Archiv für 6 vor 9

Lästige Prozesswelle, Klöckner-Video wohl Schleichwerbung, Todes-Drama!

1. Euros für Ärzte: CORRECTIV wehrt sich gegen Prozesswelle
(correctiv.org, Frederik Richter)
Es ist wahrlich eine verrückte Geschichte, die der stellvertretende „Correctiv“-Chef Frederik Richter erzählt. Ein Berliner Anwalt überziehe „Correctiv“ und „Spiegel Online“ wegen der Datenbank „Euros für Ärzte“ mit einer beispiellosen Prozesswelle. Mit jedem der nahezu identischen Schriftsätze trete er irgendwo in Deutschland vor Gericht an und kassiere eine Niederlage. Es gäbe bereits 53 Urteile für „Correctiv“ und 83 Urteile für „Spiegel Online“. Was sich unsinnig anhört, kann aus der Sicht des Anwalts jedoch sinnvoll sein: Er kassiert jedesmal nicht nur eine Niederlage, sondern auch das Geld seiner Mandanten beziehungsweise das ihrer Versicherungen. Für die betroffenen Redaktionen gestaltet sich die Sache jedoch weitaus weniger attraktiv, denn neben der vielen Arbeit besteht ein erhebliches finanzielles Risiko.

2. Niemand sieht Dein YouTube-Video
(heise.de, Daniel AJ Sokolov)
Nach den Erhebungen der Video- und Musiksuchmaschine Pex würden nur 0,64 Prozent aller Youtube-Videos mehr als 100.000 Zugriffe erreichen. Diese seien jedoch für mehr als vier Fünftel des Traffics verantwortlich. Daniel AJ Sokolov konstatiert: „Mehr als 99 Prozent aller gehosteten Videos könnte YouTube theoretisch löschen, ohne nennenswerte Umsatzeinbußen zu erleiden — denn diese Videos schaut sowieso fast niemand an.“

3. Bundesweit Razzien wegen Hasskommentaren im Internet
(zeit.de)
Anlässlich des dritten Aktionstags zur Bekämpfung von Hasspostings (das Bundeskriminalamt (BKA) spricht vom vierten Aktionstag) ist die Polizei in 13 Bundesländern gegen Hasskommentierer vorgegangen, hat Wohnungen durchsucht und Verdächtige vernommen. Laut BKA ließen sich 77 Prozent der Hasspostings dem rechtsextremen Spektrum zuordnen, 14 Prozent entsprängen unterschiedlichen Ideologien und neun Prozent würden aus dem linksextremen Milieu stammen.

4. Wendepunkt am Buchmarkt 2018: Verlage und Buchhandlungen entwickeln erfolgreich Wege zum Leser
(boersenverein.de)
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels blickt auf ein positives Jahr 2018 zurück. Die Zahl der Buchkäufer sei erstmals seit 2012 wieder gestiegen. Die Branche habe vergangenes Jahr ihren Umsatz gehalten und sei mit Zuwächsen ins Jahr 2019 gestartet. Der stationäre Buchhandel sei immer noch für rund 47 Prozent Buchverkäufe verantwortlich. Den stärksten Umsatzzuwachs habe es bei Sachbüchern gegeben (+5,5 Prozent).

5. „Sie hätte das Posting als Werbung kennzeichnen müssen“
(deutschlandfunk.de, Sebastian Wellendorf)
Kurz nachdem die Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner ihr umstrittenes Nestlé-Video veröffentlichte, tauchte die Frage auf, ob es sich dabei um Werbung beziehungsweise Schleichwerbung handele. Der „Deutschlandfunk“ hat dazu den Medienanwalt Christian Solmecke nach dessen Einschätzung befragt: „Es gibt zwar unterschiedliche Urteile der verschiedenen Gerichte zum Thema Schleichwerbung, aber hier hat sich Frau Klöckner ausnahmslos positiv zugunsten eines Unternehmens ausgesprochen, und da muss man auch, gerade wenn man die Influencer-Urteile der letzten Monate ins Kalkül zielt, sagen, ja, sie hätte das Posting als Werbung kennzeichnen müssen.“

6. „Neue Post“: Schwerer Abschied von Roland Hag
(uebermedien.de, Mats Schönauer & Boris Rosenkranz, Video: 4:14 Minuten)
Todes-Drama bei der „Neuen Post“! Chefredakteur Roland Hag verlässt das Blatt. Sterben damit nun auch all die Lügen- und Quatschgeschichten, mit denen die Leserinnen und Leser 25 Millionen Mal im Jahr hinters Licht geführt werden? Keiner kann darauf eine schönere Antwort geben als Mats Schönauer und Boris Rosenkranz in diesem Video. Überaus gut angelegte vier Minuten vor dem Start ins Wochenende.

