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Rechnen mit Sklaven, Lesen mit Journalisten

Die Überschrift ist ebenso rätselhaft wie vielversprechend:

Mathe-Unterricht in den USA: Schüler sollen Rechenaufgaben mit toten Sklaven lösen

Die Geschichte, die “Focus Online” darunter erzählt, handelt davon, dass Kinder einer amerikanischen Grundschule Rechenaufgaben wie die folgende lösen sollten: “Ein Sklave wird fünfmal am Tag ausgepeitscht. Wie oft wird er in einem Monat ausgepeitscht?”

Das Stück wirkt ungewöhnlich gründlich recherchiert. Gleich drei verschiedene Quellen nennt “Focus Online” (ohne auch nur eine einzige davon zu verlinken): den Online-Auftritt des “New York Magazine”, die Zeitung “Atlanta Journal-Constitution” und CBS News.

Nur dass sich zum Beispiel die Angaben im “New York Magazine” (und in anderen Medien) so gar nicht mit dem decken, was “Focus Online” schreibt. So handelt es sich nicht um “Drittklässler der Beaver Ridge Grundschule im US-Bundesstaat Georgia”, sondern um Viertklässler der Schule PS 59 in New York City. Und auch nicht um neun betroffene Lehrer, sondern um zwei. Und von Ed DuBose, dem Präsidenten der Bürgerrechtsorganisation NAACP ist, anders als “Focus Online” schreibt, auch noch keine konkrete Forderung bekannt geworden, die Verantwortlichen zu feuern.

Des Rätsels Lösung: “Focus Online” hat die aktuelle Aufregung (in New York) mit einem ähnlichen Vorfall vor einem Jahr (in Georgia) verwechselt. Der war damals auch durch die deutsche Presse gegangen.

Und wir nehmen als Anregung für lebensnahe Unterrichtsgestaltung die Rechenaufgabe mit: Ein Redakteur macht pro Artikel, aus dem er zitiert, einen Fehler. Wie viele Quellen sind nötig, um den Qualitätsstandard von “Focus Online” zu halten?

Nachtrag, 22:50 Uhr. “Focus Online” hat den Artikel offen korrigiert.

dpa, n-tv.de  etc.

Die Nichtzahlen nichtzahlender Piraten

Die größten Schlagzeilen sind Nachrichten, die sehr unwahrscheinlich sind. Das Problem ist nur, dass Nachrichten, die sehr unwahrscheinlich sind, oft auch gar nicht stimmen.

Die Nachricht, die die Agentur dpa am heutigen Sonntagmorgen über die Ticker schickte, klang sehr unwahrscheinlich: In Niedersachsen gebe es in der Piratenpartei nur noch zwei Menschen, die ihren Mitgliedsbeitrag zahlen. In Bayern und Baden-Württemberg sei der Anteil der zahlenden Mitglieder innerhalb eines guten Jahres “dramatisch” gefallen: von über 50 Prozent auf sechs bis sieben Prozent.

Inbesondere die Angaben über Niedersachsen wären ein guter Anlass gewesen, die dpa-Zahlen zu bezweifeln, denn bei den Piraten sind nur zahlende Mitglieder stimmberechtigt, und in Niedersachsen hat gerade erst vor vierzehn Tagen ein Parteitag stattgefunden — mit offenkundig mehr als zwei Stimmberechtigten.

Quelle für die dpa-Meldung war eine Aufstellung der Piraten im Internet, aus der sich auch scheinbar ergab, dass in Bremen kein einziger Pirat seine Mitgliedsbeiträge zahlte.

Allerdings stand über der Tabelle auch ein etwas kryptischer Hinweis, der der Agentur und den Medien vielleicht eine Warnung hätte sein sollen:

Diese Zahlen beruhen auf (noch nicht bearbeiteten) Anträgen und den schon eingepflegten Mitgliedsanträgen der Landesverbände.

Inzwischen hat die Partei den Hinweis deutlich erweitert. Jetzt lautet er:

Diese Zahlen beruhen auf (noch nicht bearbeiteten) Anträgen und den schon eingepflegten Mitgliedsanträgen der Landesverbände. An jedem 01.01. eines Jahres setzen wir den Stand der stimmberechtigten Mitglieder wieder auf “0” weil dann ein neues Jahr beginnt und damit laut Satzung die Stimmberechtigung für Mitglieder vorerst nicht gegeben ist.

Die Mitglieder zahlen in der Regel ab Dezember und im ersten Quartal regelmäßig ihren Beitrag auf unsere Konten ein. Sobald die Schatzmeister diesen Eingang in unserer zentralen Buchhaltung buchen, sehen wir intern den aktuellen Stand unserer stimmberechtigten Mitglieder. Unsere Schatzmeister arbeiten ehrenamtlich, in der Regel sind sie im Frühjahr noch damit beschäftigt, das Vorjahr ordnungsgemäß zu buchen. Diese Buchungen sind für unsere Schatzmeister aktuell vorrangig, bevor sie die Mitgliedsbeiträge im laufenden Jahr buchen, damit der Abschluss des Vorjahres fertiggestellt werden kann.

“Spiegel Online” hatte am Morgen die falsche dpa-Meldung übernommen, aber nach Hinweisen auf Twitter schnell selbst recherchiert und transparent korrigiert. Aus der Überschrift “Schlechte Zahlungsmoral: Mehrheit der Piraten zahlt Mitgliedsbeitrag nicht” wurde “Fehlende Jahresbeiträge: Verwirrung um Zahlungsmoral der Piraten”.

Die Bundesschatzmeisterin Swanhild Goetze veröffentlichte noch am Vormittag eine Erklärung.

Die Agentur dpa verabschiedete sich nur zögernd von ihrer Berichterstattung. Um 11:23 Uhr warnte sie ihre Kunden:

Der Bundesverband der Piratenpartei hat in Medienberichten angegeben, dass die im Internet verbreitete Aufstellung über die Zahl der Mitglieder nicht aktuell ist. Diese Angaben waren Ausgangspunkt der dpa-Umfrage “Piraten leiden unter dramatischem Schwund zahlender Mitglieder”. dpa bietet schnellstmöglich eine klärende Berichterstattung an.

