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Reinkarnation: Gesteinigter Hund war Ente

Die Geschichte könnte aus einem Monty-Python-Film stammen, stand aber in der halben Welt auf den Nachrichtenseiten. In der Version von “Spiegel Online” geht sie so:

Gericht verurteilt Hund zum Tod durch Steinigung. Ein Hund läuft in ein Justizgebäude und sorgt dort für Panik - dafür hat ein israelisches Rabbiner-Gericht das streunende Tier zum Tod durch Steinigung verurteilt. Ein Richter hielt den Störenfried offenbar für die Reinkarnation eines missliebigen Anwalts.

Sie können sie aber gerne auch auf den Internetseiten der “Süddeutschen Zeitung” (dort erstaunlicherweise im Ressort “Service”), der “B.Z.”, der “Rheinischen Post” oder des “Stern” nachlesen, falls Sie sie in den gedruckten Ausgaben von “Tagesspiegel”, “Bild”, “Express” oder “Hamburger Morgenpost” verpasst haben. Im Online-Auftritt der BBC war das Stück zeitweise einer der am häufigsten weiterverbreiteten Nachrichtentexte.

Den Experten vom “Berliner Kurier” war es sogar gelungen, ein Foto des Tieres zu bekommen (siehe rechts), obwohl es sich — so geht die Geschichte jedenfalls weiter — der Vollstreckung des Todesurteils durch Weglaufen entzogen hatte.

Die Geschichte ging vor allem dank der tatkräftigen Unterstützung durch die Nachrichtenagentur AFP um die Welt und löste teilweise anti-semitische Hassausbrüche aus. Und sie ist, Überraschung!, falsch. (Und der Hund auf dem Foto nur ein Symbolhund.) Die Wahrheit ist ein bisschen weniger spektakulär:

Ein Hund war ins Gerichtsgebäude gekommen.

Er ließ sich nicht ohne weiteres vertreiben.

Die Richter riefen den städtischen Hundefänger.

Schon in der Version, die die israelische Internetseite ynetnews.com veröffentlicht hatte und eine Quelle für viele der Falschmeldungen war, hatte ein Dementi gestanden. Entgegen der reißerischen Überschrift “Dog sentenced to death by stoning” behauptete der Artikel letztlich nur, dass die Richter spielende Kinder aufgefordert hätten, den Hund mit Steinen zu vertreiben. Die Nachrichtenagentur AFP ließ diesen Teil der Geschichte beim Weitererzählen der Einfachheit halber weg und weigert sich bis heute, ihren Fehler zu korrigieren.

Auch die Katholische Nachrichtenagentur KNA verbreitete die Story, schob vier Tage später aber immerhin eine Meldung “Rabbiner dementieren Bericht über Steinigung für einen Hund” nach. Die fand erstaunlicherweise nicht ganz so große Resonanz.

Viele internationale Medien haben die Falschmeldung inzwischen gelöscht, korrigiert oder sich entschuldigt. Deutschen Journalisten scheint das vergleichsweise egal zu sein.

Mit Dank auch an Arne P. und H.N.

Nachtrag / Korrektur, 17:55 Uhr. “Spiegel Online” hat die Meldung doch korrigiert, oder genauer: einen neuen Artikel mit dem Dementi veröffentlicht, den ursprünglichen Artikel aber aus irgendwelchen Gründen unverändert gelassen.

AOL, Tagesschau-App, Konflikte

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “AOL Hell: An AOL Content Slave Speaks Out”
(thefastertimes.com, Oliver Miller, englisch)
Ein eindrücklicher Bericht aus der AOL-Klickfabrik, in der es ganz egal geworden ist, was in einem Artikel steht, solange alles andere stimmt: “When it comes to an article, what AOL cares about is the title, and the ‘keywords’ that will make the article more likely to show up among the top results on Google. You type phrases into ‘Google Trends,’ and it suggests the most popular combination of words associated with that topic. You then stick those words into your title and first paragraphs. Rinse, wash, and repeat.” Siehe dazu auch diesen Artikel auf t3n.de. Hintergründe zum “eighth degree, black belt idiot” auf techcrunch.com.

2. “The Schlong Goodbye”
(thedailyshow.com, Video, englisch, 4 Minuten)
Wie US-TV-Sender reagieren, als Nancy Pelosi bei einer Pressekonferenz gleich zu Beginn klarstellt, dass sie nicht über den aufgrund einer Sexaffäre zurückgetretenen Abgeordneten Anthony Weiner, sondern über Jobs, Medicare und die Mittelklasse reden wird.

