Archiv für 6 vor 9

Twitters Taktik, Frontstadt Cottbus, Kriegsreporter

1. Sechs Monate Twittersperre
(tomhillenbrand.de)
Es muss sich sehr frustrierend anfühlen: Der Autor Tom Hillenbrand wird von Twitter zu Unrecht gesperrt, bekommt vor einem deutschen Gericht Recht, erfährt aber trotzdem keine Gerechtigkeit. Das sich hinter seiner Dubliner Firmenadresse verschanzende Sozialen Netzwerk nehme die Einstweilige Verfügung aus Deutschland einfach nicht zur Kenntnis. Twittersperren-Opfer Hillenbrand kommentiert: „Meiner Ansicht nach ist der Gesetzgeber gefordert. Wenn eine Social-Media-Plattform hierzulande Kunden und Geschäft hat, müsste sie eine in Deutschland ansässige Dependance haben, die Korrespondenz entgegennimmt. Bei Fällen, die das NetzDG betreffen, ist das offenbar vorgeschrieben, bei Accountsperren wie meiner hingegen nicht.“

2. Der rbb und Cottbus
(ardaudiothek.de, Sebastian Schöbel, Audio: 25 Minuten)
In bestimmten Cottbusser Kreisen zählen die Reporterinnen und Reporter des rbb zum erklärten Feindbild. Dies äußert sich zum Beispiel bei flüchtlingsfeindlichen Demos, beim Ärger mit rechtsextremen Fußballfans oder beim Berichten über den Rückzug aus der Braunkohle. In der aktuellen Folge des Podcasts „Die erzählte Recherche“ geht es um die schwierige Situation der regionalen Berichterstattung und die Frage: „Was passiert, wenn sich eine Stadt gegen einen Rundfunksender wendet?“

3. „Ich würde mich über AfD-Anhänger freuen“
(tagesspiegel.de, Thomas Gehringer)
Thomas Gehringer hat sich für den „Tagesspiegel“ mit WDR-Talker Jürgen Domian unterhalten, der heute sein TV-Comeback feiert (WDR, 23:30 Uhr). Domian hat in den vergangenen beiden Jahrzehnten mehr als 20.000 Telefongespräche geführt und dabei unter anderem gelernt, dass Menschen „erschreckend abgründig sein können. Das habe ich vorher nicht so gesehen. Auf der anderen Seite habe ich gelernt, wie großartig Menschen sein können. Mutig, tapfer, Vorbilder für andere.“

4. Nein, „Zeit-Online“-Autor Christian Bangel forderte keinen „gezielten Völkermord durch Migration“
(correctiv.org, Till Eckert)
Hat „Zeit Online“-Autor Christian Bangel tatsächlich in einem Artikel den „Genozid am deutschen Volk“ gefordert, wie die Website „Anonymous News“ und ein ehemaliger Katzenkrimi-Autor, der schon mal wegen Volksverhetzung verurteilt wurde, behaupten? Natürlich nicht! „Correctiv“-Faktenchecker Till Eckert hat die Sache trotzdem noch mal aufgedröselt, zitiert die entsprechenden Passagen, erklärt die von beiden Seiten verwendeten Begriffe und zeigt, warum die Behauptung einfach nur falsch ist.

5. Kriegsreporter – Mythos und Wirklichkeit eines Berufsbildes
(de.ejo-online.eu, Martin Gerner)
Um den Beruf des Kriegsreporters beziehungsweise der Kriegsreporterin ranken sich vielerlei Mythen, doch die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Martin Gerner erzählt, wie sich Kriegsberichterstattung tatsächlich abspielt. Dazu gehören auch die lokalen Reporter und Reporterinnen, die oftmals die schwere und gefährliche Vorarbeit übernehmen, deren Einsatz jedoch nicht angemessen gewürdigt werde: „Meinem Freund und Kollegen, dem afghanischen Fotojournalisten Massoud Hossaini, habe ich jahrelang nahegelegt, bei seiner renommierten Nachrichtenagentur auf gleichen Versicherungsschutz zu pochen. Er zögerte. Immer wieder. Erst als er den Pulitzer-Preis in den Händen hielt, traute er sich: „Jetzt werden sie mich wohl nicht vor die Tür setzen, wenn ich danach frage.““

6. Sind Memes nun illegal oder nicht?
(twitter.com/docupy, Video: 1:43 Minuten)
Ist das Anfertigen und Posten einer Mem-Bildtafel mit urheberrechtlich geschütztem Material legal oder illegal? Diese Frage hat der Youtuber Rezo Mitgliedern des Bundestages quer durch das Parteienspektrum gestellt. Es gab zwar Antworten, aber echte Sachkompetenz kann man wohl nur einer der Befragten attestieren …

Queer.de unter Druck, Nichts gelernt, Im Zentrum des Shitstorms

1. „Queer.de“ unter Druck
(taz.de, Eva-Maria Tepest)
Das LGBT-Medium queer.de wurde von einem christlichen Bildungsverein abgemahnt. Das „Zentralorgan der Homo-Lobby“, so die augenzwinkernde Selbstbezeichnung, habe angeblich falsche Fakten über den umstrittenen Verein verbreitet, der Homosexualität in seinen Lehrunterlagen schon mal als heilbare „Verirrung“ bezeichnet. queer.de-Geschäftsführer Micha Schulze will trotz des juristischen Drucks an der Berichterstattung festhalten: „Kein anderes Portal berichtet so ausführlich und so hartnäckig über die neue gefährliche Allianz aus fundamentalistischen Christen und rechtsextremen Hetzern“.
Weiterer Lesehinweis zum Hintergrund des christlichen Vereins: Bildungsministerium verweist Sexualkundeverein aus Klassenzimmern (diepresse.com).

2. Angestachelt vom #AfD-Fanboy …
(twitter.com, Sebastian Pertsch)
Der Journalist und „Floskelwolken“-Mitbetreiber Sebastian Pertsch sieht sich einem Shitstorm aus der rechten Szene ausgesetzt. Er werde verbal angegriffen, beleidigt, mit Hass und Häme überzogen — und auch bedroht. Auf Twitter hat er in einem Thread seine Beobachtungen dazu notiert. Besonders bitter, dass sich anscheinend auch Leute dem Shitstorm (direkt oder indirekt) anschlossen, die es besser hätten wissen müssen: „Außerdem likten ein Ressortleiter des Spiegels, ein ehemaliger Journalist des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, Mitarbeiter der WELT, ein Preisträger des Deutschen Radiopreises aus diesem Jahr und ein paar FDP- und CDU-Politiker die Hate-Posts, weil sie offensichtlich nicht in der Lage waren, die Hintergründe zu recherchieren.“
Weiterer Lesehinweis: Der Journalist Stefan Fries hat Ähnliches erlebt, auch was den Auslöser des Shitstorms betrifft.

