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Schleichwerbung auf Rezept

Im Frühjahr ist die einstmals renommierte Fernsehzeitschrift „Gong“ vom Presserat dafür gerügt worden, dass die Rezepte ihres großen Weihnachtsmenus durchsetzt waren mit Hinweisen auf Produkte der Firma Unilever (BILDblog berichtete). Noch trauriger als die Schleichwerbung an sich ist allerdings der Versuch der Rechtsabteilung der „WAZ“-Gruppe, sie zu rechtfertigen. Der Presserat fasst ihre Stellungnahme so zusammen:

[…] man habe durch die Reaktion von Lesern festgestellt, dass bei der Verwendung spezieller Zutaten eine redaktionelle Produktempfehlung gewünscht sei. Insofern habe man durch die Nennung konkreter Produkte das Informationsinteresse des Lesers bedient. Dies betreffe maßgeblich die Empfehlung von Produkten wie „Suppenliebe Hühnersuppe“, „Cremefine“ und „Fix für Nudel-Mozzarella-Gratin“. Der Leser könne aufgrund dieser Hinweise erkennen, welche Art von Zutat Verwendung gefunden habe. Gegebenenfalls könne er, sofern vorhanden, auf Konkurrenzprodukte zurückgreifen, da jedenfalls eine für das Verständnis des Lesers ausreichende Individualisierung durch die Produktnennung erreicht worden sei. Auch sei nicht zu beanstanden, dass das Produkt „Cremissimo-Schokoladeneis“ genannt wurde, da dieses aufgrund seiner Konsistenz und Streichfähigkeit besonders gut für die Verwendung im Rahmen des Rezeptes geeignet sei.

Das ist natürlich alles nicht wahr.

In Wahrheit bezieht der „Gong“ einen Großteil seiner Rezepte einfach von der Firma Unilever. Die bietet Redaktionen dafür eine eigene Datenbank im Internet, die, wie ihr Name „Rezept & Bild“ nahelegt, auch gleich hochauflösende Fotos der Gerichte enthält.

Unilever stellt diese Inhalte kostenlos zur kommerziellen Nutzung zur Verfügung — unter einer Bedingung: Die darin natürlich immer enthaltenen Namen ihrer Marken wie „Knorr“, „Mondamin“ und „Rama“ müssen genannt werden. In den Nutzungsbedingungen heißt es:

Zulässig ist es, die Produkt-Kategorie zusammen mit einer Marke der Unilever Gruppe in Klammern zu nennen. Bsp.: ‚Bourbon-Vanille (z.B. von Cremissimo))‘.

Genau so verfährt der „Gong“. In der vergangenen Woche gab es drei Braten-Rezepte von Unilever mit der entsprechenden Schleichwerbung für Unilever-Produkte (siehe rechts). In dieser Woche dreht sich auf den „Gong“-Rezeptseiten alles um den Kürbis, mit einem Lachsfilet-Rezept von Pfanni, einem Curry-mit-Rind-Rezept von Mondamin, einem Krosse-Plätzchen-Rezept von Rama und einem Putenbraten-Rezept von Knorr.

Mit dem Informationsinteresse der Leser, wie die sich für ihren Qualitätsjournalismus für bekannt haltende „WAZ“-Gruppe behauptet, hat das alles nichts zu tun. Sondern damit, wie Unternehmen die Lücke füllen, die durch sinkende Etats und Qualitätsansprüche in den Redaktionen entsteht, und redaktionelle Inhalte durch werbliche Inhalte ersetzen — sicherlich nicht nur in so harmlosen Bereichen wie Kochrezepten.

Die Rüge des Presserates hat der „Gong“ übrigens bereits am 1. April mit einem irreführenden Text veröffentlicht. Sollten sie auch sorgfältige „Gong“-Leser übersehen haben, könnte das daran liegen, dass die Redaktion einen außerordentlich unauffälligen Platz wählte: im Klein- und Kleinstgedruckten zwischen Leserbriefen und Impressum.

Mit großem Dank an Max M.!

Die gekaufte Weihnacht und andere Rügen

Erinnern Sie sich an das traurige Weihnachts-Sparfestessen im „Gong“, das mit plumper Werbung für Produkte der Firma Unilever versetzt war? Das hat auch dem Presserat nicht geschmeckt. Er hat die einstmals renommierte Fernsehzeitschrift wegen dieser Schleichwerbung gerügt.

