Wankelmut, dein Name ist Franz Josef Wagner! Noch zwei Tage vor der Landtagswahl sprach der launige “Bild”-Kolumnist dem Baden-Württemberger Grünen-Chef Winfried Kretschmann das Vertrauen aus:
Für mich sind Sie ein Grüner der neuen Art. Eigentlich müssten Sie bei der CDU sein. Sie gehen in die Kirche, glauben an die Schöpfung.
Sie haben nichts mehr von den Grünen, die Pullover strickten. Sie tragen einen Lehrer-Anzug, grau.
Lieber Ethiklehrer Winfried Kretschmann, vor Ihnen habe ich keine Angst.
Doch schon in seinem gestrigen Brief an die “lieben Baden-Württemberger” fällt Wagner wieder in alte Muster zurück und malt den Untergang eines Wirtschaftsstandorts an die Wand:
58 Jahre hat Euch die CDU regiert.
Ihr habt Häusle, manche haben zwei Autos, ältere Erwachsene spielen Golf. (…)
Nach 58 Jahren CDU wählt Ihr Grün.
Schmeckt Euch Euer Steak nicht mehr, langweilt Euch Euer Daimler, seid Ihr überdrüssig Eures Glücks?
Um seine mahnenden Worte zu unterstreichen, konstruiert Wagner auch gleich noch die nötige Fallhöhe:
täusche ich mich, wenn ich denke, dass Ihr stolz auf Euer Ländle seid? Die niedrigste Arbeitslosenquote, 4,6 Prozent. Beim Pisa-Test sind Eure Kinder Europas Beste.
Mal davon ab, dass die Arbeitslosenquote im Januar 2011 bei 4,7 Prozent und im Februar bei 4,5 Prozent lag, wirklich aus der Luft gegriffen ist die Behauptung, baden-württembergische Kinder wären “Europas Beste” beim “Pisa-Test”. In der letzten Pisa-Studie aus dem Jahr 2006, in der sowohl einzelne Bundesländer als auch ganze Staaten untersucht wurden, lag Baden-Württemberg zwar über dem bundesdeutschen Schnitt, kam aber in fast allen Bereichen hinter Bayern und Sachsen sowie europaweit hinter Finnland, den Niederlanden und Belgien.
Tatsächlich hat Baden-Württemberg sogar gewisse Bildungsprobleme wie aus einer aktuelleren Studie hervorgeht:
Besonders ausgeprägt ist das soziale Bildungsgefälle in Baden-Württemberg und Bayern, wo die Chancen von Akademikerkindern gegenüber gleichintelligenten Facharbeiterkindern 6,6 beziehungsweise 6,5 mal so hoch sind.
Ein Missstand, den die von Wagner ach so gefürchteten Grünen laut eigenem Wahlprogramm sogar bekämpfen wollen.
Man soll mit sowas ja keine Späße machen, aber stellen wir uns für einen Moment mal vor, der Fahrer von Angela Merkels Dienstwagen setzt das Automobil in den Straßengraben. Er war allein unterwegs, um die Kanzlerin abzuholen, und ihm ist nichts schlimmes passiert.
Würden die Zeitungen am nächsten Tag groß über diese, für Merkel gefährliche Situation berichten? Es ist nicht auszuschließen.
Gut: Es hat ein anderes Transportmittel erwischt und es ist letztlich noch weniger passiert, aber die Medien berichten tatsächlich.
Irre, oder? Nur “wenige Stunden”, nachdem Angela Merkel einen Hubschrauber verlassen hat, ist dieser “beinahe abgestürzt”.
Doch die “Bild am Sonntag” ist mit ihrer Feststellung, Merkel sei “nur knapp einem Beinahe-Absturz ihres Polizeihubschraubers entgangen” noch vergleichsweise zurückhaltend unterwegs.
Der gleiche Burkhard Uhlenbroich, der im Print noch einigermaßen entspannt war, verkündet hier plötzlich:
Bundeskanzlerin Angela Merkel ist am Mittwochabend bei einer Wahlkampfveranstaltung nur knapp einem Absturz ihres Hubschraubers entgangen.
