Archiv für Bild am Sonntag

“Bild am Sonntag” schleicht mit Jogi Löw und VW werbend durch Berlin

Vor eineinhalb Wochen erschien in “Bild am Sonntag” ein etwas überraschendes Doppelinterview. Reporterin Tanja Treser und Reporter Michael Witt begleiteten Fußballnationaltrainer Jogi Löw und VW-Chef Herbert Diess auf deren Weg durch Berlin zum DFB-Pokalfinale. Löw, Diess, Treser und Witt fuhren dabei mit einem Elektroauto von VW durch die Stadt. Jogi Löw durfte ein bisschen staunen (“Löw sitzt zum ersten Mal am Steuer eines Elektroautos und staunt über die Beschleunigung.”), Herbert Diess durfte ein bisschen was verraten (“Diess verrät ihm bei der Fahrt noch Details über den Prototypen.”). Aber eigentlich sollte es in dem Gespräch um Gemeinsamkeiten von Löw/Diess beziehungsweise Nationalteam/VW gehen. Und die fand das “BamS”-Duo mit etwas Hingebiege an manchen Stellen auch:

Ausriss Bild am Sonntag - Ihr hattet ein paar schlechte Spiele, wir eine tiefe Krise

An anderen hingegen überhaupt nicht:

Sie sind bis auf wenige Monate gleich alt. Haben Sie in Ihrer Jugend gegen irgendwas demonstriert?

DIESS: Ja, ich war sehr politisch, wir hatten damals natürlich andere Motive. Damals waren Amerika und Vietnam ein großes Thema. Es gab viele Ungerechtigkeiten, ich habe beispielsweise gegen das Hochschulrahmengesetz demonstriert. (…)

LÖW: Wo ich aufgewachsen bin, im Schwarzwald, gab’s nur heile Welt.

Mit dieser zwanghaften Suche nach Berührungspunkten geht es dann immer weiter (“Sind Nationalelf und VW in die Krise gerutscht, weil sie zu arrogant waren, weil sie dachten: Wir sind die Nr. 1, uns kann keiner was?”, “Sie kommen beiden aus einfachen Verhältnissen. Papa Löw war Ofensetzer, Vater Diess Maler. Hatten Sie es dadurch schwerer?”, “Herr Diess, Sie sind mit 16 Jahren gestürzt, weil Sie mit dem Skateboard bei 60 km/h an einem Auto hingen. Dabei brachen Sie sich den Arm.” (…) “Haben Sie auch solchen Blödsinn gemacht, Herr Löw?”).

Am Montag, also einen Tag nach Erscheinen des Interviews in “Bild am Sonntag”, gab VW bekannt, dass Jogi Löw das neue Werbegesicht des Konzerns sein werde, speziell für die Elektromobilität. Jürgen Stackmann, Vertriebsvorstand der Marke Volkswagen Pkw, betont in der Pressemitteilung die Gemeinsamkeiten des neu gewonnenen Markenbotschafters und seines eigenen Unternehmens:

Joachim Löw trainiert die Nationalelf seit vielen Jahren auf höchstem Niveau und hat sich dabei auch von sportlichen Rückschlägen nicht beirren lassen. Außerdem ist es ihm immer wieder gelungen, Umbrüche einzuleiten. Deshalb passt er perfekt zu Volkswagen. Mit Käfer und Golf haben wir Klassen über Jahre geprägt und leiten nun mit dem ID.3 den nächsten Umbruch in der Marke ein. Wir wollen mit der Elektromobilität Millionen begeistern — ebenso wie der Bundestrainer mit seiner neuen Mannschaft.

Also ziemlich genau der Spin, der einen Tag zuvor in “BamS” zu finden war. Zufälle gibt’s.

Und davon gibt es noch ein paar mehr: In dem Artikel von “Bild am Sonntag” steht nicht ein Wort darüber, dass Jogi Löw das neue Aushängeschild bei VW wird. Dabei müssen die Fotos, die in “BamS” zu sehen sind, bei derselben Gelegenheit entstanden sein wie die Werbefotos, die VW Medien für deren Berichterstattung zur Verfügung stellt. Und im offiziellen PR-Video von VW, in dem Löw und Diess in einem Elektroauto durch Berlin fahren und in dem Diess erzählt, wie sehr Löw über die Beschleunigung des Wagens gestaunt hat, ist zu sehen, wo diese Fahrt beginnt: vor dem Axel-Springer-Hochhaus.

Screenshot aus dem VW-Werbevideo, auf dem das Elektroauto vor einem Axel-Springer-Schuld zu sehen ist

Wir haben bei “Bild”-Sprecher Christian Senft nachgefragt, ob die Artikel in “Bild am Sonntag” und bei Bild.de Teil einer VW-Werbekampagne sind. Er schrieb uns:

Selbstverständlich war das Interview nicht Teil einer Werbekampagne, Redaktion und Verlag sind bei Axel Springer strikt getrennt. Gerade BILD am SONNTAG hat sich in den vergangenen Jahren sehr kritisch mit VW und der Dieselaffäre auseinandergesetzt und ist für seine investigativen Enthüllungen dazu ausgezeichnet worden.

(Dazu sei noch einmal kurz daran erinnert, dass ein anderes Springer-Blatt, die “Welt”, erst vor Kurzem Herbert Diess zum Co-Chefredakteur machte und dem VW-Konzern eine komplette Ausgabe überließ.)

Auf unsere Frage, ob die “BamS”-Redaktion davon wusste, dass Jogi Löw neuer Markenbotschafter bei VW werden soll, antwortete Christian Senft nur: “Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns zu redaktionellen Entscheidungen und Prozessen grundsätzlich nicht äußern.”

Den Schuss nicht gehört, den Rumms umso lauter

In Dänemark fand vorgestern die Parlamentswahl statt, oder wie Bild.de schreibt:

Rumss-Wahl in Dänemark

Auch vor der Europawahl neulich hatte Bild.de verkündet:

Das wird eine fürchterliche RUMMS-Wahl!

Und auch sonst macht es derzeit wahlenmäßig bei den “Bild”-Medien vor allem eines:

RUMMS! Diese Woche gibt es einen klaren Gewinner
Rumms-Umfrage schockt SPD
Bei diesen Parteien macht es richtig RUMMS
Heute macht es RUMMS in Bayern
So sieht Deutschland nach dem Rechts-RUMMS aus
Droht jetzt ein neuer Europa-Rumms?
Endlich mal RAUF statt RUMMS
Droht ein Rechts-Rumms bei der Europa-Wahl?
In Brandenburg droht ein Rechts-Rumms
Wo der Rechts-Rumm am schlimmsten wird
Rezo-Rumms für die CDU

Bei “Bild” rummst es aber nicht nur bei Wahlen, sondern … überall.

Wenn Prinz Philip einen Unfall hat:

Schlagzeile: Rumms!

Wenn Uli Hoeneß einen Spieler kritisiert:

Textauszug: RUMMS!

Wenn Franck Ribéry seine Kritiker beleidigt:

Textauszug: RUMMS!

Wenn Tony Marshall über Otto meckert:

Textauszug: RUMMS!

Wenn ein Paar beim Sex im Auto einen Unfall baut:

Schlagzeile: ER (70) und SIE (34) machten erst bums, dann rumms

Wenn eine Terrasse in eine Hofeinfahrt kracht:

Schlagzeile: RUMMS! Terrasse kracht in Hofeinfahrt

Wenn Henning Baum ein Auto schrammt:

Schlagzeile: Henning Baum - Mit nem Rummms zurück

Wenn eine “Tatort”-Kommissarin eine Ohrfeige austeilt:

Schlagzeile: RUMMS! Hier schlägt die neue Tatort-Kommissarin zu

Wenn der FC Bayern München nicht den gewünschten Trainer bekommt:

Textauszug: Rumms!

Wenn eine Hollywood-Schauspielerin einer Kollegin etwas Böses auf Instagram schreibt:

Textauszug: Rumms!

Wenn ein Hund einen Herd einschaltet:

Schlagzeile: Hund schaltet Herd ein - Explosion! - Rrrrumms!

