Die Geschichte klingt aber auch wirklich gut: James Bittner, seines Zeichens Langzeit-Ersatztorwart bei zahlreichen englischen Fußballklubs, hat nach 13 Jahren des Wartens seine ersten Einsatzminuten in einer Profiliga bekommen.
Da ist der zähe Engländer doch schon seit 13 Jahren Fussball-Profi, spielte bei Swindon, Bournemouth, den Queens Park Rangers, Fulham Exeter, Torquay, Woking, Salisbury, Forest Green, Hereford, Newport und seit 2014 bei Plymouth — und stand tatsächlich noch keine Sekunde im Tor!
Dass am vergangenen Wochenende nun 5400 Sekunden plus Nachspielzeit dazugekommen sind, liege vor allem daran, dass der Stammtorhüter von Plymouth eine längere Haftstrafe absitzen müsse und deswegen Ersatzmann Bittner ran dürfe. Noch so ein irrer Aspekt an dieser Story.
Also, zusammengefasst:
Dieser Typ hat Sitzleder! Die Geschichte von James Bittner (33) ist unglaublich — und extrem lang.
“Unglaublich” ist die Geschichte von blick.ch ebenfalls — und extrem verspätet. Denn Bittner hatte schon einmal einen Einsatz als Profi: Im Januar wurde er im Viertligaspiel — die vierte Liga zählt in England zum Profibereich — gegen Morecambe für eine Halbzeit eingewechselt. Und auch die Sache mit dem Gefängnisaufenthalt des Stammtorwarts liegt schon eine Weile zurück: Luke McCormick wurde bereits 2008 wegen fahrlässiger Tötung durch rücksichtsloses Fahren und Fahren unter Alkoholeinfluss zu einer Haftstrafe von sieben Jahren und vier Monaten verurteilt. 2012 kam er wieder frei. Am vergangenen Wochenende fehlte McCormick wegen einer Verletzung.
Zwar berichten auch zahlreiche britische Medien über Bittners besonderen Einsatz am vergangenen Wochenende. Allerdings schreiben sie vom “first league start”, also von seinem ersten Spiel von Beginn an.
Blick.ch beruft sich übrigens auf einen Bild.de-Artikel. Dort steht die Sache mit dem “Startelf-Debüt” immerhin in der Überschrift richtig …
… im Artikel heißt es aber:
Die Zahl seiner Einsätze in einer der vier englischen Profiligen: 0!
Und bei derwesten.de bekommen sie es sogar hin, in einem kurzen Absatz gleich drei vier Fehler (Alter, Vereinsname, Liga, Anzahl Profispiele) einzubauen:
34 Jahre alt ist der Torwart, der mittlerweile für Plymouth Arglye in der dritten englischen Liga das Trikot überstreift. Denn das kann er eigentlich am besten: nur das Trikot überstreifen. Diesen fiesen Gedanken könnte man zumindest haben, wenn man weiß, dass James Bittner vor 13 Jahren erstmals im Match-Kader eines Profiklubs auftauchte und seitdem genau null (!) Profispiele gemacht hat.
Man könnte auch den fiesen Gedanken haben, dass der Autor null (!) recherchiert hat.
“Sehr reibungslos und sehr schnell und sehr professionell“ sei die “Bild”-Berichterstattung über die Anschläge von Paris abgelaufen, hat Bild.de-Chef Julian Reichelt gestern im “Aufwachen!”-Podcast erzählt. Die “Bild”-Medien hätten ihren Usern und Lesern …
alles geboten, was es an Nachrichtenlage gab, ohne, das kann man jetzt mit dem Rückblick sagen, in irgendeine Falle zu tappen, irgendeinen Fake zu veröffentlichen, der kursiert hat, ohne, aus meiner Sicht, eine zu alarmistische Sprache zu verwenden, was ja in dieser Situation gerade mit der Flüchtlingskrise in Deutschland meiner Meinung nach sehr wichtig ist, da nicht auf Sprache hereinzufallen, die sozusagen dann eine Religion kriminalisiert, sondern die nah bei den Fakten bleibt, und ich glaube, das ist uns sehr gut gelungen.
Es ist schon sehr bezeichnend für Julian Reichelt und sein Verständnis von Journalismus, dass er offenkundig stolz auf diese Punkte ist, aber es ist noch bezeichnender, dass keiner davon stimmt.
Fangen wir mit einem harmlosen Beispiel an:
Der Eintrag stammt aus dem Liveticker von Bild.de. Damit verbreitete das Portal einen der ersten Fakes, die nach den Anschlägen kursierten. In Wahrheit wurde die Beleuchtung des Empire State Buildings am Freitagabend ausgeschaltet. Rot-weiß-blau beleuchtet war es im Januar nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“.
Eine andere Falschmeldung, die (nicht nur) von Bild.de verbreitet wurde, ist die mit der Playstation.
Nach den Terror-Anschlägen in Paris hat Belgiens Innenminister davor gewarnt, dass die Playstation 4 sich bei Terroristen zunehmender Beliebtheit erfreut.
Grund: die Spielkonsole bietet ein eigenes Netzwerk für private Gruppen und Sprach-Chats. Zudem gibt es die Möglichkeit, direkt in Online-Spielen zu kommunizieren. (…)
Auch bei den Ermittlungen zu den Anschlägen in Paris sollen in Brüssel Beweise gefunden worden sein, die nahelegen, dass die Attentäter mindestens eine PS4-Konsole genutzt haben, berichtet „Forbes“.
Es stimmt, dass der belgische Innenminister gesagt hat, Terroristen könnten die Playstation als Kommunikationskanal benutzen. Das war allerdings am 10. November — drei Tage vor den Anschlägen in Paris.
Auch dass bei den Ermittlungen irgendwelche PS4-Beweise gefunden worden seien, ist falsch. Der Autor des „Forbes“-Artikels hat auf Nachfrage des Videospiel-Portals kotaku.com gestern eingeräumt:
“This was actually a mistake that I’ve had to edit and correct,” writer Paul Tassi told me this afternoon. “I misread the minister’s statement, because even though he was specifically saying that PS4 was being used by ISIS to communicate, there is no public list of evidence list of what was found in the specific recent raids. I’ve edited the post to reflect that, and it was more meant to be about discussing why or how groups like ISIS can use consoles. It’s my fault, as I misinterpreted his statement.”
Immerhin: Heute hat Bild.de den Artikel korrigiert.
Ein anderes Beispiel. In den ersten Stunden nach Bekanntwerden der Ereignisse verkündete Bild.de immer neue Opferzahlen:
Natürlich war die Lage in den Stunden nach den Anschlägen völlig chaotisch, niemand konnte genau sagen, wie viele Menschen getötet wurden oder was überhaupt passiert war. Aber wäre es nicht gerade in solchen Situationen die Aufgabe von Journalisten, die gesicherten Informationen zusammenzutragen, statt Gerüchte als Gewissheiten zu verkaufen und mit Ausrufezeichen in die Welt zu posaunen?
Welche Folgen so etwas unter Umständen haben kann, zeigt ein anderer Fall.
Am Samstag tauchten Berichte auf, nach denen an einem der Anschlagsorte der Pass eines syrischen Flüchtlings gefunden wurde. Wenig später teilte der griechische Minister für Migration mit, dass der Pass im Oktober von einem Flüchtling zur Einreise nach Griechenland benutzt worden sei.
Viele Medien warnten daraufhin vor voreiligen Schlussfolgerungen. Es sei „noch völlig unklar, ob es sich bei dem Mann, auf den der Pass ausgestellt ist, auch tatsächlich um den toten Attentäter handelt“, schrieb etwa sueddeutsche.de am Sonntagabend:
Zwischen all den Toten lag ein syrischer Pass. In der Nähe eines der Männer, die sich am Freitag während des Länderspiels in Paris am Stadion in die Luft sprengten, wurde das Dokument gefunden. Es wurde Anfang Oktober bei der Einreise nach Griechenland genutzt, der Besitzer ließ sich als Asylbewerber registrieren. Sollten einer oder mehrere Attentäter auf diesem Weg nach Europa gekommen sein, wäre das eine Steilvorlage für jene Politiker und Gruppen, die versuchen, das Attentat in Zusammenhang mit den gestiegenen Flüchtlingszahlen zu bringen. Sie wollen die Flüchtlingsdebatte mit jener über Terrorismus verknüpfen. Doch noch ist es zu früh, um eindeutig zu sagen, ob tatsächlich ein Syrer an den Anschlägen beteiligt war.
Dennoch verkündete Bild.de schon am Samstag:
Da war sie also, die Steilvorlage.
Noch einmal: Zu diesem Zeitpunkt war lediglich klar, dass der Pass eines angeblichen syrischen Flüchtlings in der Nähe des Stade de France gefunden wurde. Dass er dem Attentäter gehörte, war eine Mutmaßung, kein Fakt. Er hätte auch einem der Opfer gehören können. Oder jemand ganz anderem.
Es gab beispielsweise auch Berichte von einem ägyptischen Pass, der an einem Anschlagsort gefunden wurde. Einige Medien behaupteten auch in diesem Fall, er gehöre einem der Terroristen. Inzwischen hat der ägyptische Botschafter in Paris mitgeteilt, dass der Besitzer des Passes keiner der Attentäter sei, sondern eines der Opfer — ein Fußballfan, der bei den Anschlägen schwer verletzt wurde.
