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Ein Jahr Corona in “Bild”

Der folgende Text sollte eigentlich in unserem Buch “Ohne Rücksicht auf Verluste” erscheinen, hat aus Platzgründen aber einfach nicht mehr reingepasst. Darum freuen wir uns, ihn nun exklusiv hier zu veröffentlichen.

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Unser Buch ist ab heute überall erhältlich, zum Beispiel bei euren lokalen Buchhändlern, bei GeniaLokal, bei Amazon, bei Thalia, bei Hugendubel, bei buch7, bei Osiander oder bei Apple Books. Es ist auch als eBook und Hörbuch erschienen.

Kein Thema hat die Berichterstattung der “Bild”-Medien in der jüngeren Vergangenheit so sehr bestimmt wie die Corona-Pandemie. Aber wie genau sah diese Berichterstattung aus? Wie hat sich die Redaktion positioniert? Was war gut und was schlecht? Schaut man sich an, wie “Bild” im Jahr 2020 über das Coronavirus berichtet hat, lassen sich neun Phasen erkennen. Diese sind nicht komplett trennscharf, sie überlappen sich teilweise oder laufen parallel.

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Die Kennenlernphase (Januar 2020)

Es ist nur eine kurze Meldung, gerade mal 18 Zeilen lang, unauffällig platziert auf Seite 10 neben einem Ratgeberbeitrag, der erklärt, wie die Vorsätze für das neue Jahr “wirklich zu schaffen sind”. Überschrift: “SARS in China ausgebrochen?”

In der chinesischen Großstadt Wuhan ist eine mysteriöse Lungenkrankheit ausgebrochen. Bislang seien 27 Erkrankte identifiziert worden. Laut Experten sei die Ursache der Erkrankung derzeit noch unklar. Das chinesische Parteiorgan “Volkszeitung” spricht von “schweren Lungenentzündungen”. Beobachter befürchten jedoch, das SARS-Virus könnte die Ursache für die Erkrankung sein.1

An diesem 2. Januar 2020 schreibt “Bild” erstmals über das, was sich zur weltweiten Pandemie entwickeln wird.

In den folgenden Tagen passiert erst mal: nichts. Fast drei Wochen dauert es, bis in “Bild” zum ersten Mal von “Corona” die Rede ist. Am 22. Januar erscheint ein Artikel über einen “Berliner Professor”, der das “Corona-Virus” entschlüssele. Gemeint ist der Virologe Christian Drosten. Zu diesem Zeitpunkt gebe es “schon 6 Tote in China”, schreibt die Redaktion auf Seite 6:

Das neue Corona-Lungenvirus breitet sich auf dem asiatischen Kontinent aus.

Die Zahl der Infizierten stieg in China auf 291. Dazu kommen Fälle in Thailand, Japan, Südkorea, Taiwan und sogar in den USA. Sechs Menschen starben bereits.

Noch wird das Risiko einer Ausbreitung auch in Deutschland als gering gewertet.2

“Bild” zitiert Drosten mit: “Wir müssen uns in Deutschland darauf vorbereiten, dass es zumindest in Einzelfällen auch zu Einschleppungen der Erkrankung kommt.”

Von nun an geht es ganz schnell, exponentiell sozusagen. Bereits einen Tag später fragt “Bild”: “CORONA-VIRUS – Panikmache oder echte Gefahr für die Welt?”3 Schon jetzt haben die Layouter den Artikel in das Gelb getunkt, das sie traditionell bei Seuchen verwenden4 und das die Berichterstattung des kommenden Jahres optisch prägen wird. Am 27. Januar sind laut “Bild” “Europas Flughäfen in Alarm-Bereitschaft”, denn: Das “Corona-Virus breitet sich rasant aus – viele weitere Fälle”.5 Zwei Tage später dann die erste Corona-Titelseite: “Bundeswehr rettet Deutsche aus der Seuchen-Zone +++ Sondermaschine startet heute nach China +++ Schon vier Corona-Fälle in Deutschland +++ Botschaft organisiert Krisentreffen +++ Ansturm auf Schutzmasken +++ Was Sie jetzt wissen müssen”. Ein “Bild”-Redakteur schreibt im Kommentar: “Keine Panik!”, schließlich gelte: “Fast so schlimm wie ein Virus ist die Angst davor.”6

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Die Angst- und Alarmphase (Januar bis März 2020)

Nur einen Tag nach diesem Versuch, die Leserschaft etwas zu beruhigen, titelt “Bild”: “Deutsche China-Rückkehrer auf Isolier-Station – Corona-Angst!”7 Auch einen Tag später: “Corona-Angst – China-Rückkehrer werden HIER isoliert!” Im Blatt schlägt die Redaktion “Corona-Alarm auf Kreuzfahrtschiff” und schreibt von der “Sorge um Weltwirtschaft”.8 Wiederum einen Tag später steht auf Seite 1: “CORONA-ALARM in Deutschland, Vater und Tochter (5) erkrankt – Hier holen sie die erste Familie ab”. Dazu zeigt “Bild” ein großes Foto einer (immerhin verpixelten) Familie, die von Menschen in Schutzanzügen in Rettungswagen gebracht wird.9 “Bild am Sonntag” bietet am Tag darauf eine Übersicht über die “Seuchen der Angst” der vergangenen Jahre.10

Auch auf der Bild.de-Startseite herrscht zu dieser Zeit vor allem Verunsicherung, Ungewissheit und Angst: “CORONAVIRUS KAM DIREKT AUS DER SEUCHENZONE”11, “VIRUS-ANGST IN DEUTSCHLAND! Apotheken gehen die Schutzmasken aus”12, “Schlangen sollen das Coronavirus auf uns übertragen haben”13, “Ist es gefährlich, Pakete aus China anzunehmen?”14

Nachdem ein erster Corona-Ausbruch in Bayern15 unter Kontrolle zu sein scheint, verschwindet das Virus fast vollständig wieder von der “Bild”-Titelseite. Andere Themen sind wichtiger: “AKK gegen Merkel – Bitterböser Machtkampf”16, “Nach AKK-Abgang – MERZ KÄMPFT UM DIE MACHT IN DER CDU”17, “Deutschlands schlimmste Rentner-Abzocker gefasst!”18 Die Corona-Meldungen, die es nach ganz vorne schaffen, klingen fast schon hoffnungsvoll: “CORONA-Rückkehrer aus Quarantäne entlassen!”19, steht am 17. Februar auf Seite 1.

Eine Woche später ist es mit der Hoffnung allerdings vorbei. Die Schlagzeilen der Woche lauten:

• CORONA-ALARM! Italien riegelt Städte ab
• Minister Spahn schlägt CORONA-ALARM – “Die Epidemie ist in Europa angekommen”
• CORONA-AUSBRUCH im Rentner-Paradies – Deutsche Touristen im Hotel auf Teneriffa gefangen
• CORONA – So schützen Sie sich JETZT!
• Regierung beruft Expertenrunde ein – Der Krisen-Plan gegen Corona
• Corona-Verdacht im Regierungs-Flieger
• Wochenende im Bann von CORONA – Weltgrößte Tourismus-Messe in Berlin abgesagt +++ Konzerte, Fußballspiele auf der Kippe +++ Schon 54 Infizierte +++ Dax rauscht ab +++ Autogramm-Verbot für Bayern-Spieler +++ ERSTER HUND positiv +++ WHO löst “höchste Alarmstufe” aus +++ BILD sagt, was Sie jetzt beachten müssen20

Bei Bild.de ist die Stimmung dieselbe. Obendrauf kommen Fotos von leeren Supermarktregalen und Anleitungen zu “Hamsterkäufen”: “FAMILIENVATER ZEIGT SEINEN VORRATSKELLER – Wegen Corona! Das habe ich für 420 Euro eingekauft”.21 “Hohe Verkaufszahlen bei Aldi und Lidl – Hamsterkäufe wegen Coronavirus!”22 Die “Bild”-Redaktion treibt ihre Leserschaft in die schon teilentleerten Supermärkte: “CORONA-ANGST IN DEUTSCHLAND – Diesen Vorrat brauchen Sie für zehn Tage Quarantäne!”23 Und damit es auch schmeckt, erzählt Koch Johann Lafer bei “Bild-TV”: “Das können Sie aus Ihren Corona-Vorräten kochen”.24 Nur eine Woche später meldet “Bild”: “TAFELN SCHLAGEN ALARM – Wegen Hamstereinkäufen! Weniger Essen für Bedürftige”.25

Die Redaktion macht (nicht nur) in dieser Zeit aus der Angst der Leser Geld. Sie eröffnet mit fragenden Überschriften teils ganz alltägliche Schreckensszenarien und gibt die Antworten nur hinter der “Bild-plus”-Paywall: “BILD fragte bei Hersteller Hakle nach – Kann Klopapier wirklich knapp werden?” (Antwort: Nein).26 Oder: “ITALIEN SCHLIESST ZAPFSÄULEN – Machen auch bei uns die Tankstellen dicht?” (Antwort: Nein).27 Und: “Fast 100 Milliarden Euro fehlen – GEHT DEUTSCHLAND PLEITE?” (Antwort: Nein, “Deutschland kann kaum pleite gehen”).28 Es scheint “Bild” nicht darum zu gehen, die Leserschaft ordentlich und gewissenhaft zu informieren, sondern um den Verkauf von Abos: In der “Amazon”-Doku “BILD.Macht.Deutschland?” sagt Julian Reichelt in einer Redaktionskonferenz mit Blick auf die Corona-Krise: “Es geht darum, dass wir in einer Zeit, in der unsere Auflage morgen um die Hälfte einbrechen kann, eine wirtschaftliche Perspektive haben.”29

Wie folgenreich die “Bild”-Berichterstattung in einer derart angespannten Situation sein kann, zeigt sich am 22. März. Im Corona-Liveticker bei Bild.de erscheint eine Meldung zum Ortenau-Klinikum in Offenburg. Überschrift: “Das Klinikum Offenburg sucht händeringend Helfer!”30 Im Text steht:

Das Klinikum Offenburg (Baden-Württemberg) ist am Limit – und richtet diesen Appell an die Öffentlichkeit: Dringender Appell an euch!

Wir benötigen im Klinikum Offenburg dringend helfende Hände. Ob mit oder ohne medizinische Erfahrung spielt keine Rolle. Es gibt Bedarf in der Küche, an der Pforte, Essen verteilen, Betten schieben. Und wer medizinische Kenntnisse hat im pflegerischen Bereich.