Wenn was auch immer passiert, bei “Bild” macht es:

Schlagzeile: Rumms, da war das Auto FORD!
Schlagzeile: RUMMS! Neuer Griechen-Chef schockt Finanzwelt
Schlagzeile: Waschen, Schneiden, Rumms!
Schlagzeile: Hilfe, wir wohnen in der Rumms-Bumms-Straße
Schlagzeile: Rumms mit Pep!
Schlagzeile: Rumms-Raub im Goldstübchen
Schlagzeile: Das Rumms-Mobil der besoffenen Bulgaren
Schlagzeile: RUMMS! SEK stürmt falsche Wohnung
Schlagzeile: Ganz Berlin hat einen Rumms!
Schlagzeile: Video: hier macht es Rumms beim Rocker-Boss
Schlagzeile: Nach schwül kommt RUMMS!
Schlagzeile: Rumms, Bumms, KUNST!
Schlagzeile: Rummms! Der BILD-Party-Hammer
Schlagzeile: Herr Lehmann, wann macht es wieder RUMMS?
Schlagzeile: Wo ist die Beute der RUMMS-RÄUBER?
Schlagzeile: Fahrschüler rasselt mit RUMMS durch Prüfung!
Schlagzeile: Die bittere Wahrheit über diesen Rumms
Schlagzeile: Beim Rollator-Rumms hat es gefunkt
Schlagzeile: Monis Rumms-Bumms-Rache
Schlagzeile: Rumms! Rams-Rambo rammt sich zum Blitz-Touchdown

Welches Geräusch es macht, wenn der Kopf eines BILDbloggers bei einer solchen Recherche auf der Tischplatte landet? Richtig.

“Verlagsleitung BILD Gruppe” hübscht “Bild am Sonntag” bei Wikipedia auf

Auf der Wikipedia-Seite zu “Bild am Sonntag” gibt es in der Regel kaum Änderungen. Im Januar wurde mal ein bisschen was ergänzt, davor im September 2018, davor im April und im Februar desselben Jahres. Also: alles recht ruhig. Aber vorgestern — da ging’s los. Ein Wikipedia-Benutzer mit dem Namen “Verlagsleitung BILD Gruppe” fing an, den “BamS”-Eintrag zu überarbeiten, oder genauer: kritische Stellen abzuschwächen oder komplett zu löschen und positive PR-Passagen hinzuzufügen.

In einem ersten Schritt ergänzte der Benutzer am Montag diese zwei Absätze …

Die Bild am Sonntag (kurz: BamS) ist mit einer Auflage von 741.159 Exemplaren die reichweitenstärkste Sonntagszeitung Deutschlands. Sie ist die meist zitierte Sonntagszeitung und gehört mit Platz3 überhaupt zu den meist zitierten Medien Deutschlands.

Die Bild am Sonntag gehört zur BILD-Gruppe der Axel Springer SE. Die Axel Springer SE ist eines der größten multimedialen Verlagshäuser mit Hauptsitz in Berlin.

… und löschte diesen:

Die BamS ist familienfreundlicher konzipiert als die von Montag bis Samstag erscheinende “Bild”. Sie erscheint außerdem im kleineren Zeitungsformat “Nordisches Tabloid”.

Mit dem Kommentar “Abschnitt ergänzt, zuvor kein gesonderter Abschnitt zu Inhalt und Stil vorhanden” fügte “Verlagsleitung BILD Gruppe” dann dieses Marketinggeschwurbel ein:

Ziel der “Bild am Sonntag” ist es, bereits am Sonntag die Themen zu setzen, über die Deutschland in der Woche spricht. Unter dem Claim “Deutschland am Sonntag — Bild am Sonntag” möchte die Zeitung ein entspanntes Sonntagsgefühl bei ihren Lesern vermitteln. Dabei beinhaltet sie einen Mix aus aktuellen, politischen und unterhaltenden Themen. Diese spiegelt die Redaktion häufig aus persönlichen Perspektiven wider, um dem Leser eine hohe Identifikationsmöglichkeit zu bieten.

Und:

Darüber hinaus hat die Bild am Sonntag Deutschlands größten Sportteil, welcher sich als eigene Sportzeitung in der Mitte zum Herausnehmen befindet.

Außerdem kamen noch Angaben zum Verkaufspreis der “Bild am Sonntag” hinzu und Informationen, wo man die Zeitung so kaufen könne. Am Montagnachmittag gab es dann auch den ersten Versuch, die “BamS”-Auflagenentwicklung ein bisschen aufzuhübschen. “Verlagsleitung BILD Gruppe” löschte diese Grafik:

Screenshot einer Wikipedia-Grafik mit der fallenden Auflage der Bild am Sonntag

Der Bearbeitungskommentar dazu:

Die Basis, anhand welcher sich die Auflagenzahl bemisst, wurde in der Vergangenheit mehrfach geändert, daher macht ein Vergleich/ Diagramm wenig Sinn; zudem müssen diese Angaben kontinuierlich aktualisiert werden, weshalb ein Verweis auf IVW, wo aktuelle Auflagenzahlen, auch im Vergleich zu anderen Zeitungen abgerufen werden können, sinnvoller ist als Diagramme oder Ähnliches

Im selben Schritt machte der Benutzer aus …

Die Bild am Sonntag gehört ebenso wie die Bild-Zeitung zu den deutschen Zeitungen mit den größten Auflagenverlusten der vergangenen Jahre.

… das hier:

Die Auflagen-Entwicklung der Bild am Sonntag verhält sich analog zum strukturellen Rückgang von Print-Medien.

Und das ist nicht nur Augenwischerei, sondern schlicht falsch. Die Auflage der “Bild am Sonntag” verhält sich nicht “analog zum strukturellen Rückgang von Print-Medien.” Der Auflagenverlust des Blattes ist viel dramatischer als der aller anderen Wochen- und Sonntagszeitungen (und auch aller überregionalen Tageszeitungen).

Andere Wikipedia-Benutzer intervenierten immer wieder und machten viele Änderungen rückgängig, etwa das Löschen der Auflagen-Grafik. Sie wiesen auch darauf hin, dass die Beiträge zu werblich seien:

Sie sind bereits einmal aufgefordert worden, Marketing- und Werbeeinträge zu vermeiden. Ich weise ausdrücklich noch einmal darauf hin, leider aus gegebenem Anlass. Wikipedia ist ausdrücklich keine Basis für verkaufsfördernde Maßnahmen, sondern ein Enzyklopädie-Projekt.

Das hielt “Verlagsleitung BILD Gruppe” aber nicht davon ab, die Änderungen erneut einzubringen — zum Beispiel jene mit dem herausnehmbaren Sportteil und dem “BamS”-Claim und der Bereits-am-Sonntag-die-Themen-setzen-PR.

Am Dienstagmorgen folgte der nächste Versuch, die wenig schmeichelhafte Auflagen-Grafik aus dem Wikipedia-Eintrag zu tilgen und den Quatsch mit “analog zum strukturellen Rückgang” unterzubringen. Der Bearbeitungskommentar dazu: “Aktualisierung von Angaben”. Eine Minute später wollte “Verlagsleitung BILD Gruppe” mit dem Hinweis “unpassende Angabe” das Kapitel “Kritik” komplett löschen und mit ihm den Verweis auf die von “Bild am Sonntag” ausgelöste “Medienkontroverse” um Peter Lustig.

Dann sollten noch “Auszeichnungen” hinzugefügt werden, woraufhin erstmal eine sechsstündige Sperre des Accounts folgte (Begründung: “kurze Pause zum Lesen der Hinweise auf der Diskussionsseite und den dort verlinkten Hilfeseiten”). Nach Freischaltung fügte “Verlagsleitung BILD Gruppe” gestern Nachmittag weitere Auszeichnungen sowie Links zur “BamS”-Facebookseite und zu einem Lesershop hinzu. Anschließend gab es eine Sperre für eine Woche, da der Benutzer sein Konto trotz Aufforderung nicht verifiziert hatte.

So peinlich das alles sein mag — die Aktion war durchaus erfolgreich: Die Auflagen-Grafik ist aus dem Wikipedia-Eintrag verschwunden und die falsche Aussage, die “BamS”-Auflagenentwicklung verhalte sich “analog zum strukturellen Rückgang von Print-Medien”, nun drin. Das Kapitel “Kritik” heißt inzwischen “Weblinks”. Und die Auszeichnungen werden (in einer deutlich abgespeckten Version) erwähnt.

Wir haben bei “Bild”-Sprecher Christian Senft nachgefragt, ob der Wikipedia-Benutzer “Verlagsleitung BILD Gruppe” zum Axel-Springer-Verlag gehört und ob es gängige Praxis dort ist, Wikipedia-Artikel mit PR-Botschaften aufzupeppen. Bisher haben wir keine Antwort von ihm erhalten.

Auf eine der Fragen scheint es aber inzwischen eine Antwort zu geben. Auf der Benutzerseite von “Verlagsleitung BILD Gruppe” steht inzwischen:

Dieses Benutzerkonto wurde gegenüber dem Support-Team mit einer E-Mail-Adresse von axelspringer.de verifiziert.

Damit ist der Account wieder freigeschaltet. Sie können jetzt also weitermachen.

