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Keese, Polizeifotos, Baudrexel

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “‘Krieg der Welten’ 2010”
(blog.tagesschau.de, Silvia Stöber)
Silvia Stöber fasst die Ereignisse (Video, 1:41 Minuten) rund um den im georgischen Privatsender Imedi TV gesendeten Scheinangriff russischer Truppen auf Georgien zusammen, der von vielen Menschen ernst genommen wurde.

2. “Blogger rütteln Russland auf”
(nzz.ch, Klaus-Helge Donath)
Über die Dynamik der Medien in Russland, wo die “wachsame Bloggerszene” immer wichtiger wird. “In der gleichgeschalteten Medienlandschaft Russlands übernehmen Internetnutzer inzwischen nicht nur Aufgaben der Presse, sondern auch Funktionen der korrupten Ordnungshüter.”

3. “Ein Angebot an Christoph Keese”
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Thomas Knüwer antwortet dem Lobbyisten des Axel-Springer-Verlags, Christoph Keese, der Abgaben einfordert für die Organisierung der Rangreihenfolge von Informationen im Internet.

4. Interview mit Alan Rusbridger
(derstandard.at, Michael Kremmel)
“Guardian”-Chef Alan Rusbridger spricht über den Druck, den Leser auf Journalisten ausüben, “sodass diese zeigen müssen, dass sie wirklich gut sind”. “Das entblößt vor allem Journalisten, die nicht sehr gut sind. Deshalb werden Journalisten, die nicht sehr gut sind, in diesem Job auch nicht mehr bestehen können.”

5. “Polizeifotos als Quotenbringer”
(faz.net, Nina Rehfeld)
Internetableger von US-Zeitungen machen Klicks mit Galerien von Polizeifotos: “Tampabay.com, das Netzportal der ‘St. Petersburg Times’, erzielt ein Siebtel des Websiteverkehrs mit Besuchern der ‘Mugshot’-Seite.”

6. “Mein Brief an Martin Baudrexel”
(hansdorsch.com)
Hans Dorsch fragt den Fernsehkoch Martin Baudrexel, warum er Werbung macht für ein Fertigprodukt. “Wer dich jemals mit den Kochprofis oder den Küchenchefs im Fernsehen gesehen hat, hat dieses Bild im Kopf: Martin geht in die Küche und wirft alle Fertigprodukte in den Müll.”

Empörung über Amoklaufprävention

Schenkt man dieser knackigen Schlagzeile aus der Stuttgarter “Bild”-Ausgabe Glauben, dann werden Amokläufer bald noch präziser und tödlicher agieren:

Amok-Ausschuss fordert Schießtraining für Schüler

Wahnsinn, oder? Da fragt man sich doch, wie so ein gemeingefährlicher “Amok-Ausschuss” dazu kommt, derartige Forderungen zu stellen. Ganz einfach: Am 8. März stellte der Sonderausschuss “Konsequenzen aus dem Amoklauf in Winnenden und Wendlingen – Jugendgefährdung und Jugendgewalt” seinen rund 880 Seiten starken Abschlussbericht vor. Der Ausschuss wurde eingerichtet, um der Politik Handlungsempfehlungen zur nachhaltigen und langfristigen Prävention von Amokläufen und Jugendgewalt zu geben. Dementsprechend finden sich unter den 39 Empfehlungen aus acht Themenbereichen unterschiedlichste Vorschläge, die von der Fortbildung pädagogischen Personals über Waffenzugangsbeschränkungen bis hin zu Sicherheitsmaßnahmen an Schulen und der Stärkung des Erziehungsauftrages von Eltern reichen.

Unter “6. Gewaltprävention im Sportjugendbereich – Modellprojekt Biathlon” heißt es laut Pressebericht des baden-württembergischen Landtags, aus dem auch Bild.de zitiert:

Der Sonderausschuss Winnenden möchte die erfolgreiche Jugendarbeit in den Sportschützenvereinen stärken, indem insbesondere der Gewaltpräventionsgedanke noch intensiver betont wird. Ein projekthaftes Angebot in einer Sportart scheint dabei zielführend. Besonders geeignet ist aus Sicht des Sonderausschusses die Sportart Biathlon, da neben den Schützenverbänden des Landes auch die baden-württembergischen Skiverbände (Winterbiathlon) sowie die Leichtathletikverbände (Sommerbiathlon) in das Projektvorhaben einzubinden sind.

