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Victim Blaming, Kritik an BVG-Tweets, Doppelmoral

1. Deniz Yücels Anwälte gehen vor das Verfassungsgericht
(welt.de)
Nachdem der „Welt“-Korrrespondent Deniz Yücel bereits mehrere Wochen inhaftiert ist, sind seine Anwälte nun vor das türkische Verfassungsgericht gezogen. Die Inhaftierung Yücels verletze „sein Recht auf körperliche Unversehrtheit und seine persönliche Freiheit, das Recht auf ein faires Verfahren, sein Recht auf die Unschuldsvermutung, sein Recht auf Schutz vor Verleumdung, das Recht auf Privatsphäre und freie Kommunikation sowie seine Meinungsfreiheit“. Deutsche Botschaftsvertreter haben unterdessen weiterhin keinen Zugang zu Yücel, obwohl von Seiten der Türkei eine konsularische Betreuung zugesichert worden war.

2. Victim Blaming im Fall Malina
(taz.de, Sibel Schick)
Seit dem 19. März wird eine 20-jährige Studentin aus München vermisst. Sibel Schick kritisiert die Berichterstattung der „Bild“, die mit irrelevanten Details die Unschuld der vermissten Studentin relativiere: „Die Betroffene ins Rampenlicht zu stellen führt den Täter tiefer in den Schatten: Interessiert uns noch, wer das überhaupt ist? Oder suchen wir nach Ausreden, welches Verhalten von Malina ihn dazu gebracht haben könnte? Machen wir eine Täterin aus der Betroffenen?“

3. Warum Verkehrsbetriebe keine politischen Witze machen sollten
(krautreporter.de, Rico Grimm)
Die Berliner Verkehrsbetriebe haben Krautreporter Rico Grimm mit ihren Witzen schon oft zum Lachen gebracht. Jetzt ist es ihm im Hals steckengeblieben… Anlass ist der Umgang der BVG mit dem Berliner AfD-Politiker Gunnar Lindemann. Die Antwort-Aktion diene nicht dazu, Menschen für die Benachteiligung von Minderheiten zu sensibilisieren. Sie sei ein unprovozierter Angriff auf den Politiker einer Partei, über die gerade sehr viel diskutiert werde. Grimm hält die BVG-Tweets an den AfD-Politiker deshalb für nichts als Marketing.

4. Der Freiraum schrumpft
(deutschlandfunk.de, Edda Schlager)
In Kirgistan herrschen für Journalisten vergleichsweise gute Zustände. Jedenfalls, wenn man es mit Nachbarländern der Region wie Tadschikistan, Turkmenistan oder Usbekistan vergleicht, in denen Pressevertretern Gefängnis und Folter drohen. Kirgistan hat sich daher zu einem Zufluchtsort für verfolgte Journalisten der Nachbarregionen entwickelt. Nun werden aber auch dort die Freiräume immer weiter eingeschränkt. Der Beitrag ist auch als Audio (4:53 Minuten) verfügbar.

5. Lagerberichte 4: Die Doppelmoral der “Alternativen Medien“
(schmalbart.de, Frank Zimmer)
„Warum ereifern sich die neuen „Alternativen Medien“ über Symbole und Begriffe, wenn Sie doch angeblich gegen „Political Correctness“ sind? Und warum sind immer nur die Anderen intolerant?“ Der „linksliberale Verfassungspatriot“ Frank Zimmers antwortet auf den „modernen Konservativen und Vollblutdemokrat“ Ben Krischke.

6. Kampf um US-Datenschutz: Aktivist will Internetnutzung aller Abgeordneten bloßstellen
(heise.de, Daniel AJ Sokolov)
Nachdem US-Netzbetreiber die Online-Aktivitäten ihrer User samt deren Bewegungsmustern überwachen, speichern, auswerten und verkaufen dürfen, will ein Netzaktivist zurückschlagen und bittet um Spenden: “Ich plane, die Internet History aller Abgeordneten und Manager sowie deren Familien zu kaufen, und sie einfach durchsuchbar auf searchinternethistory.com [bereitzustellen]. Alles, von ihren medizinischen über ihre pornographischen bis zu ihren finanziellen [Daten], und über ihre Seitensprünge. Alles, was sie sich angesehen haben, wonach sie gesucht haben, oder was sie im Internet aufgerufen haben, wird jetzt für jedermann verfügbar sein, um es zu durchleuchten.”

Bild.de treibt Schindlerluder mit Edward Snowdens Hotelaufenthalt

Es gibt neue Dokumente zu Edward Snowden, die eine Frage beantworten, die seine Kritiker seit einigen Jahren gerne stellen: Wo wohnte Snowden die ersten Tage nach seiner Ankunft in Hongkong? Ihre Überlegung: Keine Belege, wo der Whistleblower vom 21. bis 31. Mai 2013 unterkam — kein Beweis, dass er in dieser Zeit nicht einen Deal mit den Geheimdiensten von Russland und/oder China aushandelte. Vergangene Woche präsentierte der Journalist Glenn Greenwald auf seiner Seite “The Intercept” Rechnungen, die zeigen: Edward Snowden war genau dort, wo er auf Nachfrage immer behauptet hatte — im Hotel “Mira”.

Einer der Snowden-Kritiker, die der festen Überzeugung sind, dass es sich bei Snowden um einen Überläufer handelt, ist John R. Schindler. Der ehemalige NSA-Mitarbeiter darf im Auftrag seines Fanboys Julian Reichelt bei Bild.de seine Gedanken zu verschiedenen Themen aufschreiben. Vor einem Dreivierteljahr erklärte Schindler der Weltöffentlichkeit der “Bild”-Leserschaft den “Bild plus”-Abonnenten:

Schindler schrieb:

Drei Jahre, nachdem Edward Snowden — der amerikanische IT-Dienstleister, aus dem ein weltbekannter Prominenter wurde — in Hongkong zum ersten Mal vor die Medien trat, ist immer noch unklar, was sich wirklich in dieser aufsehenerregenden Affäre abgespielt hat.