3. Debatte um Meinungsfreiheit: Offenbar haben wir nichts gelernt
(rnd.de, Matthias Schwarzer)
Anlässlich der Debatte um Meinungsfreiheit fragt Matthias Schwarzer in seinem Kommentar, wann Journalistinnen und Journalisten endlich damit aufhören, ständig übers rechte Stöckchen zu springen. Und er fragt sich sowie seine Kollegen und Kolleginnen in den Medien: „Warum veranstalten wir schon seit Jahren ganze TV-Talkshows zu Themen wie Political Correctness und zu Scheindiskussionen, ob man heute eigentlich noch „Zigeunerschnitzel“ sagen darf? Haben wir (und nein, das ist kein Whataboutismus) denn wirklich gerade keine anderen Probleme?“

4. „Fake-Nachrichten können die Wikipedia-Community nicht beeindrucken“
(spiegel.de, Torsten Kleinz)
Torsten Kleinz hat sich für „Spiegel Online“ mit dem Wikipedia-Gründer Jimmy Wales über die aktuellen Entwicklungen bei der Online-Enzyklopädie unterhalten. Es geht um Themen wie „Fake News“, Desinformationskampagnen und Diversität. Wales beklagt im Gespräch außerdem den nicht immer fairen Umgang mit den Wikipedia-Inhalten: „Natürlich sind wir zufriedener, wenn wir als Quelle genannt werden. Google macht das ganz gut. Wenn man aber Alexa fragt: „Wer ist Tom Cruise?“, dann liest sie die ersten zwei Sätze aus dem Wikipedia-Artikel vor, ohne dem Nutzer zu sagen, woher die Informationen stammen. Es wäre schlecht, wenn Leute meinten, dass die Wikipedia entbehrlich ist, weil Alexa ja alles weiß.“

5. Sibel Schick erzählt, wie es ist, wenn man ständig Morddrohungen bekommt
(vice.com, Marlene Halser)
Wie ist es, wenn man ständig Morddrohungen bekommt? Die Journalistin und Autorin Sibel Schick kennt dieses Gefühl leider viel zu gut. Bei „Vice“ erzählt sie vom jüngsten Fall, als ihr Name auf einer Todesliste auftauchte: „Menschen, die noch nie Nachrichten von mehr als fünf unbekannten Personen gleichzeitig auf Twitter bekommen haben, denken immer: Mach das Handy aus, Problem gelöst. Aber so einfach ist es nicht. Ich bin ja als Person betroffen. Ich werde als Person bedroht und beleidigt und nicht als Social-Media-Account. Und mich selbst kann und will ich nicht ausschalten.“

6. Mit maximaler Erregung
(sueddeutsche.de, Bernd Graff)
„Titelbilder buhlen im Zeitschriftenständer um Aufmerksamkeit. Ein höchst dissonanter Chor ist das, doch darum will (und muss) jede Ausgabe neu und sensationell sein, versucht, auf unerhörte, nie gesehene Schätze in ihrem Inneren zu verweisen, will als das einzig lohnende Spektakel in diesem Überbietungskampf des Spektakulären erscheinen.“ Bernd Graff stellt den Bildband „Titelseiten, die Geschichte schrieben“ vor, in dem einige der eindrücklichsten Zeitschriftencover von 1949 bis heute zusammengestellt und abgebildet sind.

„Bild“s Ruckzuck-Staat, Luftnummer Flugreisen, Meinungsfreiheit

1. Wirbel um Flugreisen an Schulen in Hamburg
(t-online.de, Tim Ende)
Werden an Hamburger Schulen tatsächlich zu viele Klassenfahrten mit dem Flugzeug unternommen, wie „Bild“ mit einem Verweis auf die Schulbehörde berichtete? Es ist zumindest nicht die ganze Wahrheit, wie Tim Ende auf t-online.de schreibt. So handele es sich bei einer der kritisierten Schulen beispielsweise um eine interkulturelle Schule, und viele Flüge seien Austauschprogrammen geschuldet. „Wenn es zeitlich geht, nehmen wir die Bahn, zum Beispiel nach Kopenhagen oder Sylt“, so der Schulleiter. „Aber nach Shanghai oder Neu-Dehli, wo wir einen Austausch pflegen, geht es nicht anders. Wir können keine tagelangen Bahnreisen dorthin unternehmen.“

2. Bundesregierung will Whistleblower schützen lassen
(sportschau.de, Anne Armbrecht & Hajo Seppelt)
Bei der ARD-Dopingredaktion ist eine Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zum Thema Whistleblowerschutz im Sport aufgetaucht. Anne Armbrecht und Hajo Seppelt haben sich angeschaut, was dort geschrieben und was dort vor allem nicht geschrieben steht.

3. „Bild“ findet den deutschen Rechtsstaat unerträglich
(uebermedien.de, Eckhard Stengel)
Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge entscheidet demnächst über den Asylantrag eines in Abschiebehaft sitzenden, mehrfach vorbestraften Mitglieds eines kurdisch-libanesischen Clans aus Bremen. Für „Bild“ eine unerträgliche Vorstellung. Die Redaktion wolle aus dem Rechtsstaat Deutschland lieber einen „Ruckzuck-Staat“ machen, so Eckhard Stengel in seiner Aufarbeitung des Falls.

4. Leugnen, Twittern, Panik schieben? Klimadebatten im Netz sind vielschichtiger als ihr Ruf
(berlinergazette.de, Sabine Niederer)
Onlinedebatten zum Klimawandel haben in erheblichem Umfang zur Bewusstwerdung des Problems und der Entstehung einer Bewegung beigetragen. Die Medienwissenschaftlerin Sabine Niederer beobachtet seit mehr als zehn Jahren diese Entwicklung und weiß um Auslöser und Verstärker. Dabei geht es ausdrücklich um beide Seiten, also auch um die Klimawandelleugner und „Klimaskeptiker“.

