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“Verlagsleitung BILD Gruppe” hübscht “Bild am Sonntag” bei Wikipedia auf

Auf der Wikipedia-Seite zu “Bild am Sonntag” gibt es in der Regel kaum Änderungen. Im Januar wurde mal ein bisschen was ergänzt, davor im September 2018, davor im April und im Februar desselben Jahres. Also: alles recht ruhig. Aber vorgestern — da ging’s los. Ein Wikipedia-Benutzer mit dem Namen “Verlagsleitung BILD Gruppe” fing an, den “BamS”-Eintrag zu überarbeiten, oder genauer: kritische Stellen abzuschwächen oder komplett zu löschen und positive PR-Passagen hinzuzufügen.

In einem ersten Schritt ergänzte der Benutzer am Montag diese zwei Absätze …

Die Bild am Sonntag (kurz: BamS) ist mit einer Auflage von 741.159 Exemplaren die reichweitenstärkste Sonntagszeitung Deutschlands. Sie ist die meist zitierte Sonntagszeitung und gehört mit Platz3 überhaupt zu den meist zitierten Medien Deutschlands.

Die Bild am Sonntag gehört zur BILD-Gruppe der Axel Springer SE. Die Axel Springer SE ist eines der größten multimedialen Verlagshäuser mit Hauptsitz in Berlin.

… und löschte diesen:

Die BamS ist familienfreundlicher konzipiert als die von Montag bis Samstag erscheinende “Bild”. Sie erscheint außerdem im kleineren Zeitungsformat “Nordisches Tabloid”.

Mit dem Kommentar “Abschnitt ergänzt, zuvor kein gesonderter Abschnitt zu Inhalt und Stil vorhanden” fügte “Verlagsleitung BILD Gruppe” dann dieses Marketinggeschwurbel ein:

Ziel der “Bild am Sonntag” ist es, bereits am Sonntag die Themen zu setzen, über die Deutschland in der Woche spricht. Unter dem Claim “Deutschland am Sonntag — Bild am Sonntag” möchte die Zeitung ein entspanntes Sonntagsgefühl bei ihren Lesern vermitteln. Dabei beinhaltet sie einen Mix aus aktuellen, politischen und unterhaltenden Themen. Diese spiegelt die Redaktion häufig aus persönlichen Perspektiven wider, um dem Leser eine hohe Identifikationsmöglichkeit zu bieten.

Und:

Darüber hinaus hat die Bild am Sonntag Deutschlands größten Sportteil, welcher sich als eigene Sportzeitung in der Mitte zum Herausnehmen befindet.

Außerdem kamen noch Angaben zum Verkaufspreis der “Bild am Sonntag” hinzu und Informationen, wo man die Zeitung so kaufen könne. Am Montagnachmittag gab es dann auch den ersten Versuch, die “BamS”-Auflagenentwicklung ein bisschen aufzuhübschen. “Verlagsleitung BILD Gruppe” löschte diese Grafik:

Screenshot einer Wikipedia-Grafik mit der fallenden Auflage der Bild am Sonntag

Der Bearbeitungskommentar dazu:

Die Basis, anhand welcher sich die Auflagenzahl bemisst, wurde in der Vergangenheit mehrfach geändert, daher macht ein Vergleich/ Diagramm wenig Sinn; zudem müssen diese Angaben kontinuierlich aktualisiert werden, weshalb ein Verweis auf IVW, wo aktuelle Auflagenzahlen, auch im Vergleich zu anderen Zeitungen abgerufen werden können, sinnvoller ist als Diagramme oder Ähnliches

Im selben Schritt machte der Benutzer aus …

Die Bild am Sonntag gehört ebenso wie die Bild-Zeitung zu den deutschen Zeitungen mit den größten Auflagenverlusten der vergangenen Jahre.

… das hier:

Die Auflagen-Entwicklung der Bild am Sonntag verhält sich analog zum strukturellen Rückgang von Print-Medien.

Und das ist nicht nur Augenwischerei, sondern schlicht falsch. Die Auflage der “Bild am Sonntag” verhält sich nicht “analog zum strukturellen Rückgang von Print-Medien.” Der Auflagenverlust des Blattes ist viel dramatischer als der aller anderen Wochen- und Sonntagszeitungen (und auch aller überregionalen Tageszeitungen).

