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Horse-Race-Journalismus, Feinde der Pressefreiheit, Schweinsteigers Uhr

1. RSF veröffentlicht neue Feinde der Pressefreiheit
(reporter-ohne-grenzen.de)
Reporter ohne Grenzen hat die aktuelle Liste mit den weltweit größten “Feindinnen und Feinden der Pressefreiheit” veröffentlicht (PDF). Sie umfasst 37 Staats- und Regierungsoberhäupter, die in besonders drastischer Weise die rücksichtslose Unterdrückung der Pressefreiheit verkörpern würden. Aus EU-Sicht besonders traurig: “Mit Viktor Orbán steht zum ersten Mal ein EU-Ministerpräsident auf der Liste, der seit seiner Rückkehr an die Macht im Jahr 2010 Pluralismus und Unabhängigkeit der Medien in Ungarn angreift.”
Weiterer Lesehinweis: Orbán schaltet Anzeige in “Bild”: “Ungarns Regierung bezahlt für die Veröffentlichung politischer Vorschläge – zu einem interessanten Zeitpunkt.” (sueddeutsche.de, Dennis Müller)

2. Top, die Wette gilt
(taz.de, Kersten Augustin)
Kersten Augustin kritisiert in der “taz” den sogenannten Horse-Race-Journalismus, der Politik vor allem als Wettbewerb versteht. Ein aktuelles Beispiel dafür sei die Berichterstattung über Annalena Baerbock – das betreffe auch die Berichterstattung im eigenen Blatt: “Natürlich hat Baerbock im Wahlkampf politische und strategische Fehler gemacht, die Jour­na­lis­t:in­nen aufklären und kritisieren sollen. Aber Jour­na­lis­t:in­nen stehen nicht, um im Bild zu bleiben, auf der Tribüne einer Pferderennbahn, um für das Wettbüro die Quoten festzusetzen. Leser sind Wähler, keine Glücksspieler. Und Annalena Baerbock ist kein Rennpferd.”

3. Vergessen vom Presserat
(deutschlandfunk.de, Michael Borgers, Audio: 5:57 Minuten)
Die kostenlos erhältliche Gesundheits-Postille “Apotheken Umschau” kommt auf eine beeindruckende Auflage von knapp acht Millionen Exemplaren monatlich. Laut Chefredakteur Dennis Ballwieser sehe man sich einerseits als Kundenmagazin, anderseits aber auch als unabhängiges journalistisches Produkt. Dann müsste dafür der Deutsche Presserat verantwortlich sein, eine Organisation von Verlags- und Journalistenverbänden. Der will davon jedoch nichts wissen und nimmt Beschwerden gegen das Schleichwerbung-gefährdete Magazin gar nicht erst an.

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4. Ausrangiert mit Ü-50: Wenn sich Fernsehsender von ihren Moderatorinnen trennen
(rnd.de, Matthias Schwarzer)
Simone Standl, Moderatorin der WDR-“Lokalzeit”, wird nach 17 Jahren von einer (deutlich jüngeren) Kollegin abgelöst. Standl vermutet, dass ein Grund für den Rauswurf ihr Alter sei: “Wenn man sich in der Fernsehlandschaft umsieht, ist der Jugendwahn schon sichtbar. Vor allem wir Frauen sollen natürlich gute Leistung bringen – aber eben auch gut aussehen, jung, dynamisch und sportlich sein.”

5. Das Dilemma der Fernsehmagazine – und ein möglicher Ausweg
(uebermedien.de, Daniel Bouhs)
Daniel Bouhs erklärt, worin das Dilemma von Fernsehmagazinen wie “Monitor” für die ARD-Verantwortlichen unter anderem liegt: “Die Magazinform ist perfekt für das lineare Fernsehen geschaffen: Die Moderatorinnen und Moderatoren führen das Publikum nicht nur innerhalb der Sendung von Beitrag zu Beitrag; sie leiten auch zu den nachfolgenden Programmen wie den ‘Tagesthemen’ über. Alles im Sinne des ‘Audience Flow’, des Zuschauerstroms. Doch der hat in der neuen digitalen Welt in dieser Form keine große Bedeutung.”

6. ARD ermahnt Schweinsteiger nach Tweet mit Werbebotschaft
(spiegel.de)
Ex-Nationalspieler Bastian Schweinsteiger ist für die ARD als Fußball-Experte tätig. In einem der vergangenen EM-Spiele nutzte Schweinsteiger die Gunst der Stunde und setzte während der Halbzeitpause und ohne Wissen des Senders einen Werbetweet für eine Uhr ab, die auch während der Fernsehübertragung zu sehen war. Dafür gab es vom Sender nun eine “Ermahnung”.

KW 26: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, endlich Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Samstagsausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

***

1. Cancel Culture und Meinungsfreiheit: Was geht noch?
(zdf.de, Markus Lanz, Video: 1:14:39 Stunden)
Immer mehr Deutsche fühlen sich laut einer aktuellen Allensbach-Umfrage in ihrer Meinungsfreiheit bedroht. Markus Lanz unterhält sich mit vier Gästen über die möglichen Gründe für diese Gefühlslage: dem Publizisten und Chefredakteur der “Zeit” Giovanni di Lorenzo, der Politikwissenschaftlerin Emilia Roig, der Autorin und Moderatorin Thea Dorn sowie dem Autor und “Spiegel”-Kolumnisten Sascha Lobo. (Wer weniger Zeit investieren will: Bei Youtube gibt es einen halbstündigen Zusammenschnitt der Sendung.)

