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Abwärts

Die “Bild”-Zeitung, größte deutsche Tageszeitung, hat ihren Auflagenrückgang gestoppt. (…) Ulrike Fröhling von der “Bild”-Verlagsgeschäftsführung führte die aktuelle Entwicklung am Dienstag auf die Veränderungen bei dem Blatt seit dem Wechsel in der Chefredaktion zurück. Neuer Chefredakteur von “Bild” ist seit Anfang des Jahres Kai Diekmann (…).

dpa, 17. April 2001

Der Jubel hielt nicht lange an. Und als es mit der Auflage der “Bild”-Zeitung kurz danach wieder bergab ging, sollte es nicht mehr am Chefredakteur liegen.

Im April 2002 hatte Kai Diekmann noch eine originelle Erklärung dafür, warum deutlich weniger Leute die “Bild”-Zeitung kauften. Der “Tagesspiegel” gab sie damals so wieder:

Seien früher die Leute morgens zum Kiosk gegangen, hätten eine Mark für “Bild” hingelegt und automatisch vom Verkäufer den vorbereiteten Groschen rübergeschoben bekommen, würden sie nun auf der Suche nach Münzen im Portmonee fummeln. An der Kasse bilden sich Schlangen, der Kaufvorgang sei im Gegensatz zu früher kein unbewusster mehr.

Schuld seien außerdem das Gefühl der Verbraucher, dass alles teurer geworden sei, die hohe Arbeitslosigkeit und die sinkende Zahl von Verkaufsstellen.

Das war vor knapp zehn Jahren.

Und so haben sich die Auflagen von “Bild” und “Bild am Sonntag” weiter entwickelt, nachdem die Menschen sich an das neue Geld gewöhnt hatten und die Arbeitslosigkeit gesunken war:

Als sich Anfang 2011 abzeichnete, dass das Blatt bald keine drei Millionen Exemplare mehr verkaufen würde, sagte er dem “Focus” wie zur Erklärung:

Schauen Sie mal raus. Es ist kalt, es schneit, da gehen weniger Menschen zum Kiosk.

Es hörte auf zu schneien, es wurde Sommer, die Auflage der “Bild”-Zeitung sank weiter.

Diekmann hat aber noch eine andere Ausrede, auf die er seit Jahren zurückgreift: Sein Blatt verliere zwar Käufer, aber nicht so viel wie die anderen Blätter. Im Verhältnis zum schrumpfenden Markt gewinne “Bild” also sogar an Auflage.

Im Gespräch mit dpa, 2012:

dpa: “Wenn wir die Verkaufskurve weiterziehen, gibt es in 15, 20 Jahren keine “Bild” mehr…”

Diekmann: “Da wir kontinuierlich Marktanteile gewinnen, würden vorher sehr viele andere Zeitungen und Zeitschriften vom Markt verschwinden. Im Ernst, diese Rechnung ist Quatsch.”

Gegenüber dem “Focus” 2011:

“Wir haben in Deutschland einen insgesamt rückläufigen Markt. Das Mediennutzungsverhalten ändert sich. Die junge Generation bezieht ihre Informationen nicht mehr automatisch auf Papier, sondern etwa über digitale Kanäle. In diesem Markt ist “Bild” stabiler als andere. Deshalb haben wir unseren Marktanteil bei den Boulevardzeitungen weiter ausgebaut.”

Gegenüber der “Süddeutschen Zeitung” 2010:

“Der Tageszeitungsmarkt ist insgesamt rückläufig, die Auflage fast aller Zeitungen geht zurück. In diesem Umfeld verdienen wir mit Bild so viel wie noch nie. Wir haben mit mehr als zwölf Millionen Lesern die höchste Reichweite und im Einzelverkauf den größten Marktanteil unserer Geschichte.”

Im “Tagesspiegel” 2002:

“In einem Marktumfeld, in dem unseren Wettbewerbern die Hände und Füße abfrieren, niesen wir gerade mal. Das macht mich nicht glücklich. Aber immerhin trotzten wir im letzten Jahr dem rückläufigen Markttrend, gewannen sogar Auflage hinzu. Doch jetzt konnten wir uns dem Markttrend zumindest nicht völlig entziehen.”