Nachtrag, 14:03 Uhr: Nach Veröffentlichung dieses Beitrags wurden einige Änderungen auf der “BamS”-Wikipedia-Seite rückgängig gemacht. Zum Beispiel ist die Auflagen-Grafik nun wieder da. Momentan gibt es offenbar einen sogenannten Edit-War.

Nachtrag, 16:23 Uhr: “Bild”-Sprecher Christian Senft hat es bisher leider immer noch nicht geschafft, uns auf unsere zwei Fragen zu antworten. Dafür hat aber die Springer-Pressestelle dem Branchendienst “turi2” zu der Sache geschrieben:

Wir wissen, dass Wikipedia für viele eine bedeutende Quelle der Recherche ist. Daher ist es wichtig, dass die Fakten korrekt und aktuell sind. Dies war bei vielen Einträgen für “Bild am Sonntag” nicht mehr der Fall, weshalb wir diese für alle transparent und begründet geändert haben. Alle Anpassungen erfolgten mit klarer Absenderschaft, niemand hat versucht, wie von BildBlog behauptet, etwas “werblich unterzuschummeln”. Es gehört zu Wikipedia, dass diese Einträge oder bestimmte Formulierungen durch andere Nutzer anders bewertet und eingeordnet werden können.

Interessant finden wir das wörtliche Zitat “werblich unterzuschummeln”, dass uns die Springer-Pressestelle zuschreibt. Wir haben zwar von aufhübschen und aufpeppen gesprochen. Die Worte “werblich unterzuschummeln” haben wir hingegen an keiner Stelle benutzt.

Nachtrag, 17. Juni: Auf Nachfrage des Medienmagazins “Zapp” (ab Minute 2:05) ist der Springer-Pressestelle noch eine lustige Begründung eingefallen, warum das Kapitel “Kritik” von “Verlagsleitung BILD Gruppe” gelöscht wurde:

Das Kapitel wurde nur vorübergehend gelöscht, um es als Ganzes aktualisiert zu ergänzen.

Das Hochladen des aktualisierten Artikels habe dann blöderweise wegen der zwischenzeitlichen Sperre nicht mehr funktioniert.

Julian Reichelts Auflagen-Märchen

Was Print angeht, ist unser Ziel, das bei Kaufzeitungen marktübliche prozentual zweistellige Auflagenminus auf das zu beschränken, was strukturell bedingt ist. Das bedeutet für uns als Redaktion, um jenen Anteil am Rückgang zu kämpfen, der nicht markt-, sondern journalistisch bedingt ist. Das scheint uns zu gelingen, denn Bild hat rund drei Prozentpunkte weniger an Auflage verloren als der Verlag prognostiziert hat und ist dazu hochprofitabel.

… sagte “Bild”-Chef Julian Reichelt neulich im Interview mit “Horizont”. Wir haben uns mal genauer angeschaut, was an dieser Aussage dran ist: Gelingt es “Bild” wirklich, den Rückgang der Auflage auf den “strukturell bedingten” Anteil zu beschränken?

So sieht die Auflagenentwicklung von “Bild” und “Bild am Sonntag” aus:

Aber wie gering oder stark verlieren “Bild” und “BamS” im Vergleich zur Konkurrenz?

Erstmal wäre die Frage, welchen Markt Julian Reichelt genau meint. Er könnte den Boulevardmarkt meinen. Dort nimmt “Bild” als einzige überregionale Tageszeitung eine Sonderstellung ein. Alle andere deutschen Boulevardblätter erscheinen nur regional: die “Mopo” in Hamburg, die “B.Z.” und der “Berliner Kurier” in Berlin, der “Express” in Köln, die “tz” und die “Abendzeitung” in München und die “Morgenpost” in Sachsen.

Dies ist die relative Auflagenentwicklung der deutschen Boulevardzeitungen seit 1998 (soweit reicht das Archiv der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) zurück):


(zum Knick bei der “Abendzeitung” siehe hier)

Bei allen Blättern geht es dramatisch runter, nur die “tz” kann sich noch einigermaßen halten. “Bild” (-67,6 Prozent) verliert, nach “Abendzeitung” (-73,5), “Express” (-72,9) und “B.Z.” (-70,6) am viertstärksten. Schaut man sich nur die Entwicklung seit 2017 an, also seit Julian Reichelt Vorsitzender der “Bild”-Chefredaktionen ist, liegt “Bild” (-9,0) ebenfalls auf dem viertletzten Platz: Nur der “Express” (-17,3), die Hamburger “Mopo” (-17,2) und die ebenfalls von Reichelt verantwortete “B.Z.” (-9,6) haben noch stärker verloren. Wirklich positiv ragt Reichelts Blatt also nicht aus dem Boulevardmarkt heraus.

Nun haben wir aber sowieso Zweifel, dass Julian Reichelt “Bild” auf einem Level mit der “Morgenpost” aus Sachsen oder dem “Berliner Kurier” sieht. Zumal er in einem anderen Interview behauptete, “Bild” halte sich in einer Liga mit “Washington Post” und “New York Times”:

Wir sind da, wo die “Post” oder die “New York Times” sind, oder umgekehrt: Die sind da, wo wir sind. In dieser Liga halten wir uns

Werden wir mal nicht völlig größenwahnsinnig: Wie macht sich “Bild” im Markt der überregionalen Tageszeitungen in Deutschland? Noch schlechter:


(die Auflage der “Welt” ab 2005 zusammen mit “Welt kompakt”; die “Frankfurter Rundschau” fehlt hier, da die Auflage seit 2013 nicht mehr gesondert gemeldet wird)

Auch hier verlieren alle, aber niemand verliert so stark wie “Bild”. Nicht annähernd. Und dabei ist es völlig egal, welchen Bezugspunkt man nimmt: ob seit 1998 (-67,6 Prozent), seit 2001 (-66,4), als Kai Diekmann die Chefredaktion übernahm, seit 2010 (-50,8), seit 2016 (-15,5), als Tanit Koch die Chefredaktion übernahm, oder seit 2017 (-9,0) — immer liegt “Bild” auf dem letzten Platz.

Genauso schlecht sieht es bei der “Bild am Sonntag” im Vergleich mit anderen Wochen- und Sonntagszeitungen aus:


(“der Freitag” ohne IVW-Angaben für 2009 und 2010; die “FAS” gibt es erst seit 2001)

Was sagte “Bild”-Chef Julian Reichelt noch mal im Interview mit “Horizont”?

Das bedeutet für uns als Redaktion, um jenen Anteil am Rückgang zu kämpfen, der nicht markt-, sondern journalistisch bedingt ist.

Das scheint ihm und seinem Team ganz offensichtlich nicht zu gelingen.

Dazu auch:

Lobbyarbeit statt Berichterstattung: Wie die “Bild”-Medien für die Urheberrechtsreform kämpften

Am Tag nach der Abstimmung über die EU-Urheberrechtsreform stellte ZDF-Korrespondent Florian Neuhann treffend fest:

Tweet von Florian Neuhann - Bemerkenswert, wie die Bild in einer Nachricht auf S. 1 über die Urheberrechtsreform berichtet, ohne auch nur ein einziges Wort über die Kritik zu verlieren. Nicht mal das sonst unter Journalisten so beliebte Wort umstritten fällt
Weiterer Tweet von Florian Neuhann - Habe übrigens mal nachgesehen, wie oft Bild über Proteste gegen Urheberrechtsreform berichtet hat. Gefunden habe ich nicht viel. Eine Meldung über die Demo, online etwas über Wikipedia-Protest. Im gedruckten Blatt? Offenbar: nichts.

Doch, auch in den gedruckten “Bild”-Medien gab es was zum Thema — einen Artikel. Wenige Tage vor der Abstimmung erschien in “Bild am Sonntag”:

Ausriss Bild am Sonntag - Wer für die Filter ist, bekommt sogar Morddrohungen

Auf der einen Seite CDU-Politiker Axel Voss, der für eine “gute Sache” kämpfe und dafür “zur Hassfigur des Internets” geworden sei, auf der anderen Seite die jungen Menschen, die “auf die Barrikaden” gehen und nicht mal vor “Morddrohungen” zurückschrecken würden.

Daneben beschrieb die “BamS”-Redaktion in einem vermeintlichen Erklär-Kasten noch mal, warum die Reform dringend “nötig” sei, und beantwortete Fragen wie “Was passiert, wenn die Reform abgelehnt wird?” (Antwort: Das wäre “ein Schlag für die Medien- und Kreativschaffenden in Europa”). Die Argumente der Kritiker wurden nicht erläutert, sie wurden nicht mal erwähnt. Unter dem Punkt “Wer kämpft für die Reform, wer dagegen?” listete das Blatt bei den Gegnern nur den Bundesverband Deutsche Start-ups auf:

Der Bundesverband Deutsche Start-ups warnt vor der Einführung von Uploadfiltern. Junge Start-ups müssten diese zukünftig dann teuer einkaufen, weil sie die Uploadfilter nicht selbst entwickeln könnten.