Andere Wikipedia-Benutzer intervenierten immer wieder und machten viele Änderungen rückgängig, etwa das Löschen der Auflagen-Grafik. Sie wiesen auch darauf hin, dass die Beiträge zu werblich seien:

Sie sind bereits einmal aufgefordert worden, Marketing- und Werbeeinträge zu vermeiden. Ich weise ausdrücklich noch einmal darauf hin, leider aus gegebenem Anlass. Wikipedia ist ausdrücklich keine Basis für verkaufsfördernde Maßnahmen, sondern ein Enzyklopädie-Projekt.

Das hielt “Verlagsleitung BILD Gruppe” aber nicht davon ab, die Änderungen erneut einzubringen — zum Beispiel jene mit dem herausnehmbaren Sportteil und dem “BamS”-Claim und der Bereits-am-Sonntag-die-Themen-setzen-PR.

Am Dienstagmorgen folgte der nächste Versuch, die wenig schmeichelhafte Auflagen-Grafik aus dem Wikipedia-Eintrag zu tilgen und den Quatsch mit “analog zum strukturellen Rückgang” unterzubringen. Der Bearbeitungskommentar dazu: “Aktualisierung von Angaben”. Eine Minute später wollte “Verlagsleitung BILD Gruppe” mit dem Hinweis “unpassende Angabe” das Kapitel “Kritik” komplett löschen und mit ihm den Verweis auf die von “Bild am Sonntag” ausgelöste “Medienkontroverse” um Peter Lustig.

Dann sollten noch “Auszeichnungen” hinzugefügt werden, woraufhin erstmal eine sechsstündige Sperre des Accounts folgte (Begründung: “kurze Pause zum Lesen der Hinweise auf der Diskussionsseite und den dort verlinkten Hilfeseiten”). Nach Freischaltung fügte “Verlagsleitung BILD Gruppe” gestern Nachmittag weitere Auszeichnungen sowie Links zur “BamS”-Facebookseite und zu einem Lesershop hinzu. Anschließend gab es eine Sperre für eine Woche, da der Benutzer sein Konto trotz Aufforderung nicht verifiziert hatte.

So peinlich das alles sein mag — die Aktion war durchaus erfolgreich: Die Auflagen-Grafik ist aus dem Wikipedia-Eintrag verschwunden und die falsche Aussage, die “BamS”-Auflagenentwicklung verhalte sich “analog zum strukturellen Rückgang von Print-Medien”, nun drin. Das Kapitel “Kritik” heißt inzwischen “Weblinks”. Und die Auszeichnungen werden (in einer deutlich abgespeckten Version) erwähnt.

Wir haben bei “Bild”-Sprecher Christian Senft nachgefragt, ob der Wikipedia-Benutzer “Verlagsleitung BILD Gruppe” zum Axel-Springer-Verlag gehört und ob es gängige Praxis dort ist, Wikipedia-Artikel mit PR-Botschaften aufzupeppen. Bisher haben wir keine Antwort von ihm erhalten.

Auf eine der Fragen scheint es aber inzwischen eine Antwort zu geben. Auf der Benutzerseite von “Verlagsleitung BILD Gruppe” steht inzwischen:

Dieses Benutzerkonto wurde gegenüber dem Support-Team mit einer E-Mail-Adresse von axelspringer.de verifiziert.

Damit ist der Account wieder freigeschaltet. Sie können jetzt also weitermachen.

Nachtrag, 14:03 Uhr: Nach Veröffentlichung dieses Beitrags wurden einige Änderungen auf der “BamS”-Wikipedia-Seite rückgängig gemacht. Zum Beispiel ist die Auflagen-Grafik nun wieder da. Momentan gibt es offenbar einen sogenannten Edit-War.

Nachtrag, 16:23 Uhr: “Bild”-Sprecher Christian Senft hat es bisher leider immer noch nicht geschafft, uns auf unsere zwei Fragen zu antworten. Dafür hat aber die Springer-Pressestelle dem Branchendienst “turi2” zu der Sache geschrieben:

Wir wissen, dass Wikipedia für viele eine bedeutende Quelle der Recherche ist. Daher ist es wichtig, dass die Fakten korrekt und aktuell sind. Dies war bei vielen Einträgen für “Bild am Sonntag” nicht mehr der Fall, weshalb wir diese für alle transparent und begründet geändert haben. Alle Anpassungen erfolgten mit klarer Absenderschaft, niemand hat versucht, wie von BildBlog behauptet, etwas “werblich unterzuschummeln”. Es gehört zu Wikipedia, dass diese Einträge oder bestimmte Formulierungen durch andere Nutzer anders bewertet und eingeordnet werden können.