2. Journalismus und Whistleblowing
(youtube.com, Whistleblower-Netzwerk e.V., Video: 1:45:21 Stunden)
Ob Wirecard-Skandal, Cum-Ex-Machenschaften, Panamapapers oder Rechtsextreme bei der Bundeswehr: Stets waren es Whistleblower, von denen die entscheidenden Hinweise kamen. Wie wichtig sind die Hinweisgeber für die investigative Berichterstattung zu Fällen von öffentlichem Interesse? Wie können Gesetzgeber, Journalistinnen und Journalisten Quellenschutz sicherstellen? Und ist das im digitalen Zeitalter überhaupt noch möglich? Über diese und damit verwandte Themen diskutieren Sven Giegold, Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Europaparlament, Georg Mascolo, Leiter der Recherchekooperation von NDR, WDR und “Süddeutscher Zeitung” und ehemaliger Chefredakteur des “Spiegel”, Annegret Falter, Vorsitzende des Vereins Whistleblower Netzwerk, und Daniel Moßbrucker, Journalist und Trainer für digitale Sicherheit.

3. Jugend und Medien in der Hauptstadt
(youtube.com, Alex Berlin & Charlotte Bauer, Video: 1:00:31 Stunden)
Der “Berliner Mediensalon” ist eine Kooperation des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union sowie der gemeinnützigen Meko Factory. Im aktuellen Talk geht es um die Vermittlung von Medienkompetenz und den verantwortlichen Umgang mit Medien: Inwieweit werden Jugendliche tatsächlich in der Schule darauf vorbereitet? Und was für zusätzliche Angebote müssten geschaffen werden? Darüber diskutieren Vertreter verschiedener Parteien, die Jugendbildungsreferentin der DGB-Jugend Berlin-Brandenburg und eine Vertreterin des DJV.

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4. Der ORF und die Medien
(youtube.com, Falter, Video: 40:42 Minuten)
“Wild umstritten: die Medien, der ORF und die Öffentlichkeit in Österreich” – Im “Falter”-Gespräch unterhalten sich “ZiB-2”-Anchorman Armin Wolf, “Falter”-Medienressortchefin Barbara Tóth und Universitätsprofessor Leonhard Dobusch, der auch Mitglied des ZDF-Fernsehrates ist, über die aktuelle Mediensituation in Österreich.

5. Diversität in der Nachrichtensprache und Reuters Report
(wdr.de, Steffi Orbach, Audio: 43:55 Minuten)
Das WDR5-Medienmagazin enthält erneut eine bunte Mischung an Themen, darunter: Diversität in der Nachrichtensprache, Initiativen gegen Hass beim Gaming, Mediennutzung im Corona-Jahr, Desinformationen und Infektionszahlen, Ausverkauf der Pressefreiheit Hongkongs und der Abschied von Liz Mohn. Bei der Medienschelte am Ende der Sendung werden einige Kommentare der Fußballexperten satirisch aufgespießt.

6. Wie dich schöne Frauen rechtsextrem machen
(youtube.com, Walulis Story SWR3, Video: 12:34 Minuten)
“Rechte Influencerinnen: Wo Nazis auf Nazissmus treffen …” Philipp Walulis und sein Team haben sich bei Youtube und auf den Social-Media-Plattformen angeschaut, wie “dich schöne Frauen rechtsextrem machen”.

Reul verspricht Aufklärung, “Bild” macht auf zerknirscht, Rich List

1. Innenminister verspricht Aufklärung
(deutschlandfunk.de, Annabell Brockhues, Audio: 5:25)
Bei einer Demonstration gegen das Versammlungsgesetz in Nordrhein-Westfalen soll ein Fotograf bei einem Übergriff der Polizei verletzt worden sein. Nachdem der Deutsche Journalisten-Verband und die Deutsche Presse-Agentur Aufklärung gefordert hatten, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul dazu in einer Sondersitzung des Innenausschusses aus – fünf Tage später. Demnach habe der Fotograf zwischen Journalisten und Störern gestanden, und es müsse noch aufgeklärt werden, ob er “geschlagen, geschubst oder weggedrängt” worden sei.

2. BILD gibt sich zerknirscht
(djv.de, Hendrik Zörner)
Es war ein derart eklatanter und offensichtlicher Fehler, dass selbst die “Bild”-Redaktion nicht umhin kam, um Entschuldigung zu bitten Das Schwesternblatt “Bild am Sonntag” hatte zuvor einen falschen Attentäter von Würzburg präsentiert, samt unverpixeltem Foto. Für den Deutschen Journalisten-Verband kommentiert Hendrik Zörner: “Keine einzige Silbe verwendet BILD jedoch auf die Erklärung, warum überhaupt ein Foto veröffentlicht wurde, das wohl nicht die vorgeschriebene Anonymisierung enthielt. Vielleicht liest die Chefredaktion ja doch mal den Pressekodex des Deutschen Presserats. Hielte sie sich daran, wären solche Entschuldigungen überflüssig.”

3. TikTok sperrt sieben Millionen Konten
(spiegel.de)
Das Videoportal und Online-Netzwerk TikTok hat laut Unternehmensangaben alleine im ersten Quartal die Konten von sieben Millionen Minderjährigen gesperrt. Die Betreiber hätten nach eigener Aussage verschiedene Methoden, um festzustellen, ob Nutzerinnen und Nutzer falsche Angaben zu ihrem Alter machen. In den USA würden Unter-13-Jährige an eine Art Kinder-TikTok weitergeleitet. Weitere vier Millionen Nutzerkonten seien wegen Verstößen gegen die Gemeinschaftsstandards gelöscht worden.