3. “Die Tagesschau-App und das Märchen von der Wettbewerbsverzerrung”
(claushesseling.de)
Claus Hesseling hält die Klage verschiedener deutscher Zeitungsverlage gegen die App von tagesschau.de für einen schlechten Witz. “Vielleicht dämmert es auch bald den Verlagsmanagern: Aktuelle Nachrichten wird es immer immer immer frei und kostenlos im Netz geben. Egal ob auf tagesschau.de, Twitter oder anderen Quellen.”

4. “Ha-haaaaaaaaa”
(katjakullmann.de)
“Soeben ereilt mich ein überaus dringender Anruf. Ein berühmtes People-Magazin aus München war dran: Man habe gehört, dass ich komplett pleite sei und kaum noch zu essen habe – ob man bitte schnell eine Homestory machen könne (‘mit Fotos’) – und ob und wann denn mein neues Buch eigentlich erscheine.”

5. “BILD gefällt mir nicht!”
(duesteregrenze.wordpress.com, Stefan Grenz)
Stefan Grenz schreibt über “Bild”: “Solange Journalisten anderer Medien BILD zitieren, solange machen sie sich mitschuldig am Erfolg von BILD.”

6. “Wie deutsche Medien Konflikte klassifizieren”
(graphitti-blog.de, katja)

Die verkeerde Antwoord

Leon Botha ist tot, damit wollen wir beginnen. Der südafrikanische Hip-Hop-Musiker Musiker und DJ starb am Sonntag an den Folgen von Progerie, die seinen Körper schneller altern ließ, einen Tag nach seinem 26. Geburtstag.

Doch wer war dieser Leon Botha? Bild.de ist sich sicher, die Antwort zu kennen:

Leon Botha von "Die Antwoord" litt an Progerie: Hip-Hop-Star mit 26 Jahren gestorben. Leon Botha ist tot. Er war Mitglied der südafrikanischen Band "Die Antwoord". Das Foto stammt aus dem Videoclip...

Im ersten Absatz erklärt Bild.de:

Der südafrikanische Hip-Hop-Star Leon Botha ist tot. Das Mitglied der Band “Die Antwoord” starb am Sonntag mit 26 Jahren. Botha litt an Progerie, einer Krankheit, die das Altern des Körpers beschleunigt.

Nur: Botha war gar nicht Mitglied bei Die Antwoord.

Die südafrikanische “Mail & Guardian” schreibt:

Botha erlangte Aufmerksamkeit als der DJ, der die Konzerte für Die Antwoord eröffnete und anschließend in einem ihrer Videos auftrat, das sie zu internationalem Ruhm brachte, Enter the Ninja.

(Übersetzung von uns)

Auch andere Medien betonen, dass Botha lediglich mit Die Antwoord zusammengearbeitet habe.

Theoretisch hätte das sogar der Bild.de-Mitarbeiter wissen können, der den kurzen Nachruf auf Botha geschrieben hat: Er verlinkt auf einen Bild.de-Artikel über südafrikanische Musiker von letztem Jahr.

Darin heißt es über Die Antwoord:

Ganz anders verarbeitet Die Antwoord (“Enter The Ninja) die vielseitige Kultur Südafrikas: Über einem wilden Mix aus HipHop und Electro rappt Frontmann Watkin Tudor Jones unter dem Pseudonym Ninja in seinen provokanten Tracks über Sex und Drogen. Unterstützt wird er laut “F.A.Z.” von seiner singenden Ehefrau Yo-Landi Vi$$er sowie von Justin DeNobrega (als DJ Hi-Tek). Die Musikwelt rätselt über das mysteriöse Projekt: Eine Satire oder ernst gemeint?

Mit Dank an Robert W.

Für eine Handvoll Milchmädchen

Ein Gutes hat ja die “Bild”-Hetze gegen Griechenland: Es bleibt kaum noch Zeit, um Geringverdiener gegen Hartz-IV-Empfänger aufzuwiegeln.