Klöckners Nestlé-Video, Heiße Luft um Wetterkarten, Assistenzwanzen

1. Viel heiße Luft um die Wetterkarte
(tagesschau.de. Patrick Gensing)
AfD-Verbände stellten „Tagesschau“-Wetterkarten mit ähnlichen Temperaturen von 2009 und 2019 mit unterschiedlicher Farbgebung gegenüber: die von 2009 im freundlichen Grün und jene von 2019 im bedrohlichen Glutrot. Die Unterstellung: Die „Tagesschau“ würde die Zuschauer manipulieren und die Auswirkungen des Klimawandels gezielt übertreiben. Es handelt sich jedoch um zwei völlig verschiedene Wetterkarten, die sich nicht miteinander vergleichen lassen, so Patrick Gensing vom ARD-„Faktenfinder“.

2. Klöckner wegen Nestlé-Video in der Kritik
(spiegel.de)
Das Landwirtschaftsministerium hat auf Twitter ein Video veröffentlicht, in der Landwirtschaftsministerin und CDU-Vizechefin Julia Klöckner mit Nestlés Deutschland-Chef Marc-Aurel Boersch allerlei lobpreisende Dinge über Nestlé-Produkte in die Kamera plaudert. Kritiker gaben daraufhin zu Bedenken, die Ministerin lasse sich von dem Lebensmittelkonzern für PR-Zwecke ausnutzen. Klöckner verteidigt das Video und bezeichnet die Kritiker als „Hatespeaker“. Die Twitterin @dasnuf fragt in einem Kommentar: „Fällt das Video nicht unter Schleichwerbung @mabb_de ? Warum gelten für ein Ministerium andere Regeln als beispielsweise für YouTuber?“ Die angesprochene Medienanstalt Berlin-Brandenburg will den Fall nun prüfen.

3. Die Mär von „Social Bots“
(background.tagesspiegel.de, Florian Gallwitz & Michael Kreil)
Immer wieder wird vor sogenannten „Social Bots“ gewarnt, die automatisiert in den Sozialen Medien Stimmung machen würden. Die Erhebungen dazu sind jedoch äußerst zweifelhaft, wie Medieninformatiker Florian Gallwitz und Datenjournalist Michael Kreil ausführen. Das traurige Resümee: „Die sogenannte „Social-Bot-Forschung“ hat sich in wenigen Jahren zu einem Forschungsfeld mit prall gefüllten Fördertöpfen entwickelt, sich dabei allerdings von der Realität entkoppelt. Politik und Fördermittelgeber sollten diese Entwicklung zur Kenntnis nehmen.“

4. Umbruch bei der „Kronen Zeitung“
(deutschlandfunk.de, Antje Allroggen, Audio: 7:34 Minuten)
Im berühmten Ibiza-Video malte sich der damalige FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache aus, wie man bei der „Kronen Zeitung“ die Herrschaft an sich reißen könne. Er schlug einer vermeintlichen Investorin vor, Anteile an der „Krone“ zu erwerben, und wollte danach allerlei Personaländerungen im Sinne seiner Partei vornehmen. Welchen Einfluss hat dies auf die „Kronen Zeitung“? Wie wird es dort weitergehen? Der „Deutschlandfunk“ hat mit dem ORF-Redakteur Stefan Kappacher gesprochen. Und der äußert sich auch zur Beteiligung des Investors René Benko: „Jetzt wird natürlich vermutet, dass es Absprachen zwischen Politik und dem Investor gegeben haben könnte“.

5. Persona non grata
(taz.de, Benno Stieber)
In der „Badischen Zeitung“ erschien ein Artikel über die NS-Vergangenheit eines Freiburger Unternehmens, der den Unmut des Chefredakteurs auslöste. Von journalistischen Mängeln war die Rede. Man muss jedoch auch wissen, dass es sich bei dem kritisierten Unternehmen um einen guten Anzeigenkunden handelt. Mehr als zehn Monate später bot der freie Autor der Freiburger Lokalredaktion einen Text über ein anderes Kaufhaus an. Zunächst kam die Zu-, dann die Absage.

6. Alexa & Co.: Innenminister wollen Zugriff auf Daten aus dem „Smart Home“
(netzpolitik.org, Tomas Rudl)
Amazons Alexa zählt zur „Smart Home“-Technologie, doch der Begriff „Assistenzwanze“ beschreibt es auch ganz gut. Auf diese Wanzen wollen nun die Innenminister zugreifen können, wie netzpolitik.org mit Hinweis auf eine entsprechende Meldung berichtet.

