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“Katapults” Erfolgsrezept, Facebooks Zerschlagung?, “Repolonisierung”

1. Was ist dein Erfolgsrezept für das Katapult-Magazin, Benjamin Fredrich?
(wasmitmedien.de, Daniel Fiene & Sebastian Pähler, Audio: 1:11:24 Stunden)
Eine der bemerkenswertesten Medienstorys des Jahres ist die Entwicklung des Greifswalder Magazins “Katapult”. Der Gründer und Chefredakteur Benjamin Fredrich hat eine boomende Marke aufgebaut, um die ihn wegen der beeindruckenden Abo-Zuwächse selbst große Medienhäuser beneiden dürften. “Katapult” ist als gemeinnütziges Unternehmen aufgebaut, zahlt Einheitslöhne, betreibt ein Café und leistet sich den Luxus, sich ständig aufs Neue zu verzetteln. Ein lohnenswertes Gespräch, auch weil es Mut macht, aus dem Denken in althergebrachten Mustern auszubrechen.

2. Man nennt es “Repolonisierung”
(faz.net, Gerhard Gnauck)
Polens nationalkonservative Regierungspartei PiS freut sich über die “Repolonisierung” der Medien: Die Verlagsgruppe Passau hat ein Paket aus 140 in Polen erscheinenden Zeitungstiteln an den staatlichen Ölkonzern Orlen verkauft. Laut dem polnischen Entwicklungsminister werde damit ein Zustand beendet, “der unter dem Aspekt des Medienpluralismus skandalös war. Vor Jahren haben polnische Entscheidungsträger zugelassen, dass 98 Prozent der Lokalzeitungen ausländischen Verlagen gehören, fast alle einem einzigen Verlag.”

3. Dieselben News, anders gedreht
(taz.de, Steffen Grimberg)
Laut einer Untersuchung des hessischen Landesamts für Verfassungsschutz bedienen sich Rechtsextremisten bei ihren Posts und Tweets mehrheitlich bei klassischen Medien, deren Meldungen sie für ihre Zwecke ausbeuten. Sogenannte alternative Medien hätten eine geringere Bedeutung als bislang angenommen. Steffen Grimberg erinnert die klassischen Medien daher an ihre Verantwortung: “Natürlich können sich Medien nicht davor schützen, dass man ihre Inhalte aus dem Zusammenhang reißt, verdreht und dann phänomenbereichsübergreifendend missbraucht. Sie sollten sich diese Möglichkeit aber stärker vor Augen führen.”

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4. Warum es so wenig Frauen im Sportjournalismus gibt
(fachjournalist.de, Michael Schaffrath)
An der TU München hat man in einer Studie die “Chancen und Herausforderungen von Frauen im Sportjournalismus” in den Blick genommen. Michael Schaffrath, an der Sportfakultät der TU für den Arbeitsbereich Medien und Kommunikation zuständig, fasst die Ergebnisse zusammen.

5. Facebook soll aufgespalten werden
(netzpolitik.org, Serafin Dinges)
Facebook droht in den USA die Zerschlagung. Dies verlangen jedenfalls die Justizbehörden von 48 US-Staaten sowie die Bundeshandelskommission FTC. Den Behörden seien vor allem die Übernahmen von Instagram und WhatsApp ein Dorn im Auge. New Yorks Generalstaatsanwältin gibt sich bei der Ankündigung ihrer Klage kämpferisch: “Heute senden wir eine deutliche Botschaft an Facebook und alle anderen Unternehmen, dass wir auf alle Versuche, Wettbewerb zu ersticken und kleinen Unternehmen zu schaden, Innovationen und Kreativität zu reduzieren oder den Schutz der Privatsphäre zu beschneiden, mit der vollen Kraft unserer Ämter reagieren werden.” Facebook habe in einem Statement jegliche Schuld von sich gewiesen.

6. Harter Lockdown
(uebermedien.de, Julian Hilgers)
Bei “Übermedien” schreiben Menschen über ihr persönliches “Hasswort”. Julian Hilgers ist zunehmend vom Begriff “Harter Lockdown” genervt: “Wer die hiesigen Corona-Einschränkungen als ‘Harten Lockdown’ beschreibt, wird Schwierigkeiten bekommen, die Zustände in China, Italien oder afrikanischen Staaten, wo tatsächlich wochenlang strenge Ausgangssperren herrschten, noch adäquat zu benennen.”

Wodarg vs. “Volksverpetzer”, Polizei darf falsch twittern, Badeurlaub

1. Pandemie-Leugner Wodarg fordert 250.000 Euro von Volksverpetzer
(volksverpetzer.de, Thomas Laschyk)
Die Äußerungen von Wolfgang Wodarg zur COVID-19-Pandemie in Deutschland stoßen bei vielen Wissenschaftlern, Politikerinnen und Medien auf Kritik, so auch beim “Volksverpetzer”. Dagegen setzt sich Wodarg nun mit juristischen Mitteln zur Wehr und besteht laut “Volksverpetzer” nicht nur auf der Abgabe einer Unterlassungserklärung, sondern auch auf Zahlung von 250.000 Euro als angeblichen Schadensersatz. Der “Volksverpetzer” erfährt im Netz derweil eine große Welle der Solidarität.

2. Kön­ig­li­cher Bade­ur­laub ist kein zeit­ge­schicht­li­ches Ereignis
(lto.de)
Das Landgericht Köln hat es der “Bild”-Redaktion per einstweiliger Verfügung verboten, Urlaubsfotos des niederländischen Königspaares zu veröffentlichen. Die Aufnahmen zeigen König Willem-Alexander und Königin Máxima in Badebekleidung bei einem Yachtausflug in Griechenland und waren offensichtlich mit einem Teleobjektiv geschossen worden. Der Springer-Verlag habe den Beschluss des Gerichts anerkannt. Ihm drohe im Wiederholungsfall ein Ordnungsgeld in Höhe von 250.000 Euro.

3. Die Liebe zu Fox News ist erkaltet – plant Trump jetzt einen eigenen TV-Sender?
(rnd.de, Imre Grimm)
Lange Zeit war Fox News Donald Trumps Haus- und Hofsender, doch seit einiger Zeit scheint die Liebe erkaltet. Nun hat ein Fox-Moderator die Übertragung einer Live-Pressekonferenz mit den Worten “Ich kann Ihnen das nicht weiter mit gutem Gewissen zeigen” abgebrochen. Imre Grimm kommentiert: “Es scheint, als habe der Sender plötzlich eine menschliche Regung entdeckt, die lange überlagert schien von der gierigen Begeisterung über Trumps quotenträchtige Qualitäten als Entertainer und Menschenfänger: das eigene Gewissen.” Nun würden sich einige Beobachter fragen, ob Trump einen eigenen Sender starten wolle.