Was, wenn sich herausgestellt hätte, dass es im Fall des syrischen Passes ähnlich war?
Dieser Frage kann Bild.de jetzt allerdings locker aus dem Weg gehen, denn seit gestern gibt es neue Erkenntnisse: Die französische Staatsanwaltschaft gab bekannt, dass die Fingerabdrücke eines der Attentäter zu denen eines Mannes passen, der im Oktober als Flüchtling in Griechenland registriert wurde.
Wie wir Julian Reichelt und seine Truppe kennen, werden sie darin vermutlich den Beleg sehen, dass sie von Anfang an Recht hatten, dass sie das mit dem Flüchtling schon wussten, bevor es die Staatsanwaltschaft wusste, weil sie ja so reibungslos und schnell und professionell arbeiten. Und nicht, dass sie einfach bloß geraten haben, bevor es überhaupt irgendwelche Belege gab.
In den vergangenen Tagen gab es reichlich Kritik an den deutschen TV-Sendern und ihrer Berichterstattung über die Anschläge in Paris. Viel zu spät seien sie gewesen, hieß es in den sozialen Medien, statt Live-Schalten zu Korrespondenten habe es lange Zeit nur Fußballzusammenfassungen und Krimis gegeben. Es meldeten sich aber auch Fürsprecher, die sagten, die Ruhe und das Sich-Zeitnehmen seien genau richtig gewesen.
Wir haben einige Beiträge zu der Diskussion gesammelt.
***
Eine größere Übersicht, “wie das Fernsehen über den Terror in Paris berichtet”, bieten Markus Ehrenberg und Joachim Huber auf tagesspiegel.de
***
Terrorismus in Paris — und eine unerfüllbare Anspruchshaltung (udostiehl.wordpress.com)
Udo Stiehl bloggte noch in der Nacht von Freitag auf Samstag, dass er “so viele absurde Forderungen” noch nie gelesen habe: “Wirklich schockierend waren neben den stetig steigenden Opferzahlen in den Meldungen die Reaktionen, die auf Twitter formuliert wurden. Es entstand eine Erwartungshaltung gegenüber der übertragenden ARD und auch den Medien insgesamt, die schlicht nicht mehr realistisch ist.” Sein Kernargument: Seriöser Journalismus brauche Zeit.
Paris und die Medien: Warum Journalisten nicht so schnell sind wie die Wirklichkeit (stefanfries.tumblr.com)
Stefan Fries unterstreicht und ergänzt Udo Stiehls Gedanken: “Das Bizarre war in diesem Fall, dass das Ereignis nebenan passierte und sogar im Stadion hörbar war. Daraus resultierte vermutlich die Vorstellung, die Kameramänner im Stadion könnten mal eben nach draußen laufen und dort Aufnahmen machen. Allerdings ist es weder technisch noch journalistisch so ohne Weiteres möglich, von einer Fußballübertragung auf die sogenannten Elektronische Berichterstattung (EB) umzuschalten. Auch Sportjournalisten sind zwar Journalisten, aber in der Regel weder Experten für Terror noch kennen sie sich an den Orten aus, von denen sie über Fußball berichten. Zumal man ihnen aus Sicherheitsgründen auch nicht zumuten kann, an die Tatorte von laufenden Terrorangriffen zu kommen.” Im Medienmagazin “Breitband” spricht Fries darüber, wie beim “Deutschlandfunk” mit der Situation umgegangen wurde (ab Minute 4:20).
Terror in Paris, die ARD, Twitter und Journalismus: Be first, but first be right (journalismus-handbuch.de, Paul-Josef Raue)
Paul-Josef Raue reagiert ebenfalls auf Udo Stiehls Blogeintrag (er macht Stiehl versehentlich zum “Tagesschau-Sprecher” und seine Website versehentlich zum “Tagesschau-Blog”), allerdings kritischer: “Stiehls Hinweis ist richtig: Das Fernsehen lebt von Bildern. Nur: Wenn es die nicht gibt, reichen Sätze, als Laufband ins laufenden Programm eingeblendet, so wie es an Wahlabenden passiert, wenn der Ausgang unklar ist und der ‘Tatort’ läuft.”
“Was ich hier sage, sind Vermutungen” (blogmedien.de, Horst Müller)
Horst Müller schreibt über die “Hilf- und Ratlosigkeit öffentlich-rechtlicher Korrespondenten in Krisensituationen”. Er liefert eine Komplettabschrift des Gesprächs zwischen Susanne Daubner und Ellis Fröder in der “ersten Tagesschau-Sondersendung am späten Freitagabend”, die seiner Meinung nach zeige: “Wenn die ‘Mutter aller deutschen Fernsehnachrichten’ als erste Sondersendung nach dermaßen dramatischen Ereignissen wie am Freitagabend in Paris, lediglich ein sechs Minuten langes Geplänkel zweier in dieser Situation offensichtlich überforderter Fernsehfrauen zustande bringt, dann ist das schon fast eine Bankrotterklärung gegenüber den Zuschauern.” Felix Schwenzel antwortet (siehe letzer Link): “ich finde das gespräch, im gegenteil zu horst müller, allerdings beispielhaft gut: keine spekulationen, bzw. vermutungen klar als solche kennzeichnen, keine übereiligen schlussfolgerungen, dafür aber ein paar hintergründe die als gesichert gelten können.”
Medien in Extremsituationen: Abwarten? Live drauf? (falk-steiner.de)
Falk Steiner findet, das Warten von ARD, ZDF, n-tv und N24, “bis die Studioschminke sitzt, bis die Korrespondenten anrufbar sind”, lasse die Zuschauer allein: “Es muss nicht jede aufgeregte Meldung aufgegriffen werden. Aber soll Journalismus die Menschen nicht genau dann erreichen, wenn sie sich Fragen stellen? Ich meine: ja.”
Paris (dwdl.de, Hans Hoff)
Hans Hoff könnte sich für den Ernstfall und bei unklarer Nachrichtenlage “eine Vertrauensperson” vorstellen, die im TV auch mal sagen könne, dass sie nichts wisse, aber immerhin da wäre: “Vielleicht wäre es für alle Sender richtiger, sich nicht nur als reines Informationsmedium zu begreifen, sondern auch als zentrales Lagerfeuer, an dem jemand sitzt und einfach redet, eine kluge Frau, ein weiser Mann, eine Vertrauensperson.”
Wie ich die Attentate von Paris in der heute+ Redaktion erlebte (danielbroeckerhoff.de)
Daniel Bröckerhoff erwartete am Freitagabend eine ruhige Moderation von “heute+”, dann die ersten Eilmeldungen, komplette Programmumplanung und zweieinhalb Stunden Livestream: “Als ich im Auto sitze fühle ich mich als hätte ich gerade eine Breaking-News-Simulation mit VR-Brille gespielt. Ist das heute Abend wirklich passiert?”
ARD-Mann Bartels: “Mir haben die Knie gezittert” (sueddeutsche.de, Filippo Cataldo)
Filippo Cataldo wundert sich, dass das Erste am Freitagabend lange Zeit weiter aus dem Stade de France berichtete, während im ZDF, bei n-tv und N24 bereits Sondersendungen liefen: “Und in der ARD? Wurde man das Gefühl nicht los, dass die Sportreporter da ziemlich im Stich gelassen wurden von der Zentrale und den News-Spezialisten. Während des Spiels war nicht mal ein Lauftext mit Hinweis auf die Attentate eingeblendet worden. Auch innerhalb des Senders gab es dafür Kritik.”
Zum Menschen werden (faz.net, Tobias Rüther)
Tobias Rüther resümiert den TV-Abend (und die TV-Nacht) im Ersten und denkt über die medienkritischen Fragen bei Twitter nach, was denn die ARD da mache: “Sportfritzen, really? Aber man sitzt nur da und denkt: Quatsch, Leute, schaut doch nur mal in die Gesichter von Matthias Opdenhövel und Mehmet Scholl — aus denen etwas gewichen ist, was sonst immer da ist; jetzt steht in diesen Gesichtern etwas geschrieben, was sie selbst gar nicht in Worte fassen können, obwohl sie ständig darum gebeten werden.”
Wenn die Realität den Journalisten überholt (ksta.de, Joachim Frank)
Joachim Frank über die “schier nicht zu stämmende Herausforderung” für Printjournalisten, die Ereignisse von Freitagnacht “umfassend in der Samstagsausgabe abzubilden”, und Produktionsbesonderheiten beim “Kölner Stadt-Anzeiger”: “Wir möchten unsere Leser so aktuell wie möglich informieren. Aber auch glaubhaft, durch seriöse Quellen bestätigt. Die vorschnelle Weitergabe ungeprüfter Informationen, die sich im Minutentakt überschlagen – das kann und darf unsere Sache nicht sein.”
DJV dankt Journalisten (djv.de, Hendrik Zörner)
Der DJV-Vorsitzende Frank Überall findet, die Medien hätten “eine großartige Leistung” gezeigt: “‘Die Journalistinnen und Journalisten haben sich bewusst die Zeit genommen, um das zu tun, was ihre Aufgabe ist: sauber recherchieren'”.
