1. “Die Stunde der Experten” (medienwoche.ch, Fabian Baumann)
Welche Experten wählen Redaktionen in russischen und deutschsprachigen Gebieten aus, wenn sie übereinander berichten? “Hierzulande werden zwar keine Expertenfiguren erfunden, aber Putins Verteidiger kommen nur selten zu Wort. Beliebt bei westlichen Medien sind insbesondere Intellektuelle und Oppositionelle. Über deren Rolle und Verankerung in Gesellschaft und Politik erfährt man nur selten etwas.”
3. “TV-Programm 2.0: Suchmaske statt Tabelle?” (wortvogel.de, Torsten Dewi)
Torsten Dewi vermisst TV-Programm-Zeitschriften, die auch “Angebote der Streaming-Portale präsentieren”, für Konsumenten, “die nicht permanent den Computer konsultieren wollen, um ihre Lieblingssendungen zu finden”.
4. “Faxen machen in Ferguson” (faz.net, Nina Rehfeld)
Nina Rehfeld beschäftigt sich kritisch mit der Arbeit von CNN-Reporter Don Lemon, der “zum Hofnarren von CNN avanciert” sei.
5. “Komposition ist der König” (lesenmitlinks.de, Jan Drees)
Jan Drees liest das Buch “Blätter machen: Bausteine zu einer Theorie journalistischer Komposition” von Jakob Vicari: “Die Daten von Jakob Vicari lassen nach den 16 Redaktionsbesuchen und Leitfadeninterviews nur darauf schließen, dass der Blattmacher am Ende wichtiger ist als der einzelne Autor und dass es Titelmeldungen gibt, die es nur deshalb nach vorne schaffen, weil sie auf gestalterischer und inhaltlicher Ebene einen Kontrast setzen.”
6. “Wer ist hier das Volk?” (zeit.de, Lenz Jacobsen)
Journalist Lenz Jacobsen versucht, an einer Demonstration in Dresden mit Demonstranten zu reden: “Zwölf Anläufe, niemand will mit Journalisten sprechen.”
1. “‘Frau Jäkel, ich finde, das alles sollten Sie wissen'” (newsroom.de, Gabriele Riedle)
Die 56-jährige Journalistin Gabriele Riedle beschreibt Julia Jäkel, was sie nach ihrer Entlassung erwartet: “Kann sich eigentlich jemand vorstellen, wie es ist, nicht etwa nach dem Abschluss der Journalistenschule, sondern Ende 50 damit anfangen zu müssen, Klinken zu putzen? Oder wie es ist, nicht mit Ende 20 oder so, sondern mit 57..63…65 von der Hand in den Mund leben zu müssen?”
2. “‘Die Tendenz der Medien zur Ferndiagnose ist fatal'” (schweizamsonntag.ch, Patrik Müller)
Ein Interview mit Kriegsreporter Kurt Pelda: “Leider gibt es immer mehr Medien, die keine Bilder und Texte von Freelancern aus Syrien kaufen – angeblich aus Sorge um die Sicherheit der Journalisten. Aus diesem Grund lehnte zum Beispiel die kanadische Tageszeitung ‘The Globe and Mail’ einen langen Text von mir ab, bat mich aber um ein Interview zum selben Thema, natürlich ohne Bezahlung. Wer sich wirklich um das Schicksal von Kriegsreportern kümmern möchte, sollte dafür sorgen, dass wir angemessene Honorare erhalten. Nur dann können wir uns die Versicherungspolicen, Mietautos, Leibwächter, Mietautos und Satellitentelefone leisten, die in Syrien und anderswo überlebenswichtig sind.”
3. “Der Akt der Kritik” (funkkorrespondenz.kim-info.de, René Martens)
Der Umgang von ARD und ZDF mit der Kritik an der Ukraine-Berichterstattung: “Obwohl ‘Steuerungen’ von interessierter Seite eine Rolle spielen, spricht viel für die These, dass in der massiven Kritik an der Ukraine-Berichterstattung von ARD und ZDF Stimmungen und Haltungen zum Ausdruck kommen, die schon lange virulent sind, aber erst infolge des digitalen Wandels sichtbar werden konnten. Dass sich Menschen zu Wort melden, die es jetzt sehr ausgiebig kompensieren, dass sie vorher keine Stimme hatten im Diskurs über das Fernsehen.” Siehe dazu auch “Die Journalisten der Kanzlerin: Sie sind ihre beste Truppe” (faz.net, Julia Encke).