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4. So niedrig ist der Anteil der Frauen in Berichten von Spiegel, Focus, Bild am Sonntag und Welt am Sonntag
(kress.de, Roland Schatz)
Media Tenor, ein Schweizer Unternehmen für Medienanalysen, hat untersucht, wie oft in den vergangenen zehn Jahren in großen Medien wie “Spiegel”, “Focus”, “Bild am Sonntag” und “Welt am Sonntag” über Männer und Frauen geschrieben wurde. Was den Anteil von Frauen in der Berichterstattung betrifft, kommt besonders der “Spiegel” schlecht weg: “Beim Spiegel dominiert also die Einstellung: In erster Linie lohnt es sich über Tätigkeiten von Männern zu berichten, wenn sie ihre Leserschaft über Entwicklungen in Politik und Wirtschaft informieren. 2020 wird seit 2001 das extremste Jahr: in den letzten 20 Jahren spielten Frauen für die Hamburger nie eine unwichtigere Rolle als in diesen Covid19-Zeiten.”

5. Gericht weist Klage gegen Falschmeldung der Polizei ab
(netzpolitik.org, Marie Bröckling)
Im Jahr 2017 twitterte die Polizei im Zusammenhang mit der Räumung des linksalternativen Kiezladens Friedel54, dass im Gebäude ein Türknauf unter Strom gesetzt worden sei. Die Meldung verbreitete sich sehr schnell, auch aufgrund der Berichterstattung einiger Medien, stellte sich jedoch später als Falschmeldung heraus. Nun musste sich ein Gericht mit dem Vorgang befassen. Es hat die Klage der Betroffenen jedoch abgewiesen. Der Richter habe Verständnis für den Wunsch der Kläger, ein Grundsatzurteil zum Twittern der Polizei zu erwirken. Es sei jedoch der “richtige Fall zum falschen Zeitpunkt”.

6. Zwei Mal «Streaming» – oder: Die Renaissance der Programmzeitschrift
(medienwoche.ch, Nick Lüthi)
Die Idee einer Streaming-Programmzeitschrift erinnert ein wenig an die guten alten Zeiten, in denen man im Buchhandel noch gedruckte Internet-Adresslisten kaufen konnte. Nick Lüthi hat sich zwei Streaming-Magazine für den deutschen beziehungsweise den Schweizer Markt angeschaut.
Weiterer Lesehinweis: Während die klassischen TV-Sender mit ihren Mediatheken immer mehr zu einer Art Gegen-Netflix werden wollen, testet der Streaming-Anbieter in Frankreich ein lineares Programm, das für alle gleich ist: Man nannte es Glotze (sueddeutsche.de, Claudia Tieschky).

Wendler-Wandlung, Tendenzschutz, Politik der leeren Gesten

1. Wendler-GAU bei Pocher: “Als wäre Merkel zurückgetreten”
(dwdl.de, Alexander Krei)
Anfangs zog man noch einen geschmacklosen Scherz oder einen verabredeten PR-Stunt in Betracht, aber es scheint sich als ernst gemeint herauszustellen: Der Schlagersänger Michael Wendler hat in einem wirren Rundumschlag seinen Job als Juror bei “Deutschland sucht den Superstar” gekündigt, seinen Haussender RTL als “politisch gesteuert” bezeichnet und allerlei Verschwörungsgeschwurbel zur “angeblichen Corona-Pandemie” losgelassen. Wendlers Manager Markus Krampe hatte zeitweilig mit den Tränen zu kämpfen, als er über die unerquickliche Wendler-Wandlung sprach: “Für mich ist er krank. Tatsächlich krank.”

2. ARD/ZDF-Onlinestudie: Instagram löst Facebook ab, Facebook bereitet sich auf die US-Wahl vor
(socialmediawatchblog.de, Simon Hurtz)
Simon Hurtz hat sich die aktuelle ARD/ZDF-Onlinestudie durchgelesen und die wichtigsten Erkenntnisse für das (sonst kostenpflichtige) “Social-Media-Briefing” zusammengefasst. Er hat sich dabei schwerpunktmäßig auf Social Media konzentriert, geht aber auch auf die Ergebnisse ein, die eher klassische Medien betreffen – wie stets in übersichtlicher und gut strukturierter Form.

3. Muss guter Journalismus am Spielfeldrand bleiben?
(medienpolitik.net, Ortlieb Fliedner)
Der “Stern” wurde vielfach für seine Kooperation mit Fridays for Future gescholten. Das Standardargument dabei: Guter Journalismus dürfe sich nicht mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten. Der Jurist Ortlieb Fliedner bringt ein Gegenargument in die Debatte ein. Zur Pressefreiheit gehöre auch der sogenannte Tendenzschutz, der parteiische Berichterstattung ausdrücklich zulasse: “Das bedeutet, dass der Verleger für seine Zeitung oder Zeitschrift eine publizistische Tendenz festlegen und diese gegenüber seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, also den Journalistinnen und Journalisten, auch durchsetzen kann.”

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4. Politik der leeren Gesten
(taz.de, Steffen Grimberg)
CSU-Chef Markus Söder hat sich öffentlich impfen lassen. Den Medienjournalisten Steffen Grimberg erinnert dies an andere PR-Aktionen von Politikern: So schwamm der damalige Umweltminister Klaus Töpfer öffentlichkeitswirksam im Rhein, und der britische Landwirtschaftsminister John Gummer verspeiste zu BSE-Zeiten vor laufenden Kameras einen Rindfleisch-Burger (“absolutely delicious”). Grimbergs Kommentar: “Trotz braver Berichterstattung der Medien sind das eben keine Heldengeschichten, sondern durchsichtige Inszenierungen.”

5. Viele Zahlen, wenig Kontext?
(deutschlandfunk.de, Isabelle Klein & Annika Schneider, Audio: 7:23 Minuten)
In ihrer Corona-Berichterstattung würden sich viele Medien oftmals nur auf die Zahl der Neuinfektionen fokussieren. Kritiker könnten einwenden, dass die Zahlen in einen Kontext eingebettet werden müssen, um Einordnung und Interpretation zu ermöglichen. Auf welche Aussagen und Zahlen sollen sich Journalisten und Journalistinnen konzentrieren? Und haben die Redaktionen in den vergangene Monaten genug dazugelernt? Darüber spricht Isabelle Klein mit ihrem Deutschlandfunk-Kollegen, dem Wissenschaftsjournalisten Volkart Wildermuth.