Als wäre das das einzige Problem. Und als wären Start-ups die einzigen, die vor Uploadfiltern gewarnt hätten. Alle anderen Argumente, alle anderen Gegner ließ das Blatt einfach unter den Tisch fallen.

Dazu stellte die Redaktion noch eine “Sonntagsfrage” an Passanten. Nicht etwa: “Was halten Sie von der EU-Urheberrechtsreform?” Sondern: “Müssen Facebook, Google & Co. mehr in die Verantwortung genommen werden, damit Recht und Respekt auch im Internet gelten?” Antwort aller Befragten: Ja.

Ausriss Bild am Sonntag mit der Straßenumfrage

Auch die anderen “Bild”-Artikel rund um die Reform waren keine Berichterstattung, sondern Lobbyarbeit. Ein Beispiel:

Ausriss Bild-Zeitung - Deutsche wollen faires Urheberrecht

Was “Bild” nicht erwähnte: Hinter der Initiative, die die Umfrage in Auftrag gegeben hatte, steht der Dachverband europäischer Verwertungsgesellschaften, dem unter anderem die GEMA angehört. Die Initiative war extra für die Lobbyschlacht gegründet worden und hatte sich mit allen Mitteln für Artikel 13 eingesetzt.

Bereits im Februar hatte “Bild” auf der Titelseite geschrieben:

Ausriss Bild-Titelseite - EU-Reform zum Urheberrecht - Google soll künftig an Verlage zahlen

Die Presseverlage würden durch die Reform “deutlich gestärkt”, hieß es da. Und: Es habe “heftige Diskussionen” gegeben. Warum es die gab und was die Gegner einzuwenden hatten, verschwieg die Redaktion.

Darüber hinaus fand das Thema in den “Bild”-Medien kaum statt: Bei Bild.de gab es einen Artikel, in dem ein CDU-Politiker von vermeintlich gekauften Demonstranten erzählen durfte. Und einen Text zur Demo in Berlin. Außerdem durfte CDU-Mann Günther Oettinger im Interview erklären, “warum die Proteste gegen das neue EU-Urheberrecht unbegründet sind”. In “Bild” und “BamS” haben wir lediglich noch zwei kleine Artikel aus diesem Jahr gefunden: “Wikipedia heute gesperrt” und “CDU will keine Upload-Filter für Deutschland”. Auch im Artikel zum Wikipedia-Protest verschwieg “Bild” das Warum. Schlimmer noch: Die Redaktion stellt es so dar, als wären die Wikipedia-Autoren gegen die Stärkung der “Rechte von Künstlern, Autoren und Verlagen”:

Damit protestieren die Autoren der Plattform gegen die EU-Urheberrechtsreform, die Ende des Monats im EU-Parlament zur Abstimmung steht. Sie soll u. a. die Rechte von Künstlern, Autoren und Verlagen an ihren Inhalten besser schützen.

Passend dazu auch Franz Josef Wagner:

Ich finde den Streik von Wikipedia beschissen. Bezahlt die Autoren, die Regisseure, die Journalisten, die Forscher, die Dichter und Denker. Sie sind das Salz der Welt.

Im Übrigen hatte sich “Bild” auch beim Wikipedia-Protest sichtlich Mühe gegeben, ihn möglichst unauffällig im Blatt unterzubringen:

Übersicht über Bild-Seite mit kleinem Wikipedia-Protest-Artikel

Deutlich sichtbarer hingegen war in den Tagen vor der Abstimmung das hier:

Übersicht über Bild-Seite mit großer Pro-Urheberrechtsreform-Anzeige
Übersicht über Bild-Seite mit großer Pro-Urheberrechtsreform-Anzeige
Übersicht über Bild-Seite mit großer Pro-Urheberrechtsreform-Anzeige

Mit Dank auch an alle Hinweisgeber!

“Bild” und der Fall Rebecca

Seit mehr als einem Monat wird die 15-jährige Katharina aus Langwedel vermisst. Die Polizei hat inzwischen ein Foto von ihr veröffentlicht, sucht seit eineinhalb Wochen öffentlich nach dem verschwundenen Mädchen.

So hat “Bild” bisher über den Fall berichtet:


(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.*)

Seit mehr als einem Monat wird auch die 15-jährige Rebecca aus Berlin vermisst. Die Polizei hat inzwischen ein Foto von ihr veröffentlicht, sucht seit mehreren Wochen öffentlich nach dem verschwundenen Mädchen.

So hat “Bild” bisher über den Fall berichtet:




























Zwei vermisste Mädchen, beide 15 Jahre alt, beide seit einem Monat verschwunden. Das eine bekommt einen kleinen Artikel auf einer hinteren Seite, das andere mehr als 20 auf den prominentesten Plätzen im Blatt, riesengroß, fast jeden Tag. Warum dieser Unterschied?

Eine große Rolle spielt vermutlich Rebeccas Aussehen.

Es ist die außergewöhnliche Schönheit dieses Porträts, das aus dem traurigen Verschwinden eines Kindes eine mediale Sensation macht.

… schrieb die “Süddeutsche Zeitung” vor Kurzem, und das gilt umso mehr für die “Bild”-Redaktion, die ja ohnehin keine Gelegenheit auslässt, sich an den “heißen Kurven” von minderjährigen Mädchen zu ergötzen, und selbst in den unpassendsten Momenten das Aussehen eines Menschen einer Frau für einen zwingend erwähnenswerten Aspekt in der Berichterstattung hält.

So wird “Bild” auch in diesem Fall nicht müde zu betonen, wie “schlank”, “groß” und “hübsch” Rebecca doch sei. Auch Franz Josef Wagner schreibt:

Rebecca ist eine schöne 15-Jährige. (…) Arme Rebecca, Du hübsches Mädchen. (…) Es ist nicht normal, dass so ein hübsches Mädchen verschwindet in dunkle Geheimnisse.

(Weil sonst bekanntlich immer nur unansehnliche Mädchen “in dunkle Geheimnisse” verschwinden.)

Dass “Bild” so viel über den Fall Rebecca berichtet, liegt wohl auch daran, dass die Ermittler der Zeitung gegenüber äußerst gesprächig sind. Immer wieder zitiert das Blatt “aus Ermittlerkreisen”, veröffentlicht viele exklusive “BILD-Informationen”, die nur von der Polizei oder der Staatsanwaltschaft stammen können.

Auch Verwandte von Rebecca sprachen in ihrer Verzweiflung immer wieder mit Reportern, wurden von der “Bunten” interviewt, von RTL, von den “Bild”-Medien. So wird “die emotionale Not” der Familie zum “Einfallstor für Tragödienjournalismus”, wie es das Medienmagazin “Zapp” formulierte.

Die Tragödienjournalisten von “Bild” aber geben sich mit Interviews und geleakten Ermittlerinfos selbstverständlich nicht zufrieden. Schon zu Beginn des Falls lungerten sie vor dem Haus von Rebeccas Schwager, der zwischenzeitlich als Tatverdächtiger verhaftet wurde, protokollierten, wer ein und aus ging und fotografieren den Mann, sobald er das Haus verließ. Anfangs gaben sie ihm noch einen kleinen Augenbalken, seit die Polizei ein Foto von ihm veröffentlichte, zeigen sie ihn ohne jede Unkenntlichmachung.

Dass die Polizei das Foto des Mannes herausgab, obwohl er zu dieser Zeit schon in Untersuchungshaft saß, ist ungewöhnlich; sie erklärt es damit, dass sie erhoffe, dass sich Zeugen melden, die ihn zur Tatzeit gesehen haben. Für die “Bild”-Medien jedenfalls ein sehr willkommener Umstand. So können sie sein Gesicht in Großaufnahme zeigen, immer und immer wieder:



Diese Artikel erschienen wohlgemerkt, nachdem der Schwager am vergangenen Freitag aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, weil der Ermittlungsrichter inzwischen “Zweifel am dringenden Tatverdacht hat”.

Bei “Bild” scheinen sie wenig Zweifel und kein Interesse an der Unschuldsvermutung zu haben. Schon in der vergangenen Woche fragte die Redaktion:

Wieder und wieder listete sie die aus Ermittlerkreisen durchgestochenen Details auf, die den Mann belasten sollen. Eigentlich, so der Eindruck, den “Bild” erweckte, kann nur er es gewesen sein.