Erst um 12:59 Uhr rief sie ihre Meldung zurück. In einer Neufassung um 14:42 Uhr heißt es nun:

Bei Piraten zeichnet sich sinkende Zahlungsmoral ab

Berlin (dpa) – In mehreren Landesverbänden der Piratenpartei zeichnet sich ein Schwund zahlender Mitglieder ab. Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur dpa unter den Verbänden schlagen sich die Querelen in der Bundesspitze teilweise auch auf die Zahlungsmoral der stimmberechtigten Mitglieder nieder. “Die Tendenz ist klar”, hieß es am Sonntag aus Kreisen der süddeutschen Landesverbände. (…)

Die Bundespartei bestritt am Sonntag, dass sich aus den ins Internet gestellten Mitgliederzahlen ein Trend zum Rückgang ablesen lasse. Nach dieser Statistik wäre die Zahl der zahlenden Mitglieder von 60 Prozent Ende 2011 auf etwa ein Drittel Anfang 2013 gefallen. Es handele sich jedoch nur um Arbeitsstände der Landesverbände, aus denen sich nicht schließen lasse, wieviele Mitglieder aktuell ihre Beiträge bezahlt hätten und damit stimmberechtigt seien, sagte Bundesschatzmeisterin Swanhild Goetze der dpa.

Doch nicht alle Medien, die die dpa-Meldung übernommen hatten, wollten sich wieder von den aufregenden Zahlen verabschieden. So referiert n-tv.de erst das Dementi der Piraten, behauptet dann aber unberirrt:

Der größte Landesverband in Bayern hat 6835 Mitglieder – 2500 mehr als Ende 2011. Davon zahlten aber nur noch 470 Beiträge. Das sind noch 7 Prozent der Mitglieder. (…)

Düstere Zahlen verzeichnen auch die Piraten in Baden-Württemberg. Gerade mal 6 Prozent der Mitglieder zahlen noch ihren Beitrag. (…)

In Niedersachsen ist es in Sachen Finanzen noch schlimmer: Von den 782 Zahlern 2011 sind noch ganz 2 übrig geblieben.

Dass das nicht stimmt, ist für n-tv.de kein Grund, es nicht mehr zu behaupten.

Mit Dank an Christian N.

Nachtrag. n-tv.de hat den Artikel überarbeitet und um den Text ergänzt:

An dieser Stelle wurde ursprünglich gemeldet, dass der Anteil der zahlenden Mitglieder von 60 Prozent (Ende 2011) auf etwa ein Drittel (Anfang 2013) gefallen sei. Diese Information ist falsch. Sie beruhte auf einem Missverständnis der im Internet aufgeführten Mitgliederstatistik.

Die nächste Zarah Neander

Es ist eine Geschichte epischer Tragweite, daran ließ der “Spiegel” in seiner Ausgabe vom 14. Januar gar keine Zweifel. Schon in der Ankündigung auf Seite 5 fährt das Nachrichtenmagazin die ganz großen Geschütze auf:

Ein Biologe spielt Gott — Seite 110

Mit Hilfe der synthetischen Biologie will George Church Neandertaler klonen und virusresistente Menschen schaffen. “Die Technik schreitet so rasant voran wie noch nie”, sagt der amerikanische Genforscher im SPIEGEL-Gespräch.

Das Gespräch beginnt dann auch direkt mit der spannenden Frage nach der Rückkehr der Neanderthaler:

SPIEGEL: Herr Church, Sie kündigen an, schon bald werde es möglich sein, Neandertaler zu erschaffen. Was heißt “bald”? Werden Sie es noch erleben, dass ein Neandertaler-Baby geboren wird?

Church: Das hängt von verdammt vielem ab, aber ich denke trotzdem, die Antwort lautet: “Ja”. Denn die Technik schreitet so rasant voran wie noch nie. Vor allem kostet das Lesen und Schreiben von DNA heute nur noch ein Millionstel dessen, was es noch vor sieben, acht Jahren gekostet hat. Allerdings müssten wir, um die Ausrottung des Neandertalers rückgängig zu machen, das Klonen von Menschen erproben. Technisch dürfte das möglich sein. Wir können lauter Säugetiere klonen, warum also nicht auch den Menschen?

Im Folgenden werden die Fragen verhandelt, ob es überhaupt wünschenswert sei, den Neandertaler wiederauferstehen zu lassen (“Nur wenn sich ein gesellschaftlicher Konsens darüber herstellen lässt”), worin der Nutzen liegen könnte (“Vielleicht denken die Neandertaler völlig anders als wir”) und ob die “Wiedergeburt von Neandertalern” technisch überhaupt möglich sei (anscheinend schon).

Dann kommt die entscheidende Frage:

SPIEGEL: Und als Leihmutter suchen Sie sich einen “besonders abenteuerlustigen weiblichen Menschen”, wie Sie in Ihrem Buch schreiben?

Church: Ganz genau – vorausgesetzt natürlich, dass das Klonen von Menschen von der Gesellschaft akzeptiert würde.

Was diese dünnen Worte im Zeitalter von Castingshows in Journalistengehirnen anrichten können, zeigte sich alsbald: Die britische “Daily Mail” schrieb am Sonntag, der Forscher “sucht eine Mutter für ein geklontes Höhlenmenschenbaby” und führte aus:

Man hält sie normalerweise für eine brutale, primitive Spezies.

Welche Frau würde also ein Neanderthaler-Baby zur Welt bringen wollen?

Und dennoch ist dieses Szenario der Plan von einem der weltweit führenden Genetiker, der eine Freiwillige sucht, die ihm dabei hilft, diesen lange ausgestorbenen nahen Verwandten des Menschen wieder zum Leben zu erwecken.

Professor George Church von der Harvard Medical School glaubt, er könne die Neanderthaler-DNA rekonstruieren und die Spezies wiederauferstehen lassen, die vor 33.000 Jahren ausgestorben ist.

(Übersetzung von uns.)

Und weiter:

Er sagt: “Nun brauche ich einen abenteuerlustigen weiblichen Menschen.

Es hängt von verdammt vielen Dingen ab, aber ich denke, man kann das machen.”

(Übersetzung von uns.)

Damit war die Geschichte natürlich noch einmal bedeutend spannender, als sie im “Spiegel” und in der Zusammenfassung bei “Spiegel Online” gewesen war, wo sie – trotz der reißerischen und irreführenden Titelzeile “Genforscher George Church will Neandertaler klonen” – von deutschen Boulevard-Journalisten noch ignoriert worden war.

Der “Berliner Kurier” titelte gestern:

Leihmutter soll Neanderthaler gebären

Dem Kölner “Kurier”-Schwesterblatt “Express” gelang es wie üblich, das Thema auf eine lokale Ebene herunterzubrechen:

Leihmutter für Neanderthaler-Baby gesucht! Harvard-Professor will Steinzeit-Rheinländer züchten

Beide Zeitungen berichten übereinstimmend, George Church glaube, “dass er Neandertaler wieder zum Leben erwecken kann”. Das hatten zwar die “Daily Mail” und nach ihr viele andere Medien in aller Welt behauptet, Professor Church jedoch offensichtlich nie.