Spiegelt die sinkende Auflage von “Bild” (und “Bild am Sonntag”) also wirklich nur den Abwärtstrend bei Zeitungen insgesamt wider? Und schlagen sich die Blätter, wie Diekmann seit vielen Jahren in leicht wechselnden Formulierungen behauptet, innerhalb dieses Trends besser als die Konkurrenz?

Nun. Dies ist die relative Entwicklung der Boulevardzeitungen in Deutschland seit 1998:

Alle haben Auflage verloren, aber “Bild” ragt dabei keineswegs positiv heraus. Sie verliert mit erstaunlicher Konstanz dramatisch Käufer. Wenn man als Bezugspunkt 2001 nimmt, das Jahr des Dienstantritts von Kai Diekmann, hat keine Boulevardzeitung in diesem Zeitraum einen so hohen Anteil an Auflage verloren wie “Bild” (38 Prozent) und “Bild am Sonntag” (44 Prozent). Auch bezogen auf die vergangenen beiden Jahre stehen “Bild” und “Bild am Sonntag” schlechter da als die regionale Konkurrenz mit Ausnahme ihres Berliner Schwesterblattes “B.Z.”

Falls nicht die kleinen regionalen Boulevardzeitungen der richtige Bezugspunkt für “Bild” sind, sondern die anderen überregionalen Blätter:

Und, der Vollständigkeit halber: So gut hat “Bild am Sonntag” im Vergleich zu anderen Sonntags- und Wochenzeitungen ihre Auflage in den vergangenen zehn Jahren gehalten:

Die “Bild”-Zeitung hat es unter anderem dank Preiserhöhungen um insgesamt 100 Prozent seit dem Amtsantritt Diekmanns geschafft, ihre Gewinne trotz sinkender Auflagen zu erhöhen. Misst man den publizistischen Erfolg des Blattes aber an der Zahl seiner Käufer — wie Kai Diekmann es tat, solange die Auflage stieg — ist die Bilanz vernichtend. Und das liegt nicht am Wetter und nicht am Euro.

Unschuldsvermutung, Chong Tese, Affektsucht

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Journalistisches Feingefühl vs. rechtliche Korrektheit”
(medien-monitor.com, Sophie Mono)
Der Zustand der Gerichtsberichterstattung in Deutschland. Rechtsanwalt Michael Schmuck: “Früher sind Journalisten freiwillig aus dem Gerichtssaal gegangen, wenn es um intime Details ging. Heute wollen viele von ihnen extra dann drinnen bleiben.”

2. “Sextremistinnen”
(heise.de/tp, Peter Mühlbauer)
Peter Mühlbauer macht darauf aufmerksam, dass die Zeitschrift “Emma” das Wort “Unschuldsvermutung” als “Unwort des Jahres” vorschlägt. “Die Unschuldsvermutung ist eine der tragenden Säulen jedes Rechtsstaats. Wer sie ablehnt, der kann schwerlich argumentieren, auf dem Boden des Grundgesetzes zu stehen.”

3. “Wo kommen diese kreischbereiten Dinger her?”
(berliner-zeitung.de, Carmen Böker)
Carmen Böker schaut die VOX-Sendung “Das perfekte Model”: “Wer sich eher nach innen freut, wenn ihm etwas gelingt, der hat im affektsüchtigen Privatfernsehen nichts verloren.”

4. “Kurzer Einwurf: Theaterkuchen”
(spox.com, donluka)
Fußball: Donluka befasst sich mit den Spekulationen der Boulevardzeitungen um den neuen Stürmer des 1. FC Köln: “Herzlich willkommen, lieber Chong Tese! Ich hoffe, Du liest keine ‘Zeitungen’ und schießt im ersten Spiel ein schönes Tor und zeigt es damit allen Superklugen, Stimmungsmachern und Stammtischbrüllern.”

