Rechnen mit Sklaven, Lesen mit Journalisten

Die Überschrift ist ebenso rätselhaft wie vielversprechend:

Mathe-Unterricht in den USA: Schüler sollen Rechenaufgaben mit toten Sklaven lösen

Die Geschichte, die „Focus Online“ darunter erzählt, handelt davon, dass Kinder einer amerikanischen Grundschule Rechenaufgaben wie die folgende lösen sollten: „Ein Sklave wird fünfmal am Tag ausgepeitscht. Wie oft wird er in einem Monat ausgepeitscht?“

Das Stück wirkt ungewöhnlich gründlich recherchiert. Gleich drei verschiedene Quellen nennt „Focus Online“ (ohne auch nur eine einzige davon zu verlinken): den Online-Auftritt des „New York Magazine“, die Zeitung „Atlanta Journal-Constitution“ und CBS News.

Nur dass sich zum Beispiel die Angaben im „New York Magazine“ (und in anderen Medien) so gar nicht mit dem decken, was „Focus Online“ schreibt. So handelt es sich nicht um „Drittklässler der Beaver Ridge Grundschule im US-Bundesstaat Georgia“, sondern um Viertklässler der Schule PS 59 in New York City. Und auch nicht um neun betroffene Lehrer, sondern um zwei. Und von Ed DuBose, dem Präsidenten der Bürgerrechtsorganisation NAACP ist, anders als „Focus Online“ schreibt, auch noch keine konkrete Forderung bekannt geworden, die Verantwortlichen zu feuern.

Des Rätsels Lösung: „Focus Online“ hat die aktuelle Aufregung (in New York) mit einem ähnlichen Vorfall vor einem Jahr (in Georgia) verwechselt. Der war damals auch durch die deutsche Presse gegangen.

Und wir nehmen als Anregung für lebensnahe Unterrichtsgestaltung die Rechenaufgabe mit: Ein Redakteur macht pro Artikel, aus dem er zitiert, einen Fehler. Wie viele Quellen sind nötig, um den Qualitätsstandard von „Focus Online“ zu halten?

Nachtrag, 22:50 Uhr. „Focus Online“ hat den Artikel offen korrigiert.