Am Samstag hatte Bild.de dann doch endlich wieder freie Kapazitäten für den zeitlosen Westerwelle-Klassiker “Leistung muss sich wieder lohnen!”:

Stundenlohn 1,88 Euro: Ich arbeite - kriege aber kaum mehr als Hartz IV

Hartz IV gleich soziale Hängematte? Viele arbeiten, obwohl es sich fast gar nicht lohnt. Sie sind Aufstocker.

Kurios ist dabei der Rechentrick, mit dessen Hilfe Bild.de “Stundenlöhne” von 1,88 Euro oder im folgenden Fall 2,50 Euro überhaupt möglich macht:

Wie die Kölnerin Simone L. (39), die 30 Stunden in der Woche in einem Verwaltungsjob arbeitet. (…) Sie lebt von 1050 Euro Nettogehalt, 184 Euro Kindergeld und 409 Euro staatlichem Mietzuschuss. Macht 1643 Euro.

Wenn sie gar nicht arbeiten würde, hätte sie nur 270 Euro weniger. Sie verdient also nur 2,25 Euro pro Stunde.

Haben Sie’s gemerkt? Während ein Stundenlohn normalerweise angibt, was ein Angestellter pro Arbeitsstunde brutto verdient, nimmt Bild.de den Nettolohn plus Kindergeld und Mietzuschuss, zieht davon einen möglichen Anspruch auf Hartz IV ab und teilt das dann durch die Arbeitsstunden — hier: (1643€ – 1373€)/120h. Berechnet man den Stundenlohn von Simone L. auf herkömmliche Weise, dann liegt er bei ca. 12 Euro.

Wie bescheuert dieser Rechenweg ist, zeigt sich, wenn man damit den Stundenlohn eines alleinerziehenden Bild.de-Redakteurs im fünften Berufsjahr laut Tarifvertrag (immerhin 3467 Euro brutto) berechnet. Denn auch er käme lediglich auf einen Dumping-Stundenlohn von etwa 5,50 Euro statt eines wirklichen Stundenlohns von 21,67 Euro (bei 40 Arbeitsstunden).

Aber ganz unabhängig vom Gehalt: Lohnt es sich überhaupt, für Bild.de zu arbeiten?

Mit Dank an Per K.

  

Wer anderen eine Falle stellt

— Ein Gastbeitrag von Anatol Stefanowitsch —

Bei der geballten und systematischen Bösartigkeit der Bildzeitung und ihrer Spin-offs mag es ein wenig kleinlich erscheinen, sich über ein eher randständiges Possenspiel aus Sprachnörgelei und Scheinheiligkeit aufzuregen, das BILD.de letzte Woche aufgeführt hat. Aber das Aufregen über Sprachnörgelei ist nun einmal Beruf und Berufung für mich, und die Scheinheiligkeit der BILD kann man nicht oft genug entblößen.

Worum geht es? Nun, BILD.de hat sich mit dem “Sprach-Trainer” Andreas Busch zusammengetan, um den Leser/innen eine Liste der “10 am häufigsten falsch verwendeten Wörter” zu präsentieren. Und das sind die 10 “fiesen Sprach-Fallen”, in absteigender Reihenfolge ihrer Fiesigkeit:

  • Public Viewing (soll vermieden werden, da es angeblich nur “Leichenschau” bedeuten kann).
  • Sympathie (soll nur in seiner “ursprünglichen” Bedeutung “Mitleid” verwendet werden).
  • Busen (soll nur für seine angebliche Ursprungsbedeutung, “das Tal zwischen den Brüsten”, verwendet werden).
  • Reifenwechsel (da wir das ganze Rad wechseln, sollen wir Radwechsel sagen).
  • Kult (sollen wir nur in seiner ursprünglichen Bedeutung “religiöses Ritual” verwenden).
  • für etwas sorgen (sollen wir nur mit der Bedeutung “sich um jemanden kümmern” verwenden).
  • männliche Berufsbezeichnungen wie Arzt (sollen nur für Männer verwendet werden).
  • verstorben (sollen wir nie verwenden, um über etwas zu reden, das den Verstorbenen zu Lebzeiten betraf).
  • irritiert (sollen wir nur mit der ursprünglichen Bedeutung “gereizt” verwenden).
  • wollen (sollen wir nicht in Sätzen wie “Ich wollte fragen, ob…” verwenden).