Der ungefähre Ablauf ist bekannt. Im Mai 2013 verließ Snowden seinen Job bei der National Security Agency auf Hawaii und tauchte am 1. Juni im Hotel Mira in Hongkong auf. (…)

Doch einige wichtige Fragen sind noch offen.

Wo war Snowden vom 21. bis 31. Mai 2013?

Schindlers Aussage bei Bild.de, Snowden sei erst am 1. Juni im Hotel “Mira” aufgetaucht, stimmt nicht. Die neuen Unterlagen, die Snowdens Anwälte in Hongkong besorgt haben und die Glenn Greenwald nun veröffentlicht hat, zeigen, dass der Whistleblower bereits am 21. Mai im “Mira” eingecheckt hat — unter seinem eigenen Namen, bezahlt mit seiner eigenen Kreditkarte. Diese erste Buchung geht bis zum 30. Mai. Bereits am 29. Mai bucht Snowden zwei weitere Nächte, bis zum 1. Juni, und direkt hinterher noch mal neun weitere Nächte bis zum 10. Juni. Am 2. Juni kommen dann Greenwald und Laura Poitras, die einen ersten Teil von Snowdens Enthüllungen veröffentlichen. Der Journalist Charlie Savage hat alle Hotelabrechnungen auf seiner Seite veröffentlicht (auch eine weitere Buchung durch Snowden im “Mira” bis zum 18. Juni sowie eine frühere Buchung im Hotel “Icon”, in dem Snowden für seine erste Nacht in Hongkong am 20. Mai eingecheckt hatte).

Wie zentral die Frage nach Snowdens ersten Tagen in Hongkong für Schindler und seine Ausführungen ist, zeigt, dass dieser sie immer wieder stellt. Bereits im Sommer 2015 fragte er bei Bild.de:

Wo war Snowden während der zehn Tage im Mai 2013, nachdem er Hawaii verlassen und bevor er am 1. Juni im Hongkonger Hotel “Mira” eincheckte?

Und auch bei Twitter lässt ihn das Thema nicht los:



Jetzt hat er eine Antwort bekommen (die er natürlich nicht glaubt). Da diese Dokumente noch nicht öffentlich zugänglich waren, als John R. Schindler seinen Bild.de-Artikel geschrieben hat, kann man ihm nicht vorwerfen, davon nichts gewusst zu haben. Er konnte aber wissen, dass Edward Snowden stets beteuert hat, sich auch schon vor dem 1. Juni im “Mira” aufgehalten zu haben. Schindler hat diese Aussage einfach nicht glauben wollen oder ignoriert und das Gegenteil behauptet, was auch viel besser in seine Überläufer-Theorie passt. Julian Reichelt und Bild.de boten ihm dafür eine Plattform.

Ob Edward Snowden ein russischer Spion ist? Keine Ahnung.

Ob Edward Snowden in Hongkong Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes besucht oder sie im Hotel empfangen hat? Keine Ahnung.

Ob John R. Schindler und Bild.de eine falsche Behauptung aufgestellt haben? Scheint ganz so.

Youtube-Star, 50-Dollar-Filme, Role Model Buffy

1. Forderungen an den modernen Lokaljournalismus
(drehscheibe.org, Ralf Freitag)
Wie können die gesellschaftlichen Veränderungen journalistisch begleitet, dokumentiert und sogar moderiert werden? Ralf Freitag von der “Lippischen Landes-Zeitung” hat sieben Forderungen an den modernen Lokaljournalismus. Vom Besinnen auf die journalistischen Tugenden bis zu ideologischer Positionierung und Ausbildungsverbesserung.

2. Der Weg zum Youtube-Star
(jetzt.de, Lara Thiede)
Zwei Biographien, die sich überschneiden: Auf der einen Seite Lara Thiede, die sich für den Journalismus entscheidet, auf der anderen Seite Alycia Marie, die auf Youtube Karriere macht. Lara Thiede erzählt wie sie sich kennengelernt haben und welchen Weg ihre Bekannte Alycia im Netz eingeschlagen hat: Von einer Sängerin, die Youtube nutzte, zu einer Youtuberin, die auch singen kann. Von der Hobby-Youtuberin zum hauptberuflich davon lebenden Profi mit 400.000 Abonnenten.

3. Gemeinwohl und Medien – Neues Heft von Communicatio Socialis erschienen
(netzwerk-medienethik.de, Alexander Filipovic)
“Communicatio Socialis” ist eine Zeitschrift für Medienethik und Kommunikation in Kirche und Gesellschaft. Wer sich für die neueste Ausgabe interessiert (medienethischer Schwerpunkt: Gemeinwohl und Medien) kann die Zusammenfassung von Alexander Filipovic, Professor für Medienethik an der Hochschule für Philosophie München, lesen.

4. Hollywood will Streaming deutlich früher erlauben
(dwdl.de, Alexander Krei)
Würden Sie für das heimische Streamen eines aktuellen Kinofilms via “Premium Video-on-Demand”, also wenige Tage bzw. Wochen nach Kinostart, einen Betrag von 30 bis 50 Dollar bezahlen? Dann könnte Sie interessieren, was das “Wallstreet Journal” berichtet, demzufolge die Hollywood-Studios exakt über eine solche Regelung nachdenken.

