Archiv für 6 vor 9

Wendler-Wandlung, Tendenzschutz, Politik der leeren Gesten

1. Wendler-GAU bei Pocher: “Als wäre Merkel zurückgetreten”
(dwdl.de, Alexander Krei)
Anfangs zog man noch einen geschmacklosen Scherz oder einen verabredeten PR-Stunt in Betracht, aber es scheint sich als ernst gemeint herauszustellen: Der Schlagersänger Michael Wendler hat in einem wirren Rundumschlag seinen Job als Juror bei “Deutschland sucht den Superstar” gekündigt, seinen Haussender RTL als “politisch gesteuert” bezeichnet und allerlei Verschwörungsgeschwurbel zur “angeblichen Corona-Pandemie” losgelassen. Wendlers Manager Markus Krampe hatte zeitweilig mit den Tränen zu kämpfen, als er über die unerquickliche Wendler-Wandlung sprach: “Für mich ist er krank. Tatsächlich krank.”

2. ARD/ZDF-Onlinestudie: Instagram löst Facebook ab, Facebook bereitet sich auf die US-Wahl vor
(socialmediawatchblog.de, Simon Hurtz)
Simon Hurtz hat sich die aktuelle ARD/ZDF-Onlinestudie durchgelesen und die wichtigsten Erkenntnisse für das (sonst kostenpflichtige) “Social-Media-Briefing” zusammengefasst. Er hat sich dabei schwerpunktmäßig auf Social Media konzentriert, geht aber auch auf die Ergebnisse ein, die eher klassische Medien betreffen – wie stets in übersichtlicher und gut strukturierter Form.

3. Muss guter Journalismus am Spielfeldrand bleiben?
(medienpolitik.net, Ortlieb Fliedner)
Der “Stern” wurde vielfach für seine Kooperation mit Fridays for Future gescholten. Das Standardargument dabei: Guter Journalismus dürfe sich nicht mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten. Der Jurist Ortlieb Fliedner bringt ein Gegenargument in die Debatte ein. Zur Pressefreiheit gehöre auch der sogenannte Tendenzschutz, der parteiische Berichterstattung ausdrücklich zulasse: “Das bedeutet, dass der Verleger für seine Zeitung oder Zeitschrift eine publizistische Tendenz festlegen und diese gegenüber seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, also den Journalistinnen und Journalisten, auch durchsetzen kann.”

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4. Politik der leeren Gesten
(taz.de, Steffen Grimberg)
CSU-Chef Markus Söder hat sich öffentlich impfen lassen. Den Medienjournalisten Steffen Grimberg erinnert dies an andere PR-Aktionen von Politikern: So schwamm der damalige Umweltminister Klaus Töpfer öffentlichkeitswirksam im Rhein, und der britische Landwirtschaftsminister John Gummer verspeiste zu BSE-Zeiten vor laufenden Kameras einen Rindfleisch-Burger (“absolutely delicious”). Grimbergs Kommentar: “Trotz braver Berichterstattung der Medien sind das eben keine Heldengeschichten, sondern durchsichtige Inszenierungen.”

5. Viele Zahlen, wenig Kontext?
(deutschlandfunk.de, Isabelle Klein & Annika Schneider, Audio: 7:23 Minuten)
In ihrer Corona-Berichterstattung würden sich viele Medien oftmals nur auf die Zahl der Neuinfektionen fokussieren. Kritiker könnten einwenden, dass die Zahlen in einen Kontext eingebettet werden müssen, um Einordnung und Interpretation zu ermöglichen. Auf welche Aussagen und Zahlen sollen sich Journalisten und Journalistinnen konzentrieren? Und haben die Redaktionen in den vergangene Monaten genug dazugelernt? Darüber spricht Isabelle Klein mit ihrem Deutschlandfunk-Kollegen, dem Wissenschaftsjournalisten Volkart Wildermuth.

6. Facebook löscht Hunderte Profile dubioser Trump-Förderer
(zeit.de)
Diese Woche hat Facebook schon bei den QAnon-Anhängern aufgeräumt und verkündet, dass man alle Seiten und Gruppen mit Verbindung zu der Bewegung entfernen werde. Nun hat die Social-Media-Plattform dem Treiben einer politischen Marketingfirma ein Ende bereitet und 200 Nutzerkonten mit gefälschten Identitäten sowie 55 Gruppen entfernt, die für US-Präsident Donald Trump Stimmung machten. Die Zahlen mögen klein klingen, aber den Angaben nach seien insgesamt rund 373.000 Facebook-Profile den gefälschten Konten oder Gruppen gefolgt.

Schröder vs. “Bild”, Feuersteins Nachruf auf sich, Pressefreiheit

1. Gerhard Schröder will juristisch gegen “Bild” vorgehen
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Die “Bild”-Zeitung hat ein Interview mit dem vergifteten Kreml-Kritiker Alexej Nawalny veröffentlicht, in dem dieser schwere Vorwürfe gegen Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder erhebt. Schröder sei “ein Laufbursche Putins” und habe verdeckte Zahlungen kassiert. Bei Linkedin kündigt der Alt-Kanzler nun juristische Schritte gegen “Bild” an: “Ich habe Verständnis für die schwierige persönliche Situation, in der sich Herr Nawalny befindet. Seine Interview-Aussagen in der #BILD-Zeitung und bei bild.de über angebliche ‘verdeckte Zahlungen’ sind jedoch falsch. Er selbst sagt, dass er für seine Unterstellungen keine Belege habe. Gleichwohl haben BILD-Zeitung und bild.de diese Aussagen, ohne mich um eine Stellungnahme zu bitten, verbreitet. Daher sehe ich mich gezwungen, gegen den Verlag, der meine #Persönlichkeitsrechte auf das Schwerste verletzt hat, juristisch vorzugehen.”