5. “Liebe Zeitung, so wird das nichts”
(streim.de)
Andreas Streim kommentiert eine ganzseitige Anzeige von die-zeitungen.de (dahinter steht die Zeitungs Marketing Gesellschaft in Frankfurt).

6. “Kann man so sagen”
(hermsfarm.de)
Was nach der ersten Folge von “Shit Girls Say” folgte.

ESM, Superhirn, Sexualstraftäter

6 vor 9

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1. “Ex-Sicherungsverwahrte: von den Medien gehetzt?”
(ndr.de, Video, 6:25 Minuten)
Boulevardzeitungen jagen den entlassenen und neu in Hamburg-Jenfeld wohnhaften Sexualstraftäter Hans-Peter W.: “Ein perfides Wechselspiel zwischen Anwohnerangst und Medienberichten.”

2. “Falsches Tortenstückchen”
(begleitschreiben.net, Gregor Keuschnig)
Die ARD-Tagesschau stellt die Beteiligung Deutsch­lands am Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM in einer Grafik falsch dar.

3. “Rangliste der Pressefreiheit 2011”
(reporter-ohne-grenzen.de)
Den ersten Platz teilen sich Finnland und Norwegen, Österreich ist auf Platz 5, die Schweiz auf Platz 8, Deutschland gemeinsam mit Jamaika und Zypern auf Platz 16. Am wenigsten Pressefreiheit können Menschen in China, Iran, Syrien, Turkmenistan, Nordkorea und Eritrea für sich beanspruchen (Pressemitteilung).

4. “Tricks beim Superhirn (ZDF)”
(youtube.com, Video, 7:45 Minuten, 16. Januar 2012)
Was auf Fernsehkritik.tv schon am 10. Januar zu erfahren war, berichtet nun auch “Spiegel Online”. In der ZDF-Sendung “Deutschlands Superhirn” behauptete ein Lehrer, erkennen zu können, welche aus einem Orchester herausgenommenen Musiker fehlten. “Warum verschweigt uns Jörg Pilawa, dass neben der Herausnahme der Musiker sich die Noten der anderen Spieler ändern?”

5. “Wulff schickte Weihnachtspost”
(taz.de, Felix Dachsel)
Die Pressestelle des Axel-Springer-Verlags schickt der taz-Redaktion haufenweise Informationen zur Causa Wulff. Felix Dachsel fragt: “Ist das nun ein Beitrag zur Transparenz in der Mailbox-Affäre oder eher Stoff für das legendäre ‘Handbuch des nutzlosen Wissens’?”

6. “Der Tag, an dem nichts wirklich passiert ist”
(marinaslied.de)
Marina Weisband kommentiert die Reaktion von Medien auf ihre Ankündigung, “aller Wahrscheinlichkeit nach nicht für eine zweite Amtsperiode als Bundesvorstand der Piratenpartei zu kandidieren”.

Bazillus, Frank Schirrmacher, Spiegel Online

6 vor 9

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1. “Zeitungs-Zensur: Schüler verklagt den Freistaat”
(merkur-online.de, Patrick Wehner)
Der zwölfjährige Stephan Albrecht erwirkt beim Bayerischen Verwaltungsgericht eine einstweilige Anordnung, damit die von ihm verantwortete Schülerzeitung “Bazillus” verteilt werden kann. “Die Oberstudiendirektorin untersagte den ‘Bazillus’-Redakteuren – zwölf Kindern aus der sechsten und siebten Klasse – ihre Zeitung auf dem Schulgelände zu verteilen.”

2. “Das eingeschnappte Lebensgefühl”
(ad-sinistram.blogspot.com, Roberto J. De Lapuente)
Roberto J. De Lapuente denkt nach über das Deutschland-Bild von “Bild”: “Das Deutschland, das uns die berühmte Tageszeitung abbildet, es ist wehleidig, weinerlich, strotzt vor Selbstmitleid. Aber es zieht sich nicht zurück, es bläst zum Gegenangriff, schreit die Ungerechtigkeit laut hinaus.”