Und weil “Bild am Sonntag” die Story vorab an die Agenturen gegeben hatte, taten die das Ihre, um den Wahnsinn zu steigern.
AFP scheint sich selbst nicht ganz sicher gewesen zu sein, was jetzt genau passiert ist:
“BamS”: Merkel entkommt knapp Beinahe-Absturz ihres Hubschraubers – Polizei geht nicht von Sabotageakt aus
Berlin, 20. März (AFP) – Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist am Mittwochabend bei einer Wahlkampfveranstaltung nur knapp einem Beinahe-Absturz ihres Polizeihubschraubers entgangen. Nach Informationen der “Bild am Sonntag” (BamS) hatte der Hubschrauber sie nach einem mehrstündigen Flug zunächst in Offenburg abgesetzt. Beim Weiterflug nach Oberschleißheim setzten laut “BamS” zeitgleich beide Antriebsturbinen des Superpuma 332 aus. Der Helikopter sackte aus einer Höhe von 1600 Metern ab. Der Crew gelang es erst wenige hundert Meter über dem Erdboden, die Turbinen wieder zu starten und einen Absturz zu verhindern.
dpa ist da schon klarer, gibt sich in der Überschrift aber auch missverständlich:
“Bild am Sonntag”: Merkels Hubschrauber fast abgestürzt
Berlin (dpa) – Ein Polizeihubschrauber von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist laut “Bild am Sonntag” nur knapp einem Absturz entgangen. Nur wenige Stunden nachdem die CDU-Vorsitzende den Helikopter am Mittwochabend verlassen habe, seien die Turbinen ausgefallen und der Helikopter um rund 1000 Meter abgesackt, berichtet das Blatt. Der Besatzung sei es erst wenige hundert Meter über dem Erdboden gelungen, die Turbinen wieder zu starten.
Reuters zerstört die in der Überschrift erzeugte Spannung dann gleich mit dem ersten Satz:
Merkels Hubschrauber wäre am Mittwoch beinahe abgestürzt
Berlin, 20. Mär (Reuters) – Ein Hubschrauber von Angela Merkel ist am Mittwoch nur wenige Stunden nach einem Flug mit der Kanzlerin beinahe abgestürzt. In rund 1600 Metern Höhe hätten beide Antriebsturbinen der Maschine ausgesetzt, erklärte am Sonntag eine Sprecherin der Bundespolizei, die damit einen Bericht der “Bild am Sonntag” bestätigte.
Auftritt deutsche Online-Medien!
“Spiegel Online” ging zunächst in die Vollen:
Das war den Redakteuren im Nachhinein dann wohl doch ein bisschen peinlich. Sie änderten Überschrift und Vorspann, entfernten das Foto von Merkel und setzen einen Hinweis unter den Artikel:
Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels entstand der Eindruck, Merkel habe zum Zeitpunkt des Beinahe-Unglücks noch in dem Helikopter gesessen. Dies war nicht der Fall. Wir entschuldigen uns für die Unklarheit.
sueddeutsche.de hat seine Überschrift inzwischen von “Kanzlerin entgeht knapp Hubschrauber-Absturz” in “Merkels Hubschrauber beinahe abgestürzt” geändert, verkündet im ersten Satz aber immer noch:
Vermutlich haben ganz viele deutsche Journalisten gestern auch “nur knapp” den Lotto-Jackpot nicht geknackt: Tippschein nicht abgegeben oder so.
Mit Dank an Andreas L., Daniel B., Carsten Z., Dennis S., Matthias Sch. und Horst M.
Nachtrag, 21. März: Zahlreiche Leser haben uns auf das Prinzip der Autorotation hingewiesen, die es ermöglicht, einen Hubschrauber auch bei ausgefallenem Antrieb sicher zu landen. Die ganze Situation war also offenbar noch unspektakulärer.
Nachdem Karl-Theodor zu Guttenberg vergangene Woche als Verteidigungsminister zurückgetreten war, stellten die deutschen Medien fest, dass es auch noch andere Themen gibt, über die man berichten könnte. Seitdem sind die Fernsehsendungen, Hörfunkprogramme und Zeitungen voll mit dem Chaos rund um die Einführung des neuen Bio-Kraftstoffs E10.
