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Kachelmann, Klima, Karfreitag

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Kachelmann 2. Tag”
(blog.tagesschau.de, Kai Gniffke)
Wie schon am Montag schreibt Kai Gniffke, warum der Vergewaltigungsverdacht gegen Jörg Kachelmann nicht in der Tagesschau auftaucht. Von “Bild”, die ihn für ein Interview mit zahlreichen Fragen konfrontierte, brauche er “keine Nachhilfe in Bezug auf verantwortungsvollen Journalismus, sicher nicht.”

2. “Das ganze verdammte Mediending”
(kaliban.de, Gunnar Lott)
Gunnar Lott ist zunehmend gelangweilt von “Qualitätsmedien”, die “Nicht-Nachrichten, die zudem jeder hat”, durchhecheln. “Je häufiger die atemlos eine Sau durchs Dorf treiben, die nächste Woche wieder komplett vergessen ist, desto weniger bin ich bereit, denen mein Geld oder meine Aufmerksamkeit zu widmen.”

3. “blöde klima-panikmache”
(benkoe.ch, Thomas Benkö)
“Bild” gibt dem durch den Mensch verursachten Klimawandel die Schuld am Verschwinden der kleinen South Talpatti Island. Thomas Benkö sieht das anders: “wind und wasser haben eine insel erschaffen, wind und wasser haben sie wieder verschwinden lassen.”

4. “Frühlingserwachen der Zecken-Experten”
(gesundheit.blogger.de, hockeystick)
Auch diesen Sommer wird es wieder Zecken geben. Trotz oder wegen des harten Winters.

5. “Fernsehen am Krawallfreitag”
(fernsehkritik.tv)
Ein Text zum Wandel des Fernsehprogramms am Karfreitag: “Manch einer mag meine Kritik als altbacken und nicht mehr zeitgemäß betrachten. Zumindest ein solch religiöser Feiertag sollte aber vom Zeitgeist abgekoppelt sein. Und selbst für Atheisten kann es doch durchaus mal angenehm sein, wenigstens an einem Tag des Jahres ein leiseres und nachdenklicheres Fernsehprogramm zu sehen.”

6. “Die Presse schiebt 150 % ab”
(kobuk.at, Hans Kirchmeyr)
Eine Kurzmeldung in der österreichischen Tageszeitung “Die Presse”.

Eine Meldung für die Saure-Gurkhas-Zeit

Seit gestern macht eine Meldung die Runde:

Filmemacher Matthew Vaughn hat genug von irren Stalkern: Schiffer-Ehemann: Elite-Soldaten schützen meine Familie!

Claudia Schiffer + Matthew Vaughn: Gurkha-Kämpfer zum Schutz vor Stalkern. Nachdem Claudia Schiffer und Matthew Vaughn immer wieder unschöne Begegnungen mit Stalkern hatten, lässt sich das Paar seit einigen Jahren von einer Gruppe nepalesischer Ex-Soldaten schützen

Claudia Schiffer: Ihr Mann hat Angst um sie

Verbrechensprävention: Ex-Soldaten beschützen Claudia Schiffer

Mittwoch, 24. März 2010: Claudia Schiffer wird von Elite-Soldaten bewacht

Claudia Schiffer: Elitesoldaten als Leibgarde. Claudia Schiffer geht nur noch in Begleitung von nepalesischen Elitesoldaten aus dem Haus. Ihr Ehemann hat so große Sorge um seine Frau, dass er die "trainierten Killer" engagiert hat.

Leibwache: Claudia Schiffer wird von Elite-Soldaten geschützt. Topmodel Claudia Schiffer wird sehr gut bewacht. Ihr Mann Matthew Vaughn ist so um das Wohl der Familie besorgt, dass er Gurkhas – eine nepalesische Sondereinheit der britischen Armee – angeheuert hat. „Sie sind großartige Leute. Und sie sind trainierte Killer", sagte der britische Filmemacher.

Schiffers Ehemann heuert trainierte Killer an

Die Information mit den Ex-Soldaten haben die meisten Medien von der Deutschen Presse-Agentur, die dieses Detail aus einem eher umfangreichen und thematisch vielschichtigen Interview destilliert hat, das Claudia Schiffers Ehemann Matthew Vaughn der britischen “Sun” gegeben hat.