5. Die CDU hat mich nicht verklagt
(zeit.de, Rezo)
In seiner aktuellen Kolumne beschäftigt sich Rezo mit der Art und Weise, wie die AfD das Thema Meinungsfreiheit für sich ausbeutet, eine angebliche Bedrohung herbeikonstruiert, und wie Medien darauf reinfallen: „Wenn große Zeitungen auf ihre Titelseiten nun Slogans wie „Ist die Meinungsfreiheit in Gefahr?“ schreiben und dann das Tun und Lassen der AfD in einen Kontext setzen mit der Tatsache, dass Vorlesungen des AfD-Gründers Bernd Lucke von Antifa-Aktivistinnen gestört werden, kann man natürlich behaupten, dass man doch nur eine spannende Frage in den Raum stellt. Aber der Effekt ist, dass sich nun ein paar mehr Leser fragen, ob sie noch alles sagen dürfen und ob die über 20 Prozent Feinde der Meinungsfreiheit, die nun aus einigen Landtagen heraus die Verrohung der Debatte betreiben, nur ein Problem unter vielen sind.“

6. „Das amerikanische Publikum ist fürchterlich falsch informiert“
(deutschlandfunk.de, Sinje Stadtlich, Audio: 4:47 Minuten)
Neue Studien belegen den verzerrten Blick von US-Medien auf das Thema Abtreibung. Teilweise werde mit hanebüchenen Falschbehauptungen und Zuspitzungen operiert, um Stimmung gegen Abtreibungen zu machen. Der Deutschlandfunk zitiert die Forscherin Katie Woodruff von der University of California mit den Worten: „Das amerikanische Publikum ist fürchterlich falsch informiert über Abtreibungen. Unsere Medienlandschaft ist — wie unsere Politik — extrem parteiisch und gespalten. Und Fox News erzählt seinen Zuschauern die Geschichte, die sie hören wollen. Eine Geschichte von Bedrohung, Zwang und allen möglichen düsteren Praktiken, von denen keine einzige in diesem Land wirklich stattfindet.“ Leider werden die Studienergebnisse wohl geringe Auswirkungen haben, denn keines der großen US-Medienhäuser habe darüber berichtet.

Tilo Jung kritisiert DJV, F wie Falschheit, „Nachhilfe-Thread“

1. Talk mit Tilo Jung – 70 Jahre DJV
(youtube.com, Jörg Wagner)
Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat anlässlich seiner Jubiläumsfeier („70 Jahre DJV“) Tilo Jung für ein Podiumsgespräch eingeladen. Und der wäscht der Organisation und deren Spitze tüchtig und in unverblümter Direktheit den Kopf. Jung kritisiert die seiner Meinung nach unglückliche Vorgehensweise des DJV beim Kommentar zum Rezo-Video, die nicht genügende Trennschärfe von Journalismus und PR, die ausgebliebene Solidarität mit dem seinerzeit inhaftierten Journalisten Billy Six und die wiederholt nötigen Berichtigungen und Löschungen von fehlerhaften Statements. Jung wünscht sich ausdrücklich einen Wechsel an der Führungsspitze des Verbands: „Der Fisch stinkt vom Kopf her.“

2. Das F steht für Falschheit
(journal-frankfurt.de, Ronja Merkel)
Das F in „FAZ“ stehe nicht für Freiheit — sondern für Falschheit und Feigheit. Jedenfalls im Fall des zur Geburtstagsfeier der Zeitung eingeladenen AfD-Chefs Alexander Gauland, so Ronja Merkels Kommentar im „Journal Frankfurt“. Der „FAZ“-Mitherausgeber Berthold Kohler habe vor einem knappen Jahr die „politischen Phantasien“ Gaulands wie folgt kommentiert: „Die Verleumdung des freiheitlichsten und demokratischsten Systems, das es je auf deutschem Boden gab, darf man den Brandstiftern im Biedermann-Sakko nicht durchgehen lassen.“ Ronja Merkel greift dies auf und fügt an: „Und doch feiert eben dieser Biedermann-Sakko tragende, die Demokratie verleumdende Mann Seite an Seite mit den Herausgebern einer Zeitung, die, würden die Phantasien Gaulands Realität werden, ihre so groß auf die Fahne geschriebene Freiheit umgehend verlieren würden.“

3. Von Schreibern, Sprechern und Seitenwechslern
(tagesspiegel.de, Markus Ehrenberg)
Viele Journalistinnen und Journalisten wechseln die Seite und arbeiten als Pressesprecher für Unternehmer oder Organisationen. Der DJV schätze die Zahl auf mittlerweile etwa 15 Prozent seiner 32.000 Mitglieder, mit Trend nach oben. Markus Ehrenberg erzählt, was DJV und Seitenwechsler zu Berufsverständnis und Besonderheiten zu sagen haben.

4. Schon öfter gehört, kein Witz: „Aber wie kriegen wir denn nun mehr #Frauen in unsere Berichterstattung?“
(twitter.com/JuliaKarnick)
Die freie Journalistin, Kolumnistin und Autorin Julia Karnick hat auf Twitter einen „Nachhilfe-Thread“ für „verzweifelte männliche Redakteure“ verfasst, die sich mehr Frauen in der Berichterstattung wünschen: „Genug Frauen zu finden, über die es sich zu berichten lohnt, ist 0 Problem. Man muss es nur wollen. Und ein paar Dinge beherzigen …“

5. Der Streaming-Krieg: Wie Apple und Disney Netflix und Amazon angreifen wollen
(rnd.de, Imre Grimm)
Die globale Fernsehwelt befindet sich im Umbau: Nach Netflix und Amazon steigen nun auch Apple und Disney in den Streaming-Markt ein. In der Branche sei bereits vom „Streaming War“ die Rede, so Imre Grimm: „Es ist ein kreativer Krieg um die Aufmerksamkeit eines verwöhnten Publikums — und um die besten Geschichtenerzähler. Der große Verlierer heißt Hollywood, denn der Exodus von Autoren, Stars und Filmemachern hin zu den Streamern ist atemberaubend.“ Außerdem werde der Einstieg von Apple und Disney Auswirkungen auf Geschmack und Moralempfinden haben. Die Konzerne würden sich auf „keimfreie, unanstößige, den Geschmacksgrenzen des amerikanischen Purismus folgende brave Massenware“ konzentrieren.

6. Aus dem Textbuch für Trainerentlassungen
(faz.net, Achim Dreis)
Beim FC Bayern gibt es anscheinend ein Textbuch für Trainerentlassungen. So kommentiert man aktuell den Rausschmiss von Trainer Niko Kovač mit den Worten: „Ich erwarte jetzt von unseren Spielern eine positive Entwicklung und absoluten Leistungswillen, damit wir unsere Ziele für diese Saison erreichen.“ Mit exakt den gleichen Worten habe man 2017 den Rauswurf von Bayern-Trainer Carlo Ancelotti kommentiert.