In der Berichterstattung scheinen zwei Prinzipien besonders hervor zu stechen: 1.) “Nichts genaues weiß man nicht.” 2.) “Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.” Dementsprechend handelt die “Bild”-Familie konsequent inkonsequent.
Gestern bemühte sich “Bild am Sonntag”, “zehn Irrtümer über den Bio-Sprit” aufzuklären. Konkret etwa so:
5. E10 zerstört den Motor.
Kfz-Meister Erhard Schwind: “Steht das Auto auf der Positivliste der Hersteller, kann dem Motor nichts passieren, ansonsten drohen Motorschäden.”
Laut Thomas Brüner, Leiter der Mechanikentwicklung beim Autobauer BMW, könnte E10 dafür sorgen, dass Motoren schneller verschleißen.
Durch den hohen Ethanolanteil von zehn Prozent im Benzin nehme die Wassermenge im Motor zu, erklärte der Experte der “Welt am Sonntag”.
Dieser Widerspruch hat auch die Redakteure der gedruckten “Bild” irritiert, weswegen sich die Zeitung heute darum bemüht, alle Klarheiten zu beseitigen:
BILD fragte nach: Was stimmt denn nun?
BMW-Sprecher Bernhard Ederer: “Entgegen aktuellen, anderslautenden Medienberichten ist E10 für alle BMW-Pkw unbedenklich.” Lediglich einige ältere Modelle benötigten unabhängig vom Ethanolgehalt aufgrund der höheren Oktanzahl Super Plus.
Auch der ADAC stellte klar, Kondenswasser sei kein Problem für die Motoren. Technik-Experte Reinhard Kolke zu BILD: “Das ist Quatsch! Motorenöl wird beim Fahren sehr heiß. Das Wasser verdunstet also wieder.” Anstatt für Verwirrung zu sorgen, sollten die Autobauer ihre Kunden sofort schriftlich über das Kraftfahrtbundesamt aufklären, ob ihr Auto E10-tauglich ist oder nicht.
Alles klar? Dann zum nächsten “Irrtum”, den “Bild am Sonntag” widerlegen wollte:
6. Es gibt keine Erfahrungswerte mit E10.
Schwind: “E10 wird seit mehreren Jahren von der Automobilindustrie getestet. Nur so konnte man feststellen, welche Modelle geeignet sind.” [Automobilexperte Prof. Dr. Ferdinand] Dudenhöffer: “In Brasilien fahren 50 Prozent der Autos mit E80 oder E100, und es funktioniert perfekt.”
Dazu wieder der BMW-Entwickler bei Bild.de:
Ob es so weit kommt oder der in Deutschland verkaufte E10-Sprit gut genug ist, wissen die Autobauer Brüner zufolge noch nicht.
BMW will nun gemeinsam mit dem Konkurrenten Daimler entsprechende Tests durchführen, so die “Welt am Sonntag”.
Und noch einmal die “Bild am Sonntag” bei der Irrtums-Bekämpfung:
8. Durch E10 werden Anbauflächen für Nahrungsmittel knapper.
Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU): “Die Politik stellt sicher, dass die Produktion der Biokraftstoffe nachhaltig ist und Produktion und Anbau der dafür verarbeiteten Pflanzen nicht in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion steht.”
Gut, dass Bild.de heute “die wichtigsten Fragen zum neuen Öko-Kraftstoff” beantwortet. Darunter auch diese:
WERDEN JETZT DIE LEBENSMITTEL TEURER?
Nach Angaben der “WirtschaftsWoche” gab es binnen sechs Monaten eine Preissteigerung von 75 Prozent bei Mais, Weizen und Zucker – getrieben wird dies von der Biospritproduktion in den USA, wo schon 33 Prozent der Maisernte hierfür verwendet würden. Eine Entwicklung, die sich auch in Deutschland abzeichnet!
“Wir bekommen in Deutschland so gut wie keinen Hafer mehr. Unser Getreide müssen wir jetzt teuer aus dem Ausland beziehen”, so DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann in der “WirtschaftsWoche”. “Das sind die Folgen des Bioenergiebooms, der den klassischen Anbau verdrängt. Auch deshalb steigen die Nahrungsmittelpreise.”
