vorgang (Wasser ablassen für die Schifffahrt auf der Weser, das Erscheinen des “hessischen Atlantis” und den Ärger von Anwohnern und Gastronomen, weil man für längere Zeit auf dem Edersee nicht mehr tauchen oder segeln kann) hat im vergangenen Jahr unter anderem ein Portal namens Bild.de berichtet.
Mit Dank an Nico für den Hinweis!
Nachtrag, 18:37 Uhr: Klammheimlich und ohne irgendeinen Korrekturhinweis hat die Bild.de-Redaktion das Foto ausgetauscht. Die Bildunterschrift zum neuen Aufmacherbild lautet nun:
Ein Blitz entlädt sich in der Nähe von Laverne, Oklahoma, während eines Tornados. Die Studie sagt für Nordamerika extreme Wetterereignisse im Jahr 2050 voraus
Wer wissen will, wie es aktuell am Edersee aussieht, kann sich hier verschiedene Webcam-Streams anschauen.
Gestern titelte die “Bild”-Zeitung riesengroß: “Hitlers Silber-Schatz gefunden”, dabei hätte es eine noch eine viel größere Adolf-Hitler-Story gegeben: “Youtube-Star findet Hitler”.
Wobei — genauer müsste die Schlagzeile heißen: “LeFloid findet einen Typen, der meint, er sei Adolf Hitler, dabei ist die gesamte Geschichte nicht echt und stammt von einer englischsprachigen Satireseite, was LeFloid aber nicht checkt und das Ganze seinen meist jungen Zuschauern als echte Irrsinnsgeschichte verkauft”.
Gleich zu Beginn die erste Story: “Typ behauptet er sei Adolf Hitler”. LeFloid sagt dazu:
Es ist ja tatsächlich so, dass eine der populärsten Verschwörungstheorien besagt, dass Hitler sich damals gar nicht selber umgebracht hat, sondern in Wirklichkeit nach Argentinien geflohen ist. Nun geistert doch tatsächlich eine unglaubliche Geschichte durchs Netz, nämlich ein 128 Jahre alter Argentinier. (…) Der hat sich jetzt an die Öffentlichkeit gewandt und behauptet steif und fest, er sei Adolf Hitler. Okay, what? Zeitlich und optisch kommt das Ganze wohl hin, behaupten zumindest Beobachter und eben Leute in einschlägigen Foren.
In dem 2:40 Minuten langen Part über das angebliche Wiederauftauchen Hitlers geht LeFloid noch verschiedene mögliche Motivationen des alten Mannes durch, jetzt “mit dieser Geschichte, mit dieser Behauptung an die Öffentlichkeit zu gehen und sich zu stellen”. Und er äußert auch gewisse Zweifel, dass es sich bei dem Argentinier wirklich um Adolf Hitler handelt:
Nun bleibt abzuwarten, ob es sich hierbei tatsächlich um eine unfassbare Sensation handelt oder ob wir es doch einfach mit einem armen alten verwirrten Nazi-Opi zu tun haben, dessen Windungen ein bisschen zu sehr unter seiner Gesinnung und seinem Alter gelitten haben.
Nee, wir müssen gar nicht abwarten. Denn es handelt sich weder um eine “unfassbare Sensation” noch um einen sonstwie “Nazi-Opi”. Bei dem Mann, den LeFloid zeigt …
… handelt es sich um Francis Morris. Und der stammt nicht aus Argentinien (oder aus Österreich), sondern aus dem englischen Ort Quarmby. Und er ist auch nicht 128 Jahre alt, sondern feierte vor etwa zweieinhalb Jahren seinen 100. Geburtstag:
Wie kommt es nun aber, dass der bemitleidenswerte Francis Morris im besten Fall als Hitler-Hochstapler und im schlimmsten als Hitler höchstpersönlich im Videokanal eines der größten deutschen Youtuber landet?
Nun sollte man bei “Sputnik”, gegründet vom staatlichen russischen Medienunternehmen “Rossija Sewodnja”, sowieso schon mal skeptisch sein. Dass in dem Text keine konkrete Quelle, außer ziemlich schwammig “lokale Medien”, angegeben wird, sollte einen vielleicht auf die Idee bringen, noch etwas zu recherchieren, bevor man den Kindern und Jugendlichen, die einem regelmäßig zuschauen, irgendeinen Blödsinn erzählt.
Man stößt dann ziemlich schnell auf einen Artikel der Seite “World News Daily Report” vom 13. Juni:
Der 128-Jahre-Hitler steht dort zwischen Artikeln mit Überschriften wie “BABYSITTER TRANSPORTED TO HOSPITAL AFTER INSERTING A BABY IN HER VAGINA” oder “TORNADO CARRIES MOBILE HOME 130 MILES, FAMILY INSIDE UNHARMED”. Machen wir es kurz: “World News Daily Report” ist eine Satireseite, wie man ohne Probleme im Disclaimer nachlesen kann.