Wer jemand kennt, der jetzt zum Beispiel in Kurzarbeit ist, bitte melden. Per E-Mail: […] oder telefonisch […].31

Die “Bild”-Redaktion nennt eine E-Mail-Adresse und eine Telefonnummer, die man anschreiben beziehungsweise anrufen soll, wenn man helfen möchte. Nur: Das Klinikum sucht gar nicht “händeringend Helfer”. “Bild” scheint blindlings aus einer kursierenden WhatsApp-Nachricht abgeschrieben zu haben. Die Redaktion von “Hitradio Ohr” fragt hingegen mal beim Klinikum nach:

Auf HITRADIO OHR-Anfrage hieß es heute (Sonntag) vom Ortenau Klinikum, das sei wohl Fake News.

Es gebe Überlegungen, ob das irgendwann nötig sei und intern gebe es beim Ortenau Klinikum die Überlegung, ob man sich – wenn sich die Situation verschlechtere – auch an die Öffentlichkeit wende. Das sei aber nur eine Idee und momentan KEIN Aufruf an die Bevölkerung. Beim Klinikum stehe wegen des “Fake-Aufrufs” das Telefon nicht mehr still.32

Nun ist es eine Sache, dass die Mitarbeiter des Klinikums auch dank “Bild” auf “rund 1000 Anfragen” reagieren müssen und damit nicht ihrem eigentlichen Job nachgehen können. Dazu kommt, dass die Meldung in dem Liveticker den Eindruck vermittelt, dass ein Krankenhaus die Situation nicht mehr im Griff hätte und bereits “am Limit” wäre. Das Ortenau Klinikum sieht sich genötigt, diesem Eindruck entgegenzuwirken. Es veröffentlicht eine Stellungnahme und betont, dass man “bestens ausgestattet” sei.33

Erst nach mehreren Stunden löscht Bild.de die Falschmeldung und schreibt in einer späteren Liveticker-Meldung, dass ein gefälschter Appell des Klinikums Offenburg im Umlauf sei. Die eigene Rolle bei dieser Geschichte bleibt unerwähnt.

Von solchen Fehltritten abgesehen, macht die “Bild”-Redaktion in den ersten Monaten des Jahres 2020 aber gar keinen schlechten Job. Viele Artikel sind stark boulevardesk und emotional aufgeladen; die Berichterstattung ist rückblickend im Umfang und in ihrer Dringlichkeit der Bedrohung und der potenziellen Entwicklung allerdings durchaus angemessen. Selbst “Bild”-Chef Julian Reichelt klingt ungewohnt versöhnlich. Am 9. März kommentiert er:

Die letzten Wochen haben gezeigt, dass es nicht auf jede Frage eine gute Antwort, nicht für jede Sorge sofortige Beruhigung gibt.

Aber eben auch, dass wir als Land in dieser Situation in bestmöglichen Händen sind: Unsere medizinische Versorgung ist überragend, unsere Ärzte sind pflichtbewusst und engagiert, deutsche Experten und Virologen genießen weltweit einen exzellenten Ruf und die Politik mit Gesundheitsminister Jens Spahn reagiert konsequent, aber besonnen.34

Bei einer Person scheinen sich Reichelt und “Bild” hingegen nicht “in bestmöglichen Händen” zu fühlen: bei Bundeskanzlerin Angela Merkel.

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Die Anti-Merkel-Phase (ab Ende Februar 2020, seitdem andauernd)

Am 28. Februar schreibt Bild.de: “Nur Merkel kneift in Sachen Corona-Krise”. Während Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Österreichs Kanzler Sebastian Kurz, Italiens Premier Guiseppe Conte und US-Präsident Donald Trump mit Reden ihre Bürger beruhigen würden, sei von Angela Merkel nichts zu hören oder zu sehen: “Deutschland in der Corona-Krise. Und wo steckt die Kanzlerin?”35 Am 11. März, also zwei Tage nach Julian Reichelts Lobeshymne auf die “bestmöglichen Hände”, in denen sich Deutschland befinde, titelt “Bild” groß: “Kein Auftritt, keine Rede, keine Führung in der Krise – Die Kanzlerin und das CORONA-CHAOS”. Merkel sei kaum zu sehen und äußere sich zu Corona nur wenig, kommentiert der stellvertretende “Bild”-Chefredakteur Paul Ronzheimer: “Sie lässt die Bevölkerung allein. Dabei müsste sie jetzt Führung zeigen!”36

Wie wichtig eine Stellungnahme der Kanzlerin in den entscheidenden Fragen für “Bild” ist, zeigt sich einen Tag später. Merkel sitzt mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher in einer Pressekonferenz, die anwesenden Journalisten können Fragen stellen. Als erster ist der Leiter des “Bild”-Parlamentsbüros dran. Er fragt, welche Auswirkungen das alles jetzt “auf die Wiesn in Bayern” habe.37

Die TV-Ansprache, die Angela Merkel am 18. März hält38 und die viele Menschen bewegt39, reicht “Bild”-Chef Julian Reichelt nicht. In einem langen Kommentar schreibt zwar auch er, dass Merkel “den richtigen Ton getroffen” habe, “doch inmitten emotionaler Appelle zum Ernst der Lage blieb sie der Bevölkerung das Wichtigste schuldig: eine Erklärung, was SIE persönlich in ihrem Amt für die Menschen tun wird.” Reichelt feuert daraufhin eine lange Reihe von Vorwürfen ab, die als Fragen formuliert sind, in denen er die Kanzlerin attackiert und sich als Kämpfer für all jene inszeniert, “die seit Jahren die Steuerkassen füllen”. Auf dem Spiel stehe “alles, was wir uns seither aufgebaut und erarbeitet haben”. Merkel solle endlich sagen, wie sie den Menschen helfen wolle, “mit dem Geld, das wir alle erarbeitet haben”. Er schreibt Sachen wie:

Wo bleibt das Versprechen der Kanzlerin, dass deutsche Kernindustrien wie der Autobau und die Luftfahrt auch nach der Corona-Krise international wettbewerbsfähig bleiben werden? Wenn am Ende dieser Gesundheitskrise Massenarbeitslosigkeit steht, überlassen wir das Land mit Ansage den Extremisten.

Oder er fragt, wo das Versprechen der Kanzlerin bleibe, “dass China, das aus der selbst verschuldeten Epidemie nun Profit schlagen will, keine deutschen Unternehmen erwerben und keinen Zugang zu deutscher Infrastruktur bekommen wird”.40 Solche Dinge will er wissen, zu einem Zeitpunkt, an dem man noch nicht mal sicher sagen kann, ob die Wiesn nun stattfinden können oder nicht.

Einer macht es aus “Bild”-Sicht deutlich besser als Angela Merkel. Nachdem Österreichs Kanzler Sebastian Kurz laut “Bild” “CORONA-KLARTEXT” gesprochen hat, schreibt die Redaktion sehnsüchtig: “So einen brauchen wir auch!” Es seien “nur 520 Kilometer zwischen Berlin und Wien. Aber in der Corona-Krise fühlt sich Österreich an wie eine andere Welt”:

Während Kanzlerin Angela Merkel (65, CDU) angeschlagen wirkt, sich mit den Ministerpräsidenten auf keine gemeinsame Linie einigen kann, zeigt Österreichs Kanzler Sebastian Kurz (33) Führungsstärke.

Fast täglich steht er kerzengerade vor den TV-Kameras, präsentiert eine Knallhart-Maßnahme nach der anderen: Kaffeehäuser nur noch bis 15 Uhr geöffnet. Alle nicht dringend benötigten Läden sind geschlossen. Die Ski-Orte St. Anton und Ischgl abgeriegelt. Schulen sind längst dicht.

Kurz zeige: “SO geht der Shutdown eines ganzen Landes!”41

Die Idee, Deutschland herunterzufahren, findet bei “Bild” Unterstützung. In einem “DAS-MEINT-BILD”-Kommentar schreibt die Redaktion, dass “wir beweisen” müssten, “dass wir nicht nur 82 Millionen Einzelpersonen sind, sondern eine Gemeinschaft”:

Jetzt muss jeder von uns ein Vorbild sein!

Die Politik darf bei harten Maßnahmen gegen das Virus nicht zögern. Wenn Gesundheitsminister Jens Spahn und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder vorübergehend Schulen schließen wollen, dann verdient das die Unterstützung der Bevölkerung. Dies dient unserem Schutz.42

Bei “Bild-TV” warnt ein Arzt: “Deutschland braucht den kompletten Shutdown!”43 Am 22. März beschließen die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten tatsächlich umfangreiche Kontaktbeschränkungen.44 Und die “Bild”-Berichterstattung legt eine bemerkenswerte Kehrtwende hin.

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Die Wieder-öffnen-Phase (März bis Mai 2020)

Bis hierhin hat “Bild” wiederholt und eindringlich klargemacht, welche “Angst” man vor dem Coronavirus haben müsse, wie schrecklich untätig Angela Merkel sei, wie sehr es “unserem Schutz” diene, wenn beispielsweise die Schulen geschlossen werden, und wie führungsstark Sebastian Kurz “eine Knallhart-Maßnahme nach der anderen” präsentiere. Nun machen Merkel und ihre Regierung ziemlich genau das, was “Bild” fordert – und das ist nun auch wieder falsch.

Gerade mal vier Tage nach dem Beschluss zu den Kontaktbeschränkungen, am 26. März, lässt “Bild” “CORONA-SKEPTIKER FRAGEN: ,Sind Löscharbeiten verheerender als der Brand?‘”45 Am 28. März titelt “Bild” groß: “Riesen-Wirrwarr um Kampf gegen Corona – Maßnahmen lockern oder nicht?”. Im Blatt fragt die Redaktion ungeduldig: “Wann sollen die Corona-Regeln denn nun gelockert werden?”46 Wieder zwei Tage später fragt ein “Bild”-Kolumnist: “WIE LANGE HALTEN WIR DAS DURCH?” Einen Tag später schreibt er: “Wir hören zu viel auf Virologen!” Auf der Titelseite derselben Ausgabe ruft die Redaktion einen “nationalen Kraftakt gegen Corona” aus (als würden Politiker und viele andere Menschen nicht schon seit Wochen kraftakten): “BILD sagt, was SOFORT passieren muss”. Neben der Forderung, dass Kanzlerin Merkel “jeden Tag zum Volk sprechen” müsse, und dem genialen Einfall, dass ein “neues Wirtschafts-Wunder” doch ganz praktisch wäre, ist für “Bild” von besonderer Bedeutung, dass die Fußball-Bundesliga endlich wieder ihren Betrieb aufnehmen dürfen soll.47 Dieser Wunsch könnte nicht ganz uneigennützig sein: Die Sport-Berichterstattung, und dort speziell die Fußball-Bundesliga, ist für die “Bild”-Medien immens wichtig.

