Archiv für 6 vor 9

Auskunftsperre, Zensurheberrecht zu Glyphosat, Vorsicht, Heimat!

1. Leipziger Richter stärken Rechte von Journalisten beim Schutz der privaten Adresse
(investigativ.welt.de, Uwe Müller)
Das Verwaltungsgericht Leipzig hat in einem Beschluss die Rechte von Journalisten gestärkt, die ihre Privatadresse schützen wollen: Die Verwaltungsrichter haben die Stadt Leipzig im Wege der einstweiligen Anordnung verpflichtet, zu Gunsten eines Investigativreporters der „Welt“ für die Dauer von längstens zwei Jahren eine Auskunftssperre im Melderegister einzutragen.

2. Zensurheberrecht: Bundesinstitut gab 80.000 Euro gegen Glyphosat-Berichterstattung aus
(netzpolitik.org, Arne Semsrott)
Ende 2017 verlängerte die EU-Kommission die Zulassung des möglicherweise krebserregenden Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat um weitere fünf Jahre. Der damalige Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hatte im Alleingang im Namen Deutschlands die Zustimmung erteilt, obwohl laut Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) eine Enthaltung vereinbart war. Der Fernsehsender MDR hatte regelmäßig über Gutachten des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) berichtet, die Kritikern zu industriefreundlich ausfielen. Daraufhin mahnte das BfR den MDR wegen der Veröffentlichung der Dokumente ab und verklagte ihn schließlich: Mit der Veröffentlichung der Gutachten habe der Sender das geistige Eigentum des BfR verletzt. Der MDR musste daraufhin sowohl die Gutachten als auch den Mitschnitt der Sendung löschen. In den kommenden Wochen wird der Europäische Gerichtshof über den Fall entscheiden.

3. Michael Obert: „Ich dachte: Jetzt sterbe ich.“
(daniel-bouhs.de)
Am Rande der Fachtagung „Krieg und Krise, Terror und Trauma — Emotionale Belastungen in der Arbeit von Journalistinnen und Journalisten“ ergab sich für Daniel Bouhs die Gelegenheit für ein spannendes Gespräch mit einem freien Auslandsjournalisten: Michael Obert war für das „SZ-Magazin“ mit einem Warlord vor der libyschen Küste unterwegs und ist von dort schwer verletzt zurückgekommen. Obert warnt junge Kolleginnen und Kollegen vor riskanten Einzelaktionen: „Ich nehme schon eher wahr, dass gerade jüngere Kolleginnen und Kollegen, weil man ihnen eine Geschichte in einem schwierigen Gebiet nicht zutraut, dann zunehmend auf eigene Kappe hinfahren, das selbst finanzieren und dann so im Backpacker-Style im Prinzip mit 20 Euro Tagesbudget sich da irgendwie durchkämpfen …“

4. Ennio Morricone will den deutschen „Playboy“ wegen angeblichem Fake-Interview verklagen
(musikexpress.de)
Im deutschen „Playboy“ erschien ein Interview mit der Filmmusik-Legende Ennio Morricone, in dem der 90-Jährige angeblich den Regisseur Quentin Tarantino heftig beschimpfte und über die alljährliche Oscar-Verleihung lästerte. In einer ersten Reaktion stritt Morricone zunächst ab, dem „Playboy“ ein Interview gegeben zu haben. Dies hat sich inzwischen geändert: Nun will Morricone nur die umstrittenen Aussagen nicht getätigt haben. Die deutsche „Playboy“-Redaktion wehrt sich gegen Morricones Vorwürfe: Das Interview habe stattgefunden, und man sei irritiert darüber, „dass Teile der veröffentlichten Aussagen so nicht getroffen worden sein sollen.“ Update: Inzwischen räumt „Playboy“-Chefredakteur Florian Boitin ein, dass Morricones Aussagen in dem gedruckten Interview wohl „in Teilen nicht korrekt wiedergegeben“ worden seien.

5. Serien suchten mit Martin Schulz und was Alexa mit einer Kaffeemaschine zu tun hat – 6 Erkenntnisse vom Vocer Innovation Day 2018
(zeitgeist.rp-online.de, Henning Bulka)
Das unabhängige Debattenforum „Vocer“ hat nunmehr bereits zum fünften Mal deutsche und internationale Medienmacher zum „Vocer Innovation Day“ nach Hamburg eingeladen. Henning Bulka war dabei und hat aufgeschrieben, welche Dinge ihm besonders in Erinnerung geblieben sind: Es geht unter anderem um Relevanz statt Lautstärke, die Macht von Sprache und den Umgang mit Populismus, Amazons Sprachassistentin Alexa und das Bingewatch-Verhalten des ehemaligen Kanzlerkandidaten Martin Schulz.

6. „Vorsicht, Heimat!“
(deutschlandfunk.de)
Die Sieger des 19. Deutschen Karikaturenpreises stehen fest: Greser & Lenz, Til Mette und Hauck & Bauer. Beste Newcomerin ist Sabine Winterwerber. Der „Deutschlandfunk“ präsentiert die Karikaturen der Ausgezeichneten.

Bürgerkrieg in Amerika, Erbrechende „Welt“, Bauhaus-Krisenberater

1. „Wir haben in Amerika eine Art Bürgerkrieg“
(deutschlandfunk.de, Michael Köhler, Audio, 11:48 Minuten)
„Es ist eine Art Krieg geworden. Wir haben in Amerika eine Art Bürgerkrieg“ — die deutsch-amerikanische Schriftstellerin Irene Dische findet im „Deutschlandfunk“ deutliche Worte zur Ära Trump. Teile der Presse seien mittlerweile eingeknickt, die Demokratie bedroht. Disches Optimismus sei der Angst gewichen, dass alles noch viel schlimmer kommen könne.