2. Beleidigungen, Bedrohungen, Hetze und Gewalt
(journalist.de, Michael Kraske)
Der Journalist und Autor Michael Kraske macht sich Sorgen um die Pressefreiheit in Deutschland. Angriffe auf der Straße und Hetze im Internet seien zu einer ernsthaften Gefahr für die freie Berichterstattung geworden. Bedrohungen seien mittlerweile im Arbeitsalltag kritischer und investigativer Journalistinnen und Journalisten allgegenwärtig. Zeit für ein schonungsloses Lagebild – und für ein Umdenken bei Polizei und Politik, wie Kraske findet.

3. Wir veröffentlichen den Entwurf für die deutsche Urheberrechtsreform
(netzpolitik.org, Arne Semsrott)
netzpolitik.org veröffentlicht den Entwurf für die deutsche Urheberrechtsreform, die zugunsten der Presseverlage ausfalle. Arne Semsrott kommentiert: “Die Urheberrechtsreform wird voraussichtlich auch im weiteren Gesetzgebungsverfahren umstritten bleiben. Nach einem bald zu erwartenden Kabinettsbeschluss über den Gesetzentwurf dürfte der Bundestag erbittert über weitere Passagen der Reform ringen – darunter auch Ausnahmen vom Urheberrecht für Karikaturen und Parodien. Derzeit sieht der Gesetzentwurf für ‘Bagatellnutzungen’ Ausnahmen vor. Verlage und die Musikindustrie sprachen sich jedoch deutlich gegen solche Begrenzungen des Urheberrechts zum Schutz der Meinungsfreiheit aus.”

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4. »Die Zeit« gründet Literatur-Community
(buchreport.de)
Anlässlich der bevorstehenden Frankfurter Buchmesse kündigt die “Zeit” eine Literatur-Community an, in deren Zentrum ein wöchentlicher Newsletter mit Buchempfehlungen stehe: “Im neuen Literaturnewsletter der ZEIT sprechen Journalisten, Schauspielerinnen, Politiker und andere Leserinnen und Leser über die Bücher, die sie gerade begeistern. Dabei geht es nicht nur um Neuerscheinungen – alles, was Sie und uns bewegt, ist willkommen: Krimis, Romane, Kochbücher, Raritäten und Graphic Novels.”

5. «Wir wollen nicht den Journalismus retten. Wir wollen einen neuen Journalismus schaffen.»
(medienwoche.ch, Nick Lüthi)
Es gab schon einige Versuche, im Netz einen “neuen Journalismus” zu etablieren. Den meisten Start-ups ging über längere Zeit die Luft aus. Nun unternimmt “tapwriter” einen nächsten Versuch. Nick Lüthi hat sich das Schweizer Projekt angeschaut, das über bessere Startbedingungen verfüge, da der finanzielle Druck von Investoren fehle. Lüthi ist bei aller Aufgeschlossenheit allerdings skeptisch, was die Erfolgsaussichten anbelangt: “Ohne Community, ohne Lesende und Schreibende, bleibt Tapwriter eine nette Gedankenspielerei, wie es schon so manche zuvor gab.”

6. Der Entertainer Herbert Feuerstein ist tot.
(wdr.de, Thomas Köster)
Der WDR erinnert an den Autor, Entertainer und Kabarettisten Herbert Feuerstein, den viele vornehmlich als den kongenialen Partner von Harald Schmidt kennen, der aber doch so viel mehr war: ob klassischer Musiker, Reisejournalist oder Chefredakteur der deutschen Ausgabe des US-Satiremagazins “MAD”.
Weiterer Lese- und Hörhinweis: Kurz vor seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit vor fünf Jahren beschloss Feuerstein vorsorglich, seinen eigenen Nachruf zu verfassen (wdr.de, Audio: knapp 2 Stunden).
Weiterer Lesehinweis: Jakob Buhre hat vor 15 Jahren im Auftrag des Magazins “Galore” ein Interview mit Herbert Feuerstein geführt, das jedoch nie erschienen ist. Nun hat Buhre es herausgesucht und auf seiner Interviewseite veröffentlicht. Feuerstein denkt dort schon über Dinge wie Endlichkeit und Vermächtnis nach: “Ich habe kein Bedürfnis, Spuren zu hinterlassen, weil die Spuren letzten Endes auch vollkommen bedeutungslos wären. Das ganze Leben besteht ja nur aus einer Illusion der eigenen Wichtigkeit, wahrscheinlich könnte man sich selbst sonst auch gar nicht ertragen. Alle Leute gehen durch’s Leben und denken, sie müssten beachtet werden. Manche machen darum auch noch großen Wirbel, damit es ein bisschen mehr auffällt. Aber am Ende ist das alles so unglaublich bedeutungslos, weil die Welt einfach aus sozialem Lärm besteht. Wir sind alle unvollkommene Nichtse – und damit müssen wir uns abfinden.”

Babyfotos mit Nazi-Symbolen, Žižeks Assange-Appell, Late-Night-Handwerk

1. Kein Filter für Rechts
(correctiv.org, Alice Echtermann & Arne Steinberg & Celsa Diaz & Clemens Kommerell & Till Eckert & viele weitere)
Über einen Zeitraum von mehreren Monaten hat “Correctiv” untersucht, wie sich die rechte Szene auf Instagram vernetzt, und hat dazu rund 4.500 Accounts analysiert. Eine unbedingt lesenswerte Recherche, die zeigt, wie geschickt und planvoll dort hinsichtlich Propaganda und Neurekrutierung vorgegangen wird. Lohnenswert ist auch ein Blick in den Begleitartikel “So sind wir vorgegangen”, in dem genau beschrieben wird, wie die Datenrecherche im Einzelnen erfolgte.

2. Sie töten ihn langsam
(freitag.de, Slavoj Žižek)
Der Philosoph Slavoj Žižek vertritt im “Freitag” eine klare Haltung. Wer über den Umgang mit dem Wikileaks-Gründer Julian Assange nicht reden wolle, möge über Menschenrechtsverletzungen weltweit schweigen: “Die Kräfte, die seine Rechte verletzen, sind dieselben Kräfte, die den effektiven Kampf gegen die Erderwärmung und die Pandemie verhindern. Es sind die Kräfte, derentwegen die Pandemie die Reichen noch reicher macht und die Armen am stärksten trifft. Es sind die Kräfte, die rücksichtslos die Pandemie ausnutzen, um unsere sozialen und digitalen Räume zu regulieren und zu zensieren. Kräfte, die uns schützen, aber auch vor unserer Freiheit.”

