Archiv für 6 vor 9

6-vor-9-Sonderausgabe zur Urheberrechtsreform: Richtlinie für Politikverdrossenheit, Taschenspielertricks, #Axelsurft

1. So entsteht Politikverdrossenheit
(tagesschau.de, Samuel Jackisch)
Die geplante EU-Richtlinie zum Urheberrecht auf Online-Plattformen vergrault Wähler und sorgt für weitere Politikverdrossenheit, meint ARD-Brüssel-Korrespondent Samuel Jackisch. Außerdem sei fraglich, ob und inwieweit Autoren, Fotografinnen, Komponisten oder Filmschaffende finanziell von der Regelung profitieren würden, „denn eine Pflicht für Presse-, Musik- und Filmindustrie, das von Google und Co künftig eingesammelte Geld tatsächlich an Künstler und Kreative umzuverteilen, diese Stelle sucht man im Text vergeblich.“

2. Lügen fürs Leistungsschutzrecht, jetzt auch von dpa
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Die Deutsche Presse-Agentur dpa steht hinter der geplanten Reform des Urheberrechts in der EU, bedient sich dabei jedoch rhetorischer Taschenspielertricks, wie Stefan Niggemeier erklärt.

3. Die große Koalition zerstört unsere Zukunft
(t-online.de, Jenna Behrends)
Die Berliner CDU-Politikerin Jenna Behrends sieht in der Urheberrechtsreform eine Gefahr für die Entwicklung Europas. Behrends schreibt in einem Gastbeitrag für t-online.de: „Die beiden Regierungsparteien haben sich denkbar schlecht präsentiert, indem sie die Bedenken der jungen Generation nicht ernst genommen haben. Was bleibt, ist das Bild von Politikern, die keine Ahnung von ihren Themen haben und sogar lügen.“

4. Martin Kretschmer: „Die EU würde wenig verlieren, wenn sie die Richtlinie einfach ablehnt“
(irights.info)
Der Jurist Martin Kretschmer hat den Reformprozess in der EU von Anfang beobachtet, dokumentiert und mit konstruktiven Vorschlägen begleitet. Nach anfänglicher Zustimmung sieht er nun viele Schwachstellen und konstatiert: „Europa ist kulturell so reich. Warum sollen Innovationen für unerwartete, interessante, verwertbare kulturelle Materialien, wie ich sie mit meinen Beispielen skizziert habe, ausgebremst werden? Als Ganzes ist die Richtlinie unsauber. Aus meiner persönlichen Sicht würde die EU wenig verlieren, wenn sie die Richtlinie einfach ablehnt.“

5. Merkel verteidigt Bruch des Koalitionsvertrages
(golem.de, Friedhelm Greis)
Für Kanzlerin Merkel sei die europäische Einigung zum Urheberrecht wichtiger als der Koalitionsvertrag, meint Friedhelm Greis. Außerdem habe Merkel einen entscheidenden Faktor für den Kompromiss mit Frankreich zu den Uploadfiltern im Bundestag verschwiegen.

6. #AxelSurft ist das Lustigste, das aktuell auf Twitter passiert
(buzzfeed.com, Karsten Schmehl)
Der EU-Politiker und Vater der Urheberrechtsreform Axel Voss (CDU) fiel vergangene Woche durch ein Interview auf, das bezweifeln ließ, ob er sich auch nur ansatzweise mit dem Thema Online auskennt. Auf Twitter rief Gavin Karlmeier als Antwort den Hashtag #axelsurft ins Leben, der die Inkompetenz des Politikers karikiert. Und wenigstens das ist ganz lustig.

Influencer-Urteil, Faktenchecker-Tipps, Dieselvernebelter Mario Barth

Vorbemerkung: Aus aktuellem Anlass folgt im Lauf des Tages morgen eine Sonderausgabe zur umstrittenen Urheberrechtsreform.

1. Fünf Tipps und Tools von Faktencheckerin Karolin Schwarz, die zeigen, wie man Fake-News im Netz erkennt
(meedia.de, Marina Friedt)
Die Journalistin Karolin Schwarz ist die Gründerin von Hoaxmap, einem Portal, auf dem Falschmeldungen u.a. über Geflüchtete zusammengetragen werden. Außerdem arbeitet sie unter anderem für den „Faktenfinder“ der ARD. Im Interview mit „Meedia“ spricht sie über die Praxis des Factchecking im Journalismus und gibt nützliche Tipps zu Online-Tools, die wir alle in den Bookmarks haben sollten.
Weiterer Lesehinweis: In der „Hannoverschen Allgemeinen“ gibt es ein Interview mit dem Bildforensiker Jens Kriese: So erkennen Profis manipulierte Fotos — und so erkennt sie auch der Laie.

2. Anwalt von Billy Six widerspricht seinem Mandanten
(tagesspiegel.de, Madlen Haarbach)
Der Journalist Billy Six schreibt für rechtskonservative Medien wie die „Junge Freiheit“ und ist nach Angaben von „Reporter ohne Grenzen“ vom radikal rechten Verein „Die Deutschen Konservativen“ für eine Reportage nach Venezuela entsandt worden. Dort saß er vier Monate in Haft, wegen angeblicher Rebellion, Spionage und dem Verletzen von Sicherheitszonen. Vor einigen Tagen wurde er überraschend freigelassen und ist wieder zurück in Deutschland. Nun behauptet Six, die deutschen Diplomaten hätten nicht gegen seine Inhaftierung protestiert und ihm nicht geholfen: Man habe ihn dort „verrecken“ lassen wollen. Aussagen, denen sogar sein eigener Anwalt widerspricht.

3. Über das Gründegeben
(christophkappes.de)
Christoph Kappes nimmt den Abgang des nun ehemaligen „FAZ“-Herausgebers Holger Stelzner zum Anlass, eine persönliche Geschichte zu erzählen: Kappes hatte selbst für die „FAZ“ geschrieben und erhielt irgendwann die überraschende Nachricht, der zuständige Redakteur dürfe keine Texte mehr von ihm annehmen. Kappes versuchte, der Zurückweisung auf den Grund zu gehen, was sich als nicht so einfach erwies. Am Ende blieb nur eine Vermutung.