Der kreativ-verquere Gedankensprung von “Bild”-Autor Markus Piechotta, aus gewaltpräventiver Jugendarbeit innerhalb der Vereine ein verpflichtendes Schießtraining für Jugendliche zu machen, muss schon fast bewundert werden:

In dem Papier (…) fordern die 18 Abgeordneten auch Schieß-Unterricht für Jugendliche!

Entsprechend einseitig fällt bei Bild.de dann auch die Beschreibung der Reaktion der Angehörigen und des Aktionsbündnisses Winnenden aus:

Die Angehörigen der Opfer sind entsetzt.

Dass das Aktionsbündnis Winnenden, eine Initiative der Eltern der Amokopfer, die Empfehlungen des Stuttgarter Ausschusses “in weiten Teilen” (abgesehen von obengenanntem Vorschlag im Sportschützenbereich) begrüßte, erwähnt Piechotta mit keinem Wort.

Allerdings wäre es auch irgendwie inkonsequent gewesen, wenn “Bild” nach der reißerischen und verantwortungslosen Berichterstattung über den Amoklauf vor einem Jahr jetzt auf einmal beginnen würde, nüchtern und sachlich über dieses hochemotionale Thema zu berichten.

PS: Auch der Berliner Kurier versteht sich auf knackige und irreführende Schlagzeilen:

Schüler in den Schießunterricht!

Mit Dank an Thomas und Jörg S.

Bild  

Paolo Guerreros Rückkehr auf Raten

Natürlich ist es nicht auszuschließen, dass es – wenn auch nicht zwingend auf der Erde, dann doch wenigstens in irgendeinem Paralleluniversum – zwei Paolo Guerreros gibt, zwei Europa-League-Achtelfinal-Heimspiele des HSV gegen den RSC Anderlecht und zwei Kai-Uwe Hesses.

Es wäre die einzig rationale Erklärung für das, was da seit gestern Abend auf Bild.de steht:

Um 21.13 Uhr ging der Spielbericht von Kay Fette und Kai-Uwe Hesse zum 3:1-Sieg des HSV gegen Anderlecht online, der heute auch in der gedruckten “Bild” steht.

Darin:

Zweite gute Nachricht: Paolo Guerrero (26/Kreuzbandriss) ist wieder da! Nach vier abgebrochenen Flugversuchen wegen Flugangst landet der Stürmer gestern in Hamburg, schaut sich ab der 2. Hälfte das Spiel im Stadion an.

Sogar ein Foto des Rückkehrers hatte es in die Bildergalerie geschafft:

Ein alter Bekannter hat auch den Weg von Peru bis ins Stadion gefunden: Paolo Guerrero, der wegen seiner Flugangst in Lima festsaß.

So weit, so richtig.

Mehr als zwei Stunden später, um 23.25 Uhr, veröffentlichte Bild.de einen Artikel von Kai-Uwe Hesse und Carmen Kayser, der sich ausschließlich mit der etwas schwierigen Rückreise Guerreros aus Peru beschäftigt.

Dort heißt es:

Er verschwand am Flughafen durch einen Nebenausgang, ließ sich von einem Freund abholen und nach Hause bringen. Auf einen Besuch des Anderlecht-Spiels verzichtete er.

Vielleicht doch ein Fall fürs “Mystery”-Ressort von Bild.de.

Inwiefern Guerreros Reise “ein geheimer 15-Stunden-Trip” war, wie Bild.de behauptet, ist auch nicht ganz klar: In der TV-Übertragung des Spiels auf Sat.1 hieß es bereits recht früh, dass Guerrero im Stadion erwartet werde.

Mit Dank an Frank D., Oliver M., Daniel S., W.S. und Andreas.

Hinweis/Korrektur, 13.19 Uhr: Das musste ja abfärben: Jetzt hatten wir Paolo Guerrero doch ernsthaft erst “Paulo” genannt in der Überschrift. Jetzt stimmt’s.