2. „Welt“-Redakteur erbricht sich in Debatte über rechte Bücher
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Die „Welt am Sonntag“ hat ihren Autor Frédéric Schwilden nach München geschickt, um dort jener Buchhandlung einen Besuch abzustatten, in der Autorin Margarete Stokowski wegen des Angebots rechter Schriften nicht lesen wollte. Bei der Lesungsabsage hatte es sich um eine individuelle und persönliche Entscheidung gehandelt, die nachträglich zum Skandal hochgejazzt wurde. Man könnte über Schwildens Text, der sich teilweise wie eine mehr oder weniger gelungene Popliteratur-Parodie liest, lachen, wenn er nicht so viel Falsches und Böses enthielte. Boris Rosenkranz hat es auf sich genommen, sich mit dem Beitrag auseinanderzusetzen. Ein Beitrag, in dem nicht nur im übertragenen Sinn viel rumgekotzt wird.

3. Tagessatz von 1.428 Euro Krisenberater soll überforderter Bauhaus-Führung beistehen
(mz-web.de, Hagen Eichler)
Eigentlich sollte vor drei Wochen ein vom ZDF übertragenes Konzert der linken Punkband Feine Sahne Fischfilet stattfinden, doch die Direktorin des Bauhaus Dessau sagte ab. Sie befürchtete Demonstrationen vor der Tür, die von rechten Gruppierungen im Falle des Konzerts angekündigt waren. Die Absage wurde stark kritisiert, auch mit Hinweis auf die Tradition und Geschichte des Hauses. Um das medial angeschlagene Image von Haus und ihr selbst wieder aufzubessern, hat die Direktorin nun für einen Tagessatz von 1.428 Euro einen „Krisenberater“ angeheuert. Rund zwei Wochen soll der nun im Einsatz sein.

4. Plagiatsfall: Warum dpa die «Taxi-Queens»-Berichte zurückgezogen hat
(dpa.com, Froben Homburger)
Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) hat Ende vergangener Woche vier Versionen eines Korrespondentenberichts aus Südafrika zurückgezogen. Bei der Story einer Hospitantin aus dem dpa-Büro Johannesburg habe es sich um ein Plagiat eines Artikels aus dem Jahr 2010 gehandelt. Nachrichtenchef Froben Homburger erklärt, wie es dazu kommen konnte, wie die Agentur reagiert hat und wie man solche Pannen zukünftig vermeiden will.

5. «Chinesen sehen Europa auf dem Weg in den Ruin»
(nzz.ch, Ronnie Grob)
Kaum jemand im Westen kennt sich dermaßen gut mit Chinas größtem sozialen Netzwerk Weibo aus wie die Japanologin und Sinologin Manya Koetse, die dazu ein eigenes Blog unterhält. Im Gespräch mit der „NZZ“ geht es unter anderem um die Themen bei Weibo, das chinesische Social-Credit-System, Zensur und den Blick der Chinesen auf Europa. Aber es geht auch um den Blick westlicher Journalisten auf China, den Koetse wie folgt charakterisiert: „Es ist eine Beobachtung, die ich häufig mache: Entweder wird anklagend berichtet, oder man will sich lustig machen. Wer aber stets nur mit westlichem Bias und Framing an Storys herangeht, verpasst wichtige Entwicklungen: zum Beispiel, wie sehr die innerchinesische Propaganda ihre Form ändert, wie sie spielerischer wird, witziger, geschickter. Propaganda findet längst nicht mehr auf dumpfen Propagandapostern statt, sondern in Apps, im Internet, in TV-Shows.“
Weiterer Lesetipp: Die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua hat ein virtuelles Programm vorgestellt, das in Zukunft die Arbeit von Moderatoren übernehmen könnte: Der gefügigste Nachrichtensprecher der Welt (sueddeutsche.de, Lea Deuber).

6. Danny da Costa FTW!
(twitter.com/sportschau)
Der 25-jährige Fußballspieler Danny da Costa steht beim Bundesligisten Eintracht Frankfurt unter Vertrag. Dass da Costa nicht nur gut Fußball spielen, sondern auch bestens Interviews geben kann, beweist er auf besonders eindrückliche Weise: Er stellt sich einfach selbst die zu erwartenden Reporterfragen.

Karate-Vorwurf, Verwässerter Schutz, Strategien der Kandidaten

1. Trumps perfider Umgang mit Medien
(taz.de, Peter Weissenburger)
Bei einem Pressekonferenz mit US-Präsident Donald Trump kam es zum Eklat: Nachdem der CNN-Korrespondent Jim Acosta einige unbequeme Fragen gestellt hatte, wollte ihm eine Praktikantin das Mikrophon entwinden, was Acosta nicht zuließ. Ihm wurde danach seine Akkreditierung entzogen. Trumps Pressesprecherin Sarah Sanders veröffentlichte zur Begründung einen Filmmitschnitt, der zeigen soll, wie Acosta der Praktikantin angeblich eine Art Handkantenschlag verpasst. Das Video stammt von der ultrarechten Webseite „Infowars“ und wurde zur Effektverstärkung möglicherweise manipuliert.
Weiterer Lesehinweis: Bei t-online.de gibt es einen Beitrag, der nicht nur den Ablauf schildert, sondern auch die verschiedenen Videos gegenüberstellt: Weißes Haus postet Video von Verschwörungsseite.