In Österreich rückt Kanzler Kurz von seinen “Knallhart-Maßnahmen” ab und beschließt, dass ab Mitte April einzelne Läden wieder aufmachen dürfen. Die “Bild”-Redaktion ist erneut hin und weg: “DER KURZ-PLAN – So was wollen wir auch!” Auf Seite 1 schreibt sie: “NEUSTART NACH CORONA – Ösis machen‘s uns vor – Erste Geschäft in Österreich ab 14. April wieder geöffnet – aber Merkel bleibt hart”.48

Spätestens ab diesem Zeitpunkt wird deutlich, dass die “Bild”-Berichterstattung vor allem einem Grundsatz folgt: Hauptsache dagegen. Bis zu den Lockerungen der Kontaktbeschränkungen am 6. Mai49 schreiben die “Bild”-Medien konsequent gegen die Einschränkungen an: “Kanzlerin, machen Sie unser Land wieder auf!”, fordert “Bild” am 15. April auf der Titelseite.50 Es geht um “Chaos um Corona-Regeln”51, die Redaktion lässt einen Chefarzt im Blatt fordern: “MACHT DIE KLINIKEN WIEDER AUF … und zwar FÜR ALLE!”52 Bild.de berichtet über “DIE WUT DER WIRTE”53 und schreibt zu möglichen “CORONA-LOCKERUNGEN”: “Merkel will nicht, aber muss!”54 Die “Bild am Sonntag” titelt am 12. April: “WIR WOLLEN ZU HAUSE BLEIBEN!” Was erstmal wie eine Forderung nach einer Lockdown-Verlängerung klingt, ist das Gegenteil: “Ein Aufruf von 28 Prominenten über 70”, die anbieten, zu Hause zu bleiben, “damit die Jungen eine Zukunft haben und die Wirtschaft nicht kollabiert”. Oder anders gesagt: Die Alten bleiben drin, damit alle anderen wieder raus und loslegen können. Keine dieser 28 Personen dürfte übrigens bei einer Umsetzung des Plans in einer winzigen Wohnung ohne Balkon festsitzen. Die Wir-wollen-zu-Hause-bleiben-Promis auf der “BamS”-Titelseite sind größtenteils Millionäre und Milliardäre wie Dietmar Hopp, Friede Springer und Hubert Burda.55

Personen, die sich nicht auf “Bild”-Linie befinden und sich nicht für Lockerungen, sondern eher für strengere Maßnahmen aussprechen, bekommen von der Redaktion Gegenwind. Auch und gerade Wissenschaftler.

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Die Anti-Drosten-Phase (April bis Mai 2020)

“Schulen und Kitas wegen falscher Corona-Studie dicht”, schreibt “Bild” am 26. Mai groß auf Seite 1. Im Blatt lautet die Überschrift: “Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch”. Es seien “FRAGWÜRDIGE METHODEN” zum Einsatz gekommen.56 Im Artikel liefert der Autor allerdings keinen einzigen Beleg für die auf der Titelseite hergestellte Kausalität zwischen Studie und geschlossenen Schulen und Kitas. Stattdessen versucht er, die bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen vorgesehenen kritischen Überprüfungen durch andere Wissenschaftler als eine Art Zoff zwischen Forschern darzustellen.

Die “Bild”-Geschichte wird stark kritisiert. Sogar von den Wissenschaftlern, die “Bild” im Beitrag als Kronzeugen gegen den Virologen Christian Drosten anführt. Sie alle distanzieren sich umgehend von dem Bericht. Einer schreibt bei Twitter, dass er “nicht Teil einer Anti-Drosten-Kampagne sein” wolle.57 Ein anderer stellt klar: “Ich wusste nichts von der Anfrage der BILD und distanziere mich von dieser Art Menschen unter Druck zu setzen auf das schärfste.”58

Bereits einen Tag zuvor veröffentlicht Christian Drosten bei Twitter einen Screenshot einer E-Mail des “Bild”-Autors. Dieser wollte, dass der Wissenschaftler Fragen zu seiner Studie beantwortet, und räumte dafür lediglich eine Stunde ein. Drosten schreibt bei Twitter, er habe “Besseres zu tun”. Anfangs ist in dem Screenshot auch die Handynummer des “Bild”-Mitarbeiters zu sehen. Nach Kritik löscht Drosten diesen Tweet wieder und postet die “Bild”-Anfrage noch einmal, diesmal ohne Handynummer.59

Das Verhalten von “Bild” sorgt für größeres Entsetzen – über die Schärfe des Angriffs, den aufgebauten Druck in der Anfrage, das Hochjazzen einer eigentlich vorsichtigen Formulierung des Virologen, das Unverständnis der Redaktion für wissenschaftliche Abläufe und Diskussionen, die falsche Verknüpfung zwischen Drostens Studie und Schulschließungen.60 Die Medienforscherin Johanna Haberer sagt zur Anti-Drosten-Kampagne von “Bild”: “Der Boulevard lebt von Angst und Unsicherheit. Und natürlich kann man einen Wissenschaftlerkonflikt zu einem persönlichen Kleinkrieg hochkochen. Beim Thema Gesundheit ist das allerdings fahrlässig.”61

Die “Bild”-Kampagne gegen Christian Drosten läuft zu diesem Zeitpunkt schon einige Wochen. In einer Reihe von Beiträgen wird Drostens Autorität als Wissenschaftler untergraben 62, die Redaktion arbeitet genüsslich frühere Fehleinschätzungen heraus63, stellt ihn als Einflüsterer dar, macht ihn zum Kollegenschwein64. Sie reißt Aussagen aus dem Zusammenhang, verfälscht zeitliche Abläufe und erfindet Behauptungen.65 Dazu inszeniert sie eine Art Seifenoper: Es gebe einen “Virologen-Clinch um CORONA-STUDIE”66 zwischen Hendrik Streeck und Christian Drosten, inklusive “zweiter Runde”67. Es ist eine Trivialisierung und Boulevardisierung von Wissenschaft. Die Bild.de-Leser können zum Beispiel abstimmen: “Welchem Virologen vertrauen Sie am meisten?”68 Das Ergebnis ist eine Mischung aus Ranking und Quartettspiel mit Angaben zum “Spezialgebiet”, dem Privatleben und dem jeweils “größten Irrtum”.69

Im Artikel “DREI EXPERTEN, DREI MEINUNGEN – Wie sehr kann man sich auf unsere Virologen verlassen?” erklärt “Bild” Drosten Ende April zum “Corona-Flüsterer der Kanzlerin” und gibt ihm damit etwas Rasputinhaftes.70 Im großen Vertrauen, das Angela Merkel dem Virologen entgegenbringt, und im daraus resultierenden Einfluss Drostens könnte sich der eigentliche Kern der massiven Kritik der “Bild”-Redaktion verstecken: Ihre Anti-Drosten-Kampagne ist im Grunde eine Verlängerung ihrer Anti-Merkel-Kampagne.71

Andere Personen, tatsächliche oder vermeintliche Experten, mit denen “Bild” einer Meinung ist, werden im Vergleich deutlich freundlicher behandelt.

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Die Klügste-Köpfe-Phase (ab Mai 2020, seitdem andauernd)

Am 8. Mai, nur zwei Tage nach der Entscheidung der Bundeskanzlerin und der Ministerpräsidenten, den Lockdown zu beenden, hat “Bild” im Blatt “Deutschlands klügste Corona-SKEPTIKER” zusammengetrommelt.72 Sie “KRITISIEREN DIE HARTEN MASSNAHMEN”: Der “Lockdown war ein Riesen-Fehler”.73 Einer dieser sechs “honorigen Meister ihres Fachs” ist der Professor Stefan Homburg. Am Tag nach Veröffentlichung des “Bild”-Artikels steht Homburg in Stuttgart auf der Bühne einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen und behauptet, dass die Wissenschaftler, die die Bundesregierung zur Corona-Pandemie zurate zieht, “weitgehend korrumpiert” seien. Außerdem sagt er, dass er inzwischen besser verstehe, was 1933 bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten passiert sei.74 Später verschärft er diese Aussage bei Twitter: “Das hier IST 1933.”75 Schutzmasken hält Homburg für “Sklaven-Masken, mit denen die Bevölkerung psychisch niedergehalten werden soll”.76 Er schürt Ängste vor der Corona-Impfung, indem er twittert: “Selbst wenn nur einer von Tausend an oder mit der Impfung stirbt, macht das bei Durchimpfung der deutschen Bevölkerung rund 80.000 Impftote.”77 Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass “einer von Tausend an oder mit der Impfung stirbt”. In der Phase-III-Studie des Impfstoffs von Pfizer und BioNTech beispielsweise gab es unter den rund 43.500 Probanden keinen einzigen Todesfall.78 Homburgs verschiedensten Behauptungen wurde in zahlreichen Faktenchecks widersprochen.79

Ein weiterer “honoriger” Experte ist Klaus-Dieter Zastrow, den die “Bild”-Medien meist als “Hygiene-Papst” präsentieren.80 Zastrow sagt, die Gefahr einer zweiten Infektionswelle sei “ein Hirngespinst”.81 Auf der “Bild”-Titelseite vom 6. Mai ist ein Foto von ihm zu sehen, dazu die Überschrift: “Hygiene-Papst sicher – Es wird KEINE zweite Welle geben”.82 Ein paar Monate später kommt die zweite Welle doch.83 Am 29. September knöpft sich Zastrow Angela Merkel vor. Die Kanzlerin hatte vorgerechnet, dass es in Deutschland bis Weihnachten 2020 bis zu 19.200 Neuinfektionen pro Tag geben könnte.84 Für Zastrow ist das “purer Alarmismus”, das habe “nichts mit der Realität zu tun.”85 Tatsächlich trat das Szenario der Kanzlerin noch viel früher ein als von ihr prognostiziert.86 Kaum ein anderer Experte kommt zu dieser Zeit in der Corona-Berichterstattung der “Bild”-Medien so häufig zu Wort wie Klaus-Dieter Zastrow.