20.35 Uhr: Und die Europa League hatten wir auch falsch geschrieben. Entschuldigung!

Merian, Politico, Breaking News

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Wo Merian draufsteht, ist Mercedes drin”
(meedia.de, Stefan Winterbauer)
Das Sonderheft “Formel 1” der Zeitschrift “Merian”: Während der Mediendienst “Meedia” noch am Dienstag “mit ihrem Formel eins-Heft kehrt die Chefreaktion zu ihren journalistischen Wurzeln zurück” urteilte, schrieb Stefan Winterbauer am Donnerstag: “Das fertige Zeitschriften-Produkt allerdings dürften auch Profis kaum von einem Kundenmagazin unterscheiden können.” Lesenswert dazu ist auch der Beitrag von Manfred Scharnberg auf freelens.com.

2. “Woher wusste ‘Bild’ vom ‘Fall Käßmann’?”
(sueddeutsche.de, Antje Hildebrandt)
Die Staatsanwaltschaft Hannover erhält vier Strafanzeigen wegen Geheimnisverrats, gegen unbekannt. “Adressaten sind aber zumindest in einem Fall die Hannoveraner Polizei und Bild: Ein Hannoveraner Anwalt wirft den Polizeibeamten vor, sie hätten dem Blatt vertrauliche Informationen über den Vorfall gesteckt – angeblich gegen Geld.”

3. Interview mit Jim VandeHei
(focus.de, Leif Kramp und Stephan Weichert)
Einer der Gründer von “Politico”, Jim VandeHei, im Gespräch: “Die Zeitung ist nur ein Ableger, der Kern von ‘Politico’ ist unsere Website. Unser Geheimrezept ist: Baue ein Nachrichtenangebot rund um eine Internetseite auf, nicht um eine Zeitung.”

4. “Wir Medienpraktikanten!”
(laurencethio.de)
Laurence Thio startet eine neue Interviewreihe mit Medienpraktikanten. Zuerst spricht er mit Adrian, der “ein mehrmonatiges Praktikum bei der Produktionstechnik der RBB-Abendschau” gemacht hat. “Ich habe auch mal den Monitor getragen und eingestöpselt oder mal Sachen aus dem Auto geholt. Es lief im Endeffekt aber darauf hinaus, dass ich im Grunde immer nur das Stativ getragen habe.”

5. “Hinter all diesen Türen”
(coffeeandtv.de, Lukas Heinser)
Eine Pressemitteilung der Bremer Polizei, “unglaublich, aber wahr”.

6. “Breaking News”
(theonion.com, Video, 1:53 Minuten, englisch)
“Breaking News” sind in vielen Fällen von zweifelhafter Relevanz. “The Onion News Network” über “Some Bullshit Happening Somewhere”.

sid  

Like A Virgin

Es ist ja schon erstaunlich, aus was für Kleinigkeiten Bild.de manchmal so Meldungen fabriziert:

Englands Fußball-Latte: Peter Crouch wäre gern eine Jungfrau

Und wie die dann auch noch anmoderiert werden:

Was ist denn auf der Insel los? Ausgerechnet der England-Profi, der eine der heißesten Spielerbräute überhaupt an seiner Seite hat, wäre gern eine Jungfrau!

Peter Crouchs (29) irre Beichte.

Auf die Frage, was er statt eines Fußballers gern geworden wäre, erwiderte der England-Star: “Eine Jungfrau.”

Wer soll ihm das denn glauben? Schließlich ist er mit Unterwäsche-Model Abigail Clancy (24) zusammen. Und die ist das fleischgewordene Gegenteil von keuscher Jungfräulichkeit.

Glauben muss ihm das niemand, weil er es nicht gesagt hat. Und wenn er es gesagt hätte, dann nicht jetzt, sondern “einmal”.

Bild.de hat diese gewagte Übersetzung eines älteren Zitats offensichtlich vom Sportinformationsdienst (sid), der anlässlich Crouchs Wahl zum lustigsten Mann im britischen Sport folgende Gaga-Meldung veröffentlichte:

Der englische Fußball-Nationalstürmer Peter Crouch wurde zum lustigsten Sportler Großbritanniens gewählt. Den Sieg bei der Wahl verdankt Crouch seiner Antwort auf die Frage, was er statt eines Fußball-Profis gerne geworden wäre. “Eine Jungfrau”, hatte Crouch darauf geantwortet.

“Na, wenn man mit so was lustigster Sportler wird, kann es um den berühmte britischen Humor ja nicht zum Besten bestellt sein”, dachte bei “RP Online”, “Focus Online” oder Handelsblatt.com offenbar niemand, und so wurde diese merkwürdige Geschichte munter weiterverbreitet, wenn auch nicht derart aufgeblasen wie bei Bild.de.