5. Du bist der neue Gatekeeper der Nachrichten
(netzpiloten.de, Aly Colon)
Aly Colon ist Professor für journalistische Ethik an der Washington and Lee University in Virginia. In seinem Artikel gibt er Tipps, wie Nachrichtenkonsumenten als ihre eigenen Gatekeeper handeln können, denn: “Es gibt keinen Grund, den Zugang zu den Nachrichten zu verschließen, aber man sollte sicherstellen, dass man weiß, was dort hineingelangt. Das ist wirklich wichtig.”

6. Eine Frau, die das Patriarchat zerlegt
(taz.de, Sebastian Dörfler)
Die Serie „Buffy the Vampire Slayer“ ist 20 Jahre alt geworden. Sebastian Dörfler hat sich den TV-Dauererfolg rund um das Vampire und Monster verkloppende zierliche Mädchen näher angeschaut und befindet: “Seit jeher ist Buffy ein feministisches Role Model”.

Sehen alle gleich aus (15)

Fotos, auf denen zwei Personen zu sehen sind, sind für Bild.de-Mitarbeiter immer doppelt gefährlich, weil sie dann gleich doppelt danebenliegen können. Wäre schließlich zweifach doof, wenn das Portal — mal als theoretisches Beispiel — ein Foto von Mick Jagger und Paul McCartney veröffentlicht, und in der Bildunterschrift steht dann: “Treffen zweier Musikgiganten: Florian Silbereisen und DJ Ötzi”.

Deswegen erst einmal ein großes Lob von uns: Toll, liebe Bild.de-Promierspäher, dass ihr Spielerberater Mino Raiola auf diesem Foto auf Anhieb erkannt habt.

Berater Raiola (r.) hat auch den bisher teuersten Fußballer der Welt, Paul Pogba, unter Vertrag

Und selbst die Info, dass Mino Raiola der Berater von Fußballprofi Paul Pogba ist, stimmt. Links im Bild ist aber gar nicht der französische Nationalspieler Pogba zu sehen — es handelt sich um den Italiener Mario Balotelli, der ebenfalls zu Raiolas Klienten zählt.

Das hätten die Mitarbeiter von Bild.de auch herausfinden können, wenn sie sich 15 Sekunden Mühe gegeben und sich die Fotobeschreibung der Agentur “Getty Images” angeschaut hätten. Denn dort steht:

Agent Mino Raiola and Mario balotelli are seen on March 5, 2013 in Milan, Italy.

Mit Dank an Andi F. für den Hinweis!

Nachtrag, 15:12 Uhr: Manche Leser haben uns darauf hingewiesen, dass die Bild.de-Redaktion in der Bildunterschrift gar nicht explizit — etwa durch ein “(l.)” — schreibt, dass sie den abgebildeten Mario Balotelli für Paul Pogba hält. Wir sind hingegen der Meinung, dass bei einem Foto, das nur zwei Personen zeigt und bei dem durch “(r.)” bereits klar ist, wer wer ist, das “(l.)” aufgrund des Ausschlussprinzips nicht zwingend nötig ist.

In der Zwischenzeit hat Bild.de die Bildunterschrift geändert. Nun wird klar, dass auf dem Foto Balotelli zu sehen ist. Dafür hat das Portal, entgegen unserer Annahme, ein “(l.)” verwendet:

Berater Raiola (r.) hat auch Stars wie Mario Balotelli (l.) oder den teuersten Fußballer der Welt, Paul Pogba, unter Vertrag

ZDF  

ZDF zeigt Hinrichtung von Menschen

Wer am vergangenen Dienstag “Frontal 21” geguckt oder gegen 21:07 Uhr zufällig ins ZDF gezappt hat, konnte sehen, wie zwei Frauen hingerichtet wurden. In einem Beitrag des Fernsehmagazins über die Türkei ging es unter anderem um die “Grauen Wölfe”, die Mitglieder der rechtsextremen “Milliyetçi Hareket Partisi”. Die Sprecherin des ZDF-Beitrags sagte:

Diese Bilder aus den Kurdengebieten verbreiten die Grauen Wölfe über die sozialen Medien selbst.

Menschenrechtsverletzungen. Wie auch in diesem Handy-Video. Experten halten diese Aufnahmen für authentisch: Männer in der Uniform türkischer Soldaten richten zwei kurdische Kämpferinnen hin. “Tamam, okay, das reicht”, sagt der Soldat und geht.

Dazu zeigte “Frontal 21” erst Fotos von verletzten oder getöteten Menschen, neben denen Personen in Uniformen stehen. Die Gesichter der Opfer hatte die Redaktion unkenntlich gemacht. Das ist alles noch im Rahmen. Dann folgte aber das 18 Sekunden lange “Handy-Video”, “Quelle: Twitter”. Man kann sehen, wie eine Frau in ein Erdloch geworfen wird, drei Männer in Uniformen schießen mit ihren Maschinengewehren in das Loch. Gleichzeitig, im Vordergrund der Video-Aufnahmen, schießt ein weiterer Mann in Uniform einer auf dem Boden knienden Frau mit seinem Maschinengewehr in den Kopf.

Diese menschenverachtenden Aufnahmen sind zum Glück nicht gestochen scharf. Es handelt sich eben um etwas wackelige Handy-Aufnahmen. Sie reichen aber aus, um genug zu erkennen: das Zerfetzen des Kopfes, das Zusammensacken des Körpers, das Blut auf dem Boden. Immerhin sind die Gesichter der Frauen nicht zu sehen, auch wenn die “Frontal 21”-Redaktion nichts verpixelt hat. Sie hat das Video, das die “Grauen Wölfe” vermutlich zu Propaganda-Zwecken bei Twitter verbreiten, eins zu eins übernommen.