2. Urheberrecht: Ärger im EU-Parlament über verwässerten Schutz für Künstler
(netzpolitik.org, Alexander Fanta)
Bei der großen Urheberrechtsreform der EU ging es auch um den Schutz von Kunstschaffenden vor unfairen Verträgen und Ausbeutung. Wie sich nun herausstellt, wurden diese Passagen bei Geheimgesprächen still und heimlich gestrichen. Entsprechend sauer reagieren einige Parlamentarier. Tiemo Wölken (SPD) schreibt: „Viele Kolleginnen und Kollegen haben dem Parlamentstext am Ende nur zugestimmt, weil die Bestimmungen den Schutz der Künstlerinnen und Künstler klar verbessert haben. Eine Verwässerung dieser Bestimmungen, die der Berichterstatter Voss bereit ist im Trilog einzugehen, wird zur Folge haben, dass die Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten am Ende nicht mehr zustimmen können.“

3. Nur sieben Monate nach Start: Chefredakteurinnen verlassen Watson.de – Arne Henkes übernimmt
(meedia.de, Marvin Schade)
Als der Werbevermarktungs-Riese Ströer vor sieben Monaten das Jugendportal Watson.de eröffnete, besetzte er die Chefredaktion mit zwei erfahrene Profis: Gesa Mayr kam vom „Spiegel Online“-Ableger „Bento“, Anne-Kathrin Gerstlauer stieß von „Zeit Campus“ hinzu. Nun verlassen beide Chefredakteurinnen das Portal. Als Grund gibt Gesa Mayr auf ihrer Facebookseite die „unterschiedliche Auffassung der Ausrichtung der Redaktion“ an.

4. Merkel-Nachfolge: Die Medienstrategien der Kandidaten
(ndr.de, Aimen Abdulaziz-Said & Sabine Schaper)
Das TV-Magazin „Zapp“ hat sich angeschaut, mit welchen Medienstrategien um die Merkel-Nachfolge in der CDU gerungen wird. Vor allem Friedrich Merz gehe recht trickreich vor. Er habe sein Comeback mit Hilfe einer Frankfurter Agentur als geschickten PR-Coup gestaltet. Spahns Kandidatur sei im Vergleich zu Merz hingegen verpufft. Annegret Kramp-Karrenbauer habe anfangs im medialen Abseits gestanden. Ihre Zurückhaltung müsse jedoch kein Nachteil sein, so ein kommentierender „Spiegel“-Journalist.

5. Große Freiheit
(sueddeutsche.de, Ronen Steinke)
„Lichtblick“ heißt die Gefangenenzeitung, die seit 50 Jahren aus der größten deutschen Haftanstalt in Berlin-Tegel berichtet. Vier- bis sechsmal pro Jahr schreiben hier Gefangene für Gefangene unzensiert und legen sich dabei auch schon mal mit Ministerinnen und Senatoren an. Stolze 5.000 Exemplare des „Lichtblicks“ werden gedruckt und finden auch Leserinnen und Leser außerhalb der Gefängnismauern. Das Abonnement ist kostenlos, dank Werbeanzeigen von Anwälten.

6. Verschwende deine Jugend
(zeit.de, Josa Mania-Schlegel)
Ein Dokumentarfilm über eine Youtube-Clique hat den Hauptpreis des Leipziger Dok-Filmfestivals gewonnen und gleichzeitig einen Skandal ausgelöst. In „Lord of the Toys“ reden die Protagonisten in einem rassistischen, rechtsextremen und menschenverachtenden Jugendslang miteinander. Worte wie „Jude“ und „Schwuchtel“ würden beispielsweise als alltägliche Schimpfworte benutzt. Den Filmemachern wird nun vorgeworfen, dies abgefilmt, aber nicht kommentiert zu haben.

Pressefreiheit-Bulldozer, Plastikkritik in Plastik, Zu wenig Klischees

1. „Sie sind eine furchtbare, unverschämte Person“
(spiegel.de)
Bei einer Pressekonferenz des US-Präsidenten Donald Trump kam es zum Eklat: Trump unterstellte den Medien „Feindseligkeit“ und teilte auf unsägliche Weise gegen einen CNN-Journalisten aus. Dem Reporter wurde anschließend „bis auf Weiteres“ die Akkreditierung entzogen. Der Verband der im Weißen Haus akkreditierten Korrespondenten (WHCA) nannte den Entzug der Akkreditierung „schwach und fehlgeleitet“, was den Präsidenten jedoch voraussichtlich nicht stören oder gar zu einer Änderung seines Verhaltens veranlassen wird.
Weitere Leseempfehlung: In Das Rezept von Diktaturen (spiegel.de) beschreibt Georg Diez, wie US-Medien wie der TV-Sender Fox News sich zu Trump-Handlangern machen und von der Information zur Indoktrination umschwenken.

2. Darf man neben Rechten lesen?
(deutschlandfunkkultur.de, Thorsten Jantschek)
Nachdem die Autorin Margarete Stokowski erfahren hatte, dass in einer Buchhandlung Bücher aus dem rechtsextremen Spektrum verkauft werden, sagte sie ihre dort geplante Lesung ab. Durfte sie das? Ja, findet Thorsten Jantschek, sieht das Problem jedoch mehr in der Kanonisierung rechten Denkens und rechter Literatur als in der Tatsache, dass die Buchhandlung derartige Bücher überhaupt anbietet.

3. „Eine enorme Diskrepanz, die zulasten der Qualität geht“
(dwdl.de, Torsten Zarges & Thomas Lückerath)
„Ihre Serie bedient leider keines der Klischees, die wir in den vergangenen Jahren mit unseren Arztserien gesetzt haben. Deshalb verspricht sie kein Publikumserfolg zu werden.“ Beim „DWDL“-Fiction-Gipfel diskutierten drei Produzenten und zwei Drehbuchautoren über die Missachtung mancher Erfolgsserien, neue Genre-Trends, die Zukunft des 90-Minüters und die dramatische Unterfinanzierung der Stoffentwicklung.

4. Ein Thread über Plastikverzicht und meine Lokalzeitung, das Hamburger @Abendblatt.
(twitter.com/hzulla)
Hanno Zulla ist ein treuer Leser des „Hamburger Abendblatts“ und verfolgt dort besonders gern die Beiträge über die notwendige Reduzierung von Plastikmüll und die damit einhergehenden Aufforderungen zum Plastikverzicht. Die Beiträge erreichen ihn jedoch in Plastik verpackt.