Durch die Nacht mit dem Wolf (taz.de, Jürn Kruse)
Jürn Kruse schaut sich an, wie CNN, Moderator Wolf Blitzer und die ihm zugeschalteten Experten die Anschläge in Paris zu einer Livesendung verwursten: “In einer Folge der Fernsehserie ‘Die Simpsons’ fragt der Nachrichtensprecher Kent Brockman einen Experten: ‘Würden Sie empfehlen, dass alle in Panik geraten?’ Man hielt diese Frage aus dem Mund Blitzers an diesem Abend nicht für ausgeschlossen. Der Experte bei den Simpsons antwortet übrigens: ‘Allerdings, Kent.’ Man hielt diese Antwort aus dem Mund des CNN-FBI-CIA-Experten für ebenso wenig ausgeschlossen.”
News Media Scrambles to Cover Paris Shootings (nytimes.com, John Koblin, englisch)
John Koblin fasst zusammen, wie die US-Sender CNN, Fox News und MSNBC aus Paris berichteten: “For news organizations, one difference between the Paris attacks and breaking stories like the racial unrest in Ferguson, Mo., or Baltimore was the ability to send out a wide team of reporters instantly. That was far more difficult in this case, as the organizations had to rely on foreign networks for video feeds in the early hours. Even showing messages from social media was difficult because many of the initial postings on Twitter and Facebook were in French.”
Kommentar: Gerüchteküche soziale Medien (indertat.info, Mika Beuster)
Mika Beuster mit einigen Beispielen von verbreiteten falschen Infos in den sozialen Medien und dem Fazit: “Professioneller Journalismus und traditionelle Medien werden gebraucht. Verlässliche, nüchterne und einordnende Informationen, die aber nicht zynisch oder unempathisch aufbereitet werden, sind gerade in Krisenzeiten wichtig, damit sich die Öffentlichkeit ein Bild machen kann. Wer sich am Freitagabend nur über soziale Medien über die Geschehnisse in Paris informiert hat, lief Gefahr, ein recht schiefes Bild zu erhalten.”
Die Macht und Gefahr der sozialen Medien im Angesicht des Terrors (felixbeilharz.de)
Felix Beilharz über die Vor- und Nachteile der sozialen Medien in extremen Situationen wie Freitagnacht: “In jedem Fall hat der Tag gezeigt, welche Rolle die sozialen Medien für unsere Gesellschaft spielen. Als Kanal für Information, Hilfe und Berichterstattung — aber auch für Missinformation, Verängstigung und im schlimmsten sogar zur Unterstützung der Ziele der Terroristen.”
#Paris: The power, the horror, and the distortions (bbc.com, Dave Lee, englisch)
Dave Lee über “the power”, “the horror” und “the lies” der sozialen Medien in Krisensituationen: “But during a crisis social media becomes the single most significant platform for news to be spread, eyewitness experiences to be shared and official statements to be made. And inevitably, these same channels amplify misinformation, allowing rash judgements and prejudices to boil to the surface, fuelling fear and ignorance.”
Darf ich mich weigern bestimmte Dinge sehen zu wollen (dasnuf.de, Patricia Cammarata)
Patricia Cammarata schreibt über sich selbst, sie sei “empfindlich. Sehr.” Und: Es gebe Dinge, “die will ich persönlich nicht sehen. Denn ich brauche sie nicht, um Empathie zu empfinden. Ich brauche sie nicht, um mir vorzustellen, wie schlimm bestimmte Ereignisse sind. Meine abstraktes Vorstellungsvermögen war bislang ausreichend.” Felix Schwenzel antwortet Cammaratas Frage, ob sie sich weigern dürfe, bestimmte Dinge sehen zu wollen: “du darfst. du sollst. du kannst.”
Paris. Paris. (anneschuessler.com)
Anne Schüßler zog sich nach all den Nachrichten in klassischen und sozialen Medien zurück, kochte Gulasch und hörte Hörbücher: “Geredet habe ich über die Anschläge mit meinem Mann und den Menschen im Techniktagebuchredaktionschat, denn irgendwo musste es hin, aber es wollte dieses Mal nicht in die Öffentlichkeit. Die schnelle Berichterstattung voller Gerüchte und Annahmen, die ich schon am Abend vorher auf Twitter mitbekam und die mich zwei Stunden nicht losließ, war mir zu viel.”
Je suis … moi — über die Ehrlichkeit der Anteilnahme (stern.de, Micky Beisenherz)
Micky Beisenherz über ein selbstverordnetes 24-Stunden-Schweigegelübde sowie den verlockenden “Klickkuchen”. Und über Markus Söder, Matthias Matussek und all die anderen, die “ihr Gift ins Netz” twittern: “Es gibt sie nicht mehr, die kurze Zeit des Luftanhaltens, ja, Schnauzehaltens. Noch in das kollektive Entsetzen hinein fangen die ersten an, das Unfassbare auszuschlachten, für ihre Anteilnahme umzumünzen, Stimmung zu machen. Sie werfen Hashtags aus wie Schleppnetze für ihre zersetzenden Gedanken.”
***
Und zum Abschluss noch ein Hinweis: Die “New York Times” hat ihre Paywall geöffnet und bietet die “coverage of Paris attacks” nun kostenlos an. Die “NZZ” hat nachgezogen.
Update, 17. November: Es sind noch ein paar Links dazugekommen:
Trauernd am Lagerfeuer (zeit.de, Lenz Jacobsen)
Lenz Jacobsen über “fünf Stunden Terror-Sondersendungen mit ARD und ZDF”: “Heute, Tagesschau, Sondersendungen, Plasberg, Tagesthemen, Illner: Wer am Samstagabend ein paar Stunden zusah, wie ARD und ZDF die Ereignisse vom Vorabend zu verarbeiten versuchten, traf auf eine merkwürdige Mischung aus Informationsvermittlung und Trauerritual, aus Bericht und Beschwörung.”
Säbelrasseln auf Papier (taz.de, Anne Fromm)
Anne Fromm schreibt, dass die Berichterstattung mit ihren Eilmeldungen und Livetickern längst “Teil des Terrors geworden” sei: “Aber auch handwerkliche Standards leiden. Im hyperventilierenden Onlinegeschäft geht es um Minuten. Da verwischt schon mal die Genauigkeit, da muss schon mal das Zweiquellenprinzip leiden, da werden Kleinigkeiten zu Nachrichten aufgeblasen, und da nimmt man es nicht so genau mit der journalistischen Aufgabe der Reduktion von Komplexität.”
Presserat: 60 Beschwerden gegen “Bild”-Bericht (tagesspiegel.de, Sonja Álvarez)
Sonja Álvarez über ein Foto aus dem Bataclan, das “Bild” und Bild.de veröffentlicht haben — wofür bereits 60 Beschwerden beim Deutschen Presserat eingegangen seien: “Wer das Bild gesehen hat, bekommt es nur schwer wieder aus dem Kopf, es zeigt den Musikclub ‘Bataclan’ nach den Anschlägen am Freitag in Paris: Leichen liegen auf dem Boden, Blutlachen finden sich neben ihnen und auf dem ganzen Boden. Alle großen deutschen Medien haben sich gegen eine so explizite Darstellung entschieden, die “Bild”-Zeitung aber hat das Foto am Montag auf ihrer zweiten Seite gedruckt. Offensichtlich zum Entsetzen vieler Leser. ”
Liberale im Krieg (tagesanzeiger.ch, Constantin Seibt)
Constantin Seibt schreibt mit Blick auf zwei Leitartikel aus der Chefetage, die “NZZ” zeige nach den Attentaten in Paris, dass sie ihre liebralen Wurzeln verloren habe: “Wenn etwas noch gefährlicher ist als fremde Terroristen, sind es die eigenen Liberalen. Sie haben Kopf und Kompass verloren. Und sie haben vergessen, wo sie herkommen.”
ARD-Aktuell-Chef verteidigt Paris-Berichterstattung (tagesspiegel.de, Kurt Sagatz)
Kurt Sagatz mit einer Stellungnahme von ARD-Aktuell-Chef Kai Gniffke: “Kritik hatte es vor allem daran gegeben, weil das Erste am Freitagabend sogar auch dann noch vom Fußball-Freundschaftsspiel Frankreich gegen Deutschland berichtet hatte, als die ersten Anschläge bekannt geworden waren. ‘Es hat eine sehr intensive Diskussion darüber geben, ob es in der ersten Stunde richtig war, im Fußballstadion zu bleiben, dort wo alles begann. Ich habe das nachhaltig am Freitagabend unterstützt, denn nirgendwo war, meiner Meinung nach, in diesen Moment authentischer der schockierte Zustand dieser Stadt zu transportieren, als in diesem Stadion’, sagte dazu nun Kai Gniffke.”
Mit “Borsalino” gegen den Weltuntergang (persoenlich.com, Matthias Ackeret)
Matthias Ackeret wundert sich über das Fernsehprogramm des SRF am Freitagabend: “Als am Freitag in Paris der ‘Krieg’ ausbrach, handelte das Schweizer Fernsehen standesgemäss. Es sendete die französische Gaunerkomödie ‘Borsalino’ mit den Staatshelden Belmondo und Delon. Französischer geht es nicht. Zugegeben: Das mag angesichts der grauenhaften Ereignisse in Paris zynisch klingen. Aber die Informationsleistungen der einzelnen Medien kann man an solchen Tagen messen. Das gute alte CNN machte einen hervorragenden Job, viele andere Sender mit ihren Sonderprogrammen auch. Nicht zu vergessen die privaten Internetdienste, die bei solchen Ereignissen zu Höchstleistungen auflaufen. Aber ‘Borsalino’? Hallo SRF!”