Dabei war der Spruch im englischen Original sogar noch wirklich lustig:

The 6ft 7in striker won top billing for a cheeky response to the question: “What would you be if you weren’t a footballer?”

The Spurs targetman replied: “A virgin.”

Auf die Frage, was er wäre (nicht: geworden wäre), wenn er nicht Fußballer wäre, hatte der nicht sonderlich attraktive Stürmer also geantwortet: (noch) Jungfrau.

Mit Dank an Matthias F.

Bild  

Der tote “Grand-Prix-Kandidat” von Seite 1

Mark Pittelkau, einer der Chefreporter der “Bild”-Zeitung und sowas wie ihr Grand-Prix-Beauftragter, ist bei dem von Stefan Raab organisierten deutschen Vorentscheid eine unerwünschte Person. Wenn das Blatt bei den Pressekonferenzen von “Unser Star für Oslo” dabei sein will, muss es einen anderen Vertreter schicken.

Das ist nicht gerade förderlich für eine faire oder gar freundliche Berichterstattung in “Bild”, aber die erwarten die Leute um Raab von der Zeitung im Allgemeinen und Pittelkau im Besonderen ohnehin schon lange nicht mehr.

Eine einschneidende Erfahrung liegt zehn Jahre zurück: Damals vertrat Stefan Raab Deutschland beim Song Contest in Stockholm. Einen Tag vor dem Wettbewerb veröffentlichte “Bild” einen Artikel, der laut Raab frei erfunden war. Pittelkau hatte unter anderem behauptet, dass zwei 16-Jährige Mädchen Raab in Stockholm mit den Worten “Hadder denn da wat, un wenn ja, was hadder da” in den Schritt gegriffen hätten und der Moderator zum Frühstück Gummibärchen esse – wegen der Potenz.

Vier Jahre später war Raab wieder beim Grand-Prix, diesmal als Komponist und Mentor von Max Mutzke. Er hatte — im Gegensatz zu RTL, das seine Kandidaten mit Haut und Haaren der “Bild”-Zeitung ausliefert — erkannt, dass er für den Erfolg nicht auf das Wohlwollen und große Schlagzeilen von “Bild” angewiesen ist. Die “Bild”-Zeitung versuchte die Veranstaltung zunächst weitgehend totzuschweigen. Doch dann kam Pittelkaus Kollege Christian Schommers mit einer Enthüllung:

Grand-Prix-Max als Zechpreller überführt

Ein türkischer Hotelier, bei dem er seine Rechnung trotz Mahnungen nicht bezahlt habe, erhebe “schwere Vorwürfe” gegen Mutzke.

Die Geschichte hielt keiner Überprüfung stand: Das vermeintliche Opfer selbst widersprach. Um eine Gegendarstellung zu vermeiden, bot “Bild” nach Angaben von Raabs Management 5000 Euro und freundliche Berichterstattung. Mutzke lehnte ab. Ein Gericht zwang “Bild” dazu, eine lange Gegendarstellung zu veröffentlichen.

Wer “Bild” kennt, weiß, dass ihre Berichterstattung eher von solchen Vorgeschichten und einer Sortierung nach Freunden (Dieter Bohlen) und Feinden (Stefan Raab) bestimmt wird, als von irgendwelchen journalistischen Kriterien.

Insofern ist es auch konsequent, dass das Blatt über die Sendung “Unser Star für Oslo” seit ihrem Start vor sechs Wochen zumindest bundesweit nicht berichtet hat.

Bis gestern:

Mark Pittelkau konnte exklusiv enthüllen, dass ein völlig unbekannter Mann, der sich als einer von Tausenden beim Casting für die Show beworben hatte und dessen misslungenes Vorsingen in einem kurzen Clip bei “TV Total” zu sehen war, im Urlaub in Thailand gestorben ist — für “Bild” die Nachricht des Tages. Online zeigte Bild.de ein Dutzend Fotos des unbekannten jungen Mannes, Urlaubsbilder und Aufnahmen von früheren Auftritten auf irgendwelchen Bühnen, erzählte detailverliebt und tränenreich, dass er auf der Rückreise von einem Urlaub in Australien war, wo er sechs Wochen lang war und einen Freund besucht hatte, der Karim heißt und “vor Jahren Europa den Rücken gekehrt hatte” — zufälligerweise exakt jenes Europa, in dem es einen Schlagerwettbewerb gibt, an dem sein Freund Bobby Donner gerne teilgenommen hätte!

