In Stuttgart ist am Sonntag ein Balkon mit einem Pool darauf eingebrochen. Auch die “Bild”-Medien berichten über den Unfall und schildern das alles so:
Frank (54) und Maria Josefa R. (53) stellten ein drei Quadratmeter großes Planschbecken auf den Balkon über dem familieneigenen Zimmereibetrieb in Stuttgart. Mit ihren Töchtern Anna-Maria (22) und Brigitte (21) sowie deren Freunden Eric R. (27) und Gianluca P. (25) hielten sich die Eltern gegen 18 Uhr auf dem Balkon auf.
DANN KRACHTE ES!
Der Balkon, eine Holzkonstruktion, stürzte auf einer Seite ab, wurde aber von einem darunter parkenden Transporter abgefangen. Sechs Personen wurden laut Polizei leicht verletzt, eine musste ins Krankenhaus gebracht werden.
Zur “wahrscheinlichen Ursache des Unfalls” schreiben “Bild” und Bild.de:
Der Balkon war überlastet! Sven Matis, Sprecher der Stadt Stuttgart: “Der Balkon muss 400 Kilonewton pro Quadratmeter als Last aushalten. Laut Berechnung des Baurechtsamts wiegt Wasser mit 70 Zentimetern Höhe im Pool fast doppelt so viel wie zulässig.”
Da passt rechnerisch überhaupt nichts zusammen.
Erstmal zu dem Zitat des Sprechers der Stadt Stuttgart: Für 400 Kilonewton wäre ein Gewicht von über 40 Tonnen notwendig. Das wäre sehr viel. Wir haben bei Sven Matis nachgefragt, ob er den “Bild”-Autorinnen Anna Schmatz und Alexandra zu Castell-Rüdenhausen dieses Zitat so gegeben hat. Ja, habe er. Der Fehler liege bei ihm. Tatsächlich müsste es vier Kilonewton pro Quadratmeter heißen, so Matis.
Aber selbst mit dem richtigen Zitat wären die “Bild”-Angaben noch falsch: Der Pool war nicht “drei Quadratmeter groß”; er hatte einen Durchmesser von “etwa drei Metern”, wie die Polizei schreibt. Daraus ergibt sich eine Fläche von etwa sieben Quadratmetern. Und bei einer Höhe von 70 Zentimetern ein Volumen von 4900 Litern (statt 2100 Litern bei den “Bild”-Angaben). Das daraus resultierende Gewicht von 4900 Kilogramm waren für den Balkon offenbar zu viel.
Mit Dank an Vincenzo M. und Jonas H. für die Hinweise!
Nachtrag, 5. Juli: Mehrere Leserinnen und Leser weisen uns darauf hin, dass zum Gewicht des Pools und des Wassers im Pool noch das Gewicht der (mindestens) sechs Personen auf dem Balkon beziehungsweise im Pool kam. Das sollte man in der Rechnung nicht unterschlagen.
1. So verschieben Sie eine Debatte nach rechts (spiegel.de, Sascha Lobo)
Sascha Lobo hat eine Polemik über rechte Kommunikation verfasst. In einer Anleitung in 20 Schritten geht er die entscheidenden Debatten-Tricks der extremen Rechten durch.
2. So organisieren sich Rechtsextreme seit Wochen in neuen Telegram-Gruppen (buzzfeed.com, Pascale Mueller & Marcus Engert & Juliane Loeffler & Rolf Regner)
“BuzzFeed News Deutschland” liegen Unterlagen vor, wie sich rechtsextreme Personen in Chatgruppen austauschen, darunter “NPD-Politiker, bekannte Neonazi-Größen und organisierte Rechtsradikale mit Kontakten in die rechtsextreme Kampfsport- und Musikszene sowie zu einschlägigen, teils verbotenen Organisationen.” Dabei geht es um 250 Personen, die dort ihr radikales Gedankengut teilen.
Weitere Leseempfehlung: Wer zu Neonazis recherchiert, muss sehr mutig sein. “Vice” hat bei zwei dieser mutigen Personen nachgefragt, was sie antreibt und was sie bei der täglichen Arbeit erleben: Mordfall Lübcke: Diese Menschen machen die Arbeit, die der Verfassungsschutz nicht macht (vice.com, Matern Boeselager).
3. Wem gehört… The Missing Manual (medium.com, Astrid Csuraji & Jakob Vicari)
Das Recherchekollektiv “Correctiv” hat mit seiner Aktion “Wem gehört Hamburg?” den Wohnungsmarkt ein Stückchen transparenter gemacht und ist dafür jüngst mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet worden. Daran anknüpfend haben Journalisten eine ähnliche Aktion für eine Stadt in Niedersachen ins Leben gerufen: “Wem gehört Lüneburg”. Im “Missing Manual” berichten sie über ihre Erfahrungen mit einem derartigen journalistischen Projekt. Nachtrag: Mit “Wem gehört Lüneburg” knüpft die “Landeszeitung” nicht an die “Correctiv”-Aktion an — vielmehr führt sie das Projekt in Kooperation mit “Correctiv” durch.