4. Auch das Private ist geschäftlich
(tagesschau.de, Frank Bräutigam)
Pamela Reif ist sogenannte Influencerin in Sachen Fitness und Mode und hat über vier Millionen Instagram-Follower. In einer Entscheidung des Landgerichts Karlsruhe wurde Reif verpflichtet, bestimmte Posts als Werbung zu kennzeichnen. Dabei ging es um Beiträge, von denen Reif behauptet hatte, es seien Ausschnitte aus ihrem Privatleben. Die Posts waren jedoch mit Tags zu Markennamen zu ihrer Kleidung versehen, was vom Gericht als Werbung gewertet wurde.

5. Facebook speicherte Hunderte Millionen Passwörter unverschlüsselt
(zeit.de)
Facebook hat zugegeben, Passwörter von Hunderten Millionen Nutzerinnen und Nutzern unverschlüsselt gespeichert zu haben. „Wir gehen davon aus, dass wir Hunderte Millionen Nutzer von Facebook Lite, Dutzende Millionen weitere Facebook-Nutzer sowie Zehntausende Instagram-Nutzer benachrichtigen werden“, so das Unternehmen.
Weiterer Lesehinweis: Kritik an Social-Media-Plattform: EU-Kommissarin Jourova ruft zum Verlassen von Facebook auf (spiegel.de).

6. „Mario Barth deckt auf“ oder: Verantwortungsloses Fernsehen
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Kennste-Kennste-Komiker Mario Barth hat in der vergangenen Ausgabe seiner Aufdecker-Sendung („Mario Barth deckt auf“, RTL) mal wieder alle Populismus-Register gezogen. In einer AfD-verdächtigen Dummifizierung hat er sich der Debatte um die Diesel-Grenzwerte gewidmet. Ein einseitiges und irreführendes Stück Fake News, in dem Barth die Argumentation des längst widerlegten Lungenfacharztes und Zahlen-Konfusius Dieter Köhler ins Spiel brachte.

Axels Meme-Rubrik, Staat mahnt „FragDenStaat“ ab, Wikipedia offline

1. Dies ist unsere letzte Chance. Helfen Sie uns, das Urheberrecht in Europa zu modernisieren
(wikipedia.de)
Die deutschsprachige Wikipedia ist seit Mitternacht für 24 Stunden offline. Mit der Aktion protestieren die Wikipedia-Autorinnen und -Autoren gegen Teile der geplanten EU-Urheberrechtsreform: „Die geplante Reform könnte dazu führen, dass das freie Internet erheblich eingeschränkt wird. Selbst kleinste Internetplattformen müssten Urheberrechtsverletzungen ihrer Userinnen und User präventiv unterbinden (Artikel 13 des geplanten Gesetzes), was in der Praxis nur mittels fehler- und missbrauchsanfälliger Upload-Filter umsetzbar wäre. Zudem müssten alle Webseiten für kurze Textausschnitte aus Presseerzeugnissen Lizenzen erwerben, um ein neu einzuführendes Verleger-Recht einzuhalten (Artikel 11). Beides zusammen könnte die Meinungs-, Kunst- und Pressefreiheit erheblich beeinträchtigen.“

2. Axel Voss findet eine Memes-Rubrik bei Google – und das Netz flippt aus
(t3n.de, Jörn Brien)
Der als Vater der umstrittenen EU-Urheberrechtsreform geltende Europaabgeordnete Axel Voss (CDU) hat in einem Interview Sachen gesagt, die im Netz für allerhand Verwunderung sorgten. Auf Twitter wurden ihm daraufhin Wissenslücken, absichtliche Irreführung, das Verbreiten von Verschwörungstheorien oder schlicht Dummheit unterstellt. Für besonderes Kopfschütteln sorgte ein Part des Interviews, in dem Voss von einer „Meme-Rubrik“ bei Google sprach. Diese Art von „technischem Verständnis“ wurde vom offiziellen Twitter-Account der Europa-CDU/CSU nochmal überboten: „Dabei wurde — mit rotem Pfeil und eingekreist — auf den vorgeschlagenen Suchbegriff Memes in der Bildersuche (nach Axel Voss) verwiesen. Nicht klar war den Twitter-Verantwortlichen des Accounts offenbar, dass es sich dabei lediglich um häufig gesuchte Begriffe im Zusammenhang mit dem Namen des Politikers handelt.“

3. #Zensurheberrecht: Bundesregierung mahnt uns ab, wir wehren uns
(fragdenstaat.de)
Die Informationsfreiheitsaufklärer von „FragDenStaat“ haben Post von der Bundesregierung bekommen. Im Umschlag steckte jedoch nicht ein Dankesschreiben oder das längst verdiente Bundesverdienstkreuz für besondere Dienste an der Demokratie, sondern eine Abmahnung. „FragDenStaat“ hatte ein staatliches Gutachten zu Krebsrisiken von Glyphosat veröffentlicht, woraufhin die Regierung nun mit jener Abmahnung reagiert — wegen einer angeblichen Verletzung des Urheberrechts. „FragDenStaat“ wird sich gegen die Abmahnung wehren, so Projektleiter Arne Semsrott: „Wir lassen uns aber nicht einschüchtern. Wenn es sein muss, ziehen wir mit dem Fall bis vor den Europäischen Gerichtshof. Das Urheberrecht darf nicht zum Zensurheberrecht werden.“

4. Fall Relotius: Ullrich Fichtner wird nicht „Spiegel“-Chefredakteur
(sueddeutsche.de, David Denk)
Eigentlich sollten die „Spiegel“-Redakteure Ullrich Fichtner und Matthias Geyer Chefredakteur beziehungsweise Blattmacher werden. Doch dann kam der Fall Relotius, und die Personalie lag erst einmal auf Eis. Drei Monate später hat sich der „Spiegel“ neu sortiert: Fichtner und Geyer sollen nicht die für sie vorgesehenen Leitungsfunktionen erhalten, sondern „mit neuen strategischen Aufgaben“ betraut werden, wie der „Spiegel“ mitteilt.

5. KNV
(voland-quist.de, Leif Greinus)
Vor etwa einem Monat meldete Deutschlands größter Buchgroßhändler, die Firma KNV, Insolvenz an. Viel zu schnell wird vergessen, was das für die Gläubiger bedeutet. Zu denen gehören nämlich Verlage, die nun in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. Leif Greinus ist Geschäftsführer des 2004 gegründeten Verlags Voland & Quist und erzählt in beeindruckender Offenheit von den wirtschaftlichen Auswirkungen der KNV-Pleite. Und von dem Gefühlscocktail aus Überraschung, Wut, Ratlosigkeit, Resignation und Aufbäumen.

