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Sibel Kekilli will nicht mit “Bild” sprechen

Sibel Kekilli hat kein besonders gutes Verhältnis zur “Bild”-Zeitung, und das verwundert wenig, wenn man weiß, was das Blatt der Schauspielerin vor zehn Jahren angetan hat.

Zwei Tage nachdem der Film „Gegen die Wand“, in dem Kekilli die Hauptrolle spielt, den Goldenen Bären gewonnen hatte, breitete “Bild” wochenlang genüsslich ihre Vergangenheit als Pornodarstellerin aus. Kekilli sagte danach gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“: „Die ‘Bild’-Zeitung sagt mir zum Beispiel: Wir wollen jetzt an deine Eltern ran. Aber wir können sie in Ruhe lassen, wenn du uns ein Interview gibst. Ich laß mich ganz bestimmt von denen nicht erpressen.“

Die “Bild”-Berichterstattung wurde später vom Presserat mit einer Rüge belegt (die “Bild” erst zwei Jahre später unauffällig abdruckte) und vom Berliner Kammergericht als unzulässiger “Eingriff in die Würde eines Menschen“ bezeichnet (Genaueres s. Kasten).

Seitdem hat Sibel Kekilli der „Bild“-Zeitung (mit zwei Ausnahmen) keine Interviews mehr gegeben und würde es nach eigener Aussage auch nicht mehr tun. Darum waren wir auch etwas überrascht, als wir vor gut drei Wochen lasen:

Jetzt erzählt Sibel Kekilli BILD bei der Berlinale, wie ihr neues Leben in Hollywood läuft und wie es weitergeht.

Unser Verdacht war zuerst, dass „Bild“ sich das Interview (das wortgleich auch in der „B.Z.“ erschienen ist) in guter alter Sportteil-Tradition aus den Antworten von einer allgemeinen Pressekonferenz zusammengestückelt hat, doch inzwischen wissen wir, dass es doch ein wenig anders war:

Die Reporterin selbst erinnert sich offenbar anders. In einer Anmerkung schiebt die Redaktion hinterher:

Mit Dank auch an Christian M. und Bernhard W.

Bild  

Männer die Macher, Frauen die Objekte – über Sexismus in “Bild”

Seit vier Monaten setzt sich die Kampagne “StopBildSexism” gegen Sexismus in der “Bild”-Zeitung ein und fordert in einer Online-Petition die Abschaffung des “Bild-Girls” und den Verzicht auf sexistische Berichterstattung (bisher wurde die Petition über 34.000 Mal unterzeichnet). In einem BILDblog-Gastbeitrag erklären die beiden Initiatorinnen — Kristina Lunz studiert in Oxford Global Governance and Diplomacy, Sophia Becker arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Bundestag im Bereich Außenpolitik –, warum sie die Kampagne gestartet haben und wogegen sie dort eigentlich kämpfen.

***

Das “Bild-Girl” ist ein wahres Politikum. Immer wieder werden wir gefragt, was denn eigentlich das Problem sei, da diese Frauen das doch alle freiwillig machen würden. In der Tat, alle “Bild-Girls” lassen freiwillig die Hüllen fallen, sie scheinen selbstbewusst und mit sich und den Fotos im Reinen. Ja, die “Bild”-Zeitung erfüllt ihnen sogar einen lang ersehnten Wunsch. “Ich lasse mich gerne fotografieren”, sagt zum Beispiel “Bild-Girl” Jessica, und “Bild-Girl” Alina verrät: “Es ist mein Traum, in den Playboy zu kommen.” Wieso können wir also nicht einfach den freien Willen dieser Frauen akzeptieren? Ist das der neue Feminismus, der anderen Frauen vorschreiben will, was sie zu tun und zu lassen haben? Was soll diese Prüderie? Was ist denn so schlimm an ein paar Brüsten in einer Boulevardzeitung? 

Das Problem mit dem “Bild-Girl” liegt im Kontext. Täglich blickt es uns lasziv von den Seiten einer Tageszeitung entgegen, die 2,1 Millionen Mal verkauft und von zirka fünfmal so vielen Menschen gelesen wird. Es räkelt sich neben Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport und suggeriert somit, dass es sich auch hier um die Abbildung der Realität handelt. Die Nachricht, die das “Bild-Girl” sendet, ist: Frauen sind immer verfügbar und ausschließlich für die männliche Bedürfnisbefriedigung da.

Das “Bild-Girl” ist jedoch bei weitem nicht das größte Problem. Es ist eigentlich nur die Spitze des Eisbergs, denn der Sexismus schlägt einem aus fast jedem Artikel über Frauen entgegen. Die weibliche Hälfte der Bevölkerung wird in “Bild” fast ausschließlich auf ihr Äußeres und ihre Sexualität reduziert. Frauen werden im Vergleich zu Männern als schwach, verwundbar und passiv dargestellt. Sie werden objektifiziert und sexualisiert. Artikel über Frauen zeigen sie entweder als Pendant zu einem Mann, berichten über ihren Körper und ihre Kleidung oder zeigen Frauen als Opfer. Dafür gibt es jeden Tag unzählige Beispiele.

Besonders pervers ist, wie “Bild” Fälle von Gewalt gegen Frauen benutzt, um den Voyeurismus und die Sensationslust der Boulevardpresse zu befriedigen. Unter dem Deckmantel des Journalismus und der Anteilnahme mit den Opfern und ihren Angehörigen werden Geschichten wie die von Tuğçe A. oder Maria P. bis ins kleinste Detail, ohne Rücksicht auf ihre Privatsphäre, ausgeschlachtet. 

So berichtete “Bild” zum Beispiel empört über einen Spanner in einer Sonnenbank. Die Verurteilung des Täters nahm “Bild” als Anlass, selbst ein Foto abzudrucken, das die nackte Geschädigte zeigt. Ein weiteres Beispiel findet sich in der Berichterstattung zum Urteil des Bundesarbeitsgerichts, das die Kündigung eines Mannes für unzulässig erklärte, der einer Reinigungskraft in seinem Betrieb an die Brust gefasst hatte. “Bild” gibt sich empört über diesen Sexismus und druckt gleichzeitig als Aufmacher das Bild eines weiten Ausschnitts über den Artikel. 

BILDblog hat vor einigen Tagen aufgezeigt, wie “Bild” sich seit Monaten am Buch und Film “50 Shades of Grey” ergötzt. Diese Berichterstattung ist auch ein treffendes Beispiel für den Sexismus und Voyeurismus, der täglich im Blatt zu finden ist. Im Artikel „BILD zeigt den Busen, auf den die Welt wartet“ druckte “Bild” schon vor Kinostart, bevor Screenshots veröffentlicht werden durften, ein Oben-ohne-Foto von Dakota Johnson, der Hauptdarstellerin des Films. Das Foto entstand jedoch vermutlich ohne Einwilligung der Schauspielerin während ihres Urlaubs. “Bild” behandelt Frau Johnson damit, als sei ihr Körper ein öffentliches Gut, das jedem zugänglich gemacht werden darf.

Männer hingegen werden in “Bild” grundsätzlich anders dargestellt: ob als Sportler, Staatsmänner oder Wirtschaftsbosse — Männer bekommen eine Berichterstattung, die sie als vollständige Person wahrnimmt, als Mensch mit Charakter, Interessen und Ideen.

Der anderen Hälfte der Bevölkerung wird diese respektvolle Berichterstattung nicht zuteil, was beispielsweise sehr eindringlich in der Ausgabe vom 11. Februar deutlich wurde: Männer diskutieren über Politik, Frauen werden zum Lustobjekt.