4. Söder will “Youtuber-Festival” veranstalten (sueddeutsche.de, David Steinitz)
Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder will ein “Youtuber-Festival” samt “Influencer-Preis” etablieren. Außerdem verlangt er eine Reform der deutschen Filmförderung, sprich mehr staatliche Unterstützung und Steuervorteile für Filmproduzenten.
Anmerkung des “6 vor 9”-Kurators: Siehe dazu auch Wikipedia: “Stupid German Money (engl.: dummes deutsches Geld) ist ein ursprünglich von der US-amerikanischen Filmwirtschaft geprägter Begriff für Gelder aus geschlossenen Medienfonds des deutschlandspezifischen grauen Kapitalmarkts. Diese Fonds wurden wegen hoher Abschreibungsmöglichkeiten als Steuersparmodell genutzt. Die Gelder flossen größtenteils in amerikanische Filmproduktionen.”
5. Maut-Verträge öffentlich machen (djv.de, Hendrik Zörner)
Der Deutsche Journalisten-Verband fordert den Bundesverkehrsminister auf, die Maut-Verträge Journalistinnen und Journalisten zur Einsicht zur Verfügung zu stellen: “Dass der Verkehrsminister auf das gerichtliche Verbot der Pkw-Maut mit Geheimniskrämerei reagiert, ist völlig unangemessen. Wenn es stimmt, dass ein zweistelliger Millionenbetrag aus Steuergeldern verbraten wurde, müssen Journalistinnen und Journalisten die Möglichkeit bekommen, darüber zu berichten.”
6. Falsche Ehre für Kopftuchklischees (taz.de, Hilal Szegin)
“Eine befremdliche Entscheidung” nennt Hilal Szegin den Entschluss des Journalistinnenbunds, die Cartoonistin Franziska Becker für ihr Lebenswerk auszeichnen. Szegin stört sich vor allem an Stereotypen und Chiffren wie dem Kopftuch, das in einigen Becker-Cartoons auftaucht: “Aufgrund von Äußerlichkeiten werden einer Menschengruppe innere Einstellungen und Befähigungen zu- oder eben abgesprochen. Das führt zu weniger, nicht zu mehr Handlungsfreiheit von verschleierten Musliminnen. Und das ist weder einer Auszeichnung wert noch feministisch.”
Interessant ist die Reaktion der “Emma”-Redaktion auf die Kritik an ihrer Cartoonistin. Bei Twitter fragt sie: “Findet ihr diese Karikatur von Franziska Becker “islamfeindlich-rassistisch”?” Und dies wird von den allermeisten Lesern und Leserinnen absolut eindeutig bejaht. Die Linken-Politikern Anke Domscheit-Berg kommentiert fassungslos: “Ich kann kaum glauben, dass das eine ernstgemeinte Frage sein soll.”
1. A!386 – Rezo-Folge (aufwachen-podcast.de, Tilo Jung & Stefan Schulz, Audio/Video: 5:40 Stunden)
Die “Aufwachen”-Podcaster Stefan Schulz und Tilo Jung warten in der neuesten Ausgabe mit einem prominenten Gast auf: Dem Youtuber Rezo, dessen “Zerstörung der CDU” mittlerweile mehr als 15 Millionen mal angeschaut wurde. In der insgesamt mehr als fünfstündigen Podcast-Produktion geht es volle 90 Minuten um Rezos Werk, seine Entstehungsgeschichte, die Produktion und die Zeit danach.
2. «Die New York Times versetzte der Meinungsäusserungsfreiheit einen herben Schlag» (medienwoche.ch, Eva Hirschi)
Die “New York Times” hat am 10. Juni verkündet, in ihrer internationalen Ausgabe keine täglichen politischen Karikaturen mehr zu veröffentlichen. Vorausgegangen war eine vielfach kritisierte Karikatur eines portugiesischen Pressezeichners, für das das Blatt um Entschuldigung bitten musste. Von der grundsätzlichen Abkehr vom Genre Karikatur unmittelbar betroffen: Der Schweizer Pressezeichner Patrick Chappatte, der am selben Tag mit einer Art von Manifest antwortete. Im Interview mit der “Medienwoche” erzählt er, warum er die Entscheidung nicht nachvollziehen kann: “Mit den Pressezeichnungen verstummt eine der Stimmen der Meinungsäusserungsfreiheit. Eine Pressezeichnung ist die direkteste, ehrlichste und kritischste Stimme. Dass die New York Times nun wegen einer einzelnen Zeichnung ein ganzes Genre aus der Zeitung verbannt, ist für mich nicht nachvollziehbar. Sie hat doch auch schon Artikel publiziert, für die sie sich später geschämt und deren Publikation sie bereut hat. Zum Beispiel hat die New York Times die These, dass es Massenvernichtungswaffen im Irak gibt, während langer Zeit in ihrer Berichterstattung bestätigt. Und was ist passiert, als sich dies als Fehler herausgestellt hat? Hat man deswegen die gesamte Auslandberichterstattung verbannt? Natürlich nicht.”