6. Schelte der „Kollegenschelte“
(deutschlandfunk.de, Matthias Dell)
Matthias Dell kritisiert Journalistinnen und Journalisten dafür, alles zu kritisieren, nur nicht sich selbst. Weil sich „Kollegenschelte“ angeblich nicht gehöre: „Das Problem mit der Kollegenschelte ist: Sie fasst den Bereich des Internen zu weit. Natürlich redet man in der eigenen Familie anders als in der Öffentlichkeit über sie. Aber wenn alle Kollegen plötzlich Familie sind, dann stimmt irgendetwas nicht. Dann hat man Angst oder ist eitel oder ignorant oder was weiß ich. Man hat jedenfalls weder Lust auf Kritik. Noch auf Öffentlichkeit. Das allerdings ist für den Journalismus und seine populäre Rolle als vierte Gewalt keine gute Voraussetzung.“

Axel Voss und das Kopf->Tisch-Interview, Reichelt, Gottschalk

1. Streit um Uploadfilter: Wie Axel Voss das Internet sieht
(vice.com, Theresa Locker)
Achtung! Diesen Artikel solltest Du nur in gesicherter Umgebung lesen. Das verzweifelte Lachen könnte Dritte verunsichern. Außerdem solltest Du vorher die Tischplatte abpolstern wegen der vielen zu erwartenden „Kopf->Tisch“-Situationen. Und darum geht’s: „Vice“ hat mit Axel Voss (CDU) gesprochen, der als Vater der geplanten Urheberrechtsreform gilt. Und der liefert eine Vielzahl verstörender Sätze. Zum Thema Uploadfilter: „Ja, es kann sein, dass was blockiert wird, was nicht blockiert werden soll. Man muss schon davon ausgehen, dass das nicht 100 Prozent funktioniert.“ Außerdem gebe es Ausnahmen: „Wenn ich meinem Nachbarn auf einer Plattform den neuesten Song von Shakira vorspielen will, dann fällt das immer noch unter die Ausnahmen.“ Auf die Frage wie viele YouTube-Kanäle er abonniert habe: „Keine“. Zu den Demonstrationen gegen die Reform: „Da waren ja immer nur so’n paar Leute da.“ Auf die Frage, ob Uploadfilter die Zukunft der Wikipedia bedrohen: „Ich weiß das nicht mehr so im Detail, das ist alles so rasant und schnelllebig.“ Aber vielleicht muss man auch etwas nachsichtig mit dem Mann sein, denn: „Ich bin kein Techniker“.

2. Falscher Eindruck erweckt: WDR entfernt Reportage
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Der WDR hat erneut Ärger mit einer Sendung seiner Reportagereihe „Menschen hautnah“. In der Folge „Ausgerechnet — Billig-Kreuzfahrt“ wurde der Eindruck suggeriert, dass der Reporter in einer der billigen Innenkabinen übernachtete. Tatsächlich hatte er jedoch ein hochwertigeres Zimmer bezogen. Aufgefallen war der Schmu nicht etwa der Redaktion, sondern einigen aufmerksamen Zuschauern auf Youtube. Die hatten nämlich die Kabinennummer des Reporters gecheckt und das unter anderem in den Kommentarbereich gepostet. Nun hat der WDR die Sendung aus der Mediathek gelöscht. Man bedauere den falschen Eindruck.

3. Da waren’s nur noch drei
(taz.de, Steffen Grimberg)
Steffen Grimberg kommentiert in der „taz“ den Abgang des „FAZ“-Herausgebers Holger Steltzner. Die „FAZ“ hatte sich zu den Gründen nicht geäußert und lediglich mitgeteilt: „Die Grundlage für eine weitere vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den anderen Herausgebern war nicht mehr gegeben.“ Ein Vorgehen, das Grimberg einen Vergleich heranziehen lässt: „Das beweist vom Stil her einmal mehr die Parallelen zwischen FAZ und taz — hier beschränkt man sich beim Kegeln von ChefredakteurInnen ja auch kurz und knapp aufs rustikal Notwendigste.“

4. „Ich muss Ihre Einladung leider ausschlagen“
(kontextwochenzeitung.de, Mario Damolin)
„Kontext“-Autor Mario Damolin berichtete unlängst von einer Podiums-Diskussion über „Ethik und Moral im Journalismus“, auf der „Bild“-Chef Julian Reichelt zugegen war („Bild“-Chef im Delirium).
Damolins Artikel weckte anscheinend die Aufmerksamkeit des Delirierenden und bescherte dem „Kontext“-Autor eine Einladung in die Berliner „Bild“-Redaktion. Trotz Reichelts, nennen wir sie einfach schmeichelhafter, Einleitung („mit Ihrem Artikel haben Sie nahezu all meine Vermutungen über autoritäre BILD-Hasser bestätigt“) hat sich Damolin entschieden, lieber zu Hause zu bleiben. In einem offenen Brief an den „Bild“-Chef erklärt er, warum er dessen Einladung ausschlagen muss. Ohne zu viel verraten zu wollen: Es hat am Ende etwas mit Hohlräumen zu tun.

5. dpa arbeitet für Facebook – und will trotzdem kritisch berichten
(deutschlandfunk.de, Daniel Bouhs)
Im Kampf gegen Desinformation arbeitet Facebook mit 43 Medienorganisationen zusammen. Ganz neu dabei: Die Deutsche Presse-Agentur (dpa), die dafür voraussichtlich drei Vollzeit-Faktenchecker abstellt. Eine Interessenkollision sieht die dpa nicht: Die Agentur werde ihrem Sprecher zufolge „genauso unabhängig“ über Facebook schreiben wie bisher.

6. Fernsehkritik: Gottschalk liest? – Altherrenbräsigkeit lockt nicht zum Buch
(literaturcafe.de, Wolfgang Tischer)
Warum sollte Thomas Gottschalk nicht auch mal eine Literatursendung moderieren? Diese Frage kann nach der ersten Sendung durch folgende Frage ersetzt werden: „Warum sollte Thomas Gottschalk eine Literatursendung moderieren?“ So jedenfalls die Meinung des Kritikers und „Literaturcafe“-Gründers Wolfgang Tischer: „Es wird leider nicht automatisch eine Literatursendung daraus, wenn man Gottschalk mit Autorinnen und Autoren auf eine Sitzgruppe setzt. Sein »Wetten, dass …?«-Elan ist längst dahin, seine Altherrenbräsigkeit lockt niemand zum Buch.“
Weiterer Lesehinweis: In der „FAZ“ kommt die Sendung ähnlich schlecht weg: Prominenz statt Kompetenz (faz.de, Andreas Platthaus).