3. “Rückt die FAZ nach links? Oder gibt das Feuilleton nur den Klassen-Clown?”
(wolfgangmichal.de)
Wolfgang Michal bemerkt einen Linkskurs von Frank Schirrmacher in der FAZ: “Bislang tolerieren die anderen Ressorts, von ein paar Sticheleien abgesehen, Schirrmachers Eskapaden generös – so lange er im Rahmen der Leser-Blatt-Bindung eine wichtige Zielgruppe im Netz erschließt, die in 20 Jahren treue und brave FAZ-Abonnenten auf dem iPad sein sollen.”

4. “Rahmstorf im Zerrspiegel”
(scilogs.de/wblogs, Markus Pössel)
Der Artikel “Eklat um Klimaberater der Bundesregierung” auf “Spiegel Online” in der eingehenden Analyse von Markus Pössel.

5. “Toter Gaddafi darf gezeigt werden – Platzierung und Größe der Darstellung jedoch ausschlaggebend”
(presserat.info)
Der deutsche Presserat spricht eine “Missbilligung” gegen zwei Boulevardzeitungen aus, die “ein Foto des blutverschmierten Gesichts des toten Gaddafi, gezoomt und vergrößert, auf der Titelseite über dem Bruch veröffentlicht” hatten. “Selbstverständlich ist der Anblick eines getöteten Menschen kein Anblick, dem sich ein Leser oder Internet-User in der Regel gerne stellt. Dennoch gehört es zu den Aufgaben der Presse, auch solche Informationen in Wort und Bild zu vermitteln, die Gewalt, Krieg und Sterben beinhalten.”

6. “Das ist der Tag…”
(ignant.de)
“Das ist der Tag, von dem ihr noch euern Enkelkindern erzählen werdet” – “eine Transkription der Pro7-Fernsehshow ‘Germany’s next Topmodel 2011 – Das Finale'”.

Blick  

Verrückte Deals

Marc Walder, CEO des Ringier-Verlags für die Schweiz und Deutschland, erzählte der “Zeit” kürzlich in einem Interview, dass die Medienwelt für Marketing-Manager unübersichtlich geworden sei. Die würden “gar nicht mehr wissen, wo und vor allem wie sie ihr Geld am effektbringendsten ausgeben sollen”:

Die fragen sich: Was mache ich mit meinen zwei Millionen Euro für die neue Biomilch? Mache ich ein Guerilla-Video für YouTube? Veranstalte ich eine witzige Castingshow? Suche ich das schönste Butter-Girl? Oder doch nur klassische Werbung wie früher? Da kommen sie gern zu uns und lassen sich ein Konzept entwickeln.

Die Medienwelt ist aber auch für den Ringier-Verlag unübersichtlich geworden. So verdient das Unternehmen nicht nur Geld mit Boulevardzeitungen wie dem “Blick”, sondern hält auch Beteiligungen an den verschiedensten Unternehmen, so zum Beispiel seit diesem Sommer 60% an DeinDeal.ch, einem Gutschein-Discounter.

Wie genau die Konzepte aussehen, die Ringier für seine Werbepartner entwickelt, wissen wir nicht. Wir können aber einfach mal einen Blick in den “Blick” werfen.

Am 1. Dezember 2011:

IWC zum halben Preis!

Am 2. Dezember 2011:

10 IWC bei DeinDeal.ch

Und am 3. Dezember 2011 gab es noch eine gute Nachricht auf der Titelseite, ganz ohne weiterführenden Artikel. Vermeldet wurde, dass der CEO von IWC Schaffhausen “ein neues Produktionsgebäude sowie den Ausbau der Büroräumlichkeiten” (stadt-schaffhausen.ch) plant.

IWC baut neue Uhrenfabrik!

Wolfgang Herles, Sudan, Torben P.