Weiterer Lesetipp: Illustrator Christoph Niemann: “Ich bin hin- und hergerissen” (monopol-magazin.de).
3. Youtube sperrt bayerische Info-Seite gegen Rechtsextremismus (br.de, Christian Schiffer)
Es scheint sich um einen typischen Fall von Overblocking zu handeln, bei dem eine Plattform etwas sperrt, was sie eigentlich nicht sperren müsste: Youtube hat das Konto von “Endstation Rechts Bayern” gekündigt, einem Informationsportal über Rechtsextremismus. Damit sind die Beobachtungsvideos über die rechtsextreme Szene nicht mehr auf Youtube verfügbar. Die Twitter– und Facebook-Konten existieren jedoch weiterhin.
4. Der Boom der Audios steht gerade erst am Anfang (universal-code.de, Christian Jakubetz, Audio: 26:55 Minuten)
Christian Bollert ist Geschäftsführer des Internetradios und Podcastlabels detektor.fm und kann auf nahezu zehn Jahre Erfahrung auf diesem Gebiet zurückblicken. Im Interview mit Christian Jakubetz redet Bollert unter anderem über personalisiertes Radio und das Problem der Reichweitenmessung, singt das Loblied auf die Nische und verrät, warum Podcasts kein vorübergehender Hype sind.
5. Warnstreik für mehr Einkommen (djv.de, Hendrik Zörner & Cornelia Berger)
Bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa) kam es gestern zu einem Warnstreik: Rund 100 Beschäftigte des Berliner Newsrooms legten in einer “aktiven Mittagspause” die Arbeit nieder. Gewerkschaft und Journalistenverband fordern Lohnerhöhungen von mindestens zwei Prozent für die bundesweit rund 800 Beschäftigten. Die Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (ver.di) Cornelia Berger kommentiert: “Es ist der erste Warnstreik in der langen Geschichte der dpa und er zeigt, wie wütend und entschlossen die Beschäftigten sind, ein Angebot zurückzuweisen, das für viele Reallohnverluste bedeuten würde.”
6. Wenn der Chefredakteur 200 mal klingelt (deutschlandfunk.de, Michael Borgers, Audio: 5:36 Minuten)
Lokaljournalismus heißt, zu den Menschen zu gehen. Der Chefredakteur des “Mindener Tageblatts”, Benjamin Piel, beherzigt dies auf eine besonders eindrückliche Art: Er kann auf mittlerweile 200 Interviews mit in der Region lebenden Menschen zurückblicken. Beim 199. Besuch hat Piel einen Landwirt besucht und sich dabei vom “Deutschlandfunk” begleiten lassen.
Vor eineinhalb Wochen erschien in “Bild am Sonntag” ein etwas überraschendes Doppelinterview. Reporterin Tanja Treser und Reporter Michael Witt begleiteten Fußballnationaltrainer Jogi Löw und VW-Chef Herbert Diess auf deren Weg durch Berlin zum DFB-Pokalfinale. Löw, Diess, Treser und Witt fuhren dabei mit einem Elektroauto von VW durch die Stadt. Jogi Löw durfte ein bisschen staunen (“Löw sitzt zum ersten Mal am Steuer eines Elektroautos und staunt über die Beschleunigung.”), Herbert Diess durfte ein bisschen was verraten (“Diess verrät ihm bei der Fahrt noch Details über den Prototypen.”). Aber eigentlich sollte es in dem Gespräch um Gemeinsamkeiten von Löw/Diess beziehungsweise Nationalteam/VW gehen. Und die fand das “BamS”-Duo mit etwas Hingebiege an manchen Stellen auch:
An anderen hingegen überhaupt nicht:
Sie sind bis auf wenige Monate gleich alt. Haben Sie in Ihrer Jugend gegen irgendwas demonstriert?
DIESS: Ja, ich war sehr politisch, wir hatten damals natürlich andere Motive. Damals waren Amerika und Vietnam ein großes Thema. Es gab viele Ungerechtigkeiten, ich habe beispielsweise gegen das Hochschulrahmengesetz demonstriert. (…)
LÖW: Wo ich aufgewachsen bin, im Schwarzwald, gab’s nur heile Welt.