Heute verriet Pittelkau in einem weiteren großen Artikel neue Details über das Drama dieses völlig unbekannten jungen Mannes: Todesursache sei eine verschleppte Herzmuskelentzündung gewesen, die Leiche soll nächste Woche nach Deutschland überführt werden, die Mutter hat schon ein Grab ausgesucht. Daneben auch diesmal wieder ein Foto von Stefan Raab, der Bobby Donner vermutlich nie getroffen hat. “Bild” hat den Toten posthum sogar zum “Grand-Prix-Kandidaten” befördert.

Fast könnte man Mitleid haben mit Mark Pittelkau. Womöglich hat er wochenlang nach Schmutz gewühlt, mit dem er Raab und sein verdammtes Casting bewerfen kann, irgendeine schlimme Geschichte, um den Mann schlecht aussehen zu lassen, wie damals bei Max Mutzke. Und alles, was er gefunden hat, ist, dass einer der viereinhalb Tausenden Bewerber Monate nach dem Vorsingen unter tragischen Umständen im Ausland gestorben ist? Und der Skandal besteht darin, dass der Clip, wie er sich beim Vorsingen blamiert, danach noch einen Tag lang auf den Internetseiten von “TV Total” zu sehen war? (Iinzwischen ist er dort verschwunden, aber stattdessen auf Bild.de zu sehen, was man ironisch finden kann oder konsequent.)

Aber so lächerlich und durchschaubar das Aufblasen dieser Geschichte ist — es ist nicht lächerlich genug, dass anderen Medien sie nicht besinnungslos abschreiben würden. Seiten wie Quotenmeter.de und die Internet-Ableger von “Focus”, “Abendzeitung”, “Hamburger Morgenpost”, “Augsburger Allgemeine” u.v.a. erzählen die Nicht-Geschichte nach. Der Online-Auftritt von “Gala” formuliert: “Kurz vor dem Halbfinale (8. März, 20.15 Uhr, Pro7) von ‘Unser Star für Oslo’ ist einer der Kandidaten der Stefan-Raab-Show gestorben” — als hätte es sich um einen der Kandidaten aus dem Halbfinale (am 9. März) gehandelt, was tatsächlich eine Nachricht gewesen wäre. Selbst dpa hat inzwischen eine Meldung zum Thema veröffentlicht.

So gesehen muss man mit Pittelkau wohl doch kein Mitleid haben. Und immerhin scheint seine Geschichte nicht erfunden zu sein. Das ist doch schon was.

Finanzkrise, Nackt-Proteste, Bolz

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Wachhunde oder Lemminge? Der Journalismus und die Finanzkrise”
(spiegelfechter.com, Jens Berger)
Jens Berger schreibt zur Studie “Wirtschaftsjournalismus in der Krise” (PDF-Datei). “Vor der Krise berichteten die untersuchten Publikationen meist unkritisch über die Finanzmärkte, Gegenmeinungen und Kritiker kamen kaum zu Wort und dem Konsumenten wurde ein tieferer Einblick in die Hintergründe der Finanzmärkte und der Finanzmarktpolitik verwehrt. Stattdessen dominierten die PR-Schablonen von Akteuren wie Banken, Managern oder Unternehmen beziehungsweise deren Interessengruppen die Berichterstattung.”

2. “Forschen nach Belieben: dpa erläutert Berichterstattung zur Finanzkrise”
(presseportal.de, Justus Demmer)
Die dpa bezieht sich auf die gleiche Studie und sieht darin “zahlreiche falsche und irreführende Behauptungen über die Berichterstattung der Deutschen Presse-Agentur dpa”. “Jedwede einordnende und hintergründige Berichterstattung der dpa” sei vollständig ignoriert worden. Aus den mehr als 2,5 Millionen Meldungen im Untersuchungszeitraum seien die “passenden” Passagen ausgewählt worden.

3. “BILD halluziniert von nackigen Protesten”
(nice-bastard.blogspot.com, Dorin Popa)
“Bild” schreibt über einen “Nackt-Protest in München”, der gar nicht stattgefunden hat.