Bei der finalen Klärung der Verbraucherfragen zu E10 scheint der Einsatz eines Misthaufens und eines darauf krähenden Hahns also unverzichtbar zu sein.
Es war der Tag nach der Rede-Schlacht – aber die Opposition lässt Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (39, CSU) keine Ruhe!
Ganz so, als sei davon auszugehen gewesen, dass nach dem großen Schlagabtausch über die Doktorarbeit des Ministers alle zur Tagesordnung übergehen und die Opposition die Regierung auch mal lobt.
Über die gestrige Parlamentsdebatte zur Aussetzung der Wehrpflicht schreibt Paul Ronzheimer, “Bild”-Experte fürVerhöhnung:
Dann spricht SPD-Chef Sigmar Gabriel (51)! Er will nicht über die Wehrpflicht reden.
Ob Gabriel wollte oder nicht: er hat.
Mehr als zehn Minuten sprach Gabriel zum Thema, wie man bei YouTube sehen und im Sitzungsprotokoll nachlesen kann.
Er lobte die Aussetzung der Wehrpflicht, die die SPD schon 2007 gefordert hätte; warf dem Minister vor, auf Kosten der Sicherheit der Soldaten sparen zu wollen; vermisste ein Konzept, das über “wolkige Formulierungen” hinausgeht; kritisierte die Ansage “No risk, no fun”, die Angela Merkel gegenüber Kommandeuren gemacht hatte; zitierte Bundeswehrkreise, die sich besorgt über die geplante Reform geäußert hatten; forderte zu Guttenberg auf, die Reform so lange zu verschieben, bis der wisse, “wie Sie das machen wollen”.
Erst dann wandte sich Gabriel an die Bundeskanzlerin und bat sie: “Muten Sie uns und der Bundeswehr und sich und unserem Land dieses unwürdige Schauspiel, das wir seit Wochen mit Ihrem Verteidigungsminister erleben, nicht länger zu!”
Ronzheimer berichtet:
Der SPD-Chef spottet über Guttenberg: “Jeder weiß, dass wir es mit einem Hochstapler zu tun haben.” Und fügt hinzu: “Vielleicht stellt ja mal jemand einen Strafantrag …”
Die Sitzungsleitung hat Bundestagspräsident Norbert Lammert (62, CDU). Aber einen Ordnungsruf gibt es wie am Vortag nicht.
Offenbar hätte sich Ronzheimer solche Ordnungsrufe an beiden Tagen gewünscht. Doch dieser zweite Absatz ist aus mehreren Gründen interessant: Zum einen suggeriert “Bild”, Lammert (im Gegensatz zu Guttenberg keinFreundderZeitung) habe die Sitzungen am Vortag geleitet, was er nicht hatte. Zum anderen stammt die Feststellung, dass es am Mittwoch keine Ordnungsrufe gegeben habe, aus Gabriels Rede selbst:
Es gab keinen Ordnungsruf des Präsidenten, nicht einmal Tumulte oder allzu laute Proteste auf Ihrer Seite, als hier zum ersten Mal in der Geschichte des Parlaments ein amtierender Minister mehrfach von Abgeordneten Lügner, Hochstapler und Betrüger genannt wurde. (…)
Es gab keine große Aufregung bei Ihnen und keinen Ordnungsruf. Frau Bundeskanzlerin, was glauben Sie wohl, warum das so war? Weil jeder hier im Haus wusste, dass das Tatsachenbehauptungen sind.
Am gestrigen Samstag erklärte “Bild” erstaunlich offen, wie sie die Entscheidung des Bundesverteidigungsministers findet, im Amt bleiben zu wollen:
Es ist nicht das erste Mal, dass “Bild” die Rechtmäßigkeit erworbener Doktortitel auf der Titelseite thematisiert:
25. August 2007:
Verlierer
Der CDU-Kandidat für die OB-Wahl in Landau (Rheinland-Pfalz) soll aus der Partei ausgeschlossen werden! Gegen Kai Schürholt (35) ermittelt die Staatsanwaltschaft. Er soll sich seinen Doktortitel in Theologie erschlichen haben. Die CDU kann keinen Ersatzkandidaten mehr für die Wahl (2. September) aufstellen.
