1. Erster! (sueddeutschte.de, David Denk)
Wie lief das jetzt eigentlich genau mit der Gabriel-Geschichte? Wessen Scoop war das? Und wer hat wann zuerst berichtet? David Denk rekonstruiert: Eigentlich habe es eine Sperrfrist (Dienstagabend) gegeben, damit Sigmar Gabriel vorher die SPD-Gremien unterrichten könne. Dann aber platzte der Branchendienst “Meedia” dazwischen, der wohl aus “Grossistenkreisen” von der “Stern”-Story erfahren hatte. Und dann war die Geschichte in der Welt. Bei faz.net erzählt “Stern”-Chefredakteur Christian Krug im Interview, wie es zum Gabriel-Interview kam.
2. Live bei Cobra-Einsatz: “Krone”-Lecks mit Tradition (derstandard.at)
Vergangenen Freitag in Wien: Um 18:03 Uhr wird ein möglicher Attentäter festgenommen. Um 18:09 Uhr twittert die Redaktion der “Kronen Zeitung” über die Festnahme des möglichen Attentäters. “Da stellen sich Fragen wie: Wenn die Bedrohung tatsächlich so dramatisch war, wie sie insbesondere die ‘Krone’ beschrieb — könnte eine so frühe Veröffentlichung nicht etwa mögliche Mittäter zum Losschlagen motivieren?” derStandard.at über die “lange Geschichte von “Festnahmen mit ‘Krone’-Begleitung”.
3. Harald Martenstein macht “Lügenpresse”-Vorwürfe salonfähig (uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
In seiner (inzwischen vergangenen) Kolumne im “Zeit Magazin” schreibt Harald Martenstein “über Einwanderung und Abschiebungen” und einen Hindu aus Afghanistan, von dessen Fall er im “ZDF” erfahren habe. Weil Martenstein “ARD” und “ZDF” misstraut (“Tagesschau”, “heute” und “Tagesthemen” erinnerten ihn “wegen ihrer Regierungsnähe zunehmend ans DDR-Fernsehen”), recherchiert er den Fall selber nach. Und es zeigt sich: Es ist alles so gewesen, wie das “heute journal” berichtet hat. Stefan Niggemeier kann das nicht so richtig fassen: “Das ist also der Anlass für Martenstein, ausführlich im ‘Zeit Magazin’ darzulegen, dass er ARD und ZDF für DDR-fernsehhaft hält und erstmal davon ausgeht, dass sie die Unwahrheit sagen: Dass er erleben musste, dass ein ZDF-Bericht einer Überprüfung standhält.” Im zweiten Teil der Martenstein-Kolumne geht es um die deutsche Flüchtlingspolitik. Und auch da wird’s nicht besser.
4. Kein Anfangsverdacht gegen Anne Will (faz.net, Michael Hanfeld)
Nachdem im November vergangenen Jahres im “Ersten” die Konvertitin Nora Illi zu sehen und zu hören war, gingen bei der Staatsanwaltschaft Hamburg sieben Strafanzeigen gegen “ARD”-Moderatorin Anne Will sowie gegen Verantwortliche der “ARD” ein. Illi hatte sich unter anderem relativierend zu den Verbrechen der Terrormiliz “IS” geäußert. Vier ihrer Ermittlungen habe die Staatsanwaltschaft nun beendet, schreibt Michael Hanfeld, es fehle ein begründeter Anfangsverdacht: “Für die Moderatorin sieht es gut aus.”
5. Wie es eine antisemitische Karikatur in deutsche Schulbücher geschafft hat (vice.com, Philipp Frohn)
Ein Schulbuch des “Klett”-Verlags zeigt in einer Illustration ein riesiges gelbes Wesen, das gerade dabei ist, Europa zu verschlingen. Im Hintergrund kann man den Schriftzug “ROTHSCHILDBANK” lesen. Philipp Frohn schreibt dazu: “Eine solche Zeichnung hätte in einem deutschen Schulbuch des 21. Jahrhundert niemals auftauchen dürfen. Denn die Vorstellung, dass die jüdische Bankiersfamilie der Rothschilds im Verborgenen die Geschicke der Welt (zum Nachtteil der Mehrheit) beeinflusst, ist eine klassische antisemitische Verschwörungstheorie, die sich schon die Nazis zunutze gemacht haben.”
6. UFO-Sichtungen in Nachrichtensendern (ndr.de, Caroline Ebner, Video, 4:15 Minuten)
Schon mal nachts aus Versehen bei “N24” reingeraten? Zwei Möglichkeiten gibt es dann: Entweder läuft irgendwas über Hitler. Oder irgendwas über UFOs (manchmal auch irgendwas über UFOs im Dritten Reich). Seit Herbst vergangenen Jahres gibt es zusätzlich den Spartenkanal “N24 Doku”, wo man noch mehr UFO-Filme mit Suggestivfragen und starken Verschwörungstendenzen (“Soll hier etwas vertuscht werden?”) findet. Caroline Ebner hat bei “N24” nachgefragt — dort sehe man “die Glaubwürdigkeit als Nachrichtensender” nicht in Gefahr.
Neulich gab es in der Sportredaktion der “dpa” eine kleine Diskussion. Irgendeiner der Kollegen wollte gehört haben, dass es im Fußball nur noch ums Geld geht. Hatte der ehemalige Bundesliga-Torhüter Frank Rost so erzählt. In der Redaktion hatten sie dieses Gefühl ja schon länger. Aber hatte das nicht irgendjemand so ähnlich schon mal ausgesprochen? Man war sich nicht ganz sicher. Vorsichtshalber schrieb man eine Meldung:
Frank Rost hätte natürlich auch sagen können: “Das Wetter ist auch nicht mehr das, was es mal war.” Oder: “Die da oben — immer auf den kleinen Mann.” Es hätte ungefähr den gleichen Informationsgehalt gehabt, aber in den Politik-Teil kommt man leider nicht ganz so leicht. Da braucht man schon ein Mandat, eine Funktion oder die allseitige Vermutung, dass man auf einem bestimmten Gebiet über sehr viel Fachwissen verfügt, in anderen Worten: einen akademischen Titel.
Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Daniel Wichmann “Hier ist alles Banane — Erich Honeckers geheime Tagebücher 1994 – 2015”. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)
In anderen Metiers ist es dann wieder so leicht. Da genügt es schon, irgendwann einmal in einem Spielfilm durchs Bild gelaufen zu sein, schon wird man mit den banalsten Trivialitäten auf der Panorama-Seite zitiert.
Würde Matthias Schweighöfer morgens am Frühstückstisch eine Prise Salz über sein Ei geben, dazu den Gedanken äußern, dass er Eier genau so am liebsten mag, und zufällig stünde draußen unter dem Fenstersims ein Reporter, ginge vielleicht noch am selben Tag eine Meldung für das Ressort Vermischtes raus, die ungefähr so aussehen würde:
Matthias Schweighöfer (35), isst sein Frühstücksei am liebsten mit Salz. “Früher mochte ich überhaupt keine Eier”, sagte der Schauspieler (“Vaterfreuden”) der “Gala”. Aber dann sei er irgendwann auf den Geschmack gekommen. Heute könne er sich ein Leben ohne Frühstücksei nicht mehr vorstellen.
Dem Schauspieler Daniel Brühl ist neulich etwas Ähnliches passiert. Im Dezember wird er Vater. Da hat er “Gala” gesteckt, dass er in Zukunft etwas weniger arbeiten will, um mehr Zeit fürs Kind zu haben. Und dann ist ihm noch rausgerutscht, dass er in Berlin eine zweite Bar eröffnen will.