Medien als Mittäter, TikTok bei 1Live, Politikerphrasen statt Klartext

1. Medien machen sich zu Mittätern
(deutschlandfunk.de, Stefan Fries)
„Die Medien, die sich auf die Logik des Attentäters von Christchurch eingelassen haben, waren Komplizen bei seiner Tat. Denn sie haben das vollendet, was er begonnen hat“, findet Stefan Fries zur Berichterstattung über das Attentat.
Weitere Informationen und Lesehinweise: Der DJV kritisiert die Veröffentlichung des Täter-Videos (deutschlandfunk.de).
Bei der „Hannoverschen Allgemeinen“ geht es um die Frage „Ist es strafbar, die Aufnahmen des Christchurch-Attentäters zu teilen?“
Und Carolina Schwarz freut sich in der „taz“, dass keiner ihrer Twitter- und Facebook-Kontakte das Täter-Video oder das sogenannte „Manifest“ teilte: „Zum Glück gibt es eine Vielzahl von Nutzer*innen die klüger sind als Algorithmen und Julian Reichelt.“

2. Facebook, was machst du mit uns?
(zeit.de, Caroline Lindekamp)
Wie wirkt sich Facebook auf die Stimmung seiner Nutzerinnen und Nutzer aus? Wie machen sich die damit einhergehenden Filterblasen und Echokammern bemerkbar? Wird dort Meinung manipuliert? Gibt es eine „Facebook-Depression“? Caroline Lindekamp berichtet in ihrer Analyse von den verschiedenen Untersuchungen zum Thema und den Unterschieden zwischen Deutschland und den USA.

3. Journalismus bei TikTok: 1Live wagt die ersten Experimente
(socialmediawatchblog.de, Martin Fehrensen)
Viele Menschen haben noch nie von der Video-App TikTok gehört, dabei soll sie hierzulande von etwas mehr als vier Millionen Menschen genutzt werden. Im „Social Media Watchblog“ wurde bereits ausführlich über die gehypte Software berichtet (in einem Grundlagenartikel in der Ausgabe 524 und in den Tech Trends der Ausgabe 531). Nun konnte das „Social Media Watchblog“ den 1Live-Verantwortlichen Robert Rack für ein Werkstattgespräch über die dort stattfindende TikTok-Pilotphase gewinnen.

4. Das Problem Verfassungsschutz hat eine lange Geschichte
(netzpolitik.org, Sebastian Wehrhahn & Martina Renner)
Sebastian Wehrhahn und Martina Renner erkennen beim Verfassungsschutz eine „lange Traditionslinie des Vertuschens und Verharmlosens rechter Gewalt“. In ihrem Gastbeitrag berichten sie von den Anfangszeiten des Bundesamts in den 50er-Jahren bis zur Jetzt-Zeit mit der Causa Maaßen. Das Problem beim Verfassungsschutz seien nicht die vielen Skandale, sondern der Verfassungsschutz selbst: „Er dient nicht dem Schutz der Demokratie, sondern der Überwachung politischer Gegner, der Steuerung von antidemokratischen Szenen und dem Erhalt und Ausbau des eigenen Einflusses.“ Der Verfassungsschutz arbeite aktiv gegen die Demokratisierung der Gesellschaft und müsse deshalb aufgelöst werden.

5. Warum guter Journalismus Empathie braucht
(de.ejo-online.eu, Antje Glück)
„Gute Berichterstattung hängt nicht allein von der reinen Informationsbeschaffung ab, sondern grundsätzlich auch davon, wie Journalisten eine Situation emotional wahrnehmen, verstehen und behandeln“, findet Antje Glück. Im Journalismus gehe es zuallererst um Menschen, so die Journalistin, die an der Universität Teesside im Nordosten Englands lehrt. Der Umgang mit Menschen erfordere vor allem eines: emotionale Intelligenz. Glücks Credo: „Empathie als journalistische Arbeitsressource prägt die professionelle und ethische Entscheidungsfindung in viel stärkerem Maße als bisher angenommen.“

6. Viel reden, wenig sagen
(faz.net, Oliver Georgi)
Die „FAZ“ veröffentlicht einen Auszug aus Oliver Georgis Buch „Und täglich grüßt das Phrasenschwein: Warum Politiker keinen Klartext reden — und wieso das auch an uns liegt“. Es geht unter anderem um die „kleinen Leute“, um Menschen, deren „Sorgen man ernst nehmen müsse“, um das „vollste Vertrauen“, „politische Verantwortung“ und alles, was in irgendeiner Form „nachhaltig“ ist.

Christchurch, „Künstlerische Freiheit“, Tragödienjournalismus

1. Der Troll-Terrorist
(spiegel.de, Sascha Lobo)
Der Terroranschlag auf Moscheebesucher im neuseeländischen Christchurch wurde vom Täter in Echtzeit bei Facebook gestreamt. Dazu veröffentlichte der Mann eine Art Manifest. Er verknüpfe „seine faschistische Ideologie mit der Netzkultur“, schreibt Sascha Lobo: „Die mediale Verbreitung der Tat ist Teil des Terrors — wir müssen uns hüten, unabsichtlich mitzumachen.“
Weitere Lesehinweise: Auch Simon Hurtz warnt in seinem Beitrag davor, Attentätern eine Bühne zu geben: „Wer nicht will, dass Terroristen Aufmerksamkeit für ihre Verbrechen bekommen, sollte ihre Selbstinszenierung nicht verbreiten: keine Links auf ihre Manifeste, keine Ausschnitte aus ihren Videos, keine Bilder, am besten nicht einmal ihre Namen nennen.“
Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen kritisiert Medien wie „Bild“, deren Verhalten er „grotesk“ nennt (deutschlandfunkkultur.de, Gesa Ufer).
Außerdem lesenswert der Bericht über das Bemühen von Polizei und sozialen Medien, das Video aus dem Netz zu entfernen: Polizei will Anschlag-Videos aus dem Netz tilgen (spiegel.de, Sonja Peteranderl).
Und Stefan Fries erklärt noch einmal gründlich, „warum es falsch ist, die Namen der Täter und ihr Manifest zu veröffentlichen“.
In einem Twitter-Thread hinterlässt Journalist Georg Diez „ein paar Worte zu dem Tweet von AKK, die ja doch die nächste Bundeskanzlerin werden will“.