Mit dieser zwanghaften Suche nach Berührungspunkten geht es dann immer weiter (“Sind Nationalelf und VW in die Krise gerutscht, weil sie zu arrogant waren, weil sie dachten: Wir sind die Nr. 1, uns kann keiner was?”, “Sie kommen beiden aus einfachen Verhältnissen. Papa Löw war Ofensetzer, Vater Diess Maler. Hatten Sie es dadurch schwerer?”, “Herr Diess, Sie sind mit 16 Jahren gestürzt, weil Sie mit dem Skateboard bei 60 km/h an einem Auto hingen. Dabei brachen Sie sich den Arm.” (…) “Haben Sie auch solchen Blödsinn gemacht, Herr Löw?”).
Am Montag, also einen Tag nach Erscheinen des Interviews in “Bild am Sonntag”, gab VW bekannt, dass Jogi Löw das neue Werbegesicht des Konzerns sein werde, speziell für die Elektromobilität. Jürgen Stackmann, Vertriebsvorstand der Marke Volkswagen Pkw, betont in der Pressemitteilung die Gemeinsamkeiten des neu gewonnenen Markenbotschafters und seines eigenen Unternehmens:
Joachim Löw trainiert die Nationalelf seit vielen Jahren auf höchstem Niveau und hat sich dabei auch von sportlichen Rückschlägen nicht beirren lassen. Außerdem ist es ihm immer wieder gelungen, Umbrüche einzuleiten. Deshalb passt er perfekt zu Volkswagen. Mit Käfer und Golf haben wir Klassen über Jahre geprägt und leiten nun mit dem ID.3 den nächsten Umbruch in der Marke ein. Wir wollen mit der Elektromobilität Millionen begeistern — ebenso wie der Bundestrainer mit seiner neuen Mannschaft.
Also ziemlich genau der Spin, der einen Tag zuvor in “BamS” zu finden war. Zufälle gibt’s.
Und davon gibt es noch ein paar mehr: In dem Artikel von “Bild am Sonntag” steht nicht ein Wort darüber, dass Jogi Löw das neue Aushängeschild bei VW wird. Dabei müssen die Fotos, die in “BamS” zu sehen sind, bei derselben Gelegenheit entstanden sein wie die Werbefotos, die VW Medien für deren Berichterstattung zur Verfügung stellt. Und im offiziellen PR-Video von VW, in dem Löw und Diess in einem Elektroauto durch Berlin fahren und in dem Diess erzählt, wie sehr Löw über die Beschleunigung des Wagens gestaunt hat, ist zu sehen, wo diese Fahrt beginnt: vor dem Axel-Springer-Hochhaus.
Wir haben bei “Bild”-Sprecher Christian Senft nachgefragt, ob die Artikel in “Bild am Sonntag” und bei Bild.de Teil einer VW-Werbekampagne sind. Er schrieb uns:
Selbstverständlich war das Interview nicht Teil einer Werbekampagne, Redaktion und Verlag sind bei Axel Springer strikt getrennt. Gerade BILD am SONNTAG hat sich in den vergangenen Jahren sehr kritisch mit VW und der Dieselaffäre auseinandergesetzt und ist für seine investigativen Enthüllungen dazu ausgezeichnet worden.
(Dazu sei noch einmal kurz daran erinnert, dass ein anderes Springer-Blatt, die “Welt”, erst vor Kurzem Herbert Diess zum Co-Chefredakteur machte und dem VW-Konzern eine komplette Ausgabe überließ.)
Auf unsere Frage, ob die “BamS”-Redaktion davon wusste, dass Jogi Löw neuer Markenbotschafter bei VW werden soll, antwortete Christian Senft nur: “Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns zu redaktionellen Entscheidungen und Prozessen grundsätzlich nicht äußern.”
Auf der Wikipedia-Seite zu “Bild am Sonntag” gibt es in der Regel kaum Änderungen. Im Januar wurde mal ein bisschen was ergänzt, davor im September 2018, davor im April und im Februar desselben Jahres. Also: alles recht ruhig. Aber vorgestern — da ging’s los. Ein Wikipedia-Benutzer mit dem Namen “Verlagsleitung BILD Gruppe” fing an, den “BamS”-Eintrag zu überarbeiten, oder genauer: kritische Stellen abzuschwächen oder komplett zu löschen und positive PR-Passagen hinzuzufügen.
Die Bild am Sonntag (kurz: BamS) ist mit einer Auflage von 741.159 Exemplaren die reichweitenstärkste Sonntagszeitung Deutschlands. Sie ist die meist zitierte Sonntagszeitung und gehört mit Platz3 überhaupt zu den meist zitierten Medien Deutschlands.
Die Bild am Sonntag gehört zur BILD-Gruppe der Axel Springer SE. Die Axel Springer SE ist eines der größten multimedialen Verlagshäuser mit Hauptsitz in Berlin.