Man kann sich ungefähr vorstellen, wie die Geschichte weiterging: Seine Frau schlug morgens die Zeitung auf, wusste überhaupt nichts von der Idee mit der Bar. In den beiden Nächten darauf schlief Brühl auf dem Sofa, und jetzt will er erst mal überhaupt nicht mehr mit der Presse reden.
Dabei hätte er natürlich auch einfach irgendwas anderes sagen können. Es ist ja im Grunde egal, was. Für eine Meldung reicht es immer:
Der Schauspieler Daniel Brühl möchte seinen Gartentisch gelb streichen.
Der Schauspieler Daniel Brühl kratzt sich manchmal am Rücken, während er über die Straße geht.
Der Schauspieler Daniel Brühl trinkt Rotwein nicht gerne aus Plastik-Bechern.
Der Schauspieler Daniel Brühl schläft am liebsten mit den Füßen am Kopfende.
Der Schauspieler Daniel Brühl mag gutes Wetter.
Der Schauspieler Daniel Brühl ist nicht gerne krank.
Und hätte Daniel Brühl im Interview mit “Gala” einfach nur gefragt, wie spät es ist, wäre die Meldung eben gewesen:
Daniel Brühl trägt keine Armband-Uhr.
Mit zunehmender Prominenz wird ausnahmslos alles interessant, was Menschen machen, sagen, glauben und meinen:
Daniel Brühl trägt Hausschuhe, wenn er abends nicht mehr vor die Tür muss.
Der Basketballer Chandler Parsons hat neulich einfach nur gesagt, dass er Hamburg mag, die Heimatstadt seiner Freundin, dem Model Toni Garrn. Auch das ging natürlich raus über die Ticker:
Vielleicht werden wir von Parsons demnächst noch weitere Meldungen lesen:
Der Basketballer Chandler Parsons reist aus den USA am liebsten mit dem Flugzeug nach Europa.
Der Basketballer Chandler Parsons spricht mit der Familie seiner Freundin auch über Privates.
Der Basketballer Chandler Parsons findet seine Freundin sehr sympathisch.
Wenn man nicht genug davon kriegen kann, Meldungen über seine eigenen Vorlieben auf Newsportalen zu lesen, ist so was natürlich eine tolle Sache. Andernfalls kann es auch lästig werden.
Der Schauspieler Miroslav Nemec zum Beispiel sieht seine Prominenz mittlerweile kritisch. Halb Deutschland kennt ihn aus dem Münchner “Tatort” als den Kommissar Ivo Batic. Dummerweise kennen ihn in München noch mehr Menschen als nur die Hälfte, und da wohnt er, was nicht immer ganz unproblematisch ist, denn manchmal muss er auch zum Einkaufen aus dem Haus, wenn er schlechte Laune hat. Dann besteht die Gefahr, dass irgendwann in den Klatschspalten steht:
Miroslav Nemec verprügelt im Supermarkt gerne Passanten.
Das ist ein Nachteil, aber was will man machen, wenn man seinen Beruf sonntagabends im Fernsehen ausübt? Man kann sich zurückziehen, wenn man nicht im Dienst ist, und vielleicht dann schlecht gelaunt einkaufen gehen, wenn an der Kasse nicht so viel los ist. Miroslav Nemec hat sich für einen anderen Weg entschieden, und der — das wäre unsere vorsichtige Prognose — wird das Problem nicht verbessern: Nemec hat einen Krimi geschrieben. Nicht unter Pseudonym, sondern unter seinem echten Namen. Nicht mal für den Ermittler hat er sich eine neue Figur ausgedacht. Auch das ist er selbst:
Und falls irgendwer bei “Gala” zu morgen noch unbedingt eine Meldung braucht, warum dann nicht einfach diese hier?
Der Schauspieler Miroslav Nemec macht gerne alles noch schlimmer, als es eh schon ist.
Rund um den RB Leipzig gibt es schon lange heiße Diskussionen, nicht erst seit der Verein im Sommer in die Fußballbundesliga aufgestiegen ist. Da ist beispielsweise das massive finanzielle Engagement des Brauseherstellers “Red Bull”, das für Debatten sorgt. Oder das Hin- und Hergeschiebe von Spielern mit dem Schwesterverein FC Red Bull Salzburg. Es gibt auf jeden Fall einige Gründe, warum Fans anderer Klubs RB Leipzig ziemlich blöd finden.
Am vergangenen Wochenende kam für manche Anhänger von Borussia Dortmund, die zum Auswärtsspiel nach Leipzig gefahren waren, ein weiterer hinzu: Sie durften nicht in ihren BVB-Trikots und -Shirts ins Stadion, jedenfalls nicht in den Sektor D. Stattdessen mussten sie ihre schwarz-gelben Fanklamotten vor der Arena bei einer Sammelstelle abgeben. Manche von ihnen kauften sich notgedrungen RB-Leipzig-T-Shirts am Merchandisestand und zogen sie verkehrt rum an, manche setzten sich mit freiem Oberkörper auf die Tribüne. Nach dem Spiel konnten sie sich ihre BVB-Kleidung wieder abholen. Einige Hundert Dortmund-Fans sollen betroffen gewesen sein.
Der Welt.de-Artikel erklärt auch den Grund für die temporäre Kleidersammlung durch RB Leipzig:
Die Begründung für die ungewöhnliche Maßnahme liefert Paragraf vier, Absatz drei der Stadionordnung. Dort heißt es: “Die Sektoren B und D sind bei den Fußballspielen von RasenBallsport Leipzig GmbH ein ausschließlicher Heimfanbereich. Es ist verboten, sich als Fan der Gastmannschaft in diesem Bereich aufzuhalten bzw. zu verweilen. Der Kontroll- und Sicherheitsdienst ist angewiesen und berechtigt, Zuschauer, die als Fan der Gastmannschaft zu erkennen sind oder durch ihr Verhalten auffallen, auch wenn sie ein gültiges Ticket für diesen Bereich besitzen, aus diesem zu entfernen, wobei ihnen — soweit dies im Einzelfall möglich ist — ein anderer geeigneter Platz zugewiesen wird.”
Also der nächste Leipziger Klops, mit dem sich der Verein selbst zum Sonderling macht? “Das ausdrückliche Verbot von Fanutensilien der Gastmannschaft” gebe es bei Klubs wie Hertha BSC Berlin, dem FC Bayern München oder dem FC Schalke 04 jedenfalls nicht, schreibt der Welt.de-Autor.
Stimmt, dort nicht. Aber beim HSV zum Beispiel. Dort steht in der Stadionordnung (PDF):
Die Nordtribüne (Blöcke 22 – 28) ist der Heimbereich im Volksparkstadion. Es ist verboten, dort Farben der Gastmannschaft zu tragen oder sich verbal zu äußern oder provozierend zu verhalten in einer Weise, die zu Auseinandersetzungen mit den die Heimmannschaft unterstützenden Zuschauern führen kann. Der Ordnungsdienst ist angewiesen und berechtigt, Zuschauer, die gegen die vorgenannten Verbote verstoßen, aus diesem Bereich zu entfernen, wobei ihnen — soweit dies im Einzelfall möglich ist — ein anderer geeigneter Platz im Volksparkstadion zugewiesen werden soll.