Wenn Sie sich über diese Liste wundern, vielleicht sogar zaghaft anzweifeln, dass es sich dabei überhaupt um “Sprach-Fallen” (geschweige denn um “fiese”) handelt, seien Sie beruhigt: Sie sind nicht allein. Tatsächlich will ich nicht verschweigen, dass mindestens neun dieser zehn Tipps kompletter Blödsinn und durch nichts zu rechtfertigen sind und getrost ignoriert werden können.

Aber hier soll es nicht darum gehen, ob diese Sprachtipps nützlich oder richtig sind. Stattdessen interessiert es mich, ob BILD.de in der Lage ist, sich wenigstens drei Tage lang selbst daran zu halten. Die Liste wurde am Mittag des 23. Mai 2011 veröffentlicht, der Suchraum ist also die Zeit bis zum 26. Mai 2011. Gehen wir die Liste also Wort für Wort durch.

Public Viewing. Es gab zwar Ausschreitungen im Umfeld des Spiels VfL Osnabrück–Dynamo Dresden am 24. Mai 2011, aber zu Tode gekommen ist glücklicherweise niemand. Warum also kündigt BILD.de Public Viewings an, nur einen Tag nachdem man die Leserschaft eindringlich davor gewarnt hat, das Wort für etwas anderes zu verwenden als für eine Leichenschau? Konnte man dieser fiesesten unter den “fiesen Sprach-Fallen” nicht ausweichen — schon allein, um ohnehin gewaltbereite Fußballfans nicht noch auf dumme Ideen zu bringen?

Sympathie. Ich will ehrlich sein: Auch ich bemitleide Menschen, die BILD.de lesen oder an Horoskope glauben, und mit Menschen, die an Horoskope glauben, die sie auf BILD.de gelesen haben, habe ich doppelt Mitleid. Aber ich habe das Gefühl, dass es in diesem Horoskop, das BILD.de am 25. Mai 2011, nur zwei Tage nach den tollen Sprach-Tipps von Busch, veröffentlicht hat, nicht um Mitleid geht sondern darum, dass man Zwillingen — nun ja, Sympathie entgegenbringt. War es zuviel verlangt, dieses immerhin doch am zweithäufigsten falsch verwendete Wort zu meiden und zu ersetzen durch — ja, was denn eigentlich?

Busen. Es ist sonst nicht mein Stil, über die sekundären Geschlechtsmerkmale mir nicht persönlich bekannter Damen zu sprechen, aber ich komme um den Hinweis nicht herum, dass in dieser informativen Bildergalerie vom 24. Mai 2011 eins nicht zu sehen ist: das “Tal” zwischen Lindsey Lohans Brüsten. Denn das verdeckt sie geistesgegenwärtig und gesittet. Was dagegen recht gut zu erkennen ist, sind die Brüste selbst — mit der Überschrift tappt BILD.de also direkt in “Sprach-Falle” Nr. 3.

Reifenwechsel. Über Wechsel von Rädern und Reifen schreibt BILD.de nur, wenn es entweder Zeit ist, Winter- oder Sommerreifen aufzuziehen oder in der Formel-1-Berichterstattung. In den drei Tagen nach der Veröffentlichung der “fiesen Sprach-Fallen” gab es keins von beidem, deshalb musste ich hier auf den Vortag, den 22. Mai 2011, zurückgreifen. Aber dafür bin ich mir zu einhundert Prozent sicher, dass bei Vettels angeblichen Reifenwechsel in Wahrheit die Räder gewechselt wurden: Wenn Vettels Mechaniker tatsächlich die Reifen neu aufgezogen hätten, hätte der Boxenstopp länger gedauert als das gesamte Rennen, und er hätte es nicht gewinnen können. Ich sage deshalb einfach mal “reingetappt” — wenn in der Berichterstattung über das Rennen von diesem Wochenende plötzlich von Radwechseln die Rede ist, nehme ich natürlich alles zurück.

Kult. Man kann schon den Eindruck bekommen, dass Jimmy Choo zusammen mit Manolo Blahnik und Christian Louboutin eine Art Dreifaltigkeit für Schuhfetischisten darstellen, aber wenn BILD.de Jimmy Choo in Überschrift und Teaser dieser Meldung vom Abend des 23. Mai 2011 gleich zwei Mal als Kult bezeichnet, geht es nicht um eine Verwendung überteuerter High Heels bei rituellen religiösen Handlungen — obwohl man doch nur wenige Stunden zuvor darauf gedrängt hat, das Wort nur zur Bezeichnung solcher Rituale zu verwenden. Im Spiel BILD.de gegen die “fiesen Sprach-Fallen” führen die Sprach-Fallen also mit 0:5.

