Archiv für 6 vor 9

77 Trumpismen an einem Tag, Rotes Twitter-X, Medialer Rechtsrutsch

1. „Es ist deprimierend“
(sueddeutsche.de, Thorsten Denkler)
Glenn Kessler verantwortet das Factchecker-Blog der „Washington Post“, bei dem es um den Wahrheitsgehalt von Politikeraussagen geht. Ein besonderer Schwerpunkt liegt darin bei Donald Trump: Kessler und sein Team konnten dem amerikanischen Präsidenten bislang über 3200 Falschaussagen seit dessen Amtsantritt im Januar 2017 nachweisen. Während Trumps Präsidentschaft sei es immer schlimmer mit Trump geworden: Am 20. Juni habe der US-Präsident 77 falsche Aussagen gemacht.

2. „Die Branche ist überhitzt“
(mediummagazin.de, Anne Haeming)
Das „Medium Magazin“ hat das Interview mit den drei Politjournalisten Robin Alexander, Kristina Dunz und Stephan Lamby online gestellt. Darin debattieren die drei preisgekrönten Journalisten über „Haltung und Wege aus dem Sog“.

3. Qualitätsfilter oder Zensur?
(faktenfinder.tagesschau.de, Konstantin Kumpfmüller)
Mit sogenannten „Qualitätsfiltern“ will Twitter dafür sorgen, dass „bösartige“ Inhalte gar nicht erst angezeigt werden. Dies betrifft vor allem Accounts, die Twitter in negativer Hinsicht aufgefallen sind. Davon fühlen sich viele Nutzer diskriminiert, die dagegen mit einem rotem Kreuz und dem Hashtag #QFD protestieren.

4. Die neue Ordnung
(freitag.de, Matthias Dell)
Politik und Medien rutschen in atemberaubendem Tempo nach rechts, findet Matthias Dell im neuen „Freitag“. Die Ignoranz gegenüber rechter Gewalt berühre zentrale Punkte in den gegenwärtigen Auseinandersetzungen: „Sich nach rechts öffnen zu können — wie es Politik und Medien gerade in atemberaubender, selbstvergessener Geschwindigkeit tun –, um dem schlechten Gewissen des eigenen Privilegiertseins zu entkommen, das mit „links“ assoziiert wird, bedarf der Ignoranz gegenüber Opfern rechter Gewalt.“

5. Die große Einigung
(taz.de, Peter Weissenburger)
Seit Jahren streitet sich der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) mit einzelnen Sendeanstalten: Den Verlegern ist alles ein Dorn im Auge, was „presseähnlich“ ist oder sein könnte. Nun scheint der Streit beigelegt, unter anderem durch Einrichtung einer Schiedsstelle. Eine Idee, die bei der medienpolitischen Sprecherin der Grünen im Bundestag, ­Tabea Rößner, auf Kritik stößt: „Es kann nicht sein, dass es eine Schiedsstelle von Pressevertretern gibt, die über die Ausführung des öffentlich-rechtlichen Auftrags entscheiden“.

6. Das freie Internet ist in Gefahr! Oder?
(zeit.de, Julia Reda & Axel Voss)
Die EU-Abstimmung über das neue Leistungsschutzrecht steht bevor. Was spricht für ein derartiges Gesetz und was dagegen? Die „Zeit“ lässt die Europaabgeordneten Axel Voss (CDU) und Julia Reda (Piraten) im Pro und Contra gegeneinander antreten.

Das Seemannsgarn der Rechten, Kein Recht auf Vergessen, Hetzersperre

1. Ich war selbst an Seenotrettungen beteiligt – Glaubt nicht diesen 6 Lügen der Rechten
(volksverpetzer.de, Johann Pätzold)
Johann Pätzold war selbst an Seenotrettungen beteiligt und weiß insofern, wovon er spricht, wenn er kompakt und gut lesbar mit den sechs am stärksten verbreiteten politischen Mythen dazu aufräumt. Seine persönliche Geschichte hat Pätzold in längerer Form hier aufgeschrieben.

2. Kein Recht auf Vergessen
(taz.de, Christian Rath)
Die zwei Halbbrüder, die 1993 wegen Mordes an dem bekannten bayerischen Schauspieler Walter Sedlmayr zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt wurden, haben ihre Klage beim Europäischen Menschenrechtsgerichtshof verloren: Die Online-Archive von Rundfunkanstalten und anderen Medien sind nicht verpflichtet, nachträglich die Namen der beiden 2007 und 2008 aus der Haft entlassenen Männer zu tilgen.

3. Google muss Ein-Sterne-Negativ-Bewertung löschen
(zeit.de)
Online abgegebene Ärzte-Bewertungen sind immer wieder Gegenstand juristischer Auseinandersetzungen. Im vorliegenden Fall muss Google eine Ein-Sterne-Bewertung streichen lassen, die auch bei Google Maps erscheint. Die nicht näher begründete Bewertung sei geeignet, das Ansehen des Arztes negativ zu beeinflussen.

4. Verbrechen gegen Journalisten verfolgen
(reporter-ohne-grenzen.de)
Reporter ohne Grenzen (ROG) fordert die künftige mexikanische Regierung auf, Verbrechen gegen Journalisten konsequenter zu verfolgen: „Die Kultur der Straflosigkeit führt dazu, dass die Täter sich zu immer neuen Verbrechen gegen Journalisten ermutigt fühlen. Pressefreiheit ist nur gewährleistet, wenn Journalisten in Sicherheit und ohne Angst vor Gewalt arbeiten können.“ Hintergrund sind die vielen Gewalttaten gegen Journalisten vor der anstehenden Präsidentschaftswahl. Zwischen Januar und Mai 2018 seien 45 Journalisten in Zusammenhang mit ihrer Wahlberichterstattung angegriffen worden. Fünf Medienschaffende seien gewaltsam ums Leben gekommen.