Kurzdeutsch, Zuckerindustrie vs. Homöopathiekritikerin, Nippel-Protest

1. Kooperation problematisch
(djv.de, Hendrik Zörner)
Der mögliche Einstieg des US-Investors KKR beim Springer-Konzern versetzt den Deutschen Journalisten-Verband (DJV) in Alarmstimmung. DJV-Chef Frank Überall fühlt sich an das Engagement von KKR bei ProSiebenSat.1 erinnert: „Der Hedgefonds hat den Sender auf Kosten von redaktionellen Arbeitsplätzen ausgepresst. Den Nutzen hatte nur der Investor und niemand sonst.“

2. „Gehst du Bahnhof?“ – Diana Marossek zum „Kurzdeutsch“ in der Umgangssprache
(blmplus.de, Bettina Pregel)
Die Soziolinguistin Diana Marossek hat über den Sprachwandel im Deutschen promoviert. Im Interview spricht sie über ihre Beobachtungen zum Phänomen der verkürzten Kommunikation: „Kurzdeutsch lässt sich u.a. an folgenden Charakteristika erkennen: die Artikelvermeidung („Guck dir Turm an!“), das Weglassen von Präpositionen („Ich gehe Fußball“), rituelle Beschimpfungen („Du Knecht“, „Ihr Opfer“), Code-Switching — der Wechsel zwischen verschiedenen Sprachen in einem Dialog oder Sch-Laute („Isch mach Vortrag“).“

3. Finanzamt entzieht CDU-nahem Verein die Gemeinnützigkeit
(tagesspiegel.de, Matthias Meisner)
Der CDU-nahe Verein #cnetz will „das Bewusstsein für den durch das Internet stattfindenden gesellschaftlichen Wandel stärken“ und „die ökonomische Bedeutung der Digitalisierung unserer Welt“ vermitteln. Bislang galt der Verein als gemeinnützig, Spenden an ihn waren also steuerlich abzugsfähig. Nun hat das Berliner Finanzamt dem Verein die Gemeinnützigkeit aberkannt, was bei einigen CDU-Politikern zu Protesten führte. Dies ist besonders bemerkenswert, weil einige Unionspolitiker den Entzug der Gemeinnützigkeit bei Attac noch begrüßten und dies auch für die Deutsche Umwelthilfe tun, die vor Gericht Diesel-Fahrverbote erwirkte.

4. Nippelprotest in New York
(taz.de, Corinna Koch)
Über 100 Menschen haben gegen die Zensur von weiblichen Nippeln auf Facebook und Instagram protestiert. Vor dem Hauptquartier von Facebook in Manhattan und nackt. Die Aktion ging von der National Coalition against Censorship aus, die sich gegen die Zensur weiblicher Nippel ausspricht. Eine derartige Zensur beeinträchtige Künstler und Künstlerinnen in ihrer Arbeit. Facebook und Instagram sollen die Berichterstattung über die Aktion behindert haben, indem sie, zumindest zeitweilig, Beiträge unter dem Hashtag blockiert haben sollen.

5. Wächterpreis für Amri-Recherchen bei WELT
(welt.de)
Der Journalist Florian Flade hat zum Fall Anis Amri recherchiert und dabei einige Ermittlungspannen aufgedeckt. Dafür ist er nun mit einem der drei Wächterpreise der Tagespresse 2019 ausgezeichnet worden. Der erste Preis ging an das „Handelsblatt“ für eine Artikelserie zur VW-Diesel-Affäre. Mit dem dritten Preis wurde die Recherche der „HNA“ zur Fast-Pleite der documenta 14 ausgezeichnet.

6. Solidarität mit Natalie Grams!
(onkelmichael.blog, Michael Scholz)
Ein bundesweit bekannter Zuckermittelproduzent (Hevert Arzneimittel GmbH und Co.) hat der Homöopathiekritikerin Natalie Grams eine Unterlassungserklärung zugestellt. Grams soll nicht behaupten dürfen, dass die Homöopathie keine weitere Wirkung als über den Placeboeffekt hinaus habe. Sollte Grams ihre Aussage wiederholen, will Hevert jedesmal 5.100 Euro von ihr haben.

Verlage als willige Facebook-Spione, Seehofers Schein-Dementi, Click­bait

1. Facebook trackt Nutzer auf drei Viertel aller deutschen Nachrichtenseiten
(rufposten.de, Matthias Eberl)
Matthias Eberl hat 130 deutsche Nachrichtenseiten ausgewertet. 75 Prozent würden Seitenaufrufe an Facebook weiterleiten, obwohl die Gesetze diese Form von Tracking untersagen würden. Auf das Argument, dass Nutzerinnen und Nutzer sich dagegen durch technische Maßnahmen schützen könnten, entgegnet Ebner: „Die systematische Auswertung unserer persönlichen Mediennutzung durch Facebook ist aber kein privates Problem, es hat eine gesellschaftliche Dimension. Daher sollte das Problem direkt bei den Verlagen gelöst werden.“ Bis dies hoffentlich irgendwann geschieht, hat Ebner Tipps zur Selbsthilfe.