Neben Homburg, Zastrow und drei weiteren Professoren gehört laut “Bild” auch eine “Journalistinnen-Legende” zu den sechs “klügsten Corona-SKEPTIKERN” des Landes: Patricia Riekel, früher Chefredakteurin des Peoplemagazins “Bunte”.87 “Sie wäre lieber dem schwedischen Weg der Mahnungen statt Verbote gefolgt”, schreibt “Bild” über Riekel. Es ist keine große Überraschung, dass die Redaktion sie dafür lobend erwähnt.

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Die Oh-wie-schön-ist-Schweden-Phase (Mai bis Dezember 2020)

Monatelang ist Schweden, wo die Corona-Maßnahmen lange Zeit auf Empfehlungen und Freiwilligkeit basieren88, für die “Bild”-Redaktion das Nonplusultra. “Mehr Schweden wagen!”, fordert ein “Bild”-Kommentator im Juli.89 Der Leiter des Ressorts “Meinung” schreibt im September über “Drei Schweden-Wahrheiten, die niemand hören will”90 und berichtet im Oktober: “Deutschland macht dicht, Schweden auf!”91 Bei “Bild-TV” läuft eine Doku über “SCHWEDENS SONDERWEG DURCH DIE CORONA-KRISE”: “,Wir leben hier unser normales Leben weiter‘”.92 In der “Bild”-Zeitung gibt es zeitweise sogar eine eigene tägliche Rubrik: “Und wie geht‘s SCHWEDEN?” Am 11. Mai ist dort beispielsweise zu lesen, dass Stars in der Hauptstadt Konzerte gäben, “trotz Corona”:

In Schweden finden wieder vermehrt Kultur-Veranstaltungen mit Publikum statt.

Im Mai werden u.a. Burlesque-Star Dita von Teese und Sänger Randy Newman Auftritte in Stockholm absolvieren.

Ein Künstler jedoch sticht besonders hervor: Black-Sabbath-Gründer Tony Iommi will trotz schwerer Krebserkankung am 15. Mai im “Lilla Cirkus” in Stockholm spielen.

Vor lauter Begeisterung für die kulturellen Angebote in Schweden scheint die Redaktion die Recherche93 vergessen zu haben. Dita von Teese gab bereits sechs Wochen zuvor bekannt, dass ihr Auftritt nicht stattfinden kann.94 Dass das Konzert von Randy Newman wegen der Beschlüsse der schwedischen Regierung abgesagt werden muss, teilte der Veranstalter am 27. April mit.95 Und dass Tony Iommi aus demselben Grund nicht auftreten kann, wird an dem Tag bekannt, an dem der “Bild”-Artikel erscheint.96

Zwischendurch werden bei Bild.de zwar auch die vielen Todesfälle in Schweden erwähnt97, in der “Bild”-Zeitung berichtet eine Reporterin, dass Schweden entspannt bleibe, “aber nicht verschont”98. Der Grundtenor aber ist: Die Schweden machen es besser.

Damit ist spätestens am 17. Dezember Schluss. Die “Bild”-Redaktion zitiert in einem Artikel Schwedens König Carl Gustav:

“Wir haben versagt. Eine große Anzahl von Mitmenschen ist gestorben und das ist fürchterlich. Wir leiden alle darunter. Ich finde es schrecklich angesichts all der verstorbenen Menschen. Und die Traurigkeit und die Frustration, die viele Menschen und Unternehmer plagen, die in den Knien liegen und sogar ihr Geschäft verloren haben. Es war ein schreckliches Jahr.”

Der schwedische Ministerpräsident Stefan Löfven sehe die Schuld “bei den führenden Gesundheitsexperten des Landes”. Eine extra eingesetzte Corona-Kommission erklärt, dass man es nicht geschafft habe, ältere Menschen vor dem Virus zu schützen. Die “Bild”-Redaktion schreibt: “Auf die Bevölkerung heruntergerechnet hat das Land mit rund zehn Millionen Einwohnern damit deutlich mehr Infektionen und Todesfälle gehabt als Deutschland oder der Rest Skandinaviens.”99 Der Sehnsuchtsort Schweden verschwindet aus der Berichterstattung.

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Die China-soll-zahlen-Phase (ab April 2020, seitdem andauernd)

Ein anderes Land steht von Beginn an am entgegengesetzten Ende der “Bild”-Beliebtheitsskala: China. Schon früh schreiben die “Bild”-Medien vom “China-Virus”.100 Mitte April veröffentlicht “Bild” eine große Rechnung: “WAS CHINA UNS JETZT SCHON SCHULDET”. Allein für die deutsche Tourismusbranche veranschlagt die Redaktion “24 Mrd. Euro Umsatz-Minus” in zwei Monaten. Für den Einzelhandel schlägt sie “1,15 Mrd. Euro entgangene Umsätze pro Tag” obendrauf. Außerdem noch “55 Mrd. Euro für Pandemiebekämpfung”, “10 Mrd. Euro mindestens für Kurzarbeit” und so weiter. In der “Amazon”-Doku über “Bild” ist die Redaktionskonferenz zu sehen, in der diese Rechnung geplant wird. Einigen Mitarbeitern scheint die Aktion unangenehm zu sein.101

Noch am Tag der Veröffentlichung schreibt eine Sprecherin der chinesischen Botschaft in Berlin einen offenen Brief an Julian Reichelt: “Mit einigem Befremden habe ich heute Ihre Berichterstattung zur Corona-Pandemie im Allgemeinen und zu der vermeintlichen Schuld Chinas daran im Besonderen verfolgt.” Sie betrachte es als “ziemlich schlechten Stil”, ein Land für eine Pandemie verantwortlich zu machen, “unter der die ganze Welt zu leiden hat und dann auch noch eine explizite Rechnung angeblicher chinesischer Schulden an Deutschland zu präsentieren”.102 Reichelt antwortet prompt – mit einem offenen Brief an Chinas Staatspräsidenten Xi Jinping.103 Er spricht sein Schreiben auch vor laufender “Bild-TV”-Kamera ein. Das Video erscheint mit chinesischen Untertiteln104 und auch auf Englisch.105 Die Resonanz ist riesig. In einer erneuten Redaktionskonferenz zeigt Reichelt per Beamer sichtlich stolz, dass auch Donald Trumps Sohn seinen Videokommentar bei Twitter verbreitet habe, und erzählt dazu sichtlich noch stolzer, dass das wiederum auch der Vater retweetet habe.106

Im September präsentiert Bild.de eine “chinesische Forscherin”, die angeblich das liefert, was es bräuchte, damit China womöglich wirklich zur Rechenschaft gezogen wird:

Ist das Coronavirus von Menschenhand gemacht? Dr. Li-Meng Yan sagt: Ja! “Es kommt aus dem Labor in Wuhan. Die Genomsequenz ist wie ein menschlicher Fingerabdruck.”

In der Überschrift zitiert die Redaktion die Chinesin: “,Das Corona-Virus kommt aus dem Labor‘”. Das habe die chinesische Führung aber erfolgreich vertuscht, sagt die Frau. Und:

In Hongkong habe außerdem jemand ihre Erkenntnisse von ihrem Computer gelöscht, sagte Dr. Li-Meng Yan der “Daily Mail”. Die Beweise bleibt sie bis heute schuldig. Sie wolle diese aber noch vorlegen, so Yan.107

Einen Tag später ist es schon so weit. Bild.de berichtet: “Forscherin zeigt ihr Beweismaterial”. Im Artikel steht:

“Das Virus kommt aus dem Labor.” Eine chinesische Virologin, die lange an der Uni Hongkong arbeitete und das neuartige Coronavirus eigenen Angaben zufolge seit Ende 2019 erforschte, bestätigt mit dieser Aussage, was viele Menschen schon lange glauben.

Jetzt hat Dr. Li-Meng Yan mit drei weiteren Forschern eine wissenschaftliche Arbeit (“Paper”) vorgelegt, die sogar zeigen soll, wie das Virus hergestellt wurde.

Die Redaktion ergänzt noch: “BILD übersetzt prägnante Aussagen ins Deutsche. Es liegt allerdings noch keine Prüfung von Dr. Li-Meng Yans Arbeit durch unabhängige Wissenschaftler vor.”108

Das US-Nachrichtenmagazin “Newsweek” hilft dabei. Es bittet mehrere Wissenschaftler, sich das Paper anzuschauen. Deren Urteil ist verheerend: Li-Meng Yan liefere keine neuen Informationen, sie stelle mehrere unbelegte Behauptungen auf, ihre wissenschaftliche Argumentation sei schwach. Dem Preprint-Bericht könne in dieser Form keinerlei Glaubwürdigkeit verliehen werden, sagt einer der Wissenschaftler.109

Die “Bild”-Redaktion reagiert auf den “Newsweek”-Text und ergänzt in ihrem Artikel: “Mehrere Wissenschaftler widersprechen der Forscherin, kritisieren die Aussagen als Verschwörungstheorien”.110 Der erste Artikel zum Thema (“,Das Corona-Virus kommt aus dem Labor‘”) ist unverändert online.

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Die Nicht-wieder-schließen-Phase (ab Mai 2020, seitdem andauernd)

Mit Blick auf die Situation in Deutschland haben sich die “Bild”-Medien inzwischen offenkundig auf eine Richtung festgelegt: Sie kämpfen gegen die Corona-Maßnahmen. Die Mittel scheinen dabei egal zu sein.

Dem Vorstandsvorsitzenden des Weltärztebundes Frank Ulrich Montgomery legt Bild.de im September ein erfundenes Zitat in den Mund: “Weltärzte-Chef Montgomery bei Anne Will – ,Grundrechtseinschränkung, eine Maske zu tragen!‘” Das hat der frühere Präsident der Bundesärztekammer bei seinem Fernsehauftritt jedoch nie gesagt. Tatsächlich spricht sich Montgomery dort für das Tragen von Masken aus. Er fragt: “Ist es eine Grundrechtseinschränkung, sich eine Maske aufsetzen zu müssen?” Und erklärt dann, dass selbst ein “feuchter Lappen vor dem Gesicht” zumindest “die anderen schützen kann”.111 Den Artikel hat die “Bild”-Redaktion später gelöscht.