6 vor 9

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1. “18 Sekunden Zündstoff”
(spiegel.de, Beate Lakotta)
Wie Boulevardzeitungen mit der Gewalttat von Torben P. umgehen, die breit bekannt wird, nachdem die Polizei ein 18 Sekunden langes Video zur Fahndung ins Internet stellt. “Es hieß, der ‘Juristensohn’ wohne ‘behütet bei Papa und Mama im schicken Heiligensee’. Aber Torbens Vater ist gar kein Jurist, beide Eltern sind schwerkrank und seit vielen Jahren Frührentner, die P.s wohnen in einer Genossenschaftswohnung.”

2. “Am Originalschauplatz”
(katrinschuster.de)
Katrin Schuster erstaunt es, “wie wenige Literaturkritiken tatsächlich von Literatur handeln”. Trauriger Höhepunkt dieser Entwicklung sei die ZDF-Literatursendung “Das blaue Sofa” mit Wolfgang Herles: “Vom Fiktionalen scheint Wolfgang Herles schlichtweg keinen Begriff zu haben. Oder vielleicht interessiert es ihn auch einfach nicht. Oder das ZDF denkt, es interessiere seine Zuschauer nicht.”

3. “Das kalte Herz des Internet”
(tagesspiegel.de, Michael Naumann)
Aufgrund des 9/11-Spezialangebots “Asche, Feuer, Todesangst” kritisiert “Cicero”-Chefredakteur Michael Naumann “Spiegel Online”: “Die Website mitsamt ihrem akustisch-voyeuristischen Angebot ist das Zeugnis eines Sensationsjournalismus, der jede Spur von Anstand, Mitgefühl und Demut verloren hat.”

4. “Die 2-Wochen-Frist beim Notar”
(finblog.de, Andreas Kunze)
Andreas Kunze beobachtet im Journalismus zunehmend ein Stille-Post-Syndrom: “Da immer schneller und immer billiger produziert wird, schreibt einer vom anderen ab, auf die Quelle schaut kaum noch einer. Sollte irgendjemand in der Kette einen Fehler gemacht haben, wird daraus irgendwann eine fast unkorrigierbare Legende.”

5. “Nie wurden die Säue schneller durchs Dorf getrieben”
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Die London-Korrespondentin der ARD, Annette Dittert, spricht über Boulevardzeitungen und den schnellen Wechsel von aktuellen Themen. Die Krawalle in London haben sie nicht überrascht: “Ich habe seit zwei Jahren jedem erklärt, der es wissen wollte, dass die Situation hier irgendwann eskalieren würde, und dazu auch immer wieder Magazinstücke gemacht für Magazine, wie den ‘Weltspiegel’ oder auch lange Dokumentationen, z.B. über die Kindergangs in Liverpool. Das war eigentlich allen hier klar, die genauer hingeschaut haben, dass es irgendwann knallen wird.”

6. “Wie groß ist der Sudan wirklich?”
(fernsehlounge.de)
Eine Frage bei “Schlag den Raab” verpasst die im Juli erfolgte Abspaltung des Südsudans.

Elektroschrott, Norwegen, Karim El-Gawhary

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1. “Journalisten erklären, wie es bei Österreichs Boulevardzeitungen wirklich zugeht”
(falter.at, Ingrid Brodnig und Nina Horaczek)
Österreichische Medienschaffende erzählen aus ihrem Arbeitsalltag. Ein “Jungjournalist” sagt zum Beispiel: “Du musst dir das so vorstellen: Als Redakteur schlägt man meist die eigene Geschichte nicht vor, sondern es wird einem gesagt, was man zu schreiben hat, welchen Politiker man zitieren soll. Du musst dann den Artikel so hinbiegen, auch wenn die Recherche etwas anderes ergibt.”

2. “Gib mir einen Splash!”
(tagesspiegel.de, Tewe Pannier)
Was Tewe Pannier 1986 während sechs Wochen als Gastreporter beim “Sunday Mirror” erlebte.

3. “Zahlen, bitte!”
(muel.ch, Samuel Burri)
Afrika-Korrespondent Samuel Burri versucht herauszufinden, wie viele Tonnen elektronische Geräte in Ghana ankommen und was davon noch zu gebrauchen ist.