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4. Buchtipp: Tools für geschlechtergerechte Kommunikation
(verdi.de, Bärbel Röben)
Ein interessanter Buchtipp, und noch dazu ist das Werk kostenlos verfügbar. In “Re:framing Gender” von Tanja Maier geht es um geschlechtergerechte politische Kommunikation: Wie kann man wirksam geschlechtergerecht kommunizieren? Wie kann man Geschlechterstereotype erkennen oder gar durchbrechen? Wie mächtig sind Deutungsrahmen oder Framing für unsere Vorstellungen von Geschlecht? Und was ist eigentlich re:framing? Das Buch kann auf der Seite der Friedrich-Ebert-Stiftung heruntergeladen werden (PDF).

5. Offene Briefe von Autoren und Regisseuren
(faz.net)
Der Schlagabtausch zwischen Autoren und Regisseuren auf der einen Seite und der ARD auf der anderen Seite, scheint trotz des Angebots für ein „Gespräch am runden Tisch“ weiterzugehen. So habe der Bundesverband Regie mit einem weiteren offenen Brief nachgelegt: “Die Art und Weise, wie Regisseurinnen und Regisseure in Deutschland bei ihrer Arbeit unter Druck gesetzt sind, hat ein Maß erreicht, das nicht mehr hinnehmbar ist.”

6. Siebenstellig pro Post: Die Instagram Rich List 2021 zeigt die Bestverdiener der Plattform
(omr.com, Roland Eisenbrand)
Ein Instagram-Tool-Anbieter hat zum fünften Mal seine jährliche “Instagram Rich List” vorgelegt. Der bestverdienende Star auf Instagram sei der Fußballer Cristiano Ronaldo. Dieser könne für einen einzelnen Werbepost auf seinem Kanal circa 1,6 Millionen US-Dollar verlangen. Ein US-Medium habe schon 2019 errechnet, dass der Fußballstar mit bezahlten Werbeposts auf Instagram mehr Geld verdient habe als mit seiner Fußballer-Tätigkeit für Juventus Turin.

ARD vs. ZDF, Falscher “Messer-Killer”, “Hi Hitler”

1. Wie die ARD das ZDF angreifen will
(spiegel.de, Alexander Kühn & Anton Rainer)
Die neue Programmdirektorin der ARD Christine Strobl plant einen Umbau des Programms. Dem “Spiegel” liegt ein internes Papier vor, das Strobls Pläne offenlegt. Eine der Kern-Strategien bestehe darin, Erfolgsformate des öffentlich-rechtlichen Mitbewerbers ZDF zu kopieren: So wolle die ARD die ZDF-Erfolgsformate “Markus Lanz” und “heute show” mit eigenen Sendungen attackieren.
Auf Twitter kommentiert der TV-Autor Stefan Stuckmann: “Es ist ein Armutszeugnis, wenn die ARD tatsächlich glaubt, ihr größtes Problem sei die Konkurrenz zum ZDF.” Laut Stuckmann sei es “strategisch ein Schuss ins Knie, weiter munter Doppelstrukturen zu schaffen, weil es Wasser auf die Mühlen derer ist, die ARD und ZDF zusammenlegen wollen – aber eben unter der Prämisse ‘radikal Einsparen’.”

2. Ende der Parallelstruktur
(taz.de, Peter Weissenburger)
Seit über 20 Jahren gibt es bei der “Süddeutschen” eine Parallelstruktur: Auf der einen Seite die Print-Redaktion, die bei der Süddeutsche Zeitung GmbH angestellt ist, auf der anderen Seite die Online-Redaktion, die formal für die Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH tätig ist. Für die Onliner hatte dies gravierende Nachteile in Sachen Bezahlung, Arbeitszeiten und Mitbestimmung. Nun sollen beide Verlagsgesellschaften zusammengeführt werden, was jedoch nicht ohne Probleme sei.

3. “Bild” gesteht den Fehler ein und bittet um Entschuldigung
(twitter.com, Marvin Schade)
Wie das Portal “Medieninsider” berichtet (nur mit Abo lesbar), hatte die “Bild am Sonntag” am Sonntag auf der Titelseite eine falsche Person als den tatverdächtigen “Messer-Killer” von Würzburg abgebildet. Nun habe die “Bild”-Redaktion den Fehler eingestanden und (irgendwo in den Tiefen der Website versteckt) um Entschuldigung gebeten. Marvin Schade fragt, warum man das Bild benutzt beziehungsweise es nicht verpixelt habe: “Jeder Justiziar hätte aufschreien müssen. Auch, weil es anderes, wirklich verifiziertes Fotomaterial gab.”

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4. 11 Schritte zur Vernichtung: So drängen Sie Muslime aus dem öffentlichen Leben
(schantall-und-scharia.de, Fabian Goldmann)
Fabian Goldmann beobachtet seit einigen Monaten, dass in manchen Medien immer häufiger Islamismus-Vorwürfe gegen Muslime des öffentlichen Lebens erscheinen, an denen aus seiner Sicht selten etwas dran sei. In der “Welt” erscheine mindestens einmal pro Woche solch ein Text, auch “NZZ”, “FAZ”, “Berliner Morgenpost” und “Tagesspiegel” würden regelmäßig neue, angebliche Islamisten entdecken. In einem satirischen Ratgeber erklärt Goldmann die dahinterstehenden Mechanismen: “Vergessen Sie Sorgfaltspflicht, Faktentreue und Persönlichkeitsrechte! Mit diesen einfachen Schritten, richten Sie jede muslimische Karriere zugrunde und werden selbst zum Meister der Vernichtung.”

5. Die Banalisierung des Bösen
(verdi.de, Tilman P. Gangloff)
In seinem Buch “Hi Hitler” beschäftigt sich der US-amerikanische Historiker Gavriel D. Rosenfeld mit dem Nationalsozialismus in der Populärkultur. Dabei geht es auch um die zahlreichen Persiflagen auf Adolf Hitler und andere Nazi-Größen etwa in Filmen und Comics und die daraus entstehenden Folgen. Rosenfeld betrachte die Parodien als Verharmlosung des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen, was ausgerechnet dem Rechtsextremismus in die Karten spiele.