Interessant finden wir das wörtliche Zitat “werblich unterzuschummeln”, dass uns die Springer-Pressestelle zuschreibt. Wir haben zwar von aufhübschen und aufpeppen gesprochen. Die Worte “werblich unterzuschummeln” haben wir hingegen an keiner Stelle benutzt.

Nachtrag, 17. Juni: Auf Nachfrage des Medienmagazins “Zapp” (ab Minute 2:05) ist der Springer-Pressestelle noch eine lustige Begründung eingefallen, warum das Kapitel “Kritik” von “Verlagsleitung BILD Gruppe” gelöscht wurde:

Das Kapitel wurde nur vorübergehend gelöscht, um es als Ganzes aktualisiert zu ergänzen.

Das Hochladen des aktualisierten Artikels habe dann blöderweise wegen der zwischenzeitlichen Sperre nicht mehr funktioniert.

Guckt mal, der da ist schuld!

Die Mannschaften der Fußball-Bundesliga, die gegen den Abstieg spielen, haben 34 Spieltage Zeit, diesen zu verhindern. Und wenn ein Team nach den 34 Spielen auf dem 16. Platz steht, hat es in der Relegation die zusätzliche Chance, in zwei Partien gegen den Drittplatzierten aus der 2. Bundesliga den Abstieg zu vermeiden. Ein Abstieg aus der Fußball-Bundesliga kann also nur passieren, wenn viele Leute über einen langen Zeitraum viele Fehler machen.

Die “Bild”-Medien sehen das heute etwas simpler:

Screenshot Bild.de - Video-Abstieg! Stuttgart muss runter, weil er beim Tor im Abseits steht - dazu ein dicker Pfeil, der auf einen Stuttgarter Spieler zeigt
Ausriss Bild-Zeitung - Video-Abstieg! Stuttgart muss runter, weil er beim Tor im Abseits steht - dazu ein dicker Pfeil, der auf einen Stuttgarter Spieler zeigt

Ein Spieler des VfB Stuttgart stand gestern im entscheidenden Relegationsspiel gegen Union Berlin vor dem Tor und damit im Blickfeld des gegnerischen Torwarts, als ein anderer Stuttgarter einen Freistoß verwandelte. Hätte dieser Treffer gezählt, und wäre es beim 1:0 geblieben, wäre der VfB Stuttgart nicht abgestiegen. Nach der Überprüfung durch den sogenannten Video Assistant Referee entschied der Schiedsrichter allerdings auf Abseits — kein Tor, weiter 0:0. Anschließend hatten alle Stuttgarter Spieler noch über 80 Minuten Zeit, um ein Tor zu schießen, das den Abstieg vermieden hätte. Haben sie aber nicht.

Und so konnten “Bild” und Bild.de einen Schuldigen präsentieren — zehn Jahre nach dem Suizid des früheren Nationaltorwarts Robert Enke und nach einigen wenigen Äußerungen von Profi-Fußballern, die sich trauen, öffentlich über den großen Druck in diesem Job zu sprechen. Per Mertesacker zum Beispiel, der mit Enke zusammen im Verein und in der Nationalmannschaft gespielt hat, sagte vor gut einem Jahr: “Der Druck hat mich aufgefressen. Dieses ständige Horrorszenario, einen Fehler zu machen, aus dem dann ein Tor entsteht.”

Oder eben einen, der dazu führt, dass ein sauwichtiges Tor nicht zählt.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Bild.de entlässt verstorbenen Niki Lauda aus dem Krankenhaus

Vor einer Woche ist der frühere Formel-1-Rennfahrer und Unternehmer Niki Lauda gestorben.

Heute Nachmittag brachte Bild.de auf verschiedenen Kanälen, nun ja, überraschende Meldungen:

Screenshot-Collage mit Überschriften wie Schwere Grippe! Lauda nach Lungen-OP wieder in Klinik - Lungen-Entzündung? Neue Sorgen um Niki Lauda - Niki Lauda aus Krankenhaus entlassen
(Hier klicken für größere Version.)

Irgendwann bemerkte dann auch die Redaktion diesen “peinlichen Fehler”. Es seien “einige ältere Artikel zu Niki Lauda versehentlich neu publiziert worden.”