2. Wenn dem Sprecher schlecht wird
(blog.tagesschau.de, Kai Gniffke)
Vergangenen Donnerstag erlitt „Tagesschau“-Sprecher Jan Hofer vor laufenden Kameras einen Schwächeanfall. Vor allem die Boulevardmedien weideten das Geschehen verkaufsorientiert und klickheischend aus. ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke berichtet, wie es Jan Hofer mittlerweile geht (deutlich besser), und erklärt, wie hoch die Belastung als „Tagesschau“-Sprecher ist, ob es ein Krisenszenario für solche Fälle gibt und warum die Kamera so lang auf Hofer stehen blieb.

3. „Tragödienjournalismus außer Rand und Band“: Medienethikerin über den Fall Rebecca und Reporter im Jagdfieber
(meedia.de, Thomas Borgböhmer)
„Meedia“ hat sich mit der Medienethikerin Marlis Prinzing unter anderem über die Frage unterhalten, warum sich die Familie der verschwundenen 15-jährigen Rebecca eine Reporterin der „Bunte“ ins Haus holte: „Es ist nachvollziehbar, dass eine Familie auch emotional völlig durcheinander ist, wenn eine 15-jährige über Wochen hinweg verschwunden bleibt und mit allem zu rechnen ist. Nachvollziehbar ist ferner, dass Menschen in solchen Extremsituationen überfordert und wenig rational reagieren. Nicht nachvollziehbar ist hingegen, wenn manche Medien diesen emotionalen Ausnahmezustand als Freibrief und als Einfallstor nutzen, um eine reichweitenträchtige Schicksalsstory rund um ein mutmaßliches Verbrechen aus dem Esszimmer der Betroffenen zu erzählen und jedem, dem das gefällt, ermöglichen, sich aus der Nähe am Leid der anderen zu vergnügen.“

4. Nach Relotius: Die Kunst der wahren Erfindung
(nzz.ch, Rainer Stadler)
Wie weit darf die künstlerische Freiheit in der Reportage gehen? Darüber scheinen die Meinungen immer noch auseinanderzugehen. Hochkarätige Journalisten und Verfasser von Journalismus-Lehrbüchern vertreten beziehungsweise vertraten den Standpunkt, man könne Aussagen von verschiedenen Personen auf eine Figur „zusammenziehen“. Doch mit dieser Methode begebe man sich auf eine Gratwanderung, wie Rainer Stadler in seiner Kolumne ausführt. Entscheidend sei Transparenz: „Entsprechend sollte man am Ende einer verdichteten Erzählung darlegen, mit welchen und wie vielen Personen gesprochen wurde. Erklärungsbedürftig sind ferner die in Reportagen beliebten filmreifen Szenen, welche die Illusion einer Augenzeugenschaft des Autors schaffen. Wer sein Tun offenlegt, stärkt seine Glaubwürdigkeit. Das ist nötiger denn je.“

5. Post aus Washington
(getrevue.co, Fabian Reinbold)
Fabian Reinbold berichtet für t-online.de aus Washington. Einmal die Woche schickt er seinen Newsletter-Abonnenten „Post aus Washington“. Diesmal hat sich Reinbold für seine Leserschaft aufgeopfert und eine Woche Donald Trumps Lieblingssendung „Fox & Friends“ angeschaut. Das liest sich nicht nur unterhaltsam, sondern trägt auch zum tieferen Verständnis des Systems Trump bei.

6. Frank A. Meyer über Moral und Manipulation in den Medien
(blick.ch, Frank A. Meyer, Video: 6:13 Minuten)
Der Schweizer Journalist und Ringier-Berater Frank A. Meyer klagt in einer Wutrede die Medienbranche samt ihrer Mitglieder an: „Das sind heute Cliquen, Cliquen und Claquere! (…) Die applaudieren sich längst selbst, diese Journalistinnen und Journalisten. Es ist peinlich. Es gibt keinen einzigen Preis für Journalismus, der sich kritisch mit Journalismus auseinandersetzt.“

Impf-Lügen und Homöopathie-Unsinn, Wikimedias Replik, Geburtstagsfeier

1. Toxische Atmosphäre
(sueddeutsche.de, Bastian Obermayer)
Eine neue Medienallianz namens „One-Free-Press-Coalition“ setzt sich für Journalistinnen und Journalisten ein, deren Freiheit oder gar Leben akut in Gefahr sind oder deren Fälle aktuell Gerechtigkeit verlangen. Zu dem Bündnis zählen internationale Medien wie „Time Magazine“, „Forbes“, „Financial Times“, Nachrichtenagenturen und weitere Medienhäuser, darunter auch die „Süddeutsche Zeitung“.

2. In der Krone waren Ausländer 2017 viel krimineller als in der Realität
(kobuk.at, Veronika Hribernik)
Die österreichische „Kronen Zeitung“ berichtet deutlich häufiger über ausländische als über österreichische Täter. Das geht aus einer Analyse des Medienwatchblogs „Kobuk“ hervor, in der die Berichterstattung mit Beispielen verdeutlicht und mit der offiziellen Kriminalstatistik verglichen wird. Man hätte gern die Begründung der „Kronen Zeitung“ erfahren, doch eine entsprechende Anfrage sei unbeantwortet geblieben.

3. Facebook, Google, Pinterest: Plattformen wollen auch bei deutschsprachigen Impf-Lügen einschreiten
(medwatch.de, Hinnerk Feldwisch-Drentrup)
Facebook, Google, YouTube und Pinterest haben bislang relativ wenig gegen Falschinformationen zu Impfungen unternommen. Nicht freiwillig und nur unter teils erheblichem Druck soll sich dies nun, zumindest teilweise, ändern.
Weiterer Lesehinweis: Homöopathie-Unsinn auf morgenpost.de: Das stimmt wirklich (uebermedien.de, Feldwisch-Drentrup).