4. “Diez, das Zeugenhaus und die Deutschen” (hellojed.de, moritz)
Eine Kritik am Text “Wehrmacht böse, Deutsche gut”, in dem sich Georg Diez mit dem ZDF-Film “Das Zeugenhaus” auseinandersetzt: “Weil in ‘Das Zeugenhaus’ hauptsächlich die Angehörigen des Tätervolkes sprechen dürfen, soll seiner Ansicht nach der Film die Schuld dieser Täter relativieren. Das lässt mich daran zweifeln, dass Diez den Film überhaupt gesehen hat. Denn, klammern wir mal die völlig irrelevant bleibende Berben-Hauptrolle aus, verteilen sich die Sympathien in diesem Film ganz automatisch – jeder Versuch der Selbstentschuldung der belasteten Deutschen wirkt jämmerlich, unehrlich.”
1. “…wer ist eigentlich Auftraggeber dieses Kommentars?” (regensburg-digital.de, Martin Oswald)
Martin Oswald beschäftigt sich mit der Journalismuskritik: “Kritik an Journalismus fängt erst da an, wo die aus Versatzstücken weltanschaulichen Wirrwarrs zusammengebraute und wieder ausgekotzte Medienschelte die Gelegenheit zur Widerrede bietet.”
2. “Opposition will Leistungsschutzrecht für Presseverleger abschaffen” (heise.de, Stefan Krempl)
Linke und grüne Abgeordnete bringen einen Entwurf für ein Leistungsschutzrechtsaufhebungsgesetz in den Bundestag ein – es soll das 2013 verabschiedete Leistungsschutzrecht für Presseverleger wieder aufheben: “Die Rechtsunsicherheit schadet laut der Oppositions-Initiative vor allem kleinen Anbietern von Suchmaschinen und Diensten, die Inhalte entsprechend aufbereiten. Sie könnten es sich weder leisten, für Snippets zu bezahlen, noch die Tragweite schwammiger Stellen wie ‘kleinster Texteile’ gerichtlich ausurteilen zu lassen.”
3. “‘Nichts kann die Recherche vor Ort ersetzen’: Ein medialer Frontbericht aus Bagdad” (weltreporter.net, Birgit Svensson)
Birgit Svensson kritisiert die Fokussierung vieler Medien auf den Kampf um die Stadt Kobane: “Die Kämpfe um Kobane erhalten eine Wichtigkeit, die keiner qualitativen Prüfung standhält. Nur weil der Krieg um diese eine Stadt buchstäblich vor unseren Augen ausgetragen und in die Wohnzimmer der Fernsehzuschauer hineingetragen wird, ist über Wochen von nichts anderem die Rede. Dabei spielen sich anderswo in der Region weit wichtigere Schlachten ab, die allerdings weniger Propagandamaterial im Internet aufweisen und von Fallschirmjournalisten komplexe Erklärungsmuster fordern würden, die sie nicht leisten können.”
4. “PNP-Redakteure streiten um Stechuhr” (buergerblick.de)
Eine Auseinandersetzung um die Erfassung von Arbeitszeiten bei der “Passauer Neue Presse”: “Die Gegner der Zeiterfassung, die alte Garde der Schreiberlinge, darunter viele in leitenden Positionen, ruhen sich – wollte man es bösartig ausdrücken – auf ihrem Bestandsschutz aus. Ihre Verträge stammen aus einer Zeit, als sich die ‘Passauer Neue Presse’ noch an Tarifverträge gebunden fühlte.”
1. “Fatale Falschmeldung” (taz.de, Francesco Giammarco)
Eine Meldung über eine Ebola-Erkrankung in Berlin stellt sich als falsch heraus: “Unter anderem der TV-Sender n-tv und die Berliner Morgenpost hatten am Dienstag berichtet, dass es sich bei dem Mann um einen Übersetzer handeln soll, der für die Botschaft der Republik Sierra Leone in Berlin arbeitet. (…) Weder vor, noch nach der Veröffentlichung sei die Botschaft kontaktiert worden, um die Verbindung zu dem vermeintlich Kranken zu bestätigen.”
2. “Mein Auftritt bei Putins Propagandasender” (faz.net, Olaf Sundermeyer)
Olaf Sundermeyer wird vom seit Kurzem auch auf deutsch sendenden TV-Sender “RT” eingeladen und berichtet über seine Erfahrung: “Ich warte. Zu lesen gibt es nur die ‘Junge Welt’, in der eine spezielle linke Sicht der Dinge das Böse in Kiew vermutet und das Gute in Moskau weiß.”
3. “Ohne Brüste und Budget zu einer halben Million Klicks” (tokyofotosushi.wordpress.com, Fritz)
Fritz Schumann erzielt mit einer Story, die er zunächst “allen großen Redaktionen” in Deutschland erfolglos angeboten hatte, internationale Aufmerksamkeit und eine Laudatio des dpa-Inlandchefs: “Ich ahnte von Beginn an, dass die Geschichte abgehen wird. Wie sehr, das war mir bis zum Schluss nicht klar. Mein Problem zu Beginn war, dass ich als junger Journalist keinen direkten Kontakt zu den Redaktionen hatte, denen ich es anbot. Ich hatte kein Vertriebsnetzwerk. Durch die Verbreitung im Netz erhielt ich aber Angebote von Adressen, an die ich niemals dachte. Das Internet wurde mein Vertriebsnetzwerk.”
4. “Post von der ‘Bild’: Homberger mit Regierungssprecher verwechselt “ (hna.de, Olaf Dellit)
Eine Geburtstagsgratulation von “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann: “Das Problem: Klaus Bölling aus Homberg hatte an diesem Tag überhaupt nicht Geburtstag, und 86 Jahre alt ist er noch lange nicht, sondern gerade einmal 52.”
5. “Ein offener Brief an BILD-Redakteur Enrico Ahlig” (wrestling-point.de, Mathias)
Mathias freut sich, dass “Bild” über Wrestling berichtet, aber nicht, wie “Bild” über Wrestling berichtet. An Redakteur Enrico Ahlig schreibt er, seine Artikel hätten “ungefähr den Informationsgehalt einer leeren Tomatensaft-Dose. Ein bisschen Text, Selfie, Text, Selfie… Man erkennt Ihr Muster schnell. Und wenn Sie in einem Artikel mal nicht zu sehen sind gibt es trotzdem extrem viele Bilder und wenig Text. Als wäre jeder Buchstabe mehr eine Belastung für den Leser.”
6. “Satirisch: So war mein erstes Mal – ‘Ich fühlte mich richtig mies!'” (interview-blogger.de, Florian Staudter)
Florian Staudter kauft erstmals eine Ausgabe von “Bild”: “Schnell wurde mir klar, das Ganze war eine einmalige Sache. Ein Ausrutscher – ein One-Read-Stand. Sie ist zwar billig, mehr aber auch nicht.”
Die Filmemacher und DFB-Verantwortlichen müssen sehr stolz auf dieses Zitat sein, denn es eröffnet nicht nur den Trailer und war Inspiration für den Titel, sondern wurde gar zur „Leitidee“ des ganzen Projekts erklärt. In einer Pressemitteilung schrieb der DFB vor einigen Wochen:
Der Film […] stellt den besonderen Teamgedanken als entscheidend für den vierten Titelgewinn heraus. “Brasilien hat Neymar. Argentinien hat Messi. Portugal hat Ronaldo. Deutschland hat eine Mannschaft!” Dieses Motto, ein Twitter-Beitrag des englischen Kapitäns Steven Gerrard nach dem 7:1-Triumph des DFB-Teams im Halbfinale gegen Brasilien, ist die Leitidee.
Doof nur: Das Zitat stammt gar nicht von Steven Gerrard.
Der „Twitter-Beitrag“, auf den sich der DFB bezieht, sieht so aus:
Da steht zwar „Steven Gerrard“, und das Foto zeigt ihn auch, doch hinter dem Account steckt nicht Gerrard selbst, sondern ein Fan. Das erkennt man zum Beispiel daran, dass über Gerrard in der dritten Person getwittert wird, oder auch am fehlenden blauen Haken (Sportler dieser Größenordnung haben in der Regel verifizierte Accounts, wie man schön an dieser Liste sieht), vor allem aber an der Profilbeschreibung, in der es heißt:
Your mouth-piece centre for #LFC transfers news and rumours #DareToGerrard #TeamGerrard
Als Website wird im Profil außerdem eine Steven-Gerrard-Fanseite verlinkt.
Kurzum: Eigentlich hätte auch der DFB darauf kommen können, dass das ach so schöne Zitat nicht vom damaligen Kapitän der Engländer stammt, sondern von irgendwem.
Und die Medien genauso. Aber die sind auch drauf reingefallen, schon damals, als der Tweet um die Welt ging. Und zwar durch die Bank. So erschien das angebliche Gerrard-Zitat unter anderem in der „Bild“-Zeitung, in der „Berliner Zeitung“, in der „Süddeutschen Zeitung“, in der „Welt“, im „Stern“, im „Focus“, im „Tagesspiegel“, in der „Badischen Zeitung“, der „Saarbrücker Zeitung“, der „Kölnischen Rundschau“, der „Rheinischen Post“, den „Aachener Nachrichten“, dem „Darmstädter Echo“, der „Westdeutschen Zeitung“, dem „Bonner General-Anzeiger“, auf den Webseiten des „Handelsblatts“, der „Berliner Morgenpost“, der „Sport Bild“, der „Augsburger Allgemeinen“, der “Sportschau”, der „Hamburger Morgenpost“, bei Web.de, T-Online, der AFP, dem SID und bei vielen, vielen mehr.
Aber vielleicht als kleiner Trost, damit wir die fußballpatriotische Ein-Hoch-auf-uns-Stimmung jetzt nicht völlig zerschießen: Es gibt noch ein anderes Zitat, nämlich vom damaligen Trainer der Brasilianer, der nach der 1:7-Niederlage gegen Deutschland sagte:
We tried to do what we could, we did our best – but we came up against a great German team.
Das knallt zwar nicht so schön, ist aber wenigstens kein Fake.
*Korrektur/Nachtrag, 13. November: Das falsche Gerrard-Zitat taucht nur im Trailer auf, nicht im Film selbst, wie wir zunächst geschrieben hatten. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.
Inzwischen haben wir auch den Verfasser des Tweets erreicht und ihm ein paar Fragen gestellt:
Hallo @iSteven8Gerrard, nur der Vollständigkeit halber: Bist Du der echte Steven Gerrard?
Nein, ich bin nicht der echte Steven Gerrard.
Du hast ja mitbekommen, dass Dein Tweet (“Deutschland hat eine Mannschaft!“) ganz schön die Runde macht. Stammt das Zitat denn von Dir oder vom echten Gerrard?
Das Zitat ist von mir. Während der Weltmeisterschaft haben meine Freunde ich darüber gesprochen, dass sich die Deutschen so gut schlagen, weil sie im Gegensatz zu Brasilien oder Argentinien als Mannschaft spielen. Dann bin ich auf Twitter gegangen, und das waren die Sätze, die mir in den Kopf kamen.
Wie heißt Du denn wirklich und worum geht’s bei Deinem Twitter-Projekt?
Mein echter Name ist Seumas Beathan. Der Twitter-Account hat als normale Fanseite [über Gerrard und den FC Liverpool] begonnen, und zurzeit arbeite ich noch an einer Website für Liverpool-Fans.
Seit Juli hat dein Tweet über 35.000 Retweets bekommen. Ist das Dein erfolgreichster Tweet?
Ich hatte ein paar, die über 1.000-mal retweeted wurden, aber dieser ist mit Abstand der erfolgreichste.
Jetzt taucht er sogar im Trailer zum offiziellen DFB-WM-Film auf und wurde zur „Leitidee“ des Projekts erklärt — ist das der krönende Moment?
Nun, ja und nein. Ja, weil es natürlich unglaublich ist, meinen Tweet im Trailer zu sehen, aber auch nein, weil ich keine Anerkennung dafür bekommen habe. Außer ein paar Journalisten und deutschen Fans hat niemand gemerkt, dass der Tweet in Wirklichkeit gar nicht von Steven Gerrard kam.
Aber hast Du denn nicht manchmal ein schlechtes Gewissen, Dich als Steven Gerrard auszugeben? Oder besser: Wenn so viele Leute glauben, Du seist er?
Ich gebe mich nicht wirklich als er aus. Offensichtlich gibt es einige Leute, die mich fälschlicherweise für den echten Gerrard halten, aber der Großteil meiner Follower ist sich bewusst, dass es ein Fan-Account ist. Und ich versuche so gut wie möglich, die Leute zu korrigieren und darauf hinzuweisen, dass es nur eine Fanseite ist.
Hat Dich jemals irgendein deutscher Journalist oder Fußball-/Film-Mensch kontaktiert, um zu überprüfen, ob Du der echte Gerrard bist?
Nein, und das enttäuscht mich. Der DFB hat mein Zitat ohne Erlaubnis benutzt, darüber bin ich ziemlich unglücklich.
Hast Du überlegt, Dir einen Anwalt zu nehmen?
Nein, das möchte ich nicht. Mir missfällt auch nicht unbedingt die Tatsache, dass der Tweet benutzt wurde, sondern dass sie mich nicht kontaktiert und es nicht geschafft haben, mich korrekt zu zitieren.
Hast Du den echten Gerrard eigentlich jemals getroffen?
Nein, leider noch nicht. Aber ich hoffe, dass ich das eines Tages werde.
Das “Kuchen-Gesetz”, über das sich die Journalisten so aufregen, ist die neue Lebensmittelverordnung, die ab dem 13. Dezember greifen soll. Und warum die so gaga ist, erklärt “Bild” auf der heutigen Titelseite so:
Schon wieder eine Gaga-Verordnung aus der EU, die vor allem Eltern richtig nerven wird!
Ab 13. Dezember gilt die neue Lebensmittelverordnung, wonach künftig auch bei lose angebotenen Lebensmitteln (Kuchen, Schnittchen, Salate) alle Inhaltsstoffe aufgeführt werden müssen. Heißt im Klartext: Wer z. B. Einen Kuchen für einen Basar oder ein Fest im Kindergarten oder in der Schule backt, muss künftig eine exakte Zutatenliste mitliefern.
Das wäre tatsächlich ziemlich bescheuert — wenn es denn stimmte. Tut es aber nicht.
Das ist – mal wieder – Quatsch. Neue Regeln zur Kennzeichnung von Lebensmitteln gibt es zwar ab Dezember – aber die gelten explizit nur für Unternehmen, und eben NICHT für Privatpersonen oder z.B. den Kuchenverkauf bei Wohltätigkeitsveranstaltungen.
Auch die SPD-Europaabgeordnete Susanne Melior stellt klar:
“Eltern können natürlich weiterhin in Kindergärten und Schulen selbstgemachtes Essen zu den Geburtstagsfeiern, Frühlingsfesten und Weihnachtsbasaren mitbringen. Keine Kaffeerunde in Seniorenheimen ist gefährdet. Wer gelegentlich privat oder ehrenamtlich Essen spendet, fällt nicht unter die Kennzeichnungspflicht der neuen Lebensmittelverordnung.”
Und wer es jetzt immer noch nicht glaubt: Hier (S. 2, Punkt 15) steht es schwarz auf weiß:
Das Unionsrecht sollte nur für Unternehmen gelten, wobei der Unternehmensbegriff eine gewisse Kontinuität der Aktivitäten und einen gewissen Organisationsgrad voraussetzt. Tätigkeiten wie der gelegentliche Umgang mit Lebensmitteln und deren Lieferung, das Servieren von Mahlzeiten und der Verkauf von Lebensmitteln durch Privatpersonen z. B. bei Wohltätigkeitsveranstaltungen oder auf Märkten und Zusammenkünften auf lokaler Ebene sollten nicht in den Anwendungsbereich dieser Verordnung fallen.
Das hätte auch der (anonyme) Verfasser des “Bild”-Artikels wissen können, und dafür hätte er nicht mal in das Dokument schauen müssen. Denn schon vor einer Woche gab das Bundeslandwirtschaftsministerium auf Anfrage des CDU-Bundestagsabgeordneten Christian Haase Entwarnung. Im “Westfalenblatt” sagte Haase:
“Ich habe mir dazu vom Bundeslandwirtschaftsministerium bestätigen lassen, dass ‘private’ Veranstaltungen, darunter auch Feuerwehrfeste oder das Seniorencafé, von der Kennzeichnungspflicht ausgenommen sind”
Und sogar “Bild” selbst hat gestern online berichtet, dass die Verordnung “nicht für Speisenzubereitungen durch Privatleute” gilt, die Kitas also weiter “krümeln dürfen”.
Im Streit um die “Kuchen-Verordnung” der EU hat sich jetzt die Vernunft durchgesetzt…
Viele von uns lesen vermutlich häufiger blödsinnige Texte, als uns bewusst ist. In dem Dschungel aus Pseudo-Journalismus, Clickbaiting und zusammengeklaubten Informationsfetzen ist es ja auch schwer, den Überblick zu behalten.
Es kann aber schon helfen, zumindest die hohlsten Medien aus den Bookmarks zu streichen. Zum Beispiel die Huffington Post.
Viele von uns essen vermutlich häufiger ungesunde Lebensmittel, als uns bewusst ist. In dem Dschungel aus Fertig-Produkten, Fastfood und Diät-Produkten ist es ja auch schwer, den Überblick zu behalten. […]
Es kann aber schon helfen, zumindest die ungesündesten Produkte vom Speiseplan zu streichen.
Gut, statt der angekündigten acht folgen dann zwar neun “ungesunde Lebensmittel”, aber die Zahlen sind dann doch eher das kleinste Problem.
Fangen wir mal ganz oben in der Liste an, beim Mikrowellen-Popcorn. Die “Huffpo” behauptet:
In Mikrowellen-Popcorn sind Chemikalien zu finden, die mit Leber-, Hoden- und Bauchspeicheldrüsenkrebs in Verbindung gebracht werden. Die Perfluoroctansäure und der Stoff Diacetyl lösen Tumore und Lungenschäden aus.
Im Original ist der letzte Satz mit einem Link unterlegt, der allen Ernstes zum “Kopp”-Verlag führt.
“Kopp”-Verlag, das ist der mit den “Informationen, die Ihnen die Augen öffnen” — zum Beispiel über UFOs, Geheimdienste, den 11. September, Chemtrails, den Dritten Weltkrieg, Flug MH17, die Politik, die Medien, die Heilkraft der Kokosnuss und so weiter.
Und weil natürlich auch die Lebensmittelindustrie mit den CIA-UFO-Manipulations-Leuten unter einer Decke steckt, finden sich zwischen den Büchern über “Die Pyramiden und das Pentagon” (Untertitel: “Die streng geheimen Forschungen von Regierungen und Geheimdiensten zu mystischen Relikten, untergegangenen Zivilisationen und außerirdischen Besuchern”) und “Das Geheimnis der deutschen Atombombe” (“Gewannen Hitlers Wissenschaftler den nuklearen Wettlauf doch?”) immer wieder auch Texte zu den “Wahrheiten” über unser Essen.
Das ist der “Kopp”-Artikel, den die “Huffpo” als Quelle herangezogen hat. Es ist ein aus dem Englischen übersetzter Text von naturalnews.com, einer amerikanischen Seite, die sich auf Verschwörungstheorien aus der Medizin spezialisiert hat.
Solche Krebs-Lebensmittel-Listen kursieren schon seit Jahren. Das Mikrowellen-Popcorn ist meistens mit dabei. Im “Kopp”-Text heißt es dazu:
Die amerikanische Umweltbehörde EPA bezeichnet die Perfluoroctansäure (PFOA) im Mikrowellen-Popcorn als “wahrscheinlich” karzinogen, mehrere unabhängige Studien haben die Substanz mit der Entstehung von Tumoren in Zusammenhang gebracht. Auch das Diacetyl, das im Popcorn selbst verwendet wird, wird mit Lungenschäden und Krebs in Verbindung gebracht.
In Verbindung gebracht. “Wahrscheinlich” karzinogen. Was genau das bedeutet, verrät der Text nicht, weder bei “naturalnews” noch bei “Kopp” noch bei der “Huffpo”. Und wenn man sich mal die seriösen Quellen zu dem Thema anschaut, wird auch schnell klar, warum.
Allerdings: Die Erkrankten hatten allesamt in einer Popcorn-Fabrik gearbeitet, sie waren den Diacetyl-Dämpfen also über lange Zeit und in großen Mengen ausgesetzt. Darum wird die Krankheit auch “popcorn worker’s lung” genannt.
Für den normalen Verbraucher ist das Risiko dagegen viel geringer. 2007 wurde zwar ein Fall bekannt, in dem ein Mann erkrankte, der nicht mit dem Popcorn gearbeitet, sondern es bloß gegessen hatte — allerdings hatte er sich auch zehn Jahre lang jeden Tag mehrere Packungen in der Mikrowelle zubereitet und das Diacetyl darum ebenfalls über einen langen Zeitraum inhaliert.
Die andere Substanz, Perfluoroctansäure, gilt zwar ebenfalls als gefährlich, aber erstens kommt sie nicht im Popcorn selbst vor, sondern in der Verpackung, und zweitens ist ihr Einfluss auf die menschliche Gesundheit erst wenig erforscht. Wenn, dann sind aber, wie beim Diacetyl, am ehesten Industriearbeiter betroffen, die lange und intensiv mit der Subtanz zu tun haben. Das Bundesamt für Riskobewertung ist außerdem, obwohl es die Substanz durchaus kritisch sieht, 2008 zu dem Schluss gekommen, dass “Gesundheitliche Risiken durch PFOS und PFOA in Lebensmitteln […] nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand unwahrscheinlich” seien.
Wenn es also bei “naturalnews” oder im “Kopp Verlag” heißt, dass “mehrere unabhängige Studien […] die Substanz mit der Entstehung von Tumoren in Zusammenhang gebracht” haben, dann ist gemeint: in Tierversuchen.
Davon ab: In den vergangenen Jahren haben viele Unternehmen die Mengen von Diacetyl und Perfluoroctansäure reduziert oder verzichten inzwischen ganz darauf. Wenn man also nicht gerade in einer Mikrowellen-Popcorn-Fabrik arbeitet oder sich täglich mehrere Packungen davon reinpfeift, hält sich die Krebs-Gefahr doch stark in Grenzen.
Aber solche Fakten stören dann nur bei den Panikschürern aus der Verschwörungsecke. Und die “Huffpo” streut die Viertelwahrheiten weiter, weil sie sich, statt in vernünftigen Quellen zu recherchieren, blind auf die selbsternannten Augenöffner verlässt.
Auch beim Rest der Krebs-Lebensmittel-Liste hat sich die “Huffpo”-Autorin ganz offensichtlich von den hysterischen Geschichten der “Kopp” & Co.-Jünger einlullen lassen. Wir wollen jetzt nicht zu jedem Punkt aufschreiben, was davon stimmt und welche Details verschwiegen wurden (das wäre schließlich die Aufgabe der “Huffpo” gewesen), aber ein Blick auf die Quellen erklärt schon einiges.
Der Artikel enthält 14 Links. Zwei davon gehen zu eigenen “Huffpo”-Artikeln, einer zu “Focus Online”. Alle anderen führen den Leser schnurstracks in die zwielichtige Welt der AIDS-Leugner und Chemtrail-Gläubigen.
Verlinkt ist neben dem “Kopp”-Verlag etwa das “Zentrum der Gesundheit”. Das Portal bietet laut Eigenbeschreibung “unzensierte Informationen aus den Bereichen Gesundheit, Ernährung und Naturheilkunde” — also Videos wie “Der HIV-AIDS-Schwindel” oder “Chemotherapie heilt Krebs und die Erde ist eine Scheibe” oder auch “CIA Kontrolliert Deutsche Medien”.
Eine weitere Quelle sind die “Deutschen Wirtschafts Nachrichten”, eine nicht weniger dubiose Seite, die eigentlich eher für panische Untergangsszenarien aus der Wirtschaft zuständig ist und ungefähr den gleichen Schlag von Menschen anzieht wie “Kopp” & Co.
Und schließlich beruft sich die Autorin noch auf eine Seite namens “fatkiller.guru”, auf der es um die magischen Heilkräfte der Natur geht. Da heißt es:
Warum haben wir diese natürlich heilende Magie vergessen?
Dank korrupter Politiker und die Macht der Pharmaindustrie.
Es ist nicht so, dass wir diese Wundermittel vergessen haben. “Die” wollen uns nur glauben lassen, dass sie einige schwerwiegende Risiken einschließen.
Tja. Und auf solchen Quellen basiert der ganze Artikel. Aber die “Huffpo”-Macher scheint das nicht zu stören. Der Text ist seit fünf Tagen online, die Nähe zur “Kopp”-Ecke wurde in den Kommentaren schon mehrfach kritisiert, aber passiert ist bislang: nichts.
Mit Dank an Moritz N.
Nachtrag, 29. Oktober: Inzwischen hat die “Huffington Post” den Artikel doch noch überarbeitet und am Ende einen Hinweis eingefügt:
Nachtrag: Drei der genannten Punkte basierten auf fragwürdigen Quellen. Wir haben sie daher entfernt. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen. Alle anderen Punkte haben wir ebenfalls noch einmal überprüft und weitere Quellen hinzugefügt.
Bei Bild.de gibt’s eine neue Funktion. Die Leser können jetzt, wie bei Buzzfeed, unter ausgewählten Artikeln eine Reaktion anklicken. “Mood Tagging” nenne man das, wie Bild.de-Chef Julian Reichelt erklärt, und so sieht das Ganze aus:
Das abgebildete Voting stammt übrigens aus diesem Artikel:
1. “Manchmal muss man in Rollen schlüpfen” (planet-interview.de, Laura Bähr und Jakob Buhre)
Ein Interview mit Peter Frey, Chefredakteur des ZDF: “Man darf sich nichts vormachen: Die Nähe zu den Mächtigen, dass man im Fernsehen mit Ihnen gesehen wird, wirkt sich auf das eigene Wichtigkeitsgen aus. Damit kühl umzugehen und davon irgendwann auch Abschied zu nehmen, ist notwendig, aber auch gar nicht so einfach.”
2. “Berlin ist ein klassischer ‘failed state'” (welt.de, Christopher Lauer) Christopher Lauer schreibt über den Zustand von Berlin: “Die wurstige politische Klasse Berlins kommt damit nur durch, weil sie die Öffentlichkeit, insbesondere die Medienöffentlichkeit, gewähren lässt. Was vielleicht damit zusammenhängen könnte, dass Lokaljournalisten in Berlin gerne auch mal von Senatsverwaltungen oder Fraktionen des Abgeordnetenhauses als Moderatoren von Podien gebucht werden. Ein Schelm, wer sich denkt, das könnte sich in irgendeiner Form auf die Berichterstattung auswirken.”
3. “‘Ein Akt der Liebe'” (taz.de, Jocelyn Gecker und Thanyarat Doksone)
Vergewaltigungen in Thai-TV-Soaps: “Mann trifft Frau, Mann vergewaltigt Frau, Mann heiratet Frau – das ist ein typischer Handlungsstrang in Thailands Seifenopern zur Hauptsendezeit am Abend. Aber die Rufe nach einer Änderung werden lauter.”
4. “Der gewandelte Intellektuelle” (persoenlich.com, Matthias Ackeret)
Ein Interview mit Markus Somm, Chefredakteur der “Basler Zeitung”: “Ich habe in den letzten Jahren viele gute linke Journalisten verloren, weil sie den Gruppendruck innerhalb unseres journalistischen Milieus, das mehrheitlich links von der Mitte steht, nicht mehr ertragen haben. Der Druck wird meistens subtil ausgeübt: Wie kannst du bloss für einen solchen Chefredaktor arbeiten, der solche Ansichten vertritt? Dass sie selbst jederzeit schreiben durften, woran sie glaubten: Es half ihnen in solchen Gesprächen nichts.”
5. “Advisory on Ebola coverage” (blog.ap.org, englisch)
Die Nachrichtenagentur AP rät zur Vorsicht bezüglich der Berichterstattung zu Ebola-Verdachtsfällen in Europa und den USA: “Most of these suspected cases turn out to be negative. Our bureaus monitor them, but we have not been moving stories or imagery simply because a doctor suspects Ebola and routine precautions are taken while the patient is tested. To report such a case, we look for a solid source saying Ebola is suspected and some sense the case has caused serious disruption or reaction.”
1. “Panik, Schlagzeilen und Leichenbeschau” (cicero.de, Petra Sorge)
Die Berichterstattung über Ebola, zum Beispiel von “Bild”: “Die Boulevardzeitung schickte eigene Reporter in die Seuchenregion und titelte am 4. Oktober: ‘Bild in der Ebola-Hölle’. Nicht die Toten, nicht die Arbeit der vielen Ehrenamtlichen und Gesundheitshelfer vor Ort waren die Nachricht, sondern die Tatsache, dass Bild vor Ort war.”
2. “Unter dem Deckmantel des Journalismus” (alexandervonbeyme.net)
Alexander von Beyme beschäftigt sich mit dem Text “Unter dem Deckmantel der Vielfalt” (faz.net, Antje Schmelcher): “Der Artikel lässt nicht nur wesentliches weg, sondern reißt Zitate manipulativ aus dem Zusammenhang und enthält böswillige Verkürzungen.”
3. “Happy Blog” (freitag.de, John Naughton)
John Naughton schreibt über Blogger Dave Winer: “In den zwei Jahrzehnten, seit Dave Winer das Genre mehr oder weniger erfunden hat, hat das Bloggen den üblichen Internet-Hype-Kreislauf durchgemacht: Atemlose Lobpreisungen als das nächste große Ding, rasant schnelle Verbreitung, dann das Einsetzen von Langeweile und der Beginn der Suche nach dem nächsten großen Ding.” Siehe dazu auch “20 years of blogging” (scripting.com, englisch).
4. “Internet ohne Pressefreiheit” (faz.net, Jürg Altwegg)
Jürg Altwegg stellt Gesetzvorlagen in Frankreich vor: “In der vorbereitenden Kommission wurde noch ein zusätzlicher Paragraph in den Gesetzesentwurf genommen: Die Pressefreiheit gilt hier demnach in vollem Umfang nur für die ‘traditionelle Presse’, nicht aber für ausschließlich im Internet präsente Info-Portale (wie etwa Rue.89, Slate, Médiapart oder auch die Huff-Po). Wenn Letztere auf Terror-Seiten verlinken oder diese zitieren, können sie bestraft werden; und Journalisten dieser Portale, die für ihre Recherchen diese Seiten besuchen, können gegen Strafandrohungen nicht die Pressefreiheit geltend machen, so wie das ihren Kollegen in den Printmedien möglich ist. Bis zu sieben Jahren Gefängnis und 100 000 Euro Strafgeld sollen verhängt werden können.”
5. “7 Regeln, damit ein Liveblog gelingt” (journalist.de, Hannah Beitzer)
Sieben Tipps von Hannah Beitzer zum Livebloggen – eine Aufgabe, die “dem Job eines Fernseh- oder Radiokommentators” ähnelt.