6. “Liberté, Egalité, Viertelfinalé”
(deutschlandfunk.de, Arno Orzessek, Audio: 4:23 Minuten)
Arno Orzessek zieht in seiner Deutschlandfunk-Glosse eine erste Medien-Bilanz zur laufenden Fußball-EM. Es geht um “dadaistische Wortklaubereien, sexistische Typen im Netz und den harten Kampf um die richtige moralische Haltung”.

“Bild”s hämische Koketterie, Weltwunder, Mitschüler “PietSmiet”

1. Polizisten greifen bei Demonstration Journalisten an
(spiegel.de)
Bei einer Demonstration in der Düsseldorfer Innenstadt gegen das geplante neue Versammlungsgesetz für Nordrhein-Westfalen sollen Polizeibeamte zwei Journalisten attackiert haben. Unter anderem sei ein dpa-Fotograf mehrfach mit einem Schlagstock geschlagen worden. Die Polizei habe zunächst keine näheren Angaben zu dem Einsatz gemacht.

2. So unangenehm ist der neue Werbeclip für den TV-Kanal von BILD
(vice.com, Robert Hofmann)
Robert Hofmann hat sich den neuen Werbeclip für den TV-Kanal von “Bild” angeschaut, der nicht nur die Amazon-Dokumentation “BILD.Macht.Deutschland?” zitiert, sondern auch versucht, sich an die Erfolgsserie “Stromberg” anzulehnen. Ein gescheiterter Versuch, wie Hofmann findet: “Nein, das alles ist nicht Stromberg, das ist nicht witzig. Hier soll nichts entblößt werden, das ist keine kluge Satire und auch keine ehrliche Aufarbeitung von Kritik. Dieser Clip ist auch kein Zitat der Serie. Hier sehen wir nur hämische Koketterie von Menschen, die wissen, dass große Teile der Gesellschaft mit Verachtung auf sie blicken, und ihnen doch nichts anhaben können.”

3. Schweizer “Weltwoche” zeigt Deutschland, wie Weltwunder-Journalismus geht
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
“Die Zeitung, in der regelmäßig Matthias Matussek, Thilo Sarrazin, Norbert Bolz, Hans-Georg Maaßen und Henryk M. Broder schreiben, ist in dieser Woche mit einer Spezialausgabe erschienen, in der nun auch noch Harald Martenstein, Kai Diekmann, Jan Fleischhauer, Franz Josef Wagner, Boris Reitschuster und Ralf Schuler schreiben. Mehr Trigger kann man für 9 Schweizer Franken wirklich nicht erwarten.” Stefan Niggemeier hat sich triggern lassen und sich tapfer durch eine “Weltwoche”-Sonderausgabe gekämpft.

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4. No. 7 – der neue nestbeschmutzer ist da
(netzwerkrecherche.org, Malte Werner)
Erneut haben Studierende aus dem Master-Studiengang Journalistik und Kommunikationswissenschaften der Universität Hamburg begleitend zur Netzwerk-Recherche-Jahreskonferenz den “nestbeschmutzer” (PDF) produziert. In der kostenlos verfügbaren Online-Zeitung widmen sich 16 Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten Themen wie Medienkompetenz, Pressefreiheit und Datenjournalismus.

5. Überlegenheit oder Überheblichkeit
(deutschlandfunk.de, Annabell Brockhues, Audio: 6:47 Minuten)
Nachdem die Uefa abgelehnt hatte, dass die Münchner Arena zum Fußball-EM-Spiel gegen Ungarn in den Regenbogenfarben beleuchtet wird, regte sich vielfältiger Protest. Einige Sender und Tageszeitungen gestalteten temporär ihre Logos zu Regenbogenfarben-Signets um. Viele Promis und Unternehmen taten Ähnliches auf ihren Social-Media-Kanälen. Der Medienkritiker Stefan Niggemeier ist zwiegespalten, was die Aktion anbelangt.

6. Mein Mitschüler, der YouTube-Star
(zeit.de, Inga Pöting)
“Peter schien sich nicht besonders dafür zu interessieren, was andere von ihm dachten. Er trug Karohemden, die auch aus dem Schrank seines Vaters hätten stammen können, und er gab im Unterricht oft merkwürdige Antworten.” Die Rede ist hier von Peter Smits, der auf Youtube als “PietSmiet” Millionen von Followern hat. Die Journalistin Inga Pöting hat mit Smits die Schulbank gedrückt. Beide schlugen unterschiedliche Karrierewege ein und begegneten sich Jahre später wieder in einer Kneipe. Der Initialfunke für ein neuerliches Treffen mit dem erfolgreichen Webvideo-Produzenten, das zu dieser lesenswerten, da sehr persönlichen Reportage führte.

Österreichs bezahlte Medien, Wem nutzt “Cui Bono”?, Zeittotschläger

1. Wie kritische Medien in Österreich unter Druck geraten
(dwdl.de, Timo Niemeier)
“Viele Medien, die in Österreich kritisch berichten wollen, laufen Gefahr, Gelder von der öffentlichen Hand gestrichen zu bekommen. Das ist schon lange so, inzwischen ist diese Methode aber sichtbar wie nie.” Timo Niemeier schreibt über die seit Jahren problematische Inseratspolitik der österreichischen Regierung, die aktuell eine beängstigende Entwicklung nimmt.