Sorgen. “Mütter sorgen für Kinder, Lehrer für ihre Schüler, da stimmt das Verb”, erfahren wir aus den Sprachtipps von Sprechtrainer Busch, die BILD.de mahnend an uns weitergibt. Keinesfalls aber stimme es in Sätzen wie “Blitzeis sorgt für Verkehrschaos”, denn Blitzeis könne “für nichts und niemanden sorgen”. Chemikaliencocktails sind demnach in der Vorstellung von BILD.de offenbar eher so etwas wie Mütter, und Großeinsätze der Feuerwehr sind wie deren Kinder — anders lässt sich diese Schlagzeile vom 25. Mai 2011 nicht erklären. Oder ist man bei BILD.de trotz aller guten Vorsätze auch in die sechste “fiese Sprachfalle” getappt? Das ließe dann langsam Fahrlässigkeit vermuten.

Mann statt Frau. Man muss BILD.de zugestehen, dass man sich sehr konsequent an die Regel hält, für Männer die männliche und für Frauen die weibliche Berufsbezeichnung zu verwenden. Das eröffnet übrigens die Möglichkeit zu interessanten Untersuchungen über das dort gepflegte Geschlechterbild: Das Wort Arzt hat über 260 000 Treffer auf bild.de, das Wort Ärztin nur ca. 40 000. Das ist ein Zahlenverhältnis von etwa als 6:1, in der echten Welt kommen auf jede Ärztin aber nur zwei Ärzte. Aber ich schweife ab. BILD.de vergisst diese Regel in dem Moment, in dem man über gemischte Gruppen, z.B. von Ärztinnen und Ärzten, schreibt: Dann wird plötzlich nur noch die männliche Bezeichnung gewählt, wie in diesem Artikel vom 26. Mai 2011 (in dem noch dazu ausschließlich Männer erkrankt scheinen). So tappt man doch noch in die “fiese Sprach-Falle” Nr. 7.

Verstorben. “Frau Müller hat das Lebensmittelgeschäft mit ihrem verstorbenen Mann geführt” — die “fiese Sprach-Falle”, die Sprechtrainer Busch in diesem Satz ausgemacht hat, erklärt er wie folgt:
“Nein, das hat sie nicht. Das wäre ausgesprochen makaber. Natürlich hat sie das Geschäft mit ihrem LEBENDEN Mann geführt.” Man darf seinem Gegenüber anscheinend nicht zumuten, diesen offensichtlichen Schluss selbst zu ziehen. Warum, muss man sich dann fragen, mutet BILD.de seinen Leser/innen genau das in dieser Meldung vom 25. Mai 2011 zu, in der ein Rentner natürlich nicht auf einen Toten, sondern auf einen Lebenden geschossen hat, der erst als Folge dieser Schüsse verstarb?

Irritiert. Es kann sein, dass die Fahne, um die es in der folgenden Meldung, ebenfalls vom 24. Mai 2011, geht, den einen oder anderen gestört hat — der wäre dann irritiert im von Sprechtrainer Busch vorgeschlagenen Sinne gewesen. Aber die Mehrzahl war wohl irritiert in dem angeblich falschen und zu vermeidenden Sinne des Wortes — verwirrt, und ein wenig besorgt. Damit tappt BILD.de ist in die neunte der zehn “fiesen Sprachfallen”. Ich lehne mich mal aus dem Fenster und sage: Das ist kein Zufall. Man nimmt die Sprachtipps von Sprach-Trainer Busch bei BILD.de gerade ernst genug, um die Leser/innen damit zu piesacken, aber keinesfalls ernst genug, um sich selbst daran zu halten (Parallelen im Umgang von BILD.de mit Fakten ganz allgemein mag jeder selbst ziehen, ich bin hier nur für Sprache zuständig).

Wollte. Das Ergebnis 9/10 reicht mir, meine Schlussfolgerung ist gezogen, mein Auftrag erfüllt. Die letzte “Sprach-Falle” bezieht sich auf ein Sprachmuster, das in journalistischen Texten sehr selten und wegen seiner Variabilität allgemein zu schwer zu suchen ist. Ich schenke BILD.de also diesen einen Punkt im sicheren Bewusstsein, dass sich mit etwas Mühe auch dafür ein Beispiel fände.