4. “Umstrittene TV-Quizshows: Bundesgericht rügt Anbieter”
(sf.tv)
Ein Vertreter der Lotterie- und Wettkommission beurteilt ein Urteil des Schweizer Bundesgerichts zu Call-In-TV-Shows so: “Neu ist, dass es für den Teilnehmer jederzeit unmissverständlich klar sein muss, dass er die gleichen Gewinnchancen hat, wenn er gratis teilnimmt, als wenn er kostenpflichtig teilnimmt.” In einem Video (7:16 Minuten, teilweise Dialekt) kommen auch Opfer der Sendungen zur Sprache.

5. “Newspaper economics: online and offline”
(googlepublicpolicy.blogspot.com, Hal Varian, englisch)
In einem Blogeintrag analysiert Google die Verluste der Zeitungsindustrie und stellt einen Durchschnitt von 70 Sekunden fest, den Leser durchschnittlich auf ihren Online-Angeboten verbringen. “There’s a reason for the relatively short time readers spend on online news: a disproportionate amount of online news reading occurs during working hours.”

6. Interview mit Norbert Bolz
(tv.rebell.tv, sms, Video)
Stefan M. Seydel redet mit Medienwissenschaftler Norbert Bolz über den Unterschied zwischen den Begriffen “aktuell” und “virtuell”, über Identität und über das Denken an den Unis: “Ich erwarte mir Denken eigentlich nicht an Universitäten, sondern an anderen Orten, vielleicht in einer Schwarzwaldhütte.”

Verkaufsfördernder Medizin-Journalismus

Manchmal stellt sich der Presserat aber auch an. Jetzt hat er eine Zeitschrift mit dem leicht pleonastisch klingenden Titel “Gesunde Medizin” gerügt, weil darin Produkte wie sogenannte “Job-Strümpfe” detailliert vorgestellt wurden, obwohl es daran “kein öffentliches Interesse” gebe.

Pah. Dabei waren die “Job-Strümpfe” doch nur Thema in der regelmäßigen Rubrik “Leser-Test” der “Gesunden Medizin”. Dabei kann sich jeder bewerben, ein vorgestelltes Produkt zum Ausprobieren nach Hause zu bekommen, in diesem Fall Stützstrümpfe von der Firma Varilind. Die Redaktion zitiert dann ihre Urteile, das liest sich etwa so:

Frank Hessberger aus Neuberg berichtete: “Schon beim Auspacken hatte ich das Gefühl, ein hochwertiges Produkt in den Händen zu halten.” Ellen Wagner aus Langenselbold gefielen die Strümpfe sofort wegen der feinen Struktur des Materials. Sabine Glassen aus Hanau erinnert sich an den Duft, der beim Öffnen der Packung entströmte.

Aber es fallen keineswegs alle Urteile positiv aus. Zwischen vielen euphorischen Sätzen finden sich auch Bemerkungen wie diese:

Sigrid Wegener aus Göttingen fiel sofort die breite Zehenspitze auf, außerdem fühle sich das Baumwollgemisch für sie zu synthetisch an.

Ergänzt wird das Urteil der Amateurtester über die Varilind-Strümpfe durch eine “Expertenmeinung”. In diesem Fall kommt sie von Dipl. Kfm. Heiko Michel. Er sagt: “Durch den hohen Baumwollanteil sind die Strümpfe hautfreundlich und atmungsaktiv, der stufenlose Druckverlauf unterstützt die Venen, ohne die Beine einzuschnüren.” Heiko Michel muss es wissen. Er ist Projektleiter Varilind bei der Paracelsia Pharma GmbH.

Der Presserat urteilte über “Gesunde Medizin”, die Zeitschrift hätte “gleich mit mehreren Beiträgen die Grenze zur Schleichwerbung überschritten”. Das ist ein schöner Euphemismus. Denn in Wahrheit macht sie den Eindruck, dass genau das ihre Aufgabe ist. Und dabei geht es nicht nur um “Genießertipps” wie die Nachrichten, dass es jetzt eine neue Sorte einer bestimmten Schokoladenmarke (“ein einzigartiges Geschmackserlebnis”) oder neue Antipasti-Spezialitäten (“ein echter Gaumenschmaus”) gibt. Die “Redaktion” von “Gesunde Medizin” hat sich ein cleveres System ausgedacht, um scheinbar seriös die Verkaufszahlen ihrer Werbepartner anzukurbeln.

