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Drohende Diskursverschiebung, Der ewige Döpfner, Südtirols Pestizide

1. Warnung vor der Diskursverschiebung
(deutschlandfunkkultur.de, Dieter Kassel, Audio: 10:46 Minuten)
Ein Kommentar einer Deutschlandfunk-Korrespondentin zur Situation im Flüchtlingslager Moria sorgte in den vergangenen Tagen für viel Empörung. Silke Hasselmann hatte unter anderem gesagt: “Nun gehen Fotos von Kindern um die Welt, die nach dem Brand des Lagers Moria auf dem Straßenasphalt schlafen. Doch zumindest solange der begründete Verdacht im Raum steht, dass einige Lagerbewohner nicht nur die Löscharbeiten behindert, sondern die Feuer selbst gelegt haben, darf Deutschland niemanden von dort herholen.” Im Deutschlandfunk hat sich der zuständige Abteilungsleiter Friedbert Meurer hinter seine Korrespondentin gestellt: Man wolle die Meinungsvielfalt wiedergeben. Der Historiker Jürgen Zimmerer hält dies für ein schwaches Argument und warnt vor einer Diskursverschiebung. Zehn Hörminuten, die sich für die Einordnung des Falls unbedingt lohnen. Hinweis in eigener Sache: Der “6 vor 9”-Kurator hat diese Textpassage bereits bei Twitter analysiert und kommentiert.
Weiterer Hinweis: Mittlerweile hat auch Deutschlandfunk-Chefredakteurin Birgit Wentzien Stellung bezogen und das Vorgehen des Senders verteidigt. Auf Twitter kommentiert “FAZ”-Journalist Patrick Bahners in einem Thread: “Unglaublich, aber wahr: Nach einem Tag interner Generaldebatte lautet das Fazit von Chefredakteurin Birgit Wentzien: Es soll im Interesse des ‘Clashs’ der Meinungen noch mehr Kommentare geben, an denen sich Hörer ‘reiben’, mehr Kommentare wie den von Silke Hasselmann.”

2. Wiederwahl: Mathias Döpfner bleibt BDZV-Präsident
(dwdl.de, Alexander Krei)
Trotz verlagsübergreifender Empörung über die menschenverachtende Berichterstattung aus Solingen der “Bild”-Redaktion und einer öffentlichen Rüge des Presserats für den Artikel über eine vermeintlich “grob falsche” Corona-Studie wurde Springer-Chef Mathias Döpfner für weitere vier Jahre zum Präsidenten des Bundesverbandes Digitalpublisher und Zeitungsverleger gewählt. “Übermedien”-Mitbetreiber Boris Rosenkranz kommentiert auf Twitter mit einer Prise Sarkasmus: “Die Zeitungsverleger*innen in Deutschland sind so sauer auf ‘Bild’ und wie die da so arbeiten, dass sie heute den Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner erneut zum Präsidenten ihres Verbands gewählt haben. Einstimmig.”

3. Die Reise als Medium
(journalist.de, Kristina Wollseifen)
Das freiberufliche Reporterpaar Theresa Leisgang und Raphael Thelen hat sich Gewaltiges vorgenommen: einmal um die ganze Welt und dabei über die Klimakrise berichten. Ein kühner Plan, der einiges an logistischer Vorausplanung und finanziellen Reserven erfordert. Und ein Vorhaben, das durch das Coronavirus wahrlich nicht einfacher wird. Doch die beiden lassen sich nicht von ihrem Vorhaben abhalten, wie man auf Instagram sehen kann.
Weiterer Lesehinweis: In der Rubrik “Floskel des Monats” geht es beim Fachmagazin “journalist” um das berühmt-berüchtigte “Wetterchaos”.
Weiterer Hörhinweis: Im Podcast “Was mit Medien” sprechen Daniel Fiene und Sebastian Pähler mit dem Wettermoderator der ARD: Karsten Schwanke, wie können Medien besser über das Klima berichten? (Audio: 51:16 Minuten)
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4. Dilemma bei Tchibo
(taz.de, Svenja Bergt)
Die Bedingungen bei der Produktion von Smartphones bieten vielerlei Ansätze für Kritik – was die ökologischen Aspekte anbelangt, aber auch was die ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse bei der Beschaffung der Rohstoffe sowie bei der Herstellung betrifft. Nun bringt ein großer deutscher Kaffeeröster ein fair produzierte Smartphone in die Läden. Svenja Bergt erklärt, was daran aus ihrer Sicht gut ist und was weniger gut.

5. Können Umweltschützer in Europa künftig Missstände anprangern und ihre Meinung frei äußern?
(twitter.com/BR_quer, Video: 5:04 Minuten)
Die Provinz Südtirol ist für ihre spektakuläre Landschaft bekannt und auch für ihre ausgedehnten Apfelplantagen. Diese werden nach Meinung von Umweltschützern mit viel zu viel Pestiziden behandelt. Nun habe Südtirol zwei Kritiker des übermäßigen Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln verklagt, einen bayrischen Journalisten und einen Umweltexperten. “Niemand legt sich mit den Bauern an. Und wer dies doch tut, kann danach auswandern”, so das bittere Fazit eines der beiden Angeklagten.
Passend dazu ein Gespräch mit dem Agrarreferenten des Vereins Umweltinstitut München aus dem Jahr 2019, der den Pestizideinsatz als einen “Beitrag zum Insektensterben” kritisiert (deutschlandfunk.de, Britta Frecke, Audio: 4:24 Minuten).

6. “Mittwoch ist ein ganz normales Wort”
(spiegel.de, Stefanie Witterauf)
Noch den heutigen Tag über lässt ein großer deutscher Wörterbuchverlag über das “Jugendwort des Jahres” 2020 abstimmen. Zur Auswahl stehen Begriffe wie “lost”, “Digga” und “cringe”, aber auch einfach nur “Mittwoch”. Warum sollte ausgerechnet ein Wochentag zum “Jugendwort des Jahres” gekürt werden? Und was hat ein Frosch damit zu tun? Der “Spiegel” hat sich mit dem Einreicher des Vorschlags unterhalten, der auch für das Meme-Projekt “Stramme Memes” verantwortlich ist.

Döpfner absetzen, Zeitungssterben, Polizeilicher Korpsgeist kommt zu Fall

1. Döpfner beim Wort nehmen – und absetzen
(uebermedien.de, Jürn Kruse)
In seinem Kommentar zur unethischen Solingen-Berichterstattung von “Bild” und RTL lenkt Jürn Kruse den Blick auf das große Ganze. Dazu gehört der Mann, der der Zeitungsbranche als Präsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) vorsteht: der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner. “Wenn der Rest der Branche wirklich so empört ist über das, was ‘Bild’ unter Reichelt treibt, dann sollten die Kolleg*innen nicht die Verantwortung nach unten delegieren, auf die Reporter*innen, sondern nach oben. Sie sollten Döpfner beim Wort nehmen, auf die eigenen Verlegerinnen und Verleger einwirken, dass sie Verantwortung übernehmen – und sich einen neuen BDZV-Präsidenten suchen.”