Wenn Sie auf Bild.de gehen, werden Sie feststellen, dass die große Mehrheit an Artikeln über Frauen diese auf ihren Körper und ihre Sexualität reduziert und die nebenstehenden Abbildungen ebenfalls die Frau ausschließlich zum Objekt degradieren. Ein kleiner Auszug von Artikeln vom 18. Februar, die ebenfalls mit Fotos von Frauen werben, auf denen diese auf ihr Äußeres reduziert oder sexualisiert dargestellt werden:











Eine ähnliche Zusammenstellung von Bild.de-Artikeln über einen Zeitraum von vier Tagen hinweg, die Frauen thematisieren, machten wir Anfang Februar:

Man kann dieses kleine Experiment jeden Tag machen und wird immer wieder das gleiche, diskriminierende Muster entdecken: Männer die Macher, Frauen die Objekte. Besonders auffällig ist dies im Sportteil der “Bild”-Zeitung, der ebenfalls von Männern dominiert wird. Es ist nicht so, als gebe es in Deutschland nicht genügend erfolgreiche Sportlerinnen — die sportlichen Leistungen von Frauen werden in “Bild” einfach nicht ansatzweise so gewürdigt wie die sportlichen Leistungen von Männern. Wenn Frauen es dann mal in den Sportteil schaffen, dann beispielsweise nicht etwa, weil sie erfolgreiche Tennisspielerinnen, sondern eben die Freundinnen mit Modelmaßen von berühmten Fußballern sind.

Deutschlands einflussreichste Zeitung zeichnet also ein klares Bild und bietet kaum Plattformen, respektvoll über Frauen als eigenständige Persönlichkeiten zu berichten, da sie keine Daseinsberechtigung über die sexuelle Bedürfnisbefriedigung von Männern hinaus zu haben scheinen. So wird in den Millionen von Haushalten, in denen “Bild” gelesen wird, allen — auch Mädchen und Jungen von klein an — ein klares Rollenbild vermittelt und damit die gläserne Decke verstärkt.

Denn Forschung und Wissenschaft haben gezeigt, dass sexualisierte Darstellungen in den Medien auch Implikationen für das wahre Leben haben und beschreiben die Verbindungen zwischen Objektifizierung, Dehumanisierung und Gewalt. So beobachten Puvia und Vaes, dass wenn Frauen objektifiziert werden, sprich: auf ihren Körper reduziert und als Objekt dargestellt, dann werden ihnen von Männern sowie von Frauen menschliche Eigenschaften abgesprochen, sie werden also dehumanisiert. Die Forscher Rudman und Mescher fanden zudem heraus, dass Männer, die Frauen als Objekt — also dehumanisiert — betrachteten, eine größere Neigung zu Vergewaltigungen und sexueller Gewalt im Allgemeinen zeigen. Auch Dr. Linda Papadopolous, die Autorin des Berichts „Sexualisation of young people” des britischen Innenministeriums legt dar, wie die sexuelle Objektifizierung als eine von vielen Formen der Unterdrückung von Frauen zu weiteren Benachteiligungen wie Diskriminierung am Arbeitsplatz und sexueller Gewalt führt.

Massenmedien beeinflussen bewusst und unbewusst unsere Meinungen und Werte. Sie formen unsere Normalität und geben uns Verhaltensrichtlinien vor. Deshalb ist es so gefährlich, wenn Deutschlands einflussreichste Zeitung täglich Frauen diskriminiert, auf ihren Körper reduziert und ihren Wert an ihrer Sexualität misst. Dieser Blick auf Frauen wird — bewusst oder unbewusst — von Leserinnen und Lesern übernommen und in ihr tägliches Leben übertragen.

Angesichts der vielen Fälle von Gewalt gegen Frauen in Deutschland geht es hier weit über ein paar nackte Brüste in einer Boulevardzeitung hinaus. Laut einer Studie der Bundesregierung (PDF) werden knapp 60 Prozent der Mädchen und Frauen in Deutschland im Laufe ihres Lebens mindestens einmal sexuell belästigt, und etwa 40 Prozent haben seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren.

Frauen sind, genauso wie Männer, mehr als die Summe ihrer Körperteile und Sexualität. Sie leisten ebenso herausragende Dinge und ihre Taten verdienen es, beachtet zu werden. Wir, unsere Freundinnen, Schwestern und alle Frauen sind ebenso vielfältig, sportlich, top ausgebildet, stark und kreativ wie Männer. Frauen sind keine Vorlagen zur sexuellen Bedürfnisbefriedigung, so wie es die Kommentare von “Bild”-Lesern und -Leserinnen unter den “Bild-Girls” suggerieren:

Deshalb haben wir, die zehn Männer und Frauen hinter “StopBildSexism”, uns vor vier Monaten zusammengetan, um diese Form der Diskriminierung zu bekämpfen. Wir verlangen eine respektvolle Darstellung aller Menschen in Deutschlands einflussreichsten Medien und allen voran in “Bild”. Wir wollen mehr erfolgreiche Frauen und weniger Gewaltopfer sehen. Eigentlich ist unsere Forderung extrem simpel: Wir wollen, dass “Bild” über Frauen ebenso berichtet wie über Männer: über ihre Arbeit in Bereichen wie Sport, Medien, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Alle Quoten dieser Welt werden uns nicht die Gleichberechtigung bringen, so lange Deutschlands einflussreichste Medien ein eindimensionales, schwaches und passives Bild von Frauen verbreiten.

Unsere Kritiker greifen selten zu echten Argumenten. Persönliche Angriffe („Ihr müsst wohl arg unzufrieden mit eurem Sexleben sein“, „Ihr seid nur neidisch und habt sicher kleine Brüste.”) paaren sich mit einer vermeintlich heroischen Verteidigung der Meinungsfreiheit („Ihr wollt die Zensur!“) und einem beängstigenden Fatalismus („Wenn es euch stört, kauft halt die Zeitung nicht.“ „Was regt ihr euch so auf, das Bild-Girl gab es doch schon so lange ich denken kann.“)

Davon werden wir uns sicher nicht abhalten lassen, denn „der gefährlichste Satz einer Sprache ist: ‚Das haben wir schon immer so gemacht.’” (Grace Hopper). Wir stellen den Status Quo in Frage und akzeptieren nicht, dass Sexismus eine Form von Diskriminierung ist, die in unserer Gesellschaft noch immer heruntergespielt und belächelt wird. “This has never been about being ‘offended’, but being affected by it”, wie die britische Abgeordnete Stella Creasy das “Page 3 Girl” in der “Sun” einmal kommentierte. Es geht um die Konsequenzen der oben beschriebenen Darstellung von Frauen in unseren Massenmedien, die uns am Ende alle betreffen.

Natürlich führt das Durchblättern einer “Bild”-Zeitung nicht unverzüglich zur Belästigung einer Frau. Wir werden jedoch täglich mit Hunderten solcher Bilder konfrontiert. Ob wir es wollen oder nicht, diese Darstellungen beeinflussen unsere Wahrnehmung und tragen dazu bei, dass Leistungen von Frauen in unserer Gesellschaft schneller belächelt werden, dass Sexismus als Witz abgetan werden kann und dass eine Fixierung auf das Aussehen von Frauen Normalität ist. Dies, verbunden mit der Degradierung und Objektifizierung, kann eben auch zu sexueller Belästigung und Gewalt beitragen.