4. Filterblase an Filterblase: Eine Replik auf Michael Hanfelds Beitrag bei FAZ.net
(blog.wikimedia.de, John Weitzmann)
„FAZ“-Redakteur Michael Hanfeld hat vergangene Woche den Widerstand der Wikipedia gegen die Urheberrechtsreform der EU kritisiert. Die dabei vorgebrachten Argumente seien anmaßend, falsch und würden der Demokratie schaden. Mit den Worten „Das kann nicht unwidersprochen bleiben“, antwortet John Weitzmann für die Wikipedia-Community mit einer ausführlichen Replik. Der aktuelle Reformtext sei in zentralen Punkten weiterhin problematisch fürs freie Netz und fürs freie Wissen.

5. Wenn das Internet ver­gisst
(lto.de, Roland Schimmel)
Einige juristische Aufsätze und Urteile verschwinden irgendwann nach ihrer Veröffentlichung aus Datenbanken und Archiven. Im Fachjargon: Sie werden „depubliziert“. Warum das so ist und wie man mit solchen verschwundenen Quellen zum Beispiel in der Jura-Hausarbeit umgeht, zeigt Roland Schimmel.

6. Kontaktschuld
(spiegel.de, Jan Fleischhauer)
„Spiegel“-Kolumnist Jan Fleischhauer war auf der Geburtstagsfeier des mit ihm befreundeten rechtsdrehenden und verwirrten Bierkastenredners Matthias Matussek, bei dem auch viele Mitglieder der rechten Szene und ein Neonazi zugegen waren. An diesem Besuch gab es Kritik. Bei „Spiegel Online“ rechtfertigt sich Fleischhauer und holt zum Gegenschlag aus. Das liest sich teilweise etwas komisch. Zum Beispiel, wenn es in der Einleitung heißt: „Darf man als SPIEGEL-Redakteur an einer Geburtstagsfeier teilnehmen, zu der auch Menschen mit rechter oder sogar rechtsradikaler Gesinnung eingeladen sind?“, als gehöre Fleischhauer nicht zu ersterer Gesinnungsgruppe. Lustig sind auch Fleischhauers Vorwürfe an Reinhold Beckmann, der sich nachträglich distanziert habe. Etwas, das Fleischhauer in gewisser Weise auch tut, wenn er Matussek in seiner Kolumne als nicht ernst zu nehmenden „Wirrkopf“ bezeichnet und sagt, dieser sei „bestenfalls ein Bajazzo, im schlimmsten Fall ist er reif für die Klapsmühle.“

Herr Grindel Herr Grindel, Rape Day auf „Steam“, Dialog für Störer?

1. DFB-Präsident Grindel sorgt mit Interview-Abbruch für Wirbel
(dw.com, Joscha Weber)
DFB-Präsident Reinhard Grindel spricht im „Deutsche Welle“-Interview über die Zukunft des Weltfußballs und mögliche neue Wettbewerbe. Doch plötzlich findet das Gespräch ein jähes Ende: Anscheinend verärgert wegen der Nachfragen zu einer 25-Milliarden-Dollar-Offerte für die FIFA, knöpft sich Grindel das Mikro ab und stürmt davon … Im Netz hagelt es Kritik und Spott.
Weiterer Lesehinweis: Das Interview in voller Länge gibt es hier: DFB-Präsident Reinhard Grindel: „Wenn wir die Klub-WM nicht veranstalten, machen es kommerzielle Anbieter“ (dw.com, Florian Bauer).

2. „Dieses Urteil ist für mich ein Signal“
(deutschlandfunk.de, Isabelle Klein, Audio: 9:15 Minuten)
Im „Deutschlandfunk“ geht es um die Aufhebung des Urteils gegen die österreichische grüne Ex-Abgeordnete Sigi Maurer, die mit obszönen Privatbotschaften via Facebook belästigt worden und trotz vorliegender Beweise vom Inhaber des Accounts unter anderem wegen übler Nachrede verklagt worden war. Der für den „Spiegel“ arbeitende Korrespondent Hasnain Kazim begrüßt die Entscheidung. Kazim hat im Laufe seiner Karriere schon unzählige Hassmails bekommen. Einige davon hat er in seinem Buch „Post von Karlheinz“ verarbeitet. Kazim kündigte auf Twitter an, verstärkt gegen die Verfasser von Hassbriefen vorgehen zu wollen. Auch wenn er vor Gericht nicht unbedingt mit einem Erfolg rechnen könne. Außerdem kommt Christian-Oliver Moser, Anwalt für Presserecht, zu Wort, der Noah Becker, den Sohn von Boris Becker, bei seiner Klage gegen den AfD-Bundestagsabgeordneten Jens Maier vertreten hatte.

3. Lasst sie ihre Arbeit machen!
(taz.de, Finn Holitzka)
Im ZDF-„Morgenmagazin“ ist gestern eine zeternde Zuschauerin vor laufenden Kameras aus dem Publikum aufgestanden und hat sich rabiat zwischen die Moderatoren gedrängt. Das „Morgenmagazin“-Moderatorenduo ist ruhig geblieben. Die Moderatorin Dunja Hayali hat der pöbelnden Störerin sogar ein Gespräch angeboten. „taz“-Autor Finn Holitzka lobt in seinem Kommentar die „souveräne und deeskalierende Coolness der Moderatoren“, gibt jedoch zu bedenken: „Dialogbereitschaft gegenüber Personen, die drängeln, pöbeln, blaffen, dürfte als Einladung gesehen werden: Wer laut genug krächzt, kriegt ein Mikro hingehalten.“

4. «Alle meine heiklen Artikel werden im Ausland publiziert»
(medienwoche.ch, Benjamin von Wyl)
Der afghanische Investigativjournalist und Menschenrechtsaktivist Hassan Hakimy schreibt zu Themen wie Korruption, Vergewaltigung und Zwangsverheiratung von Kindern. Während einer Europareise hat er sich mit der „Medienwoche“ unterhalten. Es geht um Medienfreiheit in Afghanistan, die afghanischen Flüchtlinge in Europa und Drohungen gegen ihn: „Wenn ich in Afghanistan bin, habe ich konstant Angst: Vielleicht sterbe ich jetzt; vielleicht bringt mich in einer Stunde jemand um.“
Weiterer Lesetipp: Soziale Medien im Nahen Osten: Tipps für Journalisten (de.ejo-online.eu, Damian Radcliffe & Payton Bruni).