Allerdings hat dpa auch noch selbst etwas recherchiert:

Schiffers Sprecherin bestätigte der dpa am Mittwoch in London, dass die Gurkhas “seit langem” zum Personal der Familie gehören.

Um dieses “seit langem” genauer zu quantifizieren, hätten dpa oder Teile der weiter verbreitenden Medien nur einen Blick in ihre eigenen Archive werfen müssen:

28.12.2004 Vorsichtiges Model: Elitesoldaten bewachen Claudia Schiffer

28. Dezember 2004, 15:21 Uhr Personenschutz: Nepalesen wachen über die Schiffers

Claudia Schiffer (34), Supermodel, und Ehemann Matthew Vaughn (33) setzen beim Personenschutz einen neuen Trend. Nach einem Bericht des "Daily Mirror" hat das Paar zur Bewachung britische Gurkhas angeheuert. Die zur britischen Armee gehörenden Eliteeinheiten aus Nepal sind für ihre Unerschrockenheit bekannt. Schiffer-Freundin Madonna soll so beeindruckt gewesen sein, daß sie die Ex-Soldaten auch für ihren Schutz einsetzen will.

Claudia Schiffer holt sich die härtesten Bodyguards der Welt

Claudia Schiffer heuert Elite-Soldaten an: Gurkhas schützen ihr Haus

Andererseits wäre bei so einem Gang ins Archiv vielleicht aufgefallen, dass es eigentlich keinen Grund für die jetzige Meldung gab.

Mit Dank an Judeth.

Bis sich die Balken färben

Es ist weder inhaltlich noch optisch erfreulich, das Balkendiagramm, das das Bundesinnenministerium gestern über die Entwicklung politisch motivierter Kriminalität bis zum Jahr 2009 veröffentlicht hat:

Grafik über die politisch motivierte Kriminalität zwischen 2001 und 2009

Zumindest aus ästhetischer Sicht ist es daher zu begrüßen, dass die “Berliner Morgenpost” selbst noch einmal graphisch aktiv geworden ist. Herausgekommen ist nicht ein Diagramm, nicht zwei, sondern gleich derer drei.

Sie befinden sich bei Morgenpost.de hintereinander in einer Bildergalerie, zum besseren Vergleich haben wir sie mal in in eine Animation gepackt:

Versuche von Morgenpost.de, eine Grafik über die politisch motivierte Kriminalität zwischen 2001 und 2009 zu erstellen

Welche Grafik jetzt stimmt (und welche Bildunterschrift zur richtigen Grafik passt), das muss der Leser selbst herausfinden.

Die richtige Antwort lautet: Bild 2.

(Zeile markieren, um die Lösung zu sehen.)

Mit Dank an Michael M.

Wider die wirren Währungswürdigungen!

“Wir widersetzen uns allen Ländern, die sich an gegenseitigen Schuldzuweisungen beteiligen oder starke Maßnahmen ergreifen, andere dazu zu zwingen, ihre Währung zu würdigen.”

Das soll der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao laut “Hamburger Abendblatt” und “Spiegel Online” gesagt haben.

Man muss kein Experte in Finanzpolitik sein, um zu merken, dass dieser Satz sprachlich schlampig und inhaltlich großer Unsinn ist. Doch wirr ist in diesem Fall nicht Wen Jiabao, sondern lediglich die unqualifizierte Übersetzung des Deutschen Auslands-Depeschendienstes (DAPD). In der englischen Version liest sich Wens Aussage deutlich weniger wirr, da sagt der chinesische Ministerpräsident nämlich lediglich:

“We oppose countries pointing fingers at each other and even forcing a country to appreciate its currency.”

(“Wir lehnen es ab, dass Staaten sich gegenseitig die Schuld geben und sogar einen Staat zwingen, seine Währung aufzuwerten.”)

So bleiben schon deutlich weniger Fragen — außer vielleicht, warum “Spiegel Online” und das “Hamburger Abendblatt” so einen offensichtlichen Unfug weiterverbreiten.