Wir stellen nicht in Frage, dass Frauen sich freiwillig dazu entscheiden können, Nacktfotos aufzunehmen. Uns geht es auch nicht um die einzelnen “Bild-Girls”, um ihre Motivation oder Gründe. Alle Menschen können ihr Leben so gestalten, wie sie möchten, so lange sie damit nicht die Freiheit anderer einschränken. Das gehört zu den Grundlagen unserer Demokratie. Zu den Grundwerten unserer Demokratie gehört jedoch auch, das Menschen weder aufgrund ihrer Hautfarbe oder Herkunft, ihrer Religion, ihrer Sexualität noch aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden. Doch das findet jeden Tag in der “Bild”-Zeitung statt.

GNTM, Wissenschaft, Kopenhagen

1. “Streitgespräch über Wissenschaft in den Medien: ‘Die sollten sich schämen!'”
(spiegel.de, Markus Becker und Axel Bojanowski)
Drei Wissenschaftler diskutieren über die Wissenschaft in den Medien. Ernst Peter Fischer: “Wenn Bambi-Preisverleihung ist, wird eine dreistündige Direktübertragung im Fernsehen gemacht. Die Nobelpreis-Verleihung bekommt zehn Sekunden in der Tagesschau.”

2. “Chips essen mit Heidi”
(coffeeandtv.de, Katharina)
Katharina denkt nach über “Germany’s Next Topmodel”: “Ja, die (privaten) Medien erziehen unsere Kinder mit, aber niemand hat sie damit beauftragt, eine Gesellschaft muss es aushalten, dass es eine Wertevielfalt gibt. Das bedeutet auch, dass es Werte gibt, die z.B. ich als Pädagogin nicht vertreten würde. Was Heidi Klum vermittelt, ist Anpassung an alle Anforderungen, und mögen sie noch so absurd sein.”

3. “Was Medien sexy finden: Oberfläche statt Tiefenschärfe”
(rolandtichy.de, Fritz Goergen)
Politikberater Fritz Goergen ist dafür, dass sowohl die Medien als auch die Politik den “trostlosen Zustand” gegenseitiger “Skandalisierung, Personalisierung und Sensationalisierung” überwinden: “Erst berichten die Medien allesamt fast gar nicht über politische Inhalte, sondern nur über Personen, am liebsten ihre Konflikte mit anderen oder noch besser über Skandale. Und dann werfen sie den Akteuren vor, keine inhaltlichen Akzente zu setzen. Aber über Inhalte von Nichtregierungs-Politik ohne Krach oder bunte Bilder berichten sie nicht. Also machen die langen Beine Politik, oder helfen wenigstens, eine Wahl zu gewinnen. Inhalt wird schon nachgeliefert.”

4. “The Sad State of Fact-Checking”
(austenallred.com, englisch)
Austen Allred beschäftigt sich mit dem Prüfen von Fakten in den Medien: “For every one person The Daily Mail pisses off by publishing its false stories, 100 people are reading it and saying, ‘Wow, The Daily Mail does some daring reporting.’ Very few people care anymore — we don’t have time to.”

5. “Image manipulation hits World Press Photo”
(bjp-online.com, Diane Smyth, englisch)
Die Wahl des Pressefoto des Jahres: “Twenty percent of the images in the penultimate round of World Press Photo 2015 were disqualified because they were manipulated, according to Lars Boering, managing director of the organisation – and the Sports Stories category was so badly affected that the jury were unable to award a third prize.”

6. “After this shooting, let’s fight even harder for the right to offend”
(spiked-online.com, Brendan O’Neill, englisch)
Nach den Anschlägen in Kopenhagen vom letzten Wochenende, die nicht nur Karikaturisten gegolten habe, sondern vielmehr engagierten Normalbürgern, die über Meinungsfreiheit diskutieren haben wollen, plädiert Brendan O’Neill für das Recht, Leute vor den Kopf zu stoßen: “How should we respond to this physical assault on a debate about free speech? By having more debates about it, in more places, more regularly, engaging more people, as many people as possible.” Siehe dazu auch “The right to free speech means nothing without the right to offend” (theguardian.com, Jodie Ginsberg, englisch).

Gestatten, Cristiano Ronaldo, Fantastilliardär

In der Tat:

Bei diesem Einkommen hat Ronaldo genug Grund zum Jubeln [dazu ein Foto von Ronaldo beim Jubeln]

Cristiano Ronaldo (30) ist Weltfußballer, Superstar bei Real Madrid und verdient Ihr Jahresgehalt in wenigen Minuten: Laut „Forbes-Liste“ ist der Portugiese die Nummer zwei der bestverdienenden Sportler der Welt.

Was genau das bedeutet, erklärt Bild.de anhand eines Beispiels:

Sie sind Friseurin? Dann dürfte Ihr Durchschnittsverdienst bei knapp 15 500 Euro brutto im Jahr liegen. Ein Jahr lang waschen, schneiden und föhnen. Für dieselbe Summe braucht Ronaldo gerade mal acht Minuten. Während Ronaldo sich ein hartes Ei kocht, verdient er das Jahres-Gehalt einer Friseurin.

Dann muss er nur noch schnell den Müll runterbringen, ein Ründchen Fifa zocken und sich die Haare machen, und schwupps, hat er schon die nächste Million drin. Zumindest nach der Rechnung von Bild.de. Denn 15.500 Euro in acht Minuten, das wären 1.938 Euro pro Minute. 116.280 Euro pro Stunde. 2.791.000 Euro pro Tag. Und sage und schreibe 1.018.715.000 Euro pro Jahr.

Blödsinn, sagen Sie? Stimmt.

Gibt man auf der Seite der BBC, auf die sich Bild.de beruft („How long would it take you to earn a top footballer’s salary?“), 15.500 Euro ein …

Your country: Germany; Pre-tax annual salary in local currency: €15500; Compare yourself with: Cristiano Ronaldo (Real Madrid)

… kommt man zwar tatsächlich auf acht Minuten:

Cristiano Ronaldo earns €18,200,000 per year. It would take him 8 minutes to earn your weekly salary.

Bloß: Diese Zeitangabe bezieht sich auf das Wochengehalt der imaginären Friseurin (steht ja auch da). Demnach verdient Ronaldo in acht Minuten 280 Euro. Nicht 15.500. Und im Jahr gut 18 Millionen (steht ebenfalls da).

Aber auf eine Milliarde mehr oder weniger kommt’s bei Bild.de ja doch nicht an.

Mit Dank an Sebastian K., Mark G. und Chris S.

Warum wir gegen die “Bild”-Zeitung kämpfen

Wir sind zurück!

Dank Ihnen.

Vor gut fünf Wochen haben wir an dieser Stelle um Spenden gebeten, weil wir die Finanzierung des Blogs nicht mehr aus eigener Kraft hätten stemmen können. Die Resonanz hat uns überwältigt: Hunderte von Ihnen sind dem Aufruf gefolgt und haben uns mit Spenden, Hinweisen und Kontakten versorgt, und inzwischen haben wir genug Geld beisammen, um den Blogbetrieb für dieses Jahr zu finanzieren.

Wir freuen uns sehr darüber und bedanken uns für die wunderbare Unterstützung. Wir werden verantwortungsvoll damit umgehen.

In der Zwischenzeit ist natürlich viel passiert in den Medien. Ein bisschen was davon wollen wir uns in den nächsten Tagen noch etwas näher anschauen. Heute konzentrieren wir uns aber erstmal auf die “Bild”-Zeitung, weil es da erstens noch einiges nachzuholen gibt, und zweitens, weil wir tatsächlich immer wieder gefragt werden, warum wir die “Bild”-Zeitung immer noch so schlimm finden. Warum? Nun, weil …

1. Weil sie Profit aus dem Leid von Menschen schlägt

… und die Opfer von Unfällen und Verbrechen ein zweites Mal zu Opfern macht.