… und löschte diesen:
Die BamS ist familienfreundlicher konzipiert als die von Montag bis Samstag erscheinende “Bild”. Sie erscheint außerdem im kleineren Zeitungsformat “Nordisches Tabloid”.
Mit dem Kommentar “Abschnitt ergänzt, zuvor kein gesonderter Abschnitt zu Inhalt und Stil vorhanden” fügte “Verlagsleitung BILD Gruppe” dann dieses Marketinggeschwurbel ein:
Ziel der “Bild am Sonntag” ist es, bereits am Sonntag die Themen zu setzen, über die Deutschland in der Woche spricht. Unter dem Claim “Deutschland am Sonntag — Bild am Sonntag” möchte die Zeitung ein entspanntes Sonntagsgefühl bei ihren Lesern vermitteln. Dabei beinhaltet sie einen Mix aus aktuellen, politischen und unterhaltenden Themen. Diese spiegelt die Redaktion häufig aus persönlichen Perspektiven wider, um dem Leser eine hohe Identifikationsmöglichkeit zu bieten.
Und:
Darüber hinaus hat die Bild am Sonntag Deutschlands größten Sportteil, welcher sich als eigene Sportzeitung in der Mitte zum Herausnehmen befindet.
Außerdem kamen noch Angaben zum Verkaufspreis der “Bild am Sonntag” hinzu und Informationen, wo man die Zeitung so kaufen könne. Am Montagnachmittag gab es dann auch den ersten Versuch, die “BamS”-Auflagenentwicklung ein bisschen aufzuhübschen. “Verlagsleitung BILD Gruppe” löschte diese Grafik:
Der Bearbeitungskommentar dazu:
Die Basis, anhand welcher sich die Auflagenzahl bemisst, wurde in der Vergangenheit mehrfach geändert, daher macht ein Vergleich/ Diagramm wenig Sinn; zudem müssen diese Angaben kontinuierlich aktualisiert werden, weshalb ein Verweis auf IVW, wo aktuelle Auflagenzahlen, auch im Vergleich zu anderen Zeitungen abgerufen werden können, sinnvoller ist als Diagramme oder Ähnliches
Im selben Schritt machte der Benutzer aus …
Die Bild am Sonntag gehört ebenso wie die Bild-Zeitung zu den deutschen Zeitungen mit den größten Auflagenverlusten der vergangenen Jahre.
… das hier:
Die Auflagen-Entwicklung der Bild am Sonntag verhält sich analog zum strukturellen Rückgang von Print-Medien.
Und das ist nicht nur Augenwischerei, sondern schlicht falsch. Die Auflage der “Bild am Sonntag” verhält sich nicht “analog zum strukturellen Rückgang von Print-Medien.” Der Auflagenverlust des Blattes ist viel dramatischer als der aller anderen Wochen- und Sonntagszeitungen (und auch aller überregionalen Tageszeitungen).
Andere Wikipedia-Benutzer intervenierten immer wieder und machten viele Änderungen rückgängig, etwa das Löschen der Auflagen-Grafik. Sie wiesen auch darauf hin, dass die Beiträge zu werblich seien:
Sie sind bereits einmal aufgefordert worden, Marketing- und Werbeeinträge zu vermeiden. Ich weise ausdrücklich noch einmal darauf hin, leider aus gegebenem Anlass. Wikipedia ist ausdrücklich keine Basis für verkaufsfördernde Maßnahmen, sondern ein Enzyklopädie-Projekt.
Das hielt “Verlagsleitung BILD Gruppe” aber nicht davon ab, die Änderungen erneut einzubringen — zum Beispiel jene mit dem herausnehmbaren Sportteil und dem “BamS”-Claim und der Bereits-am-Sonntag-die-Themen-setzen-PR.
Am Dienstagmorgen folgte der nächste Versuch, die wenig schmeichelhafte Auflagen-Grafik aus dem Wikipedia-Eintrag zu tilgen und den Quatsch mit “analog zum strukturellen Rückgang” unterzubringen. Der Bearbeitungskommentar dazu: “Aktualisierung von Angaben”. Eine Minute später wollte “Verlagsleitung BILD Gruppe” mit dem Hinweis “unpassende Angabe” das Kapitel “Kritik” komplett löschen und mit ihm den Verweis auf die von “Bild am Sonntag” ausgelöste “Medienkontroverse” um Peter Lustig.
Dann sollten noch “Auszeichnungen” hinzugefügt werden, woraufhin erstmal eine sechsstündige Sperre des Accounts folgte (Begründung: “kurze Pause zum Lesen der Hinweise auf der Diskussionsseite und den dort verlinkten Hilfeseiten”). Nach Freischaltung fügte “Verlagsleitung BILD Gruppe” gestern Nachmittag weitere Auszeichnungen sowie Links zur “BamS”-Facebookseite und zu einem Lesershop hinzu. Anschließend gab es eine Sperre für eine Woche, da der Benutzer sein Konto trotz Aufforderung nicht verifiziert hatte.
