Suchergebnisse für ‘LINK’

Umfragensorge, Dessauer Fischfilet, Informationsfreiheit

1. Marktforscher fordern mehr Sorgfalt bei Berichten über Umfragen
(horizont.net, Sabine Hedewig-Mohr)
Der “Arbeitskreis Deutscher Markt- und Sozialforschungsinstitute” hat sich in einem offenem Brief an die Medien gewandt: “Seit einiger Zeit nehmen wir mit großer Sorge wahr, dass in Zeitungen und Zeitschriften, in Radio- und Fernsehberichten sowie in der Onlineberichterstattung Umfrageergebnisse vermehrt als repräsentativ bezeichnet werden, auch wenn diese nicht repräsentativ sind. Dies ist ein unhaltbarer Zustand.”

2. Entwicklungsministerium: Löschen statt offenlegen
(fragdenstaat.de, Arne Semsrott)
Als das Entwicklungsministerium eine Anfrage nach dem Terminkalender des Ministers bekam (gemäß Informationsfreiheitsgesetz), wurde dies von der Behörde verweigert. Darauf schaltete sich die Bundesbeauftragte für Informationsfreiheit ein. Das Ministerium reagiert. Jedoch nicht, indem es den Terminkalender zur Einsichtnahme freigab, sondern indem es ihn löschte. Nun teilt die Bundesbeauftragte für Informationsfreiheit mit, sie sei mit dem Vorgehen des Ministeriums zwar nicht einverstanden, fühle sich aber nicht mehr zuständig: Da es die Daten nicht mehr gebe, sei auch das Informationsfreiheitsgesetz nicht mehr anwendbar.

3. Haltungsfragen
(journal-nrw.de, Andrea Hansen)
“Darf ich als Journalist privat auf eine Demo gegen die AfD gehen, wenn ich auch über die Partei berichte? Wie viel Haltung kann mein Artikel enthalten, wie viel davon braucht er sogar? Und was ist das überhaupt: Haltung? Was ist Meinung, und wo ist der Unterschied zwischen beiden?” Andrea Hansens Beschäftigung mit journalistischen Haltungsfragen erscheint im aktuellen Medien- und Mitgliedermagazin des Deutschen Journalisten-Verband NRW, ist aber auch online verfügbar.

4. Trolle hetzen mit rassistischen Sprüchen gegen Rap-Video der Berliner Polizei
(motherboard.vice.com, Dennis Kogel und Sebastian Meineck)
Die Berliner Polizei hat ein Musikvideo auf Youtube veröffentlicht, bei dem es um Vielfalt, Verständigung und Miteinander geht (“KBNA – Füreinander da!”). Nun überfluten rechte Trolle den Kommentarbereich mit negativen und rassistischen Aussagen und versuchen, die Kampagne zu diskreditieren. Nach “Motherboard”-Recherchen geht dies vor allem auf ein bekanntes Forum zurück, in dem die Trolle die Aktion publik machten und koordinierten.

5. Die brasilianische Lügenfabrik
(spiegel.de, Julia Jaroschewski)
Ein Fake-News-Skandal erschüttert Brasilien. Es geht um Hunderttausende gekaufte Falschnachrichten auf WhatsApp im Wahlkampf. Sowohl Linke als auch Rechte würden im brasilianischen Wahlkampf mit schmutzigen Tricks kämpfen. Und der findet zunehmend auf WhatsApp statt: Brasilien ist für den Messengerdienst weltweit einer der größten Märkte und zur wichtigsten Onlinefront im Wahlkampf geworden.

6. “Feine Sahne Fischfilet” – Theater nimmt Ausladung zurück und entschuldigt sich
(mz-web.de)
Es gibt Bewegung in der Causa “Feine Sahne Fischfilet”, zumindest an einer Stelle: Das Anhaltische Theater in Dessau hat seine Konzertabsage zurückgezogen und sich bei der Band offiziell entschuldigt: “Nach der heftigen öffentlichen Diskussion hat die Theaterleitung verstanden, dass der Diskurs über Kunst nur geführt werden kann, wenn die Kunst sich unbedingt in aller Freiheit präsentieren kann.” Währenddessen hält die Stiftung Bauhaus Dessau weiter an ihrer Absage fest.

Der Fall Khashoggi, Ziemlich Tauber Tweet, Beredtes Schweigen

1. Fakten, Gerüchte, Schauermärchen
(spiegel.de, Dominik Peters)
In der Affäre um den in der saudischen Botschaft verschwundenen Journalisten Jamal Khashoggi wurden und werden nach und nach Details bekannt. Die Quellen sind jedoch mit Vorsicht zu genießen, es herrschen die verschiedensten Interessenlagen. Dominic Peters berichtet, was amerikanische und türkische Medien bislang veröffentlichten und ordnet die Lage ein.
Weiterer Lesehinweis: “Zapp” hat den Autor und Chefredakteur des Magazins “Zenith — Zeitschrift für den Orient”, Daniel Gerlach, zum Fall Khashoggi interviewt. Dieser geht auch auf die Medienstrategie Saudi-Arabiens ein: “Es entsteht der Eindruck, dass sich die saudischen Informationskampagnen sehr am russischen Beispiel orientieren, das aber wesentlich weniger professionell. Die Russen benutzen Kontra-Propaganda und Gegen-Narrative ja nahezu perfekt, um westliche Narrative, Erzählmuster, zu hinterfragen.”
Und im “Tagesspiegel” kommentiert Christian Böhme das Schweigen Europas: Der Westen duckt sich im Fall Kaschoggi kläglich weg.

2. Beredtes Schweigen
(twitter.com/marcusengert)
Als politischer Reporter bei “BuzzFeed News” Deutschland ist Marcus Engert darauf angewiesen, dass ihm Pressestellen von Behörden und Organisationen Auskunft erteilen. Die Zusammenarbeit mit den Presseverantwortlichen gestaltet sich jedoch hakelig: “Wir erleben immer öfter PressesprecherInnen, die enormen Aufwand darauf verwenden, nicht mit der Presse zu sprechen. Die Antworten schicken, mit denen sie auf keine der gestellten Fragen antworten.” Anhand eines Screenshots erklärt Engert einen typischen Fall und denkt über eine mögliche Lösung nach.

3. Rommel mit Widerstand verbunden?
(faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing)
Peter Tauber (CDU) ist Staatssekretär im Verteidigungsministerium und twitterte am Wochenende eine Art Gedenktweet in die Welt hinaus: “Heute vor 74 Jahren starb Erwin Rommel, von den Nazis zum Selbstmord gezwungen.” Tauber betrachtet Hitlers Lieblingsgeneralfeldmarschall Rommel augenscheinlich nicht als Nazi, sondern als eine Art Widerstandskämpfer. Dem geht der ARD-“Faktenfinder” nach und befindet: “Dass Rommel “seine Rolle auch im Widerstand” hatte, beziehungsweise mit dem Widerstand verbunden gewesen sei, ist keineswegs bewiesen, sondern unter Historikern höchst umstritten.”
Auf die Kritik bei Twitter reagierte Tauber übrigens mit einer, nun ja, interessanten Volte: “Freue mich über die ganzen Linken, die durch ihre Tweets offenbaren, dass sie in Wahrheit Popo an Popo mit den Nazis stehen.”