Und auch nach seiner Haftentlassung ließen sie nicht von ihm ab. “Bild”-Reporter verfolgten und fotografierten den Mann, wie hier vor dem Haus seiner Mutter:

Bereits vor zwei Wochen kritisierte die Vereinigung Berliner Strafverteidiger die Berichterstattung unter anderem der “Bild”-Medien “auf das Schärfste”:

Die aktuelle Berichterstattung, insbesondere in BILD, B. Z., aber nicht mehr nur in den Boulevardmedien tritt die Unschuldsvermutung des Verdächtigen mit Füßen und imponiert als Treibjagd im Live-Tickermodus. Darstellungen, die sich darüber hinaus im Ringen nach Sensationseffekten in Spekulationen ergehen und überbieten, untergraben in der frühesten Phase des Verfahrens bewusst das, was der Rechtsstaat um seiner selbst willen garantieren will und soll: Unvoreingenommenheit und Fairness gegenüber einem Verdächtigten.

Gegenüber “Zapp” sagte Stefan Conen, ein Strafverteidiger aus Berlin:

Die Unschuldsvermutung gilt ungeteilt für jeden, der von einem Strafverfahren betroffen ist. Mich interessiert eigentlich weniger, wie die Medien dastehen, mich interessiert als Strafverteidiger, wie der junge Mann dasteht und wie das Verfahren dasteht. Und da muss man sagen, was da angerichtet wird, das lässt sich auch mit einer späteren Berichterstattung vermutlich nicht wiedergutmachen.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

*Nachtrag, 26. März: Die 15-jährige Katharina ist inzwischen wieder aufgetaucht — es muss nicht mehr nach ihr gesucht werden. Daher haben wir das Foto von ihr nun verpixelt.

Wes Brot ich ess, des Auto ich verteidige

Warum berichtet die “Bild” eigentlich immer so positiv über Autos? Die schlägt sich fast immer auf die Seite der Autohersteller. Liegt das vielleicht daran, dass die so viel Werbung schalten?

… fragte uns eine Leserin vor einer Weile. Und tatsächlich fiel in den letzten Monaten ganz besonders auf, wie sehr sich die “Bild”-Medien für ihre Freunde in der Autoindustrie ins Zeug legen.

Als etwa das Bundesverwaltungsgericht Anfang vergangenen Jahres entschied, dass Kommunen Fahrverbote für ältere Dieselautos verhängen können, reagierte “Bild” entsetzt.

Bild-Titelseite: Wir sind DI-ESEL der Nation!

… und “Bild”-Redakteurin Sissi Benner warnte:

Dieses URTEIL gefährdet Existenzen!

“Wie sehr können wir uns in Deutschland eigentlich noch selbst schaden?”, fragte sie. Dieses Urteil sei einfach nur “rücksichtslos”. Feuerwerke zu Silvester seien schließlich ebenfalls umweltschädlich, aber die verbiete ja auch niemand.

Ein paar Tage später veröffentlichte die “Bild”-Redaktion ein großes “Diesel-Manifest”:

DAS BILD-MANIFEST - DEUTSCHLAND SOLLTE STOLZ AUF DEN DIESEL SEIN!

Die Kritik am Diesel sei kompletter “Blödsinn”, schrieben die Autoren Tom Drechsler und Stefan Voswinkel und führten verschiedene Zahlen und Studien an, mit denen sie den Diesel verteidigten. Bei genauerem Hinschauen zeigte sich jedoch, dass sie Zahlen aus dem Zusammenhang gerissen und wichtige Fakten verschwiegen hatten, um den Diesel besser aussehen zu lassen.

Kurz darauf veröffentlichte das Umweltbundesamt eine Studie zu den Gesundheitsbelastungen durch Stickstoffdioxid. Ergebnis:

Die NO2-Konzentrationen in der Außenluft in Deutschland führen zu erheblichen Gesundheitsbelastungen. Dies zeigt eine Studie des Umweltbundesamts (UBA). Demnach lassen sich für das Jahr 2014 statistisch etwa 6.000 vorzeitige Todesfälle aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf die NO2-Hintergrund-Belastung im ländlichen und städtischen Raum zurückführen.

Eine “bedeutende Ursache für schädliche Stickoxide in der Atemluft”, so die Präsidentin des Umweltbundesamts, seien “eindeutig Diesel-Pkw”.

“Bild” reagierte — entsetzt.

Bild-Titelseite - Ergebnis von Abgas-Studie dreist verfälscht - So pfuscht das Umweltministerium mit Tausenden Diesel-Toten

Das Blatt warf der Behörde “PANIKMACHE” und die “Hinrichtung des Diesels!” vor. Die Behörde habe Fakten unterdrückt, um “den Diesel an den Pranger zu stellen”. Im Kommentar sprach “Bild”-Redakteur Stefan Voswinkel von der “Diesel-Hysterie der Öko-Apostel” und forderte im gleichen Atemzug “eine sachliche Diskussion”.

Und so sachlich ging’s dann bei “Bild” weiter:

Bild-Titelseite - Bild kämpft für Ihren Diesel

BILD setzt ein Zeichen für den Diesel! Ab heute ist unser Aufkleber überall dort kostenlos erhältlich, wo es BILD gibt. Setzen auch Sie ein Zeichen und kleben ihn auf Ihr Auto!

In der gleichen Ausgabe widmete Franz Josef Wagner seinen Brief an die “Lieben Diesel-Fahrer” (“Dein Diesel ist ein Familienmitglied. Plötzlich soll er eine Dreckschleuder sein. Was für ein Quatsch!”), und im Innenteil schrieb Stefan “Sachliche Diskussion” Voswinkel:

Massiv wurde in den letzten Monaten gegen den Diesel gestänkert. Von der Deutschen Umwelthilfe als Stinker gebrandmarkt und mit Fahrverboten bedroht, vom Bundesumweltamt ohne wissenschaftliche Beweise mit 6000 Toten durch Abgase in Verbindung gebracht. Millionen Diesel-Fahrer beklagen hohe Wertverluste, viele Fahrzeuge gelten als unverkäuflich.

BILD meint deshalb: Es reicht!

Tatsächlich sei die Luft in Deutschland “so gut wie nie zuvor”, und “auch die Altlasten durch Euro-5-Diesel lösen sich in Luft auf.”

Und dann kamen noch vier Männer zu Wort. Nicht etwa Wissenschaftler oder Politiker, sondern:

Artikel mit Stimmen von Dieter Zetsche, Harald Krüger, Herbert Diess und Wolfgang Kopplin

Der Chef von Daimler, der Chef von BMW, der Chef von VW und der Chef von Ford. Sie alle durften noch einmal betonen, wie toll und sauber ihre Diesel doch seien, und dass ein Fahrverbot ja nun wirklich nichts bringe.

Eine komplette Seite widmete die Redaktion ihrem Kampf für den Diesel. Darauf außerdem zu finden:

– ein Foto des “Diesel-Friedhofs von Kalifornien” (“So wie auf diesem Foto wird es bei uns hoffentlich nie aussehen …”)

– ein Artikel darüber, dass die Deutsche Umwelthilfe fünf Millionen Euro Steuergelder bekommt (“5 Millionen Steuergeld für die Diesel-Hasser!”)

– ein Artikel darüber, dass auch Autohersteller gegen die Nachrüstung sind; dort kommen noch einmal der BMW-Chef und noch einmal der Ford-Chef zu Wort.

Als dann im November das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen entschied, dass bald in einigen Stadtteilen Essens, einschließlich Teilen der Autobahn 40, einige Diesel nicht mehr fahren dürfen, reagierte “Bild” — entsetzt.

Bild-Titelseite - Neues Diesel-Urteil - Erstes Fahrverbot auf Autobahn

“So kann es nicht weitergehen!”, kommentierte “Bild”-Redakteur Tom Drechsler: “Solche Urteile sind nicht nur der Todesstoß für den Diesel. Sie bedrohen das Auto an sich. Und damit unser Land.”

Kommentar - Angriff auf unser Land! von Tom Drechsler

Vor zwei Monaten dann:

Bild-Titelseite - 107 Lungenärzte - Alles Lüge mit dem Diesel-Feinstaub

Und wieder verteidigte das Blatt die Autos gegen die “Feinstaub-Hysterie”. Der “Rauch einer Zigarette” zum Beispiel sei ja “um das Mehrfache giftiger” als unsere Luft. (Im Übrigen hatte sich der Anführer der “107 LUNGEN-ÄRZTE” ziemlich verrechnet).