Aktuelles Beispiel: Vor Kurzem soll ein Mann in Darmstadt seine 19-jährige Tochter getötet haben. Bild.de berichtete am Samstag so über den Fall:

(Namens-Unkenntlichmachung von uns.)

Eine Quelle für das Foto des Opfers ist nicht angegeben. In der Print-Version steht nur: „privat“. Wahrscheinlich hat „Bild“ es sich, wie so oft, einfach im Facebook-Profil des Opfers besorgt. Und es ist nicht davon auszugehen, dass die Eltern des Mädchens um Erlaubnis gebeten wurden – sie sitzen beide seit Tagen in U-Haft.

Immerhin, könnte man sagen, hat Bild.de das Gesicht des Mädchens auf der Startseite unkenntlich gemacht. Dahinter stecken jedoch keine ethischen oder journalistischen oder persönlichkeitsrechtlichen Gründe — sondern wirtschaftliche. Es soll die Leser zum Abschluss eines „Bild-Plus“-Abos anregen. Hinter der Paywall ist die Unkenntlichmachung dann verschwunden. Nur wer zahlt, darf das Opfer in aller Ausführlichkeit beglotzen.

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2. Weil sie schon wieder gegen die Griechen hetzt.

… und es dabei auf die Allerärmsten abgesehen hat:

Die Autoren behaupten, die Wahlversprechen des neuen griechischen Ministerpräsidenten könnten nur auf „unsere“ Kosten umgesetzt werden, und rechnen empört vor, wie viel das sein wird:

„Die“ gegen „uns“. Faules Pack gegen fleißige Steuerzahler. Schwarzweißschreiberei ohne Platz für Grautöne, aber die interessieren bei „Bild“ ja auch niemanden. Wie sehr das Blatt die Wahrheit dabei tatsächlich entstellt, hat sich Thomas Otto vom Deutschlandfunk in diesem lesenswerten Blogpost näher angeschaut. Er schreibt zum Beispiel:

Minutiös listet das Blatt die Wahlversprechen von Alexis Tsipras auf und erweckt den Eindruck, als würden die Griechen in Saus und Braus leben – und das auf Kosten des deutschen Steuerzahlers. Vor lauter Galle, die die Autoren beim Schreiben gespuckt haben müssen, haben sie allerdings einige Fakten verdreht. Das beginnt schon bei der genannten Summe von 20 Milliarden Euro. Laut “Bild” hätten “Experten” diese Summe errechnet. Welche, das verraten die Autoren nicht. Und das könnte einen einfachen Grund haben:

Addiert man die einzelnen Posten des Wahlprogramms von Tsipras’ Syriza-Partei, so kommt man auf 11,382 Mrd. Euro – großzügig gerundet 12 Mrd. Euro. Genau diese Zahl ist auch den Autoren nicht ganz unbekannt. Eine Nachfrage beim Kieler Institut für Wirtschaftsforschung, das für die zweite genannte Zahl als Quelle angegeben wird, ergibt: Ein “Bild”-Redakteur hatte sich dort gemeldet und eine Anfrage gestellt: Wie groß wäre die Summe von 12 Mrd. Euro umgerechnet auf die Bundesrepublik? “Bild” kannte also die tatsächlich von Syriza geschätzten Kosten. Wohlwollend könnte man hier noch von einem (wiederholten) Tippfehler ausgehen – oder davon, dass 20 einfach viel besser klingt als zwölf…

Auch viele andere vermeintliche Tatsachen geben die „Bild“-Autoren auf ihrem krawalligen Feldzug kurzerhand falsch oder verzerrt wieder. Thomas Otto schreibt:

“Bild” pickt sich die Rosinen heraus, die in ihre politische Agenda passen und ignoriert die Fakten, die dem entgegenstehen. Ganz nach dem Motto “Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt”. Das entlarvt einmal mehr, dass für “Bild” nicht die Information, sondern die Empörung im Mittelpunkt ihrer “Arbeit” steht. Aber warum sollte man seine Leser auch mit störenden Fakten ablenken, wenn die sich gerade so schön aufregen.

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3. Weil sich ihr Chefredakteur auch noch einen großen Spaß daraus macht.

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4. Weil sie die Fakten verdreht, wie es ihr gerade passt.

Nicht nur, wenn es gegen die Griechen geht, sondern genauso bei Hartz-IV-Empfängern, Muslimen, Roma, der EU, der Linkspartei und den Rundfunkgebühren, um nur mal die Klassiker zu nennen. Gut zu beobachten beispielsweise in der vorletzten Ausgabe der „Bild am Sonntag“. Kategorie: Die Bekloppten von der EU schon wieder!

Normalerweise ist dafür „Bild“-Chefkorrespondent Dirk Hoeren zuständig, aber weil der ja vergangene Woche schon woanders rumhetzte, durfte diesmal „Bams“-Kollege Nils Mertens ran, der bis dato eher durch sein Talent im Ausschlachten tragischer Einzelschicksale aufgefallen war. Jetzt also die EU.

Diesmal geht es um eine Norm namens EN 13814, die 2004 erarbeitet wurde und grundsätzlich alle „Fliegenden Bauten“ betrifft, also Karussells, Achterbahnen und so weiter. Sie soll seit dem 1. Januar 2015 für einheitliche Sicherheitsstandards in Europa sorgen, stößt bei deutschen Schaustellern aber auf wenig Begeisterung, weil viele ihre Fahrgeschäfte aufwendig umrüsten mussten. Vor allem ärgert sie, dass es keinen Bestandsschutz mehr gibt, also auch bestehende Karussells, die jahrelang als sicher galten, plötzlich umgebaut werden müssen.

So viel zum Hintergrund. Jetzt zum „Bams“-Artikel. Zum Einstieg dichtet Mertens:

Wenn du glaubst, du hast es schwer, kommt die EU daher – und dann wird’s richtig mühsam. Mit ihren Richtlinien hat es die Europäische Union bisher noch immer geschafft, die Bürger ihrer 28 Mitgliedstaaten in den Wahnsinn zu treiben. Man denke nur an die verbindlich vorgeschriebene Krümmung von Bananen.

Hach ja, die Bananen-Verordnung. Die frei erfundene Bananen-Verordnung, wie man ergänzen muss, denn eine „verbindlich vorgeschriebene Krümmung von Bananen“ hat es in Wirklichkeit nie gegeben. Ja, es gab da mal diese Gurken-Verordnung, aber auch die ist seit einigen Jahren Geschichte, und auch die gerne zitierte „EU-Verordnung zum Import von Karamellbonbons“ ist Blödsinn. Aber zurück zur „Bams“ und den Karussells. Mertens schreibt:

Jetzt hat’s die deutschen Schausteller erwischt (…). Die EU-Verordnung DIN EN 13814 regelt seit 2004 die Sicherheit von „Fliegenden Bauten und Anlagen für Veranstaltungsplätze und Vergnügungsparks“.

Das heißt unter anderem: Ein Karussell mit 20 Sitzen durfte bisher maximal 1500 Kilo Menschenmasse rumschleudern, pro Fahrgast also 75 Kilo. Bei zehn 90-Kilo-Schwergewichten hätte der Rest also Modelmaße haben müssen. Dass dem nicht so ist, blieb auch den EU-Beamten nicht verborgen.

Jeder zweite Europäer ist laut OECD zu dick. Diese neue Fettleibigkeit wird nun zur Last der Karussellbetreiber. Deren Geräte sollen künftig im Schnitt 100 Kilo [statt 75 Kilo] tragen.

Dann noch ein armer, von der EU-Willkür gebeutelter Karussellbetreiber, der über die neuen Regelungen nur noch „stöhnt wie ein 200-Pfünder beim Treppensteigen“ (höhö) — und fertig ist der EU-Aufreger:

Fragt man Leute vom Fach, stellt sich die Sache allerdings ein bisschen anders dar.