6. Facebook löscht Hunderte Profile dubioser Trump-Förderer
(zeit.de)
Diese Woche hat Facebook schon bei den QAnon-Anhängern aufgeräumt und verkündet, dass man alle Seiten und Gruppen mit Verbindung zu der Bewegung entfernen werde. Nun hat die Social-Media-Plattform dem Treiben einer politischen Marketingfirma ein Ende bereitet und 200 Nutzerkonten mit gefälschten Identitäten sowie 55 Gruppen entfernt, die für US-Präsident Donald Trump Stimmung machten. Die Zahlen mögen klein klingen, aber den Angaben nach seien insgesamt rund 373.000 Facebook-Profile den gefälschten Konten oder Gruppen gefolgt.

Döpfner absetzen, Zeitungssterben, Polizeilicher Korpsgeist kommt zu Fall

1. Döpfner beim Wort nehmen – und absetzen
(uebermedien.de, Jürn Kruse)
In seinem Kommentar zur unethischen Solingen-Berichterstattung von “Bild” und RTL lenkt Jürn Kruse den Blick auf das große Ganze. Dazu gehört der Mann, der der Zeitungsbranche als Präsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) vorsteht: der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner. “Wenn der Rest der Branche wirklich so empört ist über das, was ‘Bild’ unter Reichelt treibt, dann sollten die Kolleg*innen nicht die Verantwortung nach unten delegieren, auf die Reporter*innen, sondern nach oben. Sie sollten Döpfner beim Wort nehmen, auf die eigenen Verlegerinnen und Verleger einwirken, dass sie Verantwortung übernehmen – und sich einen neuen BDZV-Präsidenten suchen.”

2. Brauchen wir eine zentrale Medien-Beschwerdestelle?
(radioeins.de, Daniel Bouhs, Audio: 4:02 Minuten)
Beim Presserat seien mittlerweile mehr als 160 Beschwerden wegen der Solingen-Berichterstattung der “Bild”-Redaktion eingegangen, zur Berichterstattung von RTL seien beim zuständigen Kontrollorgan hingegen gar keine eingegangen (Update: inzwischen sollen es zwei sein). Wie ist das zu erklären? Und brauchen wir vielleicht eine zentrale Medien-Beschwerdestelle? Medienjournalist Daniel Bouhs sieht akuten Handlungsbedarf: “Damit wir alle mit Beschwerden helfen können, dass Medien gut kontrolliert und gerügt werden, wenn sie so in die Schüssel greifen wie jetzt BILD und RTL, braucht es eine und vor allem auch eine sichtbare Beschwerde-Zentrale für unsere Medienlandschaft.”

3. Bauer setzt schachmatt
(taz.de, Steffen Grimberg)
Das Zeitungssterben hat beängstigende Auswirkungen: Gerade in strukturschwachen Räumen gebe es oftmals “Einzeitungskreise” – das sind Regionen, die von einer einzigen Zeitung mit Nachrichten beliefert werden. In bestimmten Regionen würden sogar “Keine-Zeitung-Kreise” drohen. Steffen Grimberg berichtet über die bedenkliche Marktkonzentration und Marktaufteilung durch Verlagskooperationen und Aufkäufe.

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4. Aktivisten fordern neues Format vor der “Tagesschau”
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider, Audio: 5:04 Minuten)
In einer Petition samt Crowdfunding setzt sich die Projektgruppe “#Klima vor 8” für mehr Klimaberichterstattung ein: “Wir fordern, in den fünf Minuten vor der Tagesschau abwechselnd zu ‘Börse vor 8’ eine Sendung auszustrahlen, die sich den Themen Umwelt-, Klimaschutz und Nachhaltigkeit widmet – wir fordern #Klima vor 8!” Nachdem das notwendige Geld eingesammelt wurde, sollen nun Pilotfolgen gedreht werden, die man dem Sender vorlegen wolle. Der Deutschlandfunk hat sich umgehört, wie die Aktion bei Experten und Senderverantwortlichen ankommt.

5. “Wir müssen den Leuten zuhören”
(journalist.de, Ute Korinth)
Ute Korinth hat sich mit dem US-amerikanischen Medien-Experten Jeff Jarvis unterhalten. In dem Interview geht es vor allem um die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Journalismus. Von staatlichen Subventionen für die angeschlagene Medienbranche hält Jarvis wenig: “Ich glaube, das ist gefährlich. Und hier muss ich nochmal auf die Unterschiede bezüglich des Marktes, der Regierung und der Kultur zu sprechen kommen. In den vergangenen Jahren, als die Leute gesagt haben, der Staat sollte die Medien hier in Amerika unterstützen, habe ich darauf eine Zwei-Wort-Antwort gegeben: Donald Trump. Es läuft mir ein kalter Schauer den Rücken herunter, wenn ich daran denke, dass er die Kontrolle über das Geld und das Schicksal von Medien hat. Als Antwort für meine europäischen Freunde, die sagen, wir haben ZDF und BBC, habe ich zwei Worte: Boris Johnson.”

6. Fotograf bringt mit seinen Aufnahmen Polizisten in Bedrängnis
(berliner-zeitung.de, Alexander Schmalz)
Der Foto- und Videograf Julian Stähle erlitt gleich doppeltes polizeiliches Unrecht: Zunächst wurde er während seiner Arbeit von Polizisten verletzt und danach wegen angeblichen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte angeklagt. Sein Glück, dass die Speicherkarte seiner (zerstörten) Kamera die ihn entlastenden Beweisbilder konserviert hatte. So konnten die Aufnahmen vor Gericht gezeigt werden – mit drastischen Konsequenzen für den Fortgang der Verhandlung: “Als die Bilder im Gericht gezeigt wurden, soll bei den Polizisten sofort die Stimmung gekippt sein, berichteten Zeugen. Als Stähles Anwalt daraufhin kritische Fragen stellte, brach der Beamte, der seinen Kollegen gedeckt hatte, im Zeugenstand zusammen. Der Polizist musste mit einem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht werden. Der Fotograf wurde freigesprochen.”

“Bild” und die “vermeintliche Polizeigewalt”

Bei “Bild” knöpfen sie sich jetzt Minderjährige vor:

Ausriss Bild-Zeitung - Polizei-Opfer hat Lehrer verprügelt - das Wort Opfer ist in Anführungszeichen geschrieben
(Augenbalken von “Bild”, weitere Unkenntlichmachung durch uns.)