4. “Die Inszenierung des Attentäters”
(blog.tagesschau.de, Kai Gniffke)
Kai Gniffke schreibt über den Umgang mit dem Norwegen-Attentäter: “Nahezu alle Kriminologen und Psychologen haben uns bestätigt, dass es das Ziel eines Amokläufers ist, Aufmerksamkeit zu erzielen. Er inszeniert sich, um wahrgenommen zu werden und erwartet von den Medien, dass sie ihm eine Bühne bieten. Er (in der Regel sind es Männer) möchte auf den Titelseiten der Zeitungen und im Fernsehen auftauchen, gerne in der von ihm selbst gewählten Pose. Er möchte, dass seine Gedanken bekannt werden ebenso wie sein Name – gerne auch postum.”

5. “Der blonde Teufel von Seite 1”
(coffeeandtv.de, Lukas Heinser)
Auch Lukas Heinser widmet sich der Medienberichterstattung zu den Anschlägen in Norwegen: “Es muss schon einiges falsch gelaufen sein, wenn die Stimme der Vernunft ausgerechnet aus dem Körper von Franz Josef Wagner spricht.”

6. “Die Arbeit als Nahost-Korrespondent”
(blogs.taz.de/hausblog, Video, 13:40 Minuten)
Nahost-Korrespondent Karim El-Gawhary zu Besuch bei Stermann & Grissemann.

Pussi Galore

Früher gab es in den Medien die sogenannte Saure-Gurken-Zeit, in der wenig passierte, aber die Zeitungen und Nachrichtensendungen trotzdem irgendwie gefüllt werden mussten. Manche Leute sagen, in Zeiten des Internets gäbe es keine Saure-Gurken-Zeit, weil immer irgendwas los sei. Andere sagen, es sei immer Saure-Gurken-Zeit, weil das Internet ja ständig mit irgendwas gefüllt werden müsste.

Vergangene Woche versuchten express.de und mopo.de, die Online-Ableger der Boulevardzeitungen “Kölner Express” und “Hamburger Morgenpost” aus dem Verlagshaus DuMont Schauberg, das Internet mit “Lustigen Sprachpannen” zu füllen. Dafür mussten sie nicht viel tun, als ein paar Bilder aus einem neuen Buch in eine Bildergalerie zu packen, die die Leser durchklicken können.

Und das sieht dann so aus:

Lustige Sprachpannen:
Noch eine Portion "Megapussi" gefällig? Schon gewusst: In Finnland gibt es Erdnussflips mit dem Namen "Megapussi!". Und das ist nur eine von unzähligen Sprachpannen, die Urlaubern unterwegs begegnen. Ein neues Buch sammelt die lustigsten Sprachpannen aus aller Welt.

Und in der Klickstrecke heißt es:

Obwohl die Finnen doch angeblich so gut Englisch sprechen, scheint der Markenname “Megapussi!” für Erdnuss-Flips bis jetzt noch niemandem aufzustoßen.

Egal, wie schlecht das Englisch der Finnen sein mag, es ist immer noch besser als das Finnisch von express.de und mopo.de. “Pussi” ist nämlich das finnische Wort für “Tasche” (oder eben “Tüte”) und eine “Megapussi” ist eine sehr große Tasche/Tüte mit Erdnuss-Flips, Chips oder ähnlichem.

Das Wort “Megapåse”, das klein darunter steht, ist übrigens Schwedisch für “Mega-Tasche”, der Markenname der abgebildeten Erdnuss-Flips lautet “Jumbo Juusto”.

Freuen Sie sich also schon darauf, wenn die Sprachwissenschaftler von express.de und mopo.de herausfinden, wie sich Japaner am Telefon melden.

Mit Dank an Moritz G.