Alles Unsinn.

… sagte der damalige Leiter der Abteilung „Fliegende Bauten“ beim TÜV Süd schon vor zwei Jahren zu dem Gerücht, die neuen Regelungen habe was mit der zunehmenden Fettleibigkeit zu tun.

Auch mit der neuen Norm gehen wir noch von einem mittleren Körpergewicht von 75 Kilo aus. So wird die Dynamik des gesamten Fahrgeschäfts berechnet. Aber früher mussten auch Einzelteile, wie etwa der Sicherheitsbügel bei der Achterbahn, nur für 75 Kilo ausreichen und dort ist die Vorschrift jetzt 100 Kilo.

Das habe aber nichts mit dicker werdenden Menschen zu tun, sondern einfach damit, dass sich „bei der Technik viel getan“ habe. Aber mal ganz abgesehen von der Motivation, die hinter den neuen Regelungen steckt: Es gibt noch einen weiteren Aspekt, den der „Bams“-Autor – aus gutem Grund – nicht erwähnt. Die „EU-Verordnung“, von der er spricht, ist in Wahrheit eine „EU-Norm“ — und vor allem: für die Mitgliedsstaaten freiwillig.

Die Europäische Kommission erklärt auf ihrer Internetseite:

Fakt: Grundsätzlich ist es Sache der EU Mitgliedsstaaten technische Vorschriften zu erlassen, die die Sicherheit von Karussells und anderen fliegenden Bauten betreffen. Dazu kann eine bestehende Norm von den zuständigen Behörden ganz oder teilweise für verbindlich erklärt werden. Dies liegt jedoch im Ermessen der Mitgliedsstaaten – also Deutschlands.

In der jetzt kritisierten Norm EN 13814 hat das Europäische Komitee für Normung (CEN) einheitliche Sicherheitsstandards für Karussells und andere fliegende Bauten für Jahrmärkte und Vergnügungsparks festgelegt. (…) Die Norm an sich ist jedoch freiwillig.

Hinzu kommt: Dass es in Deutschland keinen Bestandsschutz gibt — darüber ärgern sich die Schausteller ja besonders –, war keine Entscheidung der EU (in der EU-Norm ist eine solche Klausel enthalten), sondern wurde von den deutschen Behörden so festgelegt. Womöglich wäre es also sinnvoller, erstmal bei denen anzusetzen, statt gleich wild auf die EU einzuprügeln. Zumindest, wenn man an einer vernünftigen Auseinandersetzung mit der (sicherlich streitbaren) Norm oder der (zweifelsohne wahnwitzigen) EU-Bürokratie interessiert ist. Also im Gegensatz zu den Leuten von „Bild“.

Wir sind gespannt, wie lange es dauert, bis es bei denen heißt:

Mit ihren Richtlinien hat es die Europäische Union bisher noch immer geschafft, die Bürger ihrer 28 Mitgliedstaaten in den Wahnsinn zu treiben. Man denke nur an die Gaga-Verordnung für Dicke in Karussells.

Mit Dank an Jan R.!

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5. Weil sie auf die Privatsphäre prominenter Menschen pfeift.

Als Heidi Klum Ende Dezember von einem Fotografen halbnackt am Strand erwischt wurde, druckte „Bild“ die Fotos groß auf der Titelseite …

Als Uli Hoeneß am Neujahrstag Haft-Urlaub hatte und von einem Fotografen beim Wald-Spaziergang mit seiner Frau erwischt wurde, druckte „Bild“ das Foto groß auf der Titelseite …

Als die Frau von Bushido nach einem Ehekrach einkaufen war und von einem Fotografen erwischt wurde, druckte „Bild“ das Foto groß auf der Titelseite …

All diese Fotos wurden offenbar heimlich und aus einiger Entfernung aufgenommen. Wir vermuten also, dass sie ohne Einverständnis der Abgebildeten gemacht und veröffentlicht wurden. Zumindest im Fall von Herbert Grönemeyer sind wir uns sogar ziemlich sicher: Als der Sänger neulich mit einem Kameramann und einem Fotografen aneinandergeriet, zeigte Bild.de das Video der Rangelei groß auf der Startseite — und musste es später wieder runternehmen, weil der Sänger eine einstweilige Verfügung erwirkt hatte. Grönemeyer will sich auch weiterhin wehren und verlangt nun eine Gegendarstellung von der „Bild am Sonntag“. (Genaueres zu dem Fall hat Hans Leyendecker von der „Süddeutschen Zeitung“ hier und hier aufgeschrieben.)

Nun ist es eine Sache, wenn Prominente behelligt werden. Die kennen sich aus im Geschäft, haben in der Regel Medienanwälte und die nötigen Mittel, um sich gegen die medialen Attacken zu wehren. Und nicht zuletzt stehen sie, meistens jedenfalls, freiwillig in der Öffentlichkeit.

Etwas anderes ist es aber, wenn sich die „Bild“-Zeitung auf Menschen stürzt, auf die all das nicht zutrifft.

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6. Weil sie auf die Privatsphäre nicht-prominenter Menschen pfeift.

… und Schicksale über Wochen hinweg gnadenlos ausschlachtet.

Wir haben das neulich am Fall einer jungen Mutter aufgezeigt, über deren Leben und Tod „Bild“ tagelang sensationslüstern berichtet hatte: Blutige Details, unverpixelte Facebook-Fotos, private Informationen, das volle Programm.

Ähnlich, aber noch heftiger, ging es bei der Berichterstattung über eine Studentin zu, die gestorben war, nachdem sie vermutlich versucht hatte, einen Streit zu schlichten: Über 50 Artikel veröffentlichten die „Bild“-Medien allein in den ersten Tagen nach dem Vorfall, mit unzähligen Fotos des Opfers, des mutmaßlichen Täters und der trauernden Hinterbliebenen; später schaltete sich sogar die Staatsanwaltschaft ein, weil „Bild“ ein Beweismittel — das Überwachungs-Video vom Tatort — ohne Genehmigung veröffentlicht hatte.

Solche Artikelserien — „So grausam starb die junge Frau“, „Hier wird sie beerdigt“, „So trauert das Netz“ — gibt es ständig; die “Bild”-Medien bringen sie reflexartig nach fast jedem brutalen Verbrechen, und am eifrigsten sind sie, wenn das Opfer weiblich und hübsch war.

Auch in den letzten Tagen gab es wieder eine solche Serie, diesmal zum Mord an einer schwangeren Frau, die in einem Berliner Waldstück lebendig verbrannt wurde — ein gefundenes Fressen für die Geier von “Bild”:















Bisweilen saßen sechs (!) „Bild“-Autoren gleichzeitig an dem Fall und haben ganze Arbeit geleistet: Das Blatt präsentiert unverpixelte Fotos des Opfers, unverpixelte Fotos der mutmaßlichen Täter, Fotos vom Abtransport der Leiche, Fotos vom Tatort, Fotos von der Festnahme, Fotos von der Schule des Opfers, Fotos von Trauernden, Informationen aus dem Privatleben des Opfers, Informationen aus dem Privatleben der mutmaßlichen Täter. Und, klar, jede Menge grausame Details und Spekulationen zu den Hintergründen der Tat.

Selbstverständlich auch in gedruckter Form:


(Alle Unkenntlichmachungen von uns.)

Und es ist sicher nur eine Frage der Zeit, bis sich die “Bild”-Medien das nächste Opfer vorknöpfen. Eine potenzielle Kandidatin (s. Punkt 1) haben sie auf jeden Fall schon gefunden.