Da steht dann zum Beispiel auf einer Doppelseite ein großer Artikel von Dr. Michaela Döll mit Tipps gegen Verdauungsbeschwerden:

Interessant ist in diesem Zusammenhang der Frischpflanzen-Presssaft aus den Artischockenblütenknospen, der auf seine Wirksamkeit bei Verdauungsbeschwerden hin untersucht wurde. (…) Nach einer dreimonatigen Anwendungsdauer waren die Beschwerden bei den Studienteilnehmern sogar um 80 Prozent zurück gegangen.

Ein großer Vorteil der Frischpflanzen-Presssäfte besteht darin, dass in ihnen der gesamte Wirkstoffring der frischen Pflanze enthalten ist, wobei darauf geachtet werden sollte, dass dieser frei von Zusatzstoffen (z. B. Konservierungsmittel) und Alkohol ist. Außerdem sollten die verwendeten Pflanzen aus biologischem Anbau stammen.

Und daneben steht, brav als “Anzeige” gekennzeichnet, Werbung für “naturreinen Heilpflanzensaft” aus der Artischocke von der Firma Schoenenberger, “mit der GANZEN KRAFT der frischen Pflanze!” und einem kleinen “Bio”-Logo.

Ein andermal informiert dieselbe Dr. Michaela Döll darüber, wie sinnvoll es ist, “das Abnehmen mit entgiftenden Maßnahmen zu unterstützen”:

So fördert beispielsweise der Frischpflanzensaft aus der Artischocke die Produktion von Gallensäften und leistet einen wertvollen Beitrag zur Fettverdauung. Die im Zuge der Gewichtsreduktion gelösten Abfallstoffe und Schlacken können unter der Anregung der Nierenfunktion – z. B. mit Hilfe von Brennnesselsaft – besser aus dem Körper ausgeschieden werden. Kartoffelsaft neutralisiert überschüssige Säuren und hilft dabei, das gestörte Säure-Basen-Gleichgewicht wieder herzustellen. Sinnvoll ist die Kombination der genannten Frischpflanzensäfte mit vitalstoffreichen Gemüsesäften (z. B. Tomaten- oder Karottensaft), die – kurmäßig angewandt, zusammen mit einer gesunden Vollwertkost – nicht nur die Pfunde purzeln lassen, sondern sich auch geschmacklich gut mit den genannten Frischpflanzensäften vertragen.

Und wir notieren uns, was wir laut “Gesunde Medizin” zum Abnehmen brauchen: Artischocke, Brennnessel, Kartoffel, Tomate — und werfen, bevor wir einen Großeinkauf beim Gemüsehändler starten, schnell noch einen Blick auf die Werbung der Firma Schoenenberger für ihre “Schlankheits-Kur” unmittelbar rechts daneben:

Ja: “FasToFit” ist Tomatensaft. Woher wussten Sie?

(Sie müssen, um die informativen Ratgeber dieser Frau Dr. Michaela Döll zu lesen, übrigens nicht die zwei Euro investieren, die die vermeintliche Gesundheitszeitschrift kostet. Die Texte stehen auch kostenlos im Internet. Auf den Seiten der Firma Schoenenberger, unter der Rubrik “Aktuelles zu Schoenenberger”.)

So und so ähnlich informiert die Zeitschrift “Gesunde Medizin” also ihre Leser. Sie erscheint im PACs-Verlag. “PACs” steht für “Gesellschaft für Promotion, Advertising & Communication Services”. So gesehen ist die Rüge des Presserates ebenso zwingend wie niedlich.

Mediagazer, Podolski, Szenemenschen

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Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Die Rettung der A-Klasse”
(sprengsatz.de, Michael Spreng)
Michael Spreng, ehemaliger Chefredakteur der “Bild am Sonntag”, erinnert sich an die Machtspiele bei der Wahl zum “Goldenen Lenkrad” 1997.

2. “Profil ist mehr als ein Social-Media-Account”
(beibrechtels.posterous.com, Detlev Brechtel)
Detlev Brechtel bekommt Ausschlag vom Wort “Qualitätsjournalismus” und will mehr Autoren lesen. “Die größte Bedrohung der Printmedien sind die Printmedien selbst.”