Jeder, also auch Kinder und Jugendliche, können sich diese ziemlich würdelosen Aufnahmen aktuell rund um die Uhr in der ZDF-Mediathek angucken. Es gibt keine Zugangsbeschränkung.

(Wir haben uns bewusst dazu entschieden, weder den Beitrag in der ZDF-Mediathek zu verlinken noch Screenshots des Videos zu veröffentlichen.)

Mit Dank an @Schmier_Fink für den Hinweis!

Nachtrag, 16:57 Uhr: Das ZDF hat reagiert — die gesamte “Frontal 21”-Sendung ist nun erst ab 22 Uhr in der Mediathek abrufbar. *

*Nachtrag, 18:58 Uhr: Die “Frontal 21”-Redaktion hat die Folge vom vergangenen Dienstag kurzzeitig aus der Mediathek genommen, um die kritisierte Stelle zu bearbeiten. Nun sind die Opfer der Hinrichtung komplett unkenntlich gemacht. Der Beitrag ist in der Mediathek wieder abrufbar. In einer Stellungnahme hat das Team auf die Kritik an dem Türkei-Beitrag reagiert:

“Frontal 21” berichtete in der Sendung am Dienstag, 21. März 2017, über Menschenrechtsverletzungen in der Türkei. In dem Beitrag “Türken gegen Erdogan — Machtkampf auf deutschen Straßen” war zu sehen, wie Männer in türkischen Uniformen zwei mutmaßliche kurdische Kämpferinnen erschießen. Die Redaktion “Frontal 21” hatte sich entschieden, die 18-sekündigen Aufnahmen zu zeigen, um das Ausmaß der Menschenrechtsverletzungen zu veranschaulichen und zu verdeutlichen, mit welcher Brutalität in der Türkei der Kampf gegen Kurden geführt wird. Die Identität der Opfer war auf dem Video nicht erkennbar. Nach Ausstrahlung des Beitrags wurde das Video mit folgendem Warnhinweis in die ZDFmediathek eingestellt: “Achtung: Dieser Beitrag enthält Bilder, die Zuschauer schockieren könnten, da sie eine Erschießungsszene zeigen.” Zuschauer äußerten sich aber dennoch kritisch. Die Redaktion “Frontal 21” nimmt diese Kritik ernst und hat sich entschlossen, die Aufnahmen der Opfer zusätzlich unkenntlich zu machen. Die Redaktion bedauert, wenn die gezeigten Bilder Zuschauer verstört haben.

Pizza-Boten, Pimmelköpp, Kifferwarnung

1. Ablenkmanöver Olympia-Rechte
(carta.info, Heiko Hilker)
Heiko Hilker fragt sich, ob es ein strategischer Schachzug von ARD und ZDF war, die Olympiarechte 2018 bis 2024 nicht zu erwerben. In der Öffentlichkeit würden ARD und ZDF es so darstellen, dass ihnen 300 Millionen Euro für vier Olympische Spiele zu teuer gewesen seien. Doch die Absage könnte auch andere Gründe haben: “Dadurch, dass man die Olympischen Spiele 2018 bis 2024 erst einmal nicht bekommen hat, schlägt man mehrere Fliegen mit einer Klappe. Man zeigt, dass man nicht bereit ist, Sportrechte um „jeden Preis“ zu kaufen. Man sorgt dafür, dass fast alle Sportverbände fordern, dass sich die Sportübertragung nicht verschlechtern darf und dass die Sender versuchen sollen, weitere Rechte zu erwerben. Eine Differenzierung wird zwischen den einzelnen Sportarten nicht vorgenommen. Die realen Verhältnisse werden nicht beleuchtet. Und so geht unter, dass die Sender bisher vor allem Männer-Fußball finanzieren.”

2. “Für Menschen, die nachdenken, ist das offensichtlicher Bullshit”
(horizont.net, Sebastian Moll)
Medienkritiker Jim Rutenberg arbeitet seit 16 Jahren bei der „New York Times“. Im Interview erklärt er wie das US-Leitmedium mit Donald Trump umgeht. Jenes Leitmedium, das unlängst von der Pressekonferenz des Weißen Hauses ausgeschlossen worden war. Rutenberg gibt sich zumindest in diesem Punkt gelassen: “Ich war selbst Korrespondent im Weißen Haus und habe diese Briefings immer eher als lästig empfunden. Sie bringen einen nicht wirklich weiter. Was einen weiterbringt, ist Recherche.”

3. Wenn Journalisten zu Pizza-Boten werden
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Ein Teigfladen zum Aufbacken, mit etwas Schokoladenkrümeln belegt. Keine große Sache, aber wenn man nach den Reaktionen der Medien geht, eine Weltsensation! Boris Rosenkranz rekonstruiert auf “Übermedien” wie die “Schoko-Pizza” in den Medien zum Marketing-Selbstläufer wurde: “Wenn Journalisten zu Pizza-Boten werden”

4. „Zeit Online“ über Kölner Band Brings, Bläck Fööss und „Pimmelköpp“?
(ksta.de)
Auf “Zeit Online” erscheint ein Artikel über Lukas Podolskis Abschied aus der Nationalmannschaft, in dem – vor allem im Rheinland bekannte – Bands wie Brings, die Höhner, die Bläck Fööss und die “Pimmelköpp” erwähnt werden. Problem: Die “Pimmelköpp” gibt es nicht, gemeint waren wohl die “Klüngelköpp”. Der „Zeit Online“-Sportredakteur streitet jedoch eine Verwechslung ab. Es sollte angeblich nur ein „übertrieben erfundener Gag“ sein… PS: Eine von Witzbolden eingerichtete “Pimmelköpp”-Facebookseite hat bereits mehr als 800 Fans.