Kurz darauf:

Bild.de - Zehn Mitrede-Fakten zum Diesel-Durcheinander

Auch dieser Artikel könnte direkt aus der PR-Abteilung eines Autobauers stammen: Autos seien in Wahrheit gar nicht so schlimm, unsere Luft werde immer sauberer, Kritik sei nicht wissenschaftlich fundiert, sondern politisch motiviert. Wieder gaben sich die Autoren Tom Drechsler und Stefan Voswinkel größte Mühe, die Autobranche mit verzerrten Fakten und Scheinargumenten zu verteidigen. So lautete einer ihrer Punkte allen Ernstes:

2010 überschritt die Zahl der Autos auf der Erde erstmals die Milliardengrenze, bis 2020 werden es 1,3 Milliarden sein. Die Lebenserwartung der Menschen steigt aber jedes Jahr. Laut WHO in den letzten 50 Jahren um 20 Jahre. Deutschland gehört zu den Ländern mit der höchsten Lebenserwartung: 80,8 Jahre.

Auch bei anderen Themen nimmt die “Bild”-Zeitung immer wieder eine Autoindustrie-freundliche Position ein. Beim Tempolimit zum Beispiel oder bei den “Gaga-Mess-Stationen” — und verdreht oder verschweigt die Fakten dabei so, dass es den Chefetagen der Autobauer in den Kram passen dürfte.

Aber kommen wir zurück zur Ausgangsfrage:

Warum berichtet die “Bild” eigentlich immer so positiv über Autos? Die schlägt sich fast immer auf die Seite der Autohersteller. Liegt das vielleicht daran, dass die so viel Werbung schalten?

Stimmt das denn eigentlich? Schalten die Autohersteller so viel Werbung in den “Bild”-Medien?

Um das herauszufinden, sind wir alle Ausgaben der “Bild”-Zeitung und der “Bild am Sonntag” durchgegangen, die in diesem Jahr bislang erschienen sind. Anhand der Preislisten des Verlags (PDF & PDF) haben wir dann ausgerechnet, in welchem Wert einzelne Branchen in diesem Jahr Anzeigen geschaltet haben. Und siehe da:

Grafik mit den Werten der von verschiedenen Branchen geschalteten Anzeigen in Bild und BamS vom 2. Januar bis 20. März 2019 - Discounter 50,1 Millionen Euro - Autohersteller 9,9 - Pharmaunternehmen 4,9 -  TV-Sender 2,7 - Telekommunikation 2,5 - Baumärkte 1,8 - Glücksspiel 1,3

Allein in den ersten elf Wochen dieses Jahres haben Autohersteller Anzeigen im Wert von fast 10 Millionen Euro in “Bild” und “BamS” geschaltet. Die Discounter waren die einzige Branche, die mehr investierte.

In vielen “Bild”-Regionalausgaben ist die Zahl der Autoanzeigen sogar noch größer, weil dort zusätzlich lokale Autohäuser werben. Hinzu kommen Autoanzeigen bei Bild.de, in “Auto Bild” und anderen Zeitschriften und Onlineportalen von Axel Springer.

Wie viel die Autobauer tatsächlich für die Werbung gezahlt haben, ob sie von “Bild” die üblichen Rabatte bei Anzeigen oder inzwischen einen besonderen Freundschaftspreis bekommen, wissen wir natürlich nicht. Und ob wirklich ein Zusammenhang besteht zwischen den vielen Autoanzeigen und der Pro-Auto-/Anti-Öko-Apostel-Berichterstattung der “Bild”-Medien, oder ob das alles bloß Zufall ist, können wir auch nicht mit Gewissheit sagen.

Eines steht aber fest, sei es bei den Autos oder bei der “Bild”-Zeitung: Ganz sauber sind sie nicht.

Lungenarzt verrechnet sich, “Bild” juckt es nicht

Dieter Köhler ist so etwas wie der Posterboy der Medien, die gegen den “Grenzwert-Irrsinn” (Bild.de), die “Gaga-Vorschläge” (auch Bild.de) der “Diesel-Hasser” (ebenfalls Bild.de) und die drohenden Diesel-Fahrverbote anschreiben. Der Lungenarzt im Ruhestand lieferte ihnen mit einem Positionspapier zu Luftverschmutzung, Feinstaub und Stickoxiden eine vermeintliche wissenschaftliche Grundlage. Es kümmerte die Redaktionen nicht, dass Köhler noch nie zu dem Thema publiziert hatte, und auch nicht, dass die etwa 100 weiteren Ärzte, die das Positionspapier unterzeichneten, nur einen Bruchteil der rund 3800 von Köhler angeschriebenen Ärzte ausmachten. Alles egal, Dieter Köhlers Thesen drehten die ganz große mediale Runde. Nun zeigt eine Recherche von “taz”-Redakteur Malte Kreutzfeldt, dass Köhler sich mehrfacht verrechnet hat, teils so gravierend, dass seine Aussagen sich ins Gegenteil verkehren, wenn man korrekt rechnet.

Am 23. Januar berichtete die “Welt” groß über Dieter Köhler und seine Mitstreiter:

Ausriss Welt - Lungenärzte gegen Grenzwerte

Am selben Tag brachte “Bild” die Geschichte mit größtmöglichem Knall:

Ausriss Bild-Titelseite - 107 Lungen-Ärzte - Alles Lüge mit dem Diesel-Feinstaub

Im Blatt ähnlich laut:

Ausriss Bild-Zeitung - Aufstand der Ärzte gegen Feinstaub-Hysterie

Bild.de machte natürlich mit, und schon bald gab es so gut wie keine Nachrichtenseite in Deutschland mehr, die nicht über Köhlers Positionspapier berichtete. Manche von ihnen holten schon früh Gegenstimmen ein oder äußerten etwas später Zweifel. Andere übernahmen einfach die Aussagen aus dem Papier. Köhler, der bereits zuvor immer mal wieder von Redaktionen als Experte auf dem Feld präsentiert wurde, saß bei “Anne Will”, “Hart aber fair”, “SternTV”. FDP-Chef Christian Lindner hing sich in “Bild” an die “aktuelle Intervention führender Lungenfachärzte” ran und forderte “ein Moratorium bei den Stickoxid-Grenzwerten”. Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), dessen Sprecher seit knapp einem Jahr der frühere “Bild”-Mann Wolfgang Ainetter ist, schrieb einen “BRAND-BRIEF AN DIE EU-KOMMISSION” (“Bild”) und bezog sich dabei auf deutsche Lungenärzte.

Dieter Köhler bekam in der folgenden Berichterstattung immer wieder Platz in den “Bild”-Medien:

Screenshot Bild.de - Lungenarzt zur Feinstaub-Hysterie - Das Atmen in Berlin ist absolut unbedenklich
Screenshot Bild.de - Schlimmster Verdacht - Es geht um Forschungsgelder, sagt Köhler. Da muss ja ein Ergebnis rauskommen, dass Feinstaub und Stickstoffdioxid schädlich sind. Rumms!
Ausriss Bild am Sonntag - Mich ärgert, wenn Blödsinn verbreitet wird

Dann dürfte sich Köhler ziemlich über sich selbst ärgern.

Denn Malte Kreutzfeldt zeigt heute in seiner “taz”-Titelgeschichte, was für einen Blödsinn der pensionierte Lungenarzt verbreitet. Ein Beispiel, auf das “auch die taz erst durch einen externen Hinweis aufmerksam wurde”: Köhler behauptet in seinem Positionspapier (PDF):

Dabei erreichen Raucher (eine Packung/Tag angenommen) in weniger als zwei Monaten die Feinstaubdosis, die sonst ein 80-jähriger Nichtraucher im Leben einatmen würde. Beim NOx [Stickoxide] sind die Unterschiede ähnlich, wenn auch etwas geringer.

Köhler bringt dabei allerdings Zahlen durcheinander und rechnet mit falschen Werten. Tatsächlich, so Kreutzfeldt, sind es nicht wenige Raucher-Monate, sondern zwischen 6,4 und 32 Raucher-Jahre (je nach angenommenen Stickstoffdioxid-Anteil am Stickoxid). Köhler sagt nämlich, dass man durch eine Zigarette rund 500 Mikrogramm Stickstoffdioxod in 10 Litern Atemluft aufnehme. Das rechnet er korrekt auf 50.000 µg/m³ hoch. Allerdings multipliziert er dann, um auf den Wert für eine Zigarettenschachtel zu kommen, nicht die 500 µg/10 Liter (die er pro Zigarette angibt) mit 20 Zigaretten, sondern fälschlicherweise die 50.000 µg/m³ (was letztlich bedeuten würde, dass die Person in dem Beispiel nicht 20, sondern 2000 Zigaretten am Tag raucht). Köhler kommt so auf 1 Million Mikrogramm Stickstoffdioxid, die ein Raucher am Tag zu sich nimmt. Richtig wären hingegen 10.000 Mikrogramm.