2. “Welt”-Freiheitskämpferin halluziniert Gendergestotter
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen AFP, APA, dpa, epd, Keystone-sda, KNA, Reuters und SID wollen diskriminierungssensibler schreiben und sprechen und haben sich dafür auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt: “Das generische Maskulinum wird in kompakter Nachrichtensprache noch vielfach verwendet, soll aber schrittweise zurückgedrängt werden.” Als Reaktion polterte bei der “Welt” die “Chefreporterin Freiheit” (ja, der Posten heißt dort wirklich so) reflexhaft über das “Gendergestotter der selbstgerecht-egalitären Blase” und schimpfte über Dinge, die die Nachrichtenagenturen gar nicht beschlossen hatten.

3. ARD und ZDF verknüpfen Mediatheken
(tagesschau.de, Daniel Bouhs)
ARD und ZDF betreiben zukünftig ein gemeinsames Streaming-Netzwerk, wollen aber an ihren individuellen Mediatheken und Apps festhalten. Mehr als 250.000 Sendungen und Beiträge sollen direkt auf beiden Plattformen abrufbar sein: Wer in der ZDF-Mediathek beispielsweise nach einem “Tatort” suche, bekomme ihn künftig dort auch angezeigt, obwohl er zum ARD-Programmangebot gehört. Aus Sicht der Nutzerinnen und Nutzer wäre eine komplette Zusammenlegung der öffentlich-rechtlichen Mediatheken wohl praktischer gewesen, doch dagegen hatte es Widerstände gegeben.

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4. Hat Ken Jebsen diesen Podcast verdient?
(blog.clickomania.ch, Matthias Schüssler)
“Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen?”, die sechsteilige Podcastreihe über die Entwicklung des Radiomoderators Ken Jebsen zum Verbreiter von Verschwörungsmythen, wird derzeit von vielen Kritikern und Kritikerinnen gelobt (auch hier in den “6 vor 9”). Matthias Schüssler kann die Begeisterung nicht in allen Punkten teilen, denn “es besteht die Gefahr, dem Objekt der Berichterstattung zu zusätzlicher Bekanntheit zu verhelfen, womöglich seine Präsenz in der Öffentlichkeit zu verstärken und ihm zu mehr Legitimation zu verhelfen. Denn auch wenn seine Aussagen kritisiert werden, könnte bei manchen Leuten trotzdem die Botschaft hängen bleiben, dass doch etwas an ihm dran sein muss, wenn ihm eine sechsteilige Podcastreihe gewidmet wird.”

5. Die neue Nachrichtenkompetenz
(deutschlandfunk.de, Sören Brinkmann & Brigitte Baetz, Audio: 5:30 Minuten)
RTL und ProSieben wollen ihre Informationsangebote im Fernsehen ausbauen und haben dafür in letzter Zeit prominente Profis aus dem öffentlich-rechtlichen Nachrichtengeschäft abgeworben: Jan Hofer, Linda Zervakis und Pinar Atalay. Gründe für den Strategiewechsel gäbe es einige: Das Informationsinteresse in der Bevölkerung sei durch die Corona-Pandemie deutlich gestiegen, im Vorfeld der Bundestagswahl rücke auch die Politikberichterstattung in den Fokus. Und auf der anderen Seite gebe es im Bereich der fiktionalen Serien- und Filmangebote eine stark wachsende Konkurrenz durch Netflix und Co.

6. Zeittotschläger auf allen Kanälen: Über die seltsame Spezies der Fußball-EM-Experten
(rnd.de, Imre Grimm)
Sich ein Fußballspiel von einem Ex-Profi erklären zu lassen, klingt zunächst nach einer guten Idee. Schließlich kann sich kaum jemand besser in die Spieler hineinversetzen als ein Bastian Schweinsteiger, ein Kevin-Prince Boateng oder ein Per Mertesacker. Leider halte sich der Erkenntnisgewinn jedoch oft in engen Grenzen, die Kommentare der Ex-Spieler seien zu gestelzt und weichgespült, kritisiert Imre Grimm: “Jetzt rächt sich auch das Medientraining, das viele der heutigen TV-Fachleute als aktive Fußballprofis absolviert haben. Im Bemühen um Unangreifbarkeit und Ausgewogenheit hat man dieser Spielergeneration alles Charakteristische, alles Unverwechselbar ausgetrieben – Eigenschaften, die ein Fernsehexperte unbedingt aufweisen sollte.”
Weiterer Lesehinweis: Im “Tagesspiegel” spricht Joachim Huber einen weiteren Aspekt an: “Der Sportjournalismus ist erkennbar von der Promi-Expertise an den Rand gedrängt worden. Wer immer auch in den Fachredaktionen der ARD-Anstalten und des ZDF sitzt, er hat zu schweigen, zuzuliefern und zu dienen.”

Geil! Geiler! Gosens’ Aussage zu “Bild”-Methoden!

Beim 4:2-Sieg gegen Portugal am Samstag hat Fußball-Nationalspieler Robin Gosens eine starke Leistung gezeigt: ein Tor, zwei Vorlagen, viel Wirbel über die linke Seite. Schon während der Partie hieß es auf der Bild.de-Startseite:

Screenshot Bild.de - Tooooooooooor! Gosens ist unser bester Mann

Und direkt nach dem Spiel:

Screenshot Bild.de - Tor und zwei Vorlagen beim Super-Sieg gegen Portugal - Geil! Geiler! Gosens!

Es dauerte nicht lange, da war vom “EM-Helden” die Rede:

Screenshot Bild.de - Unser EM-Held aus dem Portugal - Als Gosens entdeckt wurde, hatte er noch Rest-Alkohol!