Too little too late: The horror of Paris proves the media need to debunk rumours in real time (medium.com, First Draft, englisch)
First Draft findet, es müssen einen “live ‘service'” geben “where debunking happens in real-time on Facebook, Twitter, and Instagram”: “Certainly, around these events, there have been more efforts by news organisations to debunk information than I’ve seen previously. In the 24 hours after the Paris attacks, I counted at least five articles with titles along the lines of ‘The online rumours about Paris you shouldn’t believe’. (…) While I don’t want to be churlish, this isn’t good enough. These reflective round-up pieces published after the fact are too late.”
Wenn Terrorismus zu Social-Media-Terror führt (blog.gilly.ws, Gilly)
Gilly beschreibt die typischen fünf Stufen der “Empörungs- und Fehlinformations-Maschinerie” in den sozialen Medien: “Ein kurzer Blick auf Twitter und Facebook offenbarte: da ist wieder der gleiche Mist am Laufen, wie immer bei solchen Vorkommnissen. Ich will das hier mal am Fall der Pariser Terrorattacken aufdröseln, grundsätzlich passiert das aber genau in dieser Form bei jeder Katastrophe.”
“Ich steh direkt hinter den Polizisten mit gezogener Waffe”: Der Terror-Porno des “Stern” (stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier über ein Video von “Stern”-Reporter Philipp Weber, der mit seinem Handy Polizisten verfolgt, als die gestern mit gezogener Waffe durch den Pariser Vorort Saint-Denis jagen: “Nichts erfährt der Zuschauer aus diesem Video darüber, was hier los war, wer von den Polizisten gesucht wurde und warum, ob die Situation wirklich so gefährlich war oder warum womöglich nicht. Es ist ein reiner Terror-Porno, den der ‘Stern’ seinen Zuschauern zum gemeinsamen Aufgeilen zur Verfügung stellt.”
Kriegs-Headlines nach #ParisAttacks (ndr.de, Sinje Stadtlich, Bastian Berbner und Janina Kalle, Video, 6:50 Minuten)
“Zapp” schaut auf französische und internationale Schlagzeilen, in denen aktuell häufig das Wort “Krieg” zu lesen ist: “Alle Welt berichtet. Aber schießen die Medien beim Abbilden und Bewerten der Taten übers Ziel hinaus? Der ‘Figaro’ schreibt von ‘Krieg mitten in Paris’, viele andere Zeitungen ziehen mit. Auch international ist in Medien von Krieg die Rede. Sachliche und kritische Berichterstattung ist schwer in Extremsituationen, doch wichtig.”
Exklusiv: Die Stunde der Kreiszeitung (meyview.com, Olaf Meyer)
Olaf Meyer mit einer Dokumentation der Exklusiv-Nachricht der “Kreiszeitung” (und den Reaktionen darauf), dass am Dienstagabend vor dem Stadion in Hannover ein “Rettungswagen mit Sprengstoff” entdeckt worden sei.
Was jetzt passiert und sofort berichtet wird (konradlischka.info)
Konrad Lischka blickt — mit einer Kolumne von Sascha Lobo im Hinterkopf — auf die Berichterstattung von gestern und sieht überall nur Polizisten im Einsatz: “In der Wucht der Berichterstattung wirkt diese Verengungen auf Polizeieinsätze wie die von Lobo gemeinte Abkürzung. Es geht jetzt sofort und zeigt eine Reaktion und Handlungsbereitschaft. Die Ursachen und die lösbaren Probleme analysiert das nicht.”
Nach den Pariser Anschlägen: Zensiert sich das Fernsehen selbst? (blog.ekkikern.com)
Ekki Kern kann nicht nachvollziehen, warum auf der einen Seite von überall zu hören ist, “dass es gerade jetzt wichtig sei, so weiterzumachen wie bisher”, auf der anderen Seite Fernsehsender Thriller mit Terror-Bezug rigoros aus dem Programm nehmen und das mit dem “Respekt vor den Opfern” der Anschläge in Paris begründen: “Ich bin der Meinung, dass jeder, der bereits im Akt der Ausstrahlung eines solchen Films Respekt gegenüber Opfern vermissen lässt, die Wahl hat, den Sender zu wechseln. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass kaum jemand das tun würde.”
Das war Nachrichten-Fernsehen wie vor 30 Jahren — einfach schlecht (stern.de, Jens Maier)
Jens Maier hat am Dienstagabend, als in Hannover die Absage des Fußballländerspiels bekannt wurde, Fernsehen geguckt und findet, die “Öffentlich-Rechtlichen haben an diesem denkwürdigen TV-Abend versagt”: “Liebes ZDF, das war Nachrichten-Fernsehen wie vor 30 Jahren — einfach schlecht. Während die kleinen Nachrichtensender N-TV oder N24 seit kurz vor halb acht, also seit Bekanntwerden der Spielabsage, live aus Hannover berichten und Reporter in unmittelbarer Nähe des Stadions live zugeschaltet sind, zeigen die Mainzer mit ihrer Schar an Mitarbeitern vor Ort, eine Sportmoderatorin im Studio vor einem Archivfoto. Das wirkt nicht nur wie aus der Zeit gefallen, sondern ist es auch. Nur in HD.” Maiers Kollege Carsten Hedböhmer sieht das anders.
CNN anchor blames French Muslims for failure to prevent attacks (washingtonpost.com, Erik Wemple, englisch)
Erik Wemple über zwei CNN-Moderatoren, die Yasser Louati, einen Vertreter eines Kollektivs gegen Islamophobie, fragen, warum die muslimische Community nichts gegen die Attentäter von Paris gemacht hätte: “In the year 2015, a Muslim rep hearing that question would be excused for simply unplugging from the interview and allowing the host to languish in his own ignorance. Louati, however, did his best to combat bigotry”.
Did the media ignore the Beirut bombings? Or did readers? (vox.com, Max Fisher, englisch)
Max Fisher reagiert auf die Vorwürfe (samt falschem Explosionsfoto) in den sozialen Medien, über das Attentat in Beirut hätte niemand berichtet, und dreht den Spieß um: Nicht die Medien hätten die Geschichte ignoriert, sondern die Leser, Zuhörer und Zuschauer: “Yet these are stories that, like so many stories of previous bombings and mass acts of violence outside of the West, readers have largely ignored. It is difficult watching this, as a journalist, not to see the irony in people scolding the media for not covering Beirut by sharing a tweet with so many factual inaccuracies — people would know that photo was wrong if only they’d read some of the media coverage they are angrily insisting doesn’t exist.”
“Was ist mit Beirut?”: Viele Tote ≠ viel Berichterstattung — es kommt darauf an, wo es passiert (watson.ch, Leo Helfenberger)
Leo Helfenberger ist in den sozialen Medien ebenfalls auf zahlreiche Klagen gestoßen, dass über die Anschläge in Paris extrem ausführlich berichtet werde, über die in Beirut hingegen kaum. Das nahm er zum Anlass mal auszuzählen, wie ausführlich in der Schweiz “über 10 schreckliche Ereignisse” (von den Anschlägen in Mumbai bis Srebrenica) berichtet wurde.
Jetzt kommen wir! (tagesspiegel.de, Markus Ehrenberg)
Markus Ehrenberg mit einer Vorschau auf anstehende Satiresendungen und der Frage, ob “jetzt Witze über Hass und Gewalt sein” dürfen: “Die Satiresendung ‘Die Anstalt’ lief bereits am Dienstagabend wieder nach Plan. Komiker Alfons ging darin auf den Terror von Paris ein. ‘Satire möchte Bezug auf die aktuelle politische Entwicklung nehmen’, sagt ein ZDF-Sprecher. ‘Deshalb versuchen wir in allen Formaten angemessen auf die Situation nach den Anschlägen zu reagieren.’ Der Chefredakteur des Satiremagazins ‘Titanic’, Tim Wolff, betont: ‘Satiriker dürfen in Zeiten des Terrors so weit gehen, wie sie es für angemessen halten, aber nicht so weit wie Terroristen.'”
IS bedankt sich bei Medien für Hilfe bei Verbreitung von Angst und Schrecken (der-postillon.com)
“Der Postillon” hat exklusiv die neueste Videobotschaft des sogenannten “Islamischen Staats” gesehen, in der die Terrormiliz sich ausgiebig bei deutschen und europäischen Medien bedankt: “Einen besonderen Dank sprach der IS-Kämpfer an Bild.de aus. ‘Der gesamte obere Teil der Seite ist für uns reserviert. Überschrift: ‘Terror-Angst in Europa’ Danke! Vielen Dank! Schöner hätten wir das nicht formulieren können.'”
Update, 24. November:
ARD World Service (taz.de, Anne Fromm)
Anne Fromm geht in Anbetracht der Berichterstattung über die Anschläge in Paris der Frage nach, ob “wir einen öffentlich-rechtlichen 24-Stunden-Nachrichtensender” brauchen: “Hätte in dieser Situation nicht ein öffentlich-rechtlicher Nachrichtenkanal geholfen? Ein Sender, der auf das weltweite Korrespondentennetz zugreifen kann, dessen Moderatoren geschult sind, schnell und souverän zu reagieren, und der live gehen kann, sobald in der Welt etwas passiert. Die BBC hat so einen Sender: BBC World Service. In den USA gibt es CNN. In der arabischen Welt Al-Dschasira. In Frankreich France24, in Israel I24. Warum leisten sich die Öffentlich-Rechtlichen so einen Kanal nicht?”