Überforderte Staatsanwälte, Verzichtbare „Mitte“, Re-publiziert

1. „Wir sind keine Zensurbehörde“
(tagesschau.de, Marie von Mallinckrodt)
Plattformen wie Facebook sollen Hass- und Hetzposts zukünftig der Staatsanwaltschaft melden. Dort ist man jedoch angesichts des drohenden Arbeitsanfalls wenig begeistert: „Da werden sehr, sehr viele Anzeigen auf uns zukommen. Das können wir mit dem aktuellen Personalbestand nicht leisten“, kommentiert der zuständige Staatsanwalt Christoph Hebbecker. Sein Gegenvorschlag: „Man könnte sich beispielsweise diejenigen aussuchen, die von den Betreibern der sozialen Plattformen rausgeworfen werden von ihrer Plattform. Vielleicht könnte man sich mit den Betreibern der sozialen Plattformen darauf einigen, dass diese Extremfälle bei uns angezeigt werden — und dass wir diese Extremfälle schnell, konsequent verfolgen und dann auch sanktionieren.“

2. Netzaktivist startet Archiv für Verfassungsschutzberichte
(spiegel.de, Jörg Breithut)
Obwohl Verfassungsschutzberichte für die Öffentlichkeit bestimmt sind, ist es nicht möglich, ältere Ausgaben im Internet einzusehen — nur die Berichte der vergangenen drei Jahre sind abrufbar. Alles, was älter ist, werde „depubliziert“ (sprich gelöscht), angeblich aus Gründen des Datenschutzes. Ein Berliner Aktivist wollte sich damit nicht abfinden und hat unter verfassungsschutzberichte.de insgesamt 320 Verfassungs­schutz­berichte zusammengestellt und durchsuchbar gemacht.

3. Ein eiserner Vorhang für das Netz
(zeit.de, Lisa Hegemann)
China hat Internetzensur vorgemacht, nun will die russische Regierung nachziehen und einen „eisernen Vorhang für das Netz“ errichten. Lisa Hegemann erklärt, wie das technisch funktionieren soll. Eine komplette Abschirmung sei bislang nicht möglich, „aber der digitale eiserne Vorhang wird auf russischer Seite deutlich undurchlässiger“.

4. Alte weiße Zeitung
(taz.de, Peter Weissenburger)
Die „FAZ“ hat ihren 70. Geburtstag offenbar mit AfD-Chef Alexander Gauland gefeiert. „taz“-Redakteur Peter Weissenburger kommentiert das Verhalten der Kolleginnen und Kollegen aus Frankfurt: „Fast hätten wir uns mit dem altehrwürdigen Blatt in dieser bürgerlichen Mitte einkuscheln wollen, die gerade ständig beschworen wird. Aber nun sind wir uns wieder sicher, dass wir auf eine Mitte verzichten können, zu der der rechte Rand selbstverständlich dazugehört.“

5. Der erste Schritt – Holger und Silke Friedrich über den Neustart des Berliner Verlags
(berliner-zeitung.de, Jochen Arntz & Elmar Jehn & Julia Haak)
Für den Berliner Verlag und die „Berliner Zeitung“ beginnt eine neue Ära. Seit Freitag gehört das Unternehmen (vormals im Besitz von Dumont) offiziell dem Ehepaar Silke und Holger Friedrich. Im Interview mit dem eigenen Blatt sprechen die beiden Neueigentümer über ihre Pläne mit dem traditionsreichen Verlagshaus, den Zeitungsmarkt und ihre „verlegerische Mission“.
Weiterer Lesetipp: Ulrike Simon mit einem kritischeren Blick als das „Wohlfühl-Interview mit den Chefredakteuren des eigenen Hauses“ auf die Entwicklung beim Berliner Verlag: „Ösis helfen Ossis“ (zum Lesen ist eine kostenlosen Registrierung bei „Horizont“ nötig).

6. Steffi Graf: Er wollte ihr nur an die Haare!
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Mats Schönauer ist der offizielle Regenbogenpressebeauftragte des medienkritischen Portals „Übermedien“. Dort ruft er regelmäßig zum „Schlagzeilenbasteln“ auf: „Hätten Sie das Zeug, Redakteurin oder Redakteur bei der Regenbogenpresse zu werden? Finden Sie es heraus! Wir geben Ihnen eine Nachricht, und Sie versuchen, eine titelseitentaugliche Schlagzeile daraus zu basteln.“ Wie immer ist man hin- und hergerissen zwischen Lachen und Weinen.

Schwacher Staat, „Emmas“ Dreisatz, Verdeckt in der Troll-Farm

1. Der Staat bleibt schwach
(zeit.de, Veronika Völlinger)
Mit einem Neun-Punkte-Plan will die Bundesregierung die Hasskriminalität im Netz bekämpfen. Ein Maßnahmenpaket, das vielfach als unzureichend kritisiert wurde (Klingt stark, ist schwach, zeit.de, Frida Thurm). Hinzu kommt das Problem der Umsetzung, denn ein Gesetz ist nur dann stark, wenn es auch umgesetzt werden kann. Und daran bestehen erhebliche Zweifel: Den Strafverfolgungsbehörden fehle das notwendige Personal. „Viele Staatsanwaltschaften arbeiten schon heute am Limit, bundesweit fehlen mehrere Hundert Ermittler“, so der Chef des Richterbunds DRB. Außerdem sei nicht klar, inwieweit die Sozialen Netzwerke die Behörden bei der Identifizierung von Verfassern von Hasspostings unterstützen.