Wobei das auch nicht wirklich stimmt. Denn Köhler macht an dieser Stelle noch einen weiteren Fehler, wie Kreutzfeldt schreibt:

Zusätzlich zu diesem Rechenfehler, der das Ergebnis um Faktor 100 verfälscht, stimmt auch hier der Ausgangswert nicht, mit dem Köhler rechnet. Der von ihm genannte Wert von 500 Mikrogramm pro Zigarette gilt nicht für Stickstoffdioxid (NO2), also jenes Gas, für das die Grenzwerte gelten und das für die Fahrverbote in deutschen Städten verantwortlich ist, sondern für Stickoxide generell (NOx).

Als Anteil von NO2 an NOx beim Zigarettenrauch nennt Köhler zunächst 10 Prozent — damit wäre das Ergebnis insgesamt um den Faktor 1.000 verkehrt. In einer späteren Mail revidierte der Lungenarzt die Angabe wieder, nannte nun — ohne klare Quellenangabe — einen Bereich von 10 bis 50 Prozent; das Ergebnis seiner Rechnung wäre dann entsprechend um den Faktor 200 bis 1.000 verkehrt.

Bei Bild.de fanden sie Köhlers Raucher-Rechnung besonders anschaulich:

Screenshot Bild.de - Köhler: Raucher liefern uns diese Studie aber quasi freiwillig. Der Rauch einer Zigarette ist nun mal um das Mehrfache giftiger als unsere Luft. Raucher (eine Schachtel/Tag) erreichen in weniger als zwei Monaten die Feinstaubdosis, die sonst ein 80-jähriger Nichtraucher in seinem Leben einatmen würde. Und fast die NOx-Menge.

Durch einen Klick auf die beiden letzten, blau hinterlegten Sätze können Bild.de-Leser den Artikel bei Facebook teilen. Die zwei Sätze mit Köhlers plakativem (falschem) Beispiel werden dann automatisch als Text für ihren Post übernommen.

Während Welt.de bereits einen recht langen Beitrag zu Köhlers Rechenfehlern veröffentlich hat (letztlich eine Abschrift von Malte Kreutzfeldts “taz”-Text in indirekter Rede), gibt es bei “Bild” nur: Schweigen. In der gedruckten Ausgabe von heute kein Wort (was eigentlich nicht am Redaktionsschluss liegen kann, schließlich schafft es das “Bild”-Team auch, Geschehen aus dem Dschungelcamp von kurz vor Mitternacht noch ins Blatt zu hieven, und Malte Kreutzfeldt twitterte gestern bereits um 18:35 Uhr einen Link zu den Ergebnissen seiner Recherche). Bei Bild.de erschien der letzte Artikel, in dem der Name Köhler fällt, vor vier Tagen — eine Vorabkritik des “Polizeiruf” im “Ersten”, in dem der Kommissar Dirk Köhler heißt. Die schlampige Rechnerei des Lungenarztes Köhler existiert im “Bild”-Kosmos nicht.

Vielleicht meldet sich morgen ja Franz Josef Wagner zu Wort und berichtet von seiner großen Enttäuschung. Dieter Köhler und die “Lieben Lungen-Ärzte” hatte der “Bild”-Briefchenschreiber neulich noch als “Helden im Diesel-Chaos” gefeiert:

Ausriss Bild-Zeitung - Liebe Lungen-Ärzte, Ihr seht die dunklen Flecken, den Krebs in unseren Lungen. An Feinstaub, sagt Ihr, sei noch kein Mensch gestorben. Ich glaube Euch. Wenn es eine Wissenschaft gab, die uns Menschen half, dann war es die Medizin. Die Medizin hat die Pocken besiegt, das Penicillin erfunden, Herzen verpflanzt, Lungen. Die Medizin hat Beinamputierten neue Beine gegeben. Blinde konnten wieder sehen durch die besondere Lasertechnik. Tote wurden wieder zum Leben erweckt durch rhythmisches Pressen. Die Politik hat zu schweigen. Es sind die Ärzte, die unser Leben retten. Die Politik soll auf die Ärzte hören, bevor sie Gesetze machen. Meine Helden im Diesel-Chaos sind die Ärzte. Herzlichst Franz Josef Wagner

Nachtrag, 21:04 Uhr: Nun hat auch die “Bild”-Redaktion gemerkt, dass alle größeren deutschen Nachrichtenseiten über Köhlers Rechenfehler berichten. Bei Bild.de schreiben Tom Drechsler und Florian Kain:

Jetzt kommt raus: Professor Köhler hat genau das getan, was er anderen vorwirft — sich verrechnet!

Sein Beispiel, ein Raucher würde in nur zwei Monaten die Feinstaubdosis inhalieren, die sonst ein 80-jähriger Nichtraucher in seinem ganzes Leben einatmen würde, stimmt nicht.

Und es passt bestens zu “Bild”, dass Drechsler und Kain es selbst hier noch schaffen, einen Fehler einzubauen: In der Recherche von “taz”-Redakteur Malte Kreutzfeldt geht es um Stickoxide beziehungsweise um Stickstoffdioxid und nicht um Feinstaub.

Mit Dank an Michael E., Korbinian P., Sven H. und @De215S für die Hinweise!

Vom “Unwort des Jahres” zu einer Bedrohung für die Meinungsfreiheit

Seit 28 Jahren wird in Deutschland das “Unwort des Jahres” gewählt — sehr zum Gefallen der “Bild”-Zeitung, die seit vielen Jahren gerne darüber berichtet, oft sogar auf der Titelseite.

Ausriss Bild-Zeitung - Unwort des Jahres - Zum Unwort des Jahres 2009 hat eine Jury den Begriff betriebsratsverseucht gewählt. Ein Mitarbeiter einer Baumarkkette hatte das Wort im TV verwendet
(“Bild”, 2010, Titelseite)

Screenshot Bild.de - Gesellschaft für deutsche Sprache - Alternativlos ist das Unwort des Jahres 2010 - Es war Angela Merkels Kommentar zur Griechenland-Hilfe
(Bild.de, 2011)

Ausriss Bild-Zeitung - Döner-Morde ist das Unwort des Jahres
(“Bild”, 2012, Titelseite. Dass sie selbst zur Verbreitung des Begriffs beigetragen hatte, ließ die Redaktion natürlich lieber unerwähnt.)

Ausriss Bild-Zeitung - Schlecker-Frauen Unwort des Jahres?
(“Bild”, 2013, Titelseite)

Screenshot Bild.de - Aus über 1300 Einsendungen gewählt - Sozialtourismus ist Unwort des Jahres
(Bild.de, 2014)

Ausriss Bild-Zeitung - Lügenpresse ist Unwort des Jahres
(“Bild”, 2015, Titelseite)

Ausriss Bild am Sonntag - Jury sucht Unwort 2015
(“Bild am Sonntag”, 2016)

Ausriss Bild-Zeitung - Umvolkung und Rapefugee sind Favoriten - Endspurt für Unwort 2016
(“Bild Frankfurt”, 2017)

Ausriss Bild-Zeitung - Volksverräter Unwort des Jahres
(“Bild”, 2017, Titelseite)

Screenshot Bild.de - Jury aus Sprachwissenschaftlern hat entschieden - Alternative Fakten ist Unwort des Jahres 2017
(Bild.de, 2018)

Ausriss Bild-Zeitung - Unwort des Jahres 2017: Alternative Fakten
(“Bild”, 2018, Titelseite)

Auch über die jüngste Wahl zum “Unwort des Jahres 2018” hat “Bild” vor ein paar Tagen wieder berichtet. Diesmal aber mit einer, nun ja, leichten Änderung im Ton. Die Zeitung schreibt:

Ausriss Bild-Zeitung - Große Debatte um das Unwort des Jahres - Sprach-Polizei verordnet Deutschland Sagbarkeits-Regeln

Die Jury der sogenannten „Sprachkritischen Aktion“ aus Sprachwissenschaftlern hat die Formulierung „Anti-Abschiebe-Industrie“ von CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt (48) zum „Unwort des Jahres 2018“ gekürt – und löst damit kritisches Nachfragen aus.

Und zwar in erster Linie bei den Autoren des “Bild”-Artikels, Filipp Piatov und Ralf Schuler, die empört fragen: “Wer ist die Sprachpolizei überhaupt?” “Was hat die Sprach-Jury auszusetzen?” Und vor allem: “Wer soll das noch verstehen?”