Im Interview die Pariser Journalistin Suzanne Krause (br.de, Daniel Ronel, Audio, 7:07 Minuten)
Daniel Ronel spricht mit der “Pariser Journalistin” Suzanne Krause über die Reaktionen der französischen Medien auf den Terror in Paris.
Lektionen in Hasspropaganda (erbloggtes.wordpress.com)
“Erbloggtes” hat sich einzelne Berichte aus Israel und Palästina zu den Attentaten in Paris angeschaut und leitet aus den darin konstruierten “Wir” und “Die” einige “Lektionen in Hasspropaganda” ab: “Erlaubt es ein Blick in fremde Deutungen der Pariser Anschläge, besser wahrzunehmen, was bei der Betrachtung der eigenen Deutungen verborgen bleibt? Dies soll hier unternommen werden, und zwar ausgehend von Deutungen aus Israel/Palästina über amerikanische bis hin zu deutschen Interpretationen von ISIS, seinen Gegnern und seinen Verbündeten.”
Neue Töne von der Falken-Strasse (medienwoche.ch, Nick Lüthi)
Nick Lüthi liest einen Kommentar von “NZZ”-Chefredakteur Eric Gujer und bemerkt, dass “der Begriff der Freiheit kein einziges mal” vorkomme, “Sicherheit dagegen sechs mal”: “Wenn Eric Gujer beim Amtsantritt angekündigt hatte, das liberale Profil der NZZ schärfen zu wollen, dann lag die Betonung wohl stärker auf schärfen und weniger auf liberal.”
Die NZZ ruft zum Krieg der Religionen auf (infosperber.ch, Christian Müller)
Christian Müller über einen “NZZ”-Feuilleton-Artikel, der “von Einseitigkeit, Einäugigkeit, von historischer Verkürzung und Simplifizierung” strotze: “Der nicht etwa als Gastbeitrag auf der täglichen Seite ‘Meinung & Debatte’ abgedruckte, sondern als Feuilleton-Seitenaufmacher platzierte Leitartikel von Necla Kelek schliesst mit dem Satz: ‘Es besteht kein Generalverdacht gegen die Muslime, aber die Unschuldsvermutung gilt auch nicht mehr.’ Eine juristische Glanzleistung. Es ist zu befürchten, dass auch die Unschuldsvermutung gegenüber der NZZ-Redaktion nicht mehr angezeigt ist. Oder in Necla Keleks bildhaften Worten: Die NZZ ist — mittlerweile — ein rauchender Colt.”
Hört auf mit dem Terror-Porno (ankerherz.de, Stefan Kruecken)
Stefan Kruecken über “eine durchgedrehte Medien-Welt”, die sich darin überbiete, die Angst vor Terror weiterzutreiben: “Gut für die Auflage, gut für die Klick-Zahl. Aber sonst? Wenn die Satire-Seite ‘Postillon’ vermeldet, dass sich der IS für die Verbreitung von Angst und Schrecken bedankt, kann man darüber kaum noch lachen. Es ist leider wahr.”
Gedanken zu Terror: Angst. Macht. Sprache. (blog.patrickbreitenbach.de)
Patrick Breitenbach schreibt ebenfalls über die Verstärkerfunktion der Medien: “Seit einer Woche ist ganz Europa in Angst und Schrecken versetzt und zwar mit Hilfe von Taten, Worten und Bildern. Die Tat an sich ist minimal im Vergleich zu den schrecklichen Taten, die in aller Welt stattfinden. Der Aufwand der Tat war minimal und doch so gewählt, dass der Transport der Tat durch Sprache und Bilder eine maximale Dimension annehmen konnte.”
Medien, Polizei und die Inszenierung des Terrorismus (zeit.de, Yassin Musharbash)
Yassin Musharbash in einer Rede über die Dilemmata (“In der Tat sind Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit der Sauerstoff des Terrorismus. Und mehr als jede andere Gruppe entscheiden Journalisten über die Verteilung dieser beiden Ressourcen.”) und Maxime (“Auch unter Einsatz weniger signifikanter Ressourcen und geringerer Gefahren sind solche Geschichten machbar. Die Erkenntnis ist in jedem Fall dieselbe: Das Gegengift zu Propaganda und Inszenierung lautet Recherche.”) der Terrorismus-Berichterstattung.
Die Terror-PR-Falle (breitband.deutschlandradiokultur.de, Katja Bigalke, Audio, ab Minute 4:40)
Katja Bigalke spricht mit “Zeit”-Redakteur Yassin Musharbash über die Problematik, die eine ausgiebige Terror-Berichterstattung birgt.
Seltsame Szenen aus der Terror-News-Welt (nzz.ch, Rainer Stadler)
Rainer Stadler beschreibt “seltsame Szenen” rund um die Berichterstattung über die Paris-Attentate (von 1000-Euro-Forderungen von Hobbyfilmern bis zu Artikeln über die Trauer in den sozialen Netzwerken über einen erschossenen Polizeihund): “Anhand von tragischen Ereignissen kann man auch Wegmarken der Medienentwicklung setzen. Als vor zehn Jahren islamistische Extremisten Anschläge auf die U-Bahn in London verübten, waren wohl erstmals auf den Titelseiten der Presse Fotos zu sehen, welche Passanten mit ihren Mobiltelefonen gemacht hatten. Was damals aussergewöhnlich war, ist inzwischen Alltag. Massenmedien und soziale Netzwerke sind in dauernder Interaktion — zur Unterhaltung, zur Leserbindung. Manchmal sogar zugunsten der Information.”
Sofort so nah (sueddeutsche.de, Johannes Boie)
Johannes Boie sieht in Periscope-Live-Reportagen und den Dauernachrichten in sozialen Medien ethische Fragen auf die Rezipienten (und die Medien) zukommen: “Die ständige Präsenz von Handys wird in naher Zukunft dafür sorgen, dass ein Anschlag oder eine Geiselnahme aus Opfer- oder Täterperspektive live oder nur wenig verzögert ins Netz übertragen wird. Und dann? Zuschauen? Wegschauen? Es ist nicht die einzige medienethische Frage, vor die einen die technische Entwicklung der Medien stellt.”
Was sollen denn die Kinder denken? (faz.net, Ursula Scheer)
Ursula Scheer über einen (inzwischen zurückgezogenen) “Logo!”-Beitrag, der Kindern die Anschläge von Paris erklären soll: “Wenn dieser Beitrag etwas lehrt, dann wie man Kindern (und Erwachsenen) die Attentate von Paris nicht erklären kann.”
Kinder im Umgang mit Medien — wie können Eltern helfen? (sfr.ch, Claudio Fuchs)
Claudio Fuchs sieht Probleme, wenn Kinder und Jugendliche ungeschützt der Dauerterrorberichterstattung dieser Tage ausgesetzt sind: “Die ständige Konfrontation mit solchen verstörenden Bildern kann ernsthafte Konsequenzen auf das Wohlbefinden haben.”
Eins muss man Alfred Draxler lassen: So langsam erkennt der Chefredakteur der “Sport Bild” den Mist, den er selbst gebaut hat:
So viel mehr, als sich beim “Spiegel” und dessen Chefredakteur Brinkbäumer für den Hitler-Tagebücher-Vergleich, den Polterauftritt beim “Sport1”-Fußballtalk “Doppelpass” und alldieanderenSticheleien zu entschuldigen, blieb ihm allerdings auch nicht übrig. Denn inzwischen scheint recht klar, dass Draxlers Kumpel Franz Beckenbauer, den er stets verteidigt hat, bei der Vergabe der Fußball-WM einen Bestechungsversuch zumindest geplant hat. Ein Vertragsentwurf mit Beckenbauers Unterschrift lässt das vermuten.
Ich hätte es mir nie vorstellen können. Ich habe immer daran geglaubt, dass wir die WM 2006 auf saubere Art bekommen haben.
Heute früh musste ich aber bei BILD.de berichten, dass beim DFB ein Vertragsentwurf aufgetaucht ist, der möglicherweise als Bestechungs-Versuch benutzt werden sollte. Schon das Datum sagt viel aus: Vier Tage vor der WM-Vergabe am 6. Juli 2000!
Unterschrieben hat dieses Papier mein langjähriger Freund FRANZ BECKENBAUER!!
Bisher dachten wir, Draxlers “Intensivrecherche” fuße einzig auf langen und intensiven Gesprächen mit guten und sehr guten Freunden, die gleichzeitig auch die Beschuldigten in der Affäre sind, zu der Draxler recherchiert hat. Es ist aber noch viel trauriger: Sie fußt vor allem auf Glauben und Nicht-Vorstellen-Können.
ICH BIN MIR BEWUSST, DASS ICH MIT DIESEM ARTIKEL MEINE REPUTATION ALS JOURNALIST UND REPORTER AUFS SPIEL SETZE.
Höchstwahrscheinlich wird dieses Ausdemfensterlehnen keine beruflichen Konsequenzen für Alfred Draxler haben. Es wird nur heiße Luft gewesen sein, die er in diese Zeilen gepackt hat. Nächste Woche wird er vermutlich schon wieder irgendwo “Nachgehakt” haben und mit seiner “Sport Bild” über den “Lohnzettel eines Schalke-Stars” oder die “Fehler-Schiris” sinnieren, als hätte seine “REPUTATION ALS JOURNALIST UND REPORTER” keinen Schaden genommen.