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Abschlussbericht Relotius, Rap-Hack, Des Anwalts Strache-Video

1. Abschluss der Relotius-Affäre: Schwächen im System
(ndr.de, Daniel Bouhs und Inga Mathwig)
Der “Spiegel” hat den Abschlussbericht der Aufklärungskommission zum Fall Relotius vorgelegt (hier als PDF lesbar). Bittere Erkenntnis: Etwa ein Dutzend Artikel sind anscheinend reine Märchengeschichten, “aber die anderen sind auch so verfälscht, dass der größte Teil von ihnen am Ende journalistisch wertlos ist”, so “Spiegel”-Chef Steffen Klusmann. Es lohnt sich, den Abschlussbericht im Original zu lesen. Dort gibt es bezeichnende Originalzitate aus dem Schriftverkehr zwischen Claas Relotius und seinen “Spiegel”-Vorgesetzten: “Wir suchen nach einer Frau mit Kind. Sie kommt idealerweise aus einem absolut verschissenen Land (…) Sie setzt ihre Hoffnung auf ein neues, freies gutes Leben in USA (…) Es muss eine sein, die mithilfe eines Kojoten über die Grenze will (…) Die Figur für den zweiten Konflikt beschreibt Claas (…) Dieser Typ wird selbstverständlich Trump gewählt haben, ist schon heiß gelaufen, als Trump den Mauerbau an der Grenze ankündigt hat, und freut sich jetzt auf die Leute dieses Trecks, wie Obelix sich auf die Ankunft einer neuen Legion von Römern freut (…) Wenn ihr die richtigen Leute findet, wird das die Geschichte des Jahres.”

2. Der Rap Hack: Kauf Dich in die Charts! Wie Klickzahlen manipuliert werden
(youtube.com, Y-Kollektiv)
In einer Doku des Y-Kollektivs über manipulierte Musik-Charts unternimmt Reporter Ilhan Coskun einen Selbstversuch: Er bastelt sich einen Rap-Song und lässt diesen auf den verschiedenen Musikplattformen von einem “Experten” pushen. Der habe die Hoheit über unzählige Youtube- und Spotify-Accounts und könne jeden Song über Nacht zum Streaming-Wunder machen.

3. Ibiza-Video: Anwalt legt Geständnis ab – “investigativ-journalistisches Projekt”
(kurier.at, Kid Möchel)
Ein Wiener Anwalt hat sich bei den Medien als Initiator des Strache-Videos gemeldet. In seinem Geständnis behauptet er, dass “es sich beim Ibiza-Video um ein zivilgesellschaftlich motiviertes Projekt handle, bei dem investigativ-journalistische Wege beschritten wurden”. Der Anwalt hat sich für das Schreiben selbst anwaltlicher Hilfe bedient: Verfasst wurde der Brief von Strafrechtsprofessor Richard Soyer, der in dem Vorgehen seines Mandanten kein strafbares Verhalten entdecken kann.
Weiterer Lesetipp: Zentrum für Politische Schönheit soll Strache-Video gekauft haben (zdf.de, Arndt Ginzel & Kyo Jung & Daniel Laufer & Christian Rohde).
Und außerdem: Warum die Medien über das Strache-Video berichten mussten (sueddeutsche.de, Wolfgang Krach).

4. “Ich bin ein ständiger Unruhegeist”
(tagesspiegel.de, Markus Ehrenberg)
Nach über 30 Jahren hat Gerhard Delling die “Sportschau” verlassen. Im Gespräch mit Markus Ehrenberg erzählt er von seinem Abschied, den nicht mehr vorhandenen Möglichkeiten als “Unruhegeist” bei der ARD und dem Leben nach der “Sprotschau”.

5. Eine Liebeserklärung an die »Politische Korrektheit«
(sz-magazin.sueddeutsche.de, Till Raether)
“Menschenfreundlichkeit. Gutes Benehmen. Respekt.” Der Begriff der “politischen Korrektheit” stieße vielleicht nicht auf so viel Ablehnung, wenn man ihn denn anders benennen würde. Till Raether kommentiert: “Wer »politische Korrektheit« ablehnt, lehnt im Grunde ur-konservative Tugenden ab: gutes Benehmen, Höflichkeit im Umgang miteinander, Respekt vor anderen, Eigeninitiative und Verantwortung. Denn das, was ihre Gegner*innen »politische Korrektheit« nennen, kommt ja entgegen ihrer Andeutungen nicht von oben, aus Erlassen und Verordnungen, sondern man muss sich diese Art von Verhalten selber erarbeiten. Indem man anderen zuhört, ihnen Raum lässt, ihnen zugunsten auch mal die Klappe hält, zuhört. Traurig, dass das für so viele Menschen eine so große Zumutung ist.”