Der Wissenschaftler sah sich also genötigt, via “Boston Herald” klarzustellen, dass er persönlich keinerlei Ambitionen hege, einen Neanderthaler zu klonen:

“Ich befürworte das sicherlich nicht”, sagte Church. “Ich sage nur, wenn es eines Tages technisch möglich ist, müssen wir heute anfangen, darüber zu reden.”

Church sagte, er sei nicht einmal an der Sequenzierung von Neanderthaler-DNA beteiligt — einem Projekt, von dem Wissenschaftler sagen, dass es geholfen habe, festzustellen, dass moderne Menschen tatsächlich Spuren ihrer entfernten, menschenähnlichen Vorfahren tragen.

[…]

Church sagte, er habe in mehr als 20 Jahren vermutlich 500 Interviews geführt und dies sei das erste, das derart aus dem Ruder gelaufen sei.

(Übersetzung von uns.)

Stunden, nachdem Professor Churchs Richtigstellung für Jedermann lesbar im Internet erschienen war, nahm sich endlich auch Bild.de des Themas an:

LEIHMUTTER FÜR IRRES EXPERIMENT GESUCHT: US-Genforscher will Neandertaler züchten!

Die Bild.de-Autoren zitieren zwar ausgiebig aus dem “Spiegel”-Interview, scheinen aber nicht bemerkt zu haben, dass Church dort gar nicht behauptet, er selbst wolle “einen Menschen erschaffen, der gegen alle bekannten Krankheiten immun ist – indem er einen Neandertaler klont!”

Der “Berliner Kurier” hat für seine heutige Aufgabe indes sogar richtiggehend recherchiert und mehrere Wissenschaftler aufgetan, die Churchs “Pläne” scharf kritisieren. Nur Churchs eigener Widerspruch bleibt unerwähnt.

Mit Dank an Erwin P., Christian P. und Basti.

Wenn zwei sich streiten

Das las sich gestern fast schon wie ein Happy-End. Zweieinhalb Wochen nachdem das Prominentenpaar Sylvie und Rafael van der Vaart seine Trennung bekannt gegeben hatte, titelte “Bild”:

Sylvie & Rafael van der Vaart - ALLES WIEDER GUT! Angeblich...

Im Inneren erfuhr der Leser dann auf einer halben Seite “alles über das Liebes-Comeback”:

Der eine ist ohne den anderen nur die Hälfte Wert; So läuft das Liebes-Comeback bei den van der Vaarts ab

Nun, was war passiert? Die “Bild”-Leute Christiane Hoffmann und Babak Milani erklären es gleich zu Beginn ihres Artikels:

“Der Duft nach dem Regen …

Das Gefühl nach dem Weinen …

Der Klang einer zweiten Chance …”

Sylvie van der Vaart (34) öffnete gestern Mittag öffentlich ein wenig ihr Herz. Drei Zeilen postete sie bei “Facebook”, dazu ein Foto des Sonnenaufgangs am Hamburger Hafen. Ihre Worte lassen erahnen, was für ein Gefühlschaos sie in den letzten zwei Wochen durchlebt hat. Sie signalisieren die Hoffnung auf Romantik, auf die Rückkehr der Liebe, auf die Ruhe nach dem Sturm.

Einmal in Fahrt, schwingen sich die Autoren in fast schon Wagner’sche Höhen auf:

Sylvie ohne Rafael ist wie Currywurst ohne Curry. Ein Großteil IHRER Karriere hat das starke Fundament der “Familie van der Vaart”.

Wenn du wirklich liebst, musst du irgendwann zu der Erkenntnis kommen, dass es die Liebe nicht ohne das Leiden gibt. Die Liebe ist nicht so perfekt wie Sylvies blonde Föhnfrisur. Streit, Konflikt und böse Worte gehören dazu. Du darfst nur den Respekt nicht verlieren und deine Liebe. Und dich selbst.

Denn der Duft nach dem Regen ist wundervoll …

Hach ja.

Bild.de widmete sich derweil ebenfalls dem Dreizeiler:Sylvies hoffnungsvoller Facebook-Eintrag - Sie wünscht sich doch so sehr, dass es wieder klappt

Und lieferte gleich einen Screenshot mit:

Sylvie postete am Mittwoch diese drei Zeilen auf Facebook

Gepostet wurden “diese drei Zeilen” also auf einer Seite namens “Sylvie van der Vaart NEWS” — doch die ist, wie sich nach knapp viersekündiger Recherche zeigt, nicht das offizielle Profil der Moderatorin, sondern eine Fan-Seite. Frau van der Vaart selbst hat mit den Worten, die ihr “Bild” und Bild.de in den Mund legen und genüsslich ausschlachten, in Wirklichkeit also nichts zu tun.

Das stellten auch die wahren Verfasser des “hoffnungsvollen Facebook-Eintrags” gestern auf ihrer Seite klar:
Liebe BILD-Zeitung, liebe CHRISTIANE HOFFMANN und BABAK MILANI es freut uns dass sie unsere "Fan-Seite" (wie oben angegeben) lesen und hieraus Informationen für ihre Berichterstattung auf bild.de beziehen. Jedoch würden wir uns freuen wenn sie unsere Worte nicht als Sylvie's Worte ausgeben. Besagtes "Hafenfoto mit hoffnungsvollen Worten" haben WIR gepostet, und nicht Sylvie. Ihre Redaktion arbeitet seit Jahren sehr gut mit Frau van der Vaart zusammen. Bitte respektieren Sie Ihre Privatsphäre und produzieren Sie nicht immer neue Schlagzeilen aus Worten die nicht einmal von Sylvie selbst stammen! Vielen Dank!

Bild.de hat die betreffenden Artikel mittlerweile gelöscht.

Schon seit Jahren pflegen Sylvie van der Vaart und “Bild” ein sehr inniges Verhältnis zueinander. Frau van der Vaart, ihres Zeichens “Model, Moderatorin usw.” (Bild.de), war bereits mehrfach als Kolumnistin für das Blatt tätig, sie spielte beim “Bild-Super-Manager” mit, stylte einen “Bild”-Reporter um und war einen Tag lang Chefredakteurin bei Bild.de. “Bild am Sonntag” warf einen Blick in Sylvies Kleiderschrank, “Bild” bummelte mit ihr durch ihre Heimat Eppendorf, und Bild.de zeigte sie in Dessous, in Dessous und in Dessous.

Als die Eheleute van der Vaart zu Beginn des Jahres — exklusiv in “Bild” — ihre Trennung bekannt gaben, war also schon abzusehen, dass sich das Blatt mit der Post-Trennungs-Berichterstattung nicht gerade zurückhalten würde. Dass sich die Redakteure aber dermaßen ins Zeug legten, hat dann doch ein wenig überrascht.