Hätte sich Alfred Draxler nicht freiwillig mit vollem Anlauf und Radschlag-Flickflack-Salto laut flatschend in den selbst aufgestellten Fettnapf geschmissen, könnte man fast Mitleid mit ihm haben. Wenn es tatsächlich so war, dass Franz Beckenbauer Draxler vesichert hat, bei der WM-Vergabe sei alles mit rechten Dingen zugegangen, wurde er von seinem langjährigen Freund belogen.
Inzwischen zeigt sich: Er war nicht mal das. Draxler war offenkundig nur eine willige Marionette, die Wolfgang Niersbach und Franz Beckenbauer benutzen konnten, um über “Bild”, Bild.de und “Sport Bild” ihr eigenes Narrativ des Skandals unter die Leute zu bringen und so ihre persönlichen Positionen zu stärken. In diesem “Sommermärchen” wirkt Alfred Draxler wie der Hofnarr des Kaisers.
Ähnlich närrisch wie Draxlers Verhalten rund um die WM-Affäre waren die Reaktionen seiner Kollegen aus dem Axel-Springer-Verlag. Die ganze “Bild”-Bande hatte dem “Sport Bild”-Chef auf die Schulter geklopft, als der vor zweineinhalb Wochen verkündete: Alles in Ordnung bei der WM-Vergabe. Es schien, als hielten sie Draxlers Artikel tatsächlich für das Ergebnis einer ordentlichen Recherche. Sie feierten ihn als großen Enthüller und taten so, als wäre die ungefilterte Wiedergabe von Aussagen der Beschuldigten Journalismus.
Marion Horn zum Beispiel, Chefredakteurin der “Bild am Sonntag”, hatte zu der Zeit die Hoheit über den Twitteraccount der “Zeit”. Und nutzte die Gelegenheit, um mitzuteilen, dass sie keinen Grund sehe, an Draxlers Recherche zu zweifeln:
1. Adblock Plus: Porno-Seiten und Gewinnspiel-Scam als Akzeptable Anzeigen (mobilegeeks.de, Bernd Rubel)
Hinter den beiden populärsten Werbeblockern “Adblock Plus” und “Adblock” steckt die Kölner Firma Eyeo. “Mobile Geeks” hat deren Geschäftsmodell ausführlich durchleuchtet. Anstelle des (zum Scheitern verurteilten) Versuchs einer Zusammenfassung: Artikel lesen, danach alle Produkte von Eyeo deinstallieren und gegebenenfalls auf Alternativen wie “Ghostery” oder “uBlockOrigin” ausweichen (und Webseiten, die man unterstützen will, auf die Whitelist setzen).
2. Von Diekmanns Gnaden (taz.de, Jürn Kruse)
Kai Diekmann geht, Tanit Koch wird ab 1. Januar 2016 neue “Bild”-Chefredakteurin. Doch Diekmann bleibe Herausgeber, kümmere sich als Oberchef um die “großen Linien” der “Bild”-Marken und throne als “König Kai I.” sowieso über allen, schreibt Jürn Kruse. Dazu auch: Hans Leyendecker über Kai Diekmann, Birgit Baumann und Anne Fromm über Tanit Koch.
3. Gegen Griechenland-Klischees (wdr5.de, Sabine Brandi, Audio, 27:45 Minuten)
Michalis Pantelouris ist Journalist und Publizist, halb Deutscher, halb Grieche, kennt beide Länder und insbesondere die jeweilige Medienszene. Wenn Pantelouris also das Griechenland-Bild in Politik und Medien als “von hanebüchenen Vorurteilen und von unglaublichem Unwissen geprägt” bezeichnet, dann sollte man diese Einschätzung ernst nehmen.
4. Sorry, New York Times: Your Big China Story is “Old News.” (motherjones.com, James West, englisch)
Am Dienstag sorgte eine Recherche der “New York Times” für mittelgroße Aufregung in China und den USA, auch deutsche Medien griffen die Meldung auf. Demnach beschönige China seine CO2-Statistik und verbrenne deutlich mehr Kohle als angegeben. Das Problem laut “Mother Jones”: Diese Informationen sind bereits seit Februar bekannt und längst nicht so überraschend, wie es die “New York Times” darstellt.
5. Der Jochen-Breyer-Arbeitsnachweis (fussballmachtspass.de)
Er hat es schon wieder getan: “Gut ein Jahr nach dem ‘Das Ding ist durch, oder?’-Debakel im Gespräch mit Jürgen Klopp tappte Breyer diesmal im Talk mit Guardiola und Mertesacker gleich in mehrere Fettnäpfchen”, urteilt das Fußballportal “FUMS” und wertet den Abend als “bittere 0:3-Klatsche” gegen ZDF-Mann Jochen Breyer.
6. Medien aus aller Welt übernehmen Meldung des Satire-Portals “Der Postillon” (watson.ch)
Am Montag meldete “Der Postillon”: “Einziger anwesender Syrer auf Syrien-Friedenskonferenz in Wien serviert Häppchen”. Dass es sich dabei um Satire handelt, war manchen Nachrichtenportalen offenbar nicht klar, schreibt watson.ch: “Internationale Medien haben die Story nun dummerweise ein bisschen zu ernst genommen — und als wahre Meldung weiterverbreitet.”
1. Neue Dimension der Einschüchterung (zeit.de, Christian Fuchs)
Journalisten sind es gewohnt, dass sie nach der Veröffentlichung ihrer Beiträge kritisiert werden, mitunter auch heftig und persönlich. Doch Christian Fuchs beobachtet “eine neue Qualität von Einschüchterungsversuchen” schon während der Recherche. Insbesondere Protagonisten von “Pegida” und anderer rechter Bewegungen versuchten, Journalisten durch Warnen, Beleidigen, Anschwärzen und Drohungen vom Anwalt vorab mundtot zu machen. Dazu passt: Die WDR-“Lokalzeit” über einen Hobbyfotografen (Video), der Bilder für einen Benefizkalender für Flüchtlinge gemacht hat — und kurz darauf einen deutlichen Drohbrief bekommt.
2. Öffentlichkeit hat ein Recht, Gerichtsurteile zu lesen (verfassungsblog.de, Maximilian Steinbeis)
Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass die Presse ein Recht hat, Urteilsbegründungen zu lesen, auch wenn sie noch nicht rechtskräftig sind — und damit dem Oberverwaltungsgericht Thüringen widersprochen. Das “Handelsblatt” hatte gegen die Praxis geklagt, dass zunächst nur Pressemitteilungen herausgegeben werden. Maximilian Steinbeis fällt als Grund für die bisherige Ablehnung der Gerichte nur das “generelle Bedürfnis der Justiz ein, die Kontrolle über die Presseberichterstattung nicht aus der Hand zu geben”. Das sieht das BVerG anders, wie auch die, nun ja, Pressemitteilung deutlich macht. Auch die “taz” berichtet über das Urteil.
3. Bei Bild.de kann man was erleben (coffeeandtv.de, Lukas Heinser)
Lukas Heinser hat sich das Wasauchimmer-Portal “OZY” angeschaut, in das der Springer-Konzern investiert hat. Dort gibt es unter anderem den “Dr. Sommer”-Verschnitt “Eugene S. Robinson”. Das ist eine Art Sex-Onkel, “dem (angebliche) Leser (angebliche) Zuschriften über ihre (angeblichen) Erfahrungen, Meinungen und Sorgen zum Thema zukommen lassen”. Und Robinson antwortet auf eine selten eklige Art.
4. Ein Nachmittag in der VIP-Loge (operation-harakiri.de, Ralf Heimann)
Ein Redakteur im Lokalsport der “Emsdettener Volkszeitung” trifft “in der DEVK-VIP-Loge in der BAY-Arena” den ehemaligen Schalker Fußballprofi Ingo Anderbrügge und schreibt dabei unter anderem über “das so beliebte DEVK-Fußballcamp”. Das erinnert Ralf Heimann an einen Jahre zurückliegenden Vorfall — und bringt ihn zu folgender Feststellung: “Der Mechanismus funktioniert anders, als man denkt, wenn man furchteinflößende Wörter wie ‘Einflussnahme’ oder ‘Korruption’ hört. (…) Niemand droht. Das Schmiermittel heißt Freundlichkeit.”
5. “Boom”, sagt der Dschihadist (tagesspiegel.de, Mohamed Amjahid)
Die Anfragen der Castingagenturen lauten so: “arabisch-orientalisch aussehende Männer, welche als Terroristen drehen können”. Mohamed Amjahid überlegt dann immer, “ob ich nicht doch mein langes Gewand und meinen Gebetsteppich auspacken soll, immerhin haben die öffentlich-rechtlichen Sender einen Bildungsauftrag zu erfüllen.” Die Stereotypen, die bereits in den Stellenausschreibungen für TV-Statisten zu finden sind, spiegelten den “Rassismus in Film und Fernsehen” wider.
ICH BIN MIR BEWUSST, DASS ICH MIT DIESEM ARTIKEL MEINE REPUTATION ALS JOURNALIST UND REPORTER AUFS SPIEL SETZE.