BILD meint: Dr. Lüg!
19. Februar 2009:
Verlierer
Wer hat da wohl wen beschummelt? Der Kölner Kulturpolitiker “Dr. rer. pol.” Hans-Georg Bögner (54, SPD) verzichtet ab sofort darauf, seinen Doktortitel der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zu führen. Er habe erfahren, “dass mit meiner Promotion etwas nicht in Ordnung ist”. Genauer wollte sich Bögner nicht äußern.
BILD meint: Dr. Seltsam!
24. Juli 2009:
Verlierer
Er ist jung, er ist ehrgeizig – und er hat ein Problem: Niels Neu (35), Vizechef der CDU in Nordhausen (Thüringen), musste seinen Personalausweis bei der Stadt abgeben, weil er verdächtigt wird, einen falschen Doktortitel zu führen. Recherchen hätten ergeben, dass er nicht wie behauptet an der Universität von Warschau promoviert hat.
BILD meint: Dr. Schummel?
6. Februar 2010:
Verlierer
Als Dr. Dieter Jasper (47) zog er bei der Bundestagswahl im September aus Steinfurt (NRW) ins Parlament ein. Jetzt kommt heraus: Der CDU-Abgeordnete darf in Deutschland gar keinen Doktortitel führen, er hatte ihn an einer umstrittenen Uni in der Schweiz erworben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, die SPD will eine Wahl-Anfechtung.
Es gibt Meldungen, bei denen jeder, der sie liest, bearbeitet oder veröffentlicht, eigentlich stutzen und sagen müsste: Hier stimmt doch was nicht.
Die Meldung, die die Nachrichtenagentur dapd heute um 10:34 Uhr veröffentlichte, ist eine solche:
Ulbig sieht in NPD-Volkszählung Aufruf zum Rechtsbruch
Dresden (dapd). Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) hat ein striktes Vorgehen gegen die von der rechtsextremen NPD geplante Volkszählung angekündigt. (…)
Die NPD plant in Sachsen eine Volkszählung unter dem Titel “Zensus 2011”. Die Partei hat ihre Sympathisanten dafür zu Haushaltsbefragungen aufgerufen. Die Interviewer sollen nach Angaben der NPD die Einwohnerzahlen sowie Alter, Geschlecht und Migrationshintergrund feststellen, aber auch Eindrücke über politische Einstellungen, mentale Befindlichkeiten und die soziale Situation sammeln. Die Erhebung von Informationen über persönliche Lebensverhältnisse sind nach Auffassung Ulbigs rechtswidrig. In Nordrhein-Westfalen plant die Partei eine ähnliche Aktion.
Die NPD plant eine eigene Volkszählung? Das wäre wirklich eine ganz außergewöhnliche Geschichte.
“Zensus 2011” aber ist nicht der Name einer bizarren rechtsextremen Kampagne, sondern schlicht der staatlichen Volkszählung. Die NPD will keine eigene Konkurrenz dazu etablieren, sondern ermuntert ihre Mitglieder, sich als Interviewer zu bewerben. Auf diese Weise könnten sie “persönliche Gespräche” an der Haustür führen und die Aufwandsentschädigung in die Parteiarbeit investieren. Gegen diese Unterwanderung der Volkszählung will Ulbig vorgehen.
Fast drei Stunden brauchte der dapd, bis er die Falschmeldung zurückzog; wenig später veröffentlichte er eine neue Fassung.
Trotz der Unwahrscheinlichkeit einer eigenen NPD-Volkszählung übernahm “Welt Online” die Meldung (und löschte den Artikel dann unauffällig). “Focus Online” hat zu der dapd-Meldung sogar noch einen eigenen Vorspann gebastelt:
Ulbig (CDU) gegen geplante Volkszählung der NPD
Die rechtsextreme NPD plant eine Volkszählung in Deutschland. Bei der Zählung Informationen über persönliche Lebensverhältnisse aufgenommen werden. Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) sieht die Erhebung als rechtswidrig an und kündigte ein striktes Vorgehen an.
Nachtrag, 17:00 Uhr. “Focus Online” hat sich korrigiert.