Nun hat LeFloid nie behauptet, dass der Mann aus Argentinien tatsächlich Adolf Hitler ist. Aber er tut so, als würde der Argentinier tatsächlich existieren, als hätte dieser tatsächlich Interviews gegeben und die Hitler-Behauptung aufgestellt. LeFloids Video hat — Stand: 22. Juni, 10:06 Uhr — bereits über 460.000 Aufrufe.
Nachtrag, 17:51 Uhr: Einige Leser weisen zu Recht darauf hin, dass schon das angebliche Alter von 128 Jahren hätte stutzig machen müssen. Der Rekord des höchsten erreichten (und nachgewiesenen) Lebensalters liegt bei 122 Jahren. Die Französin Jeanne Calment hält ihn.
Mit Dank an @Hogachaka und Stefan S. für die Hinweise!
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
2. Maxim – YouTubes Wurmfortsatz (kioskforscher.posterous.com, Markus Böhm)
Markus Böhm hat sich durch die komplette März/April-Ausgabe des Herrenmagazins “Maxim” gequält. Sein Fazit: “Das Intelligenteste an diesem Magazin ist Daniela Katzenberger.”
3. Unter kakanischen Strippenziehern (faz.net, Michael Hanfeld)
RTL-Vorstandschef Gerhard Zeiler hat seine Bewerbung als Direktor beim Österreichischen Rundfunk (ORF) abgesagt. “Gegen die staatliche Einflussnahme auf den öffentlich-rechtlichen Sender ORF erscheinen sogar die hiesigen Verhältnisse als harmlos (was sie nicht sind).”
4. (Nicht) ganz ohne Nebenwirkungen: Zwei BILD-Reporter im Sonderzug Richtung Koma (mediensalat.info, Ralf Marder)
Während “Bild” gerne vor “Komasaufen” bei Jugendlichen warnt, berichten ein “Bild”-Reporter und eine “Bams”-Reporterin auffallend unkritisch von “18- bis 30-Jährigen”, die “vier Tage Suff, Sex und Sonne an der Küste Istriens” suchen — beim “Spring Break Europe” in Kroatien.
5. Five Lessons In Breaking News Reporting Learned From The Joplin Tornadoes (mediabistro.com/10000words, Lauren Rabaino, Englisch)
Brian Stelter, sonst Medienjournalist bei der “New York Times”, fand sich unvermittelt in Joplin, Missouri, wieder, wo ein Tornado weite Teile der Stadt zerstört hatte. Er erklärt, welche fünf Lektionen er dort für seine Arbeit gelernt hat, und warum Papier und Stift immer noch das verlässlichste Werkzeug für Reporter sind.
6. Pluralis Journalistis (wirres.net, Felix Schwenzel)
Felix Schwenzel über Journalisten, die sich scheuen, “ich” zu schreiben, und ein Extrembeispiel im Berliner “Tagesspiegel”. Wir wünschen uns, dass der Satz “Wir haben es mit unserer Partnerin ausprobiert” zum geflügelten Wort wird.
Es ist ein ungewöhnlicher Ort für Prophezeiungen, die denen des Nostradamus gleichen. Und doch: Beim letztjährigen Wettbewerb “Jugend creativ” der Volksbanken und Raiffeisenbanken hat die damals 16-jährige Monja aus Hünfeld ein “nahezu hellseherisches” Bild gemalt, auf dem sie die Katastrophen in Japan vorausgesehen hat!
Und natürlich sprang auch “Bild”, das Fachjournal für alles Mysteriöse, sofort auf den Zug auf:
Ganz Clevere könnten die Mystery-Stimmung jetzt natürlich mit kritischen Fragen kaputtmachen: Warum sind denn da Eisbären? Ist damit das frühe Ableben von Knut gemeint? Was sollen die toten Bäume und der Tornado? Was hat der Sturm links oben im Bild mit Japan zu tun? Und warum sehen die Menschen so gar nicht japanisch aus?
Die Antwort auf diese Fragen hat einen so geringen Mystery-Faktor, dass Sie den Soundtrack jetzt besser stoppen: Der Titel des Wettbewerbs lautete nämlich “Mach dir ein Bild vom Klima” und genau das ist der Grund, warum auch die anderen Bilder im Wettbewerb ziemlich apokalyptisch wirken.