Der Jugendliche, über den sich die “Bild”-Redaktion vergangenen Donnerstag in ihrer Hamburg-Ausgabe hermachte, ist der 15-Jährige, der in mehreren Videosequenzen zu sehen war, die vor zwei Wochen in den Sozialen Medien auftauchten und für eine erneute Diskussion über Polizeigewalt sorgten. Was in den Videos passiert, lässt sich grob so zusammenfassen: Der Junge steht in Hamburg mit dem Rücken zu einer Hauswand, er ist umzingelt von vier Polizisten. In den ersten paar Sekunden ist zu sehen, wie er mit den Beamten ringt, diese von sich wegschubst. Die Polizisten weichen daraufhin etwas zurück, einer von ihnen zieht seinen Schlagstock. Man hört Sirenen. Verstärkung kommt, und nun sind es acht Polizisten, die vor dem Jungen stehen. Die Beamten schreien mehrmals: “Auf den Boden!” Der Jugendliche bleibt aber stehen und wird schließlich niedergerungen, als er sein T-Shirt ausziehen will, bis er ruft: “Ich krieg’ keine Luft!” Ausgangspunkt war eine Polizeikontrolle, nachdem der Junge mit einem E-Scooter in Hamburg-Neustadt auf dem Gehweg gefahren war. Er konnte oder wollte sich nicht ausweisen, dann eskalierte die Situation.

Über das Vorgehen der Polizisten wurde daraufhin viel diskutiert, vor allem in den Sozialen Medien: War es übertrieben? War es angemessen? Mussten die Beamten derart rabiat vorgehen? Konnten sie gar nicht anders? War das unangemessene Polizeigewalt?

Laut “Bild” nicht. Laut “Bild” handelte es sich nur um “vermeintliche Polizeigewalt”:

Vergangene Woche war er Mittelpunkt eines Videos, das vermeintliche Polizeigewalt dokumentieren sollte. Hobby-Boxer K[.] geriet nach einer E-Scooter-Kontrolle mit acht Beamten aneinander (BILD berichtete). Doch nun sieht es weniger nach Polizeigewalt aus – K[.] gerät wegen Übergriffen selbst in den Fokus.

In dem letzten Satz steckt der ganze Ekel dieser “Bild”-Geschichte: Weil der Jugendliche zwei Monate zuvor wegen vorsätzlicher Körperverletzung verurteilt worden sein soll, soll das Vorgehen der Polizisten (in einer davon völlig unabhängigen Situation) weniger schlimm gewesen sein? Weil er “selbst in den Fokus” gerät, sieht es nun “weniger nach Polizeigewalt aus”? Als würde es einen Unterschied machen bei der Bewertung eines Polizeieinsatzes, wessen Körper da gerade unter dem Knie eines Polizisten liegt – der eines vorbestraften Jugendlichen oder der eines Jugendlichen, der sich noch nie etwas hat zu Schulden kommen lassen. Es ist ein gruseliges Verständnis vom Rechtsstaat, in dem eigentlich jeder und jede das Recht hat, dass ihm oder ihr keine unnötige Polizeigewalt angetan wird. Auch frühere Straftäter, auch E-Scooter-Fahrer, die unerlaubterweise auf dem Gehweg fahren.

Der “Bild”-Artikel dient gleich zwei Zielen: Er verteidigt einerseits die Hamburger Polizei, indem er es so klingen lässt, als hätten die Beamten gar nicht anders gekonnt – der Junge habe schließlich auch mal seinen “LEHRER VERPRÜGELT”. Und er lenkt andererseits ab von einer legitimen Diskussion über Gewalt durch Polizisten. Er verschiebt den Fokus auf die in diesem Fall völlig unerhebliche Vergangenheit des möglichen Opfers. Er diskreditiert das mögliche Opfer, indem er einstige Vergehen rauskramt – als hätte das eine (der Polizeieinsatz gegen den Jungen) mit dem anderen (mögliche Vorstrafen des Jungen) etwas zu tun. Die “Bild”-Redaktion geht sogar so weit, dass sie das Wort “Opfer” in ihrer Überschrift hämisch nur in Anführungszeichen schreibt.

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Bereits eine Woche zuvor ging es bei “Bild” nicht weniger hämisch und geschmacklos zu. In Hamburg standen solche Werbeaufsteller vor Kiosken:

Screenshot eines Tweets, der einen Bild-Aufsteller in Hamburg zeigt - darauf ist die Schlagzeile zu lesen: Kontrolle in der Neustadt eskaliert - Boxer (15) verliert gegen acht Polizisten
(Diese und alle folgenden Unkenntlichmachungen durch uns.)

In der Hamburg-Ausgabe der “Bild”-Zeitung erschien ein großer Artikel mit wortgleicher Überschrift. Auch hier ging es bereits darum, den Jungen zu diskreditieren.

Erstmal zum “Boxer”, was lediglich ein sprachlicher Kniff der Redaktion ist. Vielleicht findet sie es auch irgendwie lustig. Der 15-Jährige geht noch zur Schule, ist also erst einmal Schüler. In seiner Freizeit boxt er im Sportverein. Ihn als “Boxer” zu präsentieren, als hätten es die Polizisten mit einem durchtrainierten Profisportler zu tun gehabt, ist, vorsichtig ausgedrückt, unangebracht. Außerdem schließt sich die “Bild”-Redaktion damit dem Framing der Hamburger Polizei an: Diese hatte in einer Pressemitteilung gleich zweimal geschrieben, der Jugendliche sei “sehr groß und stark” gewesen. Die Betonung der Attribute “groß” und “stark” lenkt von dessen Minderjährigkeit ab. Die “Bild”-Redaktion steigert dieses Framing noch, indem sie den 15-Jährigen zum “Boxer” erklärt.

Dass der Junge gegen die Polizisten “verloren” habe, wie “Bild” titelt, zieht die ernste Angelegenheit endgültig ins Lächerliche. Die Redaktion macht damit aus einer Situation, in der ein unbewaffneter Jugendlicher mehreren bewaffneten Vertretern der Staatsgewalt gegenüberstand, einen sportlichen Wettkampf, bei dem es ums Gewinnen oder Verlieren geht. Und auch in diesem Artikel stürzt sich “Bild” auf mehrere angebliche Ermittlungsverfahren, die schon gegen den Jungen gelaufen sein sollen. Auch diese haben rein gar nichts mit dem Vorfall, um den es eigentlich geht, zu tun.