4. Mit Filtern gegen Kinderpornos
(taz.de, Christian Rath)
Im Oktober 2017 trat das Gesetz zur Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken (NetzDG) in Kraft, nach dem rechtswidrige Inhalte von den Plattformbetreibern binnen sieben Tagen entfernt werden müssen, “offensichtlich rechtswidrige” Inhalte sogar binnen 24 Stunden. Wie hat sich das Gesetz auf Youtube ausgewirkt? Ist es zum befürchteten “Overblocking” gekommen? Christian Rath hat für die “taz” hingehört, was eine Google-Juristin bei einer Veranstaltung im Mainzer Abgeordnetenhaus dazu gesagt hat.

5. Diskutieren wir, statt uns zu beleidigen!
(faz.net, Stephan Stach)
Wie steht es um die Pressefreiheit in Polen? Nicht sonderlich gut, wie Stephan Stach in der “FAZ” erklärt. Er schickt sarkastisch voraus: “Was Intoleranz angeht, ist die Publizistik in Polen anderen Ländern voraus.” Wer “falsche” Ansichten äußert oder Witze über die Regierung macht, werde entlassen: “Die politische Linie erhält Vorrang vor der Debatte. Weichen Redakteure von der jeweiligen politischen Linie ab, gilt das schnell als Verrat.”

6. Er tut es wieder: Fake-Restaurantbesitzer veräppelt Medien mit Doppelgänger
(watson.ch)
Nachdem Oobah Butler es geschafft hat, bei Tripadvisor ein von ihm erfundenes, nicht-existentes Restaurant mittels falscher Bewertungen auf Platz eins zu hieven, ist er ein gefragter Ansprechpartner der Medien. Zu den Interviews schickte er irgendwelche ihm ähnlich sehenden Menschen. Und keiner merkte etwas.

Framing, “Musenalp”, Schubsbilanz

1. Alle reden über Framing – so funktioniert es
(spiegel.de, Elisabeth Wehling)
Die Wissenschaftlerin Elisabeth Wehling ist durch ihre Ausführungen zum politischen Framing bekannt geworden. In einem Gastbeitrag für “Spiegel Online” beschäftigt sie sich mit einer sprachlichen Falle, wenn es um Alltagssexismus und sexuelle Gewalt geht: der “sexualisierten Gewalt”. Der Begriff sei faktisch irreführend und nehme unseren Gehirnen die Chance auf Empathie und moralische Entrüstung.

2. Himmelhoch
(sueddeutsche.de, Burkhard Riedel)
Ältere werden sich vielleicht noch an den “Musenalp-Express” erinnern, eine kostenlos verteilte schweizerische Jugendzeitschrift. 1988 war dem Blattmacher ein sensationeller Coup gelungen: Das “Musenalp”-Magazin lag kostenlos in 17.500 bundesdeutschen Postfilialen aus, in der stolzen Auflage von einer Million Exemplare. Der ehemalige “Musenalp”-Mitarbeiter Burkhard Riedel erzählt vom Aufstieg und Fall des einzigartigen Projekts.

3. Alles Werbung? Ja, nein, vielleicht
(taz.de, Juliane Fiegler)
Instagram ist ein Ort, der sich gut für Schleichwerbung eignet. Dementsprechend aufmerksam beobachten Wettbewerbshüter und andere das Treiben der Influencer und mahnen bei Verstößen ab. Ob sie dabei über das Ziel hinausschießen, muss nun ein Gericht entscheiden: Das Model Fiona Erdmann wehrt sich gegen eine der Abmahnungen. Sie hatte ihren Fotografen verlinkt, was ihr als Werbung ausgelegt wurde.

4. Wann merken die letzten deutschen Medien endlich …
(twitter.com/martinhoffmann)
Mit Blick auf ein Sharepic des “Deutschlandfunks” fragt Martin Hoffmann bei Twitter: “Wann merken die letzten deutschen Medien endlich, dass es manchmal einfach keinen Sinn macht, Zitate auf Fotos zu klatschen und auf Facebook zu posten? Dass sie damit — im Gegenteil — nur die Arbeit von Populisten machen?”

5. Warum es «Vice» in der Schweiz wahrscheinlich nicht mehr schafft
(medienwoche.ch, Benjamin von Wyl)
Nachdem die österreichische “Vice”-Redaktion vor einigen Wochen ihren Abschied erklärte, hat nun der Schweizer Redaktionsleiter Sebastian Sele gekündigt. Wie lassen sich diese Auflösungserscheinungen erklären? Benjamin von Wyl hat selbst für die Schweizer “Vice” gearbeitet und bringt Licht ins Dunkel.

6. Tagesfazit und Schubsbilanz
(twitter.com/anettselle)
Die Reporterin Anett Selle hat es im Zusammenhang mit ihren Livestreams aus dem Hambacher Forst zu einiger Berühmtheit gebracht und ihrem Auftraggeber, der “taz”, einige neue Abonnenten beschert. Anlässlich der gestrigen Bayernwahl hat Selle aus München berichtet. Sie schließt den Tag mit einer Zusammenfassung und ihrer persönlichen “Schubsbilanz” (ab Minute vier).

Verwechselt “Tagesspiegel” Hitler mit “Tagesspiegel”?

Am Samstag veröffentlichte die “FAZ” in ihrer Gastautoren-Rubrik “Fremde Federn” einen Artikel des AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland. Das Stück sorgte für einige Aufregung — unter anderem beim “Tagesspiegel”, der gestern Abend enthüllte (heute auch bei unseren “6 vor 9” verlinkt):

Twitter-User entdeckt Parallelen zwischen Gauland-Text und Hitler-Rede

Ein Twitter-User entdeckte Parallelen zwischen dem Kommentar des AfD-Vorsitzenden und einer Rede, die Adolf Hitler am 10. November 1933 vor Arbeitern in Berlin in Siemensstadt hielt.

Das Thema schaffte es heute sogar auf die Titelseite der Print-Ausgabe:

Historiker: Gauland argumentiert wie Hitler

(Inzwischen macht die Geschichte auch international die Runde.)