Der Zugang zu den Blöcken P, Q, R und S, sowie der Supportbereich L, M, N, und O ist den Gästefans nicht gestattet. Der Ordnungsdienst ist angewiesen und berechtigt, in diesem Bereich befindliche Personen, die entweder eindeutig durch Fankleidung, oder aber erst nach auffälligem Verhalten als Gästefan zu erkennen sind, entweder aus dem Stadion, oder falls noch ausreichend Platz vorhanden ist, in den Gästebereich zu bringen.
In der Stadionordnung der TSG Hoffenheim (PDF) heißt es:
Untersagt ist Personen im Geltungsbereich dieser Stadionordnung weiterhin:
– sich als Gast-Fan im Heimfanbereich der WIRSOL Rhein-Neckar-Arena aufzuhalten bzw. zu verweilen; Der Heimfanbereich umfasst hierbei die Südkurve (Blöcke O – V). Der Ordnungsdienst ist angewiesen und berechtigt, Zuschauer, die als Gast-Fan zu erkennen sind oder durch ihr Verhalten als solcher auffallen, aus diesem Bereich zu entfernen, auch wenn sie eine gültige Eintrittskarte für diesen Bereich haben, wobei ihnen – soweit dies im Einzelfall möglich ist – ein anderer geeigneter Platz im Stadion zugewiesen werden kann. Ist das Stadion ausverkauft, wird der betroffene Gast-Fan aus dem Stadion verwiesen oder der Zutritt zum Stadion verweigert.
Die Stadionordnung von Borussia Mönchengladbach (PDF) hat folgenden Passus:
Die Nordkurve (Blöcke 13-20 im Unterrang und 13A-19A im Oberrang) ist der Heimfanbereich im BORUSSIA-PARK. Es ist verboten, sich als Gastfan in diesem Bereich aufzuhalten bzw. zu verweilen. Der Ordnungsdienst ist angewiesen und berechtigt, Zuschauer, die als Gastfan zu erkennen sind, oder durch ihr Verhalten auffallen, auch wenn sie eine gültige Eintrittskarte für diesen Bereich haben, aus diesem Bereich zu entfernen, wobei ihnen — soweit dies im Einzelfall möglich ist — ein anderer geeigneter Platz im Stadion zugewiesen werden kann. Ist das Stadion ausverkauft, wird der betroffene Gastfan aus dem Stadion verwiesen oder der Zutritt zum Stadion verweigert.
Bei Bayer 04 Leverkusen findet man in der Stadionordnung (PDF) diesen Absatz:
Die Nordkurve (Bereiche C, D und E) ist der Heimfanbereich der BayArena. Es ist verboten, sich als Gastfan in diesem Bereich aufzuhalten bzw. zu verweilen. Der Kontroll- und Sicherheitsdienst (nachfolgend KSD genannt) ist angewiesen und berechtigt, Zuschauer, die als Gastfan zu erkennen sind oder durch ihr Verhalten auffallen, auch wenn sie ein gültiges Ticket für diesen Bereich besitzen, aus diesem zu entfernen, wobei ihnen -soweit dies im Einzelfall möglich ist- ein anderer geeigneter Platz in der BayArena zugewiesen werden kann. Kann kein anderer geeigneter Platz angeboten werden, wird der betreffende Gastfan aus dem Stadion verwiesen oder der Zutritt zum Stadion verweigert.
Die Nordkurve (Blöcke 01-13 im Unterrang und 02-14 im Oberrang) ist der VfL-Fanbereich der Volkswagen Arena. Darüber hinaus zählen die Blöcke F (Reihen 6-8 Plätze 12ff., Reihen 9-11 Plätze 11ff.), 16, 62 und 64 zum VfL-Fanbereich. Es ist verboten, sich als Gastfan im VfL-Fanbereich aufzuhalten bzw. zu verweilen. Der SOD ist angewiesen und berechtigt, Zuschauer, die als Gastfan zu erkennen sind oder durch ihr Verhalten auffallen, auch wenn sie eine gültige Eintrittskarte für diesen Bereich besitzen, aus diesem zu entfernen. Ist die Volkswagen Arena ausverkauft, wird der betreffende Zuschauer aus dem Stadion verwiesen oder der Zutritt zum Stadion verweigert. Im VfL-Fanbereich ist das Präsentieren von Fanartikeln oder -utensilien des Gastvereins untersagt.
Das gilt in Wolfsburg übrigens auch umgekehrt für den “Gästefanbereich”:
Der Süd-Westbereich der Volkswagen Arena (Unterrang Blöcke 29, 33 und 35) markiert grundsätzlich den Gästefanbereich. Jedoch ist eine variable Erweiterung des Gästefanbereichs im Oberrang (Blöcke 30-36) je nach Bedarf des Gastvereins möglich. Es ist verboten, sich als Heimfan im Gästefanbereich aufzuhalten bzw. zu verweilen. Der SOD ist angewiesen und berechtigt, Zuschauer, die als Heimfan zu erkennen sind oder durch ihr Verhalten auffallen, auch wenn sie eine gültige Eintrittskarte für diesen Bereich besitzen, aus diesem zu entfernen. Ist die Arena ausverkauft, wird der betreffende Zuschauer aus dem Stadion verwiesen oder der Zutritt zum Stadion verweigert. Im Gästefanbereich ist das Präsentieren von Fanartikeln oder -utensilien des Heimvereins untersagt.
Und selbst in der Stadionordnung von Borussia Dortmund — dem Verein also, dessen Anhänger am vergangenen Samstag unter der “Heimfanbereich”-Regelung zu leiden hatten — findet man eine ähnliche Vorgabe wie in Leipzig:
Im gesamten Südtribünen-Bereich (S/W, Süd, S/O) des Stadions ist ein Zutritt in gegnerischer Fankleidung und in ausschließlich vom Gastverein genutzten Bereichen (Nord, N/O) ist ein Zutritt in BVB-Fankleidung untersagt.
Das Verbot von Fankleidung im sogenannten “Heimfanbereich” ist also wahrlich keine Leipziger Erfindung. Der Welt.de-Artikel nennt auch selbst das Beispiel aus Dortmund als weitere Einschränkung in einem Bundesligastadion. Und dennoch handele es sich bei RB um “einen einmaligen Paragrafen”, eine “ligaweit einmalige” Konstellation. Denn bei RB Leipzig ist nicht nur ein Bereich im Stadion ausschließlich für Heimfans vorgesehen, sondern gleich zwei.
Aber nicht mal mit dieser Spezifikation stimmt die Aussage des Artikels. Beim 1. FC Köln sind in der Stadionordnung (PDF) ebenfalls zwei Bereiche im Stadion als “Heimbereiche” deklariert:
Untersagt ist den Besuchern weiterhin:
ein provozierendes Verhalten zu zeigen, das geeignet sein kann, eine Auseinandersetzung mit den übrigen Zuschauern herbeizuführen; von einem solchen provozierenden Verhalten kann der Ordnungs- und Sicherheitsdienst ausgehen, wenn von den Besuchern im Heimbereich des Stadions (Südtribüne, Blöcke S1 bis S16, und Nordtribüne, N11 bis N14) Fanartikel des Gastmannschaft oder im Auswärtsbereich des Stadions (Nordtribüne, N6, N15, N16) Fanartikel der Heimmannschaft getragen oder gezeigt werden.
1. Was ein Reporter erlebt, der das Gespräch mit den „Lügenpresse“-Kritikern sucht (Christian Fuchs, blog.zeit.de)
Im Blog der “Zeit” schreibt Christian Fuchs von den vergeblichen Bemühungen, mit den Machern des Magazins “Compact” ins Gespräch zu kommen. Dahinter stand der Wunsch, ein Porträt über den überraschenden und seltenen Auflagenerfolg des neuen politischen Magazins anzufertigen. Doch die Sache gestaltet sich schwieriger als erwartet. Zwar habe man mit über 60 Personen aus dem Umfeld der Zeitschrift, mit Weggefährten des Chefredakteurs und mit Experten im In- und Ausland gesprochen, die Magazinmacher hätten sich jedoch bis zum Schluss beharrlich verweigert.