5. Die Diskussion um diese Autorinnen-Liste zeigt, wie unsichtbar Frauen auf Wikipedia sind
(vice.com, Lisa Ludwig)
Die Autorin Theresa Hannig wollte auf Wikipedia eine Liste deutschsprachiger Science-Fiction-Autorinnen anlegen. Das Normalste auf der Welt, möchte man meinen, aber weit gefehlt: Ein wahrscheinlich männlicher Wikipedia-Editor reichte umgehend einen Löschantrag ein. Lisa Ludwig erklärt den Vorgang, der nicht nur konkrete, sondern grundsätzliche Fragen aufwirft.

Update: In ihrem Blog schreibt Theresa Hannig in einem Nachtrag: „Nach der überwältigenden Unterstützung vieler, vieler Leute auf Twitter und in der Löschdiskussion, wurde der Löschantrag heute Nachmittag zurückgezogen.“

6. Aus Spaß belästigen, vergewaltigen und töten
(zeit.de, Thomas Lindemann)
Kulturjournalist Thomas Lindemann schreibt über die Vorankündigung eines „Vergewaltigungsspiels“ auf der Spieleplattform Steam und deren ungenügende Abgrenzung gegenüber gewaltverherrlichendem Digitalschund: „Am Ende scheitert also auch die weltgrößte Spieleplattform daran, klare Grenzen zwischen Sex, Sexualität, Sexismus und Gewalt zu definieren. Dabei ist Rape Day nur ein Teil eines größeren Problems. Seit vergangenem Sommer können Entwickler und Entwicklerinnen ihre Spiele auf Steam veröffentlichen, ohne dass diese vorher geprüft werden. Seitdem finden sich dort Nazi-Spiele, Pornos aller Art, auch Fakes, die gar nicht spielbar sind. Überall wird derzeit gegen Uploadfilter gewettert — hier würde man sich welche wünschen.“

Die Unfug-Sprachwächter, Rechtes Netzwerk visualisiert, Lobbyarbeit

1. Der Schwachpunkt der selbsternannten Sprachwächter
(sz-magazin.sueddeutsche.de, Till Raether)
Medienkritiker Stefan Niggemeier hat den „Verein Deutsche Sprache“ („VDS“) einmal als „eine Art Sprach-Pegida“ bezeichnet. Aktuell fordert der VDS in einem Manifest „Schluss mit dem Gender-Unfug“. Ein Manifest, das nicht nur entsetzlich schlecht geschrieben sei, sondern auch zahlreiche Argumentationsmängel aufweise, wie Till Raether ausführt: „Der Versuch, Sprache davor zu schützen, dass sie sich verändert, entspringt nicht der Liebe zur Sprache, wie ihre Vereinsmeier*innen glauben machen wollen, sondern der Liebe zum Hergebrachten, zum Immer-so-Gewesenen.“
Weiterer Lesetipp: Bei „Spiegel Online“ setzt sich Margarete Stokowski ebenfalls mit den Argumenten gegen eine gendergerechte Sprache auseinander. Bezugnehmend auf eine Passage in einem aktuellen „Welt“-Text von Sibylle Lewitscharoff schreibt sie: „Ich weiß nicht, ob es je ein größeres Missverständnis über den Feminismus gab als die Idee, irgendwer würde Untenrumuntersuchungen durch Sibylle Lewitscharoff fordern, aber man sollte sich davon nicht abschrecken lassen, denn ihr Text ist so voller Perlen der Widersprüchlichkeit, dass es lohnt, ihn ganz zu lesen.“
Lohnenswert ist auch Mit Genderstern in den Weltuntergang (belltower.news, Stefan Lauer). Dort hat man sich den Unterstützerkreis der Petition angeschaut und wirft einen Blick auf die teilweise problematischen Verbindungen zur Rechtspopulismus-, Antifeminismus- und Männerrechteszene.

2. Das Netzwerk der neuen Rechten
(neuerechte.org, Christian Fuchs & Paul Middelhoff)
Als „patriotische Parallelgesellschaft“ bezeichnen die Journalisten Christian Fuchs und Paul Middelhoff das von ihnen identifizierte und analysierte neurechte Netzwerk aus über 150 Stiftungen, Vereinen, Medien und Kampagnen. Eine Deutschlandkarte zeigt alle Standorte und Verbindungen und liefert auf Mausklick weitere Informationen.

3. Was wir aus dem Fall Relotius für den Journalismus lernen können
(journalist-magazin.de, Georg Löwisch)
Der Betrugsfall Relotius sei eine Chance für den Journalismus, so „taz“-Chefredakteur Georg Löwisch. In seinem „Handwerksmerkzettel“ geht es um sechs Punkte: 1) Quellen nennen, 2) Recherchewege zeigen, 3) Zitieren, 4) Anonymisieren, 5) Rekonstruieren und 6) Zweifeln.
Weiterer Lesehinweis: So arbeiten wir mit anonymen Quellen aus dem „Welt“-Reportage-und-Investigativ-Ressort (investigativ.welt.de, Manuel Bewarder).

4. Die sieben Anti-EU-Kampagnen der Krone des Jahres 2018
(kobuk.at, Ida Woltran)
Ida Woltran hat sich die sieben Ant-EU-Kampagnen der österreichischen „Krone“ angesehen und analysiert: „Vor allem im Zusammenhang mit neuen Regulierungsvorhaben ist es laut Krone meist die EU, die uns etwas wegnehmen, verbieten oder streichen will. Eine Differenzierung, wer eigentlich die EU ist, unterbleibt meist. Die Krone framed die EU negativ und geht kaum auf konkreten Vorgänge in den EU-Organen ein. Die jeweilige Gegenseite kommt nicht zu Wort.“

5. Lobbyarbeit pur: 228 Kreativ-Verbände für EU-Urheberrechtsreform
(tarnkappe.info, Lars Sobiraj)
228 europäische Kreativ-Verbände haben in einem gemeinsamen Schreiben (PDF) dazu aufgerufen, den umstrittenen geplanten Änderungen des EU-Urheberrechts zuzustimmen. Auch der Deutsche Journalisten-Verband befürwortet die Regelung, was Lars Sobiraj zu der Frage führt: „Warum fordert der DJV den Untergang der eigenen Branche?“
Weiterer Lesehinweis: Bei „Infosperber“ kommentiert Matthias Zender den Kampf der Schweizer Verleger um ein Leistungsschutzrecht mit den Worten: „Das wäre, wie wenn die Landwirtschaft zur Käseunion zurückkehren würde.“
Und einen Hörtipp gibt es auch noch: Beim „Deutschlandfunk“ besprechen Experten das Für und Wider von Uploadfiltern. Die Technik weise deutliche Grenzen auf: Warum Kritiker Angst vor Zensur haben (deutschlandfunk.de, Audio: 9:15 Minuten).