Nachtrag/Korrektur, 17.08 Uhr: “Spiegel Online” hat den Fehler mittlerweile korrigiert, dabei allerdings einen Fehler von BILDblog übernommen. Denn natürlich muss es in der deutschen Übersetzung “und” heißen, wo im Englischen “and” steht, nicht “oder”. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen, haben ihn nun korrigiert und bedanken uns bei den zahlreichen Hinweisgebern.

Dauerstagnation, Newsroom, Drogen

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1. “Die Bild-Zeitung und die Masters-Tickets”
(linksgolfer.blogger.de, Rüdiger Meyer)
“Ticket-Preise für Masters-Turnier verzwölffacht”, titelt “Bild”. Tatsächlich sind die Ticketpreise für dieses Golfturnier schon lange so hoch: “Die richtige Schlagzeile hätte also gelautet: ‘Ticketpreise fürs Masters-Turnier um 10% gestiegen’. Aber das wäre der Bild sicher nicht reißerisch genug gewesen.”

2. “Die Rückkehr der analogen Ritter”
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Viele Printredaktionen würden sich heute “erstarrt, verstaubt, irrelevant” präsentieren. “Auf den Gedanken, dass sie an ihrer Dauerstagnation selbst schuld sind und dass sich viele Leser/Zuschauer auch deswegen von ihnen abgewendet haben, weil sie den Charme und den Esprit einer Krankenversicherung ausstrahlen, sind sie bis heute nicht gekommen. Internet, böses. Blogger, doofe.”

3. “Warum Online-Werbung wichtig fürs Web ist”
(spiegel.de, Frank Patalong)
Frank Patalong über die Nutzung von Werbeblockern: “Je medienaffiner die Nutzer sind, desto häufiger setzen sie Blocker ein. Es sind also die Nutzer mit dem größten Interesse und Verständnis für Inhalte, die den meisten Schaden verursachen.”

4. “Spannende Recherche im Netz”
(verdi.de, Christiane Schulzki-Haddouti)
Ein Text über die Daten, die Staaten zur Verfügung stellen. “Deutsche Journalisten können die Entwicklung in der angelsächsischen Welt nur mit Wehmut betrachten. Basis sind nämlich verschiedene Informationszugangsrechte, die dort ganz andere Dimensionen haben als in Deutschland.”

5. “Newsroom”
(hossli.com, Peter Hossli)
Eine ausführliche Reportage aus den neuen Redaktionsräumen der “Blick”-Gruppe des Ringier-Verlags. Der Newsroom alleine kostete 7 Millionen Franken (=4.9 Millionen Euro), dafür nutzt seine Heizung auch die “Temperaturunterschiede des Zürichsees”. “Reporter dürfen nicht mehr am Computer essen. Pflanzen gibt es keine. Die Räume sind klimatisiert, die Kaffeemaschinen mit Touchscreens versehen.”

6. “Newspapers are the biggest threat to the nation’s mental wellbeing”
(guardian.co.uk/commentisfree, Charlie Brooker, englisch)
Charlie Brooker beschreibt seine Drogenerfahrungen und kommt auf die Droge Zeitung zu sprechen. “Unfortunately, facts are expensive, so to save costs and drive up sales, unscrupulous dealers often ‘cut’ the basic contents with cheaper material, such as wild opinion, bullshit, empty hysteria, reheated press releases, advertorial padding and photographs of Lady Gaga with her bum hanging out.”

Neon, NDR, Product Placement

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1. “Erfundene Star-Interviews bei ‘Neon'”
(faz.net)
Die Zeitschrift “Neon” stellt ihren Autor Ingo Mocek per sofort frei, weil Zweifel an der Echtheit von Interviews bestehen, die er mit Beyoncé Knowles, Slash, Christina Aguilera, Snoop Doggy Dog und Jay-Z geführt haben soll.

2. “Neuer Verdacht beim NDR”
(tagesspiegel.de)
Die Staatsanwaltschaft Kiel ermittelt gegen einen NDR-Mitarbeiter: “Der Beschuldigte soll von mindestens einer Firmengruppe Geld dafür erhalten haben, dass er ihr Sendezeiten im Fernsehen verschaffte oder sich dazu bereiterklärte.”