2. Zeitung wird zum Buchstabenkino (faz.net, Adrian Lobe)
Spleen oder kluges Investment? Immer mehr Milliardäre legen sich renommierte Zeitungen zu. Nun hat der Biotech-Unternehmer Patrick Soon-Shiong die bekannten, amerikanischen Blätter „Los Angeles Times“ und „Chicago Tribune“ gekauft. Soon-Shion wolle “experimentieren” und die Blätter zu einem “Technologie-Hub” voller künstlicher Intelligenz umbauen, berichtet Adrian Lobe in der “FAZ”. Es stelle sich die Frage, ob der Unternehmer den Journalismus wirklich revolutionieren oder Zeitungen nur als Experimentierfeld für seine Biotech-Unternehmungen nutzen wolle.
3. Silent News (heise.de, Hans-Jürgen Krug)
Angeblich sollen 80 Prozent aller Facebook-Nutzer Videos im Silent-Modus, also mit abgeschaltetem Ton, nutzen. Die Medien haben darauf reagiert und statten ihre Nachrichtenclips mit Untertiteln aus. Doch um geklickt zu werden, bedarf es mehr. Und deshalb würden in den Filmschnipseln, wie beim Beispiel “heute plus”, zunehmend große grelle Textbanner mit Fragen eingeblendet. “”Facebook first” verändert nicht nur die – zeitliche – Platzierung von Neuigkeiten. Es prägt auch zutiefst ihre Machart. Silent Audioplay macht Nachrichten zu Worthäppchen. Gelbe Kästchen erzählen eigene Geschichten.”
4. „Planwirtschaftliches Fernsehen“ (taz.de, Klaus Raab)
Die “taz” hat mit dem Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister über die Gegenwart der deutschen Talkshow gesprochen. Hachmeister auf die Frage, warum es derart viele Talkshows gäbe: “Weil es planwirtschaftliches Fernsehen ist. Man kann ungefähr die Quote absehen. Es ist im Vergleich zu anstrengenden Recherchen billig. Und es schafft eine strukturelle Regelmäßigkeit, die den Programmmanagern gefällt. Risikovermeidung ist das Lebenselexier technokratischer Programmplanung.”
5. Absurder Streit um Syrien-Berichterstattung (Petra Sorge, cicero.de)
Vor einigen Tagen hat der Presserat eine sogenannte Missbilligung gegen die Syrien-Berichterstattung von “bild.de” ausgesprochen. “Bild Online”-Chef Julian Reichelt veröffentlichte daraufhin einen offenen Brief und bezeichnete den Presserat als „Handlanger des Kreml“. Petra Sorge vom “Cicero” erklärt, warum für sie bei dem Konflikt beide Seiten kein gutes Bild abgeben würden.
6. Gauland (facebook.com, Maxim Biller)
“Nachdem der stellvertretende Vorsitzende der AfD, Alexander Gauland, in einem „Kicker“-Interview über Omri Bunsenstein, den Mittelfeldregisseur von Makkabi Wedding, gesagt hatte, die Leute fänden ihn zwar als Fußballspieler gut, wollten ihn aber nicht als Nachbarn haben, erklärte der Trainer von Makkabi Wedding, niemand fände Bunsenstein als Fußballspieler gut, schon gar nicht er selbst, aber er müsse ihn trotzdem immer aufstellen, weil ohne die Spenden von Bunsensteins Vater Makkabi Wedding längst pleite wäre.”
1. Flüchtlingsforschung gegen Mythen 3 (fluechtlingsforschung.net)
Das “Netzwerk Flüchtlingsforschung” ist ein multidisziplinäres Netzwerk von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die zu Zwangsmigration, Flucht und Asyl forschen. Die Feststellung der ForscherInnen: Immer wieder würden Politikerinnen und Politiker sowie Personen des öffentlichen Lebens fragwürdige Behauptungen in den Raum stellen, die durch Medien aufgegriffen und teils zu Stammtischparolen würden. Dabei würden häufig Stereotypen über Asylsuchende gefördert, die als Fakten dargestellt werden, doch im besten Fall nicht viel mehr als Annahmen seien. Im Blog greifen die WissenschaftlerInnen typische Behauptungen auf und klopfen sie auf ihren Wahrheitsgehalt ab.
2. Was Werbung im Radio darf: das Wichtigste zum Sponsoring (blmplus.de, Gerhard Kriner)
Im Blog der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien beschäftigt man sich mit dem Thema Sponsoring im Radio. Die Hörer würden Sponsoring als Werbung verstehen und viele Radiosender würden es ihren Werbekunden als ebensolche anbieten. Doch in den Werbe- und Sponsoringbestimmungen des Rundfunkstaatsvertrags sei festgehalten, dass Sponsoring eben keine Werbung sei und nicht “werblich” daherkommen dürfe. Diese Konstellation sorge natürlich für Probleme in der Werbeaufsicht. Der Artikel beschreibt, was erlaubt und was verboten ist.
3. “Journalismus der Zukunft” – der fünfte Pfeiler der Qualität: Recherchiere immer! (kress.de, Paul-Josef Raue)
Paul-Josef Raue ist zusammen mit Wolf Schneider der Autor des “Handbuch des Journalismus”, das vielen als das Standardwerk der schreibenden Zunft gilt. Auf “kress.de” erscheint eine bislang sechzehnteilige Artikelserie über den Journalismus der Zukunft und journalistisches Handwerk. Im aktuellen Beitrag geht es um den “fünften Pfeiler der Qualität”, die Recherche. Freundliche Skepsis sei für den Journalisten wichtig, aber: “Die Skepsis sollte ihn aber nicht verschlingen, er sollte ihr folgen mit einem fröhlichen Pfeifen – auch in dem Wissen, dass seine Leser nicht nur von Problemen umgeben sein wollen.”
4. Konkurrenz für Griechenlands mächtige Medienbarone (de.ejo-online.eu, Bryn Retherford)
In Griechenland sind die Medien nach Meinung der Wissenschaftlerin und Journalistin Bryn Retherford derart eng mit Wirtschaftsinteressen verflochten, dass objektive Berichterstattung auf der Strecke bleibe. Das Medienprojekt “AthensLive”, an dem Retherford als Redaktionsmanagerin beteiligt ist, will eine Alternative zu den griechischen Mainstream-Medien bieten. Die Plattform sei eine Kooperation zwischen griechischen und internationalen Journalisten. Durch Crowdfunding finanziert wolle man englischsprachige Berichterstattung, Analyse und Kommentare aus Athen und ganz Griechenland liefern..
5. Wie weit nach rechts rückt Europa? (blog.zeit.de, Philip Faigle)
“Zeit”-Blogger Philip Faigle greift den Artikel der “New York Times” zum Thema Rechtsschwung in Europa (How Far Is Europe Swinging to the Right?) auf, der als gutes Beispiel für Datenjournalismus gelten kann. Für alle, die keine Zeit für den langen englischsprachigen Artikel haben, destilliert Faigle wesentliche Aussagen des Artikels heraus.