3. Die Welt braucht Worte
(sueddeutsche.de, Judith Wittwer)
Anlässlich des 75. Geburtstags der “Süddeutschen Zeitung” blickt “SZ”-Chefredakteurin Judith Wittwer auf die vergangene und die bevorstehende Zeit. Der digitale Wandel habe dem Journalismus neue Möglichkeiten eröffnet, doch die klassische Zeitung bleibe wichtig: “Sie hält sich neben dem hoch getakteten digitalen Programm, weil Beschleunigung die Entschleunigung als Gegenstück hat, das Tempo die Muße, das Video das ruhende Bild. Das Scrollen auf kleinen Bildschirmen ersetzt nicht das Blättern in einer Zeitung. Die Seite-Drei-Reportage oder das Buch Zwei lesen viele noch immer mit Vorliebe auf Papier.”

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4. Die Qualität der Berichterstattung über Wissenschaft
(de.ejo-online.eu, Senja Post)
Ob Luftverschmutzung, Klimawandel oder Corona-Pandemie – Wissenschaftsthemen finden in letzter Zeit viel Beachtung. Senja Post ist Professorin für Wissenschaftskommunikation an der Universität Göttingen und wünscht sich zur Qualitätssicherung der Berichterstattung eine entsprechende wissenschaftliche Beobachtung: “Hierzu sollten Themen, die ein hohes Maß an Medienaufmerksamkeit auf sich gezogen haben, in passgenauen, repräsentativen Fallstudien regelmäßig wissenschaftlich analysiert und anschließend diskutiert werden. Dies würde die Qualität der Wissenschaftsberichterstattung vermutlich langfristig erhöhen, den Wert eines qualifizierten Wissenschaftsjournalismus stärken und einen Beitrag dazu leisten, gesellschaftliche Debatten um Umwelt, Technologie und Wissenschaft zu depolarisieren und zu versachlichen.”

5. Die interaktiven Storyteller
(deutschlandfunk.de, Michael Borgers & Isabelle Klein, Audio: 6:59 Minuten)
Instagram ist nicht nur ein Ort für extrovertierte Social-Media-Junkies und Narzissten, sondern auch eine Plattform für Wissensvermittlung und Journalismus. Gerade junge Nutzerinnen und Nutzer holen sich ihre Informationen oft von dort. Die “Tagesschau” erreicht bei Instagram zum Beispiel mehr als zwei Millionen Menschen. Selina Bettendorf hat einen Leitfaden für Instagram-Journalismus entworfen und verrät, worauf es bei der Berichterstattung auf der Plattform ankommt.

6. Ringlstetter: “Late Night ist scheißschwieriges Handwerk”
(dwdl.de, Senta Krasser)
Moderator, Kabarettist, Musiker und Schauspieler Hannes Ringlstetter lädt im bayrischen Dritten seit vier Jahren Talkgäste in seine Sendung “Ringlstetter” ein. Nun hat er ein neues, zusätzliches Talkformat im Ersten bekommen. Senta Krasser hat sich mit Ringlstetter unter anderem über die Schwierigkeiten des Late-Night-Formats unterhalten und über die Frage, wie schwer es ist, den richtigen Ton für den Stand-up-Anteil zu finden: “Es hilft dir nicht, was wir am Anfang auch getan haben, die besten Late Night-Autorinnen und -Autoren einzukaufen, wenn das, was sie dir für die 20 Minuten vorne zusammenschreiben, mit dem bricht, wofür du als Präsentator stehst.”

Digitale Gewalt vertreibt Mädchen, Burdas Lügen-Embryo, Insta-Birthday

1. Digitale Gewalt vertreibt Mädchen aus sozialen Medien
(sueddeutsche.de)
Laut einer Umfrage des Kinderhilfswerks Plan International erfährt eine deutliche Mehrheit der Mädchen und jungen Frauen im Internet Formen von digitaler Gewalt. In Deutschland hätten 70 Prozent von ihnen Bedrohungen, Beleidigungen und Diskriminierungen erlebt. Die Folge davon sei oft der Rückzug aus den Sozialen Medien. In einem Offenen Brief bittet das Hilfswerk die Plattformbetreiber um mehr Unterstützung: “Wir Mädchen und junge Frauen in all unserer Diversität müssen uns darauf verlassen können, dass wir uns immer an Sie wenden können, wenn wir digitale Gewalt erleben und dass Sie etwas dagegen tun.”

2. Viel Lob – wenig Geld für Fachjournalisten
(mmm.verdi.de, Bärbel Röben)
Selten wurde Wissenschaftsjournalismus so geschätzt wie in den heutigen Corona-Zeiten. Das ist die eine Wahrheit. Die andere Wahrheit ist, dass im Wissenschaftsjournalismus tätige Menschen oftmals frei und zunehmend prekär arbeiten. Kann womöglich eine Stiftung zur Förderung des Wissenschaftsjournalismus helfen? Bärbel Röben berichtet über die schwierige Lage der Wissenschaftserklärung zwischen Bundesverdienstkreuz und Verarmung.

3. Burda-Verlag ließ falschen Embryo von Diana durchrutschen
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Die Regenbogen-Postille “Freizeit Spaß” aus dem Verlag Burda hatte eine frei erfundene Geschichte des US-Magazins “Globe” über Prinzessin Diana übernommen und als wahr dargestellt: Ein Arzt hätte Diana vor vielen Jahren einen Embryo entnommen, seiner eigenen Frau eingepflanzt und das Kind dann heimlich aufgezogen. Mats Schönauer hat sich daraufhin beim Deutschen Presserat beschwert – der Startpunkt für ein weiteres unwürdiges Schauspiel der “Freizeit Spaß”-Verantwortlichen.

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4. «Ich begann, mich zunehmend zu hinterfragen»
(persoenlich.com, Edith Hollenstein)
Der Medienjournalist Rainer Stadler hat seinen Job bei der “NZZ” an den Nagel gehängt. Das ist bemerkenswert, da Stadler mehr als 30 Jahre für die Schweizer Zeitung tätig war und dort die Medienseite verantwortete. Sein Abgang ist nicht ganz freiwillig, wie er im Interview berichtet: “Es ist für Verlage schwierig geworden, Meinungen zu tragen, die der Unternehmensmeinung nicht entsprechen. Es ist kein Zufall, dass bei allen anderen Zeitungen die Stellen der Medienjournalisten schon längst gestrichen worden sind.”

5. Politische PR an der Grenze zur Medienarbeit
(deutschlandfunk.de, Daniel Bouhs, Audio: 4:51 Minuten)
Lange Zeit waren Podcasts ein mediales Nischenprodukt, doch mittlerweile hat selbst die Politik das Medium für sich entdeckt. Ob Parteien, Fraktionen oder gar die Bundesregierung, alle wollen ihre Botschaften hinaus in die Welt senden und haben damit erstaunlich oft Erfolg. Viele klassische Medien übernehmen die Inhalte und damit gelegentlich auch unhinterfragt die Agenda der podcastenden Politiker und Politikerinnen. Daniel Bouhs berichtet über ein Medienformat zwischen informierender Aufklärung und politischer PR.

6. 10 Jahre Instagram: Die Welt als Werbefoto
(rnd.de, Matthias Schwarzer)
Instagram feiert am heutigen 6. Oktober seinen zehnten Geburtstag. Matthias Schwarzer zeichnet die Entwicklung des Dienstes nach, von der reinen Fotoplattform bis hin zum audiovisuellen Riesennetzwerk.
Weiterer Lesehinweis: Das sind die erfolgreichsten Instagram-Posts aller Zeiten (rnd.de).

Steingarts Steuermann, Twitters KI-Kapitulation, Zeitungsbote gewinnt

1. “Überlebt haben fast keine”
(taz.de, Steffen Grimberg)
Kommunikationswissenschaftlerin Mandy Tröger hat untersucht, wie sich der ostdeutsche Zeitungsmarkt nach dem Mauerfall entwickelt hat, und ihre Erkenntnisse in einem Buch zusammengefasst (“Pressefrühling und Profit – Wie westdeutsche Verlage 1989/1990 den Osten eroberten”). Im Interview mit der “taz” erklärt sie, warum die ostdeutschen Verlage es ungleich schwerer hatten, in Westdeutschland Fuß zu fassen, als andersherum die westdeutschen Verlage in Ostdeutschland.

2. “Das klassische Zeitungsmodell hat keine Zukunft”
(journalist.de, Catalina Schröder)
Was für eine Art von Journalismus findet auf dem Berliner Redaktionsschiff von Gabor Steingart statt? Wie sieht der typische Alltag aus? Und wie verläuft die Zusammenarbeit mit einen Chef, der “nicht gerade für sein leises Auftreten bekannt sei” und dessen Buch auf deutliche Kritik gestoßen ist? Catalina Schröder hat sich mit Michael Bröcker unterhalten, dem Chefredakteur und Miteigentümer der Media Pioneer Publishing AG.

3. Twitter verbietet künstlicher Intelligenz den Bildbeschnitt
(spiegel.de, Jörg Breithut)
Twitter ist es nicht gelungen, seine Künstliche Intelligenz so zu trainieren, dass Personen auf Fotos benachteiligungsfrei erkannt und in Bildausschnitten herausgestellt werden. Nun zieht das Unternehmen die Reißleine und lässt die Nutzerinnen und Nutzer wieder über die Bildausschnitte bestimmen: “Wir hoffen, dass wir das Risiko von Benachteiligung reduzieren, indem wir den Nutzern mehr Möglichkeiten geben, die Bilder zu beschneiden, und bereits beim Tweet-Verfassen anzeigen, wie die Fotos später aussehen.”
Weiterer Lesehinweis: Kampf gegen Pornographie: Medienaufsicht prüft Twitter (faz.net).

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4. Zeitungsbote gewinnt in zweiter Instanz
(verdi.de, Frank Biermann)
Die Zeitungsbranche versuche, sich trotz klarer rechtlicher Vorgaben um Nachtzuschläge für ihre Zusteller und Zustellerinnen zu drücken und wortreich Sonderregelungen für sich zu reklamieren. Damit wollte sich ein Zeitungsbote nicht abfinden und hat erfolgreich dagegen geklagt. Nun habe das Landesarbeitsgericht Hamm dessen Arbeitgeber dazu verurteilt, die Nachtzuschläge der vergangenen drei Jahre nachzuzahlen – immerhin etwa 6868 Euro.

5. Döpfners neue Rolle ist kein Erfolgsgarant für Springer
(meedia.de, Gregory Lipinski)
Springer-Chef Mathias Döpfner bekommt von der Verlegerwitwe und Großaktionärin Friede Springer ein Milliardengeschenk und kann damit noch stärkeren Einfluss auf die Geschicke des Konzerns ausüben. Damit sei jedoch längst nicht klar, dass das Verlagshaus in eine sichere Zukunft steuere, findet Gregory Lipinski. Durch die Corona-Pandemie könne schwer eingeschätzt werden, wie sich die Geschäftsmodelle für Immobilien-, Job- oder Autobörsen, in denen das Unternehmen stark investiert ist, entwickeln. Außerdem bestehe der Investor KKR auf ordentliche Renditen und habe einen kritischen Blick auf die publizistischen Flaggschiffe “Bild” und “Welt”.

6. Das Dilemma mit der starken These
(zeit.de, Meike Laaf)
Der US-amerikanische Dokumentarfilm “Das Dilemma mit den sozialen Medien” beschäftigt sich kritisch mit den Folgen der Sozialen Medien für die Gesellschaft. Meike Laaf hat sich die Netflix-Eigenproduktion angeschaut und eine differenzierte Rezension verfasst.

Seenotrettung, Spendable “Tagesschau”, Fischers Haus

1. Die tagesschau stellt bestimmte Inhalte unter Creative Commons
(blog.tagesschau.de, Lena-Maria Reers)
Die “Tagesschau”-Redaktion könne, auch wenn sie es wolle, aus rechtlichen Gründen nicht alle Beiträge und Meldungen im Netz dauerhaft zur Verfügung stellen. Doch es gebe eine gute Nachricht: In einem extra eingerichteten Portal wolle man ab sofort die Erklärvideos aus den Sozialen Netzwerken unter einer freien Lizenz zur rechtefreien Nutzung anbieten. Dort wird auch in einem kurzen Video erklärt, was dabei erlaubt ist und was nicht.

2. Facebook verbietet Werbung, die Wahlergebnisse anzweifelt
(spiegel.de)
Viele Beobachter befürchten, dass US-Präsident Donald Trump eine Wahlniederlage nicht akzeptieren und sich seiner Ablösung widersetzen wird. Die Befürchtung ist nicht aus der Luft gegriffen, denn Trump selbst macht immer wieder Andeutungen, die in diese Richtung gehen. Der Facebook-Konzern will nun Desinformationskampagnen zur US-Wahl erschweren und keine Werbeanzeigen annehmen, die fälschlicherweise von Wahlbetrug sprechen oder vorzeitig Zweifel am Endergebnis säen.

3. «Konnten wir da noch Journalisten sein?» – Krisenberichterstattung über Seenotrettung
(message-online.com, Severin Pehlke)
Die NDR-Fernsehreporterin Nadia Kailouli hat mehrfach über die Seenotrettung auf dem Mittelmeer berichtet und ist dieses Jahr für ihren Dokumentarfilm “SeaWatch3” mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden. Im Interview erzählt sie von ihrer Vorbereitung auf die schwierigen Einsätze und den gelegentlich auftauchenden Vorwürfen, nicht neutral zu berichten: “Ich finde schade, dass mir bei meiner Arbeit oft eine politische Positionierung nachgesagt wird. Ich möchte mir keine Vorwürfe anhören müssen, dass ich mich politisch positioniert habe, nur weil ich grundsätzlich darüber berichten möchte, wie Menschen leben, die aus Teilen Afrikas nach Europa geflüchtet sind. Einem Sportjournalisten würde man doch auch nicht vorhalten, dass er nicht neutral ist, weil er sich mehr für Fußball als für Handball interessiert.”

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4. Zwanzig Verlage sind dabei
(faz.net)
Google startet mit zwanzig deutschen Verlagen ein gemeinsames Medienangebot, für das erstmals Lizenzgebühren an die Medienhäuser fließen sollen. Weltweit lasse sich Google dieses Projekt eine Milliarde US-Dollar kosten. Dem Verband der Zeitungsverleger BDZV gehe dies nicht weit genug: “Die Geldausschüttung an Verlagshäuser” erfolge “nach Gutsherrenart”. Das habe “nichts mit unseren Vorstellungen von einem modernen Urheberrecht im 21. Jahrhundert zu tun”.

5. Medien werden kritischer – ein bisschen
(deutschlandfunk.de, Felix Lill, Audio: 5:15 Minuten)
Die Berichterstattung japanischer Medien über die eigentlich anstehenden Olympischen Spiele sei bislang stets positiv gewesen, doch nun zeichne sich ein Wandel ab. Die Mehrheit der Menschen sei, anders als noch vor ein paar Monaten, “Tokyo 2020” gegenüber skeptisch eingestellt, und auch viele Redaktionen würden inzwischen kritischer berichten. Felix Lill erklärt die Hintergründe.

6. RTL und “Bunte” lassen Helene Fischer in ihrem neuen Haus nicht allein
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Mit Artikeln über die erfolgreiche Schlagersängerin Helene Fischer lässt sich viel Geld verdienen. Die Hoffnung auf Klicks und Auflagensteigerung lässt bei einigen Medien jedoch sämtliche Sicherungen durchbrennen. Boris Rosenkranz erzählt von einem besonders schamlosen Fall, bei dem Bildmaterial einer privaten Feier ausgebeutet wurde.

Gedächtnis­protokolle, “NZZ” im Tabaknebel, Diskursverschiebung

1. Warum berufen sich Undercover-Reportagen auf ominöse “Gedächtnis­protokolle”?
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
In einer ProSieben-Reportage über rechte Netzwerke wurde ein AfD-Funktionär mit seinen Gewaltfantasien gegen Geflüchtete zitiert. Währenddessen wurde das Wort “Gedächtnisprotokoll” eingeblendet. Ein Undercover-Team hatte die den Politiker belastende Szene heimlich in einem Restaurant aufgenommen, in der Reportage war der AfD-Mann jedoch nicht zu sehen, und auch der Originalton war nicht zu hören. Medienanwalt Thorsten Feldmann ordnet die Thematik ein und erklärt, welche rechtlichen Gründe hinter dieser Vorgehensweise stecken.

2. Meinung: Mehr Debatte in den Tagesthemen
(ndr.de, Daniel Bouhs)
Bei den “Tagesthemen” soll es zukünftig einige Änderungen geben. Der “Kommentar” wurde nach 42 Jahren bereits zur “Meinung”. Ein “Pro und Contra” soll Debatten abbilden/anheizen. Der Historiker Jürgen Zimmerer warnt vor einer “Diskursverschiebung nach rechts”. Außerdem könnten auf diese Weise extreme Positionen salonfähig gemacht werden. Multiperspektivität sei gut, “aber es gibt natürlich einen Rahmen, außerhalb dessen Positionen einfach absurd sind. Ich warte dann auf den Kommentar in den ‘Tagesthemen’ zu ‘Die Erde ist eine Scheibe’ oder ‘Der Antisemitismus ist richtig’.”

3. Journalismus in Zeiten der Polarisierung: neun Empfehlungen von Jeff Jarvis
(innovation.dpa.com, Meinolf Ellers)
Der US-amerikanische Journalist und Autor Jeff Jarvis wurde vom Hamburger Senat und der Nachrichtenagentur dpa “für seine Verdienste als Brückenbauer zwischen den Internet-Plattformen und den traditionellen Medien” mit dem “Scoop-Award” geehrt. In seiner Keynote liefert Jarvis neun Denkanstöße für einen besseren Journalismus. Seine vollständige Rede gibt es bei Youtube (in englischer Sprache) zum Nachhören und Nachschauen.

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4. NZZ im Dunstnebel der Tabakindustrie
(infosperber.ch, Rainer M. Kaelin)
Die “NZZ” veröffentlichte jüngst einen PR-Artikel der Tabakindustrie. Der Pneumologe und ehemalige Vizepräsident der Lungenliga Schweiz, Rainer M. Kaelin, kritisiert den Beitrag: “Die Tribüne, die das älteste Medium der Schweiz dem Tabakgiganten Philip Morris zur Verfügung gestellt hat, lässt erschreckend deutlich erkennen, wie Lobbying, PR-Arbeit und Geld seit Langem die Tabakprävention auf Kosten der Jugend unterminieren. Das schadet dem Ansehen der NZZ, deren vornehmste Aufgabe die seriöse Information ihrer Leserinnen und Leser wäre.”

5. “Eine Frage von Leben und Tod”
(deutschlandfunk.de, Brigitte Baetz, Audio: 5:58 Minuten)
In London wird derzeit über die Auslieferung des Wikileaks-Gründers Julian Assange an die USA verhandelt. Dort drohen ihm eine Anklage wegen Spionage in 17 Fällen und insgesamt 175 Jahre Haft. Christian Mihr von Reporter ohne Grenzen beobachtet das Verfahren und zeigt sich äußerst besorgt: “Abgesehen davon, dass es hier um ein Verfahren gegen Julian Assange und ein Verfahren letztlich um Pressefreiheit geht, muss Julian Assange aus unserer Sicht auch schon allein aus humanitären Gründen sofort freigelassen werden.”

6. Die Rasen-Reporter
(zdf.de, 43:33 Minuten, Christian Bock)
Das Fußballmagazin “Kicker” wird dieses Jahr stolze 100 Jahre alt. Anlässlich des runden Geburtstags berichtet eine ZDF-Doku über die Entwicklung des Fußballs zum Volkssport und die Bedeutung der ihn begleitenden Medien, nicht nur des “Kickers”.
Weiterer Gucktipp: Die ARD hat im April eine Doku zum gleichen Thema in die Mediathek gestellt: 100 Jahre “Kicker”: Ein Sportmagazin schreibt Geschichte (Andreas Kramer, Video: 41:26 Minuten).

Amerikanische Katastrophe, Unzulässige Bilder, Jabadabaduuuu!

1. Die Fairness aufgegeben
(deutschlandfunk.de, Michael Borgers)
Anfang der Woche ist das Buch “Im Wahn. Die amerikanische Katastrophe” des ehemaligen “Spiegel”-Chefredakteurs Klaus Brinkbäumer und des Dokumentarfilmers Stephan Lamby erschienen. Im Interview mit dem Deutschlandfunk spricht Lamby über die Entwicklung der US-amerikanischen Medien. Bis zum Jahr 1987 habe die “fairness doctrine” gegolten, nach der bei politischen Kontroversen immer auch die Gegenseite gehört werden solle. In den Jahren der Deregulierung sei dies aufgegeben worden, mit schädlichen Auswirkungen bis in die Gegenwart: “Diese Entwicklungen, die da 1987/88 etwa ihren Anfang nahmen, die sehen wir in voller Blüte heute, so dass da nicht nur Republikaner und Demokraten gegeneinanderstehen, sondern auch ‘Fox News’ und ‘CNN’. Das ist wirklich mit Händen zu greifen im Moment.”
Weiterer Lesehinweis: Die US-Korrespondenten des “Spiegel” haben sich die erste TV-Debatte zwischen Donald Trump und Joe Biden angeschaut: Der Schreikampf (spiegel.de, Roland Nelles & Marc Pitzke).

2. Artikel über Scheidung von Anke Engelke nur ohne Bilder zulässig
(urheberrecht.org)
Die “Bild”-Zeitung und Bild.de hatten über das Scheidungsverfahren der TV-Unterhalterin und Schauspielerin Anke Engelke berichtet und dabei auch Fotos verwendet, die auf dem Weg zum Amtsgericht geschossen wurden. Letzteres sei laut einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs unzulässig: Die Bilder würden nicht zum Bereich der Zeitgeschichte gehören, sondern seien Teil der Privatsphäre.

3. “Die ARD gibt selbst fürs Wetter mehr aus als für Dokumentarfilme”
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Freie Doku-Produzentinnen und -Produzenten hätten in Hessen so gut wie keine Chance, ihre Arbeiten bei der dortigen ARD-Tochter unterzubekommen. Im Gespräch mit “DWDL” erklären zwei langjährige Dokumentarfilmer die für sie unbefriedigende Situation: “Der HR ist der einzige ARD-Sender, der eine sehr strikte Eigenproduktionspolitik fährt. 97 Prozent aller Produktionen des HR stammen direkt aus dem Haus. Freie Dokumentarfilmer oder Nachwuchsfilmer kommen so überhaupt nicht zum Zuge. Das ist kein Zufall, sondern die erklärte Politik des Hauses, die auch vom Rundfunkrat abgesegnet ist. Für uns Dokumentarfilmer ist das existenzbedrohend, gerade jetzt in der Coronakrise.”

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4. Arktis statt Aktien, Dürre statt Dividende: Initiative will ARD-Sendung “Börse vor acht” ersetzen
(klimafakten.de, Nick Reimer)
Eine Gruppe von Klima-Aktivisten will die Börseninformationen im Ersten kurz vor der “Tagesschau” durch Klima-Berichterstattung ersetzen. Das Crowdfunding für eine Testausgabe war äußerst erfolgreich: Statt der ursprünglich anvisierten 20.000 Euro seien mehr als 40.000 Euro zusammengekommen. Nun werde eine sechsteilige Testreihe produziert. Dass diese dann auch bei einem ARD-Sender ausgestrahlt werde, sei eher unwahrscheinlich, aber darum gehe es auch nicht: “Wir wollen zeigen, was gute Klimaberichterstattung ist – und dass es geht.”

5. Forschung, Strategie, Umsetzung: Wie sich der SPIEGEL für junge Leser*innen verändert
(medium.com/@devspiegel)
Nachdem der “Spiegel” mit seinem Jugendportal “Bento” gescheitert ist, unternimmt er einen neuerlichen Versuch, die junge Zielgruppe zu erreichen: “Spiegel Start” heißt das neue “Service- und Orientierungsangebot rund um Ausbildung, Studium und Berufseinstieg”, das in dieser Woche anläuft. Im hauseigenen Entwicklerblog verraten die Macherinnen und Macher, welche Analysen und Überlegungen sie im Vorfeld angestellt haben.

6. Jabadabaduuuu!
(sueddeutsche.de, Fritz Göttler)
Fritz Göttler erinnert an die erste Zeichentrickfilmserie, die es ins US-amerikanische Primetime-Fernsehen schaffte: “The Flintstones” (in Deutschland: “Familie Feuerstein”). Sie wurde von den Animationskünstlern William Hanna und Joseph Barbera entwickelt, die zuvor bei MGM lange Zeit “Tom und Jerry” betreut hatten. Die Serie war in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich, und vielen klingt Fred Feuersteins Urschrei noch heute in den Ohren: “Jabadabaduuuu!”

Interessenkonflikte bei Strobl? Deutscher Comedypreis, Audio

1. Der Deutsche Comedypreis ist ein schlechter Witz
(uebermedien.de, Stefan Stuckmann)
Jetzt frei abrufbar auch ohne Abo: Was Stefan Stuckmann über den alljährlich verliehenen Deutschen Comedypreis berichtet, klingt in der Tat wie ein schlechter Witz. Hinter dem Ausrichter verberge sich eine selbst im Comedy-Geschäft tätige und höchst befangene Filmproduktionsgesellschaft, was teilweise zu seltsamen Ergebnissen führe. “Das Problem ist aber natürlich nicht nur, dass hier unter dem Deckmantel von Offenheit und Partizipation die ewige Günstlingswirtschaft fortgesetzt wird – sondern auch, dass hier wieder die mangelnde Diversität sichtbar wird, die die Branche seit Jahrzehnten nicht überwindet.” Wer jemals bei der Verleihung des Comedy-Preises lachen konnte: Spätestens nach der Lektüre von Stuckmanns Text wird es einem vergehen.

2. Interessenkonflikte bei Christine Strobl?
(deutschlandfunk.de, Daniel Bouhs, Audio: 5:10 Minuten)
Christine Strobl soll neue Programmdirektorin der ARD werden. Sie ist CDU-Mitglied, Tochter von Wolfgang Schäuble und mit dem Innenminister von Baden-Württemberg verheiratet. Kann diese Konstellation gutgehen? Oder drohen Interessenkonflikte? Daniel Bouhs ordnet die Personalie ein.

3. Wir verabschieden uns
(bento.de, Viktoria Bolmer & Julia Rieke)
Der “Spiegel” stellt sein Jugendportal “Bento” ein. Die Ressortleiterinnen Viktoria Bolmer und Julia Rieke verabschieden sich mit einigen aus ihrer Sicht besonders lohnenswerten Lese- und Guckempfehlungen. All diese Texte und Videos würden weiter existieren und in das Archiv bei Spiegel.de wandern. Was auch noch von “Bento” bleibe: Der Podcast, der zukünftig im neuen Karriere-Ressort des “Spiegel” zu finden sei.

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4. “In Krisenzeiten eigentlich immer am besten”
(message-online.com, Volker Lilienthal)
“Message”-Herausgeber Volker Lilienthal hat sich mit Christian Tretbar vom “Tagesspiegel” über die Herausforderungen der Corona-Krise unterhalten. Die Zeitung sei relativ früh von einem Corona-Fall betroffen gewesen, dementsprechend ernst nehme man dort die Pandemie. Ein interessanter Blick hinter die Kulissen von Berlins größter Tageszeitung, der sowohl die logistischen als auch die inhaltliche Fragen behandelt.
Hörempfehlung: Bei radioeins spricht Joachim Huber, Ressortleiter Medien beim “Tagesspiegel”, über seine Corona-Erkrankung. Huber hatte sich im März infiziert, erlitt eine Lungenembolie, Nierenversagen sowie einen Herzinfarkt und lag fünf Wochen im Koma (Audio: 4:50 Minuten).

5. WDR-Umfrage zu Audioverständlichkeit
(sueddeutsche.de, Theresa Hein)
Der WDR will die Hörverständlichkeit seines Programms verbessern und arbeitet mit dem Fraunhofer-Institut an einem technisch optimierten Audiokanal. Auf der Website des WDR kann man an einem Hörtest teilnehmen, bei dem man zwischen dem Original und dem “sprachverbesserten Dialog+ Audiokanal” wechseln kann.

6. Wie Sascha Lobo vom “irgendwas mit digital”-Typ zur deutschen Internet-Instanz wurde
(omr.com, Philip Westermeyer & Christian Cohrs, Audio: 1:19 Stunden)
Im “OMR”-Podcast packt “Spiegel”-Kolumnist und Digital-Experte Sascha Lobo viele unterhaltsame Anekdoten aus seiner langen Karriere aus: von seinem Studium mit 38 Semestern, seiner Arbeit als Kreativdirektor in einer Berliner Digitalagentur, seinem kalkulierten Haarschnitt. Und er erzählt die Geschichte, wie er einmal wegen der Teilnahme an einer Werbeaktion 40.000 empörte E-Mails und automatisierte Beleidigungen erhielt.

“FinCEN-Files”, Unbezahlbarer Journalismus, Falsche Shitstorms

1. Wie interessiert man Leute für ein Thema wie die “FinCEN-Files”?
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier, Audio: 52:32 Minuten)
Bei einem Verdacht von Geldwäsche müssen multinationale Großbanken der US-amerikanischen Finanzaufsicht FinCEN eine Meldung zukommen lassen. Dem kämen die Banken auch in erschütternd hoher Anzahl nach, doch fast immer ohne Folgen. Ein Teil dieser Informationen wurde “Buzzfeed News” zugespielt. Die Redaktion teilte den Datenschatz mit über 100 Redaktionen in 88 Ländern. Marcus Engert hat als investigativer Reporter von “Buzzfeed News Deutschland” an dem Projekt mitgewirkt. Im Gespräch mit Stefan Niggemeier schildert er die Schwierigkeit, die komplexe Materie vorstellbar zu machen und journalistisch aufzubereiten.

2. Kriegsreporterin Ramsauer: “Habe mich 20 Jahre in jedes Drecksloch gesetzt”
(derstandard.at, Oliver Mark)
Seit mehr als 20 Jahren berichtet die Journalistin Petra Ramsauer aus Kriegs- und Krisengebieten, doch damit ist nun Schluss. Ihre Arbeit als Kriegsreporterin sei nicht mehr finanzierbar. Für ihre Reportagen brauche sie wegen des erheblichen Aufwands und der Kosten für Fahrer und Fixer (Vororthelfer) zwischen 3.000 und 4.000 Euro pro Einsatz. Angeboten habe man ihr jedoch teilweise nur 150 Euro: “Ich habe abgelehnt. Das geht sich nicht mehr aus.” Ramsauer schule nun um zur Therapeutin mit dem Schwerpunkt Traumaverarbeitung.

3. Strafanzeige zu taz-Kolumne: Innenministerium wollte auch gegen Chefredaktion vorgehen
(fragdenstaat.de, Arne Semsrott)
“FragDenStaat” hat sich unter Berufung auf das Informationsfreiheitsgesetz die interne Kommunikation des Bundesinnenministeriums zur umstrittenen polizeikritischen “taz”-Kolumne (“All cops are berufsunfähig”) vorlegen lassen. Wider besseres Wissen und gegen den Rat seines Hauses habe Innenminister Horst Seehofer verkündet, die Kolumne habe mehrere Straftatbestände erfüllt. “Angesichts der Prüfung durch das Ministerium steht der Minister, der sich selbst als ‘Erfahrungsjuristen’ bezeichnet, mit dieser Ansicht alleine. Welche Straftatbestände neben Volksverhetzung überhaupt einschlägig sein sollen, ist unklar. Offiziell traf man die Entscheidung gegen eine Anzeige zum Schutze der Pressefreiheit. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass die fehlenden Erfolgsaussichten den Ausschlag gegeben hatten.”
Weiterer Lesehinweis: Zuvor hatte bereits der “Tagesspiegel” über das missglückte Vorgehen berichtet.

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4. Shitstorm vs. Meinungsfreiheit auf Sozialen Medien
(scilogs.spektrum.de, Markus Pössel)
Laut Duden handelt es sich bei einem “Shitstorm” um einen “Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht”. Doch manchmal werde mit dem Shitstorm-Begriff lediglich legitime Kritik ausgehebelt, so Markus Pössel: “Besonders perfide ist es, Kritik pauschal als ‘Shitstorm’ abzuqualifizieren – mit dem bequemen Nebeneffekt, dass man so auch sachliche Kritik abwatschen kann, ohne dass man sich damit sachlich hätte auseinandersetzen müssen. Für diesen Kunstgriff kann man zudem ausnutzen, dass in einem breiten Spektrum kritischer Anmerkungen ab einer bestimmten Gesamtanzahl mit großer Wahrscheinlichkeit auch Menschen dabei sind, die ausfällig werden.”

5. Vielfalt und Freiheit
(sueddeutsche.de, Meredith Haaf)
Viele Redaktionen setzen gerade verstärkt auf Meinungsjournalismus, die “Zeit” beispielsweise mit ihrem “Streit”-Ressort, die “Tagesthemen” mit ihrem Pro und Contra. Wie ist die Meinung im Journalismus einzuordnen? Und dürfen die traditionellen Medien überhaupt “Meinung machen”, wie ihnen oft vorgeworfen wird? Meredith Haaf ist Redakteurin im Ressort Meinung der “Süddeutschen Zeitung” und weiß, was dieses Thema den Lesern und Leserinnen abverlangt: “Der Wunsch, vor der Meinung der anderen seine Ruhe haben zu wollen, sitzt offenbar tief im Menschen. Die Meinungsfreiheit wiederum beinhaltet die Gesetzmäßigkeit, dass es zu jeder Meinung eine Gegenmeinung gibt. Meinungen zu haben und zu hören ist eine Art Ausdauersport.”

6. Warum Comedy-Helden jetzt gelöscht werden sollen
(ardmediathek.de, Philipp Walulis, Video: 30:30 Minuten)
Das gesellschaftliche Humorverständnis hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt, und damit auch der Blick auf Comedy. In früheren Sketchen haben viele bekannte Comedians Minderheiten klischeehaft bis verletzend bewitzelt. Was tun mit dem belasteten Altmaterial? Aus dem Programm nehmen? In den USA haben sich etliche Programmmacher tatsächlich für diese Maßnahme entschieden und teilweise ganze Folgen gelöscht.

7. “Ein zweites Mal diese Tortur – das würde ich nicht schaffen”
(tagesspiegel.de, Maris Hubschmid)
Als zusätzlicher Link, weil nur eine indirekte Medienmeldung: Joachim Huber, Leiter des “Tagesspiegel”-Medienressorts, spricht über seine Corona-Erkrankung, die mit einer Lungenembolie, totalem Nierenversagen und einen Herzinfarkt einherging. Huber ist zwar mit dem Leben davongekommen, leidet jedoch noch heute unter den Folgen der Erkrankung. Ein eindringlicher Bericht, an den man sich erinnern sollte, wenn man mal wieder genervt von Hygieneregeln, Abstandhalten und Maskenpflicht ist.

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