Botox, Brand eins, John Demjanjuk

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Niggemeiers Stern.de-Kritik und das wahre Problem”
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Für Thomas Lückerath ist nicht nur die mangelnde Eigenleistung ein Problem des Online-Journalismus, sondern auch die Beliebigkeit: “Wo man im Print seine traditionsreichen Marken klar positioniert und deutlich gegeneinander abgrenzt, zeigt sich online nicht mal ansatzweise eine solch klare Differenzierung. Wenn sich besserer Online-Journalismus bei so vielen Marktteilnehmern nicht rechnet, bleibt uns wohl nichts anderes übrig als eine baldige Marktbereinigung zu wünschen.”

2. “Ein Schwindel für die Medien?”
(taz.de)
“Die skandalöse Geschichte von einer Mutter in Kalifornien, die ihrer achtjährigen Tochter angeblich das Anti-Falten-Mittel Botox spritzte, war womöglich ein Schwindel.”

3. “mein schwindender respekt vor der brandeins”
(wirres.net, Felix Schwenzel)
Ein Artikel in “Brand eins” macht Felix Schwenzel “ein bisschen wütend”: “das alles ist deshalb ärgerlich, weil ich lieblos zusammengeflanschte und tendenziöse müll-artikel zum urheberrecht überall lesen und sehen kann, von der brandeins aber einen ticken mehr erwarte.”

4. “Der Fall Demjanjuk – die mediale Hetzjagd auf BILD.de nimmt kein Ende”
(mediensalat.info, Ralf Marder)
Ralf Marder fasst zusammen, wie Bild.de seit 2009 über John Demjanjuk schreibt.

5. “Der Blogger”
(arte.tv, Video, 26:11 Minuten)
“Der Blogger” besucht Boulevardzeitungen in Polen und Finnland und diskutiert die Absenz solcher in Frankreich. Ab Minute 24 wird Bildblog kurz vorgestellt.

6. “Stanislaw rennt”
(sprengsatz.de, Michael Spreng)
“In einem langen Journalistenleben trifft man schon eine Menge bizarrer und kranker Typen. Die größte Ansammlung erlebte ich, als ich stellvertretender Chefredakteur von BILD wurde.”

Wie wird so einer zum Sex-Monster?

Für die Redakteure von “Bild” ist es schwer hinnehmbar, dass auch Menschen, die schlimme Dinge getan haben, Rechte haben. Menschenrechte zum Beispiel.

Im vergangenen Dezember wurde ein Krankenpfleger aus Berlin wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern verhaftet. In seiner Wohnung fand die Polizei Filmaufnahmen, die ihn bei den Taten zeigen. In der Untersuchungshaft unternahm der Mann einen Selbstmordversuch und trennte sich einen Hoden ab. In einem Abschiedsbrief bereute er seine Taten und entschuldigte sich dafür.

All das schrieb “Bild” am 22. Dezember in der Regionalausgabe Berlin/Brandenburg. Dann muss der Redaktion aufgefallen sein, dass die eigene Berichterstattung viel zu sachlich war.

Deshalb sah die Berichterstattung am nächsten Tag ein bisschen anders (man könnte auch sagen: “Bild”-typischer) aus:

Wie wird so einer zum Sex-Monster?

In der Berliner Ausgabe prangte ein großformatiges Foto des Tatverdächtigen, in der riesigen Überschrift fragte “Bild” “Wie wird so einer zum Sex-Monster?”

Der Bruder des mutmaßlichen Täters, der seit dessen Selbstmordversuch dessen vorläufiger Betreuer ist, ging Anfang Januar mit anwaltlicher Hilfe gegen die Berichterstattung vor und forderte die Axel Springer AG auf, die Verbreitung der privaten Fotos zu unterlassen. Springer lehnte mit der Begründung ab, es bestehe ein “außerordentliches Berichtsinteresse der Öffentlichkeit” und die Taten seien besonders verwerflich.

Am 11. Januar erließ das Landgericht Berlin eine einstweilige Verfügung, die “Bild” verbietet, weiterhin Fotos zu verbreiten, auf denen der Mann erkennbar abgebildet ist. Gegen diese einstweilige Verfügung zog die Axel Springer AG vor Gericht — verlor aber überwiegend.