Insgesamt zwölf Rügen sprachen die Beschwerdeausschüsse jetzt aus. Gleich drei davon richteten sich gegen den Missbrauch von Fahndungsfotos durch Boulevardmedien. Die Polizei hatte jeweils Bilder von Verbrechensopfern herausgegeben, um ihre Identität zu klären. Die Online-Ableger von „Express“ und „Bild“ veröffentlichten die Aufnahmen von den Leichen aber auch nach dem Ende der Fahndung erneut, teils mehrfach.

In einem Fall ging es um eine geistig behinderte Frau, die grausam ermordet worden war und deren Foto Bild.de zusammen mit Details über den Zustand der zerstückelten Leiche und Einzelheiten aus ihrem Privatleben erneut veröffentlichte. Zusätzlich „unangemessen sensationell“ fand der Presserat, dass Bild.de in einem anderen Fall die Leiche einer Jugendlichen wiederholt zeigte (BILDblog berichtete). Ebenso urteilte der Presserat über die Entscheidung von express.de, ein Foto, bei dem man der Leiche „unmittelbar ins Gesicht“ blicke, auch nach dem Ende der Fahndung noch einmal zu zeigen.

Der Online-Ableger des Berliner Boulevardblattes „B.Z.“ erhielt eine Rüge, weil er die Persönlichkeitsrechte eines jungen Mannes verletzt hatte. Er war im vergangenen Jahr festgenommen worden, weil er verdächtigt wurde, Autos angezündet zu haben. In einer Fotostrecke zeigte die „B.Z.“ online Bilder von der Festnahme und nannte diverse Details aus seinem Privatleben. Allein die Tatsache, dass der Vater des Jungen Kommunalpolitiker sei, mache den Verdächtigen nicht zur Person der Zeitgeschichte, urteilte der Presserat. Dass die „B.Z.“ anderer Meinung ist (insbesondere vermutlich, wenn es sich um einen Politiker der Linken handelt), demonstrierte eindrucksvoll ihre Titelseite zum Thema (siehe links).

Einen Verstoß gegen die Menschenwürde sah der Presserat in einem Witz, den die Satirezeitschrift „Titanic“ in ihrer Online-Ausgabe über den Eisenbahn-Suizid des Torwartes Robert Enke riss. Das Foto zeigt einen Lokführer mit der in „Bild“-Typographie gesetzten Schagzeile: „Jetzt meldet sich der Zugführer zu Wort: ‚Ich habe Enke überlistet!'“ Es handele sich dabei nicht um Satire, die auch drastisch, überspitzt und polemisch sein dürfe, sondern um das „reine Spiel mit den Gefühlen der Angehörigen und der Bahnführer, die von einem solchen Geschehen ebenfalls traumatisiert werden“, urteilte der Presserat und sprach eine Rüge aus.

Gong  

Der Geist der gekauften Weihnacht

Jetzt wollen wir für einen Moment innehalten und an die denken, denen es nicht so gut geht. Diejenigen, die sich nicht einmal ein eigenes Weihnachtsessen leisten können: die Leute vom „Gong“.

Der „Gong“ war einmal, man kann sich das heute nicht mehr vorstellen, die vielleicht respektabelste Fernsehzeitschrift: journalistisch, kritisch, gut informiert. Das ist lange her.

Andererseits, „raffinierte Rezept-Ideen“ für ein „zauberhaftes 3-Gänge-Menü mit Hühnersuppe, Steak und Schokoladeneistorte“, das ist doch auch was.

Es ist ein besonderes Festtagsessen, das der „Gong“ seinen Lesern auf drei Seiten vorschlägt, und das nicht nur, weil es dank „fertiger Zutaten“ besonders „schnell gezaubert“ ist. Fangen wir mit der Vorspeise an:

Das ist doch mal ein Service: Wie oft haben Sie schon im Laden vor den Regalen gestanden und sich gefragt, welche von den verdammten Tütensuppen nehm‘ ich? Der „Gong“ schlägt einfach mal „etwa Knorr“ vor — was eigentlich gar nicht nötig ist, denn Lebensmittel mit dem Namen „Suppenliebe“ gibt es nur von Knorr.

Knorr ist übrigens eine Marke der Firma Unilever, genau wie Mazola, Rama, Cremissimo und Cremefine, um jetzt einfach willkürlich ein paar herauszugreifen…

Und man möchte sich gar nicht ausmalen, wie traurig das Weihnachtsmahl im „Gong“ ausgesehen hätte, wenn die Firma Unilever sich nicht so barmherzig gezeigt hätte, der Zeitschrift nicht nur ein paar Rezeptideen, sondern auch noch schöne Fotos von den fertigen Gerichten zur Verfügung zu stellen:

Wünschen wir dem „Gong“ also gesegnete Festtage. Und gute Besserung.

Mit Dank an Max M.!