“Niemand hat diese Jury legitimiert”, zitieren sie einen Sprachprofessor. Die Jury stehe “immer auf der sicheren Seite der politischen Korrektheit”. Diese ganze Sache sei “eine Farce”.

Man dürfe, so das bittere Fazit der “Bild”-Autoren, in diesem Land eben nicht mehr öffentlich sagen, was man möchte:

Nach der Kritik von Sport-Star Stefan Kretzschmar (45) diskutiert Deutschland, ob man eigentlich noch öffentlich sagen kann, was man möchte. Erkenntnis seit gestern: Ja, darf man. Es sei denn, es passt der Sprachpolizei nicht…

Über diese Kretzschmar-Sache hatte “Bild” schon in den Tagen davor groß berichtet:

Ausriss Bild-Titelseite - Darf man nicht mehr sagen, was man denkt? Die Debatte über Meinungsfreiheit geht weiter - was Prominente sagen

Die Antwort dürfte den “Bild”-Lesern spätestens seit dem “Unwort”-Artikel klar sein. Stichwort: Political Correctness! Stichwort: Sprachpolizei!

Jahrelang hielt die “Bild”-Zeitung die Wahl zum “Unwort des Jahres” für eine berichtenswerte Nachricht, sie widmete ihr prominente Plätze auf der Titelseite, machte regelrecht Werbung dafür: Diese Begriffe stehen zur Auswahl! So können Sie Vorschläge einreichen! Das sind die Gewinner!

… und auf einmal ist sie das Werk der “Sprachpolizei”, die mit ihrer “politischen Korrektheit” die Meinungsfreiheit in diesem Land einschränken will.

Ganz neu sind diese Argumente und Begrifflichkeiten freilich nicht. 2017 schrieb die AfD zum Unwort des Jahres, hier schwinge sich “eine Gesellschaft zur Sprachpolizei” auf. 2018 schrieb “Compact”: “Das Unwort des Jahres 2017 steht fest. Na, toll – und jetzt? Was soll dieser Zirkus eigentlich? Will uns die Sprachpolizei hier rhetorisch einnorden? Alles frei nach Orwell: ‘Wer die Sprache beherrscht, beherrscht das Denken?'” Und “Tichy’s Einblick” erklärte vor ein paar Tagen, die Wahl zum “Unwort” diene “Linksintellektuellen” lediglich dazu, “Andersdenkende lächerlich zu machen und zu diffamieren”. Überschrift: “Jährlich meldet sich die linke Sprachpolizei”.

Und “Bild” marschiert — mal wieder — munter mit.

Wie “Bild” das Schicksal des zweijährigen Julen ausschlachtet

In Spanien ist ein kleiner Junge in einen rund 110 Meter tiefen Schacht gefallen. Seit neun Tagen läuft die Rettungsaktion für den zweijährigen Julen nun. Und fast genau so lang belagern Reporter nun den Ort Totalán, wo das Unglück passierte und wo die Rettungskräfte versuchen, einen Tunnel zu dem Jungen zu bohren.

“Bild” ist natürlich mit dabei, aber auch andere Knallportale berichten fleißig, Stern.de zum Beispiel, “Focus Online”, RTL.de und so weiter.

Heute meldete Bild.de:

Screenshot Bild.de - Mediziner über das Bohrloch-Unglück - Es ist nur theoretisch möglich, dass Julen lebt

… was nicht besonders überraschen dürfte, angesichts der Tatsache, dass ein Zweijähriger erst einen sehr tiefen Brunnenschacht hinunterstürzt und anschließend viele Tage ohne Essen und Trinken verbringen muss. Aber wie hätte man ohne Hoffnung dem gierigen Klickvolk die vielen Akte dieses Dramas verkaufen sollen?

Screenshot Bild.de - Rettung sehr gefährlich - Junge (2) stürzt 110 Meter tief in Brunnen
Screenshot Bild.de - Junge in 110 Meter tiefen Brunnenschacht gestürzt - 2017 starb sein Brüderchen - Das Schicksal schlug schon einmal zu
Ausriss Bild-Zeitung - Junge (2) stürzt in 110 Meter tiefen Schacht
Screenshot Bild.de - Junge in 100-Meter-Schacht gestürzt - Gibt es noch Hoffnung für den kleinen Julen?
Screenshot Bild.de - Julen stürzte in 110-Meter-Loch - Das furchtbare Warten auf ein Wunder
Screenshot Bild.de - Ganz Spanien bangt um Jungen im Schacht - Bagger und Bohrer sollen Julen retten
Ausriss Bild-Zeitung - Das furchtbare Warten auf ein Wunder
Screenshot Bild.de - Junge stürzte in 110 Meter tiefes Brunnenloch - Julen und das Prinzip Hoffnung
Ausriss Bild-Zeitung - Kinder beten für Jungen im Schacht
Screenshot Bild.de - Beklemmende Kamerafahrt in das Brunnenloch - Hier stürzte der kleine Julen hinein
Screenshot Bild.de - Wie die Helfer zu dem Jungen im Brunnenloch vordringen wollen - Neuer Rettungsversucht für den kleinen Julen
Ausriss Bild-Zeitung - Vor der Haustür steht noch Julens Dreirad
Screenshot Bild.de - Kleiner Julen seit Sonntag verschüttet - Vor der Haustür steht noch das Dreirad
Screenshot Bild.de - Seit Sonntag im Schacht gefangen - So wollen sie den kleinen Julen retten
Screenshot Bild.de - Kleiner Julen im Brunnenschacht - Nur noch wenige Stunden, bis es regnen soll
Screenshot Bild.de - Junge stürzt in 110 Meter tiefes Loch - Dieser Bohrer ist Julens letzte Hoffnung
Ausriss Bild am Sonntag - Retter bohren endlich Schacht zu kleinem Julen
Screenshot Bild.de - Retter kämpfen um Julen in Schacht - Bohrer schafft drei Meter pro Stunde
Screenshot Bild.de - Kleiner Junge stürzte vor einer Woche in 100 Meter tiefen Bohrschacht - Retter müssen sich per Hand zu Julen durchgraben
Screenshot Bild.de - Kleiner Julen fiel vor einer Woche in Bohrschacht - Retter stoßen auf fünf Meter Granit
Screenshot Bild.de - Julen fiel vor acht Tagen in Bohrschacht - Jetzt beginnt die kritische Phase
Ausriss Bild-Zeitung - Julen soll mit Käfig geborgen werden
Screenshot Bild.de - Julens Eltern am Unglücksort in Totalan - Acht Tage Albtraum
Screenshot Bild.de - Kind im Brunnenschacht - Heute wollen sie Julen finden
Screenshot Bild.de - Vor mehr als einer Woche fiel der Junge in einen Bohrschacht - Retter wollen heute Mittag zu Julen vordringen
Screenshot Bild.de - Bild sprach mit dem Feuerwehr-Chef der Rettungsmission am Bohrloch - Ich gehe erst wieder heim, wenn wir Julen haben
Screenshot Bild.de - Julen fiel vor neun Tagen in ein Bohrloch - Wiederholt sich das Schicksal des kleinen Alfredo?
Screenshot Bild.de - Schon wieder Verzögerung bei Drama um Julen - Parallel-Schacht einsturzgefährdet

Gnadenlos und ohne Rücksicht auf irgendwas oder irgendwen schlachten sie das Schicksal eines Zweijährigen aus.

Im Mai 2017, nach dem Terroranschlag in Manchester, verteidigte Ombudsmann Ernst Elitz die Berichterstattung der “Bild”-Redaktion, die Fotos von verstorbenen Kindern und Jugendlichen gezeigt hatte, so:

Viele Mitarbeiter haben Kinder im Alter der Ermordeten. Und so wurde die Auswahl der Fotos eben nicht nur von Journalisten getroffen, sondern von Müttern und Vätern, die sich fragten: Würde ich mein Kind so zeigen, wenn meine eigene Familie von diesem Grauen betroffen wäre? (…)

Die Auswahl eines jeden Fotos war eine Gewissensentscheidung. Ich finde, das Gewissen der Mütter und Väter in der Redaktion hat bei der Auswahl der Fotos aus Manchester richtig entschieden.

Auch vor diesem Hintergrund kann man den Beitrag des “Postillon” von heute sehen: “Bild-Chef Reichelt: ‘Wenn mein 2-jähriges Kind in ein 100-Meter-Loch fällt und wahrscheinlich tot ist, hätte ich auch gern, dass die gesamte Welt live daran teilnimmt’.”

Mit Dank an Sebastian E. und Olaf für die Hinweise!

Blättern:  1 2 3 4 ... 15