Bei der “Fuldaer Zeitung” ist das eigentlich bekannt:
[Monja G.] habe damals versucht, für den Wettbewerb mit dem Thema “Klima” möglichst viele entsprechende Probleme in der Illustration unterzubringen. Sie habe sich damals an die Tsunami-Wellen von 2004 erinnert, und von der Tschernobyl-Katastrophe hat sie viel gehört (…)
Dennoch schreibt die Autorin nur einen Absatz später, als hätte es das Rahmenthema des Wettbewerbs nie gegeben und als wäre Monja gerade einmal sieben Jahre alt gewesen als sie das Bild anfertigte:
Monjas Bild ist erschreckend, beklemmend (…). Keine hübsche Blumenwiese, keine freundliche Sonne am hellblauen Himmel, die die Erde in einen paradiesischen Zustand taucht, keine friedliche Naturwelt waren dargestellt, wie so oft der Fall in dieser Altersklasse. Statt dessen: beängstigende Wirklichkeit.
Immerhin dient die ganze künstliche Aufregung einem guten Zweck:
Damit Monja ihr Werk behalten kann, will die VR-Bank Faksimiles in A3-Größe, also Nachdrucke, erstellen. Diese sollen für eine Spende ab zehn Euro abgegeben werden.
Die Spendenbereitschaft würde vermutlich deutlich ansteigen, wenn sich Monja in Zukunft auf Lottozahlen spezialisiert und dabei am besten nicht immer alle 49 dafür in Frage kommenden Zahlen malt.
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. “Die meisteingeladenen Talkshowgäste 2010” (meedia.de, Jens Schröder)
Heiner Geißler, Hans-Olaf Henkel, Arnulf Baring, Hans-Ulrich Jörges, Martin Lindner, Ursula von der Leyen, Christian Lindner, Gregor Gysi, Renate Künast, Daniel Bahr, Jürgen Trittin, Karl Lauterbach, Klaus Wowereit, Markus Söder, Oskar Lafontaine, Sahra Wagenknecht, (…).
2. “Frei schwebende Genies – aus Netz, Medien und Soziologie” (carta.info, Christoph Kappes)
Christoph Kappes beschäftigt sich mit dem Artikel “Herrenreiter-Mythos des frei schwebenden Genies” von Gerd Held. Held stellt bei Julian Assange einen “maskenhaften, fast abwesenden Gesichtsausdruck” fest, der “etwas von der kalten Mechanik, die man von den Videobotschaften terroristischer Zirkel” kenne, habe. Kappes: “Es ist das Gesicht und der Gestus von Assange, der ihn Terroristen ähnlich sehen lässt. Ein formal scheinbar nicht angreifbarer Schluss, denn so wie Assange einen Kopf hat, kennt man dies auch von Terroristen – selbst Klaus Störtebecker hatte einen solchen bis zu seinem Tod.”
3. “Verwirrte Nordsee-Zeitung mit kuriosen Fehlern” (bremerhaven-aktuell.blogspot.com, Detlef Kolze)
Mit der Dauer der wöchentlichen Arbeitszeit nehmen einer Studie zufolge gesundheitliche Beschwerden zu, schreibt die “Nordsee-Zeitung” in einer Kurzmeldung – und verpasst ihr die Überschrift “Lange arbeiten ist gesund”.
4. “Zu Tornado-Absturz 1984 in KKG-Reichweite” (mainpost.de, Norbert Schmitt)
Norbert Schmitt schreibt einen Leserbrief zum in der “Main-Post” erschienenen Artikel “Kampfjets über Atomkraftwerk”. Die “aufreißerische Berichterstattung auf der Titelseite im Stile der ‘Bildzeitung'” sei nur geeignet, “Ängste in der Bevölkerung vor Atomkraft und Flugunfällen zu schüren”.
6. “Schlimmer wird’s immer” (jungle-world.com, Klaus Farin)
Klaus Farin hält die gegenwärtige Jugend für “die bravste seit Jahrzehnten”. Trotzdem werde sie von den Medien anders dargestellt. “Drei besoffene Neonazis, die ‘Sieg heil!’ gröhlend durch ein Dorf laufen, ein ‘Drogenvorfall’ in einer Schule oder einer anderen Jugendeinrichtung erfahren bundesweite Medienresonanz, eine Jugendgruppe dagegen, die sich seit Monaten aktiv gegen Rechtsextremismus engagiert, ist höchstens der Lokalzeitung ein paar Zeilen wert.”
Vielleicht ist es ja etwas Pathologisches, eine Sucht. So wie Alkoholiker kein Bier stehen und Kleptomanen keine Handtasche hängen lassen können, so kann “Bild” kein Unwetter vorüberziehen lassen, ohne Unsinn darüber zu schreiben.
Im März berichtete das Blatt über den Extremwetterkongress in Hamburg, schob dem Meteorologen und Hurrikan-Experten Thomas Sävert falsche Zitate über einen angeblichen “Hurrikan-Alarm auf Mallorca” unter und bebilderte den Hurrikan-Artikel auch noch mit einem Tornado (wir berichteten). Die Rechtsabteilung des Wetterdienstes Meteomedia, bei dem Sävert angestellt ist, hat sich nach seinen Worten damals massiv bei der “Bild”-Zeitung beschwert.