Konkret geht es um folgende Aussagen:

Screenshot eines Tweets von Jonas-Mueller-Töwe - Der Stand der Debatte 2018 in Deutschland: Paraphrasierte Hitler-Reden werden in der FAZ gedruckt. Wegen Pluralismus und so. Links Gauland, rechts Hitler - dazu zwei Screenshots mit Zitaten von Gauland und Hilter, die auch hier im Text gleich folgen

So schrieb Gauland:

(…) Diese globalisierte Klasse sitzt in den international agierenden Unternehmen, in Organisationen wie der UN, in den Medien, Start-ups, Universitäten, NGOs, Stiftungen, in den Parteien und ihren Apparaten, und weil sie die Informationen kontrolliert, gibt sie kulturell und politisch den Takt vor. Ihre Mitglieder leben fast ausschließlich in Großstädten, sprechen fließend Englisch, und wenn sie zum Jobwechsel von Berlin nach London oder Singapur ziehen, finden sie überall ähnliche Appartements, Häuser, Restaurants, Geschäfte und Privatschulen.

Das hat zur Folge, dass die Bindung dieser neuen Elite an ihr jeweiliges Heimatland schwach ist. In einer abgehobenen Parallelgesellschaft fühlen sie sich als Weltbürger. Der Regen, der in ihren Heimatländern fällt, macht sie nicht nass. Sie träumen von der one world und der Weltrepublik. Da dieses Milieu ,sexy’ ist, hat es auch auf Teile der Gesellschaft großen Einfluss, denen der Zutritt dorthin versperrt bleibt.

Und Adolf Hitler hatte, wie der “Tagesspiegel” dokumentiert, 1933 vor Siemens-Arbeitern gesagt:

(…) Der Völkerstreit und der Haß untereinander, er wird gepflegt von ganz bestimmten Interessenten. Es ist eine kleine wurzellose internationale Clique, die die Völker gegeneinander hetzt, die nicht will, daß sie zur Ruhe kommen. Es sind das die Menschen, die überall und nirgends zuhause sind, sondern die heute in Berlin leben, morgen genauso in Brüssel sein können, übermorgen in Paris und dann wieder in Prag oder Wien oder in London, und die sich überall zu Hause fühlen. (Zuruf aus dem Publikum: “Juden!”)

Es sind die einzigen, die wirklich als internationale Elemente anzusprechen sind, weil sie überall ihre Geschäfte betätigen können, aber das Volk kann ihnen gar nicht nachfolgen, das Volk ist ja gekettet an seinen Boden, ist gekettet an seine Heimat, ist gebunden an die Lebensmöglichkeiten seines Staates, der Nation.

Nun kann man dort durchaus Ähnlichkeiten erkennen. Vielleicht hat Gauland aber gar nicht, wie der “Tagesspiegel” vermutet, bei Hitler abgeschrieben, sondern — beim “Tagesspiegel”.

Der veröffentlichte 2016 nämlich einen Gastbeitrag von Michael Seemann, in dem es hieß:

Diese neue globalisierte Klasse sitzt in den Medien, in den StartUps und NGOs, in den Parteien, und weil sie die Informationen kontrolliert (“liberal media”, “Lügenpresse”), gibt sie überall kulturell und politisch den Takt vor.

Gauland in der “FAZ”:

Diese globalisierte Klasse sitzt in den international agierenden Unternehmen, in Organisationen wie der UN, in den Medien, Start-ups, Universitäten, NGOs, Stiftungen, in den Parteien und ihren Apparaten, und weil sie die Informationen kontrolliert, gibt sie kulturell und politisch den Takt vor.

“Tagesspiegel” 2016:

Es ist eine Klasse, die fast ausschließlich in Großstädten lebt, die so flüssig Englisch spricht wie ihre Muttersprache, für die Europa kein abstraktes Etwas ist, sondern eine gelebte Realität, wenn sie zum Jobwechsel von Madrid nach Stockholm zieht.

Gauland:

Ihre Mitglieder leben fast ausschließlich in Großstädten, sprechen fließend Englisch, und wenn sie zum Jobwechsel von Berlin nach London oder Singapur ziehen, finden sie überall ähnliche Appartements, Häuser, Restaurants, Geschäfte und Privatschulen.

Diese teils wörtliche Übereinstimmung ist nicht nur “Tagesspiegel”-Lesern aufgefallen, sondern auch dem Verfasser des ursprünglichen “Tagesspiegel”-Beitrags:

Screenshot eines Tweets von Michael Seemann - oha. es sieht so aus als hätte alexander gauland fast wörtlich bei mir abgeschrieben. allerdings habe ich mit der globalen klasse ja auch explizit das feindbild der afd rekonstruiert.

Nur der “Tagesspiegel” selbst scheint noch nichts bemerkt zu haben. Aber vielleicht bringt er’s ja morgen auf der Titelseite: Tagesspiegel verwechselt Tagesspiegel mit Hitler.

Mit Dank an Stefan S. und Alexander H. für die Hinweise!

Nachtrag, 11. Oktober: Im Interview mit t-online.de erzählt Michael Seemann, dass er sich sehr sicher sei, dass Alexander Gauland bei ihm abgeschrieben hat:

Der Beitrag von Herrn Gauland in der “FAZ” enthält mit leichten Abwandlungen eins zu eins Sätze aus meinem Text für den “Tagesspiegel”. Das sind eindeutige Plagiate. Wie ein Fingerabdruck. Das hat mich erschreckt.

Gauland hingegen lässt einen Sprecher ausrichten, dass er den Text von Seemann nicht gekannt habe.

Bild  

“Die ‘Bild’-Zeitung ist heute wieder ein Kampagnen- und Kampfblatt”

Michael Spreng war mal Redakteur bei “Bild”, auch in leitender Funktion, später dann viele Jahre Chefredakteur von “Bild am Sonntag”, kurz darauf Wahlkampfmanager von Edmund Stoiber (CSU) und Medienberater von Jürgen Rüttgers (CDU). Kurzum: Michael Spreng steht nun wirklich nicht im Verdacht, ein linker Irrer zu sein.

Gestern saß er in der Sendung von Markus Lanz und sprach dort auch über die “Bild”-Zeitung von heute, die “Bild”-Zeitung unter Julian Reichelt (ab Minute 27:36). “Ziemlich furchterregend” finde er sie, sagt Spreng. “Bild” sei wieder zum “Kampagnen- und Kampfblatt” geworden.

Diese Bewertung finden wir so bemerkenswert, dass wir Sprengs Aussagen hier protokollieren wollen:

Heute, muss ich sagen, haben natürlich auch Massenblätter eine hohe Verantwortung. Und da muss ich sagen, finde ich zurzeit, Herr Wallraff wird mir wahrscheinlich zustimmen, die “Bild”-Zeitung ziemlich furchterregend.

Günter Wallraff, der ebenfalls in der Runde bei Lanz saß, antwortet …

Ja, wieder geworden.

… und Spreng führt fort:

Weil die “Bild”-Zeitung jede kriminelle Tat eines Ausländers oder Asylanten zur Schlagzeile macht. Wenn ein Deutscher einen Syrer ersticht, sind das ein paar Zeilen auf Seite 5. Und wenn mal kein Ausländer kriminell ist, dann kommen Aufmacher und Kampagnen gegen die lasche Justiz, gegen den unfähigen Staat, gegen die faulen oder untätigen Politiker oder unfähigen Politiker. Und diese seit vielen Monaten andauernde Kampagne wirkt auf Dauer, sie zersetzt den liberalen freiheitlichen Staat. Und das ist das Schlimme heute an der “Bild”-Zeitung.