5. Wie ist das Verhältnis von Bayer zu Journalisten, Herr Maertin?
(journalist-magazin.de, Henning Kornfeld)
Das Medienmagazin „journalist“ bringt ein ausführliches Interview mit dem Presse- und Kommunikationsverantwortlichen des Bayer-Konzerns. Bayer hatte kürzlich den Glyphosat-Hersteller Monsanto übernommen, beschäftigt rund 100.000 Mitarbeiter und zählt zu den wertvollsten deutschen Dax-Unternehmen. Im Gespräch geht es um sogenannte Qualitätsmedien, Kritikfähigkeit und die Frage, ob Bayer in Zukunft noch Journalistinnen und Journalisten benötigt.

6. Tendenz zum Schmutzwäsche-Waschen
(deutschlandfunk.de, Arno Orzessek, Audio, 5:09)
Ob „Goldene Kartoffel“, „Sprachpanscher des Jahres“, „Goldene Himbeere“, „Big Brother Awards“, „Saure Gurke“ oder „Rosa Handtaschl“: Es gibt derzeit zahlreiche Negativpreise. Arno Orzessek fragt sich, was die Schmähpreise bewirken, außer dass sie die Aufmerksamkeit auf das Falsche lenken würden.

Digitalsteuerbremse Scholz, Höhle der Werbung, Baby-Bär bedrohnt

1. Sozialdemokrat und Wirtschaftsfreund: Olaf Scholz bremst EU-Digitalsteuer
(netzpolitik.org, Alexander Fanta)
Monatelang haben die EU-Staaten an einem Konzept zur Besteuerung der Internetgiganten wie Facebook und Google gebastelt, die sich bislang mit trickreichen Modellen vor der Zahlung von zig Milliarden Euro Steuergeldern gedrückt haben. Nun hat ein Finanzminister eines Landes möglicherweise alle Bemühungen zunichte gemacht und das Projekt perfide torpediert: Statt der eigentlich versprochenen Digitalsteuer fabuliert er auf einmal vage von einer „globalen Lösung“, die der Wirtschaft nicht schaden dürfe. Es handelt sich um den Finanzminister Deutschlands, sein Name ist Olaf Scholz, und er ist SPD-Mitglied.

2. Stimmungsmache mit Messer-Migranten
(ard-wien.de, Srdjan Govedarica)
Das österreichische Boulevardblatt „Kronenzeitung“ fällt mal wieder mit einem reißerischen und alarmistischen Artikel auf. Angeblich würde der Durchbruch von 20.000 bewaffneten Migranten aus dem bosnisch-kroatischen Grenzgebiet Richtung Mitteleuropa bevorstehen. Das ARD-Studio Wien war selbst im Grenzgebiet und hat UNHCR sowie das Wiener Innenministerium zu den Angaben in der „Kronen“-Story befragt. Eine Geschichte, die nach genauerer Betrachtung in sich zusammenfällt.

3. Floskel des Monats: rote Linie
(journalist-magazin.de)
Aktuelle Floskel des Monats beim Medienmagazin „journalist“ ist die „rote Linie“. Floskelspezialisten Sebastian Pertsch und Udo Stiehl verraten, wann erstmals rote Linien gezogen wurden und wo sie heute gezogen werden. Ihr Resümee: „Die rote Linie hat den Rubikon schon längst überschritten.“
Weiterer Lesetipp: Heinrich Vogler beschäftigt sich mit der üppigen Bildsprache im Wirtschaftsjournalismus: Blumiges aus dem Wirtschaftsressort (infosperber.ch).

4. Warum ist die „Höhle der Löwen“ keine Dauerwerbesendung?
(dwdl.de, Alexander Krei)
Müssten Sendungen wie die „Höhle der Löwen“, in denen dauernd Werbung gemacht wird, nicht konsequenterweise als Dauerwerbesendung bezeichnet und durch entsprechende Einblendung gekennzeichnet werden? Alexander Krei hat bei Sendungsmachern und Landesmedienanstalten nachgefragt.

5. Riesenzeit
(sueddeutsche.de, Stefan Fischer)
Angesichts des wachsenden Interesses an Podcastproduktionen klingt es widersprüchlich, doch das Hörspiel ist so stark bedroht wie noch nie. Die Sender reduzieren aus Kostengründen die Anzahl der Produktionen und gleichzeitig verabschieden sich Dramaturgen in den Ruhestand, deren Stellen oft nicht neu besetzt werden. Derzeit entstehe eine Schieflage mit wenigen Riesen-Hörspielen bei gleichzeitigem Rückgang des Produktionsvolumens.

6. The Problem Behind a Viral Video of a Persistent Baby Bear
(theatlantic.com, Ed Young)
Vielleicht ist Euch in den vergangenen Tagen auch das anrührende Video des Braunbär-Babies begegnet, das nach einem Fehltritt einen steilen Felsabhang hinunterrutscht und sich auf gefährlichem Wege tapfer wieder zu seiner Mutter hoch kämpft. Biologen haben einen anderen Blick auf das Rührstück: Dass die Bären überhaupt in diese für sie kritische Situation gekommen sind, liege an der Drone, mit der die Szene gefilmt wurde. Diese sei von den Bären als Bedrohung empfunden worden und Auslöser der gefährlichen Situation gewesen.

Streit um Absage, Mission Wahrheit, YouTube-Paniker

1. Wir veröffentlichen: Wie sich die AfD ihre eigene Verfassungsfeindlichkeit bescheinigen lässt
(netzpolitik.org, Andre Meister & Anna Biselli)
Die AfD will verständlicherweise vermeiden, vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden. Auch weil dies Wählerstimmen kosten könnte. Die Partei hat deshalb ein Gutachten erstellen lassen. Dort gibt es 31 Handlungsempfehlungen, wie sich eine Beobachtung vermeiden ließe. Ohne zu viel zu verraten: Wenn sich die AfD an die Empfehlungen hält, könnte sich eine wohltuende Stille ausbreiten.