5. Facebook darf Hetzer aussperren
(spiegel.de)
Ein Facebook-Nutzer hat in mindestens hundert Fällen unter anderem Postings von Politikern und Medien mit folgendem Satz kommentiert: „Flüchtlinge: So lange internieren, bis sie freiwillig das Land verlassen!“ Als er von Facebook für 30 Tage gesperrt wurde, klagte er dagegen mit dem Standardargument aller Hasskommentierer: Er mache nur vom Grundrecht der Meinungsfreiheit Gebrauch. Das Landgericht Karlsruhe hat seinen Antrag jedoch zurückgewiesen, die Sperre war rechtens. 


6. Wohnungen statt Zeitungsredaktionen
(fr.de, Claus-Jürgen Göpfert)
Claus-Jürgen Göpfert schreibt über einen bevorstehenden Einschnitt in der Frankfurter Stadtgeschichte: Das alte Zeitungsviertel steht vor der Auflösung. 2021 wird die „FAZ“ mit ihren rund 1000 Beschäftigten ins Europaviertel umziehen. Doch der Umbruch vom früheren Industrieviertel hin zum modernen Dienstleistungsquartier sei schon jetzt in vollem Gange.

ORF-Diskussion, Mission Heimlich?, „Distracted Boyfriend“-Meme

1. ORF: Keine Kritik auf Social Media
(brodnig.org)
Die Journalistin und Buchautorin Ingrid Brodnig hat aufgeschrieben, warum ihr die aktuellen Social-Media-Pläne des ORF nicht behagen. Grundsätzlich habe sie keine Probleme mit Social-Media-Guidelines, „die konkreten Formulierungen im aktuellen Entwurf sind aber so weitreichend, dass ich ein Missbrauchspotenzial fürchte, welches dazu führen kann, dass die Meinungsfreiheit und auch die öffentliche Debatte auf Facebook und Twitter leiden.“
Weiterer Lesehinweis: Der Kommentar von Florian Klenk, Chefredakteur der Wiener Wochenzeitung „Falter“: Ein Knickserl vor der FPÖ (zeit.de)

2. Wie „Spiegel TV“ sich neu erfinden will
(haz.de, Imre Grimm)
Nach 30 Jahren geht es mit „Spiegel TV“ auf dem gewohnten Sendeplatz bei RTL zu Ende. Wie geht es mit dem erfolgreichen politischen Magazin weiter? Chefredakteur Steffen Haug sowie Redaktionsleiterin und Moderatorin Maria Gresz erläutern ihre Pläne.

3. Faktencheck: Falschnachrichten über Migranten der Aquarius – Warum dieses Foto aus dem Kontext gerissen ist
(correctiv.org, Cristina Helberg)
Der katholische Theologe und Publizist David Berger wusste auf seinem rechtspopulistischen Blog „Philosophia perennis“ Empörendes zu berichten: Angeblich hätten Flüchtlinge von Bord des Schiffes „Aquarius“ Kleidung in den Müll geworfen, die das Rote Kreuz ihnen gegeben hat. Der Haken bei der Geschichte: Sie stimmt nicht.

4. So groß ist die Welt
(freitag.de, Klaus Raab)
In Raúl Krauthausens Talkshow „face to face“ reden Gäste mit und ohne Behinderung über ihr Leben. Nun hat der nimmermüde Inklusionsaktivist, der unter anderem die „Sozialhelden“ gegründet und die Landkarte mit rollstuhlgerechten Orten „Wheelmap“ initiiert hat, den Grimme-Online-Award für seine Sendung bekommen.

5. Unbemerkt verabschiedet?
(faktenfinder.tagesschau.de, Konstantin Kumpfmüller)
Während der Fußball-WM wurden verschiedene unpopuläre Gesetze verabschiedet, ob mehr Geld für Parteien oder schärfere Regeln beim Urheberrecht. Steckt dahinter eine Strategie, um Diskussionen zu vermeiden? Spoiler: Ganz so einfach ist es wohl nicht.

6. Die Frau aus dem „Distracted Boyfriend“-Meme ist immer geschockt – und es ist so witzig!
(bento.de, Steffen Lüdke)
Kaum jemand, der das Bild auf Social Media noch nicht gesehen hat: Er und sie Händchen haltend, aber er dreht sich nach einer anderen um, was bei seiner Partnerin entsprechend für Empörung sorgt. Das Bild dient unzähligen Memes zur Verbreitung von mehr oder weniger einschlägigen Verrats- und Untreuebotschaften. Ein Twitternutzer hat sich die Mühe gemacht, in den anderen Stockfotos der Frau zu stöbern. Das Ergebnis ist schockierend!