6. Nachdenkliche Töne zum Geburtstag
(tagesschau.de, Marcus Schuler)
Vor 30 Jahren legte der Physiker Tim Berners-Lee den Grundstein für das World Wide Web. Der damals 34-Jährige entwickelte HTML, programmierte einen Webserver und einen Browser — die Grundlagen für unser heutiges Web. 30 Jahre nach seiner Erfindung warnt Berners-Lee vor Datenmissbrauch, Desinformation, Hassreden und Zensur. Seine Forderung: „Unternehmen müssen mehr tun, um sicherzustellen, dass ihr Gewinnstreben nicht auf Kosten von Menschenrechten, Demokratie, wissenschaftlichen Fakten und öffentlicher Sicherheit geht.“

Türkischer Rausschmiss, Krone gegen Windräder, Rechte Geburtstagsparty

1. Rausschmiss deutscher Korrespondenten
(reporter-ohne-grenzen.de)
„Reporter ohne Grenzen“ („ROG“) fordert die Türkei dazu auf, die willkürliche Ausweisung von Auslandskorrespondenten zu stoppen. Hintergrund: Die türkischen Behörden haben den beiden deutschen Journalisten Jörg Brase und Thomas Seibert die Arbeitserlaubnis entzogen. „So lange Brase und Seibert nicht ihre Akkreditierung zurückbekommen, darf die Bundesregierung sich keinen Illusionen hingeben und zu normalen Beziehungen mit der Türkei übergehen, so wie sie es in den vergangenen Monaten durch zahlreiche Besuche in Istanbul und Ankara versucht hat“, so „ROG“-Geschäftsführer Christian Mihr.
Weiterer Lesehinweis: Im „Tagesspiegel“ berichtet der nunmehr ehemalige Türkei-Korrespondent Thomas Seibert, wie es sich anfühlt, nach 22 Jahren aus dem Land rausgeschmissen zu werden, mit dem er sich äußerst verbunden fühlt. Und er schreibt über Ankaras unmoralisches Angebot an seinen Arbeitgeber, ihn durch einen anderen Korrespondenten zu ersetzen.

2. Entspannt Euch, Leute! Zehn Fragen, mit denen Sie sich vor überhitzten medialen Erregungsblasen schützen
(meedia.de, Daniel Bröckerhoff)
Daniel Bröckerhoff, Journalist und ZDF-Moderator bei „heute+“, hat selbst erlebt, wie leicht einen die Twitter-Empörung mitreißen kann. Nun hat sich Bröckerhoff Gedanken gemacht, wie man den „überhitzten medialen Erregungsblasen die Luft rauslassen“ kann, und dazu einen Zehn-Punkte-Fragenkatalog entworfen.

3. Politik im Direktversand
(sueddeutsche.de, Jens Schneider)
Jens Schneider berichtet von den Social-Media-Aktivitäten der Bundestagsfraktionen. Die größte Zahl an Facebook-Abonnenten mit mehr als 125.000 hat die Linksfraktion. Zum Vergleich: Die AfD-Fraktion hat 82.000. Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es bei den Partei-Facebookseiten deutlich anders aussieht: Dort haben die Linken 264.000 Abonnenten, die AfD hat 464.000. Der Bundestag ist weder auf Facebook noch auf Instagram zugegen, obwohl durchaus Interesse an der Arbeit des Parlaments besteht: Die Internet-Seite des Bundestags sei im vergangenen Jahr 70,7 Millionen Mal aufgerufen worden, doppelt so oft wie im Jahr zuvor.

4. Die Privatkampagne des Chefs der Salzburg-Krone gegen Windräder
(kobuk.at, Gabriele Scherndl)
In unzähligen Artikeln schrieb die „Salzburger Krone“ gegen einen geplanten Windpark an. Mit einseitigen Informationen, verzerrten Fakten und Verunglimpfungen der Gegenseite, wie Gabriele Scherndl im medienkritischen Watchblog „Kobuk“ anmerkt. Handelte es sich um eine Privatkampagne des „Krone“-Chefs? Auf diese Idee könnte man kommen, denn die massive Kampagne endete mit dem Rückzug des „Krone“-Chefs ins Pensionärs-Leben: „Seitdem erschien keine Titel- oder Doppelseite, kein Kommentar, kein Artikel oder Leserbrief mehr zu dem Thema. Der letzte Text dazu war, wie sollte es anders sein: Ein Leserbrief, in dem Hans Peter Hasenöhrls Einsatz gegen die Windräder gelobt wird.“

5. Eine Party als neurechtes Netzwerk
(belltower.news, Simone Rafael)
Matthias Matussek, ehemals angesehener Journalist bei u.a. „Spiegel“, „Stern“ und „Welt“, hat seinen 65. Geburtstag öffentlichkeitswirksam inszeniert, indem er Teile der Gästeliste und viele Fotos veröffentlichte. Es war eine Art Rechtsaußen-Klassentreffen von Politik und schreibender Zunft. Und mit einem Reinhold Beckmann, der sich (durch sein Gitarrenständchen im wahrsten Sinne des Wortes) instrumentalisieren ließ und dafür auf Facebook mühsam um eine Art Rechtfertigung ringt.

6. Disney+ hat größeres Potenzial als Netflix
(wuv.de, Franz Scheele)
Vieles deutet daraufhin, dass der Unterhaltungskonzern Disney bald einen eigenen Videostreamingdienst an den Start bringt. Disney sitzt auf einem unglaublich wertvollen cineastischen Schatz: Neben der Filmbibliothek der Walt Disney Studios gehören zu Disney auch die Pixar Animation Studios, die Marvel Studios sowie das gesamte „Star Wars“-Imperium. Dementsprechend gut sind die wirtschaftlichen Erfolgsaussichten: Die amerikanische Investmentbank J.P. Morgan habe in ihrer Prognose von 160 Millionen möglichen Abonnenten gesprochen. Zum Vergleich: Netflix hat derzeit rund 140 Millionen zahlende Kunden.

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