So peinlich das alles sein mag — die Aktion war durchaus erfolgreich: Die Auflagen-Grafik ist aus dem Wikipedia-Eintrag verschwunden und die falsche Aussage, die “BamS”-Auflagenentwicklung verhalte sich “analog zum strukturellen Rückgang von Print-Medien”, nun drin. Das Kapitel “Kritik” heißt inzwischen “Weblinks”. Und die Auszeichnungen werden (in einer deutlich abgespeckten Version) erwähnt.
Wir haben bei “Bild”-Sprecher Christian Senft nachgefragt, ob der Wikipedia-Benutzer “Verlagsleitung BILD Gruppe” zum Axel-Springer-Verlag gehört und ob es gängige Praxis dort ist, Wikipedia-Artikel mit PR-Botschaften aufzupeppen. Bisher haben wir keine Antwort von ihm erhalten.
Auf eine der Fragen scheint es aber inzwischen eine Antwort zu geben. Auf der Benutzerseite von “Verlagsleitung BILD Gruppe” steht inzwischen:
Dieses Benutzerkonto wurde gegenüber dem Support-Team mit einer E-Mail-Adresse von axelspringer.de verifiziert.
Damit ist der Account wieder freigeschaltet. Sie können jetzt also weitermachen.
Nachtrag, 14:03 Uhr: Nach Veröffentlichung dieses Beitrags wurden einige Änderungen auf der “BamS”-Wikipedia-Seite rückgängig gemacht. Zum Beispiel ist die Auflagen-Grafik nun wieder da. Momentan gibt es offenbar einen sogenannten Edit-War.
Nachtrag, 16:23 Uhr: “Bild”-Sprecher Christian Senft hat es bisher leider immer noch nicht geschafft, uns auf unsere zwei Fragen zu antworten. Dafür hat aber die Springer-Pressestelle dem Branchendienst “turi2” zu der Sache geschrieben:
Wir wissen, dass Wikipedia für viele eine bedeutende Quelle der Recherche ist. Daher ist es wichtig, dass die Fakten korrekt und aktuell sind. Dies war bei vielen Einträgen für “Bild am Sonntag” nicht mehr der Fall, weshalb wir diese für alle transparent und begründet geändert haben. Alle Anpassungen erfolgten mit klarer Absenderschaft, niemand hat versucht, wie von BildBlog behauptet, etwas “werblich unterzuschummeln”. Es gehört zu Wikipedia, dass diese Einträge oder bestimmte Formulierungen durch andere Nutzer anders bewertet und eingeordnet werden können.
Interessant finden wir das wörtliche Zitat “werblich unterzuschummeln”, dass uns die Springer-Pressestelle zuschreibt. Wir haben zwar von aufhübschen und aufpeppen gesprochen. Die Worte “werblich unterzuschummeln” haben wir hingegen an keiner Stelle benutzt.
Nachtrag, 17. Juni: Auf Nachfrage des Medienmagazins “Zapp” (ab Minute 2:05) ist der Springer-Pressestelle noch eine lustige Begründung eingefallen, warum das Kapitel “Kritik” von “Verlagsleitung BILD Gruppe” gelöscht wurde:
Das Kapitel wurde nur vorübergehend gelöscht, um es als Ganzes aktualisiert zu ergänzen.
Das Hochladen des aktualisierten Artikels habe dann blöderweise wegen der zwischenzeitlichen Sperre nicht mehr funktioniert.
Die Mannschaften der Fußball-Bundesliga, die gegen den Abstieg spielen, haben 34 Spieltage Zeit, diesen zu verhindern. Und wenn ein Team nach den 34 Spielen auf dem 16. Platz steht, hat es in der Relegation die zusätzliche Chance, in zwei Partien gegen den Drittplatzierten aus der 2. Bundesliga den Abstieg zu vermeiden. Ein Abstieg aus der Fußball-Bundesliga kann also nur passieren, wenn viele Leute über einen langen Zeitraum viele Fehler machen.
Die “Bild”-Medien sehen das heute etwas simpler:
Ein Spieler des VfB Stuttgart stand gestern im entscheidenden Relegationsspiel gegen Union Berlin vor dem Tor und damit im Blickfeld des gegnerischen Torwarts, als ein anderer Stuttgarter einen Freistoß verwandelte. Hätte dieser Treffer gezählt, und wäre es beim 1:0 geblieben, wäre der VfB Stuttgart nicht abgestiegen. Nach der Überprüfung durch den sogenannten Video Assistant Referee entschied der Schiedsrichter allerdings auf Abseits — kein Tor, weiter 0:0. Anschließend hatten alle Stuttgarter Spieler noch über 80 Minuten Zeit, um ein Tor zu schießen, das den Abstieg vermieden hätte. Haben sie aber nicht.