Dabei hatten sich die Springer-Anwälte so eine schöne Begründung zurechtgelegt, warum “Bild” auf diese Weise berichten dürfe: Der Mann sei “zweifelsfrei” der Täter, dem die schwer kranken Kinder hilflos ausgeliefert gewesen seien. Weil er seine Stellung als Pfleger auf einer Intensivstation ausgenutzt haben soll, bestehe ein “erhebliches öffentliches Interesse” an seiner Person, eine Berichterstattung mit Foto sei wegen der “Schwere und der Art der Begehung” dieser Taten auch zulässig.

Sogar den Selbstmordversuch wertet “Bild” als Grund für ihre Berichterstattung: Er stelle wegen der Selbstverstümmelung einen “ebenfalls ganz außergewöhnlich brutalen Zerstörungsakt” dar, weshalb von einem herausragenden zeitgeschichtlichen Ereignis zu sprechen sei. Und dass “Bild” ein Foto des Mannes zeigen konnte, sei der ja quasi selbst schuld: Er habe das Bild ja selbst auf der Internetseite StudiVZ “für alle registrierten Nutzer öffentlich gemacht”.

Das Landgericht Berlin bestätigte die einstweilige Verfügung “im Tenor”. In seiner sehr differenzierten Urteilsbegründung (PDF) erklärt das Gericht, die erste Berichterstattung von “Bild” sei nicht zu beanstanden, wohl aber die weiteren Artikel:

Bereits in der großformatigen Überschrift wird der Antragsteller (“so einer”) nicht als Mensch sondern als “Sex-Monster” bezeichnet. Der Artikel enthält wenig objektive Information, stattdessen verschiedene reißerische Textpassagen (“Wie wird so einer zum Sex-Monster”, “ER IST EIN MONSTER. DAS HABE ICH NICHT ERKANNT”, “Es war offenbar die Maske eines Perversen.”), die über ein bloßes boulevardmäßiges Zuspitzen von Tatsachen hinausgehen.

Die Angst des mutmaßlichen Täters, er könne anhand der Fotos identifiziert und durch die Berichterstattung zum Opfer gewalttätiger Übergriffe werden, erschien dem Gericht “nicht völlig abwegig”. Die Veröffentlichung des Fotos sei daher nicht zulässig gewesen.

Auch bei der Berichterstattung in der Bundesausgabe hätte “Bild” auf ein Foto verzichten müssen:

Die dem Antragsteller zur Last gelegten Taten werden nicht als Vorwurf sondern als feststehende Tatsachen dargestellt. Im Übrigen wird auf einen bereits erfolgten Bericht der Zeitung verwiesen. Einerseits sind Artikel und Foto insgesamt klein gehalten. Andererseits ist zu berücksichtigen, dass der Artikel in Bezug auf den Antragsteller keine neue sachbezogene Information enthält, die das erneute Abdrucken des Fotos rechtfertigen könnte.

Unmissverständlich äußert sich das Gericht zu der bei “Bild” so beliebten “Quelle” Soziale Netzwerke:

Eine Einwilligung des Antragstellers in die Verbreitung der Bilder liegt nicht vor. Unbeachtlich ist, ob der Antragsteller mit der Verbreitung seines Bildnisses gegenüber dem begrenzten Kreis der Nutzer von “studiVZ” einverstanden war. Hier geht es um eine Veröffentlichung von Bildern in einer Zeitung im Zusammenhang mit dem Vorwurf schwerer Straftaten.

Mit Hilfe seines Anwalts Ulrich Dost hat der Mann auch einstweilige Verfügungen gegen die “B.Z.” und den “Berliner Kurier” erwirkt. Der “Kurier” hatte über mehrere Tage das Foto des Tatverdächtigen gezeigt und ihn als “Sex-Bestie” bezeichnet, einmal sogar auf der Titelseite. Das Berliner Landgericht hat auch die einstweilige Verfügung gegen den “Berliner Kurier” bestätigt.

In beiden Fällen sind die Urteile noch nicht rechtskräftig, da die unterlegenen Boulevardzeitungen in Berufung gegangen sind.

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