5. „Lasst uns streiten“: SLpB-Dialogplattform mit neuem Thema „Medien und Gesellschaft“ online
(flurfunk-dresden.de)
Wie das Dresdner Medienblog “Flurfunk” berichtet hat die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung (SLpB) auf ihrer digitale Dialogplattform “Lasst uns streiten” ein neues Thema zum politischen Meinungsaustausch online gestellt. Noch bis zum 13.4. kann dort über das Thema “Medien und ihr Einfluss auf unsere Gesellschaft” gestritten werden.

6. Zettels Alptraum
(kreuzer-leipzig.de, Tobias Prüwer)
Tobias Prüwer twittert einen Zettel, auf dem ein Barmensch vorm Kiffen warnt, weil am Nebentisch Polizisten sitzen würden. Danach dreht nicht nur das Internet durch, sondern auch die Medien. Redakteure von “Bild”, “Focus” und “Tag24” stürzen sich auf den Zettel und erfinden Storys ohne jede Rücksprache und Recherche. “Mal schauen, was noch passiert. Aber schon jetzt komme ich aus dem Kopfschütteln nicht heraus. Ich weiß, es ist schlecht um den Journalismus bestellt, aber so schlecht? Echt mal, es war nur eine Notiz! Es gibt wichtige Zettel wie den Schabowskis damals 89. Aber der kleine Witz soll die Öffentlichkeit interessieren? Wegen kiffen und so? Überhaupt, ich hätte das Ding ja auch fälschen können, das hat niemanden interessiert.”

Im Trüben fischen

Am Ende kann die Onlineredaktion der “Hamburger Morgenpost” sagen: “Na also, lagen wir doch richtig.” Und schon wirkt es gar nicht mehr so schlimm, wie die “Mopo”-Mitarbeiter vor zwei Tagen über den möglichen Tod eines Menschen spekuliert haben.

Donnerstagmorgen entdeckte der Schiffsführer einer Fähre im Hamburger Hafen einen leblosen Körper. Die Polizei barg die Wasserleiche, untersuchte ihr Gebiss und stellte fest, dass es sich um den seit elf Wochen vermissten Timo K. handelt. Gestern präsentierten die Beamten die Obduktionsergebnisse, es gab Gewissheit. Überregional hatten Medien seit Januar über K.s Verschwinden und die Suche nach ihm berichtet, nicht nur, aber auch weil er beim Fußballverein HSV arbeitete.

Bereits wenige Stunden nach Bekanntwerden des Leichenfunds begann bei mopo.de die Spekulation, ob es sich um Timo K. handeln könnte. Die Redaktion schlagzeilte am Donnerstagvormittag:


(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Artikel durch uns.)

Zu diesem Zeitpunkt stand noch nichts fest. Es gab Vermutungen, schließlich wurde K. ganz in der Nähe zum letzten Mal gesehen. Doch es gab auch Informationen, die gegen diese Vermutungen sprachen. “MOPO-Informationen”:

Nach ersten MOPO-Informationen sei allerdings unwahrscheinlich, dass es sich bei der Wasserleiche um K[.] handle. Kleidung und Erscheinungsbild würden laut Feuerwehrsprecher nicht zu dem Vermissten passen.

Diese Passage stammt aus demselben Artikel, der in der Überschrift noch rätselt, ob “der Tote der verschwundene HSV-Manager” ist. Die Redaktion widersprach sich selbst.

Gut anderthalb Stunden später berichtete auch “Focus Online” über den Fund im Hamburger Hafen. Dort wussten die Mitarbeiter zwar genauso wenig wie ihre “Mopo”-Kollegen, wählten für die Optik aber ein Foto von K. und brachten so seinen möglichen Tod ins Spiel:

Nach ersten Untersuchungen hatte die Polizei dann doch Hinweise gefunden, dass es sich bei der Wasserleiche um K. handeln könnte, dessen Personalausweis zum Beispiel. Bei mopo.de gab es nach Mutmaßüberschrift und Widerlegung im Text die nächste Wendung:

Die Onlineredaktion des “Hamburger Abendblatts” schrieb zwar, dass sich die Polizei nur “nahezu sicher” sei — für die Tatsachenbehauptung, dass man die “Leiche von Timo K[.] gefunden” habe, reichte das aber offenbar:

Inzwischen ist sich die Polizei also komplett sicher, dass es sich bei der Wasserleiche um Timo K. handelt. Die Medien lagen mit ihren Anfangsspekulationen richtig, ohne dass sie dafür eindeutige Anhaltspunkte hatten. Bei ihren redaktionellen Entscheidungen, ob sie eine vermisste Person mit dem Fund einer Wasserleiche in Verbindung bringen, obwohl noch nichts feststeht, scheint die mögliche Wirkung auf die Familie des Vermissten, auf dessen Freunde und Kollegen eine untergeordnete Rolle zu spielen. Hauptsache eine gut klickende Titelzeile.

Vor einigen Wochen gab es bei Bild.de diese Schlagzeile:

Am Ende stellte sich raus: Es stand nicht mal fest, ob das gesichtete Objekt überhaupt eine Wasserleiche war.

Mit Dank an Matthias H., Günther T. und @dermobby für die Hinweise!