Sie ist augenscheinlich bemüht, die Corona-Maßnahmen als willkürlich oder aberwitzig darzustellen. Bei Auftritten des Zaubererduos “Ehrlich Brothers” beispielsweise herrscht laut Bild.de-Schlagzeile der “Corona-Irrsinn”. Hinter der “Bild-plus”-Paywall klingt die Geschichte schon gar nicht mehr so irrsinnig: “In Düsseldorf durften die Brüder vor 2500 Fans auftreten. In Köln hingegen sorgten gestiegene Infektionszahlen einen Tag vor dem Event am Sonntag für die Absage der Stadt.”112 Der zuvor festgelegte Grenzwert bei der Sieben-Tage-Inzidenz wurde in Köln überschritten. In Düsseldorf nicht. In Düsseldorf durften die “Ehrlich Brothers” auftreten. In Köln nicht.

Am 18. September titelt “Bild”: “Härtere Corona-Regeln in der Kirche als im Puff – Singen verboten, aber Sex ist erlaubt!” Die erkennbare Idee hinter dem Artikel: Dinge vergleichen, die möglichst wenig miteinander zu tun haben, deren Kombination aber im Bestfall für Kopfschütteln und Unmut sorgt. Der Autor versucht es so:

Die Gefahr, abends nach dem Schwimmen von nassen Haaren auf dem Fahrrad krank zu werden, dürfte bei knapp 100 Prozent liegen. Die Gefahr, Corona zu bekommen, liegt im niedrigen einstelligen Bereich, aber die Berliner Bäderbetriebe haben die Benutzung der elektrischen Haartrockner unterbunden – die Aerosole.113

Es ist eigentlich allgemein bekannt114, dass niemand allein durch nasse Haare krank wird, erst recht nicht zu “knapp 100 Prozent”. Durch Aerosole kann man hingegen durchaus krank werden. Überschrieben ist der Artikel mit: “Diesen Corona-Irrsinn versteht niemand mehr”.115

Oder man will es nicht verstehen. Nur einen Tag später erscheint bei Bild.de ein Kommentar, der die Corona-Regeln als “absurd” bezeichnet. Es geht um Bilder und Situationen, die die Maßnahmen hervorrufen und “die wir unseren Kindern nicht erklären können.” Zum Beispiel:

Warum müssen Kinder auf dem Schulhof Maske tragen, im Unterricht dann aber im Klassenzimmer nicht mehr?

Kein Kind, das vorher gelernt hat, wie wichtig Vernunft als Grundlage von Entscheidungen ist, kann das verstehen.116

Man könnte den Kindern die Überlegung hinter dieser Regelung erklären. In Schleswig-Holstein etwa ist es das sogenannte Kohortenprinzip:

Das Kohortenprinzip sichert einen regulären Schulbetrieb. Durch die Definition von Gruppen in fester Zusammensetzung (Kohorten) lassen sich im Infektionsfall die Kontakte und Infektionswege wirksam nachverfolgen. Damit wird angestrebt, dass sich Quarantänebestimmungen im Infektionsfall nicht auf die gesamte Schule auswirken, sondern nur auf die Kohorten, innerhalb derer ein Infektionsrisiko bestanden haben könnte.

Innerhalb der Kohorte verzichte man “auf Abstandsregeln und das Tragen von Mund-Nase-Bedeckungen”.117 Daher keine Masken im Klassenzimmer. Auf dem Schulhof hingegen schon, damit sich die verschiedenen Kohorten nicht gegenseitig infizieren.

So geht es – nahtlos an die Kritik von “Deutschlands klügsten Corona-SKEPTIKERN” anknüpfend – monatelang gegen mögliche Einschränkungen und Schließungen: “Top-Virologe Streeck kritisiert Corona-Maßnahmen – Deutschland ist zu schnell in den Lockdown gegangen!”118 “Top-Lungenarzt fordert – Deutschland kann mehr Infektionen zulassen”.119 “WIE TÖDLICH IST DAS VIRUS WIRKLICH? Amtsarzt vergleicht Corona mit Grippe und Hitzewelle”.120 “STERBEN mehr Menschen am Lockdown als an Corona?”121 “EXPERTE WARNT – Mehr Tote durch Lockdown als durch Corona”.122 “So tödlich ist der Lockdown”.123 Im Dezember berichtet Bild.de auf der Startseite von “30 000 Neuinfektionen in Deutschland”. Das seien “NEUE HÖCHSTWERTE”.124 Direkt daneben ärgert sich die Redaktion über den “PSYCHO-KRIEG gegen Weihnachtseinkäufe”, weil Politiker “immer dramatischer” vor dem dicht gedrängten Geschenkeshopping warnen.125

Trotz aller Bemühungen der “Bild”-Redaktion beschließen Kanzlerin und Ministerpräsidenten im Oktober erst einen sogenannten Lockdown light126 und im Dezember einen harten Lockdown127. Am Ende des Jahres, am 31. Dezember, lautet die große Schlagzeile auf der “Bild”-Titelseite “Kanzlerin, so darf es 2021 NICHT weitergehen!”128 In der Berichterstattung der “Bild”-Medien geht es genau so weiter.

Eigentor des Torwarts, Influencing oder Kinderarbeit?, Netflix-Krise

1. Sky will Jens Lehmann nicht mehr als Gast einladen
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Der ehemalige Fußballtorwart und heutige TV-Experte Jens Lehmann hat, sich augenscheinlich in der Adresse irrend, eine rassistische Nachricht an einen Kollegen verschickt. Das hat nun Konsequenzen, wie Sky-Sportchef Charly Classen mitteilt: “Wir hatten Jens Lehmann oft bei Sky als Gast in unserem Programm, sind sehr enttäuscht über sein Verhalten und planen, ihn jetzt nicht mehr als Gast in unsere Sendungen einzuladen”. Lehmann verliere außerdem seinen Sitz im Aufsichtsrat von Hertha BSC, wie der Fußballklub bestätigt habe.

2. Presserat rügt ZEITmagazin
(blog.zeit.de, Chefredaktion ZEITmagazin)
Im “ZEITmagazin” Nr. 41/20 schrieben sieben Autorinnen und Autoren über das Wohnen und Arbeiten von morgen. Den sieben Artikeln waren jeweils grafische Illustrationen mit herausgestellten und namentlich genannten Produkten beigestellt. Der Presserat rügte dies als Schleichwerbung: Die Nennungen hätten unterbleiben müssen, um den entstehenden werblichen Effekt zu vermeiden. Im Blog der “Zeit” akzeptiert die Chefredaktion des “ZEITmagazins” die Rüge.

3. Influencing oder Kinderarbeit?
(deutschlandfunk.de, Ann-Kristin Pott, Audio: 5:30 Minuten)
Einige Influencerinnen setzen auf Instagram auch ihre Babys und Kleinkinder für Werbung ein. Cornelia Holsten, Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt, kritisiert diese Instrumentalisierung: “Babys sollten nicht kommerzialisiert werden, und genau das passiert, wenn Influencer-Eltern Babyfotos einsetzen, um ihre Reichweite zu steigern oder um die Reichweite von Werbepostings zu steigern. Eltern sind hier in einer Doppelfunktion, sie sind einmal Auftraggeber:innen für das entsprechende Posting, aber sie sind auch Fürsorger:innen für ihre Kinder.”

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4. Netflix in der Krise: Ideenflaute, Einheitsbrei, lahmes Wachstum – was ist passiert?
(rnd.de Imre Grimm)
Nach explosivem Wachstum in der Vergangenheit fallen bei Netflix die neuesten Zahlen deutlich niedriger aus als von Analystinnen und Aktionären erwartet. Imre Grimm macht dafür verschiedene Gründe aus: fehlenden cineastischen Nachschub, eine rasch wachsende Konkurrenz und die “Disney-Falle”. Netflix sei laut Grimm zwar weniger von Idealismus, Reinheitswahn und Gottesfurcht getrieben als Disney. Am Ende aber drohe dasselbe: kulturelle Verödung.

5. “Solche Filme kann man eigentlich nicht machen”
(sueddeutsche.de, Martina Knoben)
Marc Bauder und Daniel Sager haben eine Doku über das Investigativ-Ressort der “Süddeutschen Zeitung” gedreht. Im Interview (mit der “SZ”) erzählen die beiden über die Entstehung des Films, die Finanzierung von Dokumentarfilmen und die Mühen der Ebene: “Investigativer Journalismus hat auch mit Frustration zu tun, mit Nachjustieren und nochmal neu Ansetzen. Man wacht nicht morgens auf und findet ein belastendes Video über einen Politiker im Briefkasten, es ist ein mühsames Zusammensetzen von Puzzleteilen.”

6. Tausende AOL-Kunden wählen sich noch per Modem ins Internet ein
(t3n.de)
Im Jahr 2002 kam der Internet-Provider AOL weltweit auf rund 34 Millionen Kundinnen und Kunden. Heute sind es nur noch – beziehungsweise immer noch – 1,5 Millionen. Und vielleicht noch überraschender: Wie bekannt wurde, sollen sich einige Tausend von ihnen immer noch per Modem ins Internet einwählen.

KW 16: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, endlich Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Samstagsausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

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1. Dr. Mai Thi Nguyen-Kim in der Hörbar Rust
(radioeins.de, Bettina Rust, Audio: 1:48:05 Stunden)
Bettina Rust hat sich Mai Thi Nguyen-Kim in die Hörbar eingeladen, die in ihrem Youtube-Kanal “maiLab” über die verschiedensten wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Themen spricht. Man könnte fast sagen, dass fünf Personen gleichzeitig bei Bettina Rust zu Gast waren, denn Nguyen-Kim ist Wissenschaftsjournalistin, Chemikerin, Autorin, Youtuberin und Fernsehmoderatorin.

2. Wie versuchen Wissenschaftsleugner, Medien zu beeinflussen, Toralf Staud?
(wasmitmedien.de, Audio: 1:11:28 Stunden)
Der Virologe Christian Drosten kritisiert immer wieder Medien für ihre Berichterstattung und sprach in diesem Zusammenhang neulich von den sogenannten PLURV-Methoden der Desinformation. Bei “Was mit Medien” ist Toralf Staud vom Wissenschaftsportal klimafakten.de zu Gast, der die deutsche Fassung dieser Strategien erstellt hat.
Weiterer Lesehinweis: Hintergrundwissen zum englischsprachigen Vorbild: A history of FLICC: the 5 techniques of science denial (skepticalscience.com, John Cook).