Es wäre zu kurz gegriffen, zu behaupten, “Compact” betreibe ausschließlich Hofberichterstattung für die AfD. Diese ist zwar ein wichtiges Standbein des Magazins. Das zeigte sich auch am Wahlabend in Sachsen-Anhalt, als der AfD-Spitzenkandidat André Poggenburg, bevor er sich anderen Journalisten stellte, zuerst mit “Compact”-Chefredakteur Jürgen Elsässer sprach, der ihn im eigenen Studio freundlich duzte und unterwürfigst Vorlagen lieferte. Aber “Compact” berichtet auch über andere Themen.
“Lesen, was andere nicht schreiben dürfen”, lautet eine der vielen Parolen, mit denen das Magazin für sich wirbt. Wie rebellisch. Und tatsächlich finden sich in “Compact” Geschichten, die man in der seriösen “Mainstreampresse” eher nicht finden wird. Allerdings nicht, weil das verboten wäre, wie “Compact” verschwörerisch mitklingen lässt. Vielmehr serviert “Compact” seinem Publikum Geschichten, für die andere sich in Grund und Boden schämen müssten.
Zum Beispiel die Story über das Zika-Virus. Laut “Compact”-Autor Michael Morris ist dieses nämlich Teil eines geheimen Plans zur Bevölkerungsreduzierung.
Michael Morris kennt sich mit den ganz großen Intrigen aus. Er veröffentlicht sonst im Amadeus Verlag Verschwörungsliteratur. Sein Herausgeber ist Jan Udo Holey, der es unter dem Pseudonym Jan van Helsing zu einiger Prominenz als rechter Esoteriker gebracht hat. Unter der großen Weltverschwörung machen es die beiden nicht.
Sein Schützling Michael Morris hat daher gelernt, sich in weniger angreifbaren Chiffren auszulassen, zum Beispiel über angebliche Machenschaften der Rothschild-Familie oder darüber, wie ein “westliches Bankenkartell den Goldhandel kontrolliert”. Seine Bücher tragen Titel wie “Was Sie nicht wissen sollen” und führen, wie der Verlag schreibt, “anschaulich aus, wie eine kleine Gruppe von Bankiers dabei ist, durch Wirtschafts- und Währungskriege die totale Herrschaft über die Welt zu erlangen”.
In seinem Artikel über das Zika-Virus vermischt Morris nun eine Geschichte, die ursprünglich in einem Sub-Reddit für Verschwörungstheorien auftauchte, mit schon länger kursierender Panikmache mancher Impfgegner. Das Virus soll mit genveränderten Mücken aufgekommen sein — Überschrift:
Der Artikel steht übrigens im Politikteil, nicht in irgendeinem Aluhut-Ressort, wie es etwa Bild.de mit “Bild Mystery” betreibt.
“Compact” muss sich für sein Schauermärchen nicht direkt bei Reddit bedient haben, sondern könnte auch von Krawallmedien wie der Daily Mail, Russia Today oder Fox News inspiriert worden sein. Auch dort wird die These verbreitet, gentechnisch veränderte Stechmücken seien für den Zika-Ausbruch verantwortlich.
Die veränderten Mücken gibt es tatsächlich. Ziel der Technik ist es, dass transgene männliche Mücken Nachkommen zeugen, die in freier Natur nicht überleben können, und so die Population reduziert wird. Michael Morris setzt ganz auf die alarmierende Wirkung, die das Thema Gentechnik bei vielen Lesern auslöst. Einmal gesetzt, scheint er zu glauben, mit allem durchzukommen.
Denn interessanterweise prüft das Magazin, das sich ganz dem Kampf gegen die “Lügenpresse” verschrieben hat, die Behauptungen offenbar nicht besonders kritisch. Sie passen eben zu gut ins paranoide Weltbild.
Gut, dass sich statt ihnen andere diese Arbeit machen. Die Fact-Checking-Plattform der Tampa Bay Times “Politifact” lässt schnell die heiße Luft aus der Geschichte:
We wondered if there is any truth to the notion that Zika is being spread by transgenic mosquitoes.
In a word, no. Epidemiologists told us the rumor is baseless. The mosquitoes in question wouldn’t have been capable of starting the outbreak in 2015, and the geographic correlation offered doesn’t hold up.
Zeit und Ort des Zika-Ausbruchs passen, anders als behauptet, nicht zu den Feldtests, die bisher mit transgenen Gelbfiebermücken stattfanden. Diese wurden viele Moskitoleben vorher in weiter Entfernung durchgeführt. Auch sonst gibt es keine Belege für einen Zusammenhang zwischen dem Virus und der Gentechnik. Das Zika-Virus ist auch nicht neu, sondern seit etwa 70 Jahren bekannt, die Bausteine der DNS wurden erst 20 Jahre später entschlüsselt.
Michael Morris ist die ursprüngliche Verschwörungstheorie aber noch nicht genug. So fragt er etwa:
Wieso überträgt er [der Moskito] nun statt dem Dengue-Virus vorwiegend das Zika- und das Guillain-Barré-Virus (…)?
Die richtige Antwort lautet: Die Mücke überträgt nach wie vor das Dengue-Virus, über 1,5-Millionen Fälle zählten die brasilianischen Behörden 2015 (pdf der Pan American Health Organization). Das eine Guillain-Barré-Virus gibt es außerdem nicht, bekannt ist nur das Guillain-Barré-Syndrom, für das verschiedene Viren als Auslöser infrage kommen.
Das könnte man noch als schlampige Recherche abtun. Wirklich kreativ wird Morris aber mit folgender Wendung, die für ihn auf der Hand liegt, weil die Bill & Melinda Gates Foundation auch Versuche der Firma Oxitec mit transgenen Gelbfiebermücken unterstützte:
Bill Gates hatte bereits 2009 während eines Vortrags im Rahmen der TED-Konferenz scherzhaft Malaria-Mücken im Publikum freigesetzt, was alle Anwesenden noch für einen Spaß hielten. Doch mit dem Mann ist nicht zu spaßen. Er und seine Freunde, wie Rupert Murdoch, Zbigniew Brzezinski und Ted Turner, sind bekannt dafür, die Weltbevölkerung drastisch reduzieren zu wollen, und Gates betonte immer wieder, dass Impfstoffe dafür am besten geeignet wären.
Dem Monster, das Clippy die Büroklammer auf die Menschheit losgelassen hat, ist eben alles zuzutrauen.
Und seinen Geschäftssinn hat Bill Gates wohl auch verloren. Er soll also im Besitz eines ominösen Verhütungsmittels sein, das er aber nicht vermarktet, um dadurch noch reicher werden, obwohl es scheinbar bequemer als Pille, Spirale und Kondom anzuwenden ist. Außerdem verbreitet er für diesen genial-gemeinen Plan erst das Zika-Virus, für das es noch gar keinen Impfstoff gibt, statt sein Zaubermittel gängigen Schutzimpfungen beizumischen.
Und dann gibt er auch noch selbst zu, dass Impfungen beitragen sollen, das Bevölkerungswachstum zu verlangsamen:
Bei der TED-Konferenz im Jahr 2010 führte er [Bill Gates] aus: “Auf der Erde leben heute 6,8 Milliarden Menschen (…), diese Zahl wird auf ungefähr neun Milliarden anwachsen. Wenn wir nun bezüglich neuer Impfstoffe, im Gesundheitswesen und in der Fortpflanzungsmedizin wirklich gute Arbeit leisten, können wir diese um ungefähr 10 bis 15 Prozent verringern.”
Potzblitz! Jetzt hat die Spürnase Michael Morris den Multimillionär aber überführt, oder?