2. Ibiza-Video: Strache zeigt auch „Spiegel“ und „Süddeutsche“ an
(derstandard.at, David Krutzler)
Der wegen des Ibiza-Videos zurückgetretene FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache hat seinen Anwalt Strafanzeige gegen alle Personen erstatten lassen, „die für Herstellung, Verbreitung und Veröffentlichung des Videos mitwirkend verantwortlich sind“. In Wien hatte er bereits eine derartige Anzeige erstattet, nun erfolgte dies auch in Hamburg und München, wo „Spiegel“ und „Süddeutsche“ ansässig sind. „Auch diese Strafanträge erfolgen in dem Bestreben, die Hintergründe, Beteiligten und möglichen Auftraggeber der Videoherstellung und Videoverbreitung zu ermitteln“, so Straches Anwalt.

3. Statement des Orga-Teams zur Bloggerin des Jahres 2017
(die-goldenen-blogger.de)
Das Organisationsteam der „Goldenen Blogger“ hat der „Bloggerin des Jahres 2017“ die Auszeichnung aberkannt: „Wir haben uns an diesem Wochenende untereinander beraten, recherchiert und mit fachkundigen Menschen gesprochen, um eine angemessene Reaktion zu finden. Was bringt Menschen dazu, so zu handeln? Diese Frage hat uns in den vergangenen Tagen umgetrieben. Wir fürchten: Die Antwort ist ebenso düster und traurig wie viele der Geschichten auf Readon, my dear.“
Zum Hintergrund: Bloggerin soll Holocaust-Opfer erfunden haben (tagesspiegel.de, Julia Prosinger).

4. Was macht eine gute Multimedia-Reportage aus?
(journalist-magazin.de, Jens Radü)
Jens Radü hat sich als „Head of Multimedia“ beim „Spiegel“ Gedanken darüber gemacht, was eine gute Multimedia-Reportage ausmacht, jenseits von Bauchgefühl und Klickraten. Radü hat zehn Qualitätskriterien definiert, ist sich jedoch bewusst, dass dies nicht die Antwort auf alle Fragen ist: „Und? Ist das nun die Ikea-Bauanleitung für eine perfekte Multimedia-Geschichte? Die Schablone, mit der alles gut und einfach wird? Nein. Eine schlechte Geschichte wird auch mit den zehn Kriterien nicht außergewöhnlich gut werden. Und wenn die grundlegenden Qualitätskriterien — Richtigkeit, Vollständigkeit, Relevanz und dergleichen — nicht erfüllt sind, retten auch sanfte Übergänge oder ein Introvideo die Geschichte nicht. Aber der Katalog kann helfen, eine mittelmäßige Story zu verbessern, handwerkliche und dramaturgische Standards zu etablieren, mit denen ein gewisses Niveau nicht mehr unterschritten wird.“

5. Schein-Dementi und Nebelkerzen von Seehofer
(reporter-ohne-grenzen.de)
„Reporter ohne Grenzen“ hat vor wenigen Tagen vor brisanten Plänen des Bundesinnenministeriums gewarnt. Danach soll es deutschen Geheimdiensten künftig erlaubt sein, Medien im In- und Ausland digital auszuspionieren. Innenminister Horst Seehofer verteidigte in einem Interview mit „Bild“ das Gesetzesvorhaben. Man wolle Terrorismus und Extremismus bekämpfen, nicht aber Medien oder Journalisten. Ein Schein-Dementi, wie „Reporter ohne Grenzen“ findet: „Diese Versprechungen Seehofers sind rhetorisch geschickt, räumen die zentrale Kritik an der Aufweichung des Redaktionsgeheimnisses jedoch nicht aus.“

6. Pro­gramm­zeit­schrift muss für Krebs-Click­bait zahlen
(lto.de)
Das Oberlandesgericht Köln hat die Programmzeitschrift „TV Movie“ dazu verdonnert, dem Fernsehmoderator Günther Jauch 20.000 Euro zu zahlen wegen einer besonders unanständigen Form des Clickbaits: Die Zeitschrift hatte 2015 auf Facebook die Krebserkrankung eines anderen Moderators mit einem Jauch-Bild illustriert, um Aufmerksamkeit und Klicks zu erzeugen.