3. Neue Wege für Lokaljournalismus
(wdr.de, Anika Reker, Audio: 12:13 Minuten)
Anika Reker berichtet über die neue Podcast-App “Lopodio”, die sich ausschließlich an Hörer und Hörerinnen in einer bestimmten Region richtet (Selbstbeschreibung: “Du erhältst für eine bestimmte Region lokal produzierte Podcasts mit regionalen Hosts und lokalen Geschichten”). Derzeit werde die App in der Region Soest in Nordrhein-Westfalen ausprobiert. Wer und was steckt hinter der App? Und hat die Sache Zukunft?

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4. Neues von Frauen in Film und Fernsehen: “I care a lot” und “Das Damen-Gambit”
(bzw-weiterdenken.de, Antje Schrupp, Video: 1:32:00 Stunden)
Im aktuellen Video-Gespräch aus der “beziehungsweise”-Redaktion geht es um den Film “I Care a Lot” und die Miniserie “Das Damengambit”: “Was ist aus feministischer Sicht von den Figuren zu halten? Was gefällt uns, was gefällt uns nicht? Ist euch zum Beispiel mal aufgefallen, dass die MarkTomJacks als Hauptfiguren fast ausgestorben sind – zumindest mal bei Netflix? Oder dass sich Geschlechterbeziehungen mehr und mehr vom rein männlichen Blick lösen? Wie werden Beziehungen unter Frauen entworfen? Mit wem können wir uns identifizieren und mit wem nicht?”

5. Machtkampf versus Kuschelkurs: Kandidatenkür in den Medien
(youtube.com, Zapp, Video: 7:23 Minuten)
Eigentlich wollte die CDU hinter verschlossenen Türen aushandeln, wen man ins Rennen um die Kanzlerschaft schickt. Was bei den Grünen in stiller Diskretion geschah, wurde bei der Union zum Twitter-Spektakel. Im Minutentakt drangen neue Wasserstandsmeldungen nach außen. Die mit den aktuellen Insiderinformationen versorgten Medienschaffenden gaben diese sogleich ungefiltert und ungeprüft weiter. “Zapp” hat mit Hauptstadtjournalistinnen und -journalisten über den medialen Blick auf die politischen Entscheidungsprozesse gesprochen.

6. Ist es gefährlich, was die Regenbogenpresse macht?
(uebermedien.de, Holger Klein, Audio: 39:19 Minuten)
Regenbogenpresse-Experte Mats Schönauer hat jüngst Jan Böhmermanns “ZDF Magazin Royale” bei der satirischen Sonderausgabe “Freizeit Magazin Royale” unterstützt. Beim medienkritischen Portal “Übermedien” ist Schönauer für die Rubrik “Topf voll Gold” zuständig, die sich mit der Klatschpresse beschäftigt. Im Podcast erzählt er, warum er sich die dauernde Auseinandersetzung mit der Yellow Press überhaupt antut, wie das Boulevard-Geschäftsmodell funktioniert und wer die bevorzugten Opfer der Lügen-Postillen sind: “Es gibt keinen Prominenten in Deutschland, über den mehr in der Regenbogenpresse berichtet wird, als über Helene Fischer – ohne dass sie ein einziges Mal mit denen gesprochen hat.”

Tod auf Raten, “Klimawandel” im Sprachcheck, Krauses Angst

1. Bedenken ernst nehmen
(djv.de)
Die mögliche Verschmelzung des Verlags Gruner + Jahr mit dem Privatsender RTL wird von Seiten der Arbeitnehmervertretung kritisch beurteilt. Frank Überall, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands, teilt die Sorgen und warnt davor, die G+J-Titel radikalen Stellenstreichungen zu unterwerfen: “Das wäre für Geo, Stern und andere der langsame Tod auf Raten.”

2. Rechercheplattform “Dossier” kämpft ums Überleben
(derstandard.at, Oliver Mark)
Hinter dem österreichischen “Dossier” steht eine gemeinnützig arbeitende Redaktion, die seit 2012 investigativen und Datenjournalismus betreibt. Doch nun ist das Projekt in Not: “Mit der Absetzung der ORF-Sendung Gute Nacht Österreich haben wir einen wichtigen Auftrag verloren. Nun klafft ein Loch in unseren Büchern – und die sprechen eine deutliche Sprache: Aus eigener Kraft und mit unserem bisherigen Wachstum schaffen wir es nicht. Wir brauchen einen kräftigen Schub.”

3. Ist “Klimawandel” der passende Begriff?
(deutschlandfunk.de, Stefan Fries, Audio: 2:16 Minuten)
In den Medien ist oft vom “Klimawandel” die Rede. Doch taugt der Begriff zur Beschreibung des Phänomens? Im “Sprachcheck” des Deutschlandfunks kommentiert Stefan Fries: “Wer deutlicher über die Veränderungen sprechen will, kann auch deutlichere Worte wählen, die die Folgen des ‘Klimawandels’ konkreter benennen.”

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4. Zeilen für den Minister
(de.ejo-online.eu, Roman Winkelhahn)
Ende März veröffentlichte die Otto-Brenner-Stiftung eine Analyse über “Gastbeiträge von Politiker*innen in ausgewählten Tageszeitungen” (PDF). Roman Winkelhahn hat sich das Diskussionspapier angeschaut und die aus seiner Sicht wichtigsten Erkenntnisse herausgestellt.

5. Die Zukunft bleibt spannend
(medium.com, Katharina Kulzer)
Als Mitglied des “BR-Next”-Teams arbeitet Katharina Kulzer an der Zukunft des Bayerischen Rundfunks. Beim WDR machen das Lisa Zauner und Alexander Nieschwietz vom “Innovation Hub”. Die drei jungen Journalisten und Journalistinnen haben sich über Trendforschung im Allgemeinen und Besonderen unterhalten. Es geht um Tanker und Schnellboote, Kapitäne und Matrosen sowie um echte Veränderung und bloßes Innovationstheater.

6. Herr Krause hat Scheißangst
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz, Video: 1:40 Minuten)
Die “Pierre M. Krause Show” ist eine Late-Night-Show des SWR, in der Gastgeber Krause auf prominente Gäste trifft. In den Gesprächen scheint ihn eine Angst besonders umzutreiben, die ich hier aus Sorge vor einem möglichen Shitstorm jedoch nicht nennen will.

Gefährliches Feld, G+J-Betriebsrat wehrt sich, Russische Kampagnen

1. “Das gefährlichste Feld für Journalisten überhaupt”
(deutschlandfunk.de, Bettina Köster, Audio: 5:27 Minuten)
Innerhalb von wenigen Jahren wurden in Europa zwei Journalisten und eine Journalistin ermordet: Die Maltesin Daphne Caruana Galizia, der Slowake Ján Kuciak und, ganz aktuell, der Grieche Giorgios Karaivaz. Juliane Matthey von Reporter ohne Grenzen sieht in den Fällen Parallelen. Alle Mordopfer hätten sich mit Themen wie Korruption und Organisierter Kriminalität beschäftigt: “(…) wenn Journalisten zu solchen Themen recherchieren und gerade auch zu Verbindungen der organisierten Kriminalität in die Politik, in die Verwaltung, ist das ein sehr, sehr gefährliches Feld, und eigentlich das gefährlichste Feld für Journalistinnen und Journalisten überhaupt.”

2. Der liberale Westen sei im Niedergang, Extremisten seien die Guten – wie Moskaus Propaganda die Gesellschaft destabilisieren will
(nzz.ch, Markus Ziener)
Deutschland sei das Hauptzielland russischer Propagandaaktivitäten, so Markus Ziener in der “NZZ”. Kein anderer EU-Staat werde heftiger angegriffen. Laut einer Analyse des Europäischen Auswärtigen Dienstes sei Berlin seit Ende 2015 mehr als 700 Mal das Ziel von Kampagnen russischer Medien gewesen. Wie ist der Wunsch auf Einflussnahme zu erklären? Was bewegt die russische Regierung zu dieser Art von Aktivität?

3. “Bild” wird zum TV-Sender
(sueddeutsche.de, Caspar Busse)
Mit “Bild Live” will der Axel-Springer-Konzern einen neuen Fernsehsender starten. Online hatte es schon ein Liveprogramm gegeben. Der neue TV-Sender soll über Kabel, Satellit und im Internet zu empfangen sein. Programmchef des neuen Kanals soll Claus Strunz werden, der Fernsehmoderator und ehemalige Chefredakteur von “Bild am Sonntag”. Der postfaktische Strunz ist für Sätze wie “Populismus ist das Viagra einer erschlafften Demokratie” bekannt, siehe dazu auch: Claus Strunz will es der Demokratie besorgen (übermedien.de, Boris Rosenkranz, aus 2017).

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4. EM in zwölf Ländern “verantwortungslos”
(zdf.de)
Im Sommer steht nicht nur ein Sport-, sondern auch ein Medienereignis an: die Fußball-Europameisterschaft. “Zehntausende Fans in den EM-Stadien, dazu Nationalmannschaften, die für ihre Spiele munter zwischen Amsterdam, Bukarest oder London hin- und herreisen – für den SPD-Gesundheitsexperten ein Unding inmitten der Pandemie.”

5. G+J-Betriebsrat spricht sich gegen Fusion mit RTL aus
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Der Betriebsrat von Gruner + Jahr spricht sich gegen eine mögliche Fusion mit RTL aus. Zuvor hatte es im Verlag bereits eine wichtige Personalie gegeben: G+J-Chefin Julia Jäkel war durch den RTL-Verantwortlichen Stephan Schäfer ersetzt worden. Spätestens seit diesem Zeitpunkt deutet vieles auf eine mögliche Fusion der beiden Häuser hin (siehe dazu: Raus aus dem Dschungelcamp, spiegel.de, Isabell Hülsen & Anton Rainer & Alexander Kühn).

6. Gamerin mogelt Fragen in Pressekonferenzen des Weißen Hauses
(spiegel.de, Markus Böhm)
In den USA ist es einer Person gelungen, als angebliche Korrespondentin Zugang zu den Pressekonferenzen des Weißen Hauses zu erhalten und dort Fragen unterzubringen. “Die Trollaktion dürfte einigen, die ‘Kacey Montagu’ für eine echte Kollegin hielten, peinlich sein. ‘Kacey Montagu’ selbst sammelt auf ihrem Twitteraccount derweil Begriffe wie ‘Hochstaplerin’, mit denen sie Medien wie Fox News beschreiben. Zugleich betont sie aber, offen für Jobangebote von Medien zu sein, die jetzt über sie berichten.”