Sie hatte zwischendurch eine Phase, in der zweiten Hälfte von Kai Diekmann, dem damaligen Chefredakteur, da hat sie sich geöffnet, da wurde sie für ihre Verhältnisse geradezu liberal.

Auf Markus Lanz’ Frage “Was ist dann passiert?” antwortet Spreng:

Es hat ja der Chefredakteur gewechselt. Jetzt ist da ein neuer Chefredakteur, der das offenbar völlig anders sieht. Ich finde, die “Bild”-Zeitung ist heute wieder ein Kampagnen- und Kampfblatt. Und das hat Auswirkungen nicht nur auf ihre Leser, sie hat ja immer noch, trotz aller Verluste, ein paar Millionen Leser, sondern damit auch auf die Politik. Denn die Politiker sagen: Was die “Bild”-Zeitung schreibt, ist Volkes Meinung. Wir müssen uns an Volkes Meinung orientieren. Und damit verändert es auch die Politik. Und das macht mir wirklich große Sorgen. Dass also diese Veränderung unserer Gesellschaft, diese Verschiebung nach rechts, dass die auch dadurch gefördert wird.

Es kann doch nicht sein, dass bei “Bild” unter dem neuen Chefredakteur praktisch eine Gruppe von Kriegern sitzt, die glaubt, sie sitzen gemeinsam im Schützengraben und müssten von dort aus einen Feldzug gegen Frau Merkel und gegen den liberalen Rechtsstaat führen. Das ist auf Dauer zersetzend. Und mir tun die anständigen “Bild”-Redakteure leid, muss ich wirklich sagen.

Nach einem nur mittelmäßig geglückten Witz von Markus Lanz sagt Spreng noch:

Ab und zu kommen dann Alibi-Geschichten über ein paar erfolgreiche Flüchtlinge oder über die schlimmen Zustände in einem Flüchtlingslager auf Lesbos. Aber das sind Alibi-Geschichten. Ich verstehe das auch nicht: Wir haben uns im Journalismus schon weiterentwickelt. Die Zeit der großen ideologischen Schlachten und der Missionare, wie sie auch zur Zeit der Ostpolitik noch war, diese große Zeit der ideologischen und auch fanatisierten Schlachten ist vorbei. Und das ist so eine Rückentwicklung. Ich habe manchmal das Gefühl, wir fallen in eine Zeit zurück, die wir eigentlich zivilisatorisch schon überwunden haben.

Verdünnte Wahrheiten beim SWR, Maaßens Irreführung, China-Memo

1. Interview zu SWR-Beitrag: “Eine Überschrift wie ‘Wie wirkt Homöopathie?’ hätten wir nicht senden sollen”
(medwatch.de, Hinnerk Feldwisch Drentrup)
Ein Beitrag der SWR-Sendung “Landesschau Baden-Württemberg” befasste sich in einer Weise mit dem Thema Homöopathie, die von vielen Zuschauern kritisiert wurde. “MedWatch” hat mit dem SWR-Verantwortlichen Rüdiger Mertz gesprochen, der Fehler zugibt und Besserung verspricht: “Wir sollten uns evidenzbasierter Medizin verpflichtet fühlen. Leider sind wir diesem Anspruch mit dem Beitrag nicht gerecht geworden. Das bedaure ich.”

2. Wie die Zeitung lebt
(taz.de, Georg Löwisch)
Der Chefredakteur der “taz”, Georg Löwisch, hat 15 Gedanken über das gedruckte Wort in digitalen Zeiten notiert: “Die Zeitung hat ihren Stolz zu recht. Sie verdient verdammt noch mal Respekt. Man sollte ehrlich darüber sprechen, dass die Zeitung aus Papier bestimmte Fähigkeiten und Eigenschaften hat, die der Zeitung hinter Glas fehlen. Und dass es umgekehrt ganz genauso ist.”

3. Maaßens irreführende Vorwürfe gegen die “Tagesschau”
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Der bald ehemalige Verfassungsschutz-Präsident Maaßen hat bei seiner Befragung durch den Innenausschuss des Bundestages der “Tagesschau” Vorwürfe in Bezug auf das “Chemnitz-Video” gemacht. Stefan Niggemeier hat sich die Sendungen daraufhin nochmal angeschaut. Niggemeier stellt fest: “Zu dem vielen, was an Maaßens Äußerungen zweifelhaft ist, gehört auch das: Er gibt den angeblichen Auslöser seiner öffentlichen Einlassungen falsch wieder.”

4. Bloß nicht kritisieren
(zeit.de, Rita Lauer)
Ein Team der Universität Trier hat den Lokaljournalismus untersucht und dazu mehr als 100 Lokalzeitungen und Lokalausgaben von Boulevard- und überregionalen Blättern sowie deren Onlineableger ausgewertet. Rita Lauer fasst die Ergebnisse zusammen.

5. Bericht: Google unterdrückt kritisches Memo zu zensierter Suchmaschine
(faz.net)
Acht Jahre ist es her, dass sich Google aus China zurückgezogen hat, vor allem wegen der staatlichen Zensur. Offenbar arbeitet man hinter den Kulissen an einer erneuten Annäherung, die jedoch einen hohen Preis haben könnte: Laut einem internen Google-Memo sollen Suchanfragen zu Begriffen wie “Menschenrechte” ausgefiltert werden und der Standort der Suchenden weitergegeben werden. Über das sogenannte Projekt “Dragonfly” hat “The Intercept” bereits Anfang August berichtet — und ist seitdem an der Geschichte drangeblieben.

6. Mono­lo­gi­sche #Viel­falt
(geschichtedergegenwart.ch, Sylvia Sasse)
Manche Schweizer Medien haben sich “Vielfalt” und “Ausgewogenheit” auf die Fahnen geschrieben. Was sich zunächst toll anhört, hat seine Tücken, wie die Literaturwissenschaftlerin Sylvia Sasse ausführt: “Auf diese Weise wird auch nicht poli­ti­sche Viel­falt abge­bildet, sondern schlicht jour­na­lis­ti­sche Qualität vernach­läs­sigt, denn ausge­rechnet die Rede von der “Viel­falt” wird so zum Einfallstor für Popu­lismus und Propa­ganda.”