Wir unterbrechen unser Programm für eine wichtige Nachricht: Die ARD hat die Ausstrahlung ihres Programms über den Satelliten Hotbird/Eutelsat eingestellt. Am 8. Juni 2010.
Was sagen Sie? Das sei keine wichtige Nachricht — und vor allem keine aktuelle? Na, da kennen Sie aber “Bild” und Bild.de schlecht.
So berichtet Bild.de seit gestern über die mehr als sechs Monate zurückliegende (und noch viel länger angekündigte) Abschaltung:
Die ARD, der “Bild” sonst bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Verschwendungssucht unterstellt, nennt finanzielle Erwägungen als Grund, doch die will Bild.de ausnahmsweise nicht gelten lassen:
Grund für das Aus der ARD: Angeblich ist die Übertragung über den Satelliten “Hot Bird” zu teuer.
Merkwürdig nur: Die Bundeswehr hat der ARD sogar angeboten, einige Programmteile – Tagesschau und Regionalprogramme aus den Heimatregionen der Soldaten – über ihre eigene Satellitenverbindung nach Afghanistan zu übermitteln.
Das lehnten die ARD-Sender mit Hinweis auf rechtliche Gründe bisher ab.
Dass Bild.de – anders als der ARD – die Rechte am Material Dritter eher egal sind, hat die Seite schonoftgenugbewiesen.
Klar, dass die Empörung nicht lange auf sich warten ließ:
Zu diesem Zeitpunkt hielt sich Bild.de nicht länger mit einseitiger Berichterstattung auf — jetzt wurde schlicht gelogen:
Keine Christvesper, keine Christmette und schon gar keine Tagesschau für die Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan!
Denn: Die ARD stellt die Ausstrahlung ihres Programms am Hindukusch ein. Und das ausgerechnet kurz vor Weihnachten!
(Hervorhebung von uns.)
Noch am Nachmittag hatte sich die ARD bemüht, über Pressemitteilungen ihre Entscheidung zu verteidigen, und erklärt:
Die Berichterstattung über den Fernsehempfang für Soldaten in Afghanistan sorgte heute für einige Irritationen und erweckt in weiten Teilen einen falschen Eindruck.
Die Ausstrahlung von Das Erste über den Satelliten Hotbird/Eutelsat wurde bereits im Juni 2010 eingestellt, da die Nutzung dieses zusätzlichen Angebots in Deutschland kaum noch nachgefragt wird. Auch wirtschaftliche Gesichtspunkte waren angesichts der Sparbemühungen für diese Entscheidung ausschlaggebend. Für eine weitere Ausstrahlung über Hotbird/Eutelsat hätte die ARD einen Betrag von knapp einer Million Euro pro Jahr zahlen müssen.
Außerdem falle eine Versorgung außerhalb Deutschlands eh nicht in den Aufgabenbereich der ARD:
Für den Auslandsrundfunk hat der Bundesgesetzgeber eigens die Deutsche Welle geschaffen. Zudem können ARD-Angebote auch über das Internet genutzt werden, etwa über www.tagesschau.de oder die Mediatheken.
Den drei “Bild”-Reportern, die da bereits an einem großen Artikel arbeiteten, war diese Stellungnahme freilich egal: Rolf Kleine, Paul Ronzheimer und Guido Brandenburg veröffentlichten heute einen großen Seite-2-Artikel, der die selbst geschürte “Riesenwut auf die ARD” aufgriff.
Politiker wie der SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier; der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmut Königshaus (FDP); der CDU-Verteidigungsexperte Ernst-Reinhard Beck; der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) und der FDP-Medienexperte Burkhardt Müller-Sönksen dürfen sich lautstark über die Abschaltung empören und werden damit bewusst oder unbewusst zu Kronzeugen der “Bild” Kampagne. Im Büro des Wehrbeauftragten Königshaus sagte man uns, man wisse natürlich seit Juli von der Abschaltung, freue sich aber über die Aufmerksamkeit, die bisher ausgeblieben sei.