2. Margarete Stokowski zur Absage ihrer Lesung (28.11.2018)
(rowohlt.de, Margarete Stokowski)
Die Schriftstellerin und „Spiegel Online“-Kolumnistin Margarete Stokowski hat eine Lesung in einer Buchhandlung abgesagt, die auch Bücher von rechten und rechtsextremen Autoren zum Verkauf anbietet. Zwei Dinge stören sie: Die Normalisierung rechten Denkens und die finanziellen Gewinne für diese Autoren und Verlage. Die Buchhandlung reagierte auf die Absage mit einer öffentlichen Stellungnahme, auf die Stokowski nun ihrerseits öffentlich einsehbar reagiert hat.

3. YouTube-Stars verbreiten gerade massenhaft Panik ums ‚Ende von YouTube‘
(motherboard.vice.com, Sebastian Meineck)
Wenn erfolgreiche YouTuber derzeit Videos verbreiten, in denen sie aufgeregt von der angeblich drohenden Stilllegung ihres Kanals berichten, liegt das an einem Missverständnis, das mit der angekündigten Urheberrechtsreform der EU zu tun hat. Es liegt aber auch daran, dass mit den überdrehten Panik-Videos massiv Klicks und Geld erzeugt werden. Sebastian Meineck erklärt die Sachlage und lässt verschiedene YouTuber zu Wort kommen.

4. Laudatio zur Verleihung der „Goldenen Kartoffel“ 2018 an BILD-Chef Julian Reichelt
(neuemedienmacher.de, Sheila Mysorekar)
Die Verleihung des Negativpreises „Goldene Kartoffel“ an „Bild“-Chef Julian Reichelt hatte für einigen Wirbel gesorgt, weil Reichelt zur Preisverleihung persönlich erschienen war und die Entgegennahme mit Hinweis auf einen angeblichen Rassismus gegen Deutsche verweigert hatte. Die Kartoffel-verleihenden „Neuen Deutschen Medienmacher“ haben nun die komplette Laudatio zum Nachlesen online gestellt.

5. „Niemand kennt Hamburgs Straßen besser“
(deutschlandfunk.de, Stefan Koldehoff, Audio, 4:51 Minuten)
Das Hamburger Straßenmagazin „Hinz & Kunzt“ wird 25 Jahre alt. Im „Deutschlandfunk“ erzählt Chefredakteurin Birgit Müller, wie es zur Gründung des Magazins kam, welche Ziele man verfolgt und spricht über die zunehmende Verelendung auf Hamburgs Straßen.

6. Härtetest
(sueddeutsche.de, Holger Gertz)
Die Regisseurin Liz Garbus hat ein Jahr lang verschiedene Journalisten und Journalistinnen der „New York Times“ bei ihrer Berichterstattung über Donald Trump begleitet. Herausgekommen ist die empfehlenswerte vierteilige Dokuserie „Mission Wahrheit – Die New York Times und Donald Trump“, die der Fernsehsender Arte heute Abend ausstrahlt.
Servicetipp: Man kann die Serie bis zum 5. Dezember 2018 auch online anschauen: Hier die Links:

Teil 1: Die ersten hundert Tage
, Teil 2: Aufschlag Trump, Teil 3: Zur Lage der Nation und Teil 4: Die Welt der Fakten.

Julian Reichelts Kartoffelsalat, Faktenfrei, Böhmermann stellt klar

1. Bild-Chef verweigert Negativpreis „Goldene Kartoffel“ mit Hinweis auf Rassismus gegen Deutsche
(deutschlandfunk.de)
Die Neuen Deutschen Medienmacher haben ihren Negativpreis „Die goldene Kartoffel“ an „Bild“-Boss Julian Reichelt verliehen, der es sich nicht nehmen ließ, zur Veranstaltung zu erscheinen und ein paar merkwürdige Sätze ins Mikro zu sprechen: Er lehne die Annahme der Auszeichnung ab, da diese „rassistisch“ sei. 

Weiterer Lesetipp: Auf Twitter erklärt Samira El Ouassil, wo es bei Reichelts Argumentation ihrer Meinung nach hakt.

2. Faktenfreie Wut – Die Brandstifter
(diekolumnisten.de, Heinrich Schmitz)
Heinrich Schmitz beschäftigt sich in seiner aktuellen Kolumne mit dem Umgang mit der „faktenfreien Wut“ der AfD: „Aber egal wie gut die Medien recherchieren, in der Auseinandersetzung mit Anhängern dieser Partei der alternativen Fakten haben sie stets die schlechteren Karten. Denn entweder behaupten diese, die offiziellen Zahlen sein vom System gefälscht oder die Medien spielten falsch. Und mit der ständigen Wiederholung von Unwahrheiten schaffen sie innerhalb ihrer Anhängerschaft eine alternative Wahrnehmung, wie man sie sonst nur bei geschlossenen Wahnsystem sehen kann. Jemandem mit einer paranoiden Psychose kannst Du auch erzählen, er sei nicht der Kalif von Bagdad, er wird es nicht glauben und Dich der üblen Lüge bezichtigen und nach dem Großwesir rufen, um Dich köpfen zu lassen.“

3. Enthüllen ist zu teuer
(taz.de, Peter Weissenburger)
Die wirtschaftliche Not der lokalen Zeitungen in den USA lässt kaum noch investigative Stories zu. Nun fangen politische Organisationen an, die traditionellen Aufgaben des Lokaljournalismus zu übernehmen. Ob das den klassischen Journalismus ersetzen kann, sei jedoch zweifelhaft, führt Peter Weissenburger in der „taz“ aus.