Facebook nachhaltig geströert, Rechter Rand, Onlineaktivismus

1. Wie der Werbegigant Ströer Millionen Facebook-Fans heimlich für Werbung benutzt — und dabei ihre Communities zerstört
(buzzfeed.com, Karsten Schmehl)
Anscheinend hat sich der Werbegigant Ströer trickreich ein ganzes Portfolio von Facebookseiten zugelegt, die er für seine Werbekunden mit Clickbait-Beiträgen überzieht. Karsten Schmehl hat ein Netzwerk von 61 Seiten identifiziert über die das Unternehmen insgesamt 20 Millionen Fans erreicht, darunter “Unnützes Wissen” (800.000 Likes), “Wir Kinder der 90er” (600.000 Likes) oder “Dinge, die eine Erzieherin nicht sagt” (130.000 Likes). Manches deute darauf hin, dass Ströer zumindest einige der Facebookseiten von Privatpersonen gekauft haben könnte und jetzt als Link-Abwurfhalde für diverse renommierte Kunden nutzt. Abgesehen davon, dass dies gegen die Facebookregeln verstoßen würde, erscheint die Vorgehensweise wenig nachhaltig: Die derart genutzten Seiten haben teilweise katastrophal schlechte Interaktionsraten. Es hagelt Beschwerden aus den jeweiligen Communities, die sich verraten und missbraucht fühlen.

2. “Das ist ganz klar eine Kampagne”
(deutschlandfunk.de, Stefan Koldehoff & Michael Borgers, Audio, 6:38 Minuten)
Im “Deutschlandfunk” hat sich Georg Restle, Redaktionsleiter des ARD-Politmagazins “Monitor”, zu der Debatte um den Begriff “Hetzjagd” geäußert. Restle hatte in einem “Tagesthemen”-Kommentar Verfassungsschutzchef Maaßen aufgefordert, Beweise für seine Statements vorzulegen, und war dafür vom AfD-Politiker Jörg Meuten als “Hofschranze Merkels”, dem “das ein oder andere Tässchen fehlen könnte”, bezeichnet worden. Restle hält den Streit um Begriffe und die Echtheit eines Videos für eine “groteske Debatte”, die vom eigentlichen Thema ablenke: Deutschland erlebe eine “Mobilisierung des rechtesten Randes der Republik”.

3. “Einstellungen ändern sich nicht durch Hashtags”
(zeit.de, Jakob von Lindern)
Nach den fremdenfeindlichen Übergriffe in Chemnitz kam es zu Gegenprotesten: 65.000 Menschen versammelten sich zu einem Konzert, Tausende versahen auf Facebook und Twitter ihre Profile und Beiträge mit dem Hashtag #wirsindmehr. Doch erreicht diese Form des Protests etwas? Die Politikwissenschaftlerin Sigrid Baringhorst spricht im Interview mit “Zeit Online” über die politische Wirkung von Onlineaktivismus und erklärt, warum die Präsenz auf der Straße so wichtig ist.

4. Zwischen Empörung und Framing — Impulse der Tutzinger Radiotage 2018
(danielfiene.com)
Derzeit finden die 14. Tutzinger Radiotage an der Akademie für Politische Bildung statt. Daniel Fiene ist vor Ort und notiert seine Gedanken und Erkenntnisse auf seinem Blog. Ein bisheriger Schwerpunkt: das wichtige Thema Framing.

5. Neue Recherche-Kooperation aus rbb/”T-Online”
(ndr.de, Daniel Bouhs)
Nach dem Recherchezusammenschluss von NDR/WDR/”SZ” tut sich eine weitere Kooperation von privatwirtschaftlichem und öffentlich-rechtlichem Medium auf: Das Onlineportal “T-Online” recherchiert und publiziert nun gemeinsam mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). Strategische Kooperationen von öffentlich-rechtlichen und privaten Medien sind umstritten, auch wegen des Vorwurfs der Markenwerbung und Quersubventionierung.
Weiterer Lesehinweis: RBB lädt die ARD ins “Waldorf Astoria”: “Für den Rundfunk Berlin-Brandenburg ist es eine Art Sparmodell: die ARD-Hauptversammlung im Fünf-Sterne-Hotel” (tagesspiegel.de, Joachim Huber).

6. Anja Reschkes Tipp für mehr Selbstvertrauen: „Denk an den Chef, der die größte Pfeife ist. So gut kriegst du das auch hin“
(editionf.com, Celia Parbey)
“Edition F” hat am Rande des in Berlin stattfindenden “Female Future Force Day” mit der Journalistin Anja Reschke (“Panorama”, “Zapp”) gesprochen. Dabei geht es um die Fragen, wie man mit Hass im Netz umgeht, was geschehen muss, damit mehr Frauen es in Führungspositionen im Journalismus schaffen, und wie es um die Zukunft des investigativen Journalismus steht.

K.I.Z: Die “Gewalt-Verherrlicher”, die bei “Bild” Kultstatus haben

Nach gerade mal 50 Sekunden im Song “Wir” erklärt Nico von K.I.Z eigentlich alles, was “Bild”-Mitarbeiter über die Berliner Hip-Hop-Gruppe wissen muss:

Es liegt an eurem geistigen Fassungsvermögen,
wenn ihr bei K.I.Z nicht lacht, ihr Amöben.

“Bild”-Chefreporter Peter Tiede lacht ganz offenbar nicht bei K.I.Z. Stattdessen schreibt er solche Artikel:

Ausriss Bild-Zeitung - Beim Chemnitz-Konzert - 27 Minuten Hass auf Veranstaltung gegen Hass - gemeint ist der Auftritt von KIZ

Es geht um den K.I.Z-Auftritt am Montagabend beim Konzert #wirsindmehr in Chemnitz vor 65.000 Menschen. Tiedes Text ist auch bei Bild.de hinter der Paywall erschienen:

Screenshot Bild.de - Ich ramm die Messer-Klinge in die Journalisten-Fresse - 27 Minuten Hass beim Chemnitz-Konzert gegen Hass

In Deutschland gibt es kaum eine Band, die in ihren Songs so viel Ironie, Sarkasmus, Satire, maßlose Übertreibungen und Parodien einbaut wie K.I.Z. Keine Frage, ihre Texte sind provokant. Aber eben immer mit mehreren Ebenen versehen. Die kann oder will Peter Tiede nicht erkennen.

Er macht es sich dabei ziemlich einfach. Zum Beispiel mit einer Zeile aus dem Song “Urlaub fürs Gehirn”, die “Bild” groß zitiert:

Ich schleich mich ein bei den Sarrazins, sechs Uhr, alles pennt noch,
Selbstmordattentat!

Tiede übersetzt das alles eins zu eins:

In Bezug auf Thilo Sarrazin rappen sie von einem “Selbstmord-Attentat”.

Und wie wollen die Jungs von K.I.Z dieses Selbstmordattentat begehen, Peter Tiede? Mit einem Sprengstoffgürtel? Einer Autobombe? Oder vielleicht doch durch eine geschickte Selbstexplosion, die durch ein ausgetüfteltes Gemisch von Cola und Mentos-Bonbons herbeigeführt wird?

Die Textstelle, die “Bild” und Tiede zitieren, endet nämlich gar nicht mit einem Ausrufezeichen nach “Selbstmordattentat”, sondern geht noch weiter:

Ich schleich mich ein bei den Sarrazins, sechs Uhr, alles pennt noch,
Selbstmordattentat, ich trink drei Liter Cola mit Mentos

Wer darin ernsthaft die Ankündigung eines Selbstmordattentats erkennt, denkt auch, dass “Titanic”-Mitarbeiter immer alles ernst meinen und beim “Postillon” richtige Nachrichten zu finden sind.

Tiede zitiert noch weitere Textpassagen von K.I.Z:

“Ich ramm die Messerklinge in die Journalisten-Fresse”

Und:

“Eva Herman sieht mich, denkt sich: ‘Was’n Deutscher!’/Und ich gebe ihr von hinten wie ein Staffelläufer/Ich fick sie grün und blau, wie mein kunterbuntes Haus/Nich alles was man oben reinsteckt, kommt unten wieder raus.”

Wie gesagt: Die Texte sind zweifelsohne provokant.

Beide zitierten Stellen stammen aus dem Song “Ein Affe und ein Pferd”. Ein Lied, das mit einer Pippi-Langstrumpf-Melodie beginnt, bei dem es im Refrain heißt: “Ich war in der Schule und habe nix gelernt, doch heute habe ich einen Affen und ein Pferd, eine Pferd und einen Affen, ein Pferd und einen Affen, ratatatatatatata, wer will was machen?” Im Video hüpft ein Pippi-Double rum, die K.I.Z-Mitglieder Nico, Tarek, Maxim und DJ Craft ziehen mit anderen “Taka-Tuka-Ultras” durch Berlin.

Viel deutlicher kann man nicht in andere Rollen schlüpfen. Aber das erkennt man natürlich nur, wenn man sich nicht dagegen wehrt, es zu erkennen.

Stattdessen legt Tiede zum Ende seines Artikels noch mal richtig los:

Der K.I.Z.-Auftritt: symptomatisch: “Gegen rechts” dürfen auch Linksradikale und Gewalt-Verherrlicher ran!

Wieder die Spaltung: rechts und links. Die richtige Antwort? Gab die SPD-Geschäftsführerin für Südwest-Sachsen, Sabine Sieble. Im Partei-Blatt “vorwärts” bemängelt sie schon vor dem Skandal-Auftritt: “eine militante Antifa”, dass “eine Band mit ihren Songtexten und Ansprachen alles tat, um das Motto ins Gegenteil zu verkehren”. Sieble: “Da habe ich geweint. (…) Ich habe aber in dem Moment geweint, als mir bewusst wurde, dass Chemnitz zu einem bloßen Austragungsort im Kampf um die Deutungshoheit eines tragischen Ereignisses wurde.”

Na, gemerkt? Sabine Sieble schriebt gar nicht über den Montag in Chemnitz und den Auftritt von K.I.Z. Peter Tiede deutet das an (“bemängelt sie schon vor dem Skandal-Auftritt”), gibt sich aber auch keine große Mühe, es zu verdeutlichen und klarzustellen, worüber Sieble wirklich schreibt. Ihr Text, aus dem der “Bild”-Chefreporter zitiert, ist schon am Montagmittag erschienen — also einige Stunden bevor K.I.Z sie zum Weinen hätte bringen können. Tatsächlich äußert sich Sieble über die Veranstaltung “Herz statt Hetze”, die bereits am Samstag in Chemnitz stattfand. Die Band, die sie erwähnt, muss eine andere sein, vermutlich Egotronic.

Dass K.I.Z in “Bild” und bei Bild.de nun als Hass-Botschafter und “Gewalt-Verherrlicher” dargestellt werden, ist übrigens etwas überraschend. Früher haben die “Bild”-Medien völlig anders über die Band geschrieben. Zum Beispiel als sie 2015 bei “Rock am Ring” aufgetreten ist:

★ Noch ein Gewinner des Wochenendes ★

Die deutsche Musik! Vor allem der Freitag zeigte, wie beliebt deutschsprachige Musik bei den Kids ist. (…)

Auch Acts wie “K.I.Z.”, “Trailerpark” und “Deichkind” bewiesen, dass wir in Deutschland absolute Weltspitze sind

Oder 2016 in der Sammlung

Screenshot Bild.de - Protest in der Musik - Diese Künstler sind politisch

K.I.Z — “Hurra, die Welt geht unter” ft. Henning May

Vor allem im Deutschrap tut sich politisch gerade etwas. Die Band K.I.Z. ist schon länger dafür bekannt, sich zu Gesellschaftsthemen zu äußern. Auf ihrem letzten Album “Hurra, die Welt geht unter” machen sie das sehr deutlich — vor allem zum Thema Flüchtlinge.

Oder als ein “Bild”-Reporter 2015 zum K.I.Z-Konzert ging:

Screenshot Bild.de - Die Rüpel-Rapper KIZ und ihre Aktion zum Frauentag - Für Berlins versautestes Konzert musste ich mich als Frau verkleiden

Die Berliner Hip-Hop-Band K.I.Z. hat Kultstatus. Unter anderem auch wegen ihrer Texte, die oft ziemlich weit unter die Gürtellinie gehen.

Als all diese Artikel erschienen sind, waren die K.I.Z-Songs “Ein Affe und ein Pferd” und “Urlaub fürs Gehirn” längst veröffentlicht. Die Texte der Lieder hat die “Bild”-Redaktion damals offensichtlich nicht gestört.

Dass das nun anders ist, liegt vielleicht aber auch gar nicht an den Texten. Der Artikel von heute ist nur der nächste in einer Reihe von Beiträgen, die das #wirsindmehr-Konzert am Montag in Chemnitz schlecht dastehen lassen.

Für die “Bild”-Redaktion und ihren Chef Julian Reichelt scheint es momentan kaum etwas Bedrohlicheres zu geben als eine Handvoll Bands und ein paar Solo-Musiker, die sich gegen rechten Hass und Neonazis stellen. Seit Tagen versuchen sie bei “Bild” und Bild.de krampfhaft, #wirsindmehr und die mitwirkenden Künstler zu diskreditieren.

Nachdem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf seinem Facebook-Account #wirsindmehr bewarb, fragte “Bild” am Montag:

Ausriss Bild-Zeitung - Warum wirbt Bundespräsident Steinmeier für Linksradikale Rockband?

Gemeint war die Band Feine Sahne Fischfilet.

Während des Konzerts, bei dem 65.000 Menschen eine gute, friedliche Zeit hatten, ging es bei Bild.de um Probleme rund um das Konzert:

Screenshot Bild.de - Wir sind mehr legt Chemnitz lahm! Schon 50000 Leute da - Öffentlicher Nahverkehr eingestellt - Polizei warnt vor Rückreise Chaos

Nach dem Konzert verbreitete Julian Reichelt bei Twitter ein Gerücht über Jan Gorkow, den Sänger von Feine Sahne Fischfilet:

Screenshot eines Tweets von Julian Reichelt - Auf Twitter kursiert ein Foto von Feine-Sahne-Sänger Gorkow, der in Chemnitz den Hitlergruß zeigen soll. Allerdings weist das Foto am Handansatz zwei auffällige Pixel auf, die auf Montage hindeuten könnten. Handelt es sich um eine Fälschung? Wer kann helfen?

Der Tweet, auf den sich Reichelt dabei bezieht, stammt von einem NPD-Funktionär und Neonazi (über diese problematische Herkunft klärt der “Bild”-Chef natürlich nicht auf). Dieser hatte das Gerücht gestreut. Tatsächlich hat er das Foto, um das es geht, völlig aus dem Zusammenhang gerissen: Es ist ein Standbild aus einem Video, das die Band bei Instagram hochgeladen hat. Jan Gorkow zeigt dort nicht den Hitlergruß.

Nun könnte es sein, dass Julian Reichelt nicht in der Lage ist, zweieinhalb Minuten selbst zu recherchieren, sodass er bei Twitter um Hilfe bitten muss. Es kann aber auch sein, dass er sich lediglich dumm stellt, und es sich um einen in eine unschuldige Frage gekleideten Versuch handelt, ein bisschen mitzündeln zu können.

Am Dienstag fragte “Bild” dann noch einmal:

Ausriss Bild-Zeitung - Wie kann der Bundespräsident bloß eine radikale Band empfehlen?

Gemeint war wieder Feine Sahne Fischfilet. In der Zwischenzeit titelte Bild.de:

Screenshot Bild.de - Für diese Punkrocker warb der Bundespräsident - Die Akte Feine Sahne Fischfilet

Und heute dann eben die K.I.Z-Geschichte.

Wenn das so weitergeht, erfahren wir morgen noch, dass Casper, der ebenfalls in Chemnitz aufgetreten ist, in seinem Song “Sirenen” rappt: “Denn zehn Flaschen Wein könnten zehn Waffen sein”. Und übermorgen, dass Campino vor drei Jahren mal einen Strafzettel nicht bezahlt hat.

Dazu auch:

“Bild” stiftet maximale Verwirrung mit ihn-sie-Schwäche

Manchmal schafft es die “Bild”-Redaktion, mit einem einzigen Wort für maximale Verwirrung zu sorgen. Dieser Teaser bei Facebook ist so ein Fall*:

Screenshot eines Facebook-Posts der Bild-Redaktion - Ärzte testen ihn später auf HIV, positiv - Dazu der verlinkte Bild.de-Artikel: Junge tritt in blutige Spritze: Aids-Angst auf Berliner Spelplatz

1773 Likes, 199 Kommentare, 419 Mal geteilt. Geht ordentlich ab, die Geschichte — es ist ja auch unglaublich tragisch, dass der Junge positiv auf HIV getestet wurde. Bloß: Das wurde er gar nicht. Es ist nicht klar, ob das Kind sich angesteckt hat. Kann es noch gar nicht sein.

Ärzte haben bisher die Spritze und deren Inhalt getestet. Dabei wurden HI-Viren gefunden. Bei Bild.de steht:

Spritzen-Schock in Berlin-Kreuzberg! Auf einem Spielplatz ist ein fünfjähriger Junge auf eine blutige Kanüle getreten. Im Krankenhaus testeten die Ärzte sie auf HIV — positiv!

“sie”, nicht “ihn”.

Bei dem Jungen kann eine mögliche Ansteckung noch gar nicht festgestellt werden. Das steht auch bei Bild.de:

Per Schnell-Check, so die Mutter, sei festgestellt worden, dass in der Spritze HI-Viren gewesen seien. “Bei Hassan kann eine Infektion frühestens in sechs Wochen festgestellt werden.”

Jens Petersen (48), Sprecher der Berliner Aids-Hilfe erklärt: “So lange braucht der Körper, bis er Antikörper gegen das Virus bildet, die dann im Blut nachgewiesen werden können.” Auf eine vierwöchige prophylaktische Behandlung mit HIV-Medikamenten, die starke Nebenwirkungen haben, verzichten die Ärzte.

Petersen: “Das Virus ist außerhalb des Körpers nicht lange überlebensfähig, die Ansteckungswahrscheinlichkeit gering. Es müsste sich schon um eine Spritze mit ganz frischem Blut gehandelt haben.”

Das alles erfährt allerdings nur, wer ein “Bild plus”-Abo hat. Für alle anderen gibt es lediglich den falschen Facebook-Teaser.

*Nachtrag, 16:59 Uhr: “Bild” hat auf unsere Kritik reagiert und den Teaser bei Facebook angepasst. Dort steht nun:

Im Krankenhaus testeten die Ärzte das Blut an der Spritze auf HIV — positiv! Eine Ansteckungswahrscheinlichkeit sei zwar “gering”, ob sich der Junge infiziert hat, kann aber frühestens in einigen Wochen festgestellt werden.

Einen Hinweis darauf, dass da mal was falsch war, gibt es leider nicht.

Nachtrag, 17:12 Uhr: “Bild” hat auf unsere erneute Kritik reagiert und klärt nun in einem Kommentar unter dem Facebook-Post auf:

Wir hatten im Teaser des Artikels ursprünglich geschrieben, dass der Junge positiv auf HIV getestet wurde. Das war nicht korrekt. Vielmehr wurden an der Spritze wurden HI Viren gefunden. Wir haben den Teaser oben korrigiert.

Nachtrag, 14. September: Der Verein Berliner Aids-Hilfe hat bereits am 6. September eine Pressemitteilung zur Berichterstattung von “Bild” und “B.Z.” herausgegeben. Darin heißt es unter anderem:

In dem Artikel macht die B.Z. in ihrer Überschrift auf Seite 1 daraus: “Berliner Junge (5) tritt in HIV-verseuchte Spritze / Aids-Angst auf dem Spielplatz”, die BILD-Zeitung übertitelt: “Drama auf Berliner Spielplatz / Kind tritt in HIV-verseuchte Drogen- Spritze”.
Mit dem heutigen Wissensstand zu HIV, den Übertragungswegen und den Behandlungsmöglichkeiten ist eine solche Berichterstattung unangemessen und unhaltbar. Die Berichte treffen keine Unterscheidung zwischen einer HIV-Infektion und einer Aids-Erkrankung. Vielmehr suggerieren sie, dass man durch den Stich an einer Nadel mit Blutresten, an der HIV-Antikörper nachgewiesen werden, unmittelbar an Aids erkranken könne. Tatsächlich ist Aids vielmehr die Folge einer langjährig unbehandelten HIV-Infektion.

Dazu sagt die Geschäftsführerin der Berliner Aids-Hilfe e.V. Ute Hiller: “Diese Art der Berichterstattung macht mich fassungslos. Die Schlagzeilen sind aufhetzend und wie aus der Zeit gefallen. Sie schüren Ängste und schlagen in die Kerbe der schlimmsten Diffamierungen von HIV-positiven Menschen, wie wir sie in den 1980er Jahren gesehen haben. Wir wissen es heute viel besser: HIV zerfällt mit dem Kontakt von Sauerstoff. HIV kann nicht durch getrocknetes Blut an Spritzennadeln weitergegeben werden. Offensichtlich haben auch die behandelnden Ärzte, daher auf die Einleitung einer Postexpositionsprophylaxe verzichtet.”

Und:

Als Berliner Aids-Hilfe klären wir zu Übertragungswegen und Behandlungsmöglichkeiten auf. Wir treten dafür ein, dass Menschen mit HIV nicht länger diskriminiert und stigmatisiert werden. HIV-positive Menschen unter erfolgreicher antiretroviraler Therapie sind nicht ansteckend und weit entfernt von einer Aids-Erkrankung. Sie haben dank der Medikamente zudem eine gleiche Lebenserwartung wie Menschen ohne HIV. Das ist die Botschaft, die es zu verbreiten gilt – anstelle von Panikmache und reißerischen Titeln einer rückwärtsgewandten Berichterstattung.

Die Berliner Aids-Hilfe stellt klar:
Das HI-Virus wird bei Kontakt mit Sauerstoff zerstört. Getrocknetes Blut ist nicht infektiös. Für ganz Deutschland ist kein Fall dokumentiert, bei dem sich ein Mensch an einer Spritze mit getrocknetem Blut mit HIV infiziert hat.

Die Berliner Aids-Hilfe e.V. legt Beschwerde gegen die B.Z. und gegen die BILD-Zeitung beim Deutschen Presserat ein.

Mesale und Deniz, Die Methode Reichelt, Zu Gast bei der “Titanic”

1. “Sie haben versucht, die Tür einzuschlagen”
(deutschlandfunk.de, Philip Banse, Audio, 5:11 Minuten)
Die Journalistin und Übersetzerin Mesale Tolu ist nach einem langen Gefängnisaufenthalt in der Türkei wieder zurück in Deutschland. Im “Deutschlandfunk” erzählt sie von den Umständen ihrer Verhaftung und ihrer Zeit im Frauengefängnis, wo sie mit 20 Frauen in einer Zelle leben musste. Gemeinsam mit der Organisation “Reporter Ohne Grenzen” äußert sie sich kritisch zur Sicherheitslage für Journalistinnen und Journalisten in der Türkei. Die Bundesregierung müsse bei Besuchen Druck ausüben.
Weiterer Lesehinweis: Der ebenfalls lange Zeit in der Türkei inhaftierte Deniz Yücel hat die türkische Regierung wegen “unrechtmäßiger Inhaftierung” auf Schadenersatz verklagt. In der “taz” erklärt sein Anwalt Veysel Ok die Gründe.

2. Die Absurdität von Fake-News
(taz.de, Sarah Kohler)
“Bild”-Boss Julian Reichelt veröffentlichte auf Twitter einen Screenshot, der den Sänger der Gruppe “Feine Sahne Fischfilet” zeigt und fragte scheinheilig: “Auf Twitter kursiert ein Foto von @feinesahne Sänger Gorkow, der in Chemnitz den Hitlergruß zeigen soll. Allerdings weist das Foto am Handansatz zwei auffällige Pixel auf, die auf Montage hindeuten könnten. Handelt es sich um eine Fälschung? Wer kann helfen?” Das Bild, ein aus dem Zusammenhang gerissener Screenshot eines Videos, stammte vom ehemaligen NPD-Landeschef von Berlin, der schon wegen Volksverhetzung und Körperverletzung vor Gericht stand. Darf man solche Gerüchte teilen, zumal, wenn man “Bild”-Chef ist und ein Rechercheteam hinter sich weiß? Die “taz” hat einige Reaktionen dazu zusammengestellt. Die Sammlung sei hier noch um die in eine Gegenfrage gekleidete Antwort des 6-vor-9-Kurators ergänzt.

3. Leistungsschutzrecht: Verleger fordern weiter Millionen von Google
(heise.de)
Die deutschen Presse-Verleger pokern weiter um eine millionenschwere Vergütung von Google für die sogenannten Snippets (bei einem Snippet handelt es sich um einen kurzen Textauszug aus einer Webseite, der in der Ergebnisliste einer Suchmaschine angezeigt wird). Strittig ist derzeit, wie umfangreich die Snippets auf den Google-Seiten sein dürfen, bevor Google zahlen muss. Eduard Hüffer, Geschäftsführer des Aschendorff-Verlags in Münster, besteht darauf, die entsprechende Gesetzesformulierung eng auszulegen: “Wir gehen davon aus, dass bis zu drei Wörter lizenzfrei genutzt werden können”, sagte Hüffer der dpa. Der Kölner Verleger Christian DuMont Schütte gibt sich ähnlich konfliktbereit: “Beim Rechtsstreit mit Google haben wir uns auf eine grundsätzliche Auseinandersetzung eingestellt.”
Ach, und weil gerade der Name DuMont gefallen ist: Das Kartellamt hat wegen verbotener Absprachen auf dem regionalen Zeitungsmarkt Bußgelder in Höhe von 16 Millionen Euro gegen die DuMont-Gruppe verhängt.

4. Interviewreihe: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk
(journalist-magazin.de, Matthias Daniel)
Wer sich für die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und damit verbundene Themen interessiert, sollte diese Übersicht in seine Bookmarks aufnehmen: Das Magazin “journalist” hat zusammen mit Studierenden der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft eine große Interviewreihe mit 17 dokumentierten Einzelgesprächen initiiert. Der Link führt zu einer Übersicht, die von “journalist”-Chefredakteur Matthias Daniel erläutert wird.

5. Prozess gegen Sigi Maurer: Livebericht
(derstandard.at, Marie-Theres Egyed)
Beim österreichischen “Standard” gibt es ein Echtzeit-Protokoll vom gestrigen Prozess gegen die Ex-Grüne Sigi Maurer. Maurer hatte obszöne und beleidigende Nachrichten veröffentlicht, die ihr ein Barbesitzer über Facebook geschrieben haben soll. Obwohl, nun ja, viele Indizien gegen den Barbesitzer sprechen (so zum Beispiel seine eigenwillige Interpunktion und die Tatsache, dass die Nachrichten von seinem PC stammen), bestreitet er den Vorgang. Und nicht nur das: Er hat das Opfer auf 60.000 Euro verklagt. Wegen “übler Nachrede” und “Kreditschädigung”. Abgesehen von der Thematik als solcher bietet die Verhandlungsmitschrift einen interessanten Einblick in die Abwicklung eines derartigen Verfahrens.

6. “Satire muss wehtun” – Drei Tage Praktikum bei der ‘Titanic’
(vice.com, Yasmina Banaszczuk)
Die “Vice”-Autorin Yasmina Banaszczuk hat beim Satire-Magazin “Titanic” ein dreitägiges Betriebspraktikum absolviert und dabei viel über Satire und noch mehr über Medien gelernt. Ein toller Einblick in das Innere der “Titanic”, begleitet von gelungenen Bildern aus dem Redaktionsalltag.

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