ORF-Maulkorb, Vier-Augen-Delikte, AfDler als Journalistenbedroher

1. ORF-Mitarbeiter sollen Politik „auch privat“ auf Twitter nicht kritisieren
(derstandard.at, Harald Fidler)
Der österreichische Sender ORF arbeitet an neuen Social-Media-Regeln, nach denen Mitarbeiter auf Meinungsäußerungen verzichten sollen und zwar auf: „öffentliche Äußerungen und Kommentare in sozialen Medien, die als Zustimmung, Ablehnung oder Wertung von Äußerungen, Sympathie, Antipathie, Kritik und ‚Polemik‘ gegenüber politischen Institutionen, deren Vertreter/innen oder Mitgliedern zu interpretieren sind“. Der Betriebsratschef wertet dies als „Kniefall“ vor ÖVP und FPÖ.
Weiterer Lesehinweis: ORF-Chef will Mitarbeitern politische Kritik verbieten (zeit.de)

2. „Kommunikations-GAU“ im Funkhaus
(taz.de, Anne Fromm)
Bei „Deutschlandfunk Kultur“ sorgt die Meldung über ein Finanzloch für Unruhe in der Belegschaft: Von einschneidenden Sparmaßnahmen bei Programm und Personal ist die Rede. Die innerbetriebliche Kommunikation darüber hätte besser laufen können, wie „taz“-Redakteurin Anne Fromm berichtet. Als die Senderchefs die Redakteure/innen über die neue Reform informieren wollten, hätten die Chefs dem Personalrat und dem Redakteursausschuss den Zutritt zu der Versammlung verweigert. Ein „klarer Verstoß gegen das Bundespersonalvertretungsgesetz“, wie die Angestellten in einer Stellungnahme schreiben würden.

3. Warum es so schwierig ist, zu „Me Too“ zu recherchieren
(sueddeutsche.de, Charlotte Theile)
Charlotte Theile berichtet von der Schwierigkeit, zu #MeToo zu recherchieren: „Sexuelle Übergriffe sind oft Vier-Augen-Delikte. Zwei Menschen wissen, was wirklich passiert ist. Gleichzeitig gibt es überall da, wo es um Sex geht, schnell Gerüchte. Eine unübersichtliche Mischung, in der Journalisten schnell in einen Rollenkonflikt geraten. Mit Nachforschungen laufen sie Gefahr, Teil des Hörensagens zu werden.“

4. Nach Merkel-Kommentar: Malte Pieper verwundert über Reaktionen
(swr3.de, Amelie Heß)
Der ARD-Korrespondent Malte Pieper forderte in einem Kommentar den Rücktritt von Angela Merkel, was im Netz eine breite Diskussion auslöste. Einige Medien, wie „Bild“, stellten die Meinung des Korrespondenten fälschlicherweise als die Meinung der „Tagesschau“ dar, was die Stimmung zusätzlich anheizte. BILDblog berichtete. Auf SWR3 zeigt sich Malte Pieper verwundert über die Reaktionen. Er habe sachlich argumentiert. Sein Kommentar sei lediglich ein Angebot zur Diskussion gewesen. Zum Vorwurf des „Staatsfunks“ sagt Pieper: „Viele glauben offenbar, wir hier beim SWR oder in den ganzen ARD kriegen morgens ein Fax aus dem Bundeskanzleramt und da steht drin, was wir senden sollen. Ich kann nur sagen: So ist es definitiv nicht. Wir denken schon noch selbst.“

5. AfD-Treffen: Teilnehmer bedrohen und attackieren Journalisten
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Beim „Kyffhäusertreffen“ in Sachsen-Anhalt hat sich der rechtsnationale Flügel der AfD zusammengefunden. Teilnehmer der Veranstaltung haben Journalisten angegriffen und bedroht, die sie beim Verlassen des Versammlungsgeländes gefilmt haben. Einige Besucher der Veranstaltung hätten sich gegenüber den Journalisten auf den Datenschutz berufen und verboten, sie zu filmen. Dies sei „Unsinn“, wie Medienrechtler Thorsten Feldmann bei „Übermedien“ zitiert wird: „Mit Datenschutz hat das nichts zu tun. Es gilt das Medienprivileg.“

6. „Bild“-Redaktion evakuiert, weil Flüchtling an Axel-Springer-Hochhaus vorbeiging
(der-postillon.com)
Der „Postillon“ berichtet: „Zu chaotischen Szenen ist es heute im Axel-Springer-Hochhaus in Berlin gekommen. Dort wurde am Vormittag die gesamte Bild-Redaktion evakuiert. Zuvor hatte ein Journalist der Zeitung einen Flüchtling entdeckt, der den Gehweg vor dem Gebäude entlang lief.“

Vertraulichkeit als Maulkorb, Wahre Welle, Merkel-Podcast-Finanzierung

1. Für den Podcast der Bundeskanzlerin sind eine Million Euro an eine Firma geflossen, die der Union nahesteht
(buzzfeed.com, Marcus Engert)
Der Podcast der Bundeskanzlerin wirft einige Fragen auf. Da wäre zunächst das üppige Produktionshonorar von (kumuliert) mehr als einer Million Euro, das an eine Firma fließt, die im Wesentlichen dem Politikberater Roland Berger und dem Schwiegersohn von Ex-CSU-Chef Edmund Stoiber gehörte. Außerdem kritisieren Journalisten, dass die Bundeskanzlerin zu wenig mit ihnen spricht, während die Social-Media-Auftritte zunehmen würden. Und dann bleibt da noch die Sache mit der Gesetzeslücke, die von der Bundesregierung bei ihrer Öffentlichkeitsarbeit geschickt ausgenutzt werde. Marcus Engert ist all diesen Fragen nachgegangen und hat Meinungen von Experten eingeholt.