Damit das Zitat zum Geständnis wird, muss Morris den Kontext weglassen. Bill Gates spricht sich hier nicht dafür aus, Menschen per Impfung ohne deren Wissen unfruchtbar zu machen. Er wirbt vielmehr dafür, die medizinische Versorgung zu verbessern. Denn dann, so seine Hoffnung, könnten Entwicklungsländer sich ähnlich wie die Erste Welt verhalten. Dort hat sich gezeigt, dass die besseren Gesundheitssysteme dazu führen, dass weniger Kinder sterben und alte Menschen nicht ausschließlich auf die Fürsorge ihres Nachwuchs angewiesen sind. Kinder zu zeugen ist dann keine Notwendigkeit mehr und Familien werden planbar, weshalb sich mehr Leute gegen Kinder entscheiden. Auch rechnet sich die Gates Foundation dadurch keinen Reduktion der Weltbevölkerung aus, wie die Verschwörungstheoretiker behaupten, weil in der Formulierung auch ein bisschen Völkermord mitschwingt. Sie erwartet nur ein langsameres Wachstum.
So zerfällt die Geschichte von “Frankensteins Killer-Moskito” bei näherer Betrachtung in das, was auch von den meisten anderen “Compact”-Geschichten bleibt, wenn man sich etwasgenauer mit ihnen befasst: ein paar Krümel Wahrheit und ein riesiger Haufen Bullshit.
1. 10 Jahre Twitter: Fälschen, Foppen, Faken (netzpolitik.org, Markus Reuter)
Twitter feiert demnächst sein zehnjähriges Jubiläum. Anlass für “Netzpolitik”, sich mit den seit der Gründung immer wieder auftauchenden Fake-Accounts zu beschäftigen. Vor allem Politiker und Parteien seien Opfer von Fälschungen und Spott. Da rufe plötzlich Gregor Gysi zur Wahl von Joachim Gauck auf, falsche Demoskopie-Institute würden CDU-Politiker narren, das Titanic-Magazin twittere im Namen von SPD-Landtagskandidaten oder ein gefälschter Account der “AfD Bremen-Nord” führe Medien und Mediendienste hinters Licht.
2. DER SPIEGEL und acht weitere Redaktionen gründen journalistisches Netzwerk (spiegel.de)
Der “Spiegel” hat zusammen mit acht weiteren Redaktionen ein neues journalistisches Recherche-Netzwerk gegründet. Zur EIC (European Investigative Collaboration) gehören des Weiteren: “Der Falter” (Österreich), “El Mundo” (Spanien), “L’Espresso” (Italien), “Le Soir” (Belgien), “Mediapart” (Frankreich), “Newsweek Serbia” (Serbien), “Politiken” (Dänemark) und “RCIJ/The Black Sea” (Rumänien). Der “Spiegel” hätte dieses Netzwerk mit ins Leben gerufen, weil investigative Recherchen heutzutage immer öfter nach einer internationalen Zusammenarbeit, nach einem Austausch von Journalisten aus verschiedenen Ländern verlangen würden.
3. „Echte Veränderung des Presserechts“ (faz.net)
Wegen der Veröffentlichung eines Sexvideos bekommt Wrestler Hogan eine Millionen-Entschädigung zugesprochen. Nach diesem Urteil befürchten Experten eine Veränderung der amerikanischen Pressefreiheit. Eine Jury sprach Hogan nun 115 Millionen Dollar als Ausgleich für seinen finanziellen und seelischen Schaden zu. Eine Entscheidung, die laut einer Rechtsexpertin eine “echte Veränderung des Presserechts in den Vereinigten Staaten” bedeute. Der Ex-Wrestler soll nach der Verkündung des Urteils geweint haben. Ob dies der rechtspolitischen Bedeutung des Urteils geschuldet war oder an der Freude über die materielle Zuwendung lag, wird leider nicht klar.
4. Die will nicht nur spielen (fluter.de, Sara Geisler)
Was für eine Geschichte: Ausgerechnet im restriktiven und frauenfeindlichen Mittelalterstaat Saudi-Arabien gründen zwei junge Frauen eine Games Convention für Frauen. Sara Giesler interviewt eine der beiden Gründerinnen der mittlerweile etablierten Veranstaltung (die letzte Spielemesse wurde von 3.000 weiblichen Gamern und Developern besucht). Die unerschrockene Mitgründerin Tasneem Salim darin: “Gaming öffnet Türen zu neuen Ideen, anderen Kulturen, Identitäten, die man im wahren Leben nicht haben darf – erst recht nicht als Frau. Viele spielen online mit Menschen auf der ganzen Welt. Oft erzählen saudische Gamer zum Beispiel, dass sie durchs Spielen Englisch gelernt hätten.”
5. Das deutsche Fernsehen braucht eine Kultur des Scheiterns (dwdl.de, Hans Hoff)
Wieso schaffen es eigentlich in schöner Regelmäßigkeit halbgare Formate auf den Bildschirm – und warum konnte niemand die “Versteckte Kamera” oder “Studio Amani” verhindern? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Hans Hoff in seiner neuen Medienkolumne. Er fordert eine Kultur des Scheiterns, denn: “Mit welchem Recht vertrauen Fernsehverantwortliche eigentlich darauf, dass sie halbgare Produktionen straflos aufführen dürfen, um hernach zu behaupten, dass man die Fehler bei den nächsten Modellen schon abstellen werde. Man stelle sich nur mal vor, Mercedes lieferte eine neue Limousine mit drei Rädern aus und behauptete dann, dass man diesen Mangel bei Folgemodellen aber abstellen werde.”
6. Der Papst ist jetzt bei Instagram (horizont.net)
Papst Franziskus, 79, hat nun auch einen eigenen Instagram-Account. Am Samstagmittag wurde dort das erste Foto veröffentlicht. Es zeigt das Oberhaupt der katholischen Kirche im Gebet versunken und mit dem Kommentar “Betet für mich” in neun Sprachen von Polnisch bis Arabisch. Spötter spekulieren, wann der Pontifex die ersten Bilder von selbstgebackenen Oblaten und Blut-Christi-Smoothies postet.
Vor knapp einem Jahr, nachdem die Germanwings-Maschine auf Flug 4U9525 in den Alpen abgestürzt war, machten sich Scharen von Journalisten auf den Weg nach Haltern am See, einer kleinen Stadt in Nordrhein-Westfalen. Denn an Bord des Flugzeugs waren auch 16 Schülerinnen und Schüler und zwei Lehrerinnen des Gymnasiums in Haltern. Wir haben mit Georg Bockey, dem Pressesprecher der Stadt, darüber gesprochen, wie er die Situation und das Verhalten der Journalisten damals erlebt hat.
BILDblog: Herr Bockey, was waren die letzten Medienanfragen, die Sie beantwortet haben? Georg Bockey: Da ging es um Gelbe Säcke für Verpackungsmüll. Was sind die Vor- und Nachteile davon – im Vergleich zur Gelben Tonne? Jeder Haushalt in Haltern kriegt pro Jahr nur begrenzt Rollen, ohne dass wir als Stadt das beeinflussen können. Manchmal gibt es dann Probleme mit der Verteilung. Dazu hat mir die “Halterner Zeitung” ein paar Fragen gestellt. Und dann geht bald der Schulleiter einer unserer Grundschulen in den Ruhestand. Da stellen sich auch Fragen: Wer wird Nachfolger? Bleibt die Schule erhalten? Oder gibt es dann ein Verbundsystem mit einer anderen? Das Spektrum ist breit.
Ein ziemlich drastischer Gegensatz zu dem, was vor etwa einem Jahr über die Pressestelle hereinbrach.