Diese “Bild”-Masche – sich lieber auf mögliche Opfer von Polizeigewalt und deren kriminelle Vergangenheit zu konzentrieren, statt auf die Polizeigewalt selbst – konnte man zur selben Zeit bei einem weiteren Fall beobachten:

Screenshot Bild.de - Umstrittener Polizeieinsatz von Düsseldorf - Schon im Alter von 13 Jahren fiel er als brutaler Schläger auf - Die Strafakte von M. (15)

In einem Video, das den Polizeieinsatz in Düsseldorf zeigt, sieht man, wie ein Polizist einen Jugendlichen am Boden fixiert. Das Knie des Beamten befindet sich auf dem Kopf des Jungen. Das schockierte viele, zwischenzeitlich auch Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul. Die “Bild”-Redaktion ging hingegen schnell dazu über (wie auch manch andere Redaktion), sich den 15-Jährigen unter dem Polizistenknie vorzunehmen. Sie machte eine Reihe von früheren Vergehen des Jungen öffentlich, die dieser teils begangen haben soll, als er noch nicht strafmündig war. Und wieder klingt es nach irgendwas zwischen “Ach, sieh mal einer an: Der war aber auch kein Engel” und “Na also, da hat es ja genau den Richtigen getroffen”. Dabei schreibt selbst der Autor des Bild.de-Artikels:

Wenn man seine Polizeiakte liest, ist der junge Mann kein unbeschriebenes Blatt. Was natürlich nicht bedeutet, dass er nicht selbst ein Opfer von Gewalt sein kann.

Das hindert die “Bild”-Redaktion freilich nicht daran, so eine Story zu bringen.

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Polizei privat, Unsichtbare Ärztinnen, Leyendecker-Kommission

1. Das dürfen Berliner Polizisten privat im Netz
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Die Berliner Polizei hat sich in einem “Merkblatt zur Nutzung sozialer Medien” (PDF) Richtlinien für die private Nutzung von Twitter, Facebook, Instagram und Co. auferlegt. Markus Reuter hat für netzpolitik.org aufgeschrieben, welche Themen die Polizei in ihrem Merkblatt behandelt hat. Die Polizisten und Polizistinnen sollen beispielsweise auch bei ihren privaten Accounts nicht tricksen und ihre Reichweite nicht durch den Kauf von Followern künstlich erhöhen.

2. Spiegel: Kommission findet wenig Belastendes gegen Star-Reporter Hans Leyendecker
(berliner-zeitung.de, Kai-Hinrich Renner)
Hat der ehemalige “Spiegel”-Redakteur Hans Leyendecker 1993 im Zusammenhang mit seiner Berichterstattung über den Tod des RAF-Terroristen Wolfgang Grams im Bahnhof von Bad Kleinen einen Informanten erfunden? Diese und andere Fragen soll eine Kommission des “Spiegel” klären, deren Bericht anscheinend schon vorliegt – wenn auch als Rohfassung. Kai-Hinrich Renner berichtet über einen Vorgang, der für den “Spiegel” und seinen damaligen Star-Reporter kein Ruhmesblatt ist.

3. Kahlschlag im Superman-Verlag
(tagesspiegel.de, Stefan Pannor)
Eine spannende Analyse des Comic-Markts liefert der Comic-Experte Stefan Pannor im “Tagespiegel”. Beim Superman-Verlag DC Comics muss demnach ein Drittel der Belegschaft den Schreibtisch räumen, darunter auch Spitzenkräfte in Leitungsfunktion. Pannor erklärt die dahinterstehende Strategie, die auch mit dem radikalen Umbau der US-Entertainment-Branche zu tun habe.

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4. Gehalts-Ranking: Von Tom Buhrow bis Patricia Schlesinger – das haben die ARD-Intendanten 2019 verdient
(kress.de, Marc Bartl)
Die ARD hat ihre Gehaltsstrukturen veröffentlicht (Stand 2019). In der Übersicht sind die durchschnittlichen Monatsgehälter der Führungspositionen, aber auch die Gehalts-Bandbreiten etwa der Kameramänner und Cutterinnen aufgeführt. Spitzenverdiener sind wie immer die Intendantinnen und Intendanten, deren Jahresgehälter von 245.000 Euro (Thomas Kleist, SR) bis zu 395.000 Euro (Tom Buhrow, WDR) reichen.

5. Von unsichtbaren Ärztinnen und Journalistinnen
(genderleicht.de, Elke Brüser)
In einigen medizinischen Fachgebieten gibt es bereits mehr Frauen als Männer: In der Gynäkologie sei zwei Drittel der Ärzteschaft weiblich, in der Dermatologie seien über die Hälfte Frauen. Trotzdem heißen die entsprechenden Fachzeitschriften “Der Gynäkologe” oder “Frauenarzt”. Auch andere Fachmagazine seien ausschließlich männlich gegendert (“Der Orthopäde”, “Der Internist”, “Der Pneumologe”). Andere Beispiele würden jedoch zeigen, dass auch Titel möglich seien, die keine überholten und fehlleitenden Assoziationen wecken, so die Medizin- und Wissenschaftsjournalistin Elke Brüser.

6. Trump sogar noch lustiger
(taz.de, Daniel Kretschmar)
Sarah Cooper hat es mit ihren Donald-Trump-Lipsync-Videos zum gefeierten Internet-Star geschafft. Für ihre Parodien verwendet sie Originaltonspuren von Interviews und öffentlichen Auftritten Trumps und schauspielert dazu lippensynchron den Präsidenten. Neulich hat sie bereits den “Guest Host Monologue” bei der US-amerikanischen Late-Night-Show “Jimmy Kimmel Live!” übernommen. Nun gebe ihr Netflix eine ganze Sendung.

Pflicht zum Pixeln, Polizeiliches Twittern, Scheuers Wahrheiten

1. Die Pflicht zum Pixeln liegt bei der Redaktion
(sueddeutsche.de, Wolfgang Janisch)
Das Bundesverfassungsgericht hat die Strafe gegen einen Fotografen wegen fehlender Verpixelung aufgehoben. Die Unkenntlichmachung liege nicht in seiner Verantwortung, sondern sei Aufgabe der Redaktion. Die Kammer habe klargestellt, “dass es Pressefotografen und Journalisten möglich sein muss, ohne Furcht vor Strafe unverpixeltes Bildmaterial an Redaktionen zu liefern. Eine strafrechtliche Verantwortlichkeit für Persönlichkeitsrechtsverletzungen durch eine spätere Veröffentlichung besteht auch dann nicht, wenn die Zulieferer die Veröffentlichung aktiv anstreben.” Das sei jedoch kein Freibrief für Bildjournalisten, so der justizpolitische “SZ”-Korrespondent Wolfgang Janisch: “Fotografen müssen den Redaktionen sehr wohl die konkreten Umstände einer Aufnahme offenlegen, jedenfalls dann, wenn dies entscheidend für den Schutz der Betroffenen sein kann. Denn dass der Gang vor den Strafrichter für Fotografen völlig ausgeschlossen wäre – das hat das Bundesverfassungsgericht nicht festgestellt.”