2. In eigener Sache: Nvidia-NDA als Maulkorb für Journalisten
(heise.de)
Wenn Firmen Testexemplare an Journalisten rausschicken, bestehen sie oft auf eine vorherige Unterzeichnung einer Vertraulichkeitsvereinbarung (Non-Disclosure Agreement/NDA). Auch der „Heise“-Redaktion werden derartige Vereinbarungen vorgelegt, die dann im Einzelfall geprüft und in der Regel unterzeichnet werden. Doch es gibt Ausnahmen: „Manche Firmen setzen NDAs allerdings auch als Waffen ein. Sie wollen Journalisten nicht nur dazu bringen, sich an Veröffentlichungstermine zu halten, sondern auch mit weitgehenden Vereinbarungen und horrenden Strafandrohungen wohlfeile Berichterstattung erzwingen. Wer sich nicht beugt, wird vom Informationsfluss abgeschnitten.“ Von eine dieser Ausnahmen handelt der Beitrag: Von einer als Maulkorb empfundenen Vereinbarung aus dem Hause Nvidia, einem der größten Entwickler von Grafikprozessoren und Chipsätzen. Nachtrag, 14:18 Uhr: Die Redaktion von „ComputerBase“ hat sich ebenfalls zum Nvidia-NDA und zum „Heise“-Artikel geäußert — und sieht die Sache etwas anders.

3. Tilo Jungs Fragen auf der Bundespressekonferenz
(twitter.com/TiloJung, Video, 3:07 Minuten)
Innenminister Seehofer hat kürzlich behauptet, dass die „meisten Fake News in Deutschland produziert werden“. Tilo Jung hat auf der Bundespressekonferenz bei Regierungssprecher Seibert nachgefragt, ob er das bestätigen kann. Außerdem: Hat Seehofers Innenministerium empirische Belege für dessen kühne Aussagen?
Weiterer Lesehinweis: „Auch die CSU hat schon solche Fake News verbreitet“ (Interview von Karoline Meta Beisel mit dem Fake-News-Forscher Alexander Sängerlaub, sueddeutsche.de)

4. Ein bisschen Frieden
(sueddeutsche.de, Hans Hoff)
Für eine von Google und der Düsseldorfer Landesanstalt für Medien finanzierte Studie haben Wissenschaftler Hasskommentare im Netz untersucht und „Steuerungsstrategien“ für Redaktionen entwickelt. Dazu haben sie Diskursverläufe bei Tagesschau.de, „RP Online“, „Deutschlandfunk Kultur“ und „RTL aktuell“ untersucht. Eines der Ergebnisse: Bei entschiedener Moderation gebe es in Sachen Hasskommentare sofort einen reduzierenden Effekt.

5. „Facebook löschen? Würde ich nicht machen!“
(universal-code.de, Christian Jakubetz, Audio, 15:47 Minuten)
Christian Jakubetz hat sich mit dem ARD-Digitalexperten Dennis Horn über soziale Netzwerke unterhalten. Als Einstieg ins Gespräch diente das neue Buch des amerikanischen Informatikers und Autors Jaron Lanier. Darin fordert Lanier seine Leser auf, ihre Social-Media-Accounts zu löschen.

6. Wirbel um Wahre Welle TV
(br.de, Stefanie Wagner)
Ein neuer Online-TV-Sender sorgte mit allerlei Social-Media-Tamtam für reichlich Wirbel und heftige Diskussionen im Netz. Dafür war auch die Ankündigung im Verschwörungsstil verantwortlich: „Sehen Sie die Wahrheit hinter der Wahrheit, auf dem weltweit ersten unabhängigen 24h-Online-Sender Wahrewelle.TV. Hier erwarten Sie Nachrichten, Reportagen, Serien und Spielfilme, garantiert unzensiert und zwangsgebührenfrei. Unabhängig, schonungslos, kritisch — das ist Wahrewelle.TV“.
Doch Sorgen sind unangebracht: Was sich wie die Selbstbeschreibung eines Machwerks aus dem Kopp Verlag anhört, ist ein satirisches Projekt der Bundeszentrale für politische Bildung zur Stärkung der Medienkompetenz.

Angstmacher Seehofer, Wahlumfrage, Das Quaken der toten Ente

1. „Seehofer befeuert Misstrauen und Ängste“
(donaukurier.de, Klaus Meier)
Innenminister Horst Seehofer hat in einem Interview behauptet, es gäbe immer mehr Falschmeldungen. Die meisten Fake News würden seiner Ansicht nach in Deutschland produziert werden. Dem widerspricht der Eichstätter Journalismus-Professor Klaus Meier: „Horst Seehofer befeuert das Misstrauen und die Ängste von etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen in Deutschland, die der Propaganda der Rechten aufsitzen und denken, sie würden permanent manipuliert. Das ist für eine informierte und diskursive Öffentlichkeit nicht hilfreich, ohne die die Demokratie nicht atmen kann.“
Weiterer Lesehinweis: Auch der Vorsitzende des „Deutschen Journalisten Verbands“ ist über die Aussagen Seehofers empört: „Ausgerechnet der Minister, der kraft seines Amtes die Grundwerte der Verfassung schützen soll, stellt die Pressefreiheit auf den Kopf, indem er uns Journalisten vorsätzliche Falschmeldungen unterstellt — unglaublich!“ (djv.de, Hendrik Zörner)