Draxler hatte sich in seiner “Bild”-Kolumne “Nachgehakt” schützend vor seine Freunde Franz Beckenbauer und Wolfgang Niersbach geworfen. Das WM-Organisationskomitee habe “das Sommermärchen” nicht gekauft, der Chefredakteur der “Sport Bild” versprach Aufklärung:
Das Ergebnis seiner “Intensivrecherche”: Der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus sei 2002 mit umgerechnet 6,7 Millionen Euro für das deutsche WM-OK eingesprungen, als die FIFA diese Summe als eine Art Vorauszahlung gefordert haben soll. Nur durch eine Überweisung der 6,7 Millionen Euro an die FIFA sei eine spätere 170-Millionen-Euro-WM-Startunterstützung von der FIFA ans WM-OK möglich gewesen. Das mag logisch klingen oder nicht, es war jedenfalls Alfred Draxlers Sicht auf die Dinge.
Und mit der kam er zu dem Schluss, es gebe …
kein verkauftes Sommermärchen! Und es gibt keine “Schwarzen Kassen”, mit denen Wahlmänner bestochen wurden.
Die US-Kanzlei “Quinn Emanuel”, die “im Auftrag des Weltfußballverbandes die Fifa-Konten für den fraglichen Zeitraum überprüfte”, habe “Bild” mitgeteilt, dass sie keinen Zahlungseingang von Robert Louis-Dreyfus über 6,7 Millionen Euro gefunden habe.
Nach BILD-Recherchen kann das Darlehen für das Organisationskomitee nicht wie bisher behauptet für die Fifa-Finanzkommission bestimmt gewesen sein. Es waren offenbar wirklich Schmiergeld-Zahlungen.
“Bisher behauptet” hatten das vor allem Wolfgang Niersbach, Franz Beckenbauer — und Alfred Draxler. Die Version des “REPUTATION”-Riskierers passt also nicht mit den Recherchen seiner “Bild”-Kollegen zusammen.
Ob die stimmen, ist wiederum auch fraglich. Im undurchsichtigen Gestrüpp rund um die Finanzströme beim “Sommermärchen” hat die “Süddeutsche Zeitung” inzwischen einen anderen möglichen Weg der 6,7 Millionen Euro aufgetan:
In Kreisen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) heißt es, dass in dem Schreiben vom 19. April 2005 zwar ein Konto bei der BNP Paribas als Empfänger genannt wurde. Allerdings sei das Geld dann nicht wirklich dorthin geflossen. Stattdessen sei die Überweisung auf ein Konto bei einer anderen Bank ausgestellt worden — angeblich bei der Zürcher UBS.
Dass auch diese Version nicht mit seinen Behauptungen vom vergangenen Donnerstag zusammenpasst, kümmert ihn aber offenbar nicht. Entweder liegt ihm nicht besonders viel an seinem Ruf “ALS JOURNALIST UND REPORTER”, oder er hat seine großen Worte nach einer Woche schon wieder vergessen.
In der grundsätzlichen Argumentationslinie sind er und seine Redaktion übrigens wieder zum alten Muster zurückgekehrt: Nach der anfänglichen Stufe 1, die Gegenseite und deren Quellen unglaubwürdig zu machen (wie beispielsweise beim Auftritt im “Sport1”-Fußballtalk “Doppelpass”), wechselte Draxler zwischenzeitlich auf Stufe 2, die Freunde zu beschützen. Im Editorial der aktuellen “Sport Bild” kehrt er wieder zu Stufe 1 zurück und schießt gegen den früheren DFB-Präsidenten und aktuellen “Spiegel”-Informanten Theo Zwanziger:
Dazu gibt es auch eine Geschichte, die so auf der Titelseite …
… und so im Heftinnern überschrieben ist:
Kritische Töne zu Alfred Draxlers Freund Franz Beckenbauer, der in der WM-Affäre vermutlich die zentralste Rolle spielt, gibt es hingegen nirgends im Heft — obwohl es dafür genügend Gründe gäbe.
Mit ihrem Beckenbauer-Kuschelkurs haben Alfred Draxler und seine “Bild”-Kollegen dann auch wieder zueinandergefunden:
Wenn deutsche Medien ein knackiges Zitat zur Polizeiarbeit, zu Sicherheits- oder Rechtsfragen brauchen, gibt es eine Universalwunderwaffe: Rainer Wendt. Wendt ist Bundesvorsitzender der “Deutschen Polizeigewerkschaft”. Und in dieser Position immer für ein Interview zu haben — Thema im Grunde egal.
Heftiger Einsatz von Schlagstöcken und Wasserwerfern bei “Stuttgart21”? Wendt: “Polizeiliche Einsatzmittel müssen Waffen sein, die weh tun, nur dann wirken sie.”
Krawalle in Fußballstadien? Wendt: “Die Stehplätze gehören abgeschafft, die Zäune erhöht, und bei jeder Ausschreitung sollten für den Verein 100.000 Euro fällig werden.” Und: “Wem strenge Leibesvisitationen nicht passen, der soll vor dem Stadion bleiben müssen.”
Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Koblenz, die Polizei solle Kontrollen nicht nach Hautfarbe durchführen? Wendt: “Man sieht wieder einmal, die Gerichte machen schöngeistige Rechtspflege, aber richten sich nicht an der Praxis aus.”
Law-and-Order-Verfechter Wendt lärmt zu jedem Thema. Friederike Haupt schrieb schon 2013 in der “FAS”:
Wenn Wendt braungebrannt aus dem Marokko-Urlaub zurück in sein Büro kommt, schmeißt er gleich am ersten Tag die Werbemaschine wieder an. Alle sollen wissen: Der Wendt ist zurück. Darum ruft er zum Beispiel einen Journalisten an und sagt: “Soll’n wir mal ‘ne schöne Geschichte machen?” Wendt fordert dann höhere Strafen für die Bösen oder mehr Personal für die Guten, und der Journalist hat eine Exklusiv-Story: “Und hinterher sind alle zufrieden.”
Rainer Wendts aktuelles Themenfeld: Die Flüchtlinge und alles, was dazu gehört. Da hat er schon ganz beachtlich Schlagzeilen gesammelt:
Und das ist tatsächlich eine der Kernaussagen Wendts: Die Flüchtlingskrise sorge für mehr Gefahren im Straßenverkehr, bis hin zu mehr Verkehrstoten:
Die Welt: Bleiben auch hoheitliche Aufgaben der Polizei wegen der Flüchtlingskrise schlicht liegen?
Wendt: Eine der Aufgaben, die wir derzeit vernachlässigen müssen, ist die Verkehrsüberwachung. Sie ist teilweise völlig zum Erliegen gekommen. Wir mussten wegen der Einsatzbelastung im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise den Blitzmarathon in diesem Jahr ausfallen lassen, die Planungen für den Blitzmarathon im nächsten Jahr liegen auf Eis. Da fehlt uns ein ganz wichtiges Instrument zur Unfallprävention. In allen Bundesländern wird die Verkehrsüberwachung drastisch zurückgefahren — mit fatalen Folgen. Wir stellen bereits jetzt fest, dass wir das deutsche Ziel, bis 2020 die Zahl der Verkehrstoten um 40 Prozent zu senken, klar verfehlen. Wir sind jetzt erst bei 16 Prozent. Die Zahl der Unfalltoten steigt sogar wieder.
Logisch: Wenn man weiß, dass ein Großteil der Polizisten mit “der Flüchtlingskrise” beschäftigt ist, knattert man direkt mit 90 km/h durch die Tempo-30-Zone. Und dann fällt auch noch der Blitzmarathon aus — Raser’s Paradise.
Wendts Gleichung fanden andere Medien logisch und zogen nach:
Walter Bau von der “Berliner Morgenpost” fand die These hingegen merkwürdig. Er kommentiert:
Was Polizeigewerkschafter Wendt nicht sagt: Im ersten Halbjahr 2015 hielt sich der Zustrom an Flüchtlingen noch in Grenzen, verglichen mit den Zahlen seit Juli. Die brisante Lage an den Grenzen, die die Polizei vor allem beschäftigt, entstand erst im Sommer. Und zu glauben, die Autofahrer würden gezielt schneller und riskanter fahren, weil sie darauf spekulierten, es gebe gerade weniger Radarfallen, ist realitätsfern. Wendt schürt Ängste zur eigenen Profilierung.
Nach einer Mitteilung des Statistischen Bundesamtes ist die Zahl der Verkehrstoten im August im Vergleich zum selben Monat des Vorjahres tatsächlich angestiegen (um 18,4 Prozent von 293 auf 335). Allerdings haben die Statistiker dafür eine andere Erklärung als Wendt: “Im vergangenen Jahr war das Wetter im August extrem schlecht. Dann sind die ungeschützten Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger und Zweiradfahrer eher weniger unterwegs”, erläutert Gerhard Kraski vom Statistischen Bundesamt gegenüber t-online.de. Deswegen, so Kraski, sei es wahrscheinlich zu dem Anstieg in diesem Jahr gekommen.
Trotzdem: Die Medien werden Rainer Wendt weiter fleißig zitieren und in Talkshows einladen. Heute Abend sitzt er im “Ersten” bei “Hart aber fair”. Thema: Flüchtlingskrise. Er wird sich ganz bestimmt knackige Sprüche zurechgelegt haben.