3. “Praktische Product Placement-Regeln”
(dwdl.de, Jochen Voß)
Privatsender dürfen ab April gegen ein Entgelt Produkte in ihren Unterhaltungssendungen platzieren. “Sofern in einer Sendung eine bezahlte Produktplatzierung enthalten ist, muss mit der Einblendung eines entsprechenden Logos darauf hingewiesen werden. Die Sendungen müssen am Anfang, am Ende nun nach einer Werbepause gekennzeichnet werden.”

4. “Sie sind umzingelt!”
(merkur.de, Antje Hildebrandt)
Antje Hildebrandt schreibt über den Journalimus von “Bild” und “Bunte”. “Weder die ‘Bild’-Story über die trunkene Autofahrt noch die Schlafzimmer-Reporte der ‘Bunten’ haben das Vertrauen in den Journalismus gefördert. Im ersten Fall bleibt der Verdacht, dass entweder Polizisten geplaudert oder Leserreporter Jagd auf Hannovers prominenteste Bürgerin gemacht haben. Der zweite Fall rückt die Recherche, Kerngeschäft des Journalismus, in die Nähe geheimdienstlicher Ermittlungsmethoden. ”

5. Interview mit Wolf Schneider
(meedia.de, Christine Lübbers)
Wolf Schneider findet, dass sich Blogger mehr Mühe geben und nicht einfach das aufschreiben sollten, was ihnen zuerst in den Sinn kommt.

6. Interview mit André Müller
(diepresse.com, Christian Ultsch)
Der selbst als Interviewer bekannte André Müller gibt ein Interview: “Mich interessiert meine Geliebte, weil von ihr bin ich existenziell abhängig. Sonst interessiert mich als Mensch kaum jemand. Ich mache das Interviewen ausschließlich zum Geldverdienen. Und da muss ich mir Leute aussuchen, die man verkaufen kann.”

Netzeitung, Pechstein, Afghanistan

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1. “Kopieren wird belohnt”
(blog.zeit.de/kulturkampf, Tina Klopp)
Tina Klopp über eine Studie zur Online-Berichterstattung verschiedener US-Medien, “von der New York Times über AFP bis zur Gadget-Seite Gizmodo”: “Von 121 Reportern investierten 100 ihre Energie einzig, um die gleiche Geschichte noch einmal zu erzählen, obwohl es ein Link zu der Ursprungs-Story auch getan hätte.”

2. “Der Niedergang der Netzeitung”
(meedia.de, Jens Schröder)
Die von einer Redaktion mit zwölf Journalisten auf Aggregationsbetrieb umgestellte “Netzeitung” findet nur noch etwa einen Viertel der vorherigen Aufmerksamkeit.

3. “Deutungskampf um Pechstein”
(ndr.de, Video, 6:45 Minuten, Sinje Stadtlich)
An einer Pressekonferenz erklären Mediziner, wie es zu den Blutwerten der Eisschnellläuferin Claudia Pechstein kam. Die Journalisten stehen den komplizierten Fachausdrücken einigermassen ratlos gegenüber.

4. “6 Subtle Ways The News Media Disguises Bullshit As Fact”
(cracked.com, C. Coville, englisch)
Sechs journalistische Kniffe, um Fakten vorzutäuschen.

5. “The Top Ten Works of Journalism of the Decade”
(journalism.nyu.edu, englisch)
Online verlinkte Nominierungen für die zehn besten Werke im US-Journalismus der Jahre 2000 bis 2009.

6. “Sterben für Afghanistan”
(zdf.de, Video, 44:05 Minuten, Stefan Aust und Claus Richter)
Ein Film von Stefan Aust und Claus Richter, der die Situation von Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan zeigt und die Bemühungen der Politik, diese nicht als Krieg darzustellen. Siehe dazu auch “Sergej, das ist Krieg” (faz.net, Michael Hanfeld).

Bratwurst, Kessler, Tatort

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1. “So täuschen TV-Quizshows die Teilnehmer”
(sf.tv, Video, 9:35 Minuten, teilweise Dialekt)
Die Sendung “Kassensturz” analysiert zusammen mit einer Zuschauerin einen Fall in einer Call-In-Sendung akribisch, rätselt mit um eine scheinbar nicht auflösbare “Bratwurst”, vergleicht die Stimmen verschiedener Anrufer miteinander und zählt das in einer Geldwanne aufgefangene Geld.