2. „Heute“ und die Tiefen des „guten Boulevards“
(kobuk.at, Hans Kirchmeyr)
Das österreichische Gratisblatt „Heute“ machte mit der Aufsehen erregenden Meldung auf, nach der eine 91-jährige „Oma“ von einem Flüchtling vergewaltigt worden sei. Dabei handelte es sich jedoch um eine Falschmeldung, wie das Blatt in einem Anhang eingestehen musste. Hans Kirchmeyer lobt das Blatt für seine transparente Dokumentation, es sei jedoch ein erheblicher Schaden angerichtet worden: „Kaum ein Leser kehrt zurück und liest die kleine Korrektur ganz am Ende des Artikels. Und in den „sozialen“ Medien quakt die Ente untot weiter.“

3. Muss man bei der WM zu viele bittere Pillen schlucken, Frau Freitag?
(planet-interview.de, Jakob Buhre)
„Planet Interview“-Macher Jakob Buhre hat sich mit der Vorsitzenden des Sportausschusses Dagmar Freitag (SPD) unterhalten. In dem Gespräch geht es u.a. über die laufende WM, den Zwang, die FIFA zu finanzieren, die Verbindung von Coca-Cola und Sport und den Umgang des DFB mit der Trikot-Affäre.
Weiterer Lesehinweis, ebenfalls bei „Planet Interview“: das Gespräch mit Markus Harm, dem Sportpolitik- und FIFA-Experten des ZDF: Die Fußball-WM ist ein Corporate Event, es geht fast nur noch um Geld.

4. CSU bundesweit bei 18 Prozent?
(faktenfinder.tagesschau.de, Konstantin Kumpfmüller)
Würde die CSU bei bundesweiten Neuwahlen wirklich bei 18 Prozent liegen, wie „Bild“ unter Berufung auf eine Umfrage des INSA-Instituts berichtete? Daran bestehen Zweifel, auch weil die Fragestellung problematisch ist. Heiko Gothe vom Meinungsforschungsinstitut Infratest kritisiert die Frage nicht nur wegen ihres Framings, sondern auch ganz grundsätzlich: „Mit der Abfrage von Parteien, die bisher im jeweiligen Wahlgebiet gar nicht wählbar sind und mit denen die befragten Personen gar keine Erfahrung haben, wird der hypothetische Charakter massiv gesteigert und die Befragten letztlich überfordert.“
Weiterer Lesehinweis: Keine eindeutige Mehrheit für CSU-Politik – Spiegel online interpretiert das aber anders (stefan-fries.com)

5. 18 Wege, über die dich Facebook trackt und verfolgt
(basicthinking.de, Christian Erxleben)
Vielen ist bekannt, dass Facebook seine Nutzer trackt, analysiert und verfolgt. Wie ausgeklügelt Facebooks Tracking-Verhalten funktioniert, zeigt ein 225-seitiges PDF-Dokument mit Antworten an den US-Kongress. Danach gebe es 18 Methoden und Verhaltensweisen, über die das Netzwerk seine Nutzer ausspäht. Das reicht von technischen Daten, wie dem Batteriestand des Geräts und den installierten Plugins, bis hin zu Mausbewegungen und Einkäufen.

6. „Guten Tag, bin ich da in der Sportredaktion?“
(spiegel.de)
Als ZDF-Redakteurin Claudia Neumann im deutschen Fernsehen ein WM-Spiel kommentierte, gab es wütende Reaktionen in den sozialen Medien. Einige (männliche) Zuschauer können es anscheinend nicht ertragen, wenn eine Frau als Sportreporterin arbeitet. Das ZDF berichtete von „Hass, Häme und Beleidigungen“. Ein Einzelfall? „Spiegel Online“ hat Sportjournalistinnen nach ihren Erfahrungen gefragt. Und die erzählen u.a. von Vorhaltungen, Vorurteilen und blöden Kommentaren.

7. Leserbrief an den FAZ-Herausgeber Holger Steltzner
(facebook.com, Lorenz Meyer)
Außerhalb der 6-vor-9-Zählweise, weil aus der Feder des Kurators: Ein Leserbrief an den „FAZ“-Herausgeber Holger Steltzner wegen dessen Behauptungen zur Asyl- und Flüchtlingspolitik. „Ich ärgere mich gerade über Ihren Beitrag, weil er verzerrt, mit Unwahrheiten operiert und das gesellschaftliche Klima vergiftet.“

Diskursvergifter, Auf Vivasehen!, Google befeuert Podcasts

1. „Echt guter Auftritt“
(zeit.de, Christopher Lauer)
Sind politische Talkshows ein Segen oder ein Fluch für die Demokratie? Muss man sie gar einstellen? Gegen die letzte Forderung wandte sich letzte Woche Sandra Maischberger in der „Zeit“ und verteidigte, nicht ganz uneigennützig, das Format. Darauf antwortet nun Christopher Lauer, der Talkshows als Zuschauer, aber auch als Teilnehmer kennt. Lauer ruft zu einer Diskussion über die demokratische Kontrolle der Plauderrunden auf: „Einer solchen Debatte müssen sich auch die Macherinnen und Macher von Talkshows stellen. Es sei denn, um bei Sandra Maischberger zu bleiben, sie haben Angst vor Streit.“

2. Warum Googles neue App mehr ist als ein Podcast-Programm
(t-online.de, Marc Krüger)
Marc Krüger hat für „T-Online“ aufgeschrieben, warum Googles neue Podcast-App eigentlich keine richtige App ist, sondern eine neue Strategie: „Google hat nicht nur eine neue App veröffentlicht, sondern eine neue Chance geschaffen, Podcasts und Audios im Internet zu finden. Damit wird die Dominanz von Text und Video vielleicht nicht beendet, aber es gibt eine neue Bühne für alle, die Podcasts hören, entdecken oder machen wollen. Dass Google dabei das Quasi-Monopol von Konkurrent Apple angreift, könnte ein willkommener Nebeneffekt sein.“