4. Es gilt das gesprochene Wort – Zum Autorisierungswahn in deutschen Redaktionen
(welchering.de)
Peter Welchering beklagt den „Autorisierungswahn“ in deutschen Redaktionen. Print-Interviews von deutschen Journalisten würden bei angelsächsischen Kollegen meist als wenig provokante und nachträglich geglättete Verlautbarungen des Gesprächspartners gelten. Welchering wünscht sich mehr Widerspenstigkeit von Redaktionen gegenüber Änderungswünschen oder Streichungen. Auch in der Journalistenausbildung herrsche der Irrglaube vor, Interviewpartner hätten ein Recht auf Autorisierung und könnten beliebige Änderungswünsche im Nachhinein rechtlich durchsetzen.

5. Die geschei­terte „Lex Soraya für jeder­mann“
(lto.de, Martin Rath)
Martin Rath schreibt bei „Legal Tribune Online“ über ein spannendes Kapitel deutscher Presserechtsgeschichte: 1958 habe die Bundesregierung den Versuch unternommen, das Persönlichkeitsrecht zentral zu regeln, sei jedoch gescheitert, was ein bisschen auch an einer persischen Prinzessin gelegen habe.

6. „Unsachlich und irritierend“ – Böhmermann zu Antisemitismus-Vorwurf
(weser-kurier.de, Sarah Haferkamp)
Jan Böhmermann hat sich in der aktuellen Folge seines Podcasts zu dem Antisemitismus-Vorwurf geäußert, den ein Komiker und einige Medien gegen ihn erhoben haben. Böhmermann stellt klar: „Was passiert ist, war 2010. Vier hauptberufliche Komiker haben sich 2010, vor acht Jahren, im Rahmen eines „Roasts“ zu Serdar Somuncus 25. Bühnenjubiläum im FZW in Dortmund in Reaktion auf das damals frisch erschienene Buch von Tilo Sarrazin gemeinsam einen Sketch ausgedacht, gemeinsam geprobt, gemeinsam aufgeführt. Alle Beteiligten haben ihre Rollen freiwillig selbstbestimmt gespielt, in gegenseitigem Einverständnis, im Rahmen der Veranstaltung. Alle Zuschauer haben das nachvollzogen. Niemand hat von Zuhause Requisiten mitgebracht. Es wurde alles vor Ort gemeinsam geprobt und aufgeführt. Alle Beteiligten haben im Nachhinein zugestimmt, dass es auf DVD veröffentlicht wird.“

Umstrittener Waldspaziergang, Späh-Export, Unpolitisch reanimiert

1. Waldspaziergang mit Höcke – der Spiegel als Klatschmagazin
(deutschlandfunk.de, Matthias Dell)
„Deutschlandfunk“-Kolumnist Matthias Dell kritisiert den „Spiegel“ für dessen jüngste Homestory mit AfD-Rechtsaußen Björn Höcke: „Spricht die Journalistin Höcke mal auf seine programmatischen Sätze an, redet der sich raus – wenig überraschend für den Leser. Für die „Spiegel“-Journalistin scheint das Ausweis ihrer Arbeit genug. Offenbar hat sie in den zurückliegenden Jahren nicht verstanden, dass die Strategie der AfD genau so funktioniert: Dem „Spiegel“ gegenüber wird anders geredet als in der Öffentlichkeit und zu den Anhängern. Auch über den „Spiegel“ übrigens. Scheint aber alles egal.“

2. Bundesregierung gegen Exportkontrolle
(reporter-ohne-grenzen.de)
Interne Verhandlungsprotokolle und Strategiepapiere der Bundesregierung beweisen, dass die Bundesregierung ein Projekt torpediert, das sie 2015 selbst angestoßen hatte: Die Reform der sogenannten Dual-Use-Verordnung, mit der die EU den Verkauf europäischer Spähsoftware an Staaten verhindern will, in denen Menschenrechte missachtet und Journalisten überwacht werden. „Reporter ohne Grenzen“-Chef Christian Mihr in einer Stellungnahme dazu: „Digitale Überwachung gefährdet die Arbeit von Journalisten auf der ganzen Welt und endet im schlimmsten Fall in Verfolgung und Folter. Es ist erschütternd, dass die Bundesregierung die Pläne der EU zugunsten von Industrieinteressen verwässern möchte.“

3. Polens Ministerpräsident sagt Medien in deutschem Besitz den Kampf an
(faz.net)
Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki stört sich an kritischen Medien. Besonders ärgern ihn polnische Medien in deutschem Besitz. Diese würden „interne Angelegenheiten Polens“ beeinflussen und „die derzeitige Regierung angreifen“. Ein besonderer Dorn im Auge: Die deutsch-schweizerische Mediengruppe Ringier Axel Springer Media. Zu dem Unternehmen gehören das Wochenmagazin „Newsweek Polska“, die auflagenstarke Tageszeitung „Fakt“ und das Online-Portal „Onet“ — allesamt Medien, die kritisch über die Arbeit der rechtsnationalistischen Regierung berichten würden.

4. Klingeln ist zwecklos
(sueddeutsche.de, Thorsten Schmitz)
Mitten in Berlin residieren erfolgreiche Onlinemedien, die im Auftrag Russlands eine neue Art von Propaganda betreiben. Und dies recht erfolgreich: Allein der Facebookkanal „In the Now“ hat mehr als 3,7 Millionen Abonnenten. Die Seite gehört zur Maffick GmbH, einem Klingelschildnachbar der Plattformen „Ruptly“ und „Redfish“. Dass der russische Staat hinter diesen Onlinemedien in Berliner Bestlage steckt, würden diese mit großem Aufwand verschleiern. Dazu gehört anscheinend auch, Fragen von Journalisten abzublocken.