2. Brauchen wir eine zentrale Medien-Beschwerdestelle?
(radioeins.de, Daniel Bouhs, Audio: 4:02 Minuten)
Beim Presserat seien mittlerweile mehr als 160 Beschwerden wegen der Solingen-Berichterstattung der “Bild”-Redaktion eingegangen, zur Berichterstattung von RTL seien beim zuständigen Kontrollorgan hingegen gar keine eingegangen (Update: inzwischen sollen es zwei sein). Wie ist das zu erklären? Und brauchen wir vielleicht eine zentrale Medien-Beschwerdestelle? Medienjournalist Daniel Bouhs sieht akuten Handlungsbedarf: “Damit wir alle mit Beschwerden helfen können, dass Medien gut kontrolliert und gerügt werden, wenn sie so in die Schüssel greifen wie jetzt BILD und RTL, braucht es eine und vor allem auch eine sichtbare Beschwerde-Zentrale für unsere Medienlandschaft.”

3. Bauer setzt schachmatt
(taz.de, Steffen Grimberg)
Das Zeitungssterben hat beängstigende Auswirkungen: Gerade in strukturschwachen Räumen gebe es oftmals “Einzeitungskreise” – das sind Regionen, die von einer einzigen Zeitung mit Nachrichten beliefert werden. In bestimmten Regionen würden sogar “Keine-Zeitung-Kreise” drohen. Steffen Grimberg berichtet über die bedenkliche Marktkonzentration und Marktaufteilung durch Verlagskooperationen und Aufkäufe.

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4. Aktivisten fordern neues Format vor der “Tagesschau”
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider, Audio: 5:04 Minuten)
In einer Petition samt Crowdfunding setzt sich die Projektgruppe “#Klima vor 8” für mehr Klimaberichterstattung ein: “Wir fordern, in den fünf Minuten vor der Tagesschau abwechselnd zu ‘Börse vor 8’ eine Sendung auszustrahlen, die sich den Themen Umwelt-, Klimaschutz und Nachhaltigkeit widmet – wir fordern #Klima vor 8!” Nachdem das notwendige Geld eingesammelt wurde, sollen nun Pilotfolgen gedreht werden, die man dem Sender vorlegen wolle. Der Deutschlandfunk hat sich umgehört, wie die Aktion bei Experten und Senderverantwortlichen ankommt.

5. “Wir müssen den Leuten zuhören”
(journalist.de, Ute Korinth)
Ute Korinth hat sich mit dem US-amerikanischen Medien-Experten Jeff Jarvis unterhalten. In dem Interview geht es vor allem um die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Journalismus. Von staatlichen Subventionen für die angeschlagene Medienbranche hält Jarvis wenig: “Ich glaube, das ist gefährlich. Und hier muss ich nochmal auf die Unterschiede bezüglich des Marktes, der Regierung und der Kultur zu sprechen kommen. In den vergangenen Jahren, als die Leute gesagt haben, der Staat sollte die Medien hier in Amerika unterstützen, habe ich darauf eine Zwei-Wort-Antwort gegeben: Donald Trump. Es läuft mir ein kalter Schauer den Rücken herunter, wenn ich daran denke, dass er die Kontrolle über das Geld und das Schicksal von Medien hat. Als Antwort für meine europäischen Freunde, die sagen, wir haben ZDF und BBC, habe ich zwei Worte: Boris Johnson.”

6. Fotograf bringt mit seinen Aufnahmen Polizisten in Bedrängnis
(berliner-zeitung.de, Alexander Schmalz)
Der Foto- und Videograf Julian Stähle erlitt gleich doppeltes polizeiliches Unrecht: Zunächst wurde er während seiner Arbeit von Polizisten verletzt und danach wegen angeblichen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte angeklagt. Sein Glück, dass die Speicherkarte seiner (zerstörten) Kamera die ihn entlastenden Beweisbilder konserviert hatte. So konnten die Aufnahmen vor Gericht gezeigt werden – mit drastischen Konsequenzen für den Fortgang der Verhandlung: “Als die Bilder im Gericht gezeigt wurden, soll bei den Polizisten sofort die Stimmung gekippt sein, berichteten Zeugen. Als Stähles Anwalt daraufhin kritische Fragen stellte, brach der Beamte, der seinen Kollegen gedeckt hatte, im Zeugenstand zusammen. Der Polizist musste mit einem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht werden. Der Fotograf wurde freigesprochen.”

Nuhr Einsicht oder Nuhr eingeknickt?, Hayali-Dreh, “Rolling Stone”-Cover

1. Dunja Hayali bricht ZDF-Dreh bei Demo gegen Corona-Regeln ab
(tagesspiegel.de)
Die ZDF-Journalistin Dunja Hayali hat sich für einen Dreh unter die Demonstrierenden gegen die Corona-Maßnahmen gemischt, brach die Dreharbeiten jedoch wegen Sicherheitsbedenken vorzeitig ab (die gesamten 37 Minuten des Drehs gibt es bei Instagram). Der Deutsche Presserat kritisiert den Vorfall auf Twitter: “Es ist absolut unakzeptabel, wenn Journalisten ihre Arbeit nicht machen können, weil sie beschimpft und bedroht werden. Der Schutz von Journalisten muss dringend verbessert werden!” Es gibt jedoch auch andere Sichtweisen auf den Vorfall. Autor und Journalist Franz Sommerfeld kritisiert Hayalis Vorgehen: “Sie versteht sich als journalistische Aktivistin. Sie will einzelne Demonstranten überzeugen, wenn das nicht gelingt, sie zumindest wegen der Absurdität ihrer Vorstellungen bloss stellen. Sie meint es gut. Aber das misslingt natürlich. Und nun zeigt sich Dunja Hayali in ihrem Schlusskommentar beleidigt und gekränkt, weil jeder ihr etwas anderes vorhält, und freut sich noch einmal auf ihren ‘schmutzigen’ Hund. Das wäre zu vermeiden gewesen, wenn die Journalistin professionelle Distanz gewahrt hätte. Damit hätte sie ihrem Anliegen mehr gedient.”

2. Kanzel Culture
(hellojed.de, Moritz Hoffmann)
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) wirbt zu ihrem 100-jährigen Bestehen für die Wissenschaft und setzt dazu verschiedene prominente Fürsprecherinnen und Fürsprecher ein. Eines der Testimonials stammt von Komiker Dieter Nuhr, dem Kritiker ein gebrochenes Verhältnis zur Wissenschaft vorwerfen – sie lehnen ihn als Werbegesicht für die Kampagne ab. Moritz Hoffmann kommentiert: “Das eigentliche Thema muss die DFG sein. Sie hat Nuhr angefragt, sie hat Nuhr abgenommen, sie hat Nuhr veröffentlicht, sie hat Nuhr auf den sozialen Netzwerken beworben und sie hat nach ein paar Stunden kritischem Gegenwind beschlossen, ohne weitere Erklärungen eine Kehrtwende zu vollziehen. Das alles spricht nicht für besonders viel Denkaufwand, es spricht für wenig Souveränität und für einen bemerkenswerten Mangel an Einfühlungsvermögen in die verschiedenen Arten, auf denen im Jahr 2020 in Deutschland Sachverhalte ausverhandelt werden.”
Weiterer Lesehinweis: Auch von anderer Seite wird Kritik an die DFG herangetragen. Diesmal jedoch nicht wegen des Testimonials von Dieter Nuhr, sondern wegen des vermeintlichen “Einknickens” der Forschungsgemeinschaft: “Damit gibt die DFG auf erbärmliche Weise ihre Prinzipien preis. Sie leistet als Wissenschaftsorganisation einen Offenbarungseid.” (faz.net, Michael Hanfeld)

3. Bewusst exponiert
(taz.de, Peter Weissenburger)
Die österreichische Journalistin Natascha Strobl schreibt bevorzugt über Rechtsextremismus und gerät damit immer wieder in den Fokus eines rechtsradikalen Mobs, der sie beschimpft und bedroht. Nach einem Beitrag eines “Welt”-Kolumnisten mit dem Namen “Don Alphonso” erlebt sie eine besonders stark ausgeprägte Hasswelle.
Weiterer Lesehinweis: In der “Frankfurter Rundschau” spricht Strobl über die massiven Drohungen, die ihr gegenüber ausgesprochen werden, und über ihren Widersacher “Don Alphonso”: “Ich bin da nicht die erste und werde nicht die letzte Frau sein, die er so angeht. Und das zweite ist, dass er ein sehr großes Problem mit eher links stehenden Menschen hat. Da geht es nicht um Meinungsaustausch, er will sie einfach persönlich zerstören. Das ist alles ganz offensichtlich durch persönliche Motivation getrieben, aber es ist auch ein Geschäftsmodell.”