3. Wir sagen auf Vivasehen!
(faz.net)
25 Jahre nach seiner Gründung stellt der Musiksender Viva sein Programm ein: Zum Jahresende ist Schluss! Bei der „FAZ“ verabschieden sich einige Redakteure und Redakteurinnen mit persönlichen Erinnerungen an den Musiksender. Und auch Anne Fromm von der „taz“ erinnert mit einem persönlichen Nachruf an den Musiksender.
Weiterer Lesetipp: „Horizont“ hat mit dem Viacom-Manager Mark Specht darüber gesprochen, warum und wie es ohne Viva weitergeht: Viacom stellt Viva ein (Juliane Paperlein)

4. 800 Millionen Twitter-Beiträge analysiert: Abends wirds emotional und impulsiv
(heise.de)
Forscher der Universität Bristol haben 800 Millionen Tweets mit insgesamt sieben Milliarden Worten ausgewertet und kategorisiert. Dabei sind ihnen zeitliche Zusammenhänge aufgefallen: So gehe es morgens rationaler und gesitteter und abends emotionaler und impulsiver zu.

5. Face­book und die Toten
(lto.de, Bastian Biermann)
Seit Jahren streitet eine Mutter mit Facebook um den Zugang zum Facebook-Account ihrer verstorbenen Tochter. Nun bahnt sich die Entscheidung an: Am 12. Juli spricht der BGH sein Urteil. Es geht dabei auch um den Konflikt zwischen Erbrecht und Telekommunikationsrecht. Der Autor und Jurist Bastian Biermann hat am Ende seiner Einordnung einen wichtigen Tipp parat: „Solange es nur bei der Rechtsprechung des BGH bleiben sollte und sich Provider ohne ausdrücklicher gesetzlicher Regelung weiterhin zur Herausgabe von Daten des Erblassers weigern sollten, ist es unvermeidbar, sich zu Lebzeiten zu überlegen, ob und wem die eigenen Daten — sowohl im Falle des Eintritts einer Geschäftsunfähigkeit als auch im Falle des Todes — zur Verfügung stehen sollen.“

6. Roseanne soll ohne Roseanne weitergehen
(sueddeutsche.de)
Roseanne soll ohne Roseanne weitergehen? Nicht ganz, aber der amerikanische TV-Sender ABC plant einen Spinoff, der sich um den Rest der fiktiven Familie Conner drehen soll. Die ehemalige Hauptdarstellerin habe dem Projekt unter Verzicht etwaiger finanzieller Ansprüche zugestimmt, um die Jobs der rund 200 Ensemble- und Crewmitglieder zu retten.

Dunkle Mächte, Flüchtlingsforschung gegen Mythen, 78-Millionen-Klage

1. Die dunkle Macht, die beim „Stern“ Regie führt
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Das Titelbild der aktuellen Ausgabe des „Stern“ über das angeblich „zerrissene Land“ („Der Mordfall Susanna F. und das Ende von Merkels Flüchtlingspolitik“) hat in der vergangenen Woche viel Kritik ausgelöst. Stefan Niggemeier hat sich die dazugehörige Geschichte durchgelesen, und sagen wir es mal so: Das Ganze wird nicht unbedingt besser.

2. Flüchtlingsforschung gegen Mythen 6
(fluechtlingsforschung.net, Ulrike Krause)
Beim „Netzwerk Flüchtlingsforschung“ werden regelmäßig Behauptungen aus der Flüchtlingsdebatte auf den Prüfstand gestellt, ob Talkshow-Äußerungen, Tweets oder Stammtischparolen. Das Besondere an dieser Form des Faktenchecks: Es sind keine Journalisten, sondern Experten und Expertinnen aus der Wissenschaft, die dort Stellung beziehen. Auch in der sechsten Ausgabe kümmert sich das Wissenschaftlerteam unter der Redaktion von Prof. Dr. Ulrike Krause um typische Aussagen der letzten Zeit, wie der Forderung nach der Beendigung des „Asyltourismus“.

3. Mitarbeiter empören sich über Fox-Berichterstattung
(zeit.de)
Die tendenziöse Berichterstattung des Senders „Fox News“ über Donald Trump und seine Migrationspolitik stößt immer mehr Leute ab, darunter auch dem Sender eigentlich verbundene Personen. So verkündete „Modern Family“-Produzent Steve Levitan seinen Abschied. Auch der Schauspieler und Kreative Seth MacFarlane (u.a. Schöpfer der Zeichentrick-Serien „Family Guy“, „American Dad“ und „The Cleveland Show“) ließ auf Twitter seiner Empörung freien Lauf: Er schäme sich, für das Unternehmen zu arbeiten.

4. „Lasst uns jeden Morgen vors Werkstor ziehen“
(kontextwochenzeitung.de, Josef-Otto Freudenreich)
Es gab einmal einen Betriebsrat, der den längsten Journalistenstreik der Nachkriegsgeschichte angeführt hat (96 Tage). Das war 2011 beim „Schwarzwälder Boten“. Der Mann heißt Thomas Ducks und war bis jetzt Betriebsrats-Vorsitzender der Medienholding Süd (u.a. „Süddeutsche Zeitung“). Doch nun schmeißt Ducks hin, weil er die „extreme seelische Belastung“ nicht mehr erträgt.