Fake on my dear, Rezo-Fallout, Facebook kennt keine Privatsphäre

1. Bloggerin soll Holocaust-Opfer erfunden haben
(tagesspiegel.de, Julia Prosinger)
Der Erfolg der promovierten Historikerin und Bloggerin („Read on my dear, read on“) Marie Sophie Hingst beruht anscheinend auf weitgehend erfundenen Geschichten. So habe Hingst ihre jüdische Familiengeschichte erlogen. Auch sei fraglich, ob Hingst im Alter von 19 Jahren tatsächlich ein Slumkrankenhaus gegründet habe. „Zeit Online“ rückt mittlerweile von einem Beitrag über eine angebliche Aufklärungs-Sprechstunde mit Geflüchteten ab. Die „FAZ“ hat ein mit Hingst veröffentlichtes Interview offline genommen.
Weiterer Lesetipp: Anke Gröner kommentiert in ihrem Blog: „Holocaust-Opfer zu erfinden, ist nicht nur geschmacklos, es ist gefährlich. Es ist Wasser auf den Mühlen der Holocaust-Leugner, es ist Wasser auf den Mühlen derer, die Opfern eine Mitschuld unterstellen, ganz gleich, von was sie Opfer geworden sind, es ist Wasser auf den Mühlen der Geschichtsverfälscher und -umdeuter, die im Nachhinein besser wissen wollen, was passiert ist und wie wir damit umgehen sollten („Schlusstrich“, „langt jetzt auch“, „DRESDEN!“).“
Und wer sich noch weiter einlesen will: Die Causa Hingst – Fragen und erste Antworten zu einem Skandal der Blogosphäre (archivalia.hypotheses.org, Klaus Graf).

2. Angaben zu Social-Media-Profilen sind jetzt Pflicht
(spiegel.de)
Antragsteller für ein US-Visum müssen zukünftig ihre Social-Media-Identitäten offenlegen und sowohl ihre aktuellen als auch ihre früheren Telefonnummern angeben. USA-Urlauber seien davon jedoch derzeit nicht betroffen. Für sie gilt das visumlose ESTA-Programm für Besuche mit befristeter Aufenthaltsdauer.

3. Lügen, Sex und YouTube
(gutjahr.biz)
Anlässlich der jüngsten Videoveröffentlichungen mit politischem Rückhall, kommentiert Richard Gutjahr: „Stellen wir uns vor, das Ibiza-Video wäre kein Video gewesen, sondern nur ein Audio-Mitschnitt. Oder ein verschriftetes Wortprotokoll. Ich gehe jede Wette ein, Kurz und Strache wären heute noch im Amt. Oder die „Zerstörung der CDU“. Nehmen wir mal an, Rezo hätte seinen Rant nicht als Video, sondern in Schriftform ins Netz gestellt. Wort für Wort. Mit allen Fußnoten und Quellenhinweisen. Rezo… wer?“ Gutjahrs Prognose: „Die Bedeutung von Video wird in den kommenden Jahren nicht nur weiter linear wachsen, sondern geradezu explodieren.“

4. Nutzer können laut Facebook keine Privatsphäre erwarten
(golem.de, Friedhelm Greis)
In einem Prozess um den Cambridge-Analytica-Skandal verteidigt sich Facebook mit einer bemerkenswerten Argumentation: Das Unternehmen habe nicht gegen Datenschutzvorgaben verstoßen, da es bei Sozialen Medien „keine vernünftige Erwartung auf Datenschutz“ gebe und weiter: „Es gibt keine Verletzung der Privatsphäre, da es überhaupt keine Privatsphäre gibt“.

5. Rezo-Fallout: „Wir brauchen Regeln gegen Desinformation“
(heise.de, Markus Kompa)
Markus Kompa kommentiert ein Interview, das Tobias Schmid, Direktor der Landesanstalt für Medien NRW, der „FAZ“ zur Netzregulierung gegeben hat (Wir brauchen Regeln gegen Desinformation). „Landesmediendirektor Schmid behauptet im Interview allen Ernstes, die Einhaltung journalistischer Standards überwache bei der Presse der Presserat. Bei solch weltfremder Naivität möchte man in die Tischkante beißen. Der Presserat ist nichts weiter als eine Propaganda-Veranstaltung der Verlagsbranche, mit der man in den 1950er Jahren den Erlass eines lästigen Ehrenschutzgesetzes verhindern wollte. Das geplante Gesetz wurde aber überflüssig, weil die Rechtsprechung praktisch die gleichen Ergebnisse durch Entwicklung des aus der Verfassung hergeleiteten allgemeinen Persönlichkeitsrechts erzielt.“

6. Diese Instagram-Accounts gingen im Mai durch die Decke
(horizont.net, Giuseppe Rondinella)
„Horizont“ hat die Wachstumsraten aller deutschsprachigen Instagram-Kanäle ab 100.000 Follower für den Monat Mai analysieren lassen. Die Top 10 werden von den Teilnehmerinnen von „Germany’s Next Topmodel“ dominiert. Mit dabei sind aber auch ein Fußballer und ein PARTEI-Politiker.