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7. Weil ihre Mitarbeiter solche Dinge von sich geben:

***

8. Weil sie kein Problem mit Schleichwerbung hat.

Einfaches Beispiel:

Sieht zwar aus wie ein normaler, redaktioneller Service-Artikel, ist aber von vorne bis hinten Werbung — für das kostenpflichtige Abnehmprogramm von Schauspielerin Ursula Karven.

Wir wollen Ihnen die PR-Hymnen ersparen. Schauen Sie sich nur mal diese Infobox an:

Ja, ganz schön toll das alles, vor allem für Frau Karven. Und am nächsten Tag ging’s sogar weiter:

Und am übernächsten Tag auch:

Bei Bild.de gibt’s außerdem noch eine Reihe von Videos mit Frau Karven, die sind aber kostenpflichtig. Verdienen wenigstens alle was daran.

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9. Weil sie unglaublich scheinheilig ist.

Wir haben uns ja schon vor der Winterpause darüber aufgeregt, dass sich „Bild“-Zeitung plötzlich als die große „Pegida“-Bekämpferin inszenierte, ausgerechnet sie, die in den Wochen und Jahren davor mit ihren Lügengeschichten immer wieder Ressentiments gegen Ausländer und Muslime geschürt hatte.

Als vor zwei Wochen dann diese Titelstory erschien …


… waren wir schon kurz davor, unseren Winterschlaf zu unterbrechen, aber zum Glück war Lalon Sander zur Stelle und brachte es bei taz.de genau auf den Punkt:

„Bild“ will Pegida entlarven – und entlarvt vor allem sich selbst. Sie erkennt endlich, was andere schon wussten: dass sie eine rassistische Zeitung ist.

***

Wir könnten noch Dutzende andere Gründe auflisten — die Homophobie der „Bild“-Zeitung, ihren Sexismus, Paul Ronzheimer — und es werden mit Sicherheit noch viele neue dazukommen.

Gut, mit ein bisschen Glück erledigt sich die Sache ja bald von selbst. Bis dahin werden wir aber die Stellung halten. Und sind dankbar, dabei Leser wie Sie an unserer Seite zu haben.

Der öffentliche Tod einer jungen Mutter

Am vergangenen Mittwoch ist in Emmerich eine 26-jährige Frau im Beisein ihrer kleinen Kinder erstochen worden. Laut Polizei war ein Nachbar der Familie über den Balkon in die Wohnung eingedrungen, hatte dort zuerst die 45-jährige Oma schwer verletzt und dann im Schlafzimmer, wo sich auch die Kinder aufhielten, brutal auf die junge Mutter eingestochen. Sie war schon verblutet, als die Rettungskräfte eintrafen.

Der mutmaßliche Täter, der auf seiner Flucht noch einen dritten Menschen attackierte, wurde am Tag darauf festgenommen; er habe die Taten gestanden, teilte die Polizei mit.

Die Medien interessierten sich natürlich sehr für den grausamen Fall, allerdings verzichteten sie in ihren Berichten auf Fotos der Opfer, änderten alle Namen und nannten auch sonst kaum persönliche Details, eine Praxis, die eigentlich selbstverständlich sein sollte, es aber bei Weitem nicht ist, nicht mal in den sogenannten seriösen Medien, wie man ja zuletzt an den fürchterlichen Opfergalerien zum MH17-Unglück sehen konnte. Umso erfreulicher, dass sich die Medien diesmal so zurückgehalten haben.

Bis auf „Bild“ natürlich.

Dort gab es mal wieder das volle Sensationsprogramm: Die Zeitung druckte Fotos vom Abtransport der Leiche und davon, wie die (immerhin verpixelten) Kinder aus dem Haus getragen werden; zeigte (sowohl in der Print- als auch in der Online-Ausgabe) Fotos vom Haus, in dem die Tat geschah, von der Wohnungstür der Familie, von der Wohnungstür des mutmaßlichen Täters und vom Haus des dritten Opfers. „Bild“ ist auch das einzige Medium, in dem die Namen der Betroffenen nicht geändert wurden. Und das einzige, das ein unverpixeltes Foto der getöteten Frau veröffentlicht hat — und zwar einmal am Mittwoch …

… und zweimal am Donnerstag …


… außerdem in der Bundesausgabe …

… in der Regionalausgabe (Ruhrgebiet) …

… nochmal in der Bundesausgabe …

… und nochmal in der Regionalausgabe:

(Alle Unkenntlichmachungen von uns.)

Als Foto-Quelle ist in der Printversion (wenn überhaupt) „Privat“ angegeben. Online heißt es:

In Wahrheit stammt das Foto aber natürlich nicht von „Bild“-Mann Stefano Laura, sondern vom Facebookprofil des Opfers. Auch das (mit schwarzem Alibi-Balken versehene) Foto des mutmaßlichen Täters hat sich „Bild“ kurzerhand bei Facebook besorgt, Quellenangabe: keine.

Am Donnerstag haben wir den Axel-Springer-Verlag um eine Erklärung zu dem Fall gebeten. Eine Antwort haben wir bis heute nicht bekommen.

Übrigens: Wie gestört die Leute von “Bild” mit diesem Thema umgehen, zeigt sich in der heutigen Ausgabe in ganz besonderer Weise. In einem Artikel über die Wild-Unfälle vom Wochenende hat die Zeitung einem Reh (!) das gewährt, was die meisten menschlichen Opfer nicht bekommen: ein verpixeltes Gesicht.

Mit Dank an Stephan T. und Kurt Wolfgang S.

Bahnstreik, Behinderung, “Bild”-Girl

1. “Abweichende Realitäten: Die Lokführer, die Medien und die Leser”
(wibkeschmidt.com)
Wibke Schmidt blickt auf die Berichterstattung zum Bahnstreik, insbesondere auf das Verhalten von Stern.de: “Ich glaube aber, dass es jenseits von Bild, Focus.de und stern.de auch betriebswirtschaftlich unklug ist, vor allem die populistische Empörung zu bedienen. Viele Menschen sind gar nicht so unterkomplex strukturiert, dass sie ein Problem nicht über den privaten Horizont hinausdenken.”

2. “Wie eine 25-jährige Bambergerin das BILD-Girl abschaffen will”
(nordbayern.de, Björn Bischoff)
Das “Bild”-Girl stehe stellvertretend für “Bild”-Sexismus, findet Kristina Lunz: “Bislang ist der Tenor, dass Frauen nur dann wertgeschätzt werden, wenn sie ihre Brüste zeigen. Männer hingegen werden für ihre Leistungen in Politik und Sport geschätzt.”

3. “Verschlüsselte Zeitungsanzeigen, Teil 1: Das Internet des 19. Jahrhunderts”
(scienceblogs.de/klausis-krypto-kolumne, Klaus Schmeh)
Klaus Schmeh berichtet von verschlüsselten Zeitungsannoncen im 19. Jahrhundert: “Vor allem heimlich Verliebte nutzten diese Form des Kommunizierens. In der Times und anderen britischen Zeitungen fanden sich damals verschlüsselte Anzeigen zu Hunderten oder gar Tausenden.”

4. “‘Wo will der Rollstuhl denn raus?'”
(sueddeutsche.de, Sabrina Ebitsch)
Menschen mit Behinderung erzählen von alltäglichen Begegnungen mit Menschen ohne Behinderung und erteilen Auskunft, wie letztere “Situationen vermeiden, die für beide Seiten peinlich sind”.