5. Kläger fordert 78 Millionen Euro von „Süddeutscher Zeitung“
(deutschlandfunk.de, Michael Borgers im Gespräch mit Sebastian Wellendorf)
Stolze 78 Millionen Euro Schadenersatz verlangt ein Unternehmer von der „Süddeutschen Zeitung“. Der Vorwurf: Ein Bericht der Zeitung habe dazu geführt, dass ein millionenschweres Geschäft geplatzt sei. Der Leiter der „SZ“-Wirtschaftsredaktion Marc Beise warnt vor „amerikanischen Verhältnissen“. Wenn in dieser Form solch ein ungeheurer Druck auf Medien aufgebaut würde, sei das der Anfang vom Ende der Pressefreiheit.

6. Versucht’s doch mal mit Mohammed – TITANIC-Sommerhit
(youtube.com)
Die Satirezeitschrift „Titanic“ bekommt aus einer bestimmten Richtung seit Jahrzehnten immer die gleichen Vorwürfe zu hören. Da es schade wäre, wenn nicht mehr Menschen davon erfahren würden, haben die „Titanic“-Popstars aus den beliebtesten Blasphemie-Stereotypen einen Song gebastelt.

Zensurmaschine EU, Themensetzung bei Talkshows, NR-Leuchtturm-Preis

1. „Diese Upload-Filter wären regelrechte Zensurmaschinen“
(sueddeutsche.de, Simon Hurtz)
Es ist soweit: Heute stimmt die EU über die Reform des europäischen Urheberrechts und damit auch über die umstrittenen Upload-Filter ab. Kern des dafür einschlägigen neuen Artikel 13: Online-Plattformen wie Youtube und Facebook sollen bereits im Moment des Uploads für etwaige Urheberrechtsverstöße ihrer Nutzer haften. Dem können sich die Plattformen nur entziehen, wenn sie Upload-Filter installieren, die jede Datei auf urheberrechtliche Unbedenklichkeit prüfen. Simon Hurtz hat sich mit der Europapolitikerin und Urheberrechts-Spezialistin Julia Reda unterhalten, die in der Regelung eine Gefährdung des freien Netzes sieht.
Weil es heute ein wichtiges Thema ist, hier drei weitere einschlägige Beiträge:
EU kopiert erfolgloses deutsches Gesetz (deutschlandfunk.de, Thomas Otto im Gespräch mit Isabelle Klein)
Lobbying für Leistungsschutzrecht: Günther Oettingers Doktrin (taz.de, Anne Fromm & Daniel Bouhs)
Die zehn Mythen des Leistungsschutzrechts (golem.de, Friedhelm Greis)

2. „Was bei Claudia Neumann passiert, sprengt alle Grenzen“
(spiegel.de)
Wenn Frauen (Männer)Fußball kommentieren, scheint bei einigen Männern alles auszusetzen. Das lässt sich auf unschöne Weise am Beispiel der Fußball-Kommentatorin des ZDF Claudia Neumann zeigen, die im Netz auf übelste Weise angegangen wird.

3. Leuchtturm-Preis 2018 für MeToo-Rechercheteam der ZEIT
(netzwerkrecherche.org)
Der „Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen“ des „Netzwerk Recherche“ geht in diesem Jahr an das MeToo-Rechercheteam der „Zeit“. Damit würdigt der Verein die Recherchen und Veröffentlichungen zur Affäre um Dieter Wedel. Die Vorsitzende von „Netzwerk Recherche“, Julia Stein: „Es ist den Autorinnen und Autoren der ZEIT zu verdanken, dass mit ihrer Recherche ein altes Wertesystem ins Wanken geraten ist: Was an Sexismus und bisweilen sogar an Despotismus lange hingenommen wurde, darf nun nicht mehr sein.“
Weiterer Lesehinweis der Vollständigkeit halber: Das Sternchen-System: Thomas Fischers Zeit-kritische Anmerkungen zum Medien-„Tribunal“ gegen Dieter Wedel (meedia, Thomas Fischer vom 29.01.2018)

4. Abmahnungen bei Creative Commons: Wer, Warum, Was tun?
(irights.info, Paul Klimpel)
Manche Nutzer greifen zur Bebilderung ihrer Beiträge auf freie Inhalte zurück, die mit einer Creative-Commons-Lizenz versehen sind und erleben ihr blaues Wunder, wenn eine Abmahnung des Lizenzgebers bei ihnen eintrudelt. Der Rechtsanwalt Paul Klimpel erklärt die Thematik und gibt konkrete Tipps, worauf zu achten ist.

5. Großteil der Nothilfe für türkische Journalisten
(reporter-ohne-grenzen.de)
Passend zum Weltflüchtlingstag hat „Reporter ohne Grenzen“ veröffentlicht, wofür der Großteil der Nothilfe verwendet wurde: Für 111 verfolgte Journalisten, von denen 58 im Exil leben müssen. In einem Zweiminuten-Video stellt „Reporter ohne Grenzen“ einige der betroffenen Journalisten vor. Lohnenswert, weil aus den abstrakten Zahlen plötzlich Gesichter werden.