2. Interview mit René Grossenbacher
(nzz.ch, Rainer Stadler)
Medienforscher René Grossenbacher über die Nennung von Quellen: “Es gibt eine Tendenz im Journalismus, zu verschleiern, dass die meisten Nachrichten von Interessengruppen und ihren PR-Apparaten aktiv an die Medien herangetragen werden.”

3. “Journalistische Mängel”
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Die Kommission für Zulassung und Aufsicht der Landesmedienanstalten beanstandet die Sender Sat.1, 9Live und DSF.

4. Interview mit Michael Kessler
(medien-monitor.com, Tobias Jochheim)
Michael Kessler spricht über Medienkritik (auch auf YouTube): “Ich will eine Nachricht so objektiv wie möglich einfach nur berichtet bekommen. Denn meine Meinung bilde ich mir dann selber. Ich brauche keinen Nachrichtensprecher, der mir das vorgibt und sagt: ‘Das war ja gerade ganz mies.'”

5. “Der sedierte Zuschauer”
(meedia.de, Stefan Winterbauer)
Stefan Winterbauer bespricht den jüngsten Tatort, “ein Paradebeispiel für das Qualitäts-Missverständnis bei der ARD-Vorzeigereihe”.

6. “Get To Know An Internet Commenter”
(mcsweeneys.net, Kevin Collier, englisch)
“Kevin Collier searches the Internet for people who comment a lot, then copies and pastes a fair representation of their output.”

Perlen vor die Geisterhunde

Sie haben die Nachricht sicher gehört, die das britische Königshaus und die Welt erschüttert: Otto, der schwarze Cocker-Spaniel von Kate Middleton, hat ein Paar Ohrringe gefressen, das Prinz William seiner Freundin zum Geburtstag geschenkt hatte.

Die britische Boulevardzeitung “Mail on Sunday” enthüllte das Drama am vorvergangenen Sonntag auf ihrer Titelseite. Der “Daily Telegraph” kopierte die Informationen und Zitate in sein Internet-Angebot und die gedruckte Ausgabe am nächsten Tag. Von dort übernahm sie die deutsche Nachrichtenagentur dpa und sorgte dafür, dass neben zahlreichen OnlineMedien auch “Berliner Zeitung” und “Tagesspiegel” ein paar Tage später ihre Leser über das Ereignis informieren konnten.

Der Ursprungsartikel der “Mail on Sunday” beschreibt unter Berufung auf einen anonymen “Freund” in großer Detailfreude, wie plötzlich die sehr, sehr wertvollen Schmuckstücke vom Nachttisch verschwunden waren und dass Kate Middleton ihren Otto verdächtigte, sie gefressen zu haben. Sie sei daraufhin immer wieder mit ihm Gassi gegangen, bis die Ohrringe auf natürlichem Weg wieder ans Tageslicht kamen — allerdings völlig zerkaut.

Es ist eine tolle Geschichte, wäre da nicht ein lästiges Detail: Kate Middleton hat gar keinen Hund.

Die “Mail” hat inzwischen vage eingeräumt, dass ihr Artikel Fehler enthalte, und ihn von ihrer Internetseite entfernt — “aus Höflichkeit”. Auch der “Daily Telegraph” behauptet zumindest nicht mehr, dass es Otto gewesen sei, sondern, wenn überhaupt, dessen Hundeschwester Ella, die Kate Middletons Familie gehöre.

Die “Mail” will ihren Artikel der für Prinz William zuständigen Pressestelle des Königshauses vorgelegt haben, die ihr aber keinen Wink gegeben habe, dass die Geschichte unwahr sei. Vermutlich haben die Pressesprecher der Zeitung nur dasselbe gesagt wie der dpa: kein Kommentar. Und obwohl das offenbar die Standard-Antwort ist auf Anfragen, die Kate Middleton betreffen, scheint auch dpa die Nicht-Antwort als praktisches Indiz genommen zu haben, dass eine Geschichte ohne vertrauenswürdige Quelle, aber ohne Dementi, schon stimmen wird — obwohl sich auf Nachfrage von BILDblog herausstellt, dass auch bei der Nachrichtenagentur niemand weiß, ob Kate Middleton überhaupt einen Hund hat, geschweige denn, was für Schmuck er so frisst.