Ja. Da gab es eine Flut von Anfragen, wie wir sie vorher in Haltern noch nicht erlebt haben. Haltern ist mit seinen 38.000 Einwohnern ja eher ein kleines Nest. Und plötzlich standen da 50 Übertragungswagen in der Stadt. Alles entwickelte sich mit rasender Geschwindigkeit.
Was für Anfragen gab es dann? In erster Linie ging es darum, O-Töne vom Bürgermeister einzufangen. Wir haben in den ersten Tagen streng darauf geachtet, dass dies einerseits ermöglicht werden sollte. Andererseits musste alles in den zeitlich sehr begrenzten Rahmen passen. In diesen Tagen gab es nur dieses Thema bei uns. Alles andere wurde für fast zwei Wochen komplett in den Hintergrund gerückt. Und wenn doch einmal eine Anfrage zu einem ganz anderen Thema kam, habe ich um Verständnis gebeten, dass eine Antwort derzeit nicht möglich ist. Das wurde auch akzeptiert.
Erinnern Sie sich noch, wie alles angefangen hat?
Der Tag des Unglücks war ein Dienstag. Die erste Nachrichten kamen so am späten Vormittag rein. Ich bin dann sofort mit dem Bürgermeister zum Gymnasium. Dort haben wir die ersten Gespräche mit dem Kollegium und dem Schulleiter geführt. Da war auch schon jemand von der Schulbehörde da. Dann kamen bald die ersten Medienvertreter an. Und es wurden immer mehr: aus Deutschland, Europa, der ganzen Welt.
Haben Sie die ganze Pressearbeit alleine gestemmt?
Nein, das wäre nicht möglich gewesen. Es gab so viele Orte, wo wir sein mussten: an der Schule, im Rathaus, im Krisenstab in der Feuerwache. Zum Glück gab es ganz schnell und unbürokratisch Hilfe für uns: Zwei Pressesprecher kamen dazu, einer von einer Nachbarstadt, einer von der Kreisverwaltung. Die wurden spontan abgestellt. Die Kreispolizei hat auch eine Menge Beamten geschickt, dazu zwei Pressesprecherinnen. Die haben sofort vor Ort Kontakt zu den Journalisten aufgenommen und darauf geachtet, dass etwa niemand die Absperrlinien zur Schule überschreitet. Das hat sehr geholfen. Wenn Leute in Uniform das sagen, hat das natürlich einen hohen Stellenwert.
Stichwort Absperrlinien – aus Haltern gab es immer wieder auch Meldungen von Journalisten, die durch Vorgärten schleichen, die direkt auf Betroffene zugingen oder die Schülern Geld angeboten haben für interne Videoaufnahmen. Wie haben Sie das erlebt?
Der allerallergrößte Teil der Medienvertreter hat sich nach meiner Wahrnehmung sehr gut verhalten. Ich muss den meisten Kollegen hoch anrechnen, dass sie mit der nötigen Seriosität und Sensibilität berichtet haben. Das darf man ruhig als deutliches Lob verstehen. Es gibt natürlich negative Ausreißer. Wenn wir gesehen haben, dass Kindern Geld für Fotos oder Videos geboten wurde, sind wir eingeschritten. Mir fällt aber gerade nur ein Fall ein. Der Kollege, der das gemacht hat, ist dann auch nicht wieder aufgetaucht.
Zu der Berichterstattung über den Absturz gingen so viele Beschwerden beim Presserat ein wie noch nie zuvor.
Das mag sein, aber das betrifft uns in Haltern nicht so sehr. Das bezog sich überwiegend auf die Berichterstattung über den Absturz selbst und über den Co-Piloten. Da ist viel Unsinn verbreitet worden: über den Menschen, über Krankheiten, über seine Beziehung. Echte Fehler räumt dann auch selten jemand ein. Aber man muss das relativieren: Der allergrößte Teil der Beschwerden blieb auch ohne Rüge.
Was lief vor Ort konkret gut?
Die Abstände wurden respektiert. Überhaupt gab es sehr wenige Versuche, konkret auf betroffene Familien zuzugehen. Wir fanden das sehr positiv. Ein Novum war für mich, zu sehen, wie betroffen auch die Journalisten waren. Bei den ersten Pressekonferenzen haben viele geweint – sowohl die, die sich geäußert haben, als auch die Journalisten. Das habe ich in der Form noch nicht erlebt.
Wie haben die Menschen in Haltern auf die Journalisten reagiert?
Ich glaube, viele Haltener haben das als bedrohlich empfunden. Selbst wenn sich alle Presseleute vorbildlich verhalten: Allein durch die bloße Präsenz von so vielen Ü-Wagen, Kamerateams, Menschen mit Mikrofonen und so weiter entsteht schon eine bedrohliche Atmosphäre für einen Kleinstädter, der das nicht gewohnt ist. In den Tagen nach dem Unglück war die Innenstadt oft menschenleer. Da hat niemand Lust gehabt, shoppen zu gehen. Die paar Leute, die da waren, wurden von Journalisten angesprochen. Das ist ja auch verständlich. Aber wenn jemand nicht reden wollte, wurde er auch in Ruhe gelassen.
Wann verschwand das letzte Kamerateam aus Haltern? Das kann ich Ihnen nicht genau sagen. Nach dem Absturz am Dienstag war es am Donnerstag, mit einem Wort, abartig, was die Zahl der Anfragen anging. An dem Tag ging blitzschnell die Nachricht um, dass der Co-Pilot den Absturz offenbar bewusst herbeigeführt hat. Viele sind dann in den Ort gefahren, aus dem der Pilot stammte. Am Freitag gab es dann einen Gottesdienst mit dem Bundespräsidenten und der Ministerpräsidentin von NRW. Da waren noch einige da.
Wie sah in der hektischen Phase Ihre Strategie für die Pressearbeit aus?
Uns war wichtig, den Druck zumindest etwas abzufedern. Wir haben früh entschieden, alle Pressekonferenzen und -gespräche nicht an der Schule abzuhalten, sondern im Rathaus. Das ist nur 400 Meter entfernt, aber das war trotzdem wichtig, um die Schüler zu schützen. Der Ratssaal war dann am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag komplett voll mit Medienvertretern und Kamerateams.
Wie haben Sie noch versucht, den Druck herauszunehmen?
Indem wir die Journalisten bei ihrer Arbeit unterstützt haben. Wir haben oft Gespräche angeboten. Schlicht, damit die nicht selbst jeden Stein umdrehen wollen. Ich verstehe auch, dass die Medien berichten wollen. Als die Toten nach Haltern überführt wurden, waren die Straßen voller Menschen. Die haben sich an den Händen gehalten, es war mucksmäuschenstill. Das waren natürlich Bilder, die für Journalisten interessant sind. Die Polizei hat die Medien vorher kontaktiert und empfohlen: Hier auf dieser Brücke kann gefilmt werden, in der Stadt auch, aber dann am Bestattungsinstitut nicht mehr, da endet die Öffentlichkeit.
Hat das funktioniert?
Meiner Meinung nach ja. Kein Journalist hat versucht, zum Bestattungsinstitut zu gehen. Das ist gut gelaufen. Generell muss man sagen: Alles ging so schnell, jeden Tag kamen neue Details ans Licht. Das kann man nie alles beeinflussen. Wir haben versucht, uns anzupassen. Einmal hatten wir ein Pressegespräch mit Seelsorgern und Polizisten anberaumt. Und eine Stunde vorher kam raus, dass der Co-Pilot die Maschine wohl absichtlich zum Absturz gebracht hat. Da war klar, dass sich darauf die ganze Aufmerksamkeit konzentrieren würde. Wir mussten umdisponieren. Also kamen Bürgermeister und Schulleiter mit. Im ersten Teil haben wir dann über die neue Situation gesprochen, danach haben wir weitergemacht mit dem ursprünglichen Thema.