KW14: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

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1. Die Fernsehschatztruhe: Holm Dressler
(podcast.de, Frank Battermann & Alex Schindler, Audio: 1:30:30 Stunden)
Bei der “Fernsehschatztruhe” ist eine TV-Legende zu Gast: Holm Dressler, der als Autor, Regisseur und Produzent für die verschiedensten Fernsehprojekte zuständig war. Darunter TV-Klassiker wie “Wetten, dass..?” mit Thomas Gottschalk (ZDF) oder die erste tägliche Late-Night-Show mit Gottschalk bei RTL. Dressler kann sich noch gut an den gemeinsamen Wechsel zum Privatfernsehen erinnern: “Helmut Thoma hat uns mit Geld überzeugt. Wir haben ein Begrüßungsgeld bekommen: Thomas bekam drei Millionen und ich eine halbe Million – ohne irgendwas zu machen, außer Ja zu sagen!”

2. Zahlen mit Friederike Freiburg und Christina Elmer
(dennishorn.de, Audio: 55:12 Minuten)
Friederike Freiburg und Christina Elmer arbeiten in der Entwicklungsredaktion des “Spiegel” und kümmern sich dort unter anderem um die Entwicklung neuer digitaler Produkte. Dennis Horn unterhält sich mit den beiden über Daten, Metriken und Erfolgskriterien: “Wir diskutieren, welchen Stellenwert in einer durchanalysierten Medienlandschaft die Kreativität noch hat. Und wir klären, wie wir es schaffen, dass die Chefetage bei ihren Entscheidungen auf ‘die richtigen Metriken’ blickt.”

3. Belästigung auf Instagram mit Kim Chakraborty von Antiflirting
(medienzirkus.podigee.io, Greta Linde, Audio: 32:07 Minuten)
Auf der Instagram-Seite “Antiflirting” werden übergriffige, nun ja, Flirtversuche gepostet, die bei Frauen in den Direktnachrichten landen. Das reicht vom missglückten Anmachspruch bis zum Penisbild oder einer Vergewaltigungsfantasie. Greta Linde vom “Medienzirkus”-Podcast hat sich mit der “Antiflirting”-Gründerin Kim Chakraborty über das Projekt unterhalten. Dabei gibt auch es zwei gute Tipps: “Dickstinction. Wenn ihr ein ungewünschtes Penisbild zugeschickt bekommen habt, könnt ihr das über die Plattform Dickstinction unkompliziert anzeigen. Mehr Infos findet ihr unter dickstinction.com oder auf Instagram bei @dickstinction_. Falls ihr Opfer von sexueller Gewalt geworden seid, könnt ihr beispielsweise das Hilftsportal Sexueller Missbrauch des Bundesfamilienministeriums nutzen, das ihr unter 08000 116 016 erreicht (kostenlos und anonym).”

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4. Arnold Marquis, dt. Synchronsprecher
(ardaudiothek.de, Andrea Klasen, Audio: 14:53 Minuten)
Der Schauspieler Arnold Marquis (1921-1990) war einer der meistbeschäftigten deutschen Synchronsprecher und synchronisierte mit seiner markanten Stimme unter anderem John Wayne, Robert Mitchum, Richard Widmark, Bud Spencer, James Coburn und Kirk Douglas. Im WDR-“Zeitzeichen” denkt man an den Mann zurück, mit dessen Stimme ganze Generationen von Fernsehzuschauerinnen und Kinobesuchern aufgewachsen sind.

5. Poker um Fußballrechte – bald ohne ARD und ZDF?
(sr-mediathek.de, Katrin Aue & Thomas Bimesdörfer, Audio: 17:05 Minuten)
Ist es angebracht, dass die öffentlich-rechtlichen Sender Millionen Euro für Fußball-Übertragungsrechte ausgeben? Werden damit die Gebührengelder der Beitragszahler verschwendet? Oder zählt der Sport zur Grundversorgung? Darüber diskutieren Katrin Aue und Thomas Bimesdörfer mit Professor Michael Schaffrath, der als Kommunikationswissenschaftler an der Sportfakultät der TU München forscht.

6. Lebensgefährliches Selfie: Folgen des Social Media Tourismus
(youtube.com, Zapp, Video: 16:16 Minuten)
Viele Influencer und Influencerinnen befinden sich in einem regelrechten Wettbewerb um die spektakulärsten Bilder. Waghalsige Naturfotos auf Klippen oder Felsen, an Abgründen oder Wasserfällen versprechen zahlreiche Likes, sind aber auch gefährlich. Ein Ort, der Selfie-Touristen anscheinend magisch anzieht, sei Berchtesgaden in Bayern. Doch aus dem Selfie kann schnell ein “Killfie” werden. Aaron Moser ist an den Königsee gereist und hat sich dort unter anderem mit Verantwortlichen des Nationalparks über das riskante Treiben der Fotojäger unterhalten.

Döpfners Brief, Privat-Nachrichten, Gestreichelte Seele

1. Döpfner: “Für uns ist wichtig, dass wir bald Klarheit haben”
(dwdl.de, Timo Niemeier)
In einem internen Schreiben des Springer-Vorstands an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wird das Compliance-Verfahren gegen “Bild”-Chefredakteur Reichelt bestätigt: “Es liegt bislang kein Ergebnis vor, weder in die eine noch in die andere Richtung. Julian Reichelt bestreitet die Vorwürfe. Bitte glauben Sie uns, auch wir wollen so viel Transparenz wie möglich.”

2. Mehr Relevanz wagen
(sueddeutsche.de, Aurelie von Blazekovic & Claudia Tieschky)
Privatsender wie ProSieben hätten sich vor zehn Jahren von eigenproduzierten Nachrichten verabschiedet und bezögen ihre News von externen Zulieferern. Dies habe auch daran gelegen, dass das Genre strengen Werbebeschränkungen unterliege und deshalb für Investoren wenig reizvoll sei. Nun würden die Sender wieder verstärkt auf Nachrichten setzen und teils wieder eigene Nachrichtenredaktionen aufbauen. Woher kommt der Sinneswandel? Und was bedeutet er für die öffentlich-rechtliche Konkurrenz?

3. Wer streichelt unsere Seele?
(taz.de, Anne Fromm)
Die Otto-Brenner-Stiftung hat die Entwicklung von Medien in Ostdeutschland seit der Wende untersuchen lassen. Das Papier trägt den Namen “30 Jahre staatliche Einheit – 30 Jahre mediale Spaltung” und stammt vom Kommunikationsforscher Lutz Mükke. “taz”-Medienredakteurin Anne Fromm kommentiert: “Es mangelt also an Ostdeutschen in den meisten Medien, und somit auch an ostdeutschen Sichtweisen und Themen. Also zumindest an denen, die über die Ostquadriga von Nazis, Stasi, Leerstand, Doping hinausgehen. Ich will hier nicht die Leier der armen Ossis abspulen, denen niemand zuhört. Ich will nur verstehen, wie es kommt, dass der Schlachtruf ‘Lügenpresse’ im Osten lauter, die Aggression gegen JournalistInnen härter und die Ablehnung des Rundfunks vonseiten der Politiker eiserner ist.”

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4. Viel Hoffnung, viel Skepsis
(deutschlandfunk.de, Stephan Oszváth, Audio: 5:23 Minuten)
Die Deutsche Welle will Ende des Monats mit einem neuen Angebot für Ungarn an den Start gehen. Ein “realistisches Bild” von Europa und dem Land wolle man zeichnen und mit unabhängigen Medien zusammenarbeiten. Der Deutschlandfunk hat sich umgehört, wie das Projekt in Ungarn ankommt.

5. Es gibt mehr als das generische Maskulinum
(belltower.news, Milena Wurmstädt)
Im Online-Duden stehen seit neuestem bei allen Personen- und Berufsbezeichnungen die Erklärungen zur männlichen und zur weiblichen Form gleichberechtigt nebeneinander. Einige Menschen werten dies anscheinend nicht nur als Angriff auf die deutsche Sprache, sondern auch auf sich persönlich. Dementsprechend empört und hasserfüllt fällt so mancher Online-Kommentar aus. Milena Wurmstädt erklärt, worum es eigentlich geht: “Gendergerechte Sprache heißt in vielerlei Hinsicht ein mehr, nicht ein weniger. Mehr Geschlechter werden sichtbar. Mehr Menschen dürfen sich angesprochen fühlen. Mehr Menschen werden mitgedacht.”

6. Nach Mobbing-Vorwürfen gegen Reichelt: BILD-Zeitung sieht heute aus unerfindlichen Gründen nicht so aus
(der-postillon.com)
“Seit wann lässt man denn bei Springer solche Sensationsnachrichten links liegen?”, fragt der “Postillon” und macht mit einem fiktiven “Bild”-Titel auf, in dem er die in Rede stehenden Compliance-Verwürfe gegen “Bild”-Chef Julian Reichelt thematisiert: “Bedrängte er ‘BILD’-Mitarbeiterinnen? Mobbing-Boss im Visier. Kommt es jetzt ganz dicke für Ruchlos-Reichelt?”

Machtmissbrauch bei “Bild”?, Hoppsala, Royale Millionendeals

1. Interne Ermittlungen gegen »Bild«-Chefredakteur Reichelt
(spiegel.de, Isabell Hülsen & Alexander Kühn & Martin U. Müller & Anton Rainer)
Gegen Julian Reichelt, Chefredakteur der “Bild”-Zeitung, wurde innerhalb des Springer-Konzerns ein sogenanntes Compliance-Verfahren eingeleitet. Unter anderem gehe es bei der Untersuchung um Machtmissbrauch und die Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen. Außerdem sei von möglichen Vorwürfen der Nötigung und des Mobbings die Rede. Das gesamte Ausmaß der Compliance-Untersuchung sei derzeit noch unklar.

2. Wie Sexismus Journalistinnen bedroht
(reporter-ohne-grenzen.de)
Zum gestrigen Internationalen Frauentag hat Reporter ohne Grenzen einen Themenbericht zu Sexismus im Journalismus veröffentlicht (PDF, englisch). Vorstandssprecherin Katja Gloger kommentiert: “Anlässlich des Weltfrauentags möchten – und müssen – wir erneut deutlich machen, dass für Journalistinnen überall auf der Welt die Ausübung ihres Berufes oft schwieriger und gefährlicher ist als für ihre Kollegen. Sie müssen sich gegen sexuelle Belästigung wehren, wenn sie einfach nur ihren Job machen wollen. Sie müssen damit rechnen, dass eine Welle des Hasses über sie hereinbricht, wenn sie sich in den sozialen Netzwerken äußern. In manchen Ländern wie Pakistan oder Indien riskieren sie sogar ihr Leben.”