Und so geht der Jubel heute ungebremst weiter: In der “Bild”-Zeitung gibt es für “GIGA-GOSENS” eine große Titelgeschichte plus eine komplette Seite im Sportteil:

Ausriss Bild-Titelseite - Robin Gosens - Polizei lehnte EM-Helden als Azubi ab

Ausriss Bild-Zeitung - Im Sportteil Giga-Gosens! NRW-Polizei lehnte ihn wegen seiner Beine ab. Bild erzählt seine märchenhafte Karriere

Es ist die volle Ladung Gosens: sein ungewöhnlicher Karriereweg (Gosens ist beispielsweise nie in einem Nachwuchsleistungszentrum gewesen), seine “MARKTWERT-EXPLOSION”, seine Verlobte. Die “Bild”-Redaktion entlockt sogar Lukas Podolski ein großes Lob:

Der Ex-Nationalspieler: “Einen wie Gosens braucht jede Mannschaft. Der tut gut, denkt nicht immer nur an Fußball.”

Völlig richtig. Robin Gosens denkt zum Beispiel auch darüber nach, was bei Medien so alles falsch läuft – etwa bei “Bild”. In seinem im April erschienenen Buch “Träumen lohnt sich – Mein etwas anderer Weg zum Fußballprofi” schreibt er über “ein Beispiel aus eigener Erfahrung”. Zusammen mit seinen “besten Kumpels aus der Heimat” war Gosens, nachdem er sich mit seinem Klub Atalanta Bergamo erstmals für die Champions League qualifiziert hatte, zum Feiern nach Budapest gereist. An einem Abend, an dem auch einige Biere im Spiel waren, nahm die Gruppe “aus irgendeiner Laune heraus” auf dem Heimweg ein Straßenschild mit. Gosens postete Aufnahmen von dieser “maximal dummen Aktion” bei Instagram: “Zu der Zeit, sollte man wissen, hatte ich bei Instagram um die 20 000 Follower, also keine allzu große Sache. Dachte ich.” War es dann aber doch:

Mama schickte mir einen Link von Bild.de. Dort lautete die Schlagzeile: “Bergamo-Profi klaut mit Kumpels Straßenschild.” Alleine, dass dort in dieser Kürze überhaupt eine Neuigkeit draus gemacht wurde, verwunderte mich schon, aber der Zusatz, der darüber zu lesen war, machte mich ziemlich fassungslos. “Die Gosens-Bande.” Hallo? Waren wir Juwelendiebe, oder was? Die Gosens-Bande, was soll denn das? Als hätten wir irgendwelche kriminellen Machenschaften am Laufen. (…)

Boulevard hin und oder her, aber aus uns die “Gosens-Bande” zu machen, um den hunderttausend Lesern zu zeigen, was ich für ein Depp war … Das war mir zu viel, ich war halt manchmal auch einfach noch der Junge von früher. Vom Land. Kurz, auf bestimmte Blätter bin ich nicht gut zu sprechen. Deren Methoden gefallen mir nicht.

(Im Buch folgt der selbstkritische Hinweis, dass “wir, die Leser,” dazu beitragen, “dass dieser klickgeile Stil fast schon gang und gäbe ist”. Offenbar seien wir naiv genug, “auf solche reißerischen Überschriften zu klicken, sonst würde es ja nicht funktionieren”. Passend dazu liefern Gosens und dessen Co-Autor Mario Krischel noch eine kritische Betrachtung des KlickbaitPortals “Der Westen”.)

Obwohl ein großer Teil der ausführlichen “Bild”-Berichterstattung auf dem Buch von Robin Gosens basieren (die Geschichte mit dem Restalkohol stammt beispielsweise daraus), spielt dessen Aussage zu den “Bild”-Methoden darin merkwürdigerweise gar keine Rolle.

Mit Dank an Wolfgang T.!

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Eriksen-Bilder nötig?, Festnahmen bei “Apple Daily”, Ronaldos Wasser

1. Medienethikerin zu Eriksen-Berichterstattung: “Bilder dienten der Sensationalisierung”
(rnd.de, Hannah Scheiwe)
Die Berichterstattung über den Zusammenbruch des Fußballers Christian Eriksen während eines EM-Spiels wirft Fragen nach der Verantwortung der Medien auf: Die einen kritisieren die Bilder als sensationslüstern, voyeuristisch und übergriffig, die anderen verteidigen das Zeigen der Aufnahmen mit dem Hinweis auf die Dokumentationspflicht. Die Medienethikerin Petra Grimm ordnet den Fall im Interview ein. Sie kritisiert das Vorgehen einiger Redaktionen, nimmt allerdings eine generelle Sensibilisierung in der Gesellschaft wahr: “Wir sind aber mittlerweile auch im Großen und Ganzen sensibler geworden bezüglich dessen, was als Tabu gilt oder nicht. Livebilder von Unfallsituationen werden weitgehend nicht mehr toleriert. Das ist eine positive Entwicklung.”
Weiterer Lesehinweis aus unserem BILDblog-Archiv: Bild.de zeigt kollabierten Christian Eriksen.

2. Trumpscher Wahlkampf
(kontextwochenzeitung.de, René Martens)
René Martens kommentiert die Anti-Grünen-Medienkampagne der Wirtschaftslobbyisten der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) und führt ein interessantes, bislang wenig gehörtes Argument an: “Ein nicht unmaßgebliches Motiv für die Kampagne dürfte der Wunsch der Akteure gewesen sein, ihre Frauenfeindlichkeit ausleben zu können. Sie kommt unter anderem in der Verkindlichung der 40-jährigen Baerbock (‘Annalena und die zehn Verbote’) zum Ausdruck. Wäre Robert Habeck als Kanzlerkandidat angetreten – hätte die INSM dann die Formulierung ‘Robert und die zehn Verbote’ gewählt? Wohl kaum.”