Wie alle anderen Sprachfallen existiert auch diese, wie eingangs angedeutet, ohnehin nur in den Köpfen von Sprach-Trainer Busch und BILD.de. Ich werde das im Laufe der Woche im Sprachlog für alle sprachlich Interessierten genauer zeigen. Los geht es mit Folge 1, in der es um sorgen, Kult und Busen geht.

Nachtrag, 5. Juni: Inzwischen hat Anatol Stefanowitsch auch Folge 2 und 3 online gestellt.

Testfahrt mit geschlossenen Augen

Der Heide-Park Soltau ist um eine Fahrattraktion reicher und lädt Promis und Presse zur Jungfernfahrt mit der “Krake” ein. Während es Jimi Blue Ochsenknecht noch in die erste Reihe geschafft hat, muss “Bild am Sonntag”-Autor Timo Friedmann sich mit einem Platz weiter hinten begnügen.

Von einem V-Bügel in den Sitz gepresst überstand unser Reporter gestern die Jungfernfahrt auf dem Dive Coaster im Heidepark Soltau, den er ab sofort Heidenangstpark Soltau nennt.

Aus der zweiten Reihe stammt dann auch sein selbstreflexiver Erfahrungsbericht. Ganze vier von fünf Absätzen verwendet er erst einmal darauf, den Leser wissen zu lassen, was für ein Angsthase er eigentlich ist:

Die Beine baumeln halt- und willenlos in der Luft, neben mir schreit ein Mensch, doch ich kann ihm nicht helfen, ein v-förmiger Bügel presst mich in die Schalensitze. Der Wagen setzt sich in Bewegung. Er wird in 42 Meter Höhe gezogen, von einer Vorrichtung, für die vielleicht der verliebte Arbeiter zuständig war. Wer weiß?

Immer wieder fragt er sich, was wohl bei nachlässiger Arbeit alles passieren könnte. Der eigentliche “Erfahrungsbericht” spielt sich dann auf wenigen Zeilen ab:

Denn jetzt geht es runter. 42 Meter! Freier Fall! Fast senkrecht! Dem Wasser entgegen! Hinein ins Maul der Krake! Durch ein Schiffswrack hindurch. Unter Wasser, wohlgemerkt. Nach dem Wiederauftauchen werden wir durch einen Looping geschleudert, der aber kaum jemandem noch Adrenalin einflößen kann.

Vor lauter Panik scheint Friedmann bei diesem Teil der Fahrt die Augen geschlossen gehabt zu haben. So muss ihm entgangen sein, dass die Fahrt mitnichten in das Maul der Krake oder durch ein Schiffswrack hindurch führt.

Die Bahn fährt lediglich an dem Krakenmaul und dem Schiffswrack vorbei, wie uns Klaus Müller, Pressesprecher des Heide-Parks, versichert. Auch die Fahrt unter Wasser finde so nicht statt. Ein Teil der Schienen läge nahe der Wasseroberfläche und eine Fontäne werde ausgelöst. “Nass wird dabei aber kein Fahrgast”, sagt Müller. Letztlich ende die Fahrt auch nicht mit einem ganzen Looping, sondern mit einer sogenannten Immelmann-Kehre. Nach einem halben Looping aufwärts fährt die Bahn eine Schraube abwärts.

Auch auf themeparkreview.com gibt es eine Reihe von Bildern vom Eröffnungstag, die Müllers Aussagen bestätigen und Friedmanns Erlebnis ein kleines bisschen in Frage stellen.

Mit Dank an Philip L. und Andreas L.

Eine Entführung ist kein Mord

Ein Italiener, der seit längerem im Gazastreifen lebte, ist dort entführt und tot aufgefunden worden.

Bild.de versucht, die Tat historisch einzuordnen:

Der Mord an dem Italiener ist der erste Mord an einem Ausländer im Gazastreifen seit vier Jahren.

Damals, im März 2007, wurde der BBC-Reporter Allan Jonston ebenfalls von Salafisten verschleppt. Er kam nach 114 Tagen frei …

Und wenn Sie sich jetzt fragen, warum ein entführter, aber wieder freigelassener Journalist als Beispiel für einen “Mord an einem Ausländer” herhalten soll: Bild.de hat sich beim Aufmotzen einer dpa-Formulierung schlicht verrannt.