2. Scheuers “taktisches Verhältnis zur Wahrheit”
(ndr.de, Daniel Bouhs, Video: 4:30 Minuten)
Der “Spiegel”-Journalist Gerald Traufetter kommentiert das Verhalten des Bundesverkehrsministeriums im Umgang mit Medienanfragen. Traufetter wirft Verkehrsminister Andreas Scheuer ein “taktisches Verhältnis zur Wahrheit” vor. Dem NDR und WDR vorliegende E-Mails aus dem Ministerium würden zeigen, dass Scheuers Kommunikationsabteilung eine Anfrage des “Spiegel” “torpedieren” wollte. Anscheinend eine besondere Ausprägung des dort vorherrschenden “strategischen Medienmanagements”, zu dem offenbar auch gehört, Interviews zur PR-Arbeit zu verweigern.

3. Boykott-Organisatoren erkennen bei Facebook keinen Willen zur Veränderung
(spiegel.de)
Facebook wird immer wieder vorgeworfen, zu wenig gegen Hass und Hetze zu unternehmen – eine Kritik, die schließlich zu einem weltweiten Werbeboykott führte. Dem Sozialen Netzwerk liegt mittlerweile der Bericht einer zweijährigen externen Untersuchung vor, der angeblich zu Veränderungen führen soll. Die Organisatoren des Werbeboykotts zeigten sich jedoch nach Gesprächen mit der Facebook-Spitze pessimistisch, was den tatsächlichen Veränderungswillen des Konzerns anbelangt.
Weiterer Lesehinweis: Das Aufständchen gegen Facebook (spiegel.de, Patrick Beuth).

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4. Corona-Ausfallfonds für Filmproduktionen
(mmm.verdi.de)
Zur Absicherung von Filmproduktionen hat die Bundesregierung ein Corona-Hilfspaket aufgelegt, einen mit 50 Millionen Euro ausgestatteten Fonds. Nun zieht das Land Nordrhein-Westfalen nach und kündigt die Bereitstellung von 10 Millionen Euro an. Diese Gelder sollen vor allem kleineren und mittleren Produktionsunternehmen helfen, die wegen fehlender Ausfallversicherungen oft vor einer Rückkehr zum Normalbetrieb zurückschrecken würden.

5. Die zehn besten Tipps fürs Bloggen
(fachjournalist.de, Ulrike Bremm)
Vielleicht ist es nicht mehr der ganz große Hype, dennoch wird in Deutschland oft und gerne gebloggt. Blogger Christof Herrmann hat dem “Fachjournalist” seine zehn Tipps fürs Bloggen verraten. Dabei geht es um Themen wie Inhalte, Technik, Zielgruppe und Vernetzung, aber auch um den menschlichen Aspekt: “Worauf ich achte, wenn ich selbst einen Blog lese: Auf jeden Fall ist mir wichtig, dass eine persönliche Komponente dabei ist, eine wirkliche Person ihre Erfahrungen mit einbringt.”

6. Warum Polizeibehörden nicht beliebig twittern dürfen
(netzpolitik.org, Friedrich Schmitt)
Der Jurist Friedrich Schmitt kommentiert die gelegentlich etwas flapsige Kommunikation von Polizeibehörden beispielsweise auf Twitter. Polizeiliche Social-Media-Arbeit müsse nicht in erster Linie “locker” oder “lustig” sein, sondern vor allem rechtsstaatlichen Mindeststandards genügen, die Grundrechte achten und mit der Freiheit der öffentlichen Meinungsbildung vereinbar sein. “Die Öffentlichkeitsarbeit ist zwar das Recht und die Pflicht aller staatlichen Stellen. (…) Dabei darf aber nicht aus dem Blick geraten, dass es sich bei der polizeilichen Öffentlichkeitsarbeit um die Ausübung hoheitlicher Gewalt handelt, die nur in den Grenzen des (Verfassungs-)Rechts zulässig ist und sich deshalb nicht ‘frei’ auf Twitter und Co. entfalten kann.”

“Müll-Kolumne” der “taz”, Selbstdarstellung, Polizeimeldungen

1. Eine Kolumne der “taz” polarisiert auch in der eigenen Redaktion
(tagesspiegel.de, Matthias Meisner & Alexander Fröhlich)
In der “taz” erschien eine Kolumne, in der die Autorin zu dem Schluss kam, dass Polizeibeamte am besten auf einer “Mülldeponie” aufgehoben seien, “wo sie wirklich nur von Abfall umgeben sind. Unter ihresgleichen fühlen sie sich bestimmt auch selber am wohlsten.” Der Beitrag habe für vielerlei Reaktionen gesorgt – zahlreiche Leser und Leserinnen seien irritiert bis entsetzt gewesen über diese besondere Form von Hatespeech. Auch in der “taz” sei intern heftig darüber gestritten worden.
Weiterer Lesehinweis: Boris Rosenkranz hat für “Übermedien” bei der “taz” nachgefragt und eine irritierende Antwort erhalten: “taz” verteidigt Müll-Kolumne.
Die “taz”-Redaktion hat sich mittlerweile auch in ihrem Hausblog zu dem Fall geäußert. Sie begrüße es, “dass wir nun eine breite gesellschaftliche Debatte um Polizeigewalt und Rassismus führen. Wir hätten uns dies schon früher gewünscht.” Eine Formulierung, die beim “6 vor 9”-Kurator den Eindruck von Uneinsichtigkeit, trotziger Missachtung der eigentlichen Problematik und staatstragender Selbstbeweihräucherung aufkommen lässt.

2. Mom & dad: I finally have a video that explains what I do for a living
(twitter.com, Roman Höfner, Video: 1:48 Minuten)
Auf Twitter verrät “Spiegel”-Journalist Roman Höfner seinen Eltern und uns allen, wie er und sein Rechercheteam bei der Enthüllung über Philipp Amthor vorgegangen sind. In einem kurzen Video kann man sehen, mit welchen kleinen, aber effektiven detektivischen Tricks die Orts- und Zeitangaben von Fotos ermittelt wurden.

3. Polizeimeldungen: Schuldlose Autofahrer?
(ndr.de, Gudrun Kirfel, Video: 5:25 Minuten)
Polizeimeldungen über Verkehrsunfälle seien oft aus der Perspektive der Autofahrerinnen und Autofahrer verfasst, so der Vorwurf von Fuß- und Radfahrverbänden. Darin bestätigt werden sie beispielsweise vom Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch. Es könne leicht der Eindruck entstehen, dass es in den Polizeimeldungen eine Schuldzuweisung an Fußgängerinnen und Fußgänger beziehungsweise Radfahrerinnen und Radfahrer gebe. Das NDR-Medienmagazin “Zapp” hat einige Polizeimeldungen untersucht und wollte sich mit den verantwortlichen Polizeidirektionen darüber unterhalten. Dort, wie auch beim Landespolizeiamt, habe man jedoch keinen Redebedarf gesehen.