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4. Lässt sich TikTok überhaupt verbieten?
(zeit.de, Anna-Lena Schlitt)
US-Präsident Donald Trump will die chinesische Videoplattform TikTok – zumindest in den USA – verbieten. Als Grund dafür wird die Befürchtung genannt, die App könne heimlich die Daten der Nutzerinnen und Nutzer an China weitergeben. Ist ein derartiges Verbot überhaupt möglich? Und wie könnte es umgesetzt werden? Gibt es bereits TikTok-Verbote? Und könnte TikTok verkauft werden? Anna-Lena Schlitt gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen.

5. Die perfekte Welle
(journalist.de, Jennifer Garic & Olaf Wittrock)
Wie leicht nachzuvollziehen ist, bestimmt die Corona-Pandemie seit Monaten die Berichterstattung, doch die Nachrichtenflut ebbe langsam ab. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erkennten darin ein wellenförmiges Muster: Nach spätestens drei Monaten träten Gewöhnungs- und Ermüdungseffekte ein, das mediale Interesse lasse nach. Jennifer Garic und Olaf Wittrock von der Wirtschaftsredaktion “Wortwert” haben sich die Wellenbildung anhand der bisherigen Corona-Berichterstattung angeschaut.

6. Wie es einmal fast zwei Frauen aufs Cover des “Rolling Stone” schafften
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
In der Musik-Zeitschrift “Rolling Stone” ist ein längeres Interview erschienen, in dem die Soulsängerin Joy Denalane und die Rockmusikerin Ilgen-Nur über Rassismus, Sexismus und Homophobie in der Musikindustrie sprechen. Beide Künstlerinnen gingen davon aus, dass ihr Gespräch die Cover-Geschichte des Heftes werden würde, es habe auch ein entsprechendes Cover-Shooting gegeben. Schlussendlich sei das Magazin jedoch den vermeintlich sicheren Weg gegangen und habe Altrocker Bruce Springsteen aufs Cover gehoben. Stefan Niggemeier kommentiert: “Während das amerikanische Schwesterblatt politischer und diverser geworden ist, will der deutsche Ableger lieber nicht riskieren, seine Stammleser mit nicht-weißen Frauen auf dem Cover zu verschrecken, nicht einmal, wenn der Sexismus und Rassismus der Branche Thema im Heft ist. Es hätte ein kleines Statement werden können in Zeiten, in denen einiges in Bewegung gerät, dass man sich mitbewegt.”

Papas Impfverschwörung, Zoombombing, Blackouttuesday

1. Hilfe, Papa glaubt an die Impfverschwörung!
(zeit.de, Pia Lamberty & Katharina Nocun)
Vor wenigen Tagen erschien das Buch “Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen” des Autorinnen-Duos Lamberty und Nocun. Beide bringen die notwendige Expertise mit: Pia Lamberty als Psychologin und Katharina Nocun als Wirtschafts- und Politikwissenschaftlerin. Für “Zeit Online” haben sie in einem Gastbeitrag zehn Tipps aufgeschrieben, wie man mit Verschwörungsgläubigen in der Bekanntschaft und Verwandtschaft umgehen kann.

2. “Vertraut eurem Publikum!”
(journalist.de, Sophie Burkhardt)
Seit mittlerweile fünf Jahren ist Sophie Burkhardt Programmgeschäftsführerin von Funk, dem Contentnetzwerk von ARD und ZDF. Damit ist sie mitverantwortlich für erfolgreiche Wissenskanäle wie “Dinge erklärt – Kurzgesagt”, “MaiLab” oder “MrWissen2Go” sowie für Reportageformate wie “Y-Kollektiv” oder “Follow me.reports” (manche dieser Formate gab es allerdings auch schon, bevor es Funk gab). In “Mein Blick auf den Journalismus” erzählt sie in angenehmer Offenheit von der Arbeit für die junge Zielgruppe, einem Publikum, dem man durchaus mit Vertrauen begegnen könne: “Die digitale Welt macht es noch leichter, vor allem die verzerrte und hasserfüllte Fratze des ‘Lesers’ zu sehen. Ihn vor allem für ein potenzielles Opfer von Verschwörungstheorien zu halten. Das hat auch mit uns Journalist*innen etwas gemacht. Es hat uns müde gemacht, mürbe, passiv-aggressiv oder an manchen Tagen zynisch, sarkastisch, auch oberlehrerhaft. Gerade die Arbeit mit einem sehr jungen Publikum hat mir aber gezeigt, dass es oft sehr viel weniger Grund zum Misstrauen gibt, als wir denken.”
Weiterer Lesehinweis: Am Ende des Beitrags sind die weiteren Folgen der “journalist”-Serie “Mein Blick auf den Journalismus” aufgeführt, die allesamt die Lektüre wert sind.

3. Zwischen Titelstory und Trauerbewältigung
(hessenschau.de, Bodo Weissenborn)
Mit dem Hashtag #100tagehanau erinnerte der Hessische Rundfunk (hr) an den Terroranschlag, bei dem ein Täter aus rassistischen Gründen neun Menschen (und anschließend seine Mutter und sich selbst) erschoss. “Hessenschau”-Reporter Bodo Weissenborn war am Tag nach dem Anschlag für den hr in Hanau. “Dieser
Einsatz hat mich noch länger beschäftigt, nicht nur wegen des Ereignisses an sich, sondern auch, weil ich den Eindruck hatte, als Journalist Teil einer problematischen Konstellation vor Ort geworden zu sein.” Es sind einige sehr persönliche und nachdenklich machende Beobachtungen, die Weissenborn aufgeschrieben hat.

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4. So attackieren Zoom-Bomber private Videokonferenzen mit Kinderpornografie
(vice.com, Sebastian Meineck & Paul Schwenn)
In Zeiten von Social Distancing und Home-Office finden viele Besprechungen als Videokonferenzen statt. Dabei wird oft die Software Zoom Meetings verwendet, ein Dienst, mit dem sich Nutzerinnen und Nutzer via App oder Web zusammenschalten. Leider wurden einige dieser digitalen Treffen in der Vergangenheit von sogenannten “Zoombombern” angegriffen, die fremde Videokonferenzen kapern und dort teilweise kinderpornografisches Material hinterlassen. “Vice” ist dem Thema nachgegangen: “Unsere Recherchen zeigen, wie Trolle die technischen Schwächen von Zoom ausnutzen, um massenhaft ungeschützte Videokonferenzen zu attackieren. In versteckten Foren feiern Hunderte von ihnen ihre Erfolge. Einige radikalisieren sich dabei in rechtsextremen Chat-Kanälen.”

5. @rezomusik erwähnt die Ethikstandards im #Pressekodex …
(twitter.com/PresseratDE)
Der Deutsche Presserat twitterte in einer Antwort auf das jüngste medienkritische Video des Youtubers Rezo: “@rezomusik erwähnt die Ethikstandards im #Pressekodex und Verstöße dagegen. Zur Wahrheit gehört auch, dass der überwiegende Teil der Berichte in Zeitungen u. Zeitschriften presseethisch einwandfrei ist: Von 2175 Beschwerden waren 2019 nur 233 begründet.” Medienkritiker Stefan Niggemeier entgegnete darauf mit einiger Berechtigung: “Hurra! Die Mehrheit der Berichte in Zeitungen und Zeitschriften ist presseethisch einwandfrei. (Im Ernst: Wie niedrig will man die Latte denn legen?)”
Weiterer Lesehinweis: Hier gibt es eine Übersicht zur Presserat-Statistik für 2019.
Weiterer Gucktipp: Markus Beckedahl von netzpolitik.org hatte sich bei der virtuellen re:publica mit Rezo zum Videogespräch getroffen. Im ersten Teil (Mitte Mai veröffentlicht) geht es unter anderem um Rezos Selbstverständnis als Künstler und seine Motivation, im zweiten Teil (gestern veröffentlicht) vor allem um netzpolitische Themen.

6. #Blackouttuesday: Das Social Web setzt ein Zeichen gegen Rassismus
(meedia.de, Nils Jacobsen)
Wer am gestrigen Dienstag durch Instagram scrollte, sah viele schwarze Bildtafeln mit dem Hashtag #Blackouttuesday. Viele Nutzer und Nutzerinnen wollten anlässlich der Geschehnisse in den USA ein Zeichen gegen Rassismus setzen und verzichteten auf das Veröffentlichen der üblichen Bilder und Selfies. An der Aktion beteiligten sich auch einige Weltstars der Popmusik – von Ariana Grande über Rihanna bis zu Taylor Swift.

Aktuelle Rügen, Des Bäckers kleine Brötchen, Corona-Partys

1. Rüge für Berliner Zeitung wegen Interessenkonflikt
(presserat.de)
Der Deutsche Presserat hat vergangene Woche vier Rügen verteilt: Bei der “Berliner Zeitung” wurde die Berichterstattung über den Börsengang eines Unternehmens gerügt, an dem der Zeitungsbesitzer beteiligt sei. Die Online-Ausgabe von “Mädchen” stand wegen ihrer Glücksspiel-Werbung in der Kritik (BILDblog berichtete). Beim Magazin “Grazia” habe es eine Art Tauschgeschäft Ware gegen Berichterstattung gegeben. Und die Fernsehzeitschrift “Hörzu” habe wiederholt gegen das Schleichwerbeverbot verstoßen.

2. WDR5: “Live-Anmutung” im Podcast für Fake im Radio
(fair-radio.net, Mario Köhne)
Die Initiative “Fair Radio” präsentiert mal wieder ein Beispiel für eine Hörfunksendung mit Live-Anmutung, die jedoch vorproduziert wurde. Darauf angesprochen, findet die Redaktion allerlei Begründungen, die Mario Köhne jedoch nicht gelten lassen will: “Warum aber dieses Theater? Warum sagt WDR 5 nicht klar, dass es sich um eine Aufzeichnung handelt? Das würde den hintergründigen Charakter der Sendung nicht ändern.” Köhne weiter: “In Zeiten, in denen es um die Glaubwürdigkeit der Medien im Allgemeinen und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Speziellen geht, wäre eine klare Kennzeichnung oder zumindest der Verzicht auf die ‘Live-Anmutung’ aber wichtig.”

3. Emotionaler Bäcker steht in der Kritik
(n-tv.de)
Der Unternehmer Gerhard Bosselmann aus Hannover wurde zu einer Art Medienheld, als er vergangenen Freitag einen verzweifelten Aufruf bei Facebook veröffentlichte. Eindringlich und emotional berührend appellierte er an die Menschen, weiterhin Bäckereien um die Ecke aufzusuchen, und bedankte sich auf herzliche Weise bei seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Gerade weil das Video so menschlich und warmherzig erschien, wurde es zum viralen Hit. Viele Medien berichteten. Nun tauchte eine (verifizierte) “Dienstanweisung” von Bosselmann auf, die ihn in einem anderen Licht erscheinen lässt: Als kaltherzigen Boss, der seine Angestellten unter eklatanter Verletzung des Arbeitsrechts bedroht und einschüchtert, sie trotz Erkrankung an den Arbeitsplatz zwingen will und ihnen mit Rauswurf droht.

4. Die Wut auf Corona-Partys wächst – doch wie viele Feiern gibt es wirklich?
(bento.de, Jan Petter & Lukas Eberle)
Wenn man den Berichten einiger Redaktionen Glauben schenkt, soll es in ganz Deutschland immer wieder sogenannte “Corona-Partys” uneinsichtiger junger Menschen gegeben haben. Doch was ist dran an den Storys mit dem Empörpotenzial? Jan Petter und Lukas Eberle sind der Sache nachgegangen: “Viel Hörensagen, wenige dokumentierte Fälle”, so ihr Resümee.

5. Corona-Krise: Welche Hilfen freie Journalisten beanspruchen können
(uebermedien.de, Alexander Graf)
Angesichts der aktuellen Situation wissen viele freie Journalistinnen und Journalisten nicht, wie sie über die Runden kommen sollen. Alexander Graf hat zusammengetragen, was es an staatlichen Hilfen und sonstigen Unterstützungen gibt — angefangen bei Krediten und Liquiditätshilfen bis hin zu Entlastungen durch Steuerstundung und Senkung der Sozialbeiträge.

6. Wie wir den Spiegel entwickeln
(journalist.de, Stefan Ottlitz & Christina Elmer & Matthias Streitz)
Habt ihr schon mal versucht, aus einem Feuerwehrschlauch zu trinken? Hoffentlich nicht, denn danach wäret ihr pitschnass und immer noch so durstig wie zuvor. Der hier verlinkte Text kann als Beispiel für ein ähnliches Phänomen dienen. Drei Spitzenkräfte des “Spiegel” berichten vom Relaunch der Seite, und außer viel leerem Wortgeklingel, Selbstverständlichkeiten und Kalenderweisheiten kommt nichts rüber. Ein Text, der keine echten Erkenntnisse bietet, nur der flauschigen Selbstbespiegelung und Selbstvergewisserung dient und bestenfalls als internes Memo zirkulieren sollte.

Lesbos-Lichtenhagen, Unkontrolle, Frauenhassende Rapper

1. “Da braut sich ein Pogrom zusammen”
(tagesspiegel.de, Paul Gäbler)
Als der Foto- und Videojournalist Michael Trammer auf Lesbos die Ankunft von Geflüchteten dokumentierte, wurde er von Rechtsradikalen angegriffen und verletzt. Der “Tagesspiegel” hat mit Trammer gesprochen, der zum Zeitpunkt des Gesprächs aus Sicherheitsgründen die Insel verlassen wollte: “Die Situation erinnert ein wenig an Rostock-Lichtenhagen 1992. Hier braut sich gerade ein Pogrom zusammen. Ich habe schon seit ein paar Tagen Angst gehabt, dass es bald eskalieren könnte. Europa hat monatelange weggeschaut. Lange wird das hier nicht mehr gut gehen.”

2. Chefredakteur von “Berliner Zeitung” hat gekündigt
(spiegel.de, Stefan Kuzmany)
Nach der Übernahme durch das Ehepaar Silke und Holger Friedrich will bei “Berliner Kurier” und “Berliner Zeitung” einfach keine Ruhe einkehren. Zunächst sorgte ein wirres Manifest für Kopfschütteln, dann ging es um die Stasi-Vergangenheit des Neueigentümers. Vorher hochgelobte Chefredakteure verließen den Verlag, und seit gestern steht der Vorwurf im Raum, das Verlegerehepaar habe die Existenz einer Schweizer GmbH vorgetäuscht. Zudem müssen sich die Friedrichs nach neuem Führungspersonal umsehen: Nach gerade einmal drei Wochen habe der neue Chefredakteur von “Berliner Zeitung” und “Berliner Kurier” seine Kündigung eingereicht.

3. Die sehr freiwillige Selbstkontrolle der deutschen Presse
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Laut Pressekodex (Artikel 16) “entspricht es fairer Berichterstattung, vom Deutschen Presserat öffentlich ausgesprochene Rügen zu veröffentlichen, insbesondere in den betroffenen Publikationsorganen bzw. Telemedien.” Doch wie halten es die Medien mit dieser “fairen Berichterstattung”? Nicht sonderlich gut, wie Stefan Niggemeier feststellt. Und auch der Presserat selbst lässt es an Transparenz missen.

4. Vorurteilsbewusster Journalismus
(medium.com, Lorenz Matzat)
Lorenz Matzat fordert Journalisten und Journalistinnen dazu auf, sich stärker ihrer Verantwortung für eine möglichst rassismusfreie Gesellschaft bewusst zu sein und ihre berufliche Praxis zu überprüfen: “Wir könnten beispielsweise unsere Quellenarbeit überdenken. Reicht es, wenn wir schlicht darauf setzen, dass es zwei voneinander unabhängige Quellen gibt? Oder müssen wir nicht auch darauf schauen: Wer spricht über wen? Wie können marginalisierte Perspektiven stärker zu Wort kommen? An welcher und wessen Norm orientieren wir unsere Wort- und Bildwahl? Und vielleicht könnte es ein redaktioneller Maßstab werden zu fragen: Wenn eine Person mit Rassismuserfahrung unser journalistisches Stück liest, sieht oder hört: Was könnte für sie verletzend sein, wie kommt das bei ihr an?”

5. Rapper setzt Kopfgeld auf Frau aus und bedroht Komiker
(t-online.de, Janna Halbroth)
Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes hat ein Video veröffentlicht, in dem Frauen Textstellen aus Songs von Rappern wie Kollegah, Farid Bang, Gzuz und Fler vorlesen, die an Frauenfeindlichkeit und Gewaltverherrlichung kaum zu überbieten sind. Für den Rapper Fler war dies wohl eine Art Aufforderung, seinem Hass freien Lauf zu lassen und diverse Personen übel zu beleidigen und zu bedrohen.

6. Deutsche Konzert- und Tourneeveranstalter bangen um ihre Existenz
(bdkv.de)
Der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft ist besorgt wegen der Ausbreitung des Coronavirus und der Auswirkung auf das Veranstaltungsgeschäft: “Wir beobachten bereits seit einigen Tagen einen erheblichen Einbruch bei den Kartenverkäufen, und Inhaber von Karten versuchen zunehmend, diese gegen Erstattung des Eintrittsgeldes zurückzugeben”. Zahlreichen Veranstaltungsunternehmen drohe der wirtschaftliche Kollaps.

Falscher Täter, aber mit Foto

Die Tatwaffe jemand anderem unterzuschieben, das versuchte schon die skrupellose Lady Macbeth. Nachdem ihr Gemahl Macbeth König Duncan ermordet hatte, drückte sie die blutigen Dolche den schlafenden Wachen des Königs in die Hände. So wollte sie den Verdacht von Macbeth lenken. Doch der Plan ging nicht auf: Macduff, Macbeths Widersacher, schöpfte Verdacht und brachte Macbeth schließlich zur Strecke.

Auch außerhalb des Shakespeareschen Universums kommen solche Dinge vor, so kürzlich in Starnberg. Der Unterschied zu Shakespeare: Damals gab es noch keine “Bild”-Zeitung, die aus einem irrtümlichen Anfangsverdacht eine Tatsache macht und den vermeintlichen Täter mit Foto anprangert. Auch der Landesdienst Bayern der dpa und die “Abendzeitung” aus München sehen in diesem Fall nicht gut aus.

Am 12. Januar entdeckte die Polizei eine Familie tot in deren Wohnhaus in Starnberg: die beiden Eltern und deren 21-jährigen Sohn. Die Polizei fand den Sohn offenbar mit einer Pistole in der Hand und zog daraus ihre Schlüsse. In einer Pressemitteilung des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord vom 13. Januar heißt es:

Nach aktuellem Ermittlungsstand geht die Kripo davon aus, dass der 21-jährige Sohn am Wochenende zunächst seine Eltern (60 bzw. 64 Jahre) und dann sich selbst getötet hat. Vor Ort wurden zwei Faustfeuerwaffen als mutmaßliche Tatwaffen sichergestellt.

Zum Motiv der Tathandlung können derzeit keine Angaben gemacht werden. Die Ermittlungen stehen noch am Anfang.

Während die Kripo sich also noch zurückhält mit endgültigen Urteilen, von “mutmaßlich” und vom “aktuellen Ermittlungsstand” spricht, gibt es bei “Bild” (am 14. Januar) und Bild.de (am 15.) Tatsachen:

Ausriss Bild-Zeitung - Drei tote im feinen Starnberg - Kinder-Psychologin und Ehemann von Sohn erschossen
Screenshot Bild.de - Familiendrama in Starnberg - ... schoss auf Eltern und auf Familienhund Rocco
(Die Unkenntlichmachung des Namens stammt von uns.)

Genauso sicher klingt es bei der “Abendzeitung” und beim bayerischen Landesdienst der dpa:

Screenshot abendzeitung-muenchen.de - Drei Leichen gefunden - Starnberg unter Schock: Sohn tötet seine Eltern
Screenshot Welt.de mit einer Meldung der dpa - Sohn erschießt Eltern und tötete sich selbst mit Kopfschuss

Andere Redaktionen waren vorsichtiger. Süddeutsche.de etwa titelte: “Sohn soll Eltern und sich selbst erschossen haben”. Und auch der Basisdienst der dpa baute ein “soll” in seine Überschrift.

Die “Bild”-Medien hatten das Urteil hingegen schon gefällt. Und sie schreckten auch nicht davor zurück, gleich noch ein Foto des 21-jährigen Sohnes zu veröffentlichen, unverpixelt versteht sich.

Gut eineinhalb Wochen später stellt sich allerdings heraus: Nicht der Sohn hat seine Eltern umgebracht, ein 19-jähriger Freund des Sohnes soll die Familie getötet haben. Der geständige Tatverdächtige legte dem 21-Jährigen offenbar eine Pistole in die Hand, um einen Suizid vorzutäuschen.

Der Pressekodex rät, in der Berichterstattung auch bei Tatverdächtigen die “schutzwürdigen Interessen von Betroffenen” zu berücksichtigen. Bei der Abwägung sei unter anderem der Verfahrensstand einzubeziehen. Dieser war bei den Veröffentlichungen durch “Bild”, Bild.de, dpa-Landesdienst und “Abendzeitung” wenige Tage nach der Tat noch nicht sehr weit fortgeschritten.

Der Fall aus Starnberg ist ein trauriges Beispiel dafür, warum es hochproblematisch ist, dass “Bild” und Bild.de regelmäßig unverpixelte Fotos von Tatverdächtigen veröffentlichen. Hier zeigt sich die Wichtigkeit der Unschuldsvermutung: Auch bei einem Tatverdacht mit scheinbar klaren Indizien kann sich der Tatverdächtige als unschuldig erweisen, so wie nun geschehen. Den neuen Tatverdächtigen zeigen die “Bild”-Medien wieder unverpixelt.

Bei Opfern ist der Presserat sowieso unmissverständlich: “Die Identität von Opfern ist besonders zu schützen.” Auch hier, leider wenig überraschend, halten sich “Bild” und Bild.de nicht an den Pressekodex und veröffentlichen unverpixelte Fotos der Getöteten.

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Solltest Du Suizid-Gedanken haben, dann gibt es Menschen, die Dir helfen können, aus dieser Krise herauszufinden. Eine erste schnelle und unkomplizierte Hilfe bekommst Du etwa bei der “TelefonSeelsorge”, die Du kostenlos per Mail, Chat oder Telefon (0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222 und 116 123) erreichen kannst.

Bedrohung durch Neonazis, Redaktion im Schleudergang, Esoterik-Murks

1. So bedrohen Neonazis kritische Journalisten
(blog.zeit.de, Jonas Miller & Jens Eumann & Henrik Merker)
Journalistinnen und Journalisten, die über Rechtsextremismus und Neonazis berichten, sind immer wieder Einschüchterungsversuchen und Angriffen ausgesetzt. Im “Störungsmelder”-Blog bei “Zeit Online” erzählen Jonas Miller, Jens Eumann und Henrik Merker, “wie es ist, im Fadenkreuz der Szene zu stehen.”

2. Daphne Caruana Galizia: Druck auf Maltas Regierung steigt
(ndr.de, Ellen Trapp, Video: 6:00 Minuten)
Zwei Jahre ist es her, dass die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia durch einen Anschlag mit einer Autobombe ermordet wurde. In den vergangenen Wochen ist wieder Bewegung in den Fall und die dazugehörigen Ermittlungen gekommen — bis hin zu einer Rücktrittsankündigung von Maltas Premierminister Joseph Muscat. Ellen Trapp fasst die Ereignisse im Medienmagazin “Zapp” zusammen.

3. Eine Redaktion im Schleudergang
(sueddeutsche.de, Verena Mayer & Jens Schneider)
Die frühere Chefin der Stasi-Unterlagenbehörde Marianne Birthler und der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk legten gestern ein Gutachten zur Stasi-Vergangenheit des Neu-Verlegers Holger Friedrich vor, der gemeinsam mit seiner Frau Silke den Berliner Verlag und damit auch die “Berliner Zeitung” gekauft hatte. Verena Mayer und Jens Schneider fassen die Ergebnisse des Gutachtens (und zusätzlich die weiteren Querelen rund um die Friedrichs) zusammen: “Die Gutachter betonen ausdrücklich ihren Respekt gegenüber den Redaktionen des Berliner Verlags, ‘die in einer schwierigen Situation versucht haben, trotz bestehender Abhängigkeitsverhältnisse so unabhängig wie irgend möglich vorzugehen und vor allem den Leserinnen und Lesern die Möglichkeit zu geben, sich ein eigenes Urteil zu bilden’.”
Weiterer Lesetipp: Die “Berliner Zeitung” richtet sich in einem “In eigener Sache” an die Leserinnen und Leser und veröffentlicht neben einem Brief des Gutachter-Duos Birthler und Kowalczuk auch dessen ausführlichen Bericht.

4. Medien wollen mehr
(taz.de, Christian Rath)
Ein Bündnis aus Journalistengewerkschaften und dem Deutschen Presserat, dem Netzwerk Recherche, Verlegerverbänden und dem Verband privater Medien sowie ARD und ZDF fordert vom Bundestag ein Presseauskunftsgesetz. Christian Rath erklärt: “Die Lücke, die ein derartiges Gesetz schließen soll, besteht seit 2013. Bis dahin galt für Medienanfragen an Bundesbehörden das Pressegesetz des jeweiligen Bundeslandes, in dem die Behörde ihren Sitz hatte. Für Anfragen an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Zirndorf galt zum Beispiel das bayerische Pressegesetz. Völlig überraschend stellte jedoch das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig 2013 fest: Für Presseauskünfte gegen Bundesbehörden ist ein Bundesgesetz erforderlich. Ohne ein entsprechendes Bundesgesetz gelte nur ein ‘Minimalstandard’, der unmittelbar aus dem Grundrecht auf Pressefreiheit abzuleiten sei.”

5. Dieser Twitter-Account gibt sich als syrischer Flüchtling aus
(correctiv.org, Alice Echtermann)
“Dawuhd Nabil” ist angeblich “Syrian Refugee, Muslim, Activist” und twittert ziemlich provozierende Aussagen, die immer wieder für reale unverschämte Forderungen eines syrischen Flüchtlings gehalten werden. Alice Echtermann hat die Hintergründe des Accounts recherchiert und konnte keine Spuren eines echten “Dawuhd Nabil” finden. Ihr Fazit: Es handele sich “um einen Fake-Account”, der “Beiträge unter falscher Flagge veröffentlicht”.

6. Leuchtender Feind im Klassenzimmer
(kontextwochenzeitung.de, Jürgen Lessat)
In der SWR-Sendung “Marktcheck deckt auf” über “Das Geschäft mit LED-Lampen” gab es auch ein “Experiment” in einem Klassenzimmer: Können Schülerinnen und Schüler unter LED-Leuchten schlechter lernen als unter Halogenlampen? Jürgen Lessat hat sich den Beitrag für “Kontext” angeschaut und die Merkwürdigkeiten festgehalten, die Hintergründe der präsentierten “Lichtexperten” recherchiert und beim SWR nachgefragt: “Warum verschweigen die ‘Marktchecker’ das anthroposophische Weltbild der aufgebotenen Lichtexperten? Warum suggerieren sie Wissenschaftlichkeit, wo esoterische Maßstäbe angelegt werden? Das wollte Kontext vom SWR wissen.”

Zum Abschied von Marion Horn

Marion Horn war nicht mal ein halbes Jahr im Amt, da zeigten sich selbst hartgesottene Islamhasser beeindruckt. So schrieb das Hetzportal „Politically Incorrect“ im März 2014 verblüfft:

Ja was ist denn in die BILD am SONNTAG (BamS) gefahren? (…) Gleich zwei mal packt das Springer-Blatt das heiße Thema Islam an – und zwar in einer Deutlichkeit, die es in sich hat.

Schon auf dem Titelblatt prangt die unmissverständliche Headline: „Islam-Rabatt für Jolins Mörder“. Ohne Fragezeichen!

Tatsächlich behauptete die „Bild am Sonntag“ gemeinsam mit den anderen “Bild”-Medien ohne Fragezeichen, in Deutschland gebe es einen „Islam-Rabatt“, also mildere Strafen vor Gericht, wenn es sich bei den Straftätern um Muslime handelt.

Titelseite BILD am Sonntag: Islam-Rabatt für Jolns Mörder

In Wahrheit kam eine Studie, die die „Bild“-Medien als vermeintlichen Beleg für den in Deutschland vorherrschenden „Islam-Rabatt“ anführten, sogar zum genau gegenteiligen Schluss: Deutsche Strafgerichte würden sogenannte Ehrenmörder „nicht milder als andere Beziehungstäter“ behandeln, „sondern sogar strenger.“

Der zweite Artikel in der “Bild am Sonntag”, über den sich „Politically Incorrect“ damals so freute, war ein Interview mit einem deutsch-türkischen Schriftsteller – große “BamS”-Überschrift: „‚Islam gehört zu uns wie die Reeperbahn nach Mekka’“.

Fazit der Fremdenfeinde:

„Zum Regieren brauche ich BILD, BamS und Glotze“, sagte Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder vor zehn Jahren. Wenn die oben erwähnten Artikel eine intensive und schnörkellose Debatte über die Gefahren des Islam in Deutschland auslösen, könnte die BamS vom heutigen 30. März 2014 eine nicht zu unterschätzende Katalysator-Funktion gehabt haben.

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So ging sie also los, Marion Horns Karriere als Chefredakteurin der “BamS”. Und nun, gut sechs Jahre später, geht sie zu Ende: Wie der Axel-Springer-Verlag in dieser Woche mitteilte, verlässt Horn die “Bild am Sonntag”.

Mit “Kompetenz und Leidenschaft” habe sie als Chefredakteurin “insbesondere die investigative und politische Relevanz von BILD am SONNTAG geprägt”, sagte Springer-Chef Mathias Döpfner.

Werfen wir zum Abschied also einen Blick zurück auf ihr glorreiches Werk.

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Als erste Frau an der Spitze der “BamS”, als bekennende “schlimme Feministin” ging es ihr immer auch darum, ein Zeichen zu setzen: für Frauen, gegen Sexismus. Klischees und stereotype Rollenbilder seien ihr zuwider, sagte sie mal, und dagegen kämpfe sie an:

Wir versuchen bei “BamS”, andere Frauenbilder zu zeigen.

Zum Beispiel solche:

Ein großes Foto in der

Herzogin Kate war im Mai 2014 “dem Wind sei Dank” das Kleid hochgerutscht, wodurch ihr Po entblößt wurde.

Der Windhauch des royalen Helikopters bei der Landung in den australischen Blue Mountains sorgte für diesen kurzen, aber magischen Moment.

Diesem “magischen Moment” widmete die “Bild am Sonntag” unter Feministin Horn fast die ganze letzte Seite.

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Im Juli 2014 veröffentlichte die “BamS” neben den anderen “Bild”-Medien zahlreiche Fotos und persönliche Informationen von Menschen, die beim Abschuss eines Flugzeuges über der Ukraine ums Leben gekommen waren.

Eine Erlaubnis der Angehörigen hatte die Redaktion nicht eingeholt. Die Veröffentlichung wurde später auch vom Presserat kritisiert.

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Wenige Tage später entschied sich Marion Horn für den Abdruck eines islamfeindlichen Kommentars ihres Stellvertreters Nicolaus Fest. “Der Islam stört mich immer mehr”, schrieb er darin, ihn störe “die weit überproportionale Kriminalität von Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund”, “die totschlagbereite Verachtung des Islam für Frauen und Homosexuelle” und vieles mehr. Der Islam sei wohl “ein Integrationshindernis”, was man “bei Asyl und Zuwanderung ausdrücklich berücksichtigen” solle.

Ich brauche keinen importierten Rassismus, und wofür der Islam sonst noch steht, brauche ich auch nicht.

Nach massiver Kritik verließ Fest die “Bild am Sonntag”. Horn entschuldigte sich mehr oder weniger – und blieb.

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Im Monat darauf verkündete die “Bild am Sonntag” exklusiv, Schauspieler Henning Baum habe das Ende seiner Serie “Der letzte Bulle” bestätigt. Noch am selben Tag teilte sein Management mit, das Zitat in der “BamS” sei frei erfunden.

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Zwei Wochen später berichtete die “Bild am Sonntag” über den Mord an einem 14-jährigen Mädchen und druckte im Artikel ein Foto des vermeintlichen Täters, das die Redaktion bei Facebook geklaut hatte:

Tatsächlich hatte der Abgebildete überhaupt nichts mit der Tat zu tun.

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Im Dezember 2014 fragte die “Bild am Sonntag” empört:

Haben wir nicht alle Lichter am Baum?

Denn in Berlin-Kreuzberg, so die Behauptung der “BamS”, müsse der Weihnachtsmarkt neuerdings “Winterfest” heißen. Auf “dem Altar der politischen Korrektheit” werde “die christliche Tradition geopfert”, insinuierte das Blatt.

In Wahrheit stimmte die Geschichte gar nicht: “Wie die Märkte sich nennen, ist uns total egal”, erklärte das zuständige Bezirksamt auf unsere Nachfrage. Die “Bild am Sonntag” hatte sich das Weihnachtsmarktverbot ausgedacht – und lieferte den besorgten Bürgern und Islamhassern einmal mehr neue Munition.

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Im darauffolgenden Frühjahr berichtete die “BamS”, dass die Schweizer Bundesanwaltschaft Franz Beckenbauer wegen der WM-Vergabe an Russland und Katar als Zeugen befragen wolle. Die Schweizer Bundesanwaltschaft teilte auf unsere Nachfrage mit, dass das Quatsch sei. Die Geschichte in der “Bild am Sonntag” sei sogar “mehrfach falsch”. Die Redaktion habe nicht mal bei ihr nachgefragt.

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Im Monat darauf schrieb die “BamS” auf ihrer Titelseite, Angela Merkel habe in Bayreuth einen “Kollaps” erlitten.

Angela Merkel - Kollaps in Bayreuth

Zwei Stunden nach diesen Fotos kippte Merkel um

Die Meldung des angeblichen Schwächeanfalls verbreitete sich rasend schnell, doch kurz darauf brachte die Nachrichtenagentur AFP folgende (wortwörtliche) Breaking News:

Regierungssprecher: Merkel bei Wagner-Festspielen nicht kollabiert – Kein Schwächefall – Stuhl der Kanzlerin brach zusammen

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Im August 2015 wurde in Schleswig-Holstein die Leiche eines Mannes gefunden, der Suizid begangen hatte. Daraufhin bat die Polizei die Medien darum, die Fotos, die sie zur Fahndung veröffentlicht hatte, “aus der Berichterstattung zu nehmen”.

Die “Bild am Sonntag” ignorierte nicht nur die Bitte der Polizei, sondern lieferte möglichen Nachahmern auch gleich noch den genauen Ort des Suizids:

Von dieser Brücke sprang ein Vater in den Tod

(Wenn Ihr selber Probleme habt, depressiv seid oder über Suizid nachdenkt, könnt Ihr Euch jederzeit unter 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 an die TelefonSeelsorge wenden.)

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Anfang 2016 druckte die “Bild am Sonntag” zahlreiche Fotos und persönliche Informationen von Menschen, die bei einem Zugunglück in Bad Aibling gestorben waren.

Diesen 11 Opfern schuldet ihr die Wahrheit! (dazu 11 Porträtfotos)

Eine Zustimmung der Angehörigen lag wieder nicht vor, und wieder wurde die Veröffentlichung vom Presserat kritisiert.