Junge-Hayali-Freiheit, Frey-Denker, ZAK vs Let’s Player

1. Reden mit den Rechten
(taz.de, Anja Maier)
Die Journalistin und Fernsehmoderatorin Dunja Hayali (u.a. ZDF heute-Nachrichten und ZDF-Morgenmagazin) hat der rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ ein Interview gegeben. Anja Maier von der “taz” kann dem Interview nicht allzuviel abgewinnen (“harmlos”) und sieht vor allem einen Gewinner: “Schon jetzt kann man sagen, wer bei der Sache gewonnen hat. Die Junge Freiheit bringt sich mit ihrem Hayali-Interview ins Gespräch. Eine Wochenzeitung, die als Aufreger mal nicht mit Erika Steinbach oder Marcus Pretzell vorliebnehmen muss – so was wirkt fast schon normal.”
Nachtrag: Inzwischen gibt es auf “Übermedien” einen Text von Liane Bednarz (Coautorin: “Gefährliche Bürger: Die neue Rechte greift nach der Mitte”), die sich für das Vorgehen Hayalis ausspricht: Warum es richtig war von Dunja Hayali, mit der „Jungen Freiheit“ zu reden

2. Facebooks Fake-Markierung als Symbolpolitik
(welt.de, Christian Meier)
Facebook will zukünftig Beiträge markieren, die nachweislich falsche Informationen enthalten und hat in den USA testweise eine neue Funktion implementiert: Ein rotes Warndreieck soll auf umstrittene Inhalte aufmerksam machen. Christian Maier führt einen Beispielartikel an („Der irische Sklavenhandel – Die Sklaven die vergessen wurden“) und erklärt die Risiken des Ansatzes von Facebook: “Im besten Fall fördert eine Warnung Aufklärung über irreführende Informationen. Beliebte Falschinformationen und Verschwörungstheorien könnten im schlechtesten Fall aber mehr Aufmerksamkeit bekommen als nötig.”

3. Die Landesmedienanstalten gehen gegen Streamer vor
(wired.de)
Betreiben erfolgreiche Let’s-Player wie Gamer PietSmiet mit ihren Twitch-Live-Streams mit mehr als 500 Zuschauern verbotene Piratensender? Nun, wenn man nach dem Buchstaben des Gesetzes geht, könnte man diesen Vorwurf durchaus konstruieren. Die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) der Landesmedienanstalten will anscheinend ein Exempel statuieren und plant die Untersagung des Betriebs, wenn bis Ende April kein Zulassungsantrag vorliegen sollte. Das erfolgreiche “PietSmietTV” dürfte die Kosten des Antrags (zwischen 1.000 und 10.000 Euro sind im Gespräch) verkraften, aber für kleinere Streamer könnte ein derartiges Verlangen das Aus bedeuten.

4. “Ich bin immer noch hart”
(sueddeutsche.de, Sebastian Fischer)
Vor drei Wochen gab es etwas Aufregung als n-tv die Talksendung “So!muncu!” des Kabarettisten Serdar Somuncu kurzfristig aus dem Programm nahm. Grund waren die als “Breaking News” gekennzeichneten Satire-Einspieler. Nun wurde eine weitere Folge ausgestrahlt. Im Interview mit “sueddeutsche.de” zeigt Somuncu Verständnis für das seinerzeitige Absetzen der Sendung und schaut in die Zukunft: “Im Sommer machen wir erst mal eine Pause. Dann kommt meine Kanzlerkandidatur. Dann werde ich Kanzler.”

5. Regierung erkauft sich loyale Berichterstattung
(reporter-ohne-grenzen.de)
In Bulgarien besitzen einige wenige Unternehmer einen Großteil der Medien. Das führt zu gravierenden Einschränkungen der Pressefreiheit: Laut “Reporter ohne Grenzen” erkaufe sich die Regierung über staatliche Zuschüsse loyale Berichterstattung. Finanziert vor allem aus EU-Mitteln… Der Beitrag liefert erschreckende Details über die Situation in dem südosteuropäischen Land.

6. “Guter Journalismus braucht Selbstbewusstsein”
(horizont.net, Peter Frey)
ZDF-Chefredakteur Peter Frey plädiert in einem “Horizont”-Gastbeitrag dafür, dass Journalisten wieder selbstbewusster auftreten. Es sei der Eindruck entstanden, dass viele Menschen an Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit der Medien zweifeln würden. Dies sei jedoch nicht der Fall wie man durch eine selbst in Auftrag gegebene Studie bewiesen habe. Frey rechnet vor: “Die Zahl derer, die uns uneingeschränkt vertrauen, liegt bei rund zwei Dritteln. Es gibt also keine die ganze Öffentlichkeit umfassende Glaubwürdigkeits- und Vertrauenskrise.” Seufzend muss man ihm Recht geben und ist geneigt “Na, dann ist ja gut” vor sich hin zu murmeln. Da es “ohne Selbstbewusstsein keinen guten Journalismus geben kann”, stellt sich Frey zum Schluss seines Aufsatzes schließlich selbst ein Abschlusszeugnis aus: “Wir leisten mit unabhängiger Berichterstattung, mit Kritik, Analyse und gut begründeten Meinungsbeiträgen unseren Beitrag für Zusammenhalt und Verständigung – und ganz am Ende, und darum geht es ja, für das Funktionieren dieser Demokratie.”

“Ich gehe davon aus, dass ihre Geschichte erfunden ist”

Morgen jährt sich zum zweiten Mal der Absturz des “Germanwings”-Flugs 4U9525. 150 Menschen sind damals in den französischen Alpen ums Leben gekommen, darunter auch Co-Pilot Andreas Lubitz, der die Maschine bewusst zum Absturz gebracht haben soll. Während viele der Hinterbliebenen sich treffen und gemeinsam trauern werden, werden Lubitz’ Eltern in Berlin bei einer eigens organisierten Pressekonferenz sitzen. Sie wollen ein Gutachten präsentieren, in dem es um Zweifel an den offiziellen Ermittlungen zur Absturzursache gehen soll.