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4. Die fast perfekte Selbstdarstellung eines Kanzlers
(deutschlandfunk.de, Srdjan Govedarica, Audio: 4:39 Minuten)
Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz lässt sich bei seinen öffentlichen Terminen gerne von einem eigenen Fotografen begleiten, der für PR-wirksames Bildmaterial sorgt. Diese idealtypischen und geschönten Aufnahmen sorgen gelegentlich für Kopfschütteln, wie jüngst bei einem Termin im Kleinwalsertal, bei dem sich die realen Verhältnisse gänzlich anders darstellten als durch die Kurz-Bilder erahnbar.

5. So weiblich war das Handwerk beim Fernsehpreis noch nie
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Beim Deutschen Fernsehpreis hat man das Kategoriesystem ausgeweitet, mit positiven Folgen für die Sichtbarkeit von Frauen im Filmbusiness. In neun von zwölf Handwerkskategorien (beispielsweise Schnitt, Drehbuch, Ausstattung) habe es Auszeichnungen für Frauen gegeben: “Es sind diese Kategorien, die in der Vergangenheit oft nicht berücksichtigt wurden. Durch die Neuaufstellung des Deutschen Fernsehpreises werden auch hier endlich besondere Leistungen geehrt.”

6. “Otto – Der Film” und die Rassismus-Frage: Warum der Film heute so verstörend ist
(tip-berlin.de, Jacek Slaski)
Jacek Slaski hat sich mit seinem zehnjährigen Sohn die Comedy-Klamotte “Otto – Der Film” aus dem Jahr 1985 angeschaut. Der Ausflug in die eigene Kinobesucher-Vergangenheit sei ein eher verstörendes Erlebnis gewesen: “Der Humor ist seltsam gealtert, die infantilen Gags sitzen stellenweise, doch die Klischees, die Otto bedient, sind aus der Zeit gefallen.” Slaski stört sich vor allem an den rassistischen Klischees: “Es mag ja sein, dass er mit den Gags auf den unterschwelligen Rassismus in der bundesdeutschen Wirklichkeit der 1980er-Jahre hinweisen wollte. Aber es geschieht mit einer Plumpheit, die heute einfach nicht mehr zeitgemäß ist und daher besteht Redebedarf.”

Polizei-Kolumne der “taz”, Raabs diskriminierende Clips, Kein Porno

1. Jugendliche informieren sich bei Instagram über Corona
(spiegel.de, Anton Rainer)
Deutsche Jugendliche würden laut “Reuters Institute Digital News Report” immer stärker auf Instagram als Nachrichtenquelle zurückgreifen. Anton Rainer hat den Report gelesen und stellt einige interessante Erkenntnisse zu Mediennutzung und Vertrauen vor: “Fast allen Zeitungen, Verlagen, Sendeanstalten und Medienhäusern wurde 2020 eher misstraut als noch vor einem Jahr. Nirgends aber zeigt ist der Zweifel so groß wie bei der ‘Bild’-Zeitung. 58 Prozent der Befragten sagen, sie vertrauten dem Boulevardblatt nicht.”

2. “Kinderpornographie” – kein Porno, sondern Missbrauch
(deutschlandfunk.de, Stefan Fries, Audio: 1:40 Minuten)
Im Zusammenhang mit Kindesmissbrauch ist oft auch von “Kinderpornographie” die Rede. Stefan Fries erklärt im Deutschlandfunk, warum er den Begriff für ungeeignet hält: “Unter Pornographie verstehen wir vor allem Videos und Fotos, die Sex zeigen. Die Aufnahmen dazu entstehen normalerweise freiwillig, die Herstellung ist erlaubt und der Kauf auch. Bei ‘Kinderpornographie’ trifft nichts davon zu.”

3. Polizeigewerkschaft erstattet Strafanzeige gegen “taz”
(faz.net)
In einer Kolumne hat eine “taz”-Autorin über die Abschaffung der Polizei sinniert und verschiedene mehr oder weniger launige Gedanken über die alternative Verwendung der dort Beschäftigten ausgebreitet. Am Ende rät sie dazu, die Polizisten und Polizistinnen auf einer Mülldeponie unterzubringen (“Nicht als Müllmenschen mit Schlüsseln zu Häusern, sondern auf der Halde, wo sie wirklich nur von Abfall umgeben sind. Unter ihresgleichen fühlen sie sich bestimmt auch selber am wohlsten.”). Daraufhin habe die Deutsche Polizeigewerkschaft Strafanzeige gegen die “taz” erstattet.
Weiterer Lesehinweis: Marc Felix Serrao schreibt in seinem “NZZ”-Kommentar: “Man möchte im Sinne der ‘TAZ’ annehmen, dass es auch Redaktorinnen und Redaktoren gibt, die diesen Text so furchtbar finden wie viele ihrer Leser. Bis auf weiteres ist es ein trüber Tag für alle, die diese Zeitung regelmässig und gerne lesen, sei es aus weltanschaulicher Überzeugung oder um sich an den oft genug geistreichen Gegenpositionen zu reiben.”

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4. Gruner + Jahr meldet für Stern-Redaktion Kurzarbeit an
(meedia.de)
Das Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr soll bei der Bundesagentur für Arbeit um Hilfe für den “Stern” angefragt und Kurzarbeit beantragt haben. Diese betreffe die gesamte Redaktion, die Maßnahme soll jedoch monatsweise überprüft und nötigenfalls verlängert werden. Grund seien die massiv weggebrochenen Werbeeinnahmen.

5. Account einer “Hassorganisation” darf gelöscht werden
(urheberrecht.org)
Facebook darf den Account einer Organisation schließen, wenn diese als “Hassorganisation” im Sinne der Gemeinschaftsstandards betrachtet werden kann, so eine Entscheidung des Oberlandesgerichts Dresden zum “virtuellen Hausrecht”. Eine gesetzliche Verpflichtung zur Aufnahme in das Netzwerk bestehe auch dann nicht, wenn dieses eine monopolartige Stellung besitze.