Und so konnten “Bild” und Bild.de einen Schuldigen präsentieren — zehn Jahre nach dem Suizid des früheren Nationaltorwarts Robert Enke und nach einigen wenigen Äußerungen von Profi-Fußballern, die sich trauen, öffentlich über den großen Druck in diesem Job zu sprechen. Per Mertesacker zum Beispiel, der mit Enke zusammen im Verein und in der Nationalmannschaft gespielt hat, sagte vor gut einem Jahr: “Der Druck hat mich aufgefressen. Dieses ständige Horrorszenario, einen Fehler zu machen, aus dem dann ein Tor entsteht.”
Oder eben einen, der dazu führt, dass ein sauwichtiges Tor nicht zählt.
Irgendwann bemerkte dann auch die Redaktion diesen “peinlichen Fehler”. Es seien “einige ältere Artikel zu Niki Lauda versehentlich neu publiziert worden.”
1. Abschluss der Relotius-Affäre: Schwächen im System (ndr.de, Daniel Bouhs und Inga Mathwig)
Der “Spiegel” hat den Abschlussbericht der Aufklärungskommission zum Fall Relotius vorgelegt (hier als PDF lesbar). Bittere Erkenntnis: Etwa ein Dutzend Artikel sind anscheinend reine Märchengeschichten, “aber die anderen sind auch so verfälscht, dass der größte Teil von ihnen am Ende journalistisch wertlos ist”, so “Spiegel”-Chef Steffen Klusmann. Es lohnt sich, den Abschlussbericht im Original zu lesen. Dort gibt es bezeichnende Originalzitate aus dem Schriftverkehr zwischen Claas Relotius und seinen “Spiegel”-Vorgesetzten: “Wir suchen nach einer Frau mit Kind. Sie kommt idealerweise aus einem absolut verschissenen Land (…) Sie setzt ihre Hoffnung auf ein neues, freies gutes Leben in USA (…) Es muss eine sein, die mithilfe eines Kojoten über die Grenze will (…) Die Figur für den zweiten Konflikt beschreibt Claas (…) Dieser Typ wird selbstverständlich Trump gewählt haben, ist schon heiß gelaufen, als Trump den Mauerbau an der Grenze ankündigt hat, und freut sich jetzt auf die Leute dieses Trecks, wie Obelix sich auf die Ankunft einer neuen Legion von Römern freut (…) Wenn ihr die richtigen Leute findet, wird das die Geschichte des Jahres.”
2. Der Rap Hack: Kauf Dich in die Charts! Wie Klickzahlen manipuliert werden (youtube.com, Y-Kollektiv)
In einer Doku des Y-Kollektivs über manipulierte Musik-Charts unternimmt Reporter Ilhan Coskun einen Selbstversuch: Er bastelt sich einen Rap-Song und lässt diesen auf den verschiedenen Musikplattformen von einem “Experten” pushen. Der habe die Hoheit über unzählige Youtube- und Spotify-Accounts und könne jeden Song über Nacht zum Streaming-Wunder machen.
3. Ibiza-Video: Anwalt legt Geständnis ab – “investigativ-journalistisches Projekt” (kurier.at, Kid Möchel)
Ein Wiener Anwalt hat sich bei den Medien als Initiator des Strache-Videos gemeldet. In seinem Geständnis behauptet er, dass “es sich beim Ibiza-Video um ein zivilgesellschaftlich motiviertes Projekt handle, bei dem investigativ-journalistische Wege beschritten wurden”. Der Anwalt hat sich für das Schreiben selbst anwaltlicher Hilfe bedient: Verfasst wurde der Brief von Strafrechtsprofessor Richard Soyer, der in dem Vorgehen seines Mandanten kein strafbares Verhalten entdecken kann.
Weiterer Lesetipp: Zentrum für Politische Schönheit soll Strache-Video gekauft haben (zdf.de, Arndt Ginzel & Kyo Jung & Daniel Laufer & Christian Rohde).
Und außerdem: Warum die Medien über das Strache-Video berichten mussten (sueddeutsche.de, Wolfgang Krach).
4. “Ich bin ein ständiger Unruhegeist” (tagesspiegel.de, Markus Ehrenberg)
Nach über 30 Jahren hat Gerhard Delling die “Sportschau” verlassen. Im Gespräch mit Markus Ehrenberg erzählt er von seinem Abschied, den nicht mehr vorhandenen Möglichkeiten als “Unruhegeist” bei der ARD und dem Leben nach der “Sprotschau”.