6. Zwölf Lehren, die man aus “Game of Thrones” ziehen kann
(dwdl.de, Ulrike Klode)
Acht Jahre lang hat die US-amerikanische Fantasy-Fernsehserie “Game of Thrones” für Rekordquoten gesorgt und zahlreiche Auszeichnungen eingeheimst. Anlässlich des Serienendes blickt Ulrike Klode in einem vorläufigen Fazit auf die acht Staffeln zurück. Dabei sind zwölf überaus lesenswerte Lehren herausgekommen. Und keine Sorge: Es gibt auch eine Spoilerwarnung.

Bild.de lässt mit riesigem “Frauen-Ball” im DFB-Pokal-Finale spielen

Gestern, beim DFB-Pokal-Finale zwischen RB Leipzig und dem FC Bayern München — da war doch irgendwas merkwürdig mit dem Spielball, oder? War der …

Screenshot Bild.de - Bei Bayerns Pokal-Triumph - War der Frauen-Ball nicht richtig aufgepumpt?

Nee, das war’s nicht, was uns aufgefallen war. Aber: Was ist denn ein “Frauen-Ball”? Bild.de erklärt das so:

Leipzig und Bayern spielten beim Finale (0:3) nicht mit dem Bundesliga-Ball von Derbystar, sondern mit einem bunten Adidas-Ball. Das Modell “Conext 19” wird ab dem 7. Juni bei der Frauen-WM verwendet.

Okay, es ist also kein “Frauen-Ball”, sondern ein ganz normaler Fußball, der bald auch bei der Weltmeisterschaft der Frauen eingesetzt werden soll. Das schreibt auch Bild.de irgendwie:

Klar ist aber natürlich: Obwohl er bei der Frauen-WM zum Einsatz kommt, hat er die gleichen Maße wie der Bundesliga-Ball der Männer. Laut Fifa-Regeln sind das 68,5 bis 70 Zentimeter Durchmesser und 410 bis 450 Gramm Gewicht.

Genau, das war das Merkwürdige gestern: die Größe des Balles. Der ragte mit seinen “68,5 bis 70 Zentimetern Durchmesser” den Spielern schließlich bis über deren Knie.

Für dieses Nichtauseinanderhaltenkönnen von Durchmesser und Umfang soll man übrigens zahlen — es handelt sich um einen “Bild plus”-Artikel.

Mit Dank an Stephan J. für den Hinweis!

Nachtrag, 15:23 Uhr: Die Bild.de-Redaktion hat die Stelle — ohne irgendeinen Korrekturhinweis — geändert. Dort steht nun richtig: “Laut Fifa-Regeln sind das 68,5 bis 70 Zentimeter Umfang und 410 bis 450 Gramm Gewicht.” Es gibt also offenbar keine neuen “Fifa-Regeln”, die das Spielen mit Riesenbällen vorschreiben und von denen die “Bild”-Medien exklusiv wussten.

Außerdem haben uns mehrere Leserinnen und Leser noch auf diesen Satz von Bild.de hingewiesen: “Obwohl er bei der Frauen-WM zum Einsatz kommt, hat er die gleichen Maße wie der Bundesliga-Ball der Männer.” Und ja, der ist tatsächlich dämlich und nicht besonders respektvoll den Fußballerinnen gegenüber.

Abos verkaufen mit Manfred Burgsmüllers Tod

Der frühere Profifußballer Manfred “Manni” Burgsmüller ist vorgestern gestorben. Die Bild.de-Redaktion, die diese Nachricht zuerst hatte, versucht, mit dem Tod des bis heute viertbesten Torschützen der Bundesliga-Geschichte noch ein paar Abos zu verkaufen und ein bisschen Kohle zu verdienen:

Screenshot Bild.de - Manni Burgsmüller - Das größte Schlitzohr der Liga ist tot

Alles hinter der “Bild plus”-Bezahlschranke. Klickt man auf den Banner auf der Startseite, erscheint dieser Teaser:

Er war das größte Schlitzohr der Bundesliga — jetzt ist Manfred Burgsmüller im Alter von 69 Jahren überraschend gestorben.

Lesen Sie mit BILDplus die Hintergründe zum tragischen Tod der Bundesliga-Legende.

Bis auf die Info, dass Burgsmüller “völlig überraschend eines natürlichen Todes” gestorben sei, steht dort dann aber auch nicht wirklich mehr “zum tragischen Tod der Bundesliga-Legende”.

Mit Dank an @PaulBartmuss und @Malte_1906 für die Hinweise!

Bringt Julian Reichelt die Familien der Eishockeynationalspieler in Gefahr?