1. Januar:
Love-Story ohne Happy-End

1. Januar:
Sylvie und Rafael van der Vaart: Ehe kaputt!

2. Januar:
Schon nächste Woche muss Rafael ausziehen

2. Januar:
Nach diesem Foto war Schluss!

2. Januar:
Die frisch getrennten Van der Vaarts

2. Januar:
Sylvie und Rafael: Woran zerbrach ihre Ehe?

2. Januar:
Warum scheitern so viele Bilderbuch-Ehen?

2. Januar:
Post von Wagner: Liebe van der Vaarts

3. Januar:
Sylvie van der Vaart zu BILD: "Ich liebe ihn immer noch, aber die Trennung ist endgültig"

3. Januar:
Was passierte genau in der Silvester-Nacht?

3. Januar:
Was wird jetzt aus Söhnchen Damian?

3. Januar:
Rafael und Sylvie van der Vaart sprechen in BILD: Die Karriere killte ihre Liebe!

3. Januar:
Wie lange spielten sie nur noch das perfekte Paar?

3. Januar:
Das sagen Fans, Kollegen und die Welt

3. Januar:
Van der Vaart trägt noch die Liebes-Schuhe

3. Januar:
Welche Rolle spielt die Busenfreundin?

4. Januar:
Sylvie van der Vaart beim therapeutischen Shoppen

4. Januar:
Wurde Sylvie zu stark für ihren Mann?

4. Januar:
Hat diese Holländerin was mit der Trennung zu tun?

4. Januar:
Wieso quatschen sie von Liebe und trennen sich doch?

5. Januar:
Wegen Ehe-Zoff: Linken-Politiker fordern Sperre für van der Vaart
5. Januar:
Welche Rolle spielt Sylvies mysteriöses Medium?

6. Januar:
Sabia Boulahrouz weicht nicht von Sylvies Seite

6. Januar:
Glück gejagt, Liebe verloren

7. Januar:
Van der Vaarts Busenfreundin: Auch ihre Ehe ist kaputt!

7. Januar:
Sylvies Psycho-Trainerin: Ist sie die Schluss-Macherin?

7. Januar:
Van der Vaart jetzt auch noch verletzt

8. Januar:
Van der Vaart: Verletzung wegen Ehe-Aus?

10. Januar:
Möbelwagen da! Van der Vaart zieht aus

13. Januar:
Nach dem Ehe-Aus: Das ist van der Vaarts sturmfreie Bude

Am 16. Januar dann die Überraschung:Sylvie: "Wir wollen es wieder miteinander versuchen"

“Ich bin so glücklich. Wir wollen es wieder miteinander versuchen”, verrät Sylvie van der Vaart (34) dem “Gala”-Chefredakteur Christian Krug bei einem Treffen vor wenigen Tagen. UND: “Ich liebe Rafael immer noch so sehr!”

Doch im Laufe des Tages wurde das Ehe-Wirrwarr immer verrückter.Ehe-Wirrwarr immer verrückter

Am Mittwochmorgen überraschte uns die Nachricht vom Liebes-Comeback der van der Vaarts: “Ich bin so glücklich. Wir wollen es wieder miteinander versuchen”, soll Sylvie van der Vaart (34) dem “Gala”-Chefredakteur Christian Krug am Rande eines Termins verraten haben und der druckte es prompt in seinem Magazin. (…)

Nun ließ die Moderatorin den Bericht jedoch zurückweisen. Sie habe zu diesem Thema gar kein Interview gegeben, von einer Versöhnung könne keine Rede sein, teilte ihr Management mit. Das Paar stehe in gutem Kontakt, alles andere müsse die Zukunft zeigen.”

Diese Zukunft erschnupperte “Bild” dann, wie eingangs beschrieben, gestern aus dem “Duft nach dem Regen”. Eine Korrektur der Ente findet sich heute nicht im Blatt. Nur der dürre Hinweis, dass Sylvie van der Vaart ab 22. Februar eine neue RTL-Show moderieren wird. Ganz ohne Lyrik.

Mit Dank an Rene W., Frederik S., Tinnef, Nora R. und Sarah.

Talks, Wulffs und unaufmerksame Zeitungsleser

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

Bis zum 11. Januar gibt es hier ein ungewöhnliches Experiment: BILDblog und die Deutsche Journalistenschule organisieren die Urlaubsvertretung von Ronnie Grob – Schüler der 50sten und 51sten Lehrredaktion der DJS werden in den nächsten Tagen täglich sechs besondere Links auswählen und im BILDblog und auf djs-online.de vorstellen. Heute ausgewählt von Anne-Nikolin Hagemann und Christina Metallinos.

1. Ich will auch auf die Liste
(Der Tagesspiegel, Harald Martenstein)
Jakob Augstein belegt in der weltweiten Antisemiten-Top-Ten des Simon-Wiesenthal-Zentrums Platz 9 [Nachtrag: Naja, genau genommen nicht]. Wenn er wirklich Deutschlands gefährlichster Antisemit sein soll, wäre das ein prima Zeugnis für das Land, findet Harald Martenstein. Und fragt sich, warum er selbst es eigentlich nicht auf die Liste geschafft hat.

2. Ruhet in Frieden
(Spiegel Online International, Bernhard Zand)
Fünf obdachlose Jungen in China sterben in einer Mülltonne. Spiegel-Korrespondent Bernhard Zand berichtet – trotz Einschüchterungen, Beschattungen und einem Einbruch in sein Hotelzimmer, bei dem Fotos und Aufzeichnungen verschwinden. Chinas designierter Staatspäsident Xi Jinping lobt derweil seine “Freunde von der Presse” für ihr “Engagement”.

3. Journalismus in Zeiten der Krise
(W&V, Thomas Forster)
Im Interview mit W&V spricht der Leiter der Deutschen Journalistenschule, Jörg Sadrozinski, über sinkende Bewerberzahlen an seiner Schule, neue Schwerpunkte im Lehrplan und den Journalismus in der Krise: „Kein Bäcker würde seine Ware verschenken – aber genau das tun wir.“

4. Die Talkrepublik
(Universität Koblenz-Landau)
Erwartbare Debatten, die immergleichen Gäste und wenig Substanz: In ihrer Analyse deutscher Talkshows liefern 35 Studenten der Universität Koblenz-Landau einen bemerkenswert umfassenden Überblick über Shows und Funktionsweisen und zeigen, wie die perfekte Talkshow aussehen sollte.

5. Wulff-van-der-Vaart-Doppelbelastung zu viel für Bild
(Der Postillon, dpo)
Die Wulffs und van der Vaarts führen zu Personalmangel bei der BILD, die nach “Postillon”-Meldung deshalb gleich das Politikressort schließen muss. Beim Gedanken an die ausführliche Berichterstattung anderer Medien über die beiden Trennungen bleibt einem das Lachen jedoch fast im Halse stecken.