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Wenige Monate später druckte die “Bild am Sonntag” zahlreiche Fotos und persönliche Informationen von Menschen, die bei einem Anschlag auf ein Einkaufszentrum in München getötet worden waren.

Titelseite der

Eine Zustimmung der Angehörigen lag wieder nicht vor, und wieder wurde die Veröffentlichung vom Presserat kritisiert.

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Im September 2016 druckte die “Bild am Sonntag” einen Gastkommentar des Fußballers Arne Friedrich. Der meldete sich kurz darauf bei Twitter zu Wort und erklärte, die Redaktion habe in seinem Kommentar rumgepfuscht. Als Beweis schickte er einen Screenshot seines Originaltextes mit:

Negative Überschrift eingesetzt, Textteile weggelassen, so wird aus positiv plötzlich negativ. @HerthaBSC @bild Daumen-nach-unten-Emoji

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An Ostern 2017, nachdem ein Mann einen Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund verübt hatte, titelte die “Bild am Sonntag”:

Gott sei Dank -BVB-Bomben zündeten eine Sekunde zu spät

Wie sich später herausstellte, war auch diese Geschichte Unsinn. Die Bundesanwaltschaft teilte in einer Pressemitteilung mit, die Sprengsätze seien “zeitlich optimal gezündet” worden.

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Anfang 2018 behauptete die “Bild am Sonntag”:

4 von 5 Flüchtlingen fallen bei Deutsch-Test durch

Doch auch diese Schlagzeile war falsch. Tatsächlich ergab die Statistik, dass nicht „4 von 5 Flüchtlingen“ bei ihrem Deutsch-Test durchfallen, sondern dass vier von fünf Flüchtlingen, die Analphabeten sind, nicht das Sprachniveau B1 erreichen. Insgesamt schafften nicht nur 20 Prozent einen Abschluss, wie von “BamS” behauptet, sondern 76 Prozent.

Auch diese falsche Schlagzeile war eine willkommene Vorlage – nicht nur für andere Medien, sondern vor allem für rechte Hetzer.

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Wenige Wochen später schrie die “Bild am Sonntag”:

Weil Behörde Asylantrag zu spät bearbeitete - 7300 Euro im Monat für Flüchtlingsfamilie

Was in der Überschrift schon mal nicht klar wurde: Dabei handelte es sich nicht um eine drei- oder vierköpfige Familie, sondern um eine Mutter mit neun Kindern. Zudem wurden die 7300 Euro für die zehnköpfige Familie nicht bar ausgezahlt, sondern ein Großteil wurde schon vorher abgezogen, um die Kosten für die Unterbringung in einem Asylwohnheim inklusive aller Nebenkosten zu begleichen. Auch die Dauer der Bearbeitung war entgegen der “BamS”-Behauptung komplett irrelevant. Und auch sonst gab sich die “Bild am Sonntag” große Mühe, in dem Artikel möglichst viel Irreführendes und Falsches unterzubringen.

Tatsächlich hätte jede deutsche Mutter mit neun Kindern im selben Alter als Sozialhilfeempfängerin genauso viel und dieselben Leistungen bekommen wie die Flüchtlingsfamilie. Davon war in der “Bild am Sonntag” allerdings nichts zu lesen.

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Als im Dezember 2018 über die Nachfolge von Angela Merkel an der Spitze der CDU abgestimmt werden sollte, veröffentlichte die “Bild am Sonntag” eine Liste von 1001 Delegierten und verriet, für welchen Kandidaten/welche Kandidatin sie jeweils stimmen würden. Allerdings erklärten daraufhin etliche der angeblich Befragten, sie hätten überhaupt nicht mit der “Bild am Sonntag” gesprochen.



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Sechs Jahre war Marion Horn Chefredakteurin der “Bild am Sonntag”. Sechs Jahre, in denen ihr Blatt Lügen in die Welt setzte, Persönlichkeitsrechte verletzte und den Hass gegen den Islam befeuerte. Die Liste ließe sich noch viel weiter fortsetzen, mit Schleichwerbung, geheuchelter Selbstkritik oder politischen Kampagnen.

Oder wie man beim Axel-Springer-Verlag sagt: “Kompetenz und Leidenschaft”.

Ohne Verpixelung, mit Adresse

Vergangene Woche wurde ein Dreijähriger in Detmold erstochen, seine 15-jährige Halbschwester hat die Tat inzwischen gestanden. Die “Bild”-Medien berichten seitdem ausführlich über den Fall — und zeigen dabei ständig ein unverpixeltes Foto des getöteten Jungen. Sogar auf der Titelseite der Printausgabe vom vergangenen Freitag:

Screenshot Bild.de -15-Jährige ersticht ihren kleinen Bruder (3)
(Unkenntlichmachung durch uns.)

Auch in diversen Bild.de-Artikeln veröffentlichte die Redaktion das Foto ohne Unkenntlichmachung — alles für Klicks und Auflage, keine Spur von Rücksicht auf das Opfer und dessen Angehörige. Am Samstag zitierte “Bild” eine Freundin der Mutter des Opfers: Die Mutter befinde sich derzeit in einer psychiatrischen Klinik. Auch das scheint für das Blatt kein Grund zur Zurückhaltung zu sein.

“Bild” dürfte damit klar gegen den Pressekodex des Deutschen Presserates verstoßen. Kinder und Jugendliche sollen gerade in solchen Fällen geschützt werden, heißt es in Richtlinie 8.3:

Insbesondere in der Berichterstattung über Straftaten und Unglücksfälle dürfen Kinder und Jugendliche bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres in der Regel nicht identifizierbar sein.

Überhaupt, so steht es in der Richtlinie 8.2 zum Opferschutz, sei die Identität von Opfern besonders zu schützen und “das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich”. Mit folgender Einschränkung: “Name und Foto eines Opfers können veröffentlicht werden, wenn das Opfer bzw. Angehörige oder sonstige befugte Personen zugestimmt haben”. Gab es in diesem Fall eine solche Zustimmung? Wir haben bei “Bild” mehrfach nachgefragt, ob die Redaktion eine Erlaubnis der Familie erhalten hat, das Fotos ohne Verpixelung zu verbreiten. “Bild”-Sprecher Christian Senft hat nicht geantwortet. Auch auf die Frage, woher “Bild” das Foto des Jungen hat, gab es keine Antwort.

Die “Bild”-Medien verbreiten aber nicht nur ein unverpixeltes Foto eines Dreijährigen, sie schildern auch exakt, wo sich die schreckliche Tat abgespielt hat: In verschiedenen Bild.de-Artikeln wird das Mehrfamilienhaus von hinten und von vorne gezeigt. Für alle, die es ganz genau wissen möchten, beschreibt die Redaktion in einer Bildunterschrift, um welche Wohnung in welcher Etage es sich handelt. In der gedruckten “Bild” vom Samstag haben sie sogar einen schwarzen Pfeil auf die Wohnung gerichtet, um auch den allerletzten Zweifel auszuräumen. Und sie zeigen ein Foto der Wohnungstür (“Hinter dieser Tür spielte sich ein furchtbares Drama ab”). Den Straßennamen haben die “Bild”-Medien da schon längst genannt, und die Hausnummer ist auf einem Foto ebenfalls zu erkennen.

Damit dürfte die “Bild”-Redaktion auch noch gegen Richtlinie 8.8 des Pressekodex’ verstoßen, in der es heißt: “Der private Wohnsitz sowie andere private Aufenthaltsorte (…) genießen besonderen Schutz.”

Mit Dank an Yvonne für den Hinweis!

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