Es ist ja kein Geheimnis, dass Julian Reichelt gern möchte, dass sein Gehalt als “Bild”-Oberchef ein Geheimnis bleibt. Die Nennung seines geschätzten Einkommens könne seine Familie in Gefahr bringen, so Reichelts Argument, als der Branchendienst “kress” in der Sache mal recherchierte.

Mit den Familien anderer Menschen geht Julian Reichelt hingegen nicht so rücksichtsvoll um wie mit seiner eigenen. Heute erschien auf der Bild.de-Startseite diese Geschichte:

Screenshot Bild.de - Die Gehaltsliste unserer Eis-Helden - Wer Millionen verdient - Wer gar nichts bekommt

Die deutschen Eishockeynationalspieler sind bei der Weltmeisterschaft in der Slowakei derzeit ziemlich erfolgreich, und ihre Angehörigen nach Reichelts Logik nun in Gefahr. Und zwar die Familien des gesamten Kaders, denn die Bild.de-Redaktion schätzt von allen Spielern das “Jahres-Netto-Gehalt” — von Ausnahmetalent Leon Draisaitl, von den NHL-Profis Philipp Grubauer, Dominik Kahun und Korbinian Holzer, von Moritz Müller, Matthias Plachta, Yannic Seidenberg, Yasin Ehliz, Patrick Hager, Frank Mauer, Denis Reul, Markus Eisenschmid, Niklas Treutle, Leo Pföderl, Marcel Noebels, Frederik Tiffels, Mathias Niederberger, Gerrit Fauser, Jonas Müller, Marco Nowak, Stefan Loibl, Benedikt Schopper, Lean Bergmann, Moritz Seider und Marc Michaelis.

“Die Gehaltsliste unserer Eis-Helden” befindet sich übrigens hinter der Paywall. Man muss also ein “Bild Plus”-Abo bezahlen, um sie sehen zu können. Oder anders gesagt: Julian Reichelt sichert sein Gehalt, das niemand publik machen soll, indem er das Gehalt anderer publik macht.

Wen Julian Reichelt nach Julian-Reichelt-Logik sonst noch in Gefahr gebracht haben könnte:

Mit Dank an HD Z. für den Hinweis!

Franz Josef Wagner findet diese stolzen, coolen “Mädchen” ganz toll

Es gibt einen neuen Werbespot der Commerzbank mit dem deutschen Fußballfrauennationalteam. Knapp drei Wochen vor der Weltmeisterschaft in Frankreich rechnen die Spielerinnen darin auf starke, selbstironische Weise mit den blödesten Vorurteilen ihnen gegenüber ab. Und sagen unter anderem: “Wir brauchen keine Eier. Wir haben Pferdeschwänze.”

Das sorgt natürlich für Aufsehen — sogar bei “Bild”-Briefonkel Franz Josef Wagner, der gestern schrieb:

[D]as Tolle an Eurem TV-Spot ist, dass Ihr so unglaublich frei seid. Überhaupt nicht verbissen erzählt Ihr die Geschichte des Frauenfußballs. (…)

Dieser TV-Spot erzählt von den Vorurteilen. Frauen sind zum Kinderkriegen da, gehören in die Waschküche.

Genau. Ein weiteres Klischee, das in dem 90 Sekunden langen Werbeclip eingeblendet wird: Es handele sich ja nur um “#mädchenfußball”.

Screenshot des Commerzbank-Werbespots mit eingeblendeten klischeebeladenen Tweets zum Frauenfußball. Darunter auch ein Tweet mit mädchenfußball

Und als wollte Wagner noch einmal unter Beweis stellen, wie bitter nötig dieser Spot auch heute noch ist, überschreibt er seinen Brief an die Fußballerinnen nicht etwa mit “Liebe deutsche Fußballfrauen” oder mit “Liebe Nationalelf” oder mit “Liebe DFB-Frauen”, sondern mit:

Ausriss Bild-Zeitung - Post von Wagner - Liebe DFB-Pferdeschwanz-Mädchen

Und am Ende schreibt er:

Wir sehen wilde Mädchen. Coole Mädchen. Mädchen, die stolz darauf sind, Fußballerinnen zu sein.

Wild, cool, stolz. Aber keine Frauen, sondern nur “Mädchen”, die von einem Mann mal ein Lob bekommen.