In der “Zeit” von heute ist ein lesenswertes Stück von Petra Sorge zum Thema erschienen (hier eine Zusammenfassung von “Zeit Online”). Sie hat sich mit Günter Lubitz, dem Vater von Andreas, getroffen und mit ihm über verschiedene Gutachten, Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft, seine Motivation gesprochen:


Der Text handelt auch von der Berichterstattung rund um den “Germanwings”-Absturz. Es geht um ein brennendes Grab, um herumschleichende Reporter, um möglicherweise erfundene Interviewaussagen. Es geht vor allem um die “Springer”-Blätter “Bild” und “Welt am Sonntag”.

***

Da ist zum Beispiel der “Bild”-Bericht über das Grab von Andreas Lubitz. In der Print-Ausgabe und online hatten die “Bild”-Redaktionen Ende Juni 2015 groß auf der Titel- beziehungsweise Startseite über die Beerdigung des “Germanwings”-Co-Piloten berichtet …


… und dabei auch dessen Grab, niedergelegte Kränze, letzte Grüße von Freunden gezeigt.

Petra Sorge schreibt in ihrem “Zeit”-Artikel:

Kurz nach der Beerdigung von Andreas Lubitz gelangte ein Reporter auf den Friedhof. Er fotografierte das Grab: Kränze, die letzte Widmung der Familie. Bild veröffentlichte das Foto. Kurze zeit später setzte jemand das Grab in Brand. Der Brandstifter wurde nie gefunden.

Wegen der Veröffentlichung des Fotos folgte ein Gerichtsverfahren, das noch immer nicht endgültig entschieden ist. Inzwischen liegt der Fall beim Bundesgerichtshof:

Das Kammergericht Berlin untersagte den Abdruck des Fotos schließlich, mit der Begründung, die Berichterstattung stelle “einen schwerwiegenden Eingriff in die Persönlichkeitsrechte” der Kläger dar. Der Springer-Verlag hat Nichtzulassungsbeschwerde eingelegt. Über die Frage von Pietät, Persönlichkeitsrecht und Grenzen der Pressefreiheit muss nun der Bundesgerichtshof entscheiden.

Nun kann man über einen direkten Zusammenhang von Bericht und Feuer nur mutmaßen. Die Tatsache aber, dass “Bild” und Bild.de trotz des Brandes und der möglichen Gefahr einer weiteren Brandstiftung im vergangenen August wieder mit großen Fotos über das Grab von Andreas Lubitz und den neuen Grabstein dort berichtet haben, wird vor diesem Hintergrund noch ekliger als es eh schon ist.

***

Direkt im Anschluss schreibt Petra Sorge:

Günter Lubitz hat lange überlegt, ob er mit der ZEIT sprechen soll. Mehrmals stand das Treffen auf der Kippe, besonders nachdem im Februar zwei Journalisten nahe dem Haus waren und danach behauptet hatten, die Familie habe sich erstmals öffentlich geäußert. Diese aus dem Zusammenhang gerissene “Äußerung” stammte aus einem Antwortschreiben, mit dem Günter Lubitz schon im November 2016 auf die Bitte um ein Interview reagiert hatte.

Bei den “zwei Journalisten” dürfte es sich um Mitarbeiter der “Welt am Sonntag” handeln. Die Wochenzeitung hatte vor gut einem Monat, am 26. Februar, vier Seiten über den “Germanwings”-Absturz veröffentlicht. In dem langen Text findet sich auch diese Passage:

Erstmals überhaupt haben sich die Eltern nun zu Wort gemeldet. Auf Anfrage der “Welt am Sonntag” schrieben sie: “Zum Absturz des Germanwings-Fluges 9525 ergeben sich auch für uns noch viele unbeantwortete Fragen, merkwürdige Sachverhalte und Zweifel am bisher kommunizierten Unfallhergang. Wir sind momentan selber noch am Recherchieren.” Zu dem “völlig falsch gezeichneten Bild” ihres Sohnes wollen sie sich momentan aber noch nicht äußern.

Ein “Unfallhergang”? Ein “völlig falsch gezeichnetes Bild” ihres Sohnes?

Aus einer E-Mail-Absage auf eine Interview-Anfrage vom November 2016 macht die “Welt am Sonntag” im Februar 2017 also die exklusive Nachricht, dass Lubitz’ Eltern sich “erstmals überhaupt” geäußert hätten.

“Bild” und Bild.de griffen das Thema direkt auf:


Franz Josef Wagner schrieb einen Brief an die Eltern von Andreas Lubitz.

***

Der dritte Abschnitt im “Zeit”-Artikel zur Berichterstattung über die “Germanwings”-Katastrophe ist der brisanteste. Es geht um ein Interview von “Bild”-Reporter John Puthenpurackal aus dem März 2015:



Die Aussagen der angeblichen “Ex-Freundin” über Lubitz’ angebliche Ausraster und seine angeblichen Ankündigungen waren nur wenige Tage nach dem Unglück entscheidende Bausteine bei der medialen Konstruktion eines Psychogramms.

“Bild” schreibt in dem Artikel:

Die Stewardess Maria W. (26) war eine zeitlang die Freundin von Todes-Pilot Andreas Lubitz (27).

Fünf Monate lang flogen sie im vergangenen Jahr zusammen durch Europa und übernachteten heimlich gemeinsam in Hotels.

BILD-Reporter John Puthenpurackal hat ihre Identität überprüft. Er ließ sich u.a. ein Foto zeigen, das die Stewardess und den Amok-Piloten bei einem Flug in derselben Crew zeigt.

Wir haben den Namen auf ihren Wunsch geändert, sie so fotografiert, dass sie nicht erkannt werden kann. In BILD spricht jetzt die Frau, die diesem Mann sehr, sehr nah war.