6. Six things you can miss while reading a newspaper
(YouTube, Belgische Zeitungsverleger)
Krise hin, Krise her: Zeitung fesselt nach wie vor, wie dieser Spot belgischen Zeitungsverleger zeigt.

Bild  

Ja, wo laufen sie denn?

“Bild” klang gestern fast besorgt:

Warum laufen Lanz die Zuschauer weg?

Eine Frage, die “Bild” so ähnlich auch kennt, hat die Zeitung mit ihren Lesern doch das gleiche Problem.

Und in der Zeitung gibt es nicht mal Showacts:

Richtig wach wurden die Zuschauer offenbar nur bei den Showeinlagen.

Wurde bei Gottschalk eher abgeschaltet, wenn irgendjemand gesungen hat -so ist das bei Lanz umgekehrt

Der Quotenverlauf zeigt: Je weniger Lanz redete, umso mehr guckten zu!

Bei den Auftritten von Pink, den “Fantastischen 4” oder Rihanna zeigte die Quotenkurve prompt nach oben.

Diese Behauptung ließ sich dann bei näherer Überprüfung doch nicht aufrechterhalten, wie “Bild” heute zugeben musste:

Korrektur zu "Wetten, dass ..?": BILD berichtete gestern über den Quotenverlauf der "Wetten dass ..?"-Sendung von Markus Lanz. In unserem Artikel heißt es: "Je weniger Lanz redete, umso mehr guckten zu." Das ist nicht richtig. Bei den meisten Musik-Acts war die Quote niedriger als beim Talk des Moderators. Das ergab die exakte Minutenauswertung der Sendung.

Das Diagram auf der Titelseite, das einen beschleunigten Zuschauerschwund suggeriert, war übrigens auch falsch: Online ist es treffender.

Ebenfalls auf dünnem Eis bewegt sich “Bild” mit der Geschichte der Sängerin Pink, die vor ihrem Auftritt bei “Wetten dass ..?” einem “Bettler” bzw. einem “Obdachlosen” ihr “letztes Kleingeld” gegeben habe:

Pink schenkt diesem Bettler ihr Kleingeld
Freiburg - Sie ist ein Weltstar mit Herz. Bei "Wetten, dass ..?" gab US-Sängerin Pink (33) die coole Rockröhre. Doch den besten Auftritt hatte sie vier Stunden vor der Show. In der City sah Pink einen Bettler mit vier Schäferhunden (Emma, Fee, Uschi und Herrmann), drückte ihm spontan ihr letztes Kleingeld (15 Euro) in die Hand. Zu BILD sagte der Mann später: "Sie war wundervoll. Ich wusste nicht, dass sie ein Weltstar ist. Sie hat das überhaupt nicht raushängen lassen."

Die “Badische Zeitung” bemerkte dazu gestern in ihrer Online-Ausgabe:

Erst als ein Reporter der Bild-Zeitung am Sonntag bei [Schäfer Hans Kletschkus] auftauchte und nachfragte, erfuhr er davon [dass Pink ein Foto von ihm auf Twitter verbreitet hatte]. Die Bild-Zeitung machte daraus die Story des armen Freiburger Obdachlosen, dem Pink einen zehn Euro-Schein und einen fünf Euro-Schein in den Hut legte. Auf dem Fotos sieht man zwar die Scheine, aber wer sie in den Hut legte? Ob Weltstar Pink das war, kann Hans Kletschkus nicht sagen. Eines ist sicher: Obdachlos ist er auf jeden Fall nicht, auch wenn er zurzeit im Wohnwagen unterwegs ist.

Mit Dank auch an Andreas.

Marken-Artikel

Dies ist die Geschichte von einem kleinen Stück Papier. Und davon, wie die “Bild”-Zeitung aus dem kleinen Stück Papier eine ganz große Sache machte.

Die Geschichte beginnt am 25. Oktober. An diesem Tag erscheint in der Dresdner Regionalausgabe dieser Artikel:

Rentner finden 3-Millionen-Marke auf dem Flohmarkt!

Auf dem berühmten Dresdner Elbe-Flohmarkt fanden Rentner Reinhold Hoffmann (70) und Lebensgefährtin Bärbel (71) unter all dem Plunder und Trödel eine unheimlich seltene Briefmarke.

Opa Reinhold: “Bärbel kaufte vor zwei Jahren wie so oft am Elbufer für 20 Euro zwei Kilo alte Briefmarken. Als ich diese auf dem Küchentisch ausbreitete, stockte mir der Atem!”

Und zwar zurecht: Denn allem Anschein nach lag dort auf dem Küchentisch der Hoffmanns eine absolute Rarität: die “Benjamin Franklin One Cent” mit Z-Grill!

Und weil Ihnen das vermutlich genauso wenig sagt wie uns, als wir erstmals davon hörten, hier nun ein kurzer Exkurs in das weite Feld der Philatelie: Im 19. Jahrhundert war es beim U.S. Postal Service für wenige Jahre üblich, ein Muster in die Briefmarken zu prägen, eine Art Wasserzeichen, das die Wiederverwendung von bereits gebrauchten Marken verhindern sollte. Im Englischen werden diese Einprägungen “Grill” genannt. Es gibt davon verschiedene Varianten, etwa den “A-Grill”, den “F-Grill” — oder eben den “Z-Grill”. Das Vorgehen war übrigens nicht sonderlich erfolgreich: schon bald verschwanden die Grill-Briefmarken also wieder und wurden zu Sammlerstücken.

Die “One Cent”-Marke mit Z-Grill ist heute eine der seltensten Marken der Welt, bisher sind nur zwei als echt zertifizierte Exemplare bekannt. Deshalb beträgt der aktuelle Katalogwert auch stolze drei Millionen Dollar. Nur zum Vergleich: von der berühmten “Blauen Mauritius” gibt es noch zwölf Exemplare, im Katalog kommt sie auf vergleichsweise geringe 625.000 Euro.

Nun aber zurück zu “Opa Reinhold”. Ob der auf dem Flohmarkt tatsächlich einen Z-Grill gefunden hat, muss natürlich erst noch geprüft werden.

Das Echtheitszertifikat kann in diesem Fall jedoch nur die ‘Philatelic Foundation’ in New York ausstellen.

… zitiert “Bild” einen Briefmarken-Experten. Und schlussfolgert:

Die Marke der sächsischen Flohmarkt-Fans muss nun also zum Vergleich mit dem Original in die USA.