Das allerdings ist nichts gegen die Meldung, die das Nachrichtenmagazin “Bunte” in seinem Online-Ableger veröffentlichte. Die Kollegen nutzen freie Recherchekapazitäten von ihrer eigentlichen Arbeit als Staatsaffären-Enthüller ja gelegentlich, um Klatschgeschichten nachzugehen. Und sie erfanden auf der Grundlage des “Mail on Sunday”-Märchens in der “Daily Telegraph”-Version einfach ihre eigene Lügengeschichte, verlegten den Vorfall von Januar in die Gegenwart und verzichteten auch auf die eklige Episode vom Durchsuchen des Hundekots: Bei bunte.de werden die Ohrringe nur durchgekaut, aber nicht heruntergeschluckt. Und damit es zu ihrer Version der Ereignisse passt, machten die “Bunte”-Leute aus dem Original-Zitat Prinz Williams, Kate müsse halt einfach warten, bis der Schmuck hinten wieder rauskommt, kurzerhand einen Konjunktiv: Kate hätte doch einfach warten sollen, bis der Schmuck hinten wieder rauskommt.

Anderseits: Warum soll man bei einer Geschichte, die eh falsch ist, bei der “Wahrheit” bleiben?

Mit Dank an “Tabloid Watch”.

Perlentaucher, Bunte, Sport-Tag

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1. “Fantasie über die Zukunft des Schreibens”
(perlentaucher.de, Thierry Chervel)
Der “Perlentaucher” wird 10 Jahre alt und liest dazu einen Artikel über Amazon in der “Süddeutschen Zeitung” von 2001: “Schon heute dürfte Amazon in die Netz-Geschichte als eines der am stärksten überschätzten Unternehmen eingehen, ein Riesenbluff, der im Vertrauen auf den steigenden Aktienkurs wirtschaftete und die Aktionäre nicht mit Bilanzen versöhnte, sondern mit den Anekdoten und dem ansteckenden Lachen des Firmengründers Jeff Bezos.”

2. Interview mit Thierry Chervel
(meedia.de, hs)
Thierry Chervel wundert sich, warum nur so wenige Journalisten ins Internet drängen. “Als wir den Perlentaucher gegründet haben, dachten wir, da tut sich ein riesiges Pionierland auf und alle Journalisten werden sich darauf stürzen, um sich aus den traditionellen Hierarchien zu lösen. Am Ende standen wir dann ein bisschen alleine da.”

3. “‘Bunte’ bringt falschen Oscar auf den Titel”
(wuv.de)
Auf der Titelseite der aktuellen Ausgabe der “Bunte” prangt eine “Goldene Spectra”, eine Auszeichnung, die die Zeitschrift “jede Woche in ihrer Print-Kolumne ‘Die Bunte-Woche’ selbst vergibt”. Illustriert wird damit die Geschichte “Oscar-Gewinner Christoph Waltz – Unser neuer Weltstar”.

4. “Augen zu statt gerade aus beim ‘Focus'”
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
“Print-Häuser sollten sich jene Redakteure schnappen, die in einem besonderen Bereich besonderes Wissen und besondere Leidenschaft entwickelt haben. Denn sie sind es, die ihre Redaktion von anderen unterscheidet. Sie sind es, die motivierter sind.”

5. Interview mit Ai Weiwei
(dradio.de, Liane von Billerbeck)
Der chinesische Künstler Ai Weiwei verteidigt die Möglichkeiten des Internets: “Sie können im Westen durchaus skeptisch gegenüber den Möglichkeiten des Bloggens, des Internets sein, aber im Osten sieht die Lage ganz anders aus. (…) Das Bloggen ist für uns ein Lichtstrahl in einem vollständig dunklen Zimmer und deshalb schätzen wir es auch so stark. Wir hängen sogar davon ab.”

6. Interview mit Michael Hahn
(tagesspiegel.de, Lucas Vogelsang)
Michael Hahn, Verleger der neu erscheinenden täglichen Sportzeitung “Der Sport-Tag”, hegt keine Zweifel am Zeitungsgeschäft. “Und ich kann Ihnen versichern, dass nicht einmal meine Enkel in der U-Bahn von iPad-Menschen umgeben sein werden. Das garantiere ich Ihnen, auch wenn es vielleicht nicht in Ihr Weltbild passt.”

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