Die Enthüllungen des “Spiegel” rund um die Vergabe der Fußball-WM 2006 sind längst auch ein Medienthema. Es entstehen Grabenkämpfe zwischen Redaktionen, gegenseitige Schuld- und Schlampigkeitszuweisungen.
Dazu schreibt Holger Gertz in einer tollen “Seite Drei” (kostenpflichtig) der “Süddeutschen Zeitung”:
Es geht darum, wer die Deutungshoheit hat über das Phänomen Fußball: diejenigen, die den Fußball lieben und ihn romantisch verklären und rein halten wollen. Oder diejenigen, die den Fußball lieben und ihn ernst nehmen und gerade deshalb den Helden nichts durchgehen lassen wollen. Jedenfalls dann nicht, wenn die Helden in ihrem späteren Leben Teil jener Bonzenkaste werden, die den Fußball inzwischen beherrscht und aussaugt und lenkt.
Gruppe eins steht Alfred Draxler vor. Der Chefredakteur der “Sport Bild” und Kolumnist der “Bild”-Zeitung legt sich mächtig ins Zeug für “unser Sommermärchen” und seine alten Kumpels Franz Beckenbauer und Wolfgang Niersbach. Der “Spiegel”-Artikel sei “unprofessionel, unsachlich”, “einfach unmöglich”, sagte er in der “Sport1”-Fußballtalkrunde “Doppelpass”. An den Vorwürfen sei nichts dran, schließlich habe ihm Franz Beckenbauer gesagt, dass da nichts dran sei.
In der aktuellen Ausgabe der “Sport Bild” zünden Draxler und seine Redaktion die nächste Nebelkerze zugunsten des DFB:
“Dieser Brief” stammt von Charles Dempsey, der im Juli 2000 als Mitgleid des FIFA-Exekutivkomitees über die Vergabe der Weltmeisterschaft 2006 abstimmen durfte. Dempsey enthielt sich im letzten Wahlgang, dadurch siegte die deutsche Bewerbung mit 12:11 Stimmen.
Nicht zuletzt durch eine später bekannt gewordene Aktion der “Titanic” hieß es immer wieder, Dempseys (nicht abgegebene) Stimme sei gekauft gewesen. Die “Sport Bild” hat nun einen Brief herausgekramt, aus dem hervorgeht, dass der Neuseeländer dem DFB einst zusicherte, “für Deutschland zu stimmen”. Das lässt Draxler und sein Team titeln:
Bloß: Das hat rein gar nichts mit den aktuellen Anschuldigungen des “Spiegel” zu tun. Das Magazin sprach von Anfang an vom Kauf der Stimmen der vier asiatischen Delegierten, Charles Dempsey saß als Vertreter Ozeaniens im Exekutivkomitee. Auch diese Desinformation gehört zu Alfred Draxlers derzeitiger Taktik.
Holger Gertz schreibt in der “Süddeutschen” über ihn:
Draxler ist imstande, den Ausdruck Indizienkette so angewidert auszusprechen, als wäre eine Indizienkette die Vorstufe einer Gürtelrose. Er ist spürbar ein Herr fürs Gröbste unter lauter Männern fürs Grobe. Bei Jauch hat er mal erzählt, dass man in seiner Redaktion zum Beispiel nicht über einen großen deutschen Nationalspieler mit Alzheimer berichten würde. Das war ein einigermaßen vergiftetes Beispiel für Diskretion, weil er ein Thema in den Raum gestellt hatte, von dem die Masse draußen am Fernseher gar nichts gewusst hätte.
Jeder, der Mitglied der Clique ist, profitiert davon, und jeder, der das System hinterfragt, gilt als Feind und wird abgestoßen. In anderen Welten, beispielsweise in der Politik, wäre Joseph Blatter unwählbar und Wolfgang Niersbach nicht gut genug, und Herren wie Alfred Draxler, Chefredakteur von “Sport Bild” und zugleich Franz Beckenbauers Förderer und Schützling, oder auch Helmut Markwort, “Focus”-Herausgeber und bis ins hohe Alter Verwaltungsbeirat des FC Bayern, würden dort als Fans und Handlanger der Regierenden entlarvt werden.
Wie weitreichend Draxler als “Handlanger der Regierenden” eingesprungen ist, zeigt eine Passage im “Spiegel Online”-Interview mit Hans-Jörg Metz, dem Anwalt von Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger. (Wobei man natürlich beachten muss, dass Theo Zwanziger in diesem Zusammenhang gewichtige Interessen hat.)
SPIEGEL: Ihrem Mandanten wird jetzt vorgeworfen, er wolle sich an einem Intimfeind rächen, DFB-Präsident Wolfgang Niersbach.
Metz: Um Rache geht es doch überhaupt nicht. Ich kenne Theo Zwanziger seit vielen Jahren und arbeite gut mit ihm zusammen; Rache, das passt nicht in seine Vorstellungswelt. Die Meinungsverschiedenheiten, die er mit Niersbach hatte, hat er immer offen ausgetragen und sich damit der Diskussion gestellt. Er hat allen Beteiligten bis zuletzt immer wieder Gesprächsangebote gemacht. Herrn Niersbach sogar über den Chef der Sport-Bild, Alfred Draxler, der bekanntermaßen mit Herrn Niersbach und Herrn Beckenbauer vertraut ist.
SPIEGEL: Über Herrn Draxler?
Metz: Ja. Herr Draxler fühlte sich am 19. Februar 2015 veranlasst, Herrn Zwanziger per SMS seine “private” Meinung zur Auseinandersetzung mit Herrn Niersbach in drastischen Worten mitzuteilen. Herr Zwanziger hatte dann in seiner Antwort angeboten, die Sache mit beiden in einem gemeinsamen Gespräch zu erörtern. Eine Antwort hierauf hat er nie erhalten.
Draxler reagierte bei Twitter auf Metz’ Aussagen:
Keine Frage: Alfred Draxler kann an wen auch immer so viele SMS schreiben, wie er mag. Die Posse zeigt aber, dass er ganz und gar nicht zum neutralen Aufklärer rund um die WM-Vergabe taugt. Auch wenn er das selbst, einem knapp ein Jahr alten Interview mit “Meedia” zufolge, etwas anders sehen dürfte:
Sie selbst sind jemand, der sich dazu bekennt, engen Kontakt zu einigen Akteuren und Protagonisten zu pflegen. Wann hat Sie zu viel Nähe oder gar Freundschaft mal in Ihrer journalistischen Arbeit behindert?
Eigentlich gar nicht. Und das Wort Freundschaft ist reichlich hoch gegriffen.
Nach seiner “Nachgehakt”-“Enthüllung”, dass das Sommermärchen “nicht gekauft” gewesen sei, hat sich Draxler in den letzten Tagen etwas zurückgehalten. Gestern aber, als er dachte, er könne einen Punkt machen, twitterte es aus ihm heraus:
Nun meldete sich Joseph Blatter zu Wort: “Ich habe niemals Geld von Beckenbauer verlangt. Nie im Leben. Auch nicht vom DFB. Das stimmt einfach nicht”, sagte der derzeit suspendierte Chef des Fußball-Weltverbandes der Zeitung “Schweiz am Sonntag”. Blatters Verteidigung verwundert etwas, da weder Niersbach noch Beckenbauer jemals öffentlich behauptet hatten, Blatter selbst habe die Millionenforderung gestellt.
Doch solche Details lässt Alfred Draxler auf seinem Verteidigungsfeldzug einfach unter den Tisch fallen. Die Welt soll glauben, dass die WM nicht gekauft war. Punkt. Er nutzt seine publizistische Macht, um die Leser von dieser Version zu überzeugen, und vermutlich merkt er nicht einmal, was für eine peinliche Figur er dabei macht.
Christian Fischer, Chefreporter bei „Bild“ Dresden, fragt heute in der Regionalausgabe:
Huch, hat Pegida-Anführer Lutz Bachmann (42) jetzt das Ufer gewechselt?
Als „Bachibear“ sucht er angeblich mit aufreizenden Urlaubsfotos auf der schwulen Datingseite PlanetRomeo.com (1,8 Mio. Nutzer weltweit) nach Männern.
Er mag laut Profil italienisches Essen, Fußball und Schlager. Sein Fetisch sei Leder, Uniform, Anzug und Jeans: „Nach einem längeren Zeitraum kristallisiert sich langsam heraus, dass auch wenn mein Geist rationell arbeitet, meine Gefühlswelt sich nach menschlichen Kontakten sehnt.“
Erst ganz am Ende löst „Bild“ auf:
Mehr als 1400 Männer durchstöberten die Seite – vergeblich. Denn ein Date wird es nicht geben. „Das bin nicht ich. Das Profil ist ein Fake“, sagt der echte Lutz Bachmann zu BILD. „Ich bin glücklich mit meiner Vicky verheiratet. Aber lustig ist die Sache. Ideen haben sie ja, meine Gegner.”
PS: Das Profil wurde gestern gelöscht.
Heißt also: Es gab mal ein Profil auf einer Datingplattform für Schwule, jetzt aber nicht mehr, und mit dem, der es vorgab zu sein, hatte es auch nichts zu tun. Knaller. Und was wäre erst passiert, wenn es doch der echte Bachmann gewesen wäre? Bundesausgabe? Titelseite?
Im Laufe des Tages hat sich offenbar auch jemand bei „Bild“ die Story mal angeguckt – und sie gelöscht.