Streit um Wedel-Recherche, Triggern bei Twitter, Speck-Show

1. Angriff auf Redaktionsgeheimnis ist inakzeptabel
(djv.de, Sebastian Huld)
Der Deutsche Journalisten-Verband spricht sich gegen einen Gesetzentwurf des Innenministeriums aus, der das Redaktionsgeheimnis gefährden soll: „Das bekannt gewordene Gesetzesvorhaben des Bundesinnenministeriums würde dem Verfassungsschutz das heimliche digitale Ausspähen von Redaktionen, Journalisten und ihren Quellen erheblich erleichtern. Ausgerechnet zum 70. Geburtstag des Grundgesetzes den Verfassungsschutz zur Bespitzelung von Journalisten ermächtigen zu wollen, ist ein unsäglicher Vorgang.“

2. Die ultimative Speck-Show
(juramama.de, Nina Katrin Straßner)
„Horrorbauch“, „Schenkelschande“, „Speckshow“, „Bauchblamage“, „Zellulitedrama“ und „Reiterhosen“ … Die Bloggerin „Juramama“ hat die Nase voll von Bodyshaming und Gewichtsdiskriminierung in den Medien: „Wir lassen völlig ungerührt unsere Kinder, unsere Töchter und Söhne, an Zeitschriftenregalen vorbeigehen und sie im Zweifel für 1,90€ eine frauenverachtende Scheisse im Magazinformat kaufen, dass ich mich frage: Haben wir eigentlich noch alle Latten am Zaun?“

3. Streit um die Wedel-Recherche
(lto.de, Pia Lorenz & Markus Sehl)
Im Januar 2018 erschien in der Wochenzeitung „Die Zeit“ ein Artikel, in dem Regisseur Dieter Wedel sexuelle Belästigung und andere Straftaten erheblichen Ausmaßes vorgeworfen wurden. Hauptbelastungszeugin war die Schauspielerin Jany Tempel, die sich nun von der „Zeit“ hintergangen und im Stich gelassen fühlt. Die Redaktion habe ihr zugesagt, Anwaltskosten zu übernehmen, die ihr durch die Berichterstattung entständen. Zusagen, an die sie sich nicht halte. Die „Zeit“ sieht die Sache anders. Nun klagt Tempels Anwalt seine eigenen Anwaltskosten ein.
Weiterer Lesetipp: Jany Tempel hat sich mit einem offenen Brief an die Öffentlichkeit gewendet: „Wie viele Beispiele brauchen wir noch, bis wir eine echte Wende erreichen? Was ich momentan erlebe, ist im Grunde eine Wiederholung von genau der Problematik, die mich so lange schweigen ließ. Hätte ich #Metoo ignorieren sollen und weiter schweigen? Wäre sehr viel bequemer gewesen. Es geht nicht um Sex. Es geht um Sexismus und Gewalt. Es geht um Macht. Sexueller Missbrauch ist Machtmissbrauch.“

4. Wegen einer Recherche: Twitter hat unseren Redaktionsaccount seit zwei Wochen gesperrt
(metronaut.de, John F. Nebel)
Das Autorenblog „Metronaut“ wollte in einem Selbstversuch ausprobieren, wie leicht Twitter Konten sperrt und hat dazu einen Honeypot-Tweet verfasst. Twitters Moderationsmaschine sprang augenblicklich an: Der Kurznachrichtendienst hat den Redaktionsaccount der Metronauten stillgelegt und verlangt die Löschung des Tweets. Beschwerden dagegen seien versandet: „Seitdem haben wir außer einer automatisierten Antwort nichts mehr von Twitter gehört. Der Account ist weg und die Beschwerde irgendwo im Nirvana eines unsäglichen, willkürlichen Prozesses gelandet, bei dem die Kunden nicht wissen, was passiert, wie es weitergeht, wo eigentlich das Problem liegt. Es ist höchste Zeit, dass der Gesetzgeber Plattformen wie Twitter & Co. zu einem Beschwerdemanagement verpflichtet, das diesen Namen auch verdient.“

5. Axel Springer bestätigt Gespräche mit US-Investor
(spiegel.de)
Der US-Investor KKR will beim Axel-Springer-Konzern einsteigen. Angeblich will das Unternehmen allen Aktionären mit Ausnahme von Friede Springer und Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner ihre Anteile abkaufen. Laut „Bloomberg“ stehe nach der Übernahme eventuell der Rückzug von der Börse an.

6. Der Kabarettist Dirk Stermann über Unterhaltung: Mach nichts, was die anderen schon machen
(meisterstunde.de, Peter Wagner)
Dirk Stermann moderiert zusammen mit seinem Kollegen Christoph Grissemann die ORF-Late-Night-Show „Willkommen Österreich“. In einem längeren Interview erzählt Stermann auf angenehm lakonisch-bescheidene Art davon, wie die Zusammenarbeit mit seinem Kollegen klappt, wie es zu der Sendung gekommen ist und welche Fehlschläge es zu überwinden galt.