Es gibt allerdings einen kleinen Haken:

Und das ist Opa Reinholds Dilemma: “Ich habe nur 600 Euro Rente. Damit kann ich mir die Reise und die Prüfgebühr nicht leisten.” Verzweifelt suchen sie jetzt einen Sponsor.

Mit dieser rührenden Szene endet der Artikel. Danach passiert ein paar Tage lang gar nichts. Doch nachdem auch die “Dailymail” in ihrer Online-Ausgabe über den Fall berichtet hat, erkennt “Bild” offenbar das Potenzial der Story und hebt sie am 2. November groß in die Bundesausgabe:

Rentner findet 2,5-Mio.-Briefmarke auf dem Flohmarkt

Plötzlich springen auch etliche andere Medien darauf an und berichten über die “Sammlersensation vom Flohmarkt”.

Ob es sich aber tatsächlich um die wertvolle Rarität handelt, steht immer noch nicht fest. “Bild” schreibt:

Offiziell muss die Echtheit der One-Cent-Marke noch von der “Philatelic Foundation” in New York bestätigt werden. Ohne ein Zertifikat dieser Stiftung kann die Marke nicht in einem Auktionshaus verkauft werden.

Die Experten hierzulande sind allerdings schon mal hin und weg:
Profis von Millionen-Marke begeistert

Bild.de hatte die Marke von “Gutachter Klaus Finthe” untersuchen lassen.

Flinthe fasziniert: “Sie ist zu 99 Prozent echt, womöglich wertvoller als die Blaue Mauritius. Eine Fälschung ist unwahrscheinlich.”

Um aber, so betont Bild.de einen Tag später erneut, …

(…) die 100-prozentige Echtheit einer Marke festzustellen, ist ein Besuch in New York unumgänglich. Denn nur die Expertise der “Philatelic Foundation” bestätigt, dass es sich um ein Original handelt. Eine Reise, die Reinhold Hoffmann auch noch vor sich hat.

Aber gab’s da nicht noch ein Problem? Ach ja:

Reinhold Hoffmann (70) und Lebensgefährtin Bärbel (71) suchten einen Sponsor, um an die Expertise der “Philatelic Foundation” New York zu kommen. Denn nur diese bestätigt die Echtheit.

Doch dank der bundesweiten Aufmerksamkeit gibt es für die “Briefmarken-Millionäre”, wie Bild.de sie nun schon nennt, eine gute Nachricht: Ein Verlag für Briefmarken-Zubehör bietet an, “den Rentner Hoffmann sowohl zu betreuen als auch finanziell zu unterstützen” und will “alle anfallenden Kosten für die Reise in die USA übernehmen”. Auch der Verlag erklärt noch mal das Ziel der Reise: “Jetzt muss die One-Cent-Marke noch von der ‘Philatelic Foundation’ in New York (USA) auf ihre Echtheit überprüft werden.”

Reinhold Hoffmann und seine Lebensgefährtin treffen derweil schon mal die ersten Vorbereitungen:

Doch heute geht das Paar erst einmal zur Meldestelle, beantragt einen neuen Reisepass. Reinhold: “Mein alter ist fast abgelaufen, genügt für den Flug nach New York nicht mehr.”

Und dann, am 27. November, ist es so weit. Der Höhepunkt der Geschichte rückt näher. Endlich treten Herr Hoffmann und ein paar Leute von “Bild” die langersehnte Reise an. Endlich kann die Briefmarke auf Echtheit geprüft werden. Endlich geht es mit dem Flugzeug nach …

London:

Jetzt brachte er seine Marke persönlich nach London – zur Wertermittlung. BILD begleitete ihn!

Seltsam. Da wird “Bild” nicht müde, immer und immer und immer wieder zu betonen, dass “nur die ‘Philatelic Foundation’ in New York” das Echtheitszertifikat ausstellen kann, dass die Marke “ohne ein Zertifikat dieser Stiftung (…) nicht in einem Auktionshaus verkauft werden” kann und “ein Besuch in New York” damit “unumgänglich” ist – und plötzlich geht die Reise nicht in die USA, sondern nach England. Und die Marke wird nicht der “Philatelic Foundation” vorgelegt, sondern der “Royal Philatelic Society”.

Wir haben beim Verlag, der die Reise gesponsert hat, nachgefragt, woher der plötzliche Kurswechsel kommt, allerdings wollte uns dort niemand eine Stellungnahme abgeben.

Aber: Wir hätten da eine mögliche Erklärung. Vielleicht haben Herr Hoffmann und “Bild” die Briefmarke nicht zu den Experten in New York gebracht, weil die schon einen Monat zuvor mitgeteilt hatten, dass es auf keinen Fall die berühmte Rarität sein könne.

Denn schon am 26. Oktober, also einen Tag nachdem “Bild” zum allerersten Mal über den Fund berichtet hatte, und eine Woche bevor die “Bild”-Maschinerie dann so richtig anlief, schrieb die “Huffington Post”:

Reinhold Hoffmann, ein Rentner, der der deutschen Zeitung “Bild” berichtete, er habe eine 3-Millionen-Dollar-Briefmarke gefunden, hat nun wohl einen Grund auszurasten: Die “Philatelic Foundation” sagte, die Marke sei weniger als 100 Dollar wert.

“Wir haben ihm mitgeteilt, dass es nicht der Z-Grill ist”, sagte David Petruzelli von der Foundation der Huffington Post am Freitag. “Er hat uns einen guten Scan davon zugeschickt. Es ist nicht die Briefmarke.” (…)

Aber die Foundation sagte, sie habe ihm geschrieben, er solle sich nicht damit herumquälen [einen Sponsor zu suchen und nach New York zu fliegen]. Die Marke sei es nicht mal wert, daran zu lecken, jedenfalls nicht im Vergleich zu drei Millionen Dollar. “Ich habe mein Bestes gegeben, ihm zu erklären, dass es nicht die Briefmarke ist”, sagte Petruzelli. “Wir wollten nicht, dass er sich die Mühe macht.”

Petruzelli sagte, schon viele Sammler seien auf eigene Kosten [nach New York] geflogen, nur um enttäuscht zu werden. (…) Hoffmanns Fund sei wahrscheinlich ein F-Grill, der (…) weit weniger wert sei als der Z-Grill. In diesem Zustand schätzte er den Wert der Marke auf einen Bruchteil des Katalogwertes von derzeit 475 Dollar.

(Übersetzung von uns)

Gut, man könnte jetzt argumentieren, dass ja immerhin ein deutscher Gutachter, nämlich Klaus Flinthe, “begeistert” und “fasziniert” von der Marke war (wir erinnern uns: “Sie ist zu 99 Prozent echt, womöglich wertvoller als die Blaue Mauritius”).