Im Juni rief “Bild” dann einen “Tornado-Alarm über Deutschland” aus und machte sich immerhin die Mühe, die dünne Geschichte wenigstens mit einem Tornado zu bebildern — wenn auch mit einem kanadischen (wir berichteten ebenfalls). Immerhin kam Sävert in dem Artikel nicht vor — wegen der Geschichte vom März, sagt er, habe er ein Interview mit “Bild” abgelehnt.
Am Donnerstag nun ereignete sich ein schweres Unwetter über Mallorca; die Insel wurde offenbar von einem oder mehreren Tornados getroffen.
Für die “Bild”-Zeitung bestätigt das Unwetter nun genau das, was sie schon im März herbeiphantasiert hatte. Sie macht heute mit dem Thema auf(siehe Ausriss), zeigt im Inneren noch einmal den falschen und falsch bebilderten Hurrikan-Artikel von damals und schreibt:
Schon beim Extremwetter-Kongress im März in Hamburg sprach Hurrikan-Forscher Thomas Sävert von gewaltigen Wirbelstürmen, die aufgrund des Klimawandels über dem Mittelmeer entstehen können: Pro Jahr ziehen bis zu 3 Hurrikane über die Mittelmeer-Region. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis einer Mallorca trifft (BILD berichtete). (…)
Experte Sävert: Die Hurrikane im Mittelmeer seien zwar nicht so gewaltig wie die in der Karibik. Aber der Klimawandel werde dafür sorgen, dass sie immer stärker werden.
Nein. Zur Veranschaulichung noch mal das, was uns Thomas Sävert damals erklärte:
“Ich bezog eindeutig Stellung, dass es zwar hurrikanähnliche Stürme im Mittelmeerraum gibt, die aber keinesfalls die Stärke der tropischen Hurrikane erreicht und daher auch nicht als solche bezeichnet werden sollten. Die Insel Mallorca habe ich mit keinem Wort erwähnt, und ich habe auch nicht davon gesprochen, dass diese ‘Hurrikane’ stärker werden sollen. Alle Zitate sind gefälscht. Ich bin eigentlich als seriöser Wissenschaftler bekannt, der solche Aussagen, wie sie in der ‘Bild’-Zeitung getroffen wurden, nie machen würde.”
Zum aktuellen Tornado über Mallorca erklärt er uns:
“Die jüngsten Unwetter haben mit einem Hurrikan so viel zu tun wie die berühmten Äpfel mit Birnen. Es waren Unwetter, aber eben definitiv kein Hurrikan, und die aktuellen Unwetter lassen keinerlei Schluss auf das zukünftige Wetter auf der Urlaubsinsel zu.”
Sävert klagt, sein Ruf als Meteorologe leide erheblich darunter, mit solchem Quatsch wie in “Bild” zitiert zu werden; er will gegen die Zeitung vorgehen. Ohne sein falsches Zitat fehlt der Zeitung übrigens auch jeder Beleg, dass Mallorca der “Klima-Kollaps droht”, wie sie in einer weiteren Überschrift behauptet.
Aber vielleicht ist es ja etwas Pathologisches, die Sache mit “Bild” und den Unwettern. Von Krankheiten wie Alkoholismus oder Spielsucht kann man übrigens nie ganz geheilt werden. Betroffene können nur lernen, der Versuchung zu widerstehen.
Der erste Schritt ist natürlich, es zu wollen.
Übrigens: Auch die “Welt” behauptet heute unter der Überschrift “Klimaforscher erwarten regelmäßige Tornados und Hurrikans im Mittelmeer”, dass Sävert im Mittelmeerraum künftig Hurrikans erwarte, ausgelöst “durch die zunehmend stärkeren Temperaturunterschiede”. Es scheint, als sei der “Welt”-Autor der falschen “Bild”-Berichterstattung im März aufgesessen. Nachdem sich Sävert auf “Welt Online” beschwerte, wurde der entsprechende Absatz des “Welt”-Artikels dort ohne Erklärung oder Hinweis gelöscht.
“Das ist ein gut gemachter Spot, natürlich haben wir auch darüber gelacht. Er lebt aber von dem alten Vorurteil, BILD würde lügen — was durch eine witzige Wiederholung jedoch auch nicht wahrer wird.”
Als Service für Herrn Meyer-Bosse (und unsere Leser) haben wir eine kleine, unvollständige Auswahl von “Bild”-Lügen aus den vergangenen zwei Jahren zusammengestellt, der Übersicht halber grob in zehn Kategorien unterteilt: