Archiv für 6 vor 9

Perfekter Tabubruch, Twittern aus dem Panzer, Sandmännchen

1. Perfekter Tabubruch
(taz.de, Steffen Grimberg)
Nachdem bekannt wurde, dass die Verlage ihren Zeitungszustellerinnen und Zeitungszustellern neuerdings Mindestlohn zahlen müssen, setzte in den Chefbüros das große Jammern ein. Ein Jammern, auf das die Bundesregierung mit einer Subvention von immerhin 40 Millionen Euro reagierte. Das Wehgeschrei der Verlegerinnen und Verleger hält jedoch an: Sie halten die Summe für viel zu niedrig. Steffen Grimberg kommentiert: „Die Verödung vor allem der Lokal- und Regionalberichterstattung nun aber dem Mindestlohn für die bislang unterirdisch bezahlten Zu­stel­le­r*innen in die Schuhe zu schieben, lenkt ab vom seit Jahren praktizierten Sparkurs in Redaktionen und von der nach wie vor mangelhaften Innova­tionsbereitschaft oder -fähigkeit vieler Verlagshäuser.“

2. Welchen Medien die Deutschen vertrauen
(de.statista.com, Frauke Suhr)
Der WDR hat eine Studie zur Glaubwürdigkeit der Medien in Auftrag gegeben (PDF). Statista hat die wichtigsten Zahlen in eine Grafik gepackt. Glaubwürdigkeitsgewinner sind die öffentlich-rechtlichen Radiosender, auf der Verliererseite stehen Facebook, Boulevardpresse und Instagram.

3. Twittern aus dem Panzer
(deutschlandfunk.de, Isabelle Klein, Audio: 5:40 Minuten)
Soldaten und Soldatinnen dürfen Eindrücke ihrer Arbeit in den Sozialen Medien teilen, solange sie sich an bestimmte Spielregeln halten. Die Bundeswehr hat einen neuen Leitfaden für die Nutzung Sozialer Medien veröffentlicht. Dort geht es zum Beispiel um Sicherheitshinweise, die etwa dem Schutz bei Auslandseinsätzen dienen. Vorsicht sei aber auch beim Posten von Verschlusssachen, Namen, Zeitangaben und Kfz-Kennzeichen geboten. Insgesamt scheint die Bundeswehr zu erkennen, dass sie auch über ein Heer von Markenbotschaftern verfügt: „Stehen Sie zu Ihrem Beruf, Ihrer Einheit und zur Bundeswehr“, heiße es in den Richtlinien.

4. Zwischen Gestrigkeit und Peinlichkeit
(sueddeutsche.de, Hans Hoff)
Hans Hoff kommentiert die gestrige „Bambi“-Verleihung im Ersten: „Es ist nicht nur diese unglaubliche Gestrigkeit im Ausdruck, die dem Preis das Genick bricht, es ist vor allem die Unfähigkeit, die Diskrepanz zwischen ehrlichen Anliegen und dem ganzen Total-Egal-Glitzerkram aus TV und Tralala zu überbrücken. Also zwischen Menschen, die sich wirklich einsetzen für ein Anliegen und solchen, die meinen, ihr Job sei getan, wenn sie „Penis“ sagen.“

5. Google schränkt gezielte Platzierung von Wahlwerbung ein
(spiegel.de)
Nachdem Twitter politische Werbung verbannt hat, reagiert nun auch Google: Der Suchmaschinenriese mag sich nicht von dem lukrativen Geschäft trennen, schränkt jedoch die Möglichkeiten zur gezielten Platzierung von Wahlwerbung ein. Die neuen Regeln sollen zuerst in Großbritannien gelten, wo am 12. Dezember gewählt wird, und werden danach bis spätestens Anfang 2020 weltweit eingeführt.

6. „Für uns Ostkinder war der Sandmann quasi Familienmitglied“
(rbb24.de, Judith Kochendörfer)
Das (Ost-)Sandmännchen wird 60. Es war bereits zu DDR-Zeiten ein Star und gewann nach der Wende viele weitere kleine und große Fans hinzu. Judith Kochendörfer erinnert sich an ihre Kindheit mit dem reiselustigen, bärtigen Sympathieträger.

G20-Urteil, Appell ans ZDF, Zum Abschuss freigegeben

1. G20-Aufarbeitung: Urteil gibt Journalisten recht
(ndr.de, Caroline Schmidt)
Das Berliner Verwaltungsgericht hat zwei Journalisten Recht gegeben, denen 2017 beim G20-Gipfel in Hamburg plötzlich die Presseakkreditierung entzogen worden war. Der Verwaltungsakt sei rechtswidrig gewesen, es habe keine Voraussetzung für einen Widerruf der Akkreditierungen vorgelegen. Caroline Schmidt hat den bedenklichen Verstoß gegen die Pressefreiheit in einem Beitrag für das Medienmagazin „Zapp“ zusammengefasst.
Weiterer Lesehinweis: Die geheimnisvolle Festnahme: „Die Bundesregierung entzog »nd«-Redakteur Simon Poelchau die G20-Akkreditierung — auf falscher Grundlage“ (neues-deutschland.de, Sebastian Bähr).

2. Pressemitteilung: Deutsche Bildungslandschaft fordert Umdenken beim ZDF
(wikimedia.de)
Öffentlich-rechtliche Bildungssendungen und -inhalte sollten länger als fünf Jahre im Netz bleiben. Dies fordern die Bildungsgewerkschaft GEW, der Deutsche Bibliotheksverband und Wikimedia Deutschland in einem gemeinsamen offenen Brief an das ZDF (PDF): „Die Wissenschaft und freie Wissenssammlungen wie Wikipedia setzen auf Belege, die dauerhaft online sind. Bibliotheken bieten kostenfreien Zugang zu Wissen und Informationen. Ihre Nutzerinnen und Nutzer erwarten, dass Inhaltsangebote in Bibliotheken auf Dauer und nicht zeitlich begrenzt zur Verfügung stehen.“

3. Auf Twitter zum Abschuss freigegeben
(dw.com, Ines Eisele)
Ines Eisele greift für die Deutsche Welle die Causa des „Welt“-Kolumnisten Don Alphonso auf, dem unter anderem vorgeworfen wird, seine Follower gezielt gegen Andersdenkende aufzuwiegeln. Dabei kommt auch Matthias Quent zu Wort, der Direktor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft: „Dinge, die vorher eindeutig rechtsradikalen Akteuren wie etwa der Identitären Bewegung zuzuordnen waren und eher im Verborgenen passiert sind, sind heute viel stärker mit einer rechtskonservativen Öffentlichkeit verzahnt. Es gibt die Tendenz, dass jemand, der öffentlich renommiert ist, vorangeht, unerwünschte Personen im Grunde markiert und zum Abschuss freigibt, und sich dann Rechtsradikale darauf stürzen.“
Dazu ein Hörtipp: Im Magazin „Fazit“ von Deutschlandfunk Kultur erläutert der Autor und Filmemacher Mario Sixtus, wie der Hass aus dem Internet orchestriert wird (Audio: 8:26 Minuten).

4. Ein junger Mann aus einer Stadt am Niederrhein hat uns geschrieben …
(twitter.com/RainerLeurs)
Rainer Leurs, Redaktionsleiter des Onlineangebots der „Rheinischen Post“, berichtet auf Twitter von einem besorgniserregenden Fall: Ein junger Mann habe um Entfernung seines Namens aus einem harmlosen Artikel gebeten: „Dadurch, dass mein Name auf Ihrer Website erschienen ist, bekomme ich ständig Hass-Botschaften und persönlich angreifende Nachrichten von Rechtsradikalen wie Pegida und AfD“.

5. Glaubwürdigkeit deutscher Medien ist leicht gesunken
(dwdl.de, Alexander Krei)
Der WDR hat bei Infratest dimap eine repräsentative Studie zur Glaubwürdigkeit deutscher Medien in Auftrag gegeben. Das Ergebnis: Nur 61 Prozent der Befragten würden die Informationen in deutschen Medien für glaubwürdig halten. Interessant sind die regionalen Unterschiede: Im Westen Deutschlands sind es 64 Prozent, im Osten nur 48 Prozent. In den ostdeutschen Bundesländern würden rund 50 Prozent der Befragten davon ausgehen, dass es Vorgaben von Staat und Regierung gibt.

6. Twitter verwarnt Johnsons Konservative
(spiegel.de)
Am Dienstag kam es in Großbritannien zum großen TV-Showdown zwischen Premier Boris Johnson und Labour-Chef Jeremy Corbyn. Dies erschien der Pressestelle der britischen Regierungspartei eine gute Gelegenheit, ihren Twitter-Account „CCHQPress“ umzubenennen und ihn vorübergehend wie eine neutrale und unabhängige Faktenchecker-Seite aussehen zu lassen. Twitter sanktionierte den Verstoß gegen die Regeln nicht, die eigentlich eine Irreführung von Menschen verbieten. Jeder weitere Verstoß werde jedoch „entschlossene Korrekturmaßnahmen zur Folge haben“.

Clickworker-Suchergebnisse, TikTok-„Tagesschau“, Hintergrundgespräche

1. Der selbstgebaute Algorithmus
(netzpolitik.org, Chris Köver)
Sind Googles Suchmaschinenalgorithmen wirklich objektiv und unbelastet von menschlichen Eingriffen, wie der Konzern gerne behauptet? Das „Wall Street Journal“ habe daran seine Zweifel und begründe dies mit einer aktuellen Recherche. Google habe in den vergangenen Jahren immer wieder bewusst Einfluss auf die Suchergebnisse genommen. Teilweise mit Unterstützung von mehr als 10.000 Hilfskräften, sogenannten „Clickworkern“, die mit dazu beitrügen, die Suchergebnisse „sauber“ zu halten.

2. Warum muss ich Sendungen bezahlen, wo Menschen in Kreuzfahrtschiffen um die Welt reisen?
(planet-interview.de, Jakob Buhre)
Jakob Buhre hat sich mit René Ketterer, einem der Betreiber des Forums „GEZ-Boykott“, unterhalten. Natürlich geht es um den Rundfunkbeitrag und das System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, aber auch um vertrauenswürdige Medien, die derzeitige Rechtsprechung und Ketterers „Intervall-Boykotte“. „Planet Interview“-typisch lesenswert und in die Tiefe gehend.

3. Triff mich ganz seriös auf TikTok
(taz.de, Simon Sales Prado)
Die altehrwürdige „Tagesschau“ ist ab heute auch auf der chinesischen Kurzvideoplattform TikTok vertreten und will dort ihre Meldungen an Mann und Frau beziehungsweise ans Kind bringen. TikTok steht seit Längerem wegen seiner Zensurmaßnahmen in der Kritik. Eine Kritik, die aber auch bei anderen Plattformen angebracht sei, wie Simon Sales Prado findet: „Man könnte deshalb auch fragen, was die „Tagesschau“ von der Zensur weiblicher Nippel auf Instagram und Facebook hält oder wie sie zum Overblocking unbedenklicher Profile auf Twitter steht. Also, liebe „Tagesschau“?“

4. VoxUp: Das sind die Inhalte des neuen Senders
(wuv.de, Lisa Priller-Gebhardt)
Anfang Dezember startet die Mediengruppe RTL ihren neuen Sender „VoxUp“. Lisa Priller-Gebhardt berichtet, was es mit dem neuen Vox-Spinoff auf sich hat, was es dort zu sehen geben wird, und wen die Senderverantwortlichen erreichen wollen.

5. Exklusiv und informativ
(deutschlandfunk.de, Isabelle Klein, Audio: 5:20 Minuten)
Isabelle Klein hat sich mit dem Hauptstadtkorrespondenten Frank Capellan über Sinn und Zweck von Hintergrundgesprächen unterhalten, zu denen Unternehmer, Politiker, aber auch Behörden gelegentlich einladen. „Man ist immer wieder gut beraten, das Ganze zu hinterfragen und gegenzuchecken“, so Capellan. Trotzdem nutze er die Gesprächsangebote, weil sie oftmals Rechercheanstöße böten.

6. Jung und nicht naiv
(kontextwochenzeitung.de, Josef-Otto Freudenreich)
Die Wochenzeitung „Kontext“ hat mit Youtuber und Podcaster Tilo Jung („Jung und Naiv“, „Aufwachen!“-Podcast) gesprochen. Es geht um die Zukunft des werbefinanzierten Pressemodells, aber auch um die Frage, warum Jung fast alle Polit-Promis vor die Kamera bekommt: „Sahra Wagenknecht hat mir erzählt, dass ein ZDF-Team eineinhalb Stunden gebraucht habe, bis es ein 15-Sekunden-Statement im Kasten hatte. Bei mir kriegt sie eineinhalb Stunden, ungeschnitten, und Fragen gestellt, die auf der Augenhöhe von jungen Leuten liegen.“

Neues von Holger und Silke, Hassangriffe, Schalte im Funkloch

1. Wie eine Aussage über „berlin.de“ die Berliner Verwaltung aufschreckte
(tagesspiegel.de, Robert Kiesel)
Die Neu-Verleger Silke und Holger Friedrich („Berliner Zeitung“) machen erneut von sich reden. In der „Neuen Zürcher Zeitung“ ließen sie durchblicken, was sie für den „eigentlichen Schatz“ ihrer Firmenübernahme halten: die Mehrheitsrechte am Städteportal berlin.de. Holger Friedrich stellt sich die digitale Zukunft so vor: „Man lädt sich die App der Stadt herunter, scannt seinen Ausweis ein, dann wird in wenigen Sekunden verifiziert, ob das Dokument valide ist oder irgendetwas juristisch vorliegt. Als Nächstes wird die Steueridentifikationsnummer abgeglichen, auch die Rückmeldung erfolgt binnen Sekunden. Fertig.“ Friedrichs Aussagen stießen bei Datenschutzexperten und Behörden auf breite Ablehnung. Die Berliner Senatskanzlei reagierte umgehend: „Wir sind weit davon entfernt, einem privaten Unternehmen tiefere Einblicke in die sensiblen Daten der Berlinerinnen und Berliner zu gewähren.“
Weiterer Lesehinweis: Wer das bisherige Geschehen um die Neueigentümer der „Berliner Zeitung“ nicht verfolgt hat, sei an den Beitrag von Daniel Bouhs verwiesen, der die Sache bei „Zeit Online“ zusammenfasst und kommentiert: Alles in eigener Sache.

2. „Wir sind nicht geschützt“
(deutschlandfunk.de, Brigitte Baetz, Audio: 5:37 Minuten)
Brigitte Baetz hat sich für den Deutschlandfunk mit der Publizistin und Kolumnistin Margarete Stokowski über deren Erfahrungen mit Hass im Netz unterhalten. Von der Polizei habe es selbst bei schwersten Bedrohungen wenig Hilfe gegeben: „Ich hatte mal ein Beratungsgespräch, als es sehr konkrete Drohungen gegen mich gab, die man als Vergewaltigungs- oder Morddrohungen interpretieren konnte. Da wurden so Sachen geraten wie: Posten Sie nicht ihren Standort im Internet — das mache ich natürlich ohnehin nicht. Und gehen Sie nicht abends im Dunkeln alleine raus, nicht alleine unterwegs sein, was natürlich faktisch nicht funktioniert. Und wenn doch, dann nehmen Sie am Besten immer eine Taschenlampe mit.“ Ein weiterer wichtiger Hinweis von Margarete Stokowski: „Hassangriffe werden auch von Leuten ausgelöst, die publizistisch tätig sind.“
Dazu passend gleich noch ein weiterer Lesetipp: Nicht jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Stephan Anpalagan analysiert mit vielen Quellenangaben die Medienfigur „Don Alphonso“.

3. Mit verknüpfter Suche findet ZDF den „Weltspiegel“ der ARD
(netzpolitik.org, Leonhard Dobusch)
ARD und ZDF führen eine Mediatheken-übergreifende Suche ein. Die Lösung ist noch weit weg von perfekt, da es keine gemeinsame Ergebnisliste gibt. Leonhard Dobusch, der den Bereich Internet im ZDF-Fernsehrat vertritt, freut sich dennoch: „Dieser Suchbalken ist ein kleiner Schritt hin zu einer stärkeren Verschränkung der öffentlich-rechtlichen Angebote, aber gleichzeitig ein wichtiger symbolischer Akt: Die hermetisch voneinander abgeschlossenen Sender-Silos werden damit endlich online aufgebrochen.“

4. Geheimhaltung überwiegt nicht, wenn es um Pressefreiheit geht
(sueddeutsche.de, Ronen Steinke)
Hintergrundgespräche des Bundesnachrichtendienstes mit ausgewählten Journalistinnen und Journalisten bilden bereits seit längerer Zeit das Zentrum eines juristischen Streits. Am 18. September gab es dazu ein wegweisendes Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, zu dem jetzt die schriftliche Begründung vorliegt. „Süddeutsche“-Redakteur und Jurist Ronen Steinke ordnet das Urteil und seine möglichen Folgen ein.

5. Sagt Ihr eigentlich auch immer „Schrei doch nicht so laut! Das will er doch nur!“ …
(twitter.com/sixtus)
Hater seien keine Trolle, deshalb sollten im Umgang mit ihnen nicht die üblichen „Ignorieren“-Ratschläge gelten. Mario Sixtus erklärt, warum es sich für Opfer und Zeugen lohnt, laut zu werden. Auch und gerade bei Angriffen durch eine rechtsextreme Online-Horde: „Diese Meute ist nur so lange mutig, wie sie nicht auf Widerstand trifft, wie sie sich überlegen fühlt. Wenn aber plötzlich Menschen widersprechen, zurückbrüllen, ihre Tweets melden, öffentlich Blocklisten teilen, laut werden, werden sie schnell zu Mimimi-Schneeflöckchen. Das beste, was ein Opfer tun kann, ist also laut zu werden und um Hilfe zu rufen. Das gilt bei rassistischen oder sexistischen Übergriffen in der U-Bahn genauso wie auf Twitter! Und überall gilt: Helft den Opfern und klugscheißt sie nicht voll!“

6. Unsere Schalte …
(twitter.com/tagesschau)
Das Leben hält manchmal die schönsten Pointen bereit: Als die „Tagesschau“ zum Anti-Funkloch-Treffen des Bundeskabinetts ins brandenburgische Gransee-Meseberg schaltet, bricht das Interview nach wenigen Sekunden ab. Wahrscheinlich der Grund: ein Funkloch …

Deckname Bernstein, Ökomythen, Böhmermann und die Hohenzollern

1. Deckname Bernstein
(taz.net, Alexander Nabert & Daniel Kretschmar)
Bei der „Berliner Zeitung“ überschlagen sich derzeit die Ereignisse: Erst das wirre und umstrittene Manifest der neuen Verlagseigentümer, dann die Aufdeckung der Stasi-Tätigkeit und das Bekanntwerden von Interessenkonflikten von Neu-Eigentümer Holger Friedrich. Die „taz“-Redakteure Alexander Nabert und Daniel Kretschmar fassen den derzeitigen Erkenntnisstand zusammen.
Vertiefende Lesehinweise: Neuer Besitzer des Berliner Verlags spitzelte als IM für die Stasi (welt.de, Uwe Müller & Christian Meier) und „Berliner Zeitung“ veröffentlicht Jubelbericht über Firma — an der der Verleger beteiligt ist (spiegel.de, Stefan Berg & Sven Röbel).
Die „Berliner Zeitung“ hat auf die Vorwürfe mit einem Statement von Holger Friedrich und einem „In eigener Sache“ reagiert.

2. Wir haben uns entschlossen …
(twitter.com/kugelundniere)
Die Medientage in München haben ein Panel zum Thema Podcasts ausschließlich mit Männern besetzt. Ein Umstand, der dem Podcast-Team von „Kugel und Niere“ bei der Zusage nicht bekannt gewesen sei und nun zur Absage führte: „Wir haben uns entschlossen am Montag bei diesem Panel nicht dabei zu sein. Wir wussten bei Zusage nicht, dass nur Männer auf der Bühne sitzen werden. Wir haben angeboten, dass Anna oder Elli kommen. Es hieß, man wolle die Zusammensetzung so kurzfristig nicht ändern.“

3. Gemeinsam gegen Angriffe
(taz.de, Peter Weissenburger)
Journalistinnen und Journalisten, die über die rechte Szene berichten, führen ein gefährliches Leben. Das reicht von Beschimpfungen und Bedrohungen bis zu echten Angriffen. Nachdem Neonazis eine Demonstration gegen drei freie Journalisten angekündigt haben, wurde von Medien- und Gewerkschaftsseite der Aufruf „Schützt die Pressefreiheit“ gestartet. Dem Aufruf sollen sich bislang bereits 20 Medienverbände, 17 Redaktio­nen und 450 Einzel­per­sonen angeschlossen haben.

4. Was ist schon politisch?
(zeit.de, Lisa Hegemann)
Im Gegensatz zu Facebook soll es auf Twitter laut Netzwerkchef Jack Dorsey keine politische Werbung mehr geben. Ab Ende der Woche sollen die neuen Richtlinien gelten. Lisa Hegemann erklärt die Hintergründe des Werbeverbots, die Schwachstellen und die Abgrenzungsprobleme. Und sie weist auf ein elementares Problem hin: „Das Netzwerk hat sich also zwar Richtlinien überlegt, aber ob die auch Konsequenzen haben, das scheint man je nach Einzelfall entscheiden zu wollen. Transparent ist das nicht.“

5. Die Arbeit an den Ökomythen
(flurfunk-dresden.de, Stephan Zwerenz)
Stephan Zwerenz beschäftigt sich in seiner Kolumne mit der medialen Sicht auf die Klimadebatte, die an vielen Stellen von „falschen Ökomythen“ geprägt sei. Und von der, im wahrsten Sinne des Wortes, Fokussierung auf eine einzelne Person: „Aber was will man erwarten, wenn selbst seriös wirkende Nachrichtenmagazine wie Focus online regelrechte Hetzkampagnen starten, um den Hass auf die Fridays-for-Future-Bewegung zu schüren. Im Sommerloch dieses Jahres hatten die zuständigen Redakteure anscheinend nichts besseres zu tun, als fast jeden Tag über Greta Thunberg zu berichten, obwohl es gar keine Neuigkeiten von ihr gab.“

6. Jan Böhmermann, der Aufklärer
(sueddeutsche.de, Jörg Häntzschel)
Der Entertainer Jan Böhmermann übernimmt immer wieder Themen, denen sich eigentlich der Journalismus widmen müsste. Aktuell geht es um die Forderung der Hohenzollern nach Entschädigung, Wohnrecht in einem Schloss und „Rückgabe“ von Tausenden von Kunstwerken. Böhmermann habe „für eine breite Öffentlichkeit die milde Haltung des Bundes gegenüber den Hohenzollern zum Thema gemacht. Nun werden alle darüber reden müssen, warum der deutsche Adel nicht schon in der Weimarer Republik vollständig enteignet wurde, welche Rolle die Hohenzollern davor spielten, und warum man nach der Wende wieder so sanft mit ihnen umging. Daran kommt jetzt keiner mehr vorbei.“

Ärger um „Podimo“, Mistiges Verhalten, Aus für „Familientragödie“

1. Podimo
(dervierteoffizielle.de, Axel Goldmann)
Das mit reichlich Start-up-Kapital ausgestattete Podcast-Unternehmen „Podimo“ hat weite Teile der deutschen Podcast-Community gegen sich aufgebracht, indem es sich ungefragt Tausende von Podcasts einverleibte. Als Antwort auf die Kritik verwies die sich selbst als „das Netflix für Podcasts“ preisende Audio-Plattform darauf, dass man sich ja per Opt-out-Verfahren abmelden könne. Eine Argumentation, die das Verhalten der Plattform in den Augen vieler Podcasterinnen und Podcaster nicht unbedingt besser machte. Podcaster Axel Goldmann hat sich den Fall genau angeschaut: Er erklärt die umstrittene Strategie des Unternehmens und rechnet die Kalkulation nach.
Weiterer Lesehinweis: Der Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht Stephan Dirks geht auf seinem Blog auf die juristischen Aspekte des Falls ein: Aufregung um Podcast-App #Podimo (dirks.legal).
Und wer sich an der Diskussion aktiv beteiligen (oder einfach nur mitlesen) will: Im Forum der Podcasting-Community „Sendegate“ wird der Fall, auch unter Beteiligung von „Podimo“, debattiert.

2. Mit Mist vor der Haustür
(taz.de, Jost Maurin)
Weil sie mit seiner Berichterstattung unzufrieden waren, sind niedersächsische Bauern vor dem Privathaus eines Redakteurs der „Braunschweiger Zeitung“ vorgefahren. Ein Verhalten, das von der Familie des Journalisten verständlicherweise als bedrohlich und „wie eine Belagerung“ empfunden worden sei. Die Aktion sei umso unverständlicher, als der monierte Beitrag mit den Bauern fair umgegangen sei. Wie Jost Maurin in der „taz“ berichtet, hätten die Bauern mit ihrer aggressiven Taktik gegen Journalisten bisher jedoch keinen Erfolg.

3. In der Berichterstattung über Gewaltverbrechen …
(twitter.com, Froben Homburger)
Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) wird in ihrer Berichterstattung über Gewaltverbrechen in Familien und Partnerschaften künftig nicht mehr von „Familientragödien“ oder „Beziehungsdramen“ sprechen. dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger erklärt die neue Sprachregelung und schreibt, wann eine Ausnahme davon gemacht werde.

4. Millionen-Subventionen für Zeitungen geplant
(ndr.de, Daniel Bouhs)
Der Haushaltsausschuss des Bundestags will den Verlagen einen staatlichen Zuschuss von 40 Millionen Euro für die Zustellung von Abonnementzeitungen und Anzeigenblättern zukommen lassen. Die Maßnahme wird von verschiedenen Seiten kritisiert: Laut BDZV-Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff löse „eine so geringe Förderung“ kein einziges Problem: „Die Fördersumme mag zunächst hoch erscheinen, hätte aber pro ausgeliefertem Zeitungsexemplar weniger als einem Cent entsprochen.“ Während Mario Sixtus auf Twitter kommentiert: „Whut!?! Die Verlegerlobby hat wieder zugeschlagen: Unser Steuergeld fließt bald in den klimaschädlichen Transport von bedrucktem Papier, das nach Lektüre im Müll landet. Ganz so als gäbe es kein Internet.“

5. Wef verweigert WOZ den Zutritt
(woz.ch, Yves Wegelin)
Das jährlich in Davos tagende Weltwirtschaftsforum (Wef) hat der Schweizer „Wochenzeitung“ („WOZ“) die Akkreditierung verweigert. Nach Angaben des Weltwirtschaftsforums habe sich die Zeitung nicht rechtzeitig angemeldet; dies wird von der „WOZ“ jedoch bestritten. Yves Wegelin sieht in der Verweigerung eher andere Gründe: „Medien wie die NZZ, die das Wef artig protokollieren, werden hofiert, kritischere Stimmen wie die WOZ werden abgestraft. Das Wef behauptet von sich, den Zustand der Welt durch demokratische Debatten verbessern zu wollen. Mit seiner Verweigerung einer Akkreditierung gewinnt diese Behauptung nicht gerade an Glaubwürdigkeit.“

6. Streik macht sich im BR-Programm bemerkbar
(sueddeutsche.de)
Beim Bayrischen Rundfunk (BR) und Norddeutschen Rundfunk (NDR) kam es zu einem Warnstreik, der Folgen für das Programm hatte. Einige Sendungen wurden mit Einschränkungen ausgestrahlt, andere fielen komplett aus. Wie nicht anders zu erwarten, geht es bei der Auseinandersetzung um das liebe Geld. Die beteiligten Parteien sollen sich Ende November erneut an den Verhandlungstisch setzen.

Juristische Keule gegen „Kontext“, Merkwürdiger Satz, NPD-Bedrohung

1. Wir schweigen nicht
(kontextwochenzeitung.de)
Als die „Kontext“-Redaktion aus Facebook-Chats eines Mitarbeiters von zwei AfD-Abgeordneten zitierte, wurde dies vielfach gelobt, weil die Zitate den Rassismus, den Antisemitismus und die Demokratieverachtung dieser Kreise offenlegten. Auch das Oberlandesgericht Karlsruhe habe „Kontext“ in dieser Sache vollumfänglich Recht gegeben. Doch nun wird die Redaktion erneut juristisch bedroht, mit einer 60.000-Euro-Schmerzensgeld-Forderung und einem sehr hohen Streitwert: „Wer den Streitwert in einem Presserechtsverfahren gegen eine spendenfinanzierte Zeitung auf 260 000 Euro veranschlagt, hat ein klares Ziel: eine kritische Stimme zum Schweigen zu bringen.“ „Kontext“ bittet daher um finanzielle Unterstützung durch Spenden: „Lassen Sie uns gemeinsam stark und laut sein gegen den Rechtsruck und dessen juristische Keule. Diesmal zielt sie auf uns. Gemeint sind wir alle.“

2. Kommentar: der wirklich ziemlich merkwürdige Satz des Holger Friedrich
(meedia.de, Matthias Oden)
Nach ihrem langen Aufsatz in der „Berliner Zeitung“ haben die Verleger Silke und Holger Friedrich nun der dpa ein Interview gegeben. Darin liefert Holger Friedrich auch eine Erklärung für seinen umstrittenen Dank an den ehemaligen Staatsratsvorsitzenden der DDR Egon Krenz. Eine Erklärung, die „Meedia“-Chefredakteur Matthias Oden erschreckt aufhorchen lässt: „Man hätte man also auch dieses Thema irgendwie beiseite legen können, wenn nicht Holger Friedrich in diesem Zusammenhang einen anderen Satz hätte fallen lassen: „Ich kann es aber nicht nachvollziehen, wenn jemand, der danach geboren wurde, sich zu einem kräftigen moralischen Urteil aufschwingt, weil er zu der Zeit nicht dabei war.“ Und weil die Friedrichs wichtige Themen gerne in Fragen angehen, soll an dieser Stelle auch mit einer geantwortet werden: Meint er das ernst? Wirklich jetzt?“

3. Reflexe der Redaktionen
(journalist-magazin.de, Josef Zens)
Kalkulierte Tabu-Brüche, inszenierte Skandalisierungen, „False Balance“, mangelnde Fehlerkultur, unzureichende Recherchen … In der neuen Folge von „Mein Blick auf den Journalismus“ hat sich Josef Zens die Wut über aktuelle Missstände des Journalismus von der Seele geschrieben. Zum Schluss gibt es aber auch Lob, und zwar für neue (und hier auch gelegentlich verlinkte) Journalismusmodelle wie die „RiffReporter“ und das deutsche „Science Media Center“.

4. „YouTubers Union“ sucht den Streit mit Google
(heise.de, Torsten Kleinz)
Zwischen Youtube und den vom Netzwerk lebenden Videoproduzentinnen und -produzenten besteht ein großes Machtgefälle: Die Youtuber sind dem Netzwerk mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert und müssen sich an das halten, was ihnen Youtube vorschreibt. Der Youtuber Jörg Sprave wollte sich mit diesem Ungleichgewicht nicht abfinden und gründete die Initiative „YouTubers Union“. Mittlerweile hat er einen mächtigen Bündnispartner gewonnen, die IG Metall. Torsten Kleinz erklärt in seinem Beitrag die Streitpunkte der beiden Parteien und sagt, welche Aktionen die Youtube-Gewerkschafter planen.

5. „Ein sehr starker Versuch der Einschüchterung“
(deutschlandfunk.de, Antje Allroggen, Audio: 7:42 Minuten)
Die NPD will in Hannover anscheinend eine Demonstration gegen drei Journalisten durchführen, die im rechtsextremen Milieu recherchieren. Antje Allroggen hat sich im Deutschlandfunk mit dem Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit unterhalten, der das Vorgehen für bundesweit einmalig und für einen Teil einer neuen Einschüchterungsstrategie hält. Speit fürchte, „dass manches Mal Kolleginnen und Kollegen dann doch so ein wenig überlegen: ‚Ja, Mensch, muss ich mir das antun, wenn ich über die berichte, wenn das solche Folgen haben könnte?'“
Weiterer Lesehinweis: Die andere Pressefreiheit oder: Wie ich mit der AfD Bekanntschaft machte: „Nach der Abwahl des Rechtsausschuss-Vorsitzenden Stephan Brandner wegen Antisemitismus stellte ich nahe liegende Fragen und bekam unverschämte Antworten. Mir ist das eine Lehre. Sollte die AfD mal regieren, bleibt von der von ihr reklamierten Meinungsfreiheit vermutlich nicht viel übrig.“ (rnd.de, Markus Decker).
Und noch ein Lesehinweis: Gericht untersagt NPD Falschbehauptungen gegen NDR Mitarbeiter.

6. Rezo hat ein kleines Meisterwerk geschaffen
(netzpolitik.org, Markus Beckedahl)
Die Deutsche Umwelthilfe hat den Youtuber Rezo mit dem UmweltMedienpreis in der Kategorie Online ausgezeichnet. In seiner Laudatio betont netzpolitik.org-Gründer Markus Beckedahl, wie wichtig Rezos Video für das Entstehen einer gesellschaftlichen Klimadebatte war: „In Kombination mit den aufkommenden Protesten der Fridays-for-Future-Bewegung wurde „Die Zerstörung der CDU“ ein weiteres bedeutendes Puzzlestück in der Sensibilisierung und Mobilisierung vieler, vor allem junger Menschen gegen die Klimakrise. Klimafragen waren auf einmal cool, was auch an der Darreichungsform von Rezos Video und seiner Vermittlung lag.“

Frei drehende Algorithmen, Datenbombe TikTok?, Egal-Dilemma

1. Die Medien-Wende
(deutschlandfunk.de, Jörg Wagner, Audio: 6:18 Minuten)
Jörg Wagner erinnert mit Hörzitaten an die Wendezeit und den Weg des Journalismus nach dem Mauerfall: „Die Zensur wurde abgeschafft. Es folgte ein monatelanges Ringen um die Umgestaltung der DDR-Medien, bei der auch bundesdeutsche Politik und private Medien kräftig mitmischten. Doch davon war am 12. November 1989, vor 30 Jahren, nichts zu spüren. Man tanzte noch einen Traum.“

2. Verleger wundern sich …
(twitter.com/ralfheimann)
Verleger würden sich wundern, dass die Leute für ihren „Qualitätsjournalismus“ nicht zahlen wollen, dabei habe das konkrete Gründe, so der freie Journalist Ralf Heimann auf Twitter. Und Heimann liefert gleich ein konkretes Beispiel mit, woran das liegen könnte: Wenn eine Lokalzeitung zu einem brisanten Thema die Botschaft einer Pressemitteilung mehr oder weniger unhinterfragt und unkommentiert übernehme.

3. Facebook hält unsere Kritik am neuen Facebook-Logo für Clickbait
(jetzt.de, Simon Hurtz & Charlotte Haunhorst)
Facebook wirft jetzt.de, dem Jugendportal der „Süddeutschen Zeitung“, vor, auf seiner Facebook-Seite Clickbait geteilt zu haben, und hat als Sanktion auf den angeblichen Verstoß die Reichweite der Seite gedrosselt. Die „jetzt“-Redaktion ist sich keiner Schuld bewusst und hat Facebook um Auskunft zu den Gründen gebeten. Charlotte Haunhorst und Simon Hurtz haben sich auf die (erfolglose) Spurensuche begeben, vergleichen Anspruch und Wirklichkeit und denken über eine Frage nach, die sich auch andere Medienseiten stellen könnten: „Wer profitiert von dieser Zusammenarbeit eigentlich mehr? Wir, die journalistische Inhalte produzieren und sie für Facebook aufbereiten? Oder das Unternehmen, das kostenlos darüber verfügen darf, so wie es ihm passt?“

4. Weil der deutsche Artikel „die“ …
(twitter.com/digiom)
Du hast auf Twitter „Die Queen“ geschrieben, zum Beispiel, um einen „Spiegel“-Titel zu zitieren? Vorsicht, der englisch trainierte Twitter-Algorithmus könnte dies als Todeswunsch oder gar Todesdrohung interpretieren und Dich entsprechend sanktionieren. Eine abwegige Vorstellung? Nun, Twitter-Nutzerin „digiom“ berichtet, dass ihr Ähnliches widerfahren sei: „Weil der deutsche Artikel „die“ von englisch trainierten Algorithmen als „stirb“ gelesen wird, kann es einem passieren, dass Twitter einen blockt, wenn man „die Boomer“ schreibt.“ Das Resultat sei eine Zwölf-Stunden-Sperre gewesen.

5. Was die Trennung von Anne Will und Miriam Meckel über die Homophobie in diesem Land verrät
(nollendorfblog.de, Johannes Kram)
Die Berichterstattung über die Trennung von Fernsehmoderatorin Anne Will und Publizistin Miriam Meckel sagt einiges aus über den Promi-Voyeurismus bestimmter Medien. In diesem Fall gibt es jedoch noch einen weiteren Aspekt. Johannes Kram nennt ihn das „homosexuelle Egal-Dilemma“: „Durch das Egal-Dilemma können Homosexuelle nichts richtig machen. Selbst wenn sie, wie Will und Meckel das getan haben, von ihrem Privatleben nichts mitgeteilt haben, ist den Leuten das schon zu privat. Selbst, wenn sie sich trennen und dafür die am wenigsten denkbare Anzahl von Worten benutzen, ist diese Anzahl viel zu viel. Es stimmt nicht, dass wir ihnen egal sind. Denn wenn wir egal wären, wäre nicht schon das Wenigste schon zu viel.“

6. TikTok … hinter den lustigen Videos tickt eine «Datenbombe»
(medienwoche.ch, Adrian Lobe)
TikTok ist eine der populärsten Social-Media-Apps und wurde weltweit mehr als eine Milliarde Mal heruntergeladen. Das harmlose Teenie-Programm mit seinen 15-Sekunden-Videos befindet sich in chinesischem Besitz, und das wirft einige Fragen auf. So sei beispielsweise „unklar, ob Medienunternehmen, die Videos über TikTok verbreiten, gegen geltendes Datenschutzrecht verstossen, wenn Nutzerdaten möglicherweise auf chinesischen Servern verarbeitet und gespeichert werden.“ Adrian Lobe ordnet den Hype um TikTok ein und erklärt Hintergründe und Zusammenhänge.

Verlogene Kampagne, Merkwürdiges Manifest, Poschardts lautes Servus

1. Print wirbt: Burdas verlogener Kampf für das gedruckte Wort
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Der Medienkonzern Burda hat eine Imagekampagne für das gedruckte Wort aufgesetzt, die fremdschämverdächtig zwischen Unverfrorenheit und Unverschämtheit mäandert. Ganz abgesehen von verstörend dümmlich klingenden Slogans und „interessanten“ Behauptungen (laut Burda sei Print auch digital …). Stefan Niggemeier schreibt über die Kampagne eines Medienkonzerns, der schon oft durch sein schäbiges Verhalten aufgefallen ist und nun von Menschenrechten und Werten schwadroniert. Und dafür allerlei Prominente bis hin zum Bundestagspräsidenten einspannt.

2. So viel, so schnell, um uns herum
(spiegel.de, Stefan Kuzmany)
Das merkwürdige Manifest der neuen Eigentümer von Berliner Verlag und „Berliner Zeitung“ Silke und Holger Friedrich beschäftigt weiterhin die Branche. Stefan Kuzmany kommentiert: „Jetzt gehört ihnen der Verlag und damit die Zeitung, und man darf annehmen, dass das der einzige Grund dafür ist, dass ihre „Berliner Botschaft“ gedruckt wurde: Nackte Angst der ihnen nun untergebenen Journalistinnen und Journalisten. Niemand traute sich offenbar, die Chefs zu redigieren.“ Zur Ehrenrettung der „Berliner Zeitung“ muss man jedoch erwähnen, dass dort mittlerweile eine Art partielles Gegenstatement erschienen ist: Egon Krenz danken? Wohl eher nicht (berliner-zeitung.de, Frederik Bombosch).

3. Ulf Poschardt sagt zum Abschied laut Servus
(deutschlandfunk.de, Michael Borgers, Audio: 4:44 Minuten)
Der „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt hat sich mit großer Geste von Twitter verabschiedet, das er als einen „Brandbeschleuniger sowieso hitziger Debatten“ bezeichnet. Ein Klima, zu dem er selbst viel beigetragen habe, wie Michael Borgers im Deutschlandfunk kommentiert. Oder um es mit den Worten des „6 vor 9“-Kurators zu sagen: „Nein, Ulf #Poschardt macht nicht „den Habeck“. Poschardt macht den 13-Jährigen, der aus Spaß Katzen am Schwanz zieht, in Ameisenhaufen pinkelt und Sachen kaputt macht, um sich zu spüren. Und der damit nicht aus Einsicht aufhört, sondern weil es ihn nicht mehr kickt.“

4. Die Videos und Fotos zu unserer Konferenz
(netzpolitik.org, Markus Beckedahl)
Im September hielten die Kollegen und Kolleginnen von netzpolitik.org ihre sechste Konferenz in Berlin ab. Wer dort nicht dabei sein konnte, braucht nicht traurig sein: Ein Großteil der Talks wurde per Video aufgezeichnet.

5. Fakes über Belit Onay
(tagesschau.de, Konstantin Kumpfmüller)
In der Stichwahl um das Amt des Hannoveraner Oberbürgermeisters konnte sich der Grünen-Politiker und Sohn türkischer Einwanderer Belit Onay durchsetzen. Anlass für rechte und ganz rechte Kreise, in den Sozialen Medien gegen ihn zu hetzen und allerlei Verschwörungstheorien in Umlauf zu bringen. Konstantin Kumpfmüller erklärt, mit welchen Falschbehauptungen und frisierten Belegen die Hetzer gegen Onay im Netz vorgehen.

6. Die beste Werbung? Donald Trump
(sueddeutsche.de, Christian Zaschke)
Der „New York Times“ geht es wirtschaftlich so gut wie lange nicht, und das liegt wohl ausgerechnet an einem ihrer größten Feinde, dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump: Seit Beginn seiner Präsidentschaft verzeichnet das Blatt steigende Leserzahlen und gewinnt beständig neue Abonnentinnen und Abonnenten hinzu. Dank der üppig angewachsenen Cash-Reserven kann die „New York Times“ nun sogar ihr Stammhaus zurückkaufen, von dem sie sich vor einiger Zeit aus wirtschaftlicher Not trennen musste.

Seevetaler Sockenpuppen, Melange des Grauens, Verpushtes vom ZDF

1. Er wäre gern Karl May
(faz.net, Andrea Diener)
Der Schweizer „Tagesanzeiger“ hat herausgefunden, dass sich jemand mit mehreren Fake-Accounts über die Wikipedia-Seite des „Spiegel“-Fälschers Claas Relotius hergemacht hat. Das durchsichtige Ziel des „Sockenpuppen-Kartells“: Die Taten des Fälschers zu relativieren, gar zu glorifizieren. Einiges deute darauf hin, dass der Wikipedia-Fälscher mit seinen Fake-Accounts vom norddeutschen Seevetal aus operierte, nur wenige Kilometer entfernt von Tötensen, dem Heimatort von Claas Relotius.

2. Was wir wollen
(berliner-zeitung.de, Silke und Holger Friedrich)
Mit dieser Leseempfehlung tue ich mich etwas schwer: Einerseits ist es spannend zu erfahren, was das Verlegerpaar Silke und Holger Friedrich mit seiner Neuerwerbung „Berliner Zeitung“ vorhat. Andererseits ist der Text eine krude Mischung aus Schüleraufsatz, Regierungserklärung und naivem bis zweifelhaften Politmanifest, dem ein straffes Redigat gutgetan hätte. Die „Salonkolumnisten“ bezeichnen den Text gar als „ostdeutsche Melange des Grauens aus Mahnmalstolz, Rammsteinpromo, Diktatorendank und Politikerbeleidigung“: „Die fünf dämlichsten Sätze aus dem komplett bekloppten Manifest von Holger und Silke Friedrich“.

3. „Meinungsfreiheit muss man benutzen“
(sueddeutsche.de, Theresa Hein)
Im Interview mit dem ZDF-Journalisten Claus Kleber geht es um das angeblich bedrohte Recht auf freie Meinungsäußerung und die Freude an Dialog, Widerspruch und Streit. Und es geht um die Debatte um Begriffe, die Kleber für partiell unnötig hält: „Wir streiten, ob man Studierende sagt oder noch besser Studentinnen und Studenten, anstatt zum Beispiel tatsächlich etwas gegen die Benachteiligung vor allem von weiblichen Studierenden im Universitätsalltag zu tun. Man streitet sich gerne über die Worte, wo man sich eigentlich um die Sache kümmern sollte.“ Man möchte Claus Kleber entgegnen, dass es durchaus möglich ist, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen.

4. Keynote: Ingrid Brodnig . Wie wir die Macht im Netz zurückerobern
(zuendfunk-netzkongress.de, Ingrid Brodnig, Video: 45:24 Minuten)
Wie ist es dazu gekommen, dass der Facebook-Algorithmus das mächtigste journalistische Medium der Welt wurde? Ein Algorithmus, der entscheidet, was 1,5 Milliarden Menschen jeden Tag zu sehen bekommen. In dem Vortrag von Ingrid Brodnig geht es um „Walled Gardens“, Herden- und Netzwerk-Effekte, die Sicherung von Marktdominanz durch Firmenübernahmen und die Frage, mit welchen Tricks die marktbeherrschenden Unternehmen sonst noch arbeiten. 45 Minuten, die sich lohnen.

5. „Dann wird Ihre linkisideologische Propaganda ein Ende finden“
(bliq-journal.de, Fabian Goldmann)
Es gibt bestimmte Themen, bei denen Journalistinnen und Journalisten besonders viel Ablehnung entgegenschlägt. Eines dieser Themen ist die Berichterstattung rund um den Islam. Als das Online-Medium „Thüringen 24“ beispielsweise über den Moscheebau in einem Erfurter Gewerbegebiet berichtete, füllten sich die Kommentarspalten augenblicklich mit Hass und Hetze. In Thüringen habe sich eine islamfeindliche Gruppe gebildet, die von „Diffamierungen der Lügen- und Lückenpresse“ spricht und ihre Mitglieder gegen die Medien aufhetze.

6. Liebes @ZDFheute, macht sowas bitte nie wieder
(twitter.com, Helge Braun)
Kanzleramtsminister Helge Braun bekam den Schreck des Jahres: Das ZDF meldete ihm (und vielen anderen) per Push-Nachricht, dass Kanzlerin Angela Merkel ihr neues Kabinett vorstellt: „Blöd, wenn man Kanzleramtsminister ist und davon nix weiß.“ Was war passiert? Das ZDF hatte versehentlich die alte Meldung „Merkel stellt Kabinett-Kandidaten vor“ auf die Handys der „ZDFheute“-Nutzer gepusht. Für den Minister war es ein heftiger, aber kurzer Schreck: Das ZDF schickte schnell eine weitere Meldung hinterher und stellte den Fehler auf seiner Korrekturseite richtig.

Blättern:  1 2 3 4 ... 339