2. „EMMA“s Islamfeindlichkeit ist genauso ekelhaft wie Kollegahs Sexismus
(vice.com, Paul Schwenn)
Das feministische Magazin „Emma“ hat sich bei der ersten Verleihung ihres Schmähtitels „Sexist Man Alive“ für den deutschen Rapper Kollegah entschieden. Doch anstatt sich auf Kollegahs Inhalte zu konzentrieren, habe „Emma“ in der Laudatio pauschal alle Muslime beleidigt, kritisiert Paul Schwenn: „In Kollegahs Texten Sexismus zu identifizieren, ist einfacher, als einen Elfmeter ohne Torwart zu schießen. Es ist, wie einem Torwart dabei zuzusehen, wie er sich 90 Minuten die Bälle ins eigene Netz wirft und dazu breit grinst. Die Redaktion der EMMA hat es trotzdem vermasselt.“ Vielmehr gehe es laut Schwenn um „den bewährten EMMA-Dreisatz: Frauenfeind, Antisemit, Muslim. Damit ködert das Magazin nicht zum ersten Mal Menschen, die bei Gewalt gegen Frauen immer an die Domplatte denken, aber niemals an das Schützenfest.“

3. Happy Birthday, alte Schachtel
(taz.de, Jan Feddersen & Ambros Waibel & Ulrike Herrmann)
Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ feiert in diesem Jahr ihr 70-jähriges Bestehen. Anlass für die „taz“, gleich drei „kritisch-würdigende Grüße“ an die Kollegen in Frankfurt zu senden. Darin mischen sich Lob und Tadel. Die „FAZ“ sei das Organ, das am besten erklärt, wie die andere Seite denkt, so „taz“-Wirtschaftsredakteurin Ulrike Herrmann: „Nirgendwo lässt sich besser nachlesen, wie Neoliberale die Welt sehen.“

4. Was passierte, als ich mich beim ZDF übers Programm beschwerte
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Schaut man sich den viereinhalbminütigen Zusammenschnitt der ZDF-Produktion „In Wahrheit“ an, den Boris Rosenkranz produziert hat, mag man nicht an einen Krimi denken, sondern an einen Werbefilm mit Krimi-Anteilen. Konkret geht es um den Automobilhersteller BMW, der die Serie mittels „Produktionshilfe“ unterstützt hat. Im Gegenzug wird das Fahrzeug in zahlreichen Szenen recht aufdringlich und offensichtlich wie in einem Werbeclip präsentiert. Rosenkranz hat sich beim ZDF beschwert und eine Antwort erhalten, die zwischen Uneinsichtigkeit, Trotz und Patzigkeit changiert.

5. Verdeckt in der Troll-Farm
(buzzfeed.com, Katarzyna Pruszkiewicz & Wojciech Cieśla)
Die polnische Reporterin Katarzyna Pruszkiewicz recherchierte im Auftrag des Recherche-Kollektivs „Investigative Europe“ und des Recherche-Büros „Fundacja Reporterów“ sechs Monate verdeckt in einer sogenannten Troll-Farm in Warschau. Sie verfasste dort Loblieder auf Polens Staatssender, hetzte gegen LGBTs und warb für einen linken Politiker. Eine schier unglaubliche Geschichte, die nun auch in deutscher Sprache vorliegt.

6. Empörung über „Back to black“-Ausgabe von „Elle“
(sueddeutsche.de, Theresa Hein)
Die deutschsprachige Ausgabe der „Elle“ hat es zu internationaler Aufmerksamkeit geschafft — die ist jedoch reichlich negativ. Der Titel und ein Beitrag („Back to Black“) seien missverständlich, so die Kritik. Das berühmte Supermodel Naomi Campbell schrieb auf Instagram: „I’ve said countless of times we are not a TREND. We are here to STAY. It’s ok to celebrate models of color but please do it in an ELEGANT and RESPECTFUL way.“ Die Magazinmacherin Sabine Nedelchev sah sich daraufhin gezwungen, eine Art Entschuldigung zu veröffentlichen: „Es war falsch, die Coverzeile ‚Back to Black‘ zu verwenden, die so missverstanden werden könnte, als seien schwarze Individuen eine Art Fashion-Trend. Das war nicht unsere Absicht und wir bedauern es, nicht sensibler mit den möglichen Interpretationsweisen umgegangen zu sein.“

7. #56 Meghan & Harry – Wie mächtig sind die Boulevard-Medien?
(deutschlandfunkkultur.de, Christine Watty & Johannes Nichelmann, Audio: 48:32 Minuten)
Ausnahmsweise heute ein siebter Medienlink: In der aktuellen Folge des „Deutschlandfunk Kultur“-Podcasts „Lakonisch Elegant“ geht es um die Macht der (britischen) Boulevardmedien. Mit dabei der Berliner Medienanwalt Christian Schertz sowie BILDblog-Chef und Boulevard-Experte Moritz Tschermak.

Missbrauchsverdacht, Twitter stoppt Polit-Werbung, „Entkräfter Pro Max“

1. Viele Worte für einen Missbrauchsverdacht
(sueddeutsche.de, Hannah Beitzer)
Die Portale „Vice“ und „BuzzFeed“ haben über einen Berliner Arzt berichtet, der homosexuelle Patienten in seiner Praxis sexuell missbraucht haben soll. Nun hat ein Gericht die Berichterstattung auf Betreiben des Arztes untersagt. Obwohl zahlreiche Zeugenaussagen vorliegen, bei der Berichterstattung unzählige Male vom Konjunktiv Gebrauch gemacht wurde und einschränkende Formulierungen eingeflochten wurden.
Weitere Lesehinweise: „BuzzFeedNews“-Reporter Marcus Engert kommentiert auf Twitter: „Stell dir vor, dein Artikel ist voller „mutmaßlich, „angeblich“ + Konjunktiven, aber du hast so viele Quellen & Belege, dass ein Gericht sagt: Genau darum kann dein Leser zu keinem anderen Urteil kommen als dass all das stimmt, und darum verbieten wir das.“ „BuzzFeedNews“-Chef Daniel Drepper erklärt seine Sicht auf den Fall in einem lesenswerten Twitter-Thread und fragt: „Wie viele Belege braucht man, um Vorwürfe sexualisierter Gewalt zu veröffentlichen?“ Und auch „BuzzFeedNews“-Reporterin Juliane Löffler, die an der Recherche mitgewirkt und den Fall mit ihrem Kollegen Thomas Vorreyer aufgeschrieben hat, kommentiert die juristische Niederlage: „Ich bin ernüchtert, enttäuscht, verwirrt.“

2. Inhaltliche statt technische Konkurrenz
(tvdiskurs.de, Sebastian Pertsch)
Sebastian Pertsch hat sich mit dem Medienwissenschaftler Bertram Gugel über die derzeitigen Probleme der Medienbranche und mögliche Auswege unterhalten. Gugel schlägt eine gemeinsame deutsche Videoplattform vor („Deutschland Pass“), auf der die sonst im Wettbewerb stehenden Anbieter ihre Kräfte bündeln. Interessant sind auch seine Gedanken zu Social Media: „Wir haben bekanntlich Kommentarfunktionen auf den meisten Websites und in allen sozialen Netzwerken. Ich kann überall etwas kommentieren. Mittlerweile bin ich der Meinung: Nein, lasst doch „Social“ „Social“ sein.“

3. Twitter stoppt politische Werbung
(tagesschau.de)
„Wir glauben, dass Reichweite für politische Botschaften verdient werden muss, statt erkauft zu werden.“ So begründet Twitter-Chef Jack Dorsey, warum Twitter zukünftig keine politische Werbung zulässt — und zwar weltweit. Damit hebt sich der Kurznachrichtendienst deutlich von Facebook ab, wo man derlei Werbung gestattet und sie auch keinem Faktencheck unterzieht.

4. Politikerinnen verurteilen „geschmacklose“ Berichterstattung über Meghan
(spiegel.de)
In Großbritannien muss sich Herzogin Meghan gegen übergriffige Nachstellungen der Boulevardpresse wehren, um ihre Privatsphäre zu schützen. Nun haben 72 weibliche Abgeordnete in einem offenen Brief ihre Solidarität mit der Herzogin erklärt: „Als weibliche Abgeordnete sämtlicher politischer Richtungen möchten wir unsere Solidarität mit Ihnen zum Ausdruck bringen, indem wir uns gegen die oft geschmacklose und irreführende Natur der Geschichten aussprechen, die in einer Reihe unserer nationalen Zeitungen über Sie, Ihren Charakter und Ihre Familie abgedruckt sind.“

5. Neue Pläne gegen den Hass im Netz
(deutschlandfunk.de, Michael Borgers, Audio: 8:15 Minuten)
Seit mehr als zwei Jahren gilt in Deutschland das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG), das die Betreiber Sozialer Netzwerke verpflichtet, Hasskommentare zu löschen. Auf den Hass im Netz hat sich das jedoch nur unzureichend bis gar nicht ausgewirkt. Nun will die Bundesregierung das NetzDG verschärfen und legt dazu ein „Maßnahmenpaket gegen Rechtsextremismus und Hasskriminalität“ vor. Der Deutschlandfunk hat sich mit dem Medienrechtsanwalt Jonas Kahl über das Vorhaben unterhalten, der von „erheblichen Herausforderungen“ für die Justiz spricht.

6. Joko und Klaas: 15 besondere Minuten gegen Rechtspopulismus
(rnd.de)
Bei „Joko und Klaas gegen ProSieben“ können die Protagonisten 15 Minuten Sendezeit gewinnen. Eine Viertelstunde, die von den Moderatoren gestern Abend für den Kampf gegen Rechts genutzt wurde: Zunächst gab es einen Zusammenschnitt rechtspopulistischer Parolen, danach ein Angebot für den „Entkräfter Pro Max“, den „Automaten von heute gegen die Parolen von gestern“.

Goldene Kartoffel, „Zeit“-Autopsie, Kimmels Obama-Trump-Mashup

1. „Goldene Kartoffel“ für Talkshows
(taz.de, Erica Zingher)
Das Netzwerk „Neue deutsche Medienmacher*innen“ (NdM) verleiht zum zweiten Mal den Negativpreis, die „Goldene Kartoffel“. In den Genuss der güldenen Erdknolle kommen die vier großen Polit-Talks der Öffentlich-Rechtlichen: „Hart aber fair“ (Frank Plasberg, ARD), „Maischberger“ (ARD), „Anne Will“ (ARD) und „Maybrit Illner“ (ZDF). In der Begründung heißt es: „Den politischen Talkshows gelingt es nicht, tiefergehend zu informieren, vielfältige Perspektiven einzubinden und Ressentiments abzubauen. Stattdessen wird hier Rassismus behandelt wie jeder andere Standpunkt auch.“

2. Autopsie: Die harsche Kritik an Relotius-Enthüller Juan Moreno
(spiegelkritik.de, Timo Rieg)
Die „Zeit“ hat unlängst einen viel diskutierten Artikel veröffentlicht, der sich kritisch mit Juan Morenos Buch über den Fälscher-Skandal beim „Spiegel“ beschäftigt. Anlass war ein Schreiben des Anwalts des Fälschers Claas Relotius, in dem dieser seinem ehemaligen Kollegen seinerseits Unwahrheiten und Falschdarstellungen vorwirft (die teilweise von geradezu drolliger Petitessenhaftigkeit sind). Timo Rieg hat sich angeschaut, wie die „Zeit“ darüber berichtet hat, und den Text einer kritischen Analyse unterzogen.

3. Vollrausch, Tötung, Geldstrafe
(spiegel.de, Thomas Fischer)
Als ein 18-jähriger Fahranfänger im Alkoholrausch bei einem Verkehrsunfall eine Frau tötete und dafür vom Gericht mit einer Geldstrafe belegt wurde, regte sich der mediale Volkszorn. Vor allem „Bild“ ließ der Empörung über das vermeintliche Fehlurteil freien Lauf. Der Jurist Thomas Fischer geht dem Fall nach, soweit dies aus der Ferne möglich ist. Dies braucht etwas und verlangt einem an der einen oder anderen Stelle etwas (juristisches) Mitdenken ab, lohnt jedoch. Oder um es mit den Worten Fischers zu sagen: „Man muss sich mit den Dingen ernsthaft befassen und die Zusammenhänge der Regeln zu verstehen versuchen, nach denen man im Ernstfall selbst behandelt werden möchte.“

4. Unter Facebooks Mitarbeitern kommt es zum Aufstand
(nzz.ch, Marie-Astrid Langer)
Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat eine interessante Begründung, warum man Politikerinnen und Politikern gestatte, Lügen auf dem Netzwerk zu verbreiten (in Form von bezahlten Anzeigen wohlgemerkt): „Wenn Politiker lügen, soll das die Öffentlichkeit sehen“, so seine Aussage während einer Befragung durch das Repräsentantenhaus. Anders als bei anderen Anzeigen, unterziehe man diese Schaltungen keinem Faktencheck. Dagegen regt sich nun auch firmeninterner Widerspruch: Mehr als 250 Facebook-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter sollen sich mit einem Protestbrief an ihren Chef gewandt haben.

5. Die ZEIT entfernt Facebook „Pixel“
(onlinejournalismus.de, Matthias Eberl)
„Zeit Online“ hat das umstrittene Tracking-Tool „Facebook Pixel“ von seiner Website geschmissen. Dem vorausgegangen ist die lange vergeblich geäußerte Kritik von Datenschützern und eine Datenschutzbeschwerde eines „Zeit“-Lesers. Eine Sprecherin der „Zeit“-Verlagsgruppe habe erklärt, dass man ausschließlich wegen eines EuGH-Urteils gehandelt habe. Von einem datenschutzfreundlichen Webangebot der „Zeit“ könne man leider immer noch nicht sprechen, wie Matthias Eberl erklärt.

6. We mashed up @BarackObama’s Bin Laden speech with @RealDonaldTrump’s al-Baghdadi speech
(twitter.com/jimmykimmel, Video: 1:24 Minuten)
Nachdem die USA Osama bin Laden getötet hatten, wandte sich Präsident Barack Obama in einem Video-Statement an die Öffentlichkeit. Und auch der jetzige Präsident Donald Trump verkündete den Tod von Abu Bakr al-Baghdadi vor laufenden Kameras. Der US-amerikanische Comedian und Moderator einer Late-Night-Show Jimmy Kimmel hat beide Auftritte in einem Mashup gegeneinander geschnitten. Die Wirkung könnte größer nicht sein.

Rechte Abmahnwellen, Bildvergleich, Zynischer Armuts-Voyeurismus

1. Abmahnwelle setzt kritische Journalisten unter Druck
(uebermedien.de, Felix Huesmann)
Über Rechtsextremismus zu berichten, muss man sich leisten können: Die Gegenseite reagiert oft mit einer oder gleich mehreren Abmahnungen, deren Abwehr beträchtliche Kosten verursacht. Oftmals handelt es sich noch nicht mal um inhaltliche Fragen, sondern um Formalitäten. Das Ziel: Kritische Journalisten und Journalistinnen einzuschüchtern und mundtot zu machen. Felix Huesmann schreibt über ein Phänomen, das kleine wie große Verlage trifft und das für die Beteiligten existenzbedrohend sein kann.

2. Bildausfall
(spiegel.de, Arno Frank)
Als die USA 2011 einen Militäreinsatz gegen Osama bin Laden durchführten, gab es ein Foto von Barack Obama und seinem engsten Team aus dem sogenannten Situation Room. Als die USA unter Donald Trump eine ähnliche Aktion gegen den Anführer des sogenannten Islamischen Staats, Abu Bakr al-Baghdadi, durchführten, veröffentlichte das Weiße Haus ebenfalls ein Bild aus dem Situation Room. Arno Frank hat beide Bilder miteinander verglichen, die Unterschiede könnten nicht größer sein.
Weiterer Lesehinweis: Bei „Newsweek“ erklärt der frühere Cheffotograf des Weißen Hauses unter Barack Obama, warum das Bild mit Trump inszeniert sein könnte.
Außerdem lesenswert: der Kommentar von Bernd Graff bei Süddeutsche.de: „Wenn man Zivilisation und Kultur für einen hauchdünnen Firnis über einer kaum gebändigten, rohen Natur hält, kann man in Trumps archaischer Schmährhetorik allem Geist, Idealismus und Humanismus beim Abblättern zusehen.“

3. Axel Springer: Üppige Vorstandsboni trotz Sparkurs
(kress.de, Markus Wiegand)
Mitarbeiter rausschmeißen und gleichzeitig exorbitante Vorstandsboni ausschütten — für den Axel-Springer-Verlag anscheinend kein Problem. „kress pro“-Chefredakteur Markus Wiegand kommentiert: „Man stelle sich allerdings nur kurz vor, was die hauseigene „Bild“ über ein Management schreiben würde, das im nationalen Mediengeschäft Leute rauswirft, um 50 Millionen Euro zu sparen, und gleichzeitig schon mal eine ähnlich hohe Summe als Boni erfasst. Schön wär’s nicht.“
Zu den Springer-Vorstandsgehältern auch aus unserem Archiv: Unerwähnt, was der Springer-Boss pro Jahr verdient.

4. Facebook-Pläne sorgen für Skepsis
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider, Audio: 4:57 Minuten)
Facebook will demnächst ein neues Nachrichtenangebot namens „Facebook News“ starten. Dort soll es „ausschließlich Newsangebote geben von Partnern, die sich ausweisen können als akkreditierte journalistische Organisationen“. Für Verlage kann dies Vor- und Nachteile bringen: Kurzfristig könnten sie von eventuellen Ausschüttungen profitieren. Langfristig könnte sich das neue Angebot als weitere Bedrohung ihres Geschäftsmodells erweisen. Von möglicher übler Nachbarschaft ganz abgesehen: In den USA habe Facebook auch das ultrarechte Newsportal „Breitbart“ als Quelle aufgenommen.

5. Wer schlampt, sieht Rot?
(taz.de, Alexander Graf)
Kann man ein journalistisches Gütesiegel ernst nehmen, bei dem Bild.de einen grünen Haken für „glaubwürdigen und transparenten Journalismus“ bekommen hat? Obwohl die „Bild“-Journalistinnen und -Journalisten Informationen nicht „verantwortungsbewusst recherchieren und veröffentlichen“, wie in einer Unterkategorie festgestellt wird? Das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Wobei Experten wie der Kommunikationswissenschaftler Philipp Müller von der Universität Mannheim eh bezweifeln, dass viele Menschen das Gütesiegel-Tool NewsGuard installieren werden.

6. Die Darstellung von Armut ist einfach nur zynisch
(tagesspiegel.de, Bernd Gäbler)
Mit als „Sozialreportagen“ verkleideten Trash-TV-Stücken machen RTL und RTL2 Quote auf Kosten von Menschen, die es eh schon schwer im Leben haben. Bernd Gäbler hat sich die verantwortungslosen und voyeuristischen Formate näher angeschaut. Darunter Sendungen wie die mit dem ehemaligen Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky und dem Ex-Comedy-Star Ilka Bessin („Cindy aus Marzahn“).

Schertzhafte Ambiguitäts-Taktik, Fetisch Schönheit, Kinder des Koran

1. Ambiguität der Aufmerksamkeit: Fallen Sie nicht noch mal auf Claas Relotius rein (Digitale November-Notizen)
(dirkvongehlen.de)
„Wenn es blöd läuft, sorgt ausgerechnet die Dokumentationspflicht, die manche Medien empfinden, dafür, dass Marketingpläne aufgehen und die Berichterstattung als Teil einer Kampagne genutzt wird.“ Als Beispiel für die „Ambiguität der Aufmerksamkeit“ führt Dirk von Gehlen die kalkulierte Vorwärts-Verteidigung der Relotius-Anwälte an: „Diese Kampagne war so offensichtlich, dass sie als Lehrbeispiel in Sachen Medienkompetenz und Krisenkommunikation gelesen werden kann.“ Von Gehlen erklärt den dahinterstehenden Spin, und warum wir kein zweites Mal auf Relotius hereinfallen sollten.
Weiterer Lesehinweis: Laura Hertreiter fragt in der „Süddeutschen Zeitung“: Wie heldenhaft muss Juan Moreno eigentlich sein? „Das Bedürfnis scheint in weiten Teilen des Publikums groß zu sein, ihn entweder als Supermann oder als Gestrauchelten zu sehen. Es ist dasselbe Bedürfnis, das die Hochglanzgeschichten des Claas Relotius so erfolgreich gemacht hat: weil sie die Welt so wunderbar in richtig und falsch, gut und böse, wahr und unwahr sortieren, weil sie keine Fragen und Brüche zulassen.“

2. MDR überdenkt Zusammenarbeit mit Uwe Steimle
(spiegel.de)
Der sächsische Komiker und Kabarettist Uwe Steimle macht seit einiger Zeit durch rechtspopulistischen Äußerungen und Provokationen auf sich aufmerksam. Bislang hielt der MDR stets zu seinem Hauskabarettisten („Steimles Welt“). Damit könnte es jedoch bald ein Ende haben. Der Sender wolle laut „Spiegel“ die Zusammenarbeit überdenken: „Es ist eine Grenze überschritten, wenn uns jemand in die Nähe des Staatsfernsehens rückt“, so MDR-Intendantin Carola Wille.
Weiterer Lesetipp: Bei Tagesspiegel.de kommentiert Joachim Huber: „Uwe Steimle ist ein Kann-Fall. Ja, der MDR kann ihn beschäftigen. Seine Tragbarkeit folgt keinen festgefügten Maßstäben, sie muss stets neu verhandelt werden. Was nicht verhandelbar ist: Der MDR muss den freien Mitarbeiter rausschmeißen, wenn diese Behauptung zur Gewissheit wird: Uwe Steimle ist ein Antisemit.“

3. Verzerrungen und Vorurteile – eine kritische Rezension zu Constantin Schreibers „Kinder des Koran“
(disorient.de, Jan Altaner)
Auf „dis:orient“ schreiben unabhängige Journalistinnen und Journalisten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Aktivistinnen und Aktivisten über die Geschehnisse und Entwicklungen in den Ländern Westasiens und Nordafrikas. In der aktuellen Rezension des Buchs „Kinder des Koran. Was muslimische Schüler lernen“ (Autor des Buchs: Constantin Schreiber) werden schwere Vorwürfe erhoben: Schreibers Analyse sei „ungenau, verzerrend und bisweilen faktisch falsch und verbreite xeno- und islamophobe Positionen, Stereotype und Diskurse“. Rezensent Jan Altaner hat viel Mühe für die Beweisführung aufgewandt und eine weitere, noch ausführlichere Langversion verfasst. 
PS: Sollte ein Statement bzw. eine Antwort von Constantin Schreiber vorliegen, werden wir es hier verlinken.

4. Worte, die vergiften
(sueddeutsche.de, Carolin Emcke)
Carolin Emcke beschäftigt sich in ihrer Kolumne mit dem oft verwendeten Begriff der „politischen Korrektheit“. Dabei handele es sich um „das Morsezeichen der Denkfaulen, mit dem sich reflexhaft alles abwehren lässt, was eingeübte Überzeugungen oder Habitus infrage stellen könnte.“ Emcke lenkt den Blick auf die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Sonntagsreden und gelebtem Alltag: „All die vollmundigen Erklärungen und Maßnahmen gegen rechtsradikale, völkische Fanatiker nützen nichts, wenn gleichzeitig all jene Bürgerinnen und Bürger herablassend bespöttelt werden, für die Respekt vor anderen keine elitäre Zumutung, sondern eine soziale Selbstverständlichkeit bedeutet.“

5. Die verrückte Sucht nach Schönheit
(rnd.de, Julia Rathcke & Imre Grimm)
Im Selfie-Zeitalter von Instagram und Co. geht es um das Ausstellen der eigenen Schönheit und die mitunter unschönen Folgen: Immer mehr junge Menschen wollen sich Schönheits-OPs unterziehen. In den Sozialen Medien machen Influencerinnen und Influencer mal mehr und mal weniger direkt Werbung für Eingriffe und Kliniken. Julia Rathcke und Imre Grimm schreiben über den Schönheitswahn der Ära Instagram, erzählen, was alles schiefgehen kann, und diskutieren die bestehende und geplante Gesetzeslage.
Weiterer Lesetipp: Imre Grimm hat mit dem Mediziner Burkard Jäger (Fachgebiet Essstörungen) über den „Fetisch Schönheit“ gesprochen, der auch im Fernsehen allgegenwärtig sei: „Was sicher nicht hilft, sind Sendungen wie „Germany’s Next Topmodel“, wo Essstörungen direkt promotet werden. Das ist eine Katastrophe. Da macht sich Heidi Klum schuldig, ohne jeden Zweifel.“

6. Der Flat White unter Deutschlands trüben Showtassen
(dwdl.de, Hans Hoff)
Hans Hoff hält den Entertainer und Comedian Luke Mockridge für zu nett: „Möglicherweise braucht es aber ein bisschen mehr, wenn man herausfallen will aus der Riege der Durchschnittlichen. Bei Tante Ursulas Geburtstag wäre er bestimmt eine Stimmungsbombe, denn er kann gut risikofreies Entertainment, glutenfrei, vegan und auch für laktoseintolerante tolerabel. Man ahnt bei ihm immer, was kommt, und das kommt dann auch. Unter den trüben Showtassen in Deutschland ist er der Flat White, schön warm, aber nicht geschäumt.“
Zusätzlicher Gucktipp: Stefan Niggemeier hat sich die erste „Abendshow“ von Ingmar Stadelmann im rbb angeschaut. Ein Akt der Aufopferung, den Niggemeier zu einem unterhaltsamen, wenn auch etwas schmerzhaften Video zusammengeschnitten hat: „Sieben Humor-Hacks von Ingmar Stadelmann“ (uebermedien.de, Video: 3:46 Minuten).

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