5. “Warum uns der Nahe Osten egal sein sollte”
(cicero.de, Justin Logan)
Justin Logan fordert dazu auf, den Blick auf Wichtigeres zu richten als auf den Nahen Osten: “Drei Belange rückten diese kleine, arme und schwache Region in den Fokus der US-Außenpolitik: Erdöl, Israel und Terrorismus. Jedes dieser Anliegen verdient Beachtung, aber auch nicht annähernd so viel Beachtung, wie ihnen in den letzten Jahrzehnten zuteilwurde.”

6. “F.A.Z. Leserbrief”
(blog.beetlebum.de, Johannes Kretzschmar)

Bild  

Zwei, wie füreinander geschaffen

Der “Stern” schreibt in seiner aktuellen Ausgabe über die “gefährliche Nähe” zwischen Ex-AWD-Chef Carsten Maschmeyer und Gerhard Schröder. Laut dem Artikel soll Maschmeyer dem Altkanzler zwei Millionen Euro für die Rechte an dessen Autobiographie gezahlt haben — doppelt so viel wie bisher bekannt.

“Privates wurde mit Geschäftlichem vermischt”, finden einige Journalisten; die “Stern”-Enthüllung geht seit gestern durch alle Medien. Oder durch fast alle. Denn “Bild” hat bislang kein einziges Wort darüber berichtet, weder in der Print-Ausgabe noch online.

Woran das wohl liegt? Ist der “stern” vielleicht nicht glaubwürdig genug für ein Sorgfaltsmedium wie “Bild”? Oder hat es womöglich etwas damit zu tun, dass Béla Anda, Politikchef von “Bild”, sowohl Schröders Regierungssprecher als auch später Maschmeyers Kommunikationschef war? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur: Auch Carsten Maschmeyer und die “Bild”-Zeitung stehen sich gefährlich nahe.

Seit Jahren sind die beiden dicke Kumpels, was praktisch ist für den Finanzmann, denn wenn mal wieder irgendwelche Vorwürfe gegen ihn laut werden, kann er sich gleich via „Bild“ vor Millionen Lesern verteidigen. Als sich etwa 2011 eine NDR-Doku kritisch mit Maschmeyer und der AWD beschäftigte, bot das Blatt ihm schon einen Tag nach der Sendung die Möglichkeit, den Vorwürfen in einem Pseudo-Verhör ausführlich zu widersprechen (BILDblog berichtete). Als “Bild” knapp ein Jahr später berichtete, dass Maschmeyer die Anzeigen für das Wulff-Buch bezahlt hatte, durfte er auch gleich seine Version der Geschichte loswerden. Als er 2013 von Günther Jauch in dessen Talkshow “attackiert” wurde, durfte er kurz darauf bei Bild.de zurückschlagen.

Die „Bild“-Zeitung gibt “Maschi”, wie sie ihn liebevoll nennt, eine Plattform, wenn er eine braucht, sie hofiert ihn über die roten Teppiche, feiert ihn als vielleicht etwas umstrittenen, aber eigentlich doch herzensguten Wohltäter, und als er Veronica Ferres heiratete („Zwei, wie füreinander geschaffen“), wünschte die „Bild am Sonntag“ natürlich „von Herzen: Alles Glück dieser Welt!“

Aber auch für „Bild“ hat die Freundschaft zu Maschmeyer so ihre Vorteile. Als Maschmeyer 2012 sein Buch veröffentlichte, war es die „Bild“-Zeitung, die vorab exklusive Auszüge daraus drucken durfte. „Bild“ erfuhr auch vor allen anderen Medien von den Morddrohungen gegen Maschmeyer, und freilich lassen er und Frau Ferres sich auch regelmäßig auf den „Bild“-Events blicken, worüber die Zeitung dann wieder ganz entzückt berichten kann.

Das hat schon fast was Symbiotisches: Maschmeyer profitiert von der Reichweite und Meinungsmacht der „Bild“-Zeitung, sie von seiner Berühmt- und Berüchtigtheit. Und von seinem Geld.

2008 spendete Maschmeyer eine Million Euro aus seinem Privatvermögen an die „Bild“-Hilfsorganisation „Ein Herz für Kinder“. Bei der Gala 2010 gab er 1,4 Million Euro, außerdem sponsorte die AWD im selben Jahr Bandenwerbung für „Ein Herz für Kinder“ im Wert von 500.000 Euro. Im vergangenen Jahr zahlte Maschmeyer erneut eine Million aus eigener Tasche an die „Bild“-Organisation. In gut drei Wochen findet die nächste Spendengala statt.

Kein Wunder, dass die „Bild“-Leute ihren Maschi lieber in Ruhe lassen.

Mit Dank an Sabine.

1. Nachtrag, 14. November: Tja, was sollen wir sagen? Heute berichtet “Bild” plötzlich doch über die Geschichte — und zwar so:

2. Nachtrag, 14. November: Béla Anda hat unseren Eintrag gelesen. Und nicht verstanden. In seinem “Bild”-Politik-Newsletter schreibt er (mit “Osnablogger” ist übrigens Stefan Niggemeier gemeint):

Neue Bild Zeitung, Wolfgang Kubicki, Peter Sloterdijk

1. “Skurril – Gegen-‘Bild’ der DDR”
(ndr.de, Video, 5:03 Minuten)
Ein Bericht über das in Berlin Mitte von 1957 bis mindestens 1963 produzierte DDR-Produkt “Neue Bild Zeitung”, deren Produzenten unbekannt blieben, jedoch klare Aufträge hatten: “Propagierung der DDR” beispielsweise oder “Enthüllung der Bonner Politik”. Siehe dazu auch ein Interview mit Stefan Wolle vom DDR-Museum Berlin (ndr.de, Video, 33:51 Minuten).

2. “Wolfgang Kubicki: ‘Bild ist keine Zeitung, die in die Tiefe geht'”
(vocer.org, Maren Christoffer)
Was FDP-Politiker Wolfgang Kubicki über “Bild” denkt: “Bild macht Meinung. Und zwar ganz bewusst und auch ganz nachdrücklich. Das kann man daran feststellen, dass man – ich auch – gelegentlich Anrufe bekommt und ein Redakteur sagt: ‘Wir haben Folgendes vor, können wir Sie damit zitieren?’ Es wird also nicht nach der Haltung zu einem Thema gefragt. Sie wollen etwas transportieren und brauchen dann einen Namen, den sie damit in Verbindung bringen können.”

3. “Zwischen gut gemeint und gut gemacht”
(ndr.de, Patrick Gensing und Andrej Reisin)
Patrick Gensing und Andrej Reisin machen sich Gedanken zur am Sonntag beginnenden ARD-Themenwoche “Toleranz”: “Dass Angehörige der stigmatisierten Gruppen eben nicht die Wahl haben, welches Maß an Ausgrenzung oder ‘Toleranz’ der Mehrheitsgesellschaft sie erdulden wollen – diese Erkenntnis scheint den Programmverantwortlichen der beworbenen Sendung noch nie gekommen zu sein.”

4. “Die Medienoffensive des Kreml”
(deutschlandfunk.de, Gesine Dornblüth)
Gesine Dornblüth berichtet von einer Medienoffensive von Russlands Führung: “Büros und Pressezentren in mehr als 130 Städten in 34 Ländern. Ein eigener Nachrichtendienst, Sputniknews, in vier Sprachen: Englisch, Spanisch, Arabisch, Chinesisch. Radio und Multimediaangebote in 30 Sprachen, darunter auch auf Deutsch. All das ab 2015. Bisher funktioniert nur die englische Website.”

5. “Von der Torheit der Gratis-Kultur”
(horizont.at, Antje Plaikner)
Christoph Fasel hält es für “eine Torheit, die ­kostbare Ware Journalismus zu verschenken. Wenn ich mein Produkt verschenke, habe ich nichts mehr, worauf ich meinen Erwerb aufbauen kann. Und genauso ist das schon im Rahmen der ersten Internethysterie passiert.”