Doch derselbe Klaus Flinthe wird in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift “Briefmarken Spiegel” so zitiert:

“Also erstmal bin ich kein Gutachter”, so Flinthe am Telefon. “Und zweitens sind die Sätze vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen. Ich habe zwar erwähnt, dass es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine echte, also schlichtweg um eine nicht gefälschte Briefmarke handelt, die auch echt gelaufen sein dürfte. Aber ich habe nie behauptet, dass es sich um die besagte Rarität handelt. Dies könnte ich ja auch gar nicht beurteilen.” Dazu in der Lage wäre einzig die Philatelic Foundation.

Und was die gesagt hat, wissen wir ja nun.

Wolfgang Jakubek, ein bedeutender Philatelist und weltweit anerkannter Experte für US-Briefmarken, sagte dem Fachblatt, ein Fund könne “natürlich nie ganz” ausgeschlossen werden, “allerdings sei dieser außerhalb der USA extrem unwahrscheinlich, erst recht in einer Kiloware”. Auch der Verlag, der den Flug nach England gesponsert hatte, geht laut “Briefmarken Spiegel” mittlerweile davon aus, “dass die Marke nicht die erhoffte Marke ist”.

Nur “Bild” lässt sich weiterhin nicht beirren. Dort erwähnen sie all das mit keinem einzigen Wort und spinnen stattdessen fröhlich das Märchen vom Flohmarkt-Schatz weiter. Und das ist durchaus ergiebig: Sechs Artikel konnten “Bild” und Bild.de bisher daraus stricken. Netter Lesestoff über Wochen hinweg, nationale und sogar internationale Medien schenkten der Geschichte und damit der Zeitung ihre Aufmerksamkeit.

Klar, ein Besuch bei den New Yorker Fachleuten – oder auch bloß die Erwähnung von deren Einschätzung – hätte dem Märchen ein ziemlich jähes Ende bereitet. Da fliegt man doch lieber zu anderen Experten, die nicht schon öffentlich verkündet haben, dass die Marke nichts wert ist. Zum Beispiel nach London.

Dort soll die Prüfung übrigens bis zu einem halben Jahr lang dauern. Doch bis dahin ist die “2,5-Millionen-Marke” wahrscheinlich schon wieder in Vergessenheit geraten. Und “Bild” wird nicht mal mehr schreiben müssen, dass die Geschichte vom “Sammlerglück” ohne Happy End auskommen musste.

Mit großem Dank an Björn T., Jürgen K. und Markus R.

Bild  

“Tagesschau” hält sich nicht an “Bild”-Termin

“Spinnen die jetzt komplett?”, fragt “Bild” auf der Titelseite und es kann bei dieser Formulierung eigentlich kein Zweifel daran bestehen, dass “die” auch vorher schon nicht mehr alle Tassen im Schrank gehabt hätten.

“Die”, das sind diesmal nicht die Griechen und auch nicht die Hartz-IV-Empfänger, sondern die dritten Lieblingsfeinde der “Bild”-Redaktion: die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, im konkreten Fall die ARD und deren “Tagesschau”.

[…] Insider ätzen: Bei der “Tagesschau” geht es zu wie auf dem Berliner Flughafen – große Pläne, aber nichts klappt. Ein neues Nachrichten-Studio verschlingt viele Millonen. Und wird immer teurer, weil (fast) nichts fertig wird.

“Tagesschau”-Chefredakteur Kai Gniffke ließ gestern erklären: “Die Arbeiten für das Studio liegen voll im Budgetplan.” Aber konkrete Zahlen nannte er nicht.

BILD schon! Über 20 Millionen Euro Gebührengeld wurden für das neue Studio bereits vorab veranschlagt. Fürs Feinste vom Feinen: neues Design, Touchscreens, eine 20 Meter lange HD-Monitorwand, neue digitale Technik.

Das Wort “Gebührengeld” steht da nicht zufällig: “Bild” kämpft schon lange gegen die aus der Sicht der Zeitung viel zu hohen Rundfunkgebühren. Warum die allerdings nicht für ein Studio mit modernster Technik ausgegeben werden sollten, lassen die drei Autoren offen.

“Bild” hat aber noch mehr herausgefunden:

Die “Tagesschau” sollte in ihrem Mega-Studio am 26. Dezember pünktlich zum eigentlichen Geburtstag auf Sendung gehen. “Tagesschau”-Chefredakteuer Kai Gniffke hatte schon am 2. Januar 2012 in seinem Blog geschrieben: “Ende des Jahres nehmen wir unser umgebautes Studio in Betrieb.”

Jetzt plötzlich spricht Gniffke nicht mehr von “Betrieb”, sondern von “Probebetrieb”. WARUM?

Ganz einfach: weil vieles noch nicht funktioniert.

Tatsache: Das hatte Gniffke geschrieben. Nicht geschrieben hatte er allerdings, dass das Studio dann auch schon auf Sendung gehe.

Dass neue Technik nicht immer so funktioniert, wie man sich das wünscht, müssten sie bei “Bild” eigentlich am Besten wissen. Das neue Layout von Bild.de im Moment sorgt noch für einige interessante Effekte:

Andererseits könnte ein nicht funktionierendes Studio natürlich für eine dieser lustigen “Pannen” sorgen, über die “Bild” und Bild.de bei Fernsehsendern so gerne berichten.

In jedem Fall sah sich der NDR, bei der ARD verantwortlich für die “Tagesschau”, gezwungen, mit einer Pressemitteilung auf die “Bild”-Berichterstattung zu reagieren.

Darin erklärt NDR-Sprecher Martin Gartzke unter anderem:

Das neue Studio wird erst in Betrieb gehen, wenn alle Arbeitsabläufe zu hundert Prozent sitzen. Der Starttermin 26. Dezember wurde ausschließlich von der BILD-Zeitung behauptet, wir selbst haben aus guten Gründen bislang keinen solchen Termin gesetzt.

Tatsächlich tauchte das Datum 26. Dezember erstmals auf, als “Bild” (ebenfalls ziemlich ahnungslos) über die “neue” Erkennungsmelodie der “Tagesschau” berichtet hatte.

“Tagesschau”-Chefredakteur Kai Gniffke sagte dann auch auf unsere Frage, dass niemand, der etwas von den Abläufen eines TV-Betriebs verstünde, ein neues Studio am 26. Dezember eröffnen würde: In einer solch schwierigen Phase müsse man quasi mit doppelter Besetzung arbeiten, was “völliger Unfug” wäre, wenn am 2. Weihnachtsfeiertag alle Mitarbeiter bei ihren Familien sein wollten.