Trotz Identitätsprüfung durch Reporter Puthenpurackal und Foto-zeigen-lassen glaubt Staatsanwalt Christoph Kumpa laut “Zeit” inzwischen, dass die Aussagen in dem “Bild”-Artikel erfunden seien. Petra Sorge schreibt:

Und dann ist da die Sache mit der angeblichen Ex-Freundin seines Sohnes, der Stewardess Maria W. Bild druckte im März 2015 ein Interview mit ihr, wonach Andreas Lubitz angekündigt haben soll: “Eines Tages werde ich etwas tun, was das ganze System verändern wird, und alle werden dann meinen Namen kennen und in Erinnerung behalten.” Maria W. habe sich wegen seiner Probleme von ihm getrennt: “Er ist in Gesprächen plötzlich ausgerastet und schrie mich an. Ich hatte Angst. Er hat sich einmal sogar für längere Zeit im Badezimmer eingesperrt.” Das Interview schien genau jenes Puzzleteilchen zu liefern, das noch fehlte zum Bild eines Wahnsinnigen. Als die Staatsanwaltschaft einen Zeugenaufruf startete, meldete sich aber keine Maria W. Staatsanwalt Kumpa erklärt jetzt auf ZEIT-Anfrage: “Ich gehe davon aus, dass ihre Geschichte erfunden ist.”

“Bild” wehrt sich im “Zeit”-Artikel gegen diesen Vorwurf.

Darf man Sie beschimpfen?

Bild.de war mal wieder mutig. “BILD FRAGT FRAGEN, DIE SICH KEINER ZU STELLEN TRAUT” steht seit gestern über einem Artikel, und damit ist nicht etwa die “Bild”-Witwenschüttler-Frage “Haben Sie ein Foto Ihres gerade verstorbenen Kindes für uns?” gemeint.

Es geht um Fragen an einen Mann mit Trisomie 21, also dem dreifachen Vorhandensein des Chromosoms 21, häufig auch Down-Syndrom genannt. Zum gestrigen “Tag des Down-Syndroms” hat Bild.de Sebastian Urbanski, einen Schauspieler mit Down-Syndrom, interviewt und ihm fragen gestellt, “die man sonst nicht zu stellen wagt”. Gleich zu Beginn zum Beispiel diese hier:

Darf man Mongo oder Downi sagen?

Urbanski: “Beides ist nicht okay. Mongo ist eine echte Beschimpfung. Auch Downi ist eine Beleidigung, obwohl manche Leute finden, das ist nett. Ich bin ein Mensch mit Down-Syndrom, so soll man es auch sagen.”

Unter der Voraussetzung, dass Urbanski vorher zugestimmt hat, dass in dem Interview alles und ohne Umschweife zum Thema angesprochen werden kann, finden wir die Frage zumindest in Ordnung, auch wenn sie das üble Schimpfwort “Mongo” beinhaltet. Die Kombination aus Frage und Antwort hat immerhin einen aufklärerischen Ansatz.

Die — auch und gerade für Journalisten — sehr lesenswerte Seite Leidmedien.de klärt in ihrem Glossar “Begriffe über Behinderung von A bis Z” ganz ähnlich über die Beleidigung “Mongo” auf:

Auch “Mongo” und “mongoloid” ist veraltet und diskriminierend: zum einen behindertenfeindlich gegenüber Menschen mit Trisomie 21 / Down-Syndrom; zum anderen rassistisch, da es eine Anspielung auf die angeblich “asiatische” Augenform von Menschen mit Trisomie 21 ist.

Nun mag die Frageform von Bild.de direkter und knalliger sein. Es handelt sich aber eben auch um Boulevardjournalismus.

Was wir hingegen völlig daneben finden, ist die Art, mit der die Redaktion den Artikel auf ihrer Startseite angeteasert hat:

Bild.de hat also im Interview von Sebastian Urbanski erfahren, dass “Mongo” eine schlimme Beleidigung ist. Und zieht daraus nicht die Konsequenz, dass diese in der Überschrift nichts verloren hat? Wenn diese direkten Fragen, die sich sonst “keiner zu stellen traut”, einen Sinn haben sollen, dann doch nur, wenn man die Antworten auch zur Kenntnis nimmt — zum Beispiel beim Präsentieren des Artikels.

Die Bild.de-Redaktion aber reproduziert und verbreitet lediglich das Schimpfwort “Mongo” auf ihrer Startseite, ohne irgendeinen Kontext zu bieten. Das ist nicht mehr mutig, sondern nur noch ein billiger Klickfänger ohne Anstand, und hat mit Aufklärung nichts zu tun.

Zum Vergleich ein anderer Fall: Natürlich ist es in Ordnung, wenn das Team von “Hyperbole” in seiner Videoserie “Frag ein Klischee” eine Afro-Deutsche fragt, was sie davon halte, wenn Leute das Wort “Neger” benutzen. Schließlich gibt es immer noch reichlich Menschen, die die Verwendung des Begriffs ganz normal finden (gleiches gilt auch für das Wort “Mongo”). Diese Aufklärung ist wichtig. Es ist aber etwas völlig anderes, wenn man das Video irgendwo mit “Darf man Negerin zu Ihnen sagen?” bewirbt, ohne die wichtige ablehnende Antwort dazu zu liefern.

Was im Fall von Bild.de dazukommt und besonders grässlich ist: Es handelt sich um einen kostenpflichtigen “Bild plus”-Artikel. Das Schimpfwort “Mongo” sehen also Millionen Menschen, die täglich bei Bild.de vorbeischauen. Die Antwort, dass dessen Verwendung überhaupt nicht okay ist, erreicht nur die paar Hunderttausend, die “Bild plus” abonniert haben.

Mit Dank an @WaywardKitten93, @SusannahWinter und Mark P. für die Hinweise!

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