3. 500 Polizisten gegen Hongkongs freie Stimme
(faz.net, Friederike Böge)
“Apple Daily”, die wichtigste Oppositionszeitung Hongkongs, war das Ziel einer Großrazzia: Etwa 500 Polizisten rückten an, nahmen mehrere Angestellte der Zeitung fest und beschlagnahmten Computer, Mobiltelefone und journalistische Aufzeichnungen. Außerdem sei die Anweisung ergangen, Vermögenswerte des Medienunternehmens im Wert von etwa zwei Millionen Euro einzufrieren. Der Gründer und Besitzer von “Apple Daily”, Jimmy Lai, sitze bereits seit Dezember 2020 im Gefängnis.
Weiterer Lesehinweis: Reporter ohne Grenzen fordert die sofortige Freilassung der festgenommenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und des Verlegers und erklärt: “Die heutigen Festnahmen und die Durchsuchung zeigen, dass die Regierung alles in ihrer Macht Stehende tun wird, um eines der letzten unabhängigen Medien und ein Symbol der Pressefreiheit in Hongkong zum Schweigen zu bringen.”

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4. Facebook drängt auf den Podcast-Markt
(spiegel.de)
Nach Informationen des Magazins “The Verge” wolle Facebook kommende Woche Podcasts auf seiner Plattform integrieren. Bereits diese Woche hat der Konzern den Testlauf eines Clubhouse-Klons gestartet. Auch Spotify will bei den Live-Formaten mitmischen. Dort wurde diese Woche die App Greenroom vorgestellt.

5. Krass: ZDF Sport hat seine Facebook-Seite (>500k Fans) geschlossen
(twitter.com, André Kroll)
Für André Kroll ist nicht nachvollziehbar, warum ZDF Sport seine über zwölf Jahre aufgebaute Facebook-Community mit mehr als 500.000 Followern einfach schließt und sich fortan nur noch auf andere Plattformen konzentrieren will: “Klar, macht Arbeit – aber die anderen Accounts auch. Und richtigen Sportjournalismus mit Diskussionen sehe ich bei TikTok bisher nicht. Sich nur auf die ganz Jungen zu fokussieren, halte ich auch für falsch. Nun ja.”

6. Ronaldo, Coke und der Journalismus, der nur schön sein muss – nicht wahr
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Habt ihr auch die Meldung gesehen, dass der Aktienkurs von Coca Cola eingebrochen sei, weil Portugals Fußball-Star Cristiano Ronaldo bei einer Pressekonferenz die Cola-Flaschen durch Wasser ausgetauscht hat? Dann seid ihr einer Falschinterpretation einiger Medien aufgesessen. Thomas Knüwer erklärt, wie es dazu kam.

Innenministerkonferenz, Klagen der Hohenzollern, Halbes China-Bild

1. Neuregelungen in Sicht
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider)
Anlässlich der dieser Tage stattfindenden Innenministerkonferenz fordert der Presserat: Die “Innenminister müssen sich zu gemeinsamen Regeln für Medien- und Polizeiarbeit bekennen”. Ob die Innenminister sich dieses Themas annehmen werden, sei unklar. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) will jedoch erfahren haben, dass auf der Konferenz ein eigenes Papier diskutiert werde. DJV-Pressesprecher Hendrik Zörner kommentiert: “Die ministerielle Geheimniskrämerei erinnert an feudales Regierungsgebaren bei Hofe. Um Informationen zu bekommen, braucht man Kontaktleute. Auf diese Weise drang durch, dass die Innenminister ein eigenes Papier fabriziert haben, in dem es um das Verhältnis von Polizei und Journalisten gehen soll. Das kann gut oder schlecht sein, wahrscheinlich gibt es mehr zu kritisieren als zu begrüßen. Denn auf die Expertise des Presserats und seiner Verbände glaubten die Innenminister verzichten zu können.”

2. Wiki über die Klagen der Hohenzollern
(verdi.de, Susanne Stracke-Neumann)
Anfang der Woche hat der Verband der Historikerinnen und Historiker sein “Hohenzollern-Klage-Wiki” vorgestellt. Seit im November 2019 die Verhandlungen um mögliche Restitutionen öffentlich geworden sind, sei Georg Friedrich Prinz von Preußen in über 70 Fällen juristisch gegen Historikerinnen und Journalisten vorgegangen. Die Dokumentation bietet einen Überblick der historischen und juristischen Aspekte des Streits.

3. Was soll die Polemik?
(djv.de, Ina Knobloch)
Ina Knobloch antwortet auf einen “Tagesthemen”-Kommentar der Studioleiterin des Hessischen Rundfunks gegen gendergerechte Sprache: “Wer sich an Sternchen und Unterstrich abarbeitet, hat weder die Problematik verstanden, noch Studien zum Thema gelesen und begibt sich auf ein gefährliches, rechtes Stammtischniveau, wo es viel Zustimmung für derartige Polemik gibt.”

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4. Christoph Kramer über seinen ZDF-Job: “Was soll schon passieren?”
(dwdl.de, Alexander Krei)
Der Fußballprofi Christoph Kramer ist bei der Fußball-Europameisterschaft für das ZDF als Experte im Einsatz. Im Gespräch mit “DWDL” erzählt er von seinen TV-Einsätzen und verrät, welche Fragen von Journalisten ihn als Fußballspieler besonders nerven: “Ich habe manchmal das Gefühl, dass es einen geheimen Fragenkatalog gibt, der unabhängig vom Spielverlauf abgearbeitet wird – wenn beispielsweise über Emotion und Wille geredet wird. In der einen Woche wird mir der Wille zugesprochen, in der nächsten wird er mir wieder abgesprochen.”