Auch der Behauptung von “Bild”, Technikern seien von anderen ARD-Anstalten “eingeflogen” worden, um Fehler zu finden, widersprach Gniffke: Da man im Probebetrieb mit doppelter Besetzung arbeiten müsse (eine Crew fährt das Live-Programm, die zweite die Test-Sendungen), habe man das Team vor Ort mit erfahrenen Journalisten aus den Landesstudios verstärkt.

Das Geraune “mehrerer Insider”, die “Bild” mit den Worten zitiert, das Studio könne am Ende “bis zu 40 Millionen” kosten, kommentierte Gniffke mit den Worten, das geplante Budget von unter 25 Millionen Euro werde “sehr sicher” eingehalten.

Bleibt noch die Fußnote, in der “Bild” behauptete, Anne Will gelte als “Top-Kandidatin” bei der “Tagesschau”, weil die Nachrichtensendung “in Zukunft mehr ‘moderierende Elemente’ enthalten” und die nach Will benannte Talkshow eingestellt werden solle.

Die bezeichnet NDR-Sprecher Martin Gartzke als “völlig befremdlich”. Und fährt fort:

Es gibt keine Entscheidung über die Zukunft der Talkshows. Es gibt auch – anders als von BILD behauptet – keinen Auftrag an eine Intendantin oder einen Intendanten, für Anne Will eine andere Beschäftigung zu suchen; sie moderiert ihre Sendung außerordentlich erfolgreich. Geradezu unsinnig wäre es im Übrigen, angesichts des großen Erfolgs der Tagesschau das bewährte Sprecherprinzip aufzugeben. In diesem Fall zitiert BILD mich vollkommen korrekt mit: ‘Alles Quatsch!‘”

Retweet, RSS, Reinhard Schulze

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “‘Krone’ fälscht Foto von Millionengewinner”
(kobuk.at, Philipp Schmidt)
Die “Kronen Zeitung” nimmt ein Reuters-Foto als Grundlage, tauscht den Kopf aus: “Dass es sich um eine Fotomontage handelt, druckte die Krone am rechten Bildrand sehr klein ab.”

2. “Mitgegangen, mitgefangen”
(nzz.ch, Rainer Stadler)
Der zu Unrecht wegen sexuellem Missbrauch von Kindern beschuldigte Lord McAlpine will “gegen jene vorgehen, welche die Falschmeldung des öffentlichen Rundfunks über Twitter weiterverbreiteten und dabei überdies den Namen des Politikers kenntlich machten”. “Die BBC-Affäre sollte dazu anregen, auch den Retweet-Knopf vorsichtiger zu betätigen. Wer schwere Vorwürfe weiterverbreitet, macht sich zum Komplizen. Es gilt die unspektakuläre Regel: erst denken, dann zwitschern.”

3. “RSS für das persönliche Wissensmanagement nutzen”
(blogwerk.com, Claudio Schwarz)
Eine kurze Anleitung zur Verwendung von RSS.

4. “‘Medien sind Geiseln von Ausnahmefällen'”
(medienwoche.ch, Felicie Notter)
Ein Interview mit dem Islamwissenschaftler Reinhard Schulze über Medien und Journalismus: “Ich hatte eine Erfahrung mit dem ‘Blick’, die war nicht so positiv. Es ging um eine Aussage, die sich auf eine Stelle im Koran bezog. Ich wurde dermassen falsch zitiert, dass ich mich selbst als jemanden, der die islamische Gewalt im Grunde befürwortet, wiederfand. Die Medien reduzieren ohnehin schon stark, aber das empfand ich als eine Katastrophe. Seither lehne ich alles ab, was für mich Skandalpresse ist, dazu gehört auch ’20 Minuten’.”

5. “Auf nach Europa”
(ardmediathek.de, Video, 28:43 Minuten)
Henryk M. Broder und Hamed Abdel-Samad auf der Suche nach der “Seele Europas”.

6. “Ultimative Chartshow auf RTL präsentiert die 50 erfolgreichsten ultimativen Chartshows auf RTL”
(eine-zeitung.net)

Wahlnacht, China, Fesselurlaub

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Wahlberichte: unterschiedliche Gewichtung USA und China”
(ndr.de, Video, 6:39 Minuten)
Während die Präsidentschaftswahlen in den USA von den Medien mit unzähligen Wahlpartys gefeiert werden, bleibt es fast stumm zum neuen Staatspräsidenten in China. Auch “in den Zeitungen ist die Welt immer noch sehr amerikanisch. China? Unterrepräsentiert.”

2. “Chinabildblog: Die geschlagene Gurke und die ewige Ente”
(doppelpod.com, Sven Hänke)
Sven Hänke erinnert an diverse, nach wie vor online stehende Falschmeldungen von 2008: “Eine offizielle Anweisung, die ausländischen Studenten während der Olympischen Spiele auszuweisen, ist ein so unwahrscheinliches Ereignis, dass ich mich damals gefragt habe, welche Vorstellung denn in den Köpfen der Verantwortlichen vorherrscht – und wie der Unsinn dort hineingekommen ist -, wenn sie so einen Unfug einfach unreflektiert übernehmen, ohne den Wahrheitsgehalt zu prüfen.”

3. “Den Turbo-Journalismus stoppen”
(berliner-zeitung.de, Nikolaus Brender)
Nikolaus Brender schreibt über die Geschwindigkeit im Journalismus: “Schnelle Berichte fürchten Politiker, Unternehmen, Verbände und auch Gewerkschaften mangels Substanz schon lange nicht mehr. Gefahr im Verzug kommt für sie aber dann auf, wenn sich ein Journalist Zeit nimmt. Das scheint verdächtig.”

4. “Peitschen- und Fesselurlaub unter der Teck”
(stuttgarter-zeitung.de, Jürgen Veit)
“Sado-Hotel quält ganzes Dorf” schreibt “Bild” über zwei Ferienwohnungen in Owen. “Eine Darstellung, der Verena Grötzinger, die Bürgermeisterin der 3500-Einwohner-Stadt, entschieden widerspricht. Bisher habe sich noch kein Owener über das Etablissement beschwert. Was sie auch nicht wundere, denn es gehe ihrer Erkenntnis nach keine Belästigung von den Gästen der beiden Wohnungen aus.”

5. “‘Talentiert, aber moralisch verkommen'”
(nzz.ch, Rolf Hürzeler)
Annalena McAfee über den Boulevardjournalismus in Großbritannien: “Journalisten kannten während Jahren keine Grenzen bei ihren Recherchen. Aber sie waren immer sehr schnell bereit, den Zeigefinger auf andere zu richten.”

6. “‘Zapping’ von Mi, 07.11.2012”
(facebook.com, Video, 3 Minuten)
Deutsche US-Wahlnacht-Journalisten live.

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