6. Diskriminierung im Fernsehen: Reden wir mal über Stefan Raab
(rnd.de, Matthias Schwarzer)
Nachdem Streaminganbieter wie Netflix und HBO mehrere diskriminierende Serien und Filme aus dem Programm genommen haben, sollte sich die deutsche TV-Branche ebenfalls den Sünden der Vergangenheit stellen, fordert Matthias Schwarzer. Er denkt dabei vor allem an das Œuvre von Stefan Raab, der sich in den 2000er-Jahren an homofeindlichen Klischees abgearbeitet habe. Schwarzer schlägt bei derartigem Videomaterial zumindest eine Hinweistafel vor und hat dafür auch einen Formulierungsvorschlag parat: “Hier sehen Sie einen der größten deutschen Entertainer, wie er 4:33 Minuten lang Lesben und Schwule beleidigt. Historischer Kontext: Das hat man im Jahr 2001 hier so gemacht.”

“Bild” vs. Drosten, Polizeigewalt, Erlösmodelle für Journalismus

1. Warum Drosten die “Bild”-Zeitung so scharf angeht
(tagesspiegel.de, Tilman Schröter & Gloria Geyer)
Der Chefvirologe der Berliner Charité Christian Drosten ärgert sich über eine Anfrage der “Bild”-Zeitung, die er als tendenziös und unfair empfand. Noch dazu hatte man ihm zur Beantwortung der komplexen Fragestellung lediglich eine Antwortzeit von einer Stunde eingeräumt. In der Anfrage, die eher einer Konfrontation glich, hatte sich “Bild” auf verschiedene Wissenschaftler bezogen, von denen sich mehrere sofort von dieser Art der Berichterstattung distanzierten.
Weiterer Lesehinweis: Wissenschaftler distanzieren sich im Streit um Drosten-Studie von “Bild” (turi2.de, Benjamin Horbelt). Lesenswert ist auch das Interview von Alexander Kühn mit dem vermeintlichen “Bild”-Kronzeugen, dem deutschen Ökonomen Jörg Stoye, der an der Cornell-Universität in Ithaca, USA, Statistik lehrt: “Drosten ist ein Gigant der Virologie. Ich habe von seiner Disziplin keine Ahnung, ich bin Statistiker. Als ich heute von dem ‘Bild’-Artikel erfahren habe, habe ich ihm gleich eine E-Mail geschrieben, wie unangenehm mir das ist.” (spiegel.de)
Und selbst altgedienten “Bild”-Recken wie Georg Streiter ist das Vorgehen seiner ehemaligen Kollegen unangenehm, wie auf Facebook zu lesen ist: “Selbst wenn man die nur als niederträchtig zu bezeichnenden ‘Recherche’-Methoden von Herrn Piatov ignoriert (darüber ist schon ausreichend geschrieben worden), bleibt festzustellen: Diese Schlagzeile ist durch NICHTS belegt.”
Außerdem aus unserem Archiv: Wie die “Bild”-Redaktion mit schmutzigen Tricks versucht, Christian Drosten zu zerlegen.

2. Ein Spotify für Journalismus?
(message-online.com, Pauline Tillmann)
Medien erleben die Corona-Krise als eine höchst paradoxe Zeit: Einerseits sind sie als Informationslieferanten wertvoll wie noch nie und verzeichnen explodierende Online-Abrufe. Andererseits brechen die Anzeigeneinnahmen in dramatischer und existenzbedrohender Weise ein. Wie können Gegenstrategien aussehen? Könnten Spotify, Netflix und andere Streamingdienste Beispiele für neue Geschäftsmodelle sein? Was ist nötig, um die Zahlungsbereitschaft für digitalen Journalismus zu verbessern. Anhaltspunkte dafür können laut Pauline Tillmann Modelle wie die “Krautreporter”, das Schweizer Digitalmagazin “Republik” und der Abo-Abwickler Steady liefern (Offenlegung: Wir nutzen Steady als einen Weg, über den man uns unterstützen kann).

3. Jung & Live mit Bernhard Pörksen
(youtube.com, Tilo Jung & Hans Jessen, Video: 2:04:00 Stunden)
Zwei kurzweilige Stunden ohne überfrachtetes Medien-Blabla, sondern mit dem spürbaren Wunsch, den Dingen auf den Grund zu gehen: Bei “Jung & live” war der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen zu Besuch. In dem Gespräch mit Tilo Jung und Hans Jessen geht es um die mediale Wahrnehmung der Corona-Pandemie, die Kunst des Miteinander-Redens, Filter-Bubbles und Filter-Clashs sowie die große Gereiztheit in unserer Gesellschaft. Schön ist auch die Anekdote, wie Pörksen bei einer Talkshow-Teilnahme von einem anderen Talkshow-Gast “bestohlen” wurde.

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4. Netflix: Wer nicht glotzt, fliegt raus
(wuv.de)
Normalerweise freuen sich Unternehmen darüber, wenn zahlende Kundinnen und Kunden die Dienste nicht in Anspruch nehmen (bei Fitnessstudios scheint dies gar zum Geschäftsprinzip zu gehören). Nicht so beim Video-Streaming-Dienst Netflix: Dort wolle man inaktiven Nutzerinnen und Nutzern (oder genauer: Nicht-Nutzerinnen und -Nutzern) das Konto künftig automatisch kündigen. Dies betreffe jene, die ihr Konto seit zwei Jahren nicht mehr genutzt haben oder die ein Jahr nach ihrer Anmeldung nicht in Erscheinung getreten sind. Die Zahl dieser Fälle sei höher als man erwartet: Die Rede ist von mehr als 900.000 Konten.

5. Böse Überraschungen
(taz.de, Lotta Laoire)
Die Kamera-Assistentin Lea R. ist nach eigenen Angaben ein Opfer von Polizeigewalt geworden. Ein Polizist habe ihr am 1. Mai in Berlin mit voller Absicht ins Gesicht geschlagen, während ihr Team eine Festnahme aufgenommen habe. Die medizinischen Folgen für die 22-Jährige seien gravierend. Derzeit sei unklar, ob ihre abgebrochenen Schneidezähne überhaupt repariert werden können. Die Ermittlung des Täters in den Polizeireihen gestalte sich, wie oft bei derartigen Fällen, als schwierig bis unmöglich. Laut einer Studie komme es nur in rund zwei Prozent der Fälle von Polizeigewalt zu Gerichtsverfahren.

6. Pixel-Nacktbilder und SMS-Chats: Der Teletext wird 40
(rnd.de, Matthias Schwarzer)
Man mag es kaum glauben, aber Teletext wird auch 40 Jahre nach seiner Erstausstrahlung immer noch fleißig aufgerufen. Die Rede ist von mehr als zehn Millionen täglichen Nutzerinnen und Nutzern. Matthias Schwarzer lässt die vergangenen 40 Jahre Revue passieren und versucht die Frage zu beantworten, warum der Dienst bei vielen Menschen immer noch so beliebt ist — jenseits des nostalgischen Retrocharmes.

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