5. Das halbe Bild: Phoenix zeigt eine Doku über Xinjiang – und lässt das Leid der Uiguren weg
(uebermedien.de, Hinnerk Feldwisch-Drentrup)
In einer China-Doku auf Phoenix ging es um die im Nordwesten des Landes gelegene Region Xinjiang, die dortige Landschaft und deren Bewohner. Etwa die Hälfte der 23 Millionen Einwohner Xinjiangs zählen zum Volk der Uiguren, das von der chinesischen Regierung in vielfacher Weise unterdrückt und drangsaliert wird. Dieser Aspekt taucht im Phoenix-Film jedoch nicht auf. Wissenschaftsjournalist Hinnerk Feldwisch-Drentrup, selbst ein China-Liebhaber, erklärt die Hintergründe und lässt Sender und Experten zu Wort kommen.

6. Lasst uns auf eine Reise gehen
(sueddeutsche.de, Christine Dössel)
Christine Drössel ist aufgefallen, wie oft in Castingshows oder Sportsendungen die Metapher von der “Reise” verwendet wird: “Ersetze Arbeit, Anstrengung, Transformation, Prozess, das leidige Auf und Ab von Erfolg, Frust und Niederlage durch ‘Reise’, und schon klingt es wie ein Erlebnisurlaub.”

“Für Geld kommen sie alle nach Katar”

In der “Bild”-Redaktion haben sie am Wochenende offenbar viel Fußball-Europameisterschaft geschaut und dabei besonders auf die Bandenwerbung in den Stadien geachtet:

Screenshot Bild.de - Rassisten! Terroristen! Schwulenfeinde! Warum lässt sich die EM von diesen Horror-Regimen bezahlen?

… fragen heute “Bild” und Bild.de. Neben der Bandenwerbung für den russischen Energiekonzern Gazprom, das chinesische Unternehmen Hisense und die ebenfalls aus China stammende Social-Media-App TikTok geht es den “Bild”-Medien vor allem um die Werbung für Qatar Airways:

“Qatar Airways” ist die nationale Fluggesellschaft und das bekannteste Unternehmen Katars.

Doch der superreiche Golf-Staat tritt Menschenrechte mit Füßen: Für den Bau von Fußballstadien für die WM 2022 holten die Scheichs Tausende Gastarbeiter v. a. aus Indien, Pakistan und Bangladesch. Dutzende sollen bereits aufgrund gefährlicher Arbeitsbedingungen gestorben sein, eine Studie geht sogar von bis zu 1200 Toten aus. Homosexualität steht in Katar unter Strafe.

Mehr noch: Der Golfstaat unterstützt die islamistische Terror-Organisation Hamas in Gaza. Sie lässt Homosexuelle ermorden, schießt Raketen auf Israel.

Im März erklärte Bild.de zur Taktik Katars:

Screenshot Bild.de - Die unheimliche Entwicklung in der Wüste - Wie Katar mit Sportwashing nach der Macht greift

Das reiche ­Emirat am Persischen Golf kauft sich nicht nur hochkarätigste Sport-Veranstaltungen, sondern auch internationalen Einfluss. (…)

Was den herrschenden Scheichs fehlte, war internationale Anerkennung. Die erkaufen sie sich nun mithilfe des Sports – eine Entwicklung, die als “Sportswashing” bekannt ist.

Dr. Jürgen Mittag, Politikwissenschaftler an der Sporthochschule Köln: “Der Sport wird als zentrales Instrument genutzt, um die Entwicklung des Emirats, vor allem dessen Infrastruktur und Image in der Welt, von der bisherigen Ausrichtung auf Erdöl- und Erdgas auf ein neues Fundament zu heben.”

Folge: Über 500 internationale Sportveranstaltungen haben die Katarer in den letzten 15 Jahren ausgerichtet, dabei Milliarden in Stadien und Trainingszentren gepumpt.

“Für Geld”, so Bild.de, “kommen sie alle nach Katar”.

Einen Monat zuvor, im Februar, fand in Katar solch ein “Sportwashing”-Event statt: die Fußball-Klub-WM. Mit dabei: “Bild”.

Screenshot Bild.de - Klub-WM in Katar - Live und umsonst - Bild überträgt die Bayern-Spiele
Screenshot Bild.de - FIFA Klub-WM - Bayerns Titel-Jagd Montag ab 18 Uhr live und gratis bei Bild
Screenshot Bild.de - Klub-WM in Katar - Lewy schießt Bayern ins Live-Finale bei Bild

Wenn die “Bild”-Redaktion von den Milliarden, die Katar für die Imagepflege in den Sport pumpt, profitieren kann; wenn sie dabei ihre großen TV-Pläne vorantreiben kann, scheint es ihr erstmal egal zu sein, dass in dem “Horror-Regime” Menschenrechte mit Füßen getreten werden, dass Homosexualität unter Strafe steht, dass Terroristen unterstützt werden. Dann ergreift “Bild” die sich bietende Chance und macht einfach mit. Die Stadien, aus denen die Redaktion im Februar die zwei Klub-WM-Spiele des FC Bayern München übertragen hat, gehören zu den acht Stadien der Fußball-WM 2022, zu denen “Bild” nun zurecht kritisiert, dass Dutzende Gastarbeiter “bereits aufgrund gefährlicher Arbeitsbedingungen gestorben sein” sollen.

In der Berichterstattung von heute zitiert “Bild” auch mehrere Politiker. Darunter:

FDP-Außenexperte Bijan Djir-Sarai (45) kritisiert in BILD, dass “Despoten und Terrorunterstützer durch ihre Finanzierungsmöglichkeiten die sportliche Bühne für Propaganda und Imageverbesserung missbrauchen können”.

Und dann gibt es auch noch Medien, die durch ihre Übertragungen dabei helfen.

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