Rolf Kleine, auch sonst nicht für ruhige Töne bekannt, erklärt in seinem Kommentar:
Kleine sieht seine Chance gekommen, eine direkte Brücke von den ARD-losen Soldaten hin zu den (laut “Bild” ja eh schon immer viel zu hohen) Gebühren zu schlagen, und betätigt sich als Milchmädchen:
Was machen die ARD-Gewaltigen eigentlich mit den Gebühren-Milliarden, die wir ihnen Jahr für Jahr in die Kassen spülen – wenn am Ende nicht mal 300000 Euro für die Übertragung nach Afghanistan übrig sind? Denn die restlichen 700000 Euro zahlen die Soldaten mit ihren GEZ-Gebühren ohnehin selbst.
Nun zahlen die Soldaten ihre “GEZ-Gebühren” natürlich primär für die Erstellung von Inhalten bei den Radio- und Fernsehprogrammen von ARD, ZDF und Deutschlandfunk und nicht ausschließlich, um damit die Übertragung des ARD-Fernsehprogramms zu finanzieren.
Kleine verkündet:
Aus Solidarität mit unseren Soldaten schmeißt BILD heute das ARD-TV-Programm raus! Wir sind sicher: Unsere Leser sind genauso empört über die ARD wie wir!
Dabei muss man sich jetzt nicht vorstellen, dass ein armer Praktikant die ARD aus den Redaktionsfernsehern bei “Bild” löschen musste — “Bild” war viel pragmatischer:
Warum die Solidarität von “Bild” ein halbes Jahr auf sich warten ließ, wissen wir nicht. Vielleicht wollte die Zeitung ihrem Liebling Karl-Theodor zu Guttenberg mal wieder Gelegenheit bieten, sich zu profilieren — oder es handelt sich um die Rache für die brandneue iPhone-App der “Tagesschau”, die viele Verleger als “Wettbewerbsverzerrung” empfinden.
Mit Dank an K.N., noir, Matthias B., Peter, Sebastian D., André H. und Alex F.
Nachtrag, 16.10 Uhr:Dafür wird sich “Bild” morgen sicher noch gebührend feiern:
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. “Man muss nur die richtige Frage stellen” (faz.net, Melanie Mühl)
Melanie Mühl spricht in der “FAZ” von einer Kampagne gegen den von Stephanie zu Guttenberg präsidierten Verein “Innocence in Danger”: “Der Verein ‘Innocence in Danger’ hat sich nicht geweigert, seine Zahlen zu veröffentlichen. Er hat das Interesse, dass über ihn hereingebrochen ist, einfach unterschätzt und das Ultimatum eines Journalisten nicht eingehalten. (…) Am Ende bleibt von allen Vorwürfen nichts.”
3. “Wikileaks” (weltwoche.ch, Roger Köppel)
Anders als Privatpersonen haben Staaten keine schützenswerte Intimzone, findet Roger Köppel: “Es ist bizarr, wenn sich Journalisten für Geheimhaltung und Verschleierung im Namen der Staatsräson einsetzen. Menschen, Bürger, im Privatsektor tätige Unternehmer und Angestellte sind vor der Macht des Staates und der Medien im Zweifelsfall zu schützen, aber sicher nicht das Machtmonopol selber, das in Schach zu halten und zu durchleuchten die nobelste Aufgabe der Journalisten ist.”
4. “Überfordert von Transparenz?” (notes.computernotizen.de, Torsten Kleinz)
Torsten Kleinz fragt angesichts der Medienberichterstattung zu Wikileaks: “Ist das zu viel Transparenz für uns?”: “Wo sind die Mechanismen, die echte Skandale von Banalitäten, die Hörensagen von Fakten und Recherche unterscheiden? Wo sind die Leser, die mehr lesen wollen als ihre eigene Meinung?” Anhand einer falschen Meldung über den Schauspieler Mark Ruffalozeigt er auf, wie mühsam erarbeitete Transparenz ignoriert wird.
5. “Instyle Men vs. Gala Men” (klatschkritik.blog.de, Antje Tiefenthal)
“Instyle Men” lässt James Dimon, CEO von JPMorgan Chase & Co., 13 Milliarden Euro im Jahr verdienen. “Wenn Spiegel Online die Quelle ist, kann’s nicht falsch sein, hat sich der Redakteur wohl gedacht. Ein paar Klicks mehr hätten gezeigt: Spiegel Online lässt Jamie Dimon nicht Milliarden verdienen, sondern ‘nur’ 13 Millionen Euro.”