3. Interview mit Nadia al-Sakkaf
(diepresse.com, Jutta Sommerbauer)
Die Chefredakteurin der “Yemen Times” über die Pressefreiheit im Jemen: “Mal kannst du etwas schreiben, mal wieder nicht. Das ist sehr vage und hängt von der Stimmung der Behörden ab. Wenn wir etwas schreiben, dann ist es wie bei einem Glücksspiel.”

4. “Mediagazer: Techmeme für Medien”
(neunetz.com, Marcel Weiß)
Mit Mediagazer startet in den USA ein “Memetracker zu (US-)Medienthemen”.

5. “Hau den Lukas!”
(magda.de, Michael Schophaus)
Ein Interview mit dem Fußballer Lukas Podolski zu führen ist kein einfaches Unterfangen. Michael Schophaus berichtet von einem Rekord für die Ewigkeit. “49 Fragen in 38 Minuten, dananch schickte ihn sein Berater zum Essen nach Hause.”

6. “Der Berliner Szenemensch”
(spreeblick.com, Sara Chahrrour)
Sara Chahrrour klärt auf über den Szenemensch in Berlin: “Merke: alles ist ironisch gemeint. Und wenn man etwas mal gut finden sollte, dann findet man es eigentlich schlecht. Und andersherum.”

Die gekaufte Weihnacht und andere Rügen

Erinnern Sie sich an das traurige Weihnachts-Sparfestessen im “Gong”, das mit plumper Werbung für Produkte der Firma Unilever versetzt war? Das hat auch dem Presserat nicht geschmeckt. Er hat die einstmals renommierte Fernsehzeitschrift wegen dieser Schleichwerbung gerügt.

Insgesamt zwölf Rügen sprachen die Beschwerdeausschüsse jetzt aus. Gleich drei davon richteten sich gegen den Missbrauch von Fahndungsfotos durch Boulevardmedien. Die Polizei hatte jeweils Bilder von Verbrechensopfern herausgegeben, um ihre Identität zu klären. Die Online-Ableger von “Express” und “Bild” veröffentlichten die Aufnahmen von den Leichen aber auch nach dem Ende der Fahndung erneut, teils mehrfach.

In einem Fall ging es um eine geistig behinderte Frau, die grausam ermordet worden war und deren Foto Bild.de zusammen mit Details über den Zustand der zerstückelten Leiche und Einzelheiten aus ihrem Privatleben erneut veröffentlichte. Zusätzlich “unangemessen sensationell” fand der Presserat, dass Bild.de in einem anderen Fall die Leiche einer Jugendlichen wiederholt zeigte (BILDblog berichtete). Ebenso urteilte der Presserat über die Entscheidung von express.de, ein Foto, bei dem man der Leiche “unmittelbar ins Gesicht” blicke, auch nach dem Ende der Fahndung noch einmal zu zeigen.

Der Online-Ableger des Berliner Boulevardblattes “B.Z.” erhielt eine Rüge, weil er die Persönlichkeitsrechte eines jungen Mannes verletzt hatte. Er war im vergangenen Jahr festgenommen worden, weil er verdächtigt wurde, Autos angezündet zu haben. In einer Fotostrecke zeigte die “B.Z.” online Bilder von der Festnahme und nannte diverse Details aus seinem Privatleben. Allein die Tatsache, dass der Vater des Jungen Kommunalpolitiker sei, mache den Verdächtigen nicht zur Person der Zeitgeschichte, urteilte der Presserat. Dass die “B.Z.” anderer Meinung ist (insbesondere vermutlich, wenn es sich um einen Politiker der Linken handelt), demonstrierte eindrucksvoll ihre Titelseite zum Thema (siehe links).

Einen Verstoß gegen die Menschenwürde sah der Presserat in einem Witz, den die Satirezeitschrift “Titanic” in ihrer Online-Ausgabe über den Eisenbahn-Suizid des Torwartes Robert Enke riss. Das Foto zeigt einen Lokführer mit der in “Bild”-Typographie gesetzten Schagzeile: “Jetzt meldet sich der Zugführer zu Wort: ‘Ich habe Enke überlistet!'” Es handele sich dabei nicht um Satire, die auch drastisch, überspitzt und polemisch sein dürfe, sondern um das “reine Spiel mit den Gefühlen der Angehörigen und der Bahnführer, die von einem solchen Geschehen ebenfalls traumatisiert werden”, urteilte der Presserat und sprach eine Rüge aus.

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