3. Zu große Nähe? Das ZDF, Jochen Breyer und die TSG Hoffenheim
(ndr.de, Daniel Bouhs)
“Sind das ZDF und sein Moderator Jochen Breyer zu gefällig geworden, wenn es um den Bundesligisten und dessen Mäzen geht?” Daniel Bouhs geht noch einmal einem Fall nach, der vor rund einem Jahr für Schlagzeilen sorgte und der Breyer, den Fußballklub TSG Hoffenheim sowie Dietmar Hopp betrifft (siehe dazu: Knallhart am Journalismus vorbei (taz.de, Andreas Rüttenauer) und Perfekt inszenierte Hetze (spiegel.de, Daniel Montezari)). Anlass für das neuerliche Aufflammen des Themas ist eine vom ZDF angekündigte Doku, von der sich Bouhs schon vorab einen Eindruck machen konnte.

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4. turi2 schafft das Gendersternchen wieder ab – und setzt aufs generische Femininum.
(turi2.de, Peter Turi)
Über ein Jahr habe das Branchenportal “turi2” das Gendersternchen verwendet, doch damit sei nun Schluss. Viele Leser und Leserinnen hätten das Sternchen in den Texten als störend empfunden – man schaffe es daher ab. Überraschend: Die Redaktion kehrt nicht etwa zur alten Schreibweise zurück, sondern setzt auf das generisches Femininum. Chefredakteur Markus Trantow: “Wir Männer dürfen uns ganz selbstbewusst mitgemeint fühlen.”

5. Perspektive in Wartestellung
(out-takes.de, Elisabeth Nagy)
In der Kategorie “Perspektive Deutsches Kino” will die Berlinale dem Filmnachwuchs eine Chance geben. Zu Corona-Zeiten ist es jedoch für alle etwas schwieriger. Die ausgewählten Filme soll es zum Beispiel erst im Sommer zu sehen geben. Elisabeth Nagy stellt die sechs Stücke vor, die von der Jury aus 225 Einreichungen dafür auserkoren wurden.

6. Morddrohungen und Millionendeals
(deutschlandfunk.de, Mike Herbstreuth & Christine Heuer & Mirjam Kid, Audio: 7:15 Minuten)
Prinz Harry und Herzogin Meghan haben der Talk-Milliardärin Oprah Winfrey ein weltweit beachtetes Interview gegeben. Anlass für den Deutschlandfunk, sich die Medienstrategie des royalen Ehepaars anzuschauen – weg vom Beobachtungsgegenstand der Medien, hin zu aktiven Medienplayern mit lukrativen Netflix- und Spotify-Deals.

Gratisbilder, Gewagter Entwurf, Chamäleon der Freundlichkeit

1. “Wenn alle Bilder gleich aussehen, ist das sehr bedauerlich für die Medien”
(de.ejo-online.eu, Felix Koltermann)
Viele journalistische Medien wollen für professionelle Fotos nichts zahlen und greifen zur Bebilderung ihrer Beiträge lieber auf kostenlose Aufnahmen zurück. Die Hamburger Fotografin Christina Czybik erklärt im Interview, wie sich die Gratismentalität auf die Bildsprache der Medien auswirkt, wie wichtig professionelle Pressefotografie ist, und was sie über das Thema Gendergerechtigkeit in der Fotografie denkt.

2. Gewagter Entwurf
(sueddeutsche.de, Stefan Fischer)
Wenn es nach Patricia Schlesinger, der Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB), geht, könnte öffentlich-rechtlicher Hörfunk künftig verstärkt im Internet stattfinden. Hintergrund für derlei Überlegungen ist die bevorstehende Änderung des Staatsvertrags, in dem die Aufgaben des RBB geregelt sind.

3. Warum ARD und ZDF das beste Programm für die Gen Z haben
(meedia.de, Luca Schallenberger)
Sind ARD und ZDF vor allem Sender für alte Leute, wie oft behauptet wird? “Meedia”-Praktikant Luca Schallenberger sieht die Sache differenziert: Einerseits würden im linearen Fernsehen tatsächlich Inhalte für ein junges Publikum fehlen. Andererseits seien die Öffentlich-Rechtlichen dank der “Funk”-Formate durchaus zukunftsorientiert.

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4. “Es fällt nix vom Himmel, und es gibt keine Tricks”
(fachjournalist.de, Katrin Müller-Hohenstein)
Die ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein und der Fernsehmacher Jan Westphal haben für ein Buchprojekt Menschen nach deren Erfolgsgeheimnissen beziehungsweise dem Weg zum Erfolg gefragt. In einem Auszug beim “Fachjournalist” erzählt Sportjournalistin Müller-Hohenstein von ihrem Werdegang, plaudert aus ihrer Jugend und gibt dem Medien-Nachwuchs Karrieretipps.

5. “Die können das gerne als Drohung nehmen”
(zdf.de, Thomas Münten & Heiko Rahms & Christian Rohde)
Thalia-Chef Michael Busch hatte zur virtuellen Mitarbeiterkonferenz geladen, und mehr als 660 Angestellte des Buchhändlers konnten hören, wie ihr Chef gegen die politischen Akteure wütete: “Dieses Mal nehmen wir euch mit in die Verantwortung, und zwar so, dass es richtig, richtig weh tut.” Eine Mitarbeiterin habe gefragt, ob so eine Kampagne nicht zum Erstarken von Populisten führe und sogar eine politische Krise wie in Thüringen heraufbeschwören könne. Busch habe entgegnet, es gebe immer Trittbrettfahrer, und man könne nicht vermeiden, dass “die AfD versucht, sich da vorne auf die Lok draufzusetzen”.

6. Chamäleon der Freundlichkeit
(spiegel.de, Volker Weidermann)
Der Moderator Matthias Opdenhövel verlässt nach zehn Jahren die ARD-“Sportschau”. In einer “persönlichen Würdigung” verabschiedet sich Volker Weidermann: “Ich dachte, er sei ein unverrückbares Möbel. Einmal aufgestellt, um für immer zu bleiben. Ich hatte mich getäuscht.”

Bedrohte Bundeszentrale, 30 Jahre mediale Spaltung, Impfszenierung

1. Unabhängigkeit bedroht
(taz.de, Volkan Ağar)
Wegen eines Einführungssatzes für ein Onlinedossier über Linksextremismus geriet die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) unter Twitter-Druck. Schlussendlich schaltete sich das Bundesinnenministerium ein und sorgte dafür, dass die bpb den Satz änderte. Volkan Ağar zeichnet den Vorgang anhand der ihm vorliegenden Original-Korrespondenz nach und erklärt, worin die Gefahren einer derartigen Einflussnahme bestünden.

2. 30 Jahre staatliche Einheit – 30 Jahre mediale Spaltung.
(otto-brenner-stiftung.de, Lutz Mükke)
Ein aktuelles Diskussionspapier der Otto Brenner Stiftung beschäftigt sich mit den Unterschieden zwischen ost- und westdeutscher Medienlandschaft. Nach wie vor gebe es ein innerdeutsches Ost-West-Gefälle. Die diagnostizierte mangelhafte Teilhabe von Menschen aus Ostdeutschland in Medien und Gesellschaft münde in einer “Kolonialisierungsdebatte” mit “Partizipationsdefiziten” und “Repräsentationslücken”.

3. Politische Impfszenierungen
(deutschlandfunk.de, Samira El Ouassil, Audio: 4:30 Minuten)
Immer wieder taucht die Forderung auf, Angela Merkel möge sich live im Fernsehen impfen lassen. Samira El Ouassil sieht in dieser Art von politischer Inszenierung eine Gefahr: “‘Imfpvordrängelerin!’ würden manche dann vielleicht schimpfen, ließe sich die Kanzlerin zur Primetime in den Arm piksen. Und ja, die Botschaft, die hängen bleiben könnte: Die politische Elite nutzt ihre Position aus.”

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4. Beredtes Schweigen der deutschen Medien
(netzpolitik.org, Ingo Dachwitz)
Bei netzpolitik.org kritisiert Ingo Dachwitz Facebooks neuen Newsfeed, der auf einem Lizenz-Deal mit einigen deutschen Presseverlagen basiert: “Die Öffentlichkeit bleibt bei den Verabredungen vieler deutscher Medien mit dem umstrittenen US-Konzern außen vor. Klar ist heute nur, dass die Verabredung zu einer Wettbewerbsverzerrung führen wird: Wer nicht bei Facebook News mitmacht, verzichtet nicht nur auf das Geld des Konzerns, sondern verpasst auch die Reichweite, die der neue Ausspielkanal den teilnehmenden Medien auf Facebook beschert.”

5. Mediengruppe RTL übernimmt Super RTL von Disney komplett
(meedia.de, Thomas Borgböhmer)
1995 gründeten die Mediengruppe RTL und die Walt Disney Company den gemeinsamen TV-Kanal Super RTL. Nun verkauft Disney seinen Anteil an RTL und macht damit den Sender zum alleinigen Gesellschafter. Thomas Borgböhmer ordnet die Transaktion und ihre Auswirkung auf den TV-Markt ein.

6. Wie ich einmal mit einem Menschen einen Text schrieb
(journalist.de, “Jamila” & Jakob Vicari)
In der mittlerweile 27-teiligen Serie “Mein Blick auf den Journalismus” erzählen Medienschaffende von ihren Anstrengungen für einen besseren Journalismus. Die aktuelle Folge bildet eine Ausnahme, denn der Text entstand mit einer ungewöhnlichen Co-Autorin: der Künstlichen Intelligenz “Jamila”. Jamilas Trainer Jakob Vikari erklärt: “Ich habe KI Jamila mit meinem Textarchiv trainiert. Darin sind Reportagen, Interviews, Essays und ein paar Kochrezepte, insgesamt über 21 Millionen Zeichen. Ich brauchte erst mal einen Editor, der so ein großes Textdokument überhaupt öffnen konnte. Das Training hat dann genau 93 Minuten gedauert. KI Jamila hat Reportagen von Emilia Smechowski und Markus Feldenkirchen gelesen, von Nicola Meier und Jenni Roth. Sie hat viele tolle Artikel gelesen und, wie mir zu spät auffiel, auch einige von Fälscher Claas Relotius.”

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