Ganz anders sieht das aus, wenn Franz Josef Wagner den Fußballnationalspielern — also: den männlichen — schreibt. Wenn die bei der WM in Russland als Gruppenletzte ausscheiden, schreibt Wagner an die “Liebe Nationalelf”. Wenn die Spieler besonders jung sind, schreibt er an die “Liebe junge Nationalelf”. Schreibt er anderen Sportlern, etwa den Eishockeynationalspielern, steht über seinem Brief: “Liebe Eishockey-Männer”.

Schreibt er hingegen den deutschen Fußballerinnen, egal wie alt oder jung diese sein mögen, richtet er sich an die “Lieben WM-Mädels”.

Mit Dank an Olli für den Hinweis!

Twitter verbietet Scherze, Phantom-Spielbericht, Prä-Online-Shitstorms

1. Twitter-Scherze zur Europawahl sind nicht mehr erlaubt
(spiegel.de, Patrick Beuth)
Wer auf Twitter einen Scherz zur Europawahl macht, riskiert, von der Plattform zu fliegen. Dies sei die Folge einer “Richtlinie zur Integrität von Wahlen”. Die Twitter-Anweisung verbiete “das Posten oder Teilen von Inhalten, die sich negativ auf die Wahlbeteiligung auswirken oder falsche Angaben zum Termin, zum Ort, oder zum Ablauf einer Wahl machen”. Aber eine Twitter-Sperre kann mittlerweile jeden und jede treffen, wie die vergangenen Tage zeigten. Und mit Wahlbeeinflussung hatten die allermeisten Fälle nichts zu tun.
Weiterer Lesetipp: Sebastian Baumers “ziemlich kafkaeske Geschichte der Löschung meines Twitteraccounts”, in der er ernüchtert feststellt: “Ich sehe inzwischen ein, dass ich in den letzten Jahren (vor allem nach 2015) einen großen Fehler gemacht habe: Der Fehler war, vor allem und mehr und mehr schwerpunktmäßig auf eine einzelne Plattform zu setzen, was mein Schreiben, meine Fotografie und meine ganze Internetaktivität angeht, nämlich Twitter.”

2. Europa, im Streit vereint
(zeit.de, Maria Exner & Philip Faigle & Sebastian Horn & Jochen Wegner)
Die “Zeit” hat zusammen mit 15 europäischen Partnermedien die Aktion “Europe talks” ins Leben gerufen. Dabei wurden den Leserinnen und Lesern sieben Fragen zu Europa gestellt (zum Beispiel “Sollten alle europäischen Länder strenge Grenzkontrollen einführen?” oder “Verbessert die EU das Leben ihrer Einwohner?”). Anschließend konnten sie sich per Computerlos mit einer unbekannten anderen teilnehmenden Person zum Gespräch zusammenführen lassen, die andere, womöglich gegensätzliche Ansichten hat. Die “Zeit” nennt das Prinzip intern “Politik-Tinder”. Das Ziel sei, persönliche Zwiegespräche zu vermitteln, um so die Filterblasen zu überwinden. Auf den Websites der insgesamt 16 Medienpartner hätten sich mehr als 21.000 Menschen für “Europe Talks” registriert.

3. Wie das Startup Hypedby auf Instagram enorme Reichweiten erzielt und damit Geld verdient
(kress.de, Marc Bartl)
Das Unternehmen Hypedby unterhält bei Instagram über 50 Kanäle mit mehr als zwölf Millionen Followern. Dabei geht es vornehmlich um Fußball, Motorsport, Kochrezepte und Haustiere. Erst vor zwei Jahren gegründet, beschäftigt Hypedby mittlerweile 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich um alle Schritte der Verinstagramisierung von Inhalten kümmern.

4. Shitstorm anno 1971
(deutschlandfunk.de, Matthias Dell, Audio: 4:20 Minuten)
Shitstorms gab es bereits in der Prä-Online-Ära, es existierte nur noch nicht der Begriff dafür. Matthias Dell berichtet im “Deutschlandfunk” über einen dieser analog ausgetragenen Shitstorms aus den 70er-Jahren. Es geht um einen Dokumentarfilm des Regisseurs Eberhard Fechner: “Man kann in den Reaktionen auf den Fechner-Film von 1971 schon vieles von dem entdecken, womit wir es gegenwärtig zu tun haben. Umgangsformen spielen heute aber kaum mehr eine Rolle. Damals macht sich die Zuschauerin immerhin noch die Mühe, ihren Abschied von diesen Formen zu erklären. Heute würde sie wohl zu Ausrufezeichen und Großbuchstaben greifen.”