6. “Vom Argwohn gegenüber der eigenen Saturiertheit” (blog.dummy-magazin.de, Oliver Gehrs) Gentrifizierung in Berlin: Oliver Gehrs fragt sich, “warum denn all diese Reporter, die dem authentischen Osten so nachweinen nicht nach drüben gehen, wie es früher bei Springer hieß. Zum Beispiel nach Schwedt an der Oder. Da gibt’s den Osten nämlich noch.”
Mindestens genauso spannend wie das, was in der Zeitung steht, ist ja häufig das, was nicht in der Zeitung steht.
Aber erst mal zurück zu dem, was tatsächlich gedruckt wird:
Seit dem Start von “Tatort Internet” berichtete “Bild” immer wieder wohlwollend über die RTL2-Sendung. Stephanie zu Guttenberg, First Lady von “Bilds” Gnaden und Gastmoderatorin der ersten Ausgabe, wurde für ihr Engagement gefeiert und zur “Gewinnerin” ernannt (BILDblog berichtetemehrfachdarüber).
Am 12. November vermeldete “Bild” auf Seite 2:
“Tatort Internet” verstößt nicht gegen Jugendschutz
München – Wichtiger Erfolg für die RTL-2-Reihe “Tatort Internet”: Die TV-Sendung verstößt nicht gegen die Jugendschutzbestimmungen! Das bestätigte die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM). Der KJM-Vorsitzende Wolf-Dieter Ring sagte, dass die Gefahren des sexuellen Missbrauchs im Internet durch diese Sendung “ein Stück weit breiter diskutiert” und neue Zielgruppen erreicht würden.
Vergangene Woche sprach der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann bei einem Symposium der Initiative “White IT” in Hannover mit Fachleuten von Polizei und Wirtschaft über die Bekämpfung von Kinderpornografie und Kindesmissbrauch jenseits medialer Show-Effekte. Im Rahmen der Veranstaltung wurde “Tatort Internet” mehrfach kritisiert — so forderte die EU-Abgeordnete Sabine Verheyen (CDU) von den Medien “gehaltvolle Information” und setzte hinzu: “Damit meine ich nicht, was in der letzten Zeit über den Äther gegangen ist”.
Die Lokalredaktion Hannover jedoch ignorierte die Veranstaltung nahezu komplett und lud Minister Schünemann zum gemeinsamen Fernsehgucken, um seine Meinung zu “Tatort Internet” zu erfahren. Schünemanns durchaus differenzierte Antworten (“Eine ehrenwerte Idee.”, “Fahndung ist Aufgabe der Polizei, nicht von TV-Reportern.”) fasste “Bild” in der Überschrift so zusammen:
Diesen Dienstag teilte die Kommission für Zulassung und Aufsicht der Landesmedienanstalten (ZAK) mit, dass “Tatort Internet” gegen den Rundfunkstaatsvertrag verstoßen habe: In den beiden ersten Folgen seien die potentiellen Täter nicht hinreichend unkenntlich gemacht worden, “so dass sie von ihrem sozialen Umfeld durchaus identifizierbar waren”.
Es sieht aus wie moderne Kunst, soll aber das Ergebnis einer Umfrage abbilden:
Mit einem ernst zu nehmenden Balkendiagramm hat die Grafik auf tagesschau.de allerdings nicht viel zu tun: Der Balken für 77 Prozent ist genauso lang wie die für 84, 89 und 90, aber im Verhältnis zu den Balken mit 52 und 58 Prozent viel zu kurz.
Und 100 Prozent (bzw. 99 bei CDU/CSU) fallen so unterschiedlich aus:
Aber vielleicht gelten in Monaten ohne “b” andere Regeln.
Mit Dank an Georg Z.
Nachtrag, 6. November: tagesschau.de hat die Grafik überarbeitet und mit einem Hinweis versehen:
Diese Grafik wurde ausgetauscht. Die Balken haben jetzt die korrekte Länge. Dank an die Hinweisgeber!