5. Eine Reanimation ist keine politische Demonstration
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Als ein Mitarbeiter einer Partei im Düsseldorfer Landtag mit schweren Herzproblemen zusammenbrach, retteten ihm zwei Landtagsabgeordnete mittels Herz-Druck-Massage und Mund-zu-Nase-Beatmung vermutlich das Leben. Eine schöne Geschichte, über die man unter verschiedenen Gesichtspunkten berichten könnte. So setzt sich die an der Rettung beteiligte Landtagsabgeordnete auch politisch dafür ein, dass mehr Menschen wiederbelebt werden können und will die Laienreanimation an Schulen in Nordrhein-Westfalen weiterentwickeln (PDF). Die Medien schmissen sich jedoch vor allem auf die Parteizugehörigkeit der Beteiligten. Stefan Niggemeier kommentiert: „Yüksel und Schneider verdienen jede Anerkennung, weil sie einem Menschen vermutlich das Leben gerettet haben, aber doch keine besondere Anerkennung, weil es ein AfD-Mann war. Im Gegenteil: Es entwertet ihren Einsatz, wenn man ihn nicht als Selbstverständlichkeit, sondern als Besonderheit feiert. Und wenn man ihren Akt der Lebensrettung als politische Lektion für AfD-Leute interpretiert.“

6. Nach Kritik: „Spiegel“, „Stern“ und „Zeit“ machen Rückzieher
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Anfang der Woche kündigten die Magazine „Spiegel“, „Stern“ und „Focus“ sowie die Wochenzeitung „Die Zeit“ an, künftig nicht mehr Auflagenzahlen für jede einzelne Ausgabe an die Kontrollorganisation IVW melden zu wollen. Um Aufwand und Geld zu sparen und weil diese Daten „keine große Rolle spielen“. Vielleicht aber auch, um sich nicht der geschäftsschädigenden Schmach schlechter Werte auszusetzen. Dagegen protestierten jedoch die Werbekunden, worauf „Spiegel“, „Stern“ und „Zeit“ eiligst zurückruderten.

Rattenfänger von Youtube, CC-Abzocke, Schrödingers Handelsblatt

1. Youtuber zeigt Kindern, wie man mit Glücksspiel reich wird
(uebermedien.de, Robin Blase)
Der deutsche Youtube-Star „MontanaBlack“ (Marcel Eris) hat aktuell 1,2 Millionen Follower und 19.000 „Twitch“-Abonnenten, die jeden Monat fünf Dollar zahlen. Ab Mitternacht betreibt „MontanaBlack“ auf seinem Kanal Influencer-Marketing für eine maltesische Glücksspielseite. Und das wirft sowohl moralische als auch rechtliche Fragen auf. Robin Blase, selbst erfolgreicher Youtuber, erklärt, was an dem Fall problematisch ist.

2. Creative-Commons-Abzocke: negative Feststellungsklagen gegen Marco Verch, Thomas Wolf, Christoph Scholz, Christian Fischer, Dirk Vorderstraße, Dennis Skley und den Verband zum Schutz geistigen Eigentums im Internet (VSGE)
(kanzleikompa.de, Markus Kompa)
Es gibt Fotografen, die ein raffiniertes Geschäftsmodell für sich entdeckt haben. Sie laden ihre Bilder auf Plattformen wie Wikipedia, Flickr oder der eigenen Homepage und versehen sie mit einer kostenlosen „Creative Commons“-Lizenz. Viele von ihnen gestatten sogar die kommerzielle Nutzung ihrer Werke. Wo bleibt bei all dieser Selbstlosigkeit das Geschäftsmodell? Das lauert wie so oft im Kleingedruckten: Sobald jemand ein Bild nutzt und einen Fehler bei der komplizierten Benennung macht, gibt es eine saftige Rechnung oder gar Anwaltspost. Für ein Köln-Bild wird dann mal eben mehr als 5.000 Euro verlangt. Die Gerichte bereiten der „Creative Commons“-Abzocke nun nach und nach ein Ende. Das geht auch auf die Hartnäckigkeit des Medienanwalts Markus Kompa zurück, der knapp 50 sogenannte negative Feststellungsklagen gegen die Aufsteller der „Urheberrechtsfalle“ (Zitat Berliner Kammergericht) geführt hat.

3. Zu nah dran an Facebook?
(deutschlandfunk.de, Daniel Bouhs, Audio, 4:32 Minuten)
Die halbstaatliche Hamburg Media School ist eine sogenannte Public-Private-Partnership, das heißt sie finanziert sich durch Zuwendungen des Staats sowie von Medien und Privatwirtschaft. Eine Förderung steht gerade besonders in der Kritik: ein Weiterbildungsangebot in Kooperation mit Facebook. Daniel Bouhs geht der Frage nach, wie viel Nähe zur Wirtschaft eine Bildungseinrichtung für Journalistinnen und Journalisten zulassen darf.
Weiterer Lesetipp zum Stichwort Facebook: Das Netzwerk hat aktuelle Quartalszahlen veröffentlicht: Facebook verliert weitere Million Nutzer in Europa (zeit.de). Weltweit gesehen wachse das Onlinenetzwerk allerdings weiterhin.