Relotius-Skandal ist Spiegel-Skandal, AKKs Äußerungen, „Bild“ doxt Rezo

1. Betrug, Eitelkeit, Versagen
(taz.de, Horand Knaup & Hartmut Palmer)
Horand Knaup und Hartmut Palmer haben fast zwei Jahrzehnte für den „Spiegel“ gearbeitet und waren daher besonders auf den Abschlussbericht zum Fall Relotius gespannt, der für sie eher ein Fall „Spiegel“ war. In ihrem äußerst lesenswerten Beitrag wird klar, dass es sich um einen Einzelfall handelt, aber einen Einzelfall mit System: „Gewiss: Claas Relotius war Einzeltäter, er hat gefälscht und betrogen, und das gezielt und kunstvoll. Daran besteht kein Zweifel. Ermöglicht habe ihm dies allerdings ein Umfeld, das ihn geradezu ermunterte, Geschichten zu erfinden und Fakten zu fälschen: Ressortleiter, die ihn anstachelten, Chefredakteure, die sich mit den Preisen schmückten; ein Dokumentar, der nicht pingelig genug prüfte; Juroren von Journalistenpreisen, die sich von der literarischen Wucht der Texte blenden ließen. Dass in diesem Wettlauf der Eitelkeiten die Kontrollinstanzen des Magazins versagten, ist nicht verwunderlich. Im System Spiegel wurden Reporter zu Sonnenkönigen, denen man vieles, zu vieles durchgehen ließ.“
Weiterer Lesetipp: Auch Willi Winkler glaubt in seinem Beitrag für die „SZ“ an ein systemisches Versagen: „Relotius hat so gedichtet, wie es das Spiegel-Statut von Anfang an vorsah und wie es unter den Chefredakteuren Aust, Büchner und Brinkbäumer mit Blick aufs schwindende Publikum noch forciert wurde. Die reumütig vorgetragenen Zweifel an der „schön geschriebenen“ Reportage kommen daher ein bisschen spät“. Die „SZ“ hat außerdem bei Journalistenschulen nachgefragt, welche Werte dort gelehrt werden und wie die Ausbildungseinrichtungen auf die neuesten Entwicklungen reagieren: „Für Starreporter ist da wenig Platz“.

2. Zur Löschung vorgeschlagen
(journalist-magazin.de, Matthias Holland-Letz)
Matthias Holland-Letz wollte wissen, wie journalistisch es auf Wikipedia zugeht und hat dort zwei Monate mitgeschrieben. Immer wieder musste sich Holland-Letz damit abfinden, dass Einträge von ihm kommentarlos gelöscht wurden. Seine unterhaltsam geschriebene Reportage eines Selbstversuchs ist auch eine Beschreibung strukturellen Versagens der Online-Enzyklopädie.

3. Die Unterschätzung des digitalen Raums durch Politik und Medien
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
„Diese Wahl wurde maßgeblich durch das Internet im Ausgang beeinflusst und wir mussten erkennen, dass sowohl der weiteste Teil der Politik als auch klassische Medien auch im Jahr 2019 den digitalen Raum drastisch unterschätzen.“ Thomas Knüwer arbeitet in einem längeren Lesestück das peinliche Versagen der Politik im digitalen Raum, ihren Umgang mit der jungen Generation und das aktuelle Wahldebakel mancher Parteien auf.

4. Anders denken als die CDU
(dirkvongehlen.de)
Dirk von Gehlen kommentiert die verstörenden Einlassungen Annegret Kramp-Karrenbauers über eine Begrenzung der Meinungsäußerung: „Kramp-Karrenbauers Worte schaden aber nicht nur dem Image der Union. Sie schüren den Verdacht, dass es hier jemand nicht ernst meint mit den Grundrechten. Das darf nicht passieren, diesen Verdacht muss sie bald möglichst und sehr viel deutlicher als bisher ausräumen. Denn wenn die Frau, die Bundeskanzlerin werden will, tatsächlich das grundlegende Recht auf freie Meinungsäußerung diskutieren will, wenn ein paar junge Menschen davon Gebrauch machen, möchte man sich nicht ausmalen, wie sie reagiert, wenn mehr auf dem Spiel steht als ein paar Prozentpunkte für die CDU.“
Weiterer Lese- beziehungsweise Hörtipp: Das „Deutschlandfunk“-Gespräch mit dem CDU-Digitalpolitiker Tankred Schipanski, der die Äußerungen Kramp-Karrenbauers verteidigt. Tankred Schipanski hat sich auch hier und hier auf Twitter geäußert und hat dafür viel Kopfschütteln geerntet.
Und zum Schluss: Die Redaktion von „quer“ hat sich ausgemalt, wie der neue Artikel 5 GG nach einer AKK-Intervention aussehen könnte („Wladimir, Recep Tayyip und Kim gefällt das“).

5. Redaktionsgeheimnis in Gefahr
(reporter-ohne-grenzen.de)
Wenn es nach den Plänen des Bundesinnenministeriums geht, sollen deutsche Inlands- und Auslandsgeheimdienste Server, Computer und Smartphones von Verlagen, Rundfunksendern sowie freiberuflichen Journalistinnen und Journalisten bald schon hacken dürfen. Damit fiele, so Reporter ohne Grenzen, eine der Säulen der Pressefreiheit: das Redaktionsgeheimnis.