Die Nachrichtenagentur hatte vorher noch gemeldet:

Die Entführung Arrigonis war die erste eines Ausländers im Gazastreifen seit der Machtübernahme der Hamas vor knapp vier Jahren. Im März 2007 war der BBC-Reporter Allan Jonston in dem Palästinensergebiet ebenfalls von Salafisten verschleppt worden und erst nach 114 Tagen wieder freigekommen.

Und auch dieser Text enthält noch zwei kleine Fehler: “Allan Jonston” heißt eigentlich Alan Johnston.

Mit Dank an Jan H.

Nachtrag, 16.03 Uhr: Während die dpa eine Korrekturfassung mit dem richtigen Namen verschickt hat, hat Bild.de die beiden Absätze einfach aus dem Artikel entfernt.

Four Lions, Frankfurter Rundschau, Fußnägel

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Wer sticht wen”
(zeit.de, Matthias Kalle und Tanja Stelzer)
Das Magazin der “Zeit” widmet sich diese Woche der Frage, “was Journalisten anrichten”. Es geht unter anderem um die Methoden des Boulevard: “Man ruft grundsätzlich ohne Nummernkennung an. Man überrumpelt Verwandte von Prominenten, man schickt junge Reporter zu Partys, die am Buffet die Prominenten in ein Gespräch verwickeln.”

2. “Four Lions: Wir erfinden uns eine Zensurdebatte”
(buttkickingbabes.de, Rochus Wolff)
“Spiegel Online” (“CSU will Islamistensatire verbieten”) und andere Medien deuten eine Aussage eines CSU-Politikers zur Filmkomödie “Four Lions” als Aufruf zur Zensur: “Die CSU hat nie etwas in Bezug auf Four Lions gefordert, und auch Stephan Meyer hat weder von Zensur noch von Verbot gesprochen.”

3. “Aus der Redaktion – Heute: schwatzgelb, Nuri und der Boulevard”
(schwatzgelb.de)
Wie das Borussia-Dortmund-Fanzine schwatzgelb.de seit 2009 versucht, sich “Bild”-frei zu halten.

4. “WAZ muss für Schleichwerbung kein Bußgeld zahlen”
(blogs.taz.de/rechercheblog, Sebastian Heiser)
Sebastian Heiser schreibt, wieso die WAZ trotz Gesetz kein Bußgeld für Schleichwerbung bezahlt. “Das Landespressegesetz sieht vor, dass Schleichwerbung mit einem Bußgeld von bis zu 10.000 DM geahndet werden kann (ja, in dem Gesetz steht wirklich noch ‘Deutsche Mark’).

5. “Ihr Charme, ihr Drama”
(freitag.de, Ina Hartwig)
Ina Hartwig erinnert an die guten Zeiten der “Frankfurter Rundschau”: “Überhaupt, das Rauchen und Trinken! Der ältere Kollege, nachdem er den ganzen Tag leidenschaftlich telefoniert (und geraucht) hatte oder mit der Schreibmaschine Briefe zusammengehackt, öffnete abends seinen Schrank, wo eine Selektion von Rotweinflaschen mehr über seine Einstellung zum Leben und Arbeiten aussagte, als es die heutigen aseptischen, mit Energiesparlicht abgetöteten Arbeitsplätze im Großraumbüro vermögen.”

6. “Toemageddon 2011 – This Little Piggy Went to Hell”
(thedailyshow.com, Video, 6:11 Minuten)
US-Medien beschäftigen sich mit den pink bemalten Fußnägeln eines fünfjährigen Jungen.

Golfmagazine, The Collection, Newshype

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Das Elend der deutschen Medienpolitik”
(carta.info, Lutz Hachmeister)
Deutsche Medienpolitik zwischen realer Bedeutungslosigkeit und verzweifelter Selbstbeschäftigung: Lutz Hachmeister nennt die Landesmedienanstalten “einen angenehm dotierten Park für Parteipolitiker und ihre Gefolgsleute”. “Abgesehen von Mikro-Regulierungen auf der lokalen und regionalen Rundfunkebene” sei ihnen durch die Kassierung ihrer Pläne durch föderale Medienpolitiker nicht mehr als “Sitzungen, Tagungen und ‘Events’ geblieben”.