Sie haben selbst mehr als 25 Jahre als Journalist gearbeitet und sind erst seit einigen Jahren Pressesprecher. Ist die Situation für Journalisten heute schwieriger?
Ich glaube, dass der Druck heute viel größer ist. Ich kannte das so überhaupt nicht und ich möchte das auch nicht erleben. Jetzt brauchen wir hier noch einen O-Ton, da noch eine Aufnahme – und dabei stellen doch alle die gleichen Fragen. Man kann das Rad nicht ständig neu erfinden. Das müssen die Chefs in den Redaktionen akzeptieren. Wenn Journalisten immer Neues liefern müssen, dann fangen sie an, unüberlegt zu agieren, ohne genügend im Thema zu sein und die Verhältnisse vor Ort gut genug zu kennen.
Wie meinen Sie das?
Wenn Journalisten meinen, sie müssten immer neue Konflikte ausfindig machen. Oder Fragen stellen wie: “Wie ist das Leben an der Schule erlahmt?” Mit Verlaub, das ist idiotisch. Natürlich hinterlässt so ein Unglück Spuren. Wir sind eine kleine Stadt. Über drei Ecken kennt jeder jemanden, der jemanden kennt… Und natürlich war für eine Weile kein Unterricht möglich. Und natürlich gedenken die Schüler und Lehrer der Opfer. 18 Fotografien hängen in der Schule, es gibt zwei Gedenkstätten in Haltern.
Aber?
Nach dem Gottesdienst mit dem Bundespräsidenten sind der Schulleiter und die Lehrer zurück in die Schule gegangen, um das Abitur vorzubereiten. Und im Sommer kamen dann neue Fünftklässler an das Gymnasium. Der Schulleiter sagte zurecht, auch die haben einen Anspruch auf eine normale, auf eine schöne Schulzeit. Wir werden die Opfer nie vergessen, und auch nicht, wie sehr die Angehörigen leiden müssen. Aber das Leid ist so schon groß genug. Man muss der Schule nicht noch zusätzlich Probleme aufschwatzen.
Bald jährt sich das Unglück zum ersten Mal. Dann werden einige Kamerateams voraussichtlich zurückkommen. Was würden Sie sich von den Journalisten wünschen?
Dass sie das entsprechend einschätzen und keine Riesenveranstaltung daraus machen. Am 24. März gibt es eine Gedenkminute und dann einen ökumenischen Gottesdienst. Da kann man auch gar nicht viel berichten. In der Kirche werden keine Kameras und Aufnahmegeräte erlaubt sein. Darüber möchte ich dann auch gar nicht diskutieren, das ist einfach selbstverständlich. Wenn Journalisten die ruhige Atmosphäre einer Kirche respektieren, wenn sie sich einfach an die Regeln halten, dann erleichtert das unsere Arbeit ungemein. Auch deshalb, weil die Trauernden diese Ruhe dringend benötigen.
Der Zettel soll bei einem der Verdächtigen aus der Silvesternacht gefunden worden sein. Viele Medien bezeichnen ihn als “Droh-Zettel”, denn er sei, wie zum Beispiel “Spiegel TV” gestern feststellte, …
Doch das stimmt nicht. Tatsächlich ist auf dem Zettel “Ich töte sie ficken” zu lesen — und das ist (wie uns zwei Übersetzer bestätigt haben) wörtlich aus dem Arabischen übersetzt und bedeutet sinngemäß: “Ich werd’s dir richtig besorgen”.
Zu lesen war das bisher aber nur bei einem einzigen Medium:
1. Warum das virale “Flüchtlinge essen Kinder”-Video nicht lustig ist (vice.com, Matern Boeselager)
In den vergangenen Tagen dürfte ein großer Teil der Social-Media-Gemeinde über ein 26-Sekunden-Video gelacht haben, in dem unter anderem ein Mädchen erzählt, dass ein Flüchtling eine Fünfjährige gegessen habe. “Das Problem ist nur, dass das Video eine ziemlich bösartige Manipulation ist”, schreibt Matern Boeselager. Der Schnitt reiße die Aussage so aus dem Zusammenhang, dass “sich Tausende Menschen darüber freuen können, dass Rassisten krass dumm und sie selber krass schlau sind. Dabei gibt es nur ein Problem: Ganz so hat sie das nicht gesagt.”
2. Wir müssen streiten! (ostpol.de, Jelena Kostjutschenko)
In der Krimkrise seien ganze Familien zerstritten gewesen, nur in der Gemeinschaft der Journalisten habe es keine Konflikte gegeben. Weil es auch keine Gemeinschaft gegeben habe, wie Jelena Kostjutschenko beobachtet hat. Sie fordert die russischen Journalisten auf, mehr zu streiten. Für ein neues Selbstverständnis. Zur Russland-Ukraine-Berichterstattung gibt es außerdem ein neues Crowdfunding.
3. Predictions for Journalism 2016 (niemanlab.org, verschiedene Autoren, englisch)
Das “Niemanlab” hat Experten gefragt, womit der Journalismus im kommenden Jahr rechnen muss. Bis zum 18. Dezember kommen ständig neue Beiträge hinzu.
4. Wie der Tod die Lüge schützt (tagesspiegel.de, Norbert Thomma)
Als der “Tagesspiegel” im April ein Interview mit einer Krebskranken veröffentlichen will, kommen einigen Redakteuren beim Korrekturlesen der zwei Zeitungsseiten die Tränen. Sie sind sich einig: “So etwas Packendes und Anrührendes können wir selten drucken.” Später stellt sich heraus: Die junge Frau hat alle getäuscht, ihre Familie, ihre Freunde, ihre Sterbebegleiter, die Medien. Norbert Thomma rekonstruiert, wie es dazu kommen konnte.
5. Friedensprophet mit Taschenrechner (amnesty.ch, Ramin M. Nowzad)
Die Welt war noch nie so friedlich wie im 21. Jahrhundert. Es gibt weniger Gewalt, weniger Kriege und weniger Morde als je zuvor. Das ist jedenfalls die These des Evolutionspsychologen Steven Pinker. Den meisten Menschen fällt es schwer, daran zu glauben — Pinker sagt, dass die Medien einen Teil dazu beitragen: “Wenn Sie die Fernsehnachrichten einschalten, erfahren Sie immer nur von Dingen, die passiert sind. Nie von Dingen, die nicht passiert sind.” Solange die Gewaltrate nicht auf null sinke, werde es immer genügend Grausamkeiten geben, um die Abendnachrichten zu füllen.
6. April O’Neil — Journalistin zwischen Emanzipation und Unschuld (journalistenfilme.de, Patrick Torma)
Auf seiner Seite journalistenfilme.de geht Patrick Torma der Frage nach, welche journalistischen Werte in Filmen vermittelt werden. Zum Beispiel wenn es um Bob Woodward und Carl Bernstein in “Die Unbestechlichen” geht oder um Maddy Bowen in “Blood Diamond”. Aktuelle schaut sich Torma die Rolle von April O’Neil bei den “Teenage Mutant Hero Turtles” an und fragt, ob “in der Reporterin mit dem kanariengelben Jumpsuit ein journalistisches Vorbild” steckt.