6. @rezomusik schreibt noch, dass er auch Morddrohungen bekommt…
(twitter.com/intr4venous)
Vor ein paar Tagen schrieb der durch sein Video („Die Zerstörung der CDU“) berühmt gewordene Rezo: „Hätten wir Klarnamen-Pflicht im Internet, hätte ich nun schon ein paar Steine durchs Fenster geworfen bekommen und nach dem was man mir so androht, wären ich und meine Familie tot.“ Ein Medium war davon gänzlich unbeeindruckt …
Weiterer Lesetipp: Doxing (wikipedia.de).

Selbstkritikloser „Stern“, (K)ein Bluttest, Selbstentblößung der @AKK

1. Tag der versuchten Selbstkritik beim „Stern“
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
„Wir öffnen heute unsere Türen für Sie! Blicken Sie hinter die Kulissen der „stern“-Redaktion und des wichtigsten deutschen Journalistenpreises.“ Das hat sich Boris Rosenkranz nicht zweimal sagen lassen, zumal es bei der Veranstaltung „auch selbstkritisch“ zugehen sollte. Nun: „Das mit der Selbstkritik ist ein feiner Anspruch, würde er sich nicht hauptsächlich auf Lippenbekenntnisse beschränken.“ Rosenkranz begegnet im Hamburger Verlagshaus von Gruner + Jahr nicht nur allerlei salbadernder Branchengrößen, sondern auch Promis wie Til Schweiger und Atze Schröder. Was die Sache nicht unbedingt besser gemacht hat.

2. Versprochener Bluttest existiert gar nicht
(sueddeutsche.de, Christina Berndt & Frederik Obermaier)
Wenn es denn gestimmt hätte, wäre es eine Sensation gewesen: Forscher der Uniklinik Heidelberg erklärten im Februar, sie hätten einen Bluttest zur Erkennung von Brustkrebs entwickelt. Nun stellt sich heraus, dass der vor allem von „Bild“ bejubelte Bluttest gar nicht existierte.
Siehe dazu auch: Heidelberger Brustkrebs-Skandal: Es hört nicht auf (riffreporter.de, Jan-Martin Wiarda).
Und unseren Beitrag: „Bild“, Kai Diekmann und der Wunder-Krebstest (bildblog.de, Ben Hoffmann).

3. Die Selbstentblößung der @AKK
(spiegel.de, Stefan Kuzmany)
Bei den Europawahlen hat die CDU Verluste hinnehmen müssen, die sie auch auf das Videostatement einiger bekannter Youtuber zurückführt. Nun hat die CDU-Vorsitzende in einer verquasten Stellungnahme die Einführung von „Regeln“ gegen derartige „Meinungsmache“ gefordert. Der Leiter des „Spiegel Online“-Hauptstadtbüros Stefan Kuzmany kommt in seinem Kommentar zu folgendem Resümee: „Es bleibt der verheerende Eindruck, die CDU-Vorsitzende wolle den Bürgern den Mund verbieten. Es bleibt die bittere Erkenntnis, dass die Frau mit der Ambition auf das mächtigste Amt des Landes keine Widerrede vertragen kann.“

4. CSU will Parteizeitschrift einstellen
(zeit.de)
Nach 65 Jahren soll bald Schluss sein: Die CSU will ihre traditionsreiche Parteizeitung, den „Bayernkurier“, einstellen. Der zukünftige Schwerpunkt in der Kommunikation soll im Digitalen liegen, so CSU-Generalsekretär Markus Blume.

5. BVerfG: Verpflichtung zur Entsperrung des Facebook-Accounts der Partei „Der III. Weg“
(urheberrecht.org)
Das Bundesverfassungsgericht hat Facebook per einstweiliger Anordnung gezwungen, die Seite der Partei Der III. Weg bis zur Feststellung des amtlichen Endergebnisses der Europawahl zu entsperren. Vorausgegangen war ein umstrittener Beitrag auf der Seite.

6. Relotius-Aufdecker mit NR-Leuchtturmpreis geehrt
(dwdl.de, Timo Niemeier)
„Spiegel“-Journalist Juan Moreno hatte es nicht leicht, als er seinen Vorgesetzten von seinem Verdacht gegenüber seinem damals gefeierten Kollegen Claas Relotius berichtete. Nun ist er dafür vom Netzwerk Recherche mit dem Leuchtturm-Preis ausgezeichnet worden: „Juan Moreno hat seinen journalistischen Kompass und seine Unabhängigkeit beispielhaft bewiesen. Er hat hartnäckig und mutig gegen Widerstände im eigenen Haus recherchiert und dabei viel riskiert — um schