Akt-Zeichnungen in Schwarzweiß, auf denen u.a. eine Frau mit Handschellen zu sehen ist, sind für “Bild”:
Farbige Akt-Fotografien hingegen, auf denen u.a. eine Frau mit Gasmaske zu sehen ist, sind für “Bild”:
(Erstere wurden übrigens von einer Frau angefertigt, letztere können sich — nach Einschätzung von “Bild” — “sehen lassen”.)
Marco W. hat gestanden, im vergangenen Sommer in Erfurt eine Ärztin mit ihrem Auto entführt und dann getötet zu haben. Und er hat nach Aussagen eines Freundes gerne stundenlang das Computerspiel “GTA Vice City” gespielt.
Nach Ansicht der “Bild”-Zeitung hat das eine unmittelbar mit dem anderen zu tun (siehe Ausriss). Dabei sollte der Gedanke selbst für eine “Bild”-Überschrift zu abwegig sein, dass jemand dafür “übt”, ein Opfer zu erdrosseln, indem er ein Spiel spielt, in dem Auto gefahren und geschossen wird.
Aber halt, natürlich ist nichts zu abwegig für eine “Bild”-Überschrift. Zur Diskussion um das neue Computer-Spiel “Getting Up“, in dem man einen Sprayer in der fiktiven Millionenmetropole New Radius spielt, der (auch mit Gewalt) gegen Konkurrenten, Polizisten und Aufseher kämpft, stand am Montag in “Bild” die Zeile: “Videospiel ruft auf zum Töten von Putzfrauen”. Mit der gleichen Logik könnte man titeln, dass die Lara-Croft-Spiele dazu “aufrufen”, unangemessen spärlich bekleidet frühgeschichtliche Funde zusammenzutragen und dabei auch nicht vor dem Abschlachten mythologischer Pferdemenschen zurückzuschrecken.
Danke an Fabian S., Michael H., Sven S., Paul K. — und spielkultur.net für den Scan!
Seit Sommer 2004 ermittelt die Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen Corinna Werwigk-Hertneck. Sie soll als baden-württembergische Justizministerin ihrem FDP-Parteifreund und damaligen Ministerkollegen Walter Döring Details aus Ermittlungen gegen ihn verraten haben.
“Bild” veröffentlichte noch ganz andere Vorwürfe gegen Frau Werwigk-Hertneck. Sie soll Döring “vor einer Razzia der Staatsanwaltschaft gewarnt” haben, schrieb die Zeitung am 16. Februar 2005. Anscheinend zu unrecht. Die Staatsanwaltschaft wirft der Politikerin dies jedenfalls laut der Nachrichtenagentur dpa nicht vor. “Bild” hat bereits eine Unterlassungserklärung abgegeben, diese Behauptung nicht zu wiederholen. Öffentlich widerrufen wollte das Blatt seine Meldung allerdings nicht.
Nun hat das Landgericht Stuttgart die Zeitung am Dienstag genau dazu verurteilt. Danach muss “Bild” den Widerruf im gleichen Teil der Zeitung und in gleicher Aufmachung und Schriftgröße wie den ursprünglichen Bericht abdrucken. Die Axel Springer AG will die schriftliche Urteilsbegründung abwarten, bevor sie über eine mögliche Berufung entscheidet.
Offenbar mag die Berliner “Bild”-Redaktion nebenstehendes Fahndungsfoto eines (seit heute übrigens nicht mehr unbekannten) Jugendlichen, der Ende Januar in der Berliner U-Bahnlinie 8 einen Fahrgast durch einen Messerstich verletzt hatte und dabei von einer Überwachungskamera in der U-Bahn gefilmt wurde.
In der Berlin-Brandenburg-Ausgabe der “Bild”-Zeitung erschien das obige Foto am 4. und 6. Februar sowie abermals am gestrigen Dienstag unter der Überschrift: “Warum verpfeift niemand den Berliner Messerstecher?”
Aber auch heute hat die Berliner “Bild” das Foto aus der U-Bahn wieder im Blatt. Zwar berichtet “Bild” dieses Mal über eine andere Polizeimeldung, bei der zwei Fahrgäste der Berliner Buslinie 148 von zwei Jugendlichen beleidigt und angegriffen wurden, was “Bild” im Übrigen mit den sinnentstellenden Worten wiedergibt: “Im Bus 148 (…) attackieren fünf Jugendliche andere Fahrgäste.” Aber zur Erläuterung dessen, was auf dem Foto zu sehen sei, hat “Bild” nun geschrieben:
“Messer-Attacke auf der Linie 148. In so einem älteren Bus ohne Kamera passierte es”
Und diese Sätze ergeben bei genauerer Betrachtung nicht nur keinen Sinn, sie sind abgesehen davon auch schlicht falsch.
Berlin – Der Berliner “Tagesspiegel” hat aus der Affäre um die angebliche Nominierung der ehemaligen Irak-Geisel Susanne Osthoff für den Grimme-Preis Konsequenzen gezogen: Laut ‘Süddeutsche Zeitung’ wurde dem Politik-Redakteur, der Osthoff beim Grimme-Institut vorgeschlagen hatte, gekündigt. Der Medien-Ressortleiter, der über den Vorschlag des Kollegen berichten ließ, und zugleich Mitglied der Grimme-Jury war, legte sein Amt nieder.”
So berichtet “Bild” – und hat es noch immer nicht begriffen:
Deshalb noch einmal zum Mitschreiben:Susanne Osthoff ist niemals für den Grimme-Preis no-mi-niert gewesen – und “angeblich” nur insofern, als auch “Bild” selbst im Gegensatz zum “Tagesspiegel”, der öfter mal kritisch über “Bild” zu berichten wusste, wiederholt den falschen Eindruck erweckt hatte, sie wäre. Osthoff war lediglich für einen Grimme-Preis vor-ge-schla-gen worden, was einen Unterschied macht, weil quasi jeder jeden vorschlagen kann. (Und vielleicht sollte man an dieser Stelle auch nochmals erwähnen, dass die Berufung des Medien-Ressortleiters in die Grimme-Jury mit dem Vorschlag des Kollegen wenig zu tun hat: Die Grimme-Jury berät über die Nominierten, nicht über die Vorschläge.) Wie “Bild” darüber hinaus darauf kommt, dass der Medien-Ressortleiter über den Vorschlag “berichten ließ”, ist schleierhaft: Unter der Meldung im “Tagesspiegel” steht für jedermann sichtbar sein persönliches Kürzel “jbh”. Und das wusste bislang sogar “Bild” besser.
Die “Süddeutsche Zeitung” übrigens, auf die sich “Bild” bezieht, berichtet über der Sachverhalt hingegen völlig korrekt.
“Bild” berichtet ja heute über “Gotteslästerung in Deutschland” und “erklärt” ihren über elf Millionen Lesern, “was deutsche Gerichte als ‘Blasphemie’ (…) beurteilen”. Und heute mittag hatten wir ja schon darauf hingewiesen, dass ein Fall, in dem jemand in Griechenland angeklagt und freigesprochen wurde, nicht dazuzählt.
Das ist aber leider noch nicht alles. Denn unter der Zwischenüberschrift “Das ist verboten” heißt es außerdem:
“Christliche Kirchen dürfen nicht als ‘Verbrecherorganisation’ bezeichnet werden, so ein Urteil des Landgerichts Göttingen von 1985.”
Doch auch das ist falsch*. Christliche Kirchen dürfen sehr wohl als “Verbrecherorganisation” bezeichnet werden, sogar als “größte Verbrecherorganisation aller Zeiten”, und ein entsprechendes Urteil stammt zwar aus dem Jahr 1985, jedoch nicht vom Landgericht Göttingen, sondern vom Amtsgericht Bochum.
Und für alle, die das jetzt noch genauer wissen wollen, war’s nämlich so: Im November 1984 wurde in ein paar deutschen Städten ein Flugblatt verteilt, das ein Bochumer Medizinstudent verantwortete und in dem sich das “Kommitee zur Abschaffung von §166 StGB” kritisch damit auseinandersetzte, dass ein Mitglied des “Internationalen Vereins zur Verbreitung der Lebensfreude e.V.” wegen des Verteilens von Aufklebern mit den Aufschriften “Lieber eine befleckte Verhütung als eine unbefleckte Empfängnis” sowie “Masochismus ist heilbar” in Göttingen zu einer Geldstrafe von 400 D-Mark verurteilt worden war. In dem Flugblatt hieß es u.a. dazu: “(…) wer über die Machtpolitik der Kirche aufklärt und beim Namen nennt, daß sie die größte Verbrecherorganisation aller Zeiten ist, die einen in der Geschichte einmaligen Rekord an Folter und Mordopfern aufweist – 22 Millionen allein während der Kreuzzüge – (…) muss mit hohen vom Staat verhängten Strafen rechnen.” Im Zuge der Ermittlungen gegen den Studenten fanden drei Hausdurchsuchungen bei ihm statt. Doch nachdem es dem Kirchenkritiker Karlheinz Deschner mit einem 30-seitigen Gutachten offenbar gelungen war, dem Gericht glaubhaft zu machen, dass es sich bei der christlichen Kirche tatsächlich um die größte Verbrecherorganisation aller Zeiten handeln könnte, endete die mündliche Verhandlung im Oktober 1985 nach wenigen Stunden mit einem Freispruch.
Und eigentlich sollte eine Zeitung wie “Bild”, die immer wieder die Nähe zur Katholischen Kirche sucht und deren Chefredakteur und Herausgeber selbst bekennender Katholik ist, sowas wissen (oder in einem Buch nachlesen), statt ihren über elf Millionen Lesern die Unwahrheit zu erzählen* nur die halbe Wahrheit zu erzählen.
Mit Dank auch an Zeljko K. für den Hinweis!
*) Nachtrag, 8.2.2006:
Wir müssen uns korrigieren: Auch im Fall der in Göttingen zu 400 D-Mark Strafe verurteilten Birgit Römermann ging es nicht nur um die oben erwähnten Aufkleber, sondern ebenfalls um ein Flugblatt mit der Äußerung: “Sieht man sich die Geschichte der Kirchen an, ist man Mitglied einer der größten Verbrecherorganisationen der Welt. Hexenverfolgungen, 6 Millionen Frauen verbrannt, Völkermorde, Religionskriege, Kreuzzüge, Unterdrückung und Verarschung des Volkes durch alle Jahrhunderte, Judenverfolgung, Segnung von Waffen, Verteufelung der Lust und und und, um nur einige Beispiele zu nennen.” Und auch in der Bezeichnung “Verbrecherorganisation” erkannte das Landgericht Göttingen 1984 (!) einen Verstoß gegen § 166 StGB. Insofern stimmt, was “Bild” behauptet. Allerdings entschied ein anderes Gericht ein Jahr später in einem anderen Fall anders. Die Frage, ob die Bezeichnung “Verbrecherorganisation” verboten ist oder nicht, hängt also im Einzelfall u.a. davon ab, ob sie den öffentlichen Frieden stören kann oder nicht.
Quasi als Zusatzinformation für die Leser behauptet Bild.de seit gestern in einem Artikel über die “luder-lichsten Polizeifotos der Welt” (?), Prostitution sei “in den USA verboten, nur in der Spielerstadt Las Vegas erlaubt”.
Das ist nicht richtig. Prostitution ist fast überall in den USA verboten, außer in den meisten Bezirken von Nevada. Clark County, in dem auch Las Vegas liegt, gehört jedoch zu den wenigen Bezirken Nevadas, in denen Prostitution verbotenist.
Mit Dank an Peter R. für den Hinweis.
Nachtrag, 14:30:
Obige Bild.de-Meldung findet sich heute unter der Überschrift “Huren-Pranger” …ups, “Huren-Pranger” auch in der gedruckten “Bild”. Dort heißt es korrekt: “In den meisten Bundesstaaten der USA ist Prostitution verboten. Ausnahme: Teile von Nevada in der Umgebung der Sündenstadt Las Vegas.” (Und weil Bild.de wiederum die “Bild”-Meldung übernommen hat, steht’s dort nun zwei Mal, einmal richtig, einmal falsch.)
Franz Josef Wagner fragt sich heute in seiner “Bild”-Kolumne, ob “wir in Deutschland unter Gedächtsnisschwund” leiden. Er schreibt den “Eltern der Geiseln”:
Ihre im Irak entführten Söhne waren auch in den Medien verschwunden. Keine Meldung auf Seite 1, nichts in der Tagesschau. Ein Grund kann die Osthoff-Ermüdung sein, die menschliche Mitleidseele hat sich ausgeweint. Wiederholungen im Fernsehen sind außerdem langweilig. (…)
Ich frage mich, warum die Eltern dieser Söhne alleine weinen müssen.
Und der Rest Deutschlands Angst vor der sich anbahnenden Grippe hat.
Auf manche Fragen Wagners gibt es Antworten. Einige stehen heute in der “Süddeutschen Zeitung”:
“Je höher die Medienpräsenz einer Geisel, desto höher wird der Preis für sie.” (…)
Der Auftritt bekannter Politiker und der Familie im Fernsehen habe die Summe für Osthoffs Freilassung klar nach oben getrieben, heißt es (…). Deshalb agiert der Krisenstab im neuen Geiseldrama völlig anders. Diesmal gibt es keine Videoaufnahmen von den Familien der Entführten. (…) Diesmal treten keine bekannten Politiker auf, diesmal schwört der Krisenstab auf Ruhe; insbesondere gegenüber den Medien.
Über Details der Entführung sollten Zeitungen, Fernseh- und Radiosender nicht berichten, appellierte Außenminister Frank-Walter Steinmeier. “Nehmen Sie bitte Rücksicht.”
Ganzseitig berichtet die Berlin-Brandenburg-Ausgabe der “Bild”-Zeitung heute über die Stippvisite von Angelina Jolie und Brad Pitt in Berlin (siehe Ausriss). Wer allerdings glaubt, das fast Din-A-4-große Foto über der Überschrift “Hier huschen Brad Pitt und Angelina Jolie über den Potsdamer Platz” habe irgendwas damit zu tun, dass Brad Pitt und Angelina Jolie über den Potsdamer Platz huschen, irrt. Das Foto ist fast eine Woche alt und zeigt Jolie und Pitt im schweizerischen Davos. Das große Wörtchen “Hier” in der Überschrift bezieht sich, wie der kleine schwarze Keil darunter (siehe Ausriss rechts) andeutet, auf drei ausgesprochen unscharfe Fotos, die ein 23-jähriger Politik-Student mit seinem Fotohandy gemacht hat.
PS: Außerdem zeigt “Bild” u.a. noch ein weiteres Foto von Pitt und Jolie, das die beiden ebenfalls nicht in Berlin, sondern vor gut einer Woche auf einem Londoner Flughafen zeigt. Statt auf diesen Umstand hinzuweisen, hat “Bild” sich jedoch entschieden, etwas ganz anderes neben das Foto zu schreiben – nämlich:
“‘Quod me nutrit me destruit’ (‘Was mich nährt, zerstört mich’) steht auf Angelina Jolies Babybauch. Ein Tattoo, das sie sich vor kurzem erst stechen ließ”
(Hervorhebung von uns.)
Und das ist insofern dumm, als das Tattoo zwar vor kurzem erst Schlagzeilenmachte, aber offenbar aus dem Jahr 1997 stammt.
Dies ist die Geschichte, wie der Hamburger CDU-Politiker Robert Heinemann einmal ganz groß bundesweit Schlagzeilen machte.
Es fing ganz unspektakulär an. Am Dienstag vergangener Woche gab Heinemann mehreren Zeitungen Interviews. Es ging um die aktuelle Diskussion, ob auf Schulhöfen deutsch Pflichtsprache sein sollte. Heinemann äußerte sich differenziert: Er begrüße solche Regeln, aber die Schulen dürften und müssten das selbst entscheiden. Eine Regelung “von oben” lehnte er laut “Hamburger Morgenpost” ausdrücklich ab. “Wir werden das nicht vorschreiben”, zitiert ihn das “Hamburger Abendblatt”.
In “Bild” las sich das am selben Tag schon etwas knackiger. Die Hamburger Ausgabe zitierte Heinemann am Mittwoch mit den Worten:
“Sanktionen müßten die Schulen selbst festlegen. Mögliche Strafe: Wer nicht deutsch spricht, soll den Schulhof fegen.”
Die Formulierung fand Heinemann, wie er später erklärte, “zwar erheblich verkürzt — aber noch nicht völlig falsch”. Eigentlich habe er dem “Bild”-Redakteur auf die Frage nach den Sanktionsmöglichkeiten für Schulen, die eine Deutschpflicht durchsetzen wollten, nur geantwortet, dass viele Maßnahmen denkbar seien: “vom erzieherischen Gespräch über Verfahren wie bei den Streitschlichtern bis hin zu Strafmaßnahmen wie dem Fegen des Schulhofes”. Am Mittwoch habe er den “Bild”-Redakteur angerufen und ermahnt, dass das ihm zugeschriebene Zitat “journalistisch an der Grenze” sei.
Am Donnerstag überschritt “Bild Hamburg” diese Grenze und machte aus der möglichen Maßnahme eine Forderung:
In einer Fotounterschrift machte “Bild” aus Heinemann sogar eine Art Grammatik-Polizisten:
Wer nicht richtig deutsch spricht, soll fegen, meint Schulexperte Robert Heinemann.
(Hervorhebung von uns.)
Heinemann sagt, er habe sich daraufhin “massiv bei der Bild-Zeitung beschwert”. Das scheint keinen großen Eindruck gemacht zu haben. Am Freitag erschien die Falschmeldung groß in der Bundesausgabe von “Bild”:
Und am Samstag wieder in der Hamburger Ausgabe, diesmal als “Spruch der Woche”:
Erst am gestrigen Montag, nachdem Heinemanns angebliches Zitat von vielenanderenMedienaufgegriffen worden war, erschien in “Bild” Hamburg so etwas wie eine Richtigstellung. Wobei die “Bild”-Zeitung über die Richtigstellung natürlich nicht “Richtigstellung” schrieb, sondern:
Nichts deutet darauf hin, dass sich in dem folgenden Interview quasi “Bild” korrigiert und nicht Heinemann. Es sei denn, man kennt den Hintergrund – dann versteht man auch die merkwürdig trotzköpfige Fragestellung von “Bild”:
PS: Unsere Anfrage bei “Bild”, zu Heinemanns Vorwürfen Stellung zu nehmen, blieb unbeantwortet.
Nachtrag, 1. Februar. Inzwischen haben wir eine Antwort von “Bild” bekommen. Sie lautet: “Von unserer Seite gibt es dazu nichts zu sagen.”