6. Die Flüchtlinge waren nur eine Phase
(zeit.de, Theresa Krinninger, Carolin Ströbele, Julius Tröger, Andreas Loos und Alsino Skowronnek)
In letzter Zeit hatten viele den Eindruck, dass deutsche Talkshows von Flüchtlingsdebatten dominiert werden. „Zeit Online“ hat sich an die Fleißaufgabe gemacht, die Themen und Quoten von 900 Sendungen auszuwerten: „Die überraschendste Erkenntnis war, dass 2017 und im ersten Halbjahr 2018 die Themen Islam, Flüchtlinge, Integration und Terrorismus eher unterrepräsentiert waren. Insofern trifft der Vorwurf die deutschen Talkerinnen und Talker zumindest zum falschen Zeitpunkt.“

Man muss jedoch erwähnen, dass sich die Rechercheure nach eigener Aussage bei der Zuordnung und Kategorisierung der Sendungen nur an den Sendungstiteln und nicht an den tatsächlichen Inhalten und/oder Teildebatten orientiert haben. Diese Überschneidungen könnten das statistische Ergebnis sicher verändern und das subjektive Empfinden mancher Zuschauer in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Der Stuss von der „Grenzöffnung“, Staat als Influencer, Organversagen

1. Hat Merkel 2015 die Grenze geöffnet?
(faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing & Konstantin Kumpfmüller)
Immer wieder bedienen sich Politiker der Legende von Angela Merkels angeblicher „Grenzöffnung“. Warum diese Formulierung „grundfalsch“ ist, erklärt der ARD-„Faktenfinder“ und bezieht sich dabei unter anderem auf einen Juristen aus der Rechtsredaktion: „grundfalsch, weil es schon seit Jahren keine geschlossenen Grenzen mehr gibt innerhalb des so genannten Schengen-Raums. Es konnten also im Jahr 2015 auch keine Grenzen geöffnet werden.“

2. Organversagen
(kreuzer-leipzig.de, Juliane Streich)
Der „Zeit“-Redakteur Martin Machowecz hat mit einem kritischen Tweet über Journalisten, die privat an Anti-AfD-Demos teilnehmen, eine breite Debatte ausgelöst („Ich finde das problematisch. Kann man denn dann am nächsten Tag wirklich wieder glaubwürdig über die #AfD schreiben?“) Nun greift er die von ihm angestoßene Diskussion in der Printausgabe auf, lässt dort aber viele Argumente der Gegenseite unbeachtet, wie Juliane Streich ausführt.

3. Wenn der Staat zum Influencer wird
(motherboard.vice.com, Anna Biselli & Sebastian Meineck)
Deutsche Behörden und Ministerien haben in den vergangenen Jahren einiges Geld für Social-Media-Werbung und Influencer-Kampagnen ausgegeben. Anna Biselli und Sebastian Meineck haben sich näher angeschaut, wohin die Gelder geflossen sind. Die zwei teuersten Influencer-Kampagnen waren eine des Entwicklungsministeriums (84.600 Euro) sowie die Nachwuchswerbung der Bundespolizei (71.400 Euro). Interessanter Nebenaspekt: Nach derzeitiger Rechtslage sei unklar, ob staatliche Influencer-Kampagnen auf den Kanälen der Influencer überhaupt zulässig seien.

4. Welche Studie darf’s denn heute sein?
(meta-magazin.org, Markus Lehmkuhl)
Markus Lehmkuhl, Professor für Wissenschaftskommunikation in digitalen Medien, hat sich mit der Auswahl von Studienergebnissen durch Wissenschaftsjournalisten beschäftigt. Seine Ergebnisse sind überraschend und nicht überraschend zugleich.

5. Wird der „Strassenfeger“ von der Straße gefegt?
(bz-berlin.de, Björn Trautwein)
Seit 24 Jahren gibt es in Berlin die Obdachlosenzeitung „Strassenfeger“, doch damit ist nun Schluss: Der „Straßenfeger“ soll eingestellt werden. Das Entsetzen bei Berlins Obdachlosen sei groß: „Einige Verkäufer hatten Tränen in den Augen, als sie vom drohenden Aus erfahren haben. Für viele ist es die einzige Einnahmequelle.“

6. 40 Jahre Cat Content
(spiegel.de, Danny Kringiel)
Der Zeitungskater Garfield wird 40. Das orangefarbene Katzentier mit der Vorliebe für Lasagne, Kaffee und Zynismus wurde zunächst in 41 amerikanischen Zeitungen abgedruckt, heutzutage sind es 2400 Zeitungen mit 200 Millionen Lesern in 80 Ländern. Das Erfolgsrezept: „Garfield wurde zum Welterfolg, weil er so mittelmäßig war.“

7. “Verwechseln Kritik mit Zensur”: Trump-Tweet sorgt für Twitter-Zoff zwischen Reichelt, Reschke und Bildblog
(meedia.de, Nils Jacobsen)
Außerhalb der üblichen „6 vor 9“, weil es uns BILDblogger direkt betrifft: Angeblich haben wir mit unserem „totalitären Geist“ (und einem Tweet) Julian Reichelts „Faszination für Twitter zerstört“. Darüber beschwert sich jedenfalls der „Bild“-Chef auf Twitter: „Ob @AnjaReschke1 oder @BILDblog –Twitter befindet sich zunehmend in Händen jener, die bestimmen wollen, was zitiert, berichtet werden darf und was unterdrückt werden sollte, weil es gesellschaftlich schädlich ist.“ Wir haben Julian Reichelt erklärt, dass er Kritik mit Zensur verwechselt und hoffen, dass er schon bald wieder zu seiner Faszination für Twitter zurückfindet.

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