4. Bomben-Reaktion
(horizont.net, Uwe Vorkötter)
Ein Kommentar bei „Horizont“ sorgte für viel Aufregung. Als in Frankfurt spät abends eine Bombe entschärft wurde, gingen die meisten Medien ins Bett, anstatt ihre Leserinnen und Leser auf dem Laufenden zu halten, so der verkürzte Vorwurf. Das wollen die kritisierten Medien nicht auf sich sitzen lassen und reagieren teilweise mit Vehemenz und Schärfe. „Horizont“-Chef Uwe Vorkötter stellt klar: „Es ging nicht darum, Redakteure zu diskreditieren. Sondern darum, dass der Frankfurter Lokaljournalismus an diesem Abend an alles Mögliche gedacht hat: die Printausgabe, den nächsten Morgen, den Wahlabend am Tag zuvor … Nur nicht an die Leser in der Messehalle und die Fragen, die sie akut bewegten.“

5. Handelsblatt reagiert auf Kritik an nichtssagender Umfrage
(stefan-fries.com)
Das „Handelsblatt“ hat auf Twitter nach dem geeigneten Nachfolger für den CDU-Vorsitz gefragt und die Ergebnisse dieser „Umfrage“ später getwittert. Der Journalist Stefan Fries kritisierte dieses Vorgehen und nannte gleich mehrere Gründe dafür. Das „Handelsblatt“ reagierte auf Schrödingers-Katze-Art und gab sich einsichtig und uneinsichtig zugleich.
Weiterer Lesehinweis: Merkwürdige Mehrheiten für Merz (deutschlandfunk.de, Stefan Fries).

6. Podcasts in der Schweiz: Es fehlt an Geld und Mut
(medienwoche.ch, Tugba Ayaz)
Tugba Ayaz hat sich für die „Medienwoche“ umgeschaut bzw. umgehört, wie es um die Podcasts der Schweizer Medienhäuser bestellt ist. Im Gegensatz zu ihren amerikanischen und britischen Kollegen würden sich Verlage wie Tamedia, Ringier oder die „NZZ“-Gruppe nur zögerlich in die Audio-Welt vorwagen. Doch es gibt hoffnungsfroh stimmende Versuche, und Begeisterung für das Format ist durchaus vorhanden.

Aus Kreisen, Gesichtserkennungs-Unstatistik, Publizistisches Einerlei

1. „Aus Kreisen…“ — das Spiel mit den Informationen
(deutschlandfunk.de, Henning Hübert, Audio, 6:47 Minuten)
Wie ist es zu erklären, dass manche Journalisten bereits kurz nach Bekanntgabe von Angela Merkels Rückzug als Parteivorsitzende mit Hintergrundinformationen an die Öffentlichkeit gehen konnten? Stephan Detjen, Chef des Hauptstadtstudios des „Deutschlandfunks“, erzählt von den ungeschriebenen Spielregeln des Berliner Medienbetriebs. Und erklärt, wie es einem der Kandidaten für das Amt des CDU-Vorsitzenden, Friedrich Merz, gelingen konnte, auch ohne politische Ämter all die Jahre über im Gespräch zu bleiben.

2. Unstatistik des Monats: „Erfolgreiche“ Gesichtserkennung mit Hunderttausenden Fehlalarmen
(rwi-essen.de)
Das Innenministerium hat sich mit einer Pressemitteilung über das angeblich erfolgreiche Projekt zur automatischen Gesichtserkennung die fragwürdige Auszeichnung „Unstatistik des Monats Oktober“ erworben. Die Statistik-Experten vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung haben nachgerechnet und kommen auf monatlich mehr als 350.000 unnötige Personenkontrollen durch Fehlalarme: „Dass das Gesichtserkennungssystem 99,3% der Verdächtigten zu Unrecht verdächtigt, ist mit der Regel von Bayes (ein Satz aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung) berechnet, die in Bayern inzwischen jeder Schüler der 11. Klasse lernt. Im Bericht und der Pressemitteilung ist sie nicht zu finden.“

3. Immer häufiger wird zugeschlagen
(taz.de, David Bauer)
Wenn Donald Trump Stimmung gegen Medien machte, bekamen dies bislang meist die Journalistinnen und Journalisten großer Medienhäuser wie CNN oder „New York Times“ zu spüren. Das Dauergehetze gegen die Redaktionen kommt mittlerweile jedoch auch beim Lokaljournalismus an. David Bauer schreibt vom alltäglichen Hass, der amerikanischen Pressevertretern aus Teilen der Bevölkerung entgegenschlägt. Und der sich nicht nur in Verbalattacken oder Drohungen, sondern auch in tätlichen Angriffen ausdrückt.

4. „Jeder Journalist sollte mal ins Gefängnis“
(mediummagazin.de, Jens Twiehaus)
Der Leiter der „Zeitenspiegel“-Reportageschule, Philipp Maußhardt, musste im Oktober für drei Tage ins Gefängnis, und das hat einen ungewöhnlichen Grund: Maußhardt hatte einen Ebay-Verkäufer wegen Nicht-Lieferung verklagt, war aber nicht zum von ihm selbst initiierten Gerichtstermin erschienen, was ein Ordnungsgeld nach sich zog. Weil er sich weigerte, dies zu bezahlen, wanderte Maußhardt für drei Tage in den Knast. Eine Erfahrung, die jeder mal gemacht haben sollte, wie er im Interview erklärt.

5. Publizistische Vielfalt ist bedroht
(de.ejo-online.eu, Linards Udris & Mark Eisenegger & Daniel Vogler)
Nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz betreiben Medienhäuser zunehmend redaktionelle Verbundsysteme. Was auf der einen Seite Kosten spart, beschneidet auf der anderen Seite die journalistische und publizistische Vielfalt. Und das ist nachweisbar: Das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich hat für sein Jahrbuch einen automatisierten Textvergleich angestellt. Das Ergebnis: In den Schweizer Medien werden immer öfter dieselben Inhalte verbreitet.
Weiterer Lesetipp: Das komplette Jahrbuch sowie verschiedene in Kurzform aufbereitete Analysen können auf der eigens dafür eingerichteten Website kostenlos heruntergeladen werden.

6. Return of the Gruselpresse: 13 Horrorfilme mit Journalisten
(journalistenfilme.de, Patrick Torma)
Pünktlich zu Halloween stellt Patrick Torma 13 neue Horrorfilme mit Journalistinnen und Journalisten vor, die Slashern, Dämonen und allerlei mythologischem Getier auf die gruselige Pelle rücken.

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