2. “Schleichender Verdacht”
(golfnerd.de, Denis Krah)
Die Abgrenzung zwischen redaktionellen und werblichen Inhalten in den Zeitschriften “Golf Journal”, “Golfmagazin”, “Die PGA-Seiten” und “Golf spielen”.

3. “Monothematisches Monatsmagazin nur für Tabletnutzer”
(netzwertig.com, Peter Sennhauser)
Peter Sennhauser bespricht das iPad-Magazin “The Collection” aus dem Ringier-Verlag und erinnert dabei an die Zeit Mitte der neunziger Jahre, als Multimedia-CD-Roms als der letzte Schrei und eine völlig neue Medienform galten. “Die Leserschaft will diskutieren, Inhalte teilen und speichern, zitieren und weiterverwenden – darauf basiert der Boom der sozialen Medien, und sie steht im Widerspruch zu isolierter Interaktion mit einem Programm.”

4. “Is This the World’s Best Twitter Account?”
(cjr.org, Craig Silverman, englisch)
Craig Silverman hält das Twitter-Konto von Andy Carvin (@acarvin) für eines der besten der Welt. “Carvin sends hundreds of tweets a day that, taken together, paint a real-time picture of events, opinions, controversies, and rumors relates to events in the Middle East.”

5. “Aus der Blogosphäre für die Blogosphäre”
(philibuster.de, Michael Stepper)
Michael Stepper spricht mit Jannis Kucharz über den geplanten Blogaggregator Newshype. “Im Moment durchsuchen wir rund 2000 Quellen und die eingehenden Twitter-Links. Schon das ist für unseren Bot eine gehörige Menge an Futter, aber wir wollen gerne noch mehr Blogs aufnehmen, denn je mehr Quellen, desto besser die Ergebnisse.”

6. “Countdown to the Next Countdown – I Can’t Believe It’s Not Shuttered!”
(thedailyshow.com, Video, 5:27 Minuten, englisch)
Die “Daily Show” widmet sich dem doch noch zustande gekommenen Budgetkompromiss in den USA und der dadurch abgewendeten Schließung staatlicher Einrichtungen. Jon Stewart beobachtet dabei Journalisten, die vorher einen dramatischen Countdown inszenieren und nachher nur noch wissen wollen, wer daraus als Gewinner und wer als Verlierer hervorgeht.

Einfach Mal ein Auge zudrücken

Als Phillipp Rösler im Jahr 2009 ins Bundeskabinett eintrat, berichteten viele Medien über den steilen Aufstieg des jungen Augenarztes. Das Problem damals: Rösler war nie Augenarzt, er ist promovierter Arzt und hatte die Weiterbildung zum Augenarzt zugunsten seiner politischen Karriere abgebrochen (BILDblog berichtete).

Und jetzt raten Sie mal, was passierte, als bekannt wurde, dass Rösler als FDP-Parteivorsitzender die nächste Stufe der Karriereleiter erklimmen soll!

Richtig:

Nach wenigen Wochen als Gesundheitsminister brach der gelernte Augenarzt  Anfang 2010 mit den alten FDP-Grundsätzen einer wirtschaftsfreundlichen  Gesundheitspolitik und brachte ein herbes Sparpaket für die Pharmabranche auf  den Weg.
(“Financial Times Deutschland”)

Der 38 Jahre alte Augenarzt übernimmt somit die Führung einer Partei, die völlig verzagt ist und einen historisch einmaligen Niedergang erlebt hat – gestartet in die Legislaturperiode mit einem Rekord-Wahlergebnis kämpft die FDP nun ums Überleben.
(“Badische Zeitung”)

Der bei der Bundeswehr ausgebildete Augenarzt machte aber deutlich, dass er nicht einfach den "Reset-Knopf" drücken und bei Null anfangen könne.
(“Südwest Presse”)

Andert­halb Jahre später weiß der ge­lernte Augenarzt: So funktioniert das nicht – schon gar nicht im Gesundheitsressort.
(“Der Westen”)

Und auch die Katholische Nachrichtenagentur tickerte:

Nach der Trennung seiner Eltern blieb er bei seinem Vater, einem Hubschrauberpiloten. Später ging er selbst zur Bundeswehr, ließ sich dort zum Augenarzt ausbilden und promovierte.

Bundesminister, Parteivorsitzender — das sind Jobs auf Zeit. Augenarzt wird Phillipp Rösler offenbar sein Leben lang bleiben.

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