5. Eine Liebeserklärung an die »Politische Korrektheit« (sz-magazin.sueddeutsche.de, Till Raether)
“Menschenfreundlichkeit. Gutes Benehmen. Respekt.” Der Begriff der “politischen Korrektheit” stieße vielleicht nicht auf so viel Ablehnung, wenn man ihn denn anders benennen würde. Till Raether kommentiert: “Wer »politische Korrektheit« ablehnt, lehnt im Grunde ur-konservative Tugenden ab: gutes Benehmen, Höflichkeit im Umgang miteinander, Respekt vor anderen, Eigeninitiative und Verantwortung. Denn das, was ihre Gegner*innen »politische Korrektheit« nennen, kommt ja entgegen ihrer Andeutungen nicht von oben, aus Erlassen und Verordnungen, sondern man muss sich diese Art von Verhalten selber erarbeiten. Indem man anderen zuhört, ihnen Raum lässt, ihnen zugunsten auch mal die Klappe hält, zuhört. Traurig, dass das für so viele Menschen eine so große Zumutung ist.”
6. Zwölf Lehren, die man aus “Game of Thrones” ziehen kann (dwdl.de, Ulrike Klode)
Acht Jahre lang hat die US-amerikanische Fantasy-Fernsehserie “Game of Thrones” für Rekordquoten gesorgt und zahlreiche Auszeichnungen eingeheimst. Anlässlich des Serienendes blickt Ulrike Klode in einem vorläufigen Fazit auf die acht Staffeln zurück. Dabei sind zwölf überaus lesenswerte Lehren herausgekommen. Und keine Sorge: Es gibt auch eine Spoilerwarnung.
Gestern, beim DFB-Pokal-Finale zwischen RB Leipzig und dem FC Bayern München — da war doch irgendwas merkwürdig mit dem Spielball, oder? War der …
Nee, das war’s nicht, was uns aufgefallen war. Aber: Was ist denn ein “Frauen-Ball”? Bild.de erklärt das so:
Leipzig und Bayern spielten beim Finale (0:3) nicht mit dem Bundesliga-Ball von Derbystar, sondern mit einem bunten Adidas-Ball. Das Modell “Conext 19” wird ab dem 7. Juni bei der Frauen-WM verwendet.
Okay, es ist also kein “Frauen-Ball”, sondern ein ganz normaler Fußball, der bald auch bei der Weltmeisterschaft der Frauen eingesetzt werden soll. Das schreibt auch Bild.de irgendwie:
Klar ist aber natürlich: Obwohl er bei der Frauen-WM zum Einsatz kommt, hat er die gleichen Maße wie der Bundesliga-Ball der Männer. Laut Fifa-Regeln sind das 68,5 bis 70 Zentimeter Durchmesser und 410 bis 450 Gramm Gewicht.
Genau, das war das Merkwürdige gestern: die Größe des Balles. Der ragte mit seinen “68,5 bis 70 Zentimetern Durchmesser” den Spielern schließlich bis über deren Knie.
Nachtrag, 15:23 Uhr: Die Bild.de-Redaktion hat die Stelle — ohne irgendeinen Korrekturhinweis — geändert. Dort steht nun richtig: “Laut Fifa-Regeln sind das 68,5 bis 70 Zentimeter Umfang und 410 bis 450 Gramm Gewicht.” Es gibt also offenbar keine neuen “Fifa-Regeln”, die das Spielen mit Riesenbällen vorschreiben und von denen die “Bild”-Medien exklusiv wussten.
Außerdem haben uns mehrere Leserinnen und Leser noch auf diesen Satz von Bild.de hingewiesen: “Obwohl er bei der Frauen-WM zum Einsatz kommt, hat er die gleichen Maße wie der Bundesliga-Ball der Männer.” Und ja, der ist tatsächlich dämlich und nicht besonders respektvoll den Fußballerinnen gegenüber.
Der frühere Profifußballer Manfred “Manni” Burgsmüller ist vorgestern gestorben. Die Bild.de-Redaktion, die diese Nachricht zuerst hatte, versucht, mit dem Tod des bis heute viertbesten Torschützen der Bundesliga-Geschichte noch ein paar Abos zu verkaufen und ein bisschen Kohle zu verdienen:
Alles hinter der “Bild plus”-Bezahlschranke. Klickt man auf den Banner auf der Startseite, erscheint dieser Teaser:
Er war das größte Schlitzohr der Bundesliga — jetzt ist Manfred Burgsmüller im Alter von 69 Jahren überraschend gestorben.
Lesen Sie mit BILDplus die Hintergründe zum tragischen Tod der Bundesliga-Legende.
Bis auf die Info, dass Burgsmüller “völlig überraschend eines natürlichen Todes” gestorben sei, steht dort dann aber auch nicht wirklich mehr “zum tragischen Tod der Bundesliga-Legende”.