6. “‘Man denkt an mich, also bin ich'”
(sz-magazin.sueddeutsche.de, Sven Michaelsen)
Sven Michaelsen befragt Philosoph Peter Sloterdijk.

Bild, Focus, Stern  etc.

Wie DFB, Medien und “Die Mannschaft” auf einen Fake hereinfielen

Morgen startet in den Kinos der DFB-Werbespot WM-Film „Die Mannschaft“, in dessen Trailer* gleich zu Beginn dieses Zitat auftaucht:


(Screenshot aus dem Trailer.)

Die Filmemacher und DFB-Verantwortlichen müssen sehr stolz auf dieses Zitat sein, denn es eröffnet nicht nur den Trailer und war Inspiration für den Titel, sondern wurde gar zur „Leitidee“ des ganzen Projekts erklärt. In einer Pressemitteilung schrieb der DFB vor einigen Wochen:

Der Film […] stellt den besonderen Teamgedanken als entscheidend für den vierten Titelgewinn heraus. “Brasilien hat Neymar. Argentinien hat Messi. Portugal hat Ronaldo. Deutschland hat eine Mannschaft!” Dieses Motto, ein Twitter-Beitrag des englischen Kapitäns Steven Gerrard nach dem 7:1-Triumph des DFB-Teams im Halbfinale gegen Brasilien, ist die Leitidee.

Doof nur: Das Zitat stammt gar nicht von Steven Gerrard.

Der „Twitter-Beitrag“, auf den sich der DFB bezieht, sieht so aus:

Tweet von "Steven Gerrard" (@iSteven8Gerrard): "Brazil have Neymar. Argentina have Messi. Portugal have Ronaldo. Germany have a team!"

Da steht zwar „Steven Gerrard“, und das Foto zeigt ihn auch, doch hinter dem Account steckt nicht Gerrard selbst, sondern ein Fan. Das erkennt man zum Beispiel daran, dass über Gerrard in der dritten Person getwittert wird, oder auch am fehlenden blauen Haken (Sportler dieser Größenordnung haben in der Regel verifizierte Accounts, wie man schön an dieser Liste sieht), vor allem aber an der Profilbeschreibung, in der es heißt:

Your mouth-piece centre for #LFC transfers news and rumours #DareToGerrard #TeamGerrard

Als Website wird im Profil außerdem eine Steven-Gerrard-Fanseite verlinkt.

Kurzum: Eigentlich hätte auch der DFB darauf kommen können, dass das ach so schöne Zitat nicht vom damaligen Kapitän der Engländer stammt, sondern von irgendwem.

Und die Medien genauso. Aber die sind auch drauf reingefallen, schon damals, als der Tweet um die Welt ging. Und zwar durch die Bank. So erschien das angebliche Gerrard-Zitat unter anderem in der „Bild“-Zeitung, in der „Berliner Zeitung“, in der „Süddeutschen Zeitung“, in der „Welt“, im „Stern“, im „Focus“, im „Tagesspiegel“, in der „Badischen Zeitung“, der „Saarbrücker Zeitung“, der „Kölnischen Rundschau“, der „Rheinischen Post“, den „Aachener Nachrichten“, dem „Darmstädter Echo“, der „Westdeutschen Zeitung“, dem „Bonner General-Anzeiger“, auf den Webseiten des „Handelsblatts“, der „Berliner Morgenpost“, der „Sport Bild“, der „Augsburger Allgemeinen“, der “Sportschau”, der „Hamburger Morgenpost“, bei Web.de, T-Online, der AFP, dem SID und bei vielen, vielen mehr.

Aber vielleicht als kleiner Trost, damit wir die fußballpatriotische Ein-Hoch-auf-uns-Stimmung jetzt nicht völlig zerschießen: Es gibt noch ein anderes Zitat, nämlich vom damaligen Trainer der Brasilianer, der nach der 1:7-Niederlage gegen Deutschland sagte:

We tried to do what we could, we did our best – but we came up against a great German team.

Das knallt zwar nicht so schön, ist aber wenigstens kein Fake.

Mit Dank an David.

*Korrektur/Nachtrag, 13. November: Das falsche Gerrard-Zitat taucht nur im Trailer auf, nicht im Film selbst, wie wir zunächst geschrieben hatten. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Inzwischen haben wir auch den Verfasser des Tweets erreicht und ihm ein paar Fragen gestellt:

Hallo @iSteven8Gerrard, nur der Vollständigkeit halber: Bist Du der echte Steven Gerrard?
Nein, ich bin nicht der echte Steven Gerrard.

Du hast ja mitbekommen, dass Dein Tweet (“Deutschland hat eine Mannschaft!“) ganz schön die Runde macht. Stammt das Zitat denn von Dir oder vom echten Gerrard?
Das Zitat ist von mir. Während der Weltmeisterschaft haben meine Freunde ich darüber gesprochen, dass sich die Deutschen so gut schlagen, weil sie im Gegensatz zu Brasilien oder Argentinien als Mannschaft spielen. Dann bin ich auf Twitter gegangen, und das waren die Sätze, die mir in den Kopf kamen.

Wie heißt Du denn wirklich und worum geht’s bei Deinem Twitter-Projekt?
Mein echter Name ist Seumas Beathan. Der Twitter-Account hat als normale Fanseite [über Gerrard und den FC Liverpool] begonnen, und zurzeit arbeite ich noch an einer Website für Liverpool-Fans.

Seit Juli hat dein Tweet über 35.000 Retweets bekommen. Ist das Dein erfolgreichster Tweet?
Ich hatte ein paar, die über 1.000-mal retweeted wurden, aber dieser ist mit Abstand der erfolgreichste.

Jetzt taucht er sogar im Trailer zum offiziellen DFB-WM-Film auf und wurde zur „Leitidee“ des Projekts erklärt — ist das der krönende Moment?
Nun, ja und nein. Ja, weil es natürlich unglaublich ist, meinen Tweet im Trailer zu sehen, aber auch nein, weil ich keine Anerkennung dafür bekommen habe. Außer ein paar Journalisten und deutschen Fans hat niemand gemerkt, dass der Tweet in Wirklichkeit gar nicht von Steven Gerrard kam.

Aber hast Du denn nicht manchmal ein schlechtes Gewissen, Dich als Steven Gerrard auszugeben? Oder besser: Wenn so viele Leute glauben, Du seist er?
Ich gebe mich nicht wirklich als er aus. Offensichtlich gibt es einige Leute, die mich fälschlicherweise für den echten Gerrard halten, aber der Großteil meiner Follower ist sich bewusst, dass es ein Fan-Account ist. Und ich versuche so gut wie möglich, die Leute zu korrigieren und darauf hinzuweisen, dass es nur eine Fanseite ist.

Hat Dich jemals irgendein deutscher Journalist oder Fußball-/Film-Mensch kontaktiert, um zu überprüfen, ob Du der echte Gerrard bist?
Nein, und das enttäuscht mich. Der DFB hat mein Zitat ohne Erlaubnis benutzt, darüber bin ich ziemlich unglücklich.

Hast Du überlegt, Dir einen Anwalt zu nehmen?
Nein, das möchte ich nicht. Mir missfällt auch nicht unbedingt die Tatsache, dass der Tweet benutzt wurde, sondern dass sie mich nicht kontaktiert und es nicht geschafft haben, mich korrekt zu zitieren.

Hast Du den echten Gerrard eigentlich jemals getroffen?
Nein, leider noch nicht. Aber ich hoffe, dass ich das eines Tages werde.

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