5. Aus der Tiefe des Maschinenraumes
(uebermedien.de, Holger Pauler)
“Der Unparteiische setzte mit dem Halbzeitpfiff dem torlosen Treiben auf dem Feld vorläufig ein Ende. Nach torloser erster Halbzeit gab es auch nach Wiederanpfiff keine Treffer zu bewundern. Die Teams trennten sich am Ende mit einer Nullnummer voneinander.” So las sich ein Fußball-Spielbericht zum Beispiel in der “Welt”. Das Problem: Das Spiel hatte gar nicht bis zum Ende stattgefunden, sondern war vom Schiedsrichter bereits nach elf Minuten wegen eines Gewitters samt Hagel und Starkregen abgebrochen worden. Dass der Spielbericht des Phantomspiels dennoch erschien, ist fehlerhaften Angaben eines Datenlieferanten geschuldet. Auf deren Basis setzte eine Software den unpassenden Spielbericht aus Textbausteinen zusammen. Der Vorfall erinnert daran, wie sehr sich computergenerierte Texte mittlerweile in der Fußballergebnis- und Börsenberichterstattung breitgemacht haben.

6. Abtreibungsgegner Yannic Hendricks zieht seine Berufung gegen BuzzFeed News zurück – wir werden seinen Namen weiterhin nennen
(buzzfeed.com, Juliane Loeffler)
Der Abtreibungsgegner und leidenschaftliche Ärzte-Anzeiger Yannic Hendricks war gegen “Buzzfeed News” vorgegangen, weil die Nachrichtenseite seinen Namen genannt hatte. Nachdem dies juristisch erfolglos blieb, legte er Berufung ein, zog diese jedoch wegen mangelnder Erfolgsaussichten zurück. In der Berufungsbegründung hatte er unter anderem damit argumentiert, dass er aufgrund der Namensnennung stigmatisiert worden sei. So sei er auf Social Media unter anderem als “Arschloch” bezeichnet worden.

Wer den Schaden hat, braucht für die “Bild”-Erfindung nicht zu sorgen

Screenshot Bild.de - Nach KSC-Aufstieg in Münster - 100.000 Euro Schaden durch Platzsturm

… titelte Bild.de am Samstagabend, nachdem die Drittliga-Fußballer des Karlsruher SC 4:1 beim SC Preußen Münster gewonnen und damit den Aufstieg in die 2. Bundesliga klargemacht hatten. Joachim Schuth, bei “Bild” stellvertretender Sportchef für Nordrhein-Westfalen, beschreibt das Ganze hinter der “Bild plus”-Paywall so:

Über 3000 mitgereiste Karlsruher Fans feierten nach dem 4:1-Erfolg bei Preußen Münster die geglückte Zweitliga-Rückkehr. Mit dem Abpfiff von Schiri Lasse Koslowski (Berlin) gab’s kein Halten mehr, kletterten die freudetrunkenen Anhänger der Badener über die Barrikaden. (…)

Dabei ging im alten Stadion an der Hammer Straße einiges zu Bruch. Kaputte Zäune, LED-Anzeigen und auch die Trainerbänke mussten dran glauben.

Erste Schätzung der Schadenshöhe: über 100.000 Euro. Doch der KSC hat bereits angekündigt, die Kosten zu übernehmen.

Und auch in der Stuttgart-Ausgabe der “Bild”-Zeitung steht zu den Vorkommnissen in Münster:

Wilde Szenen nach Abpfiff: Gäste-Fans stürmen den Rasen, zerstören Zäune, LED-Bildschirme und Trainerbänke. Es soll ein Schaden von mehr als 100 000 Euro entstanden sein.

Auf eine Nachfrage der Fanhilfe Karlsruhe, woher denn diese Summe stamme, antwortet Preußen Münster:

Screenshot eine Antwort von Preußen Münster bei Twitter - Frage: Wie hoch ist der Sachschaden im Innenbereich? Wirklich 100.000 Euro wie die Bild berichtet? Woher hat die Bild diese Zahl? - Antwort: Eine finale Schadenserhebung liegt noch nicht vor, da insbesondere die überrannten LED-Banden noch ausgiebigen Funktionstests unterzogen werden müssen. Woher die 100.000 Euro stammen, wissen wir nicht.

Und Bernhard Niewöhner, Geschäftsführer bei Preußen Münster, sagt, die Summe von 100.000 Euro sei frei erfunden.

Bei Bild.de stehen die angeblichen Kosten von 100.000 Euro unverändert in Überschrift und Artikel.

Mit Dank an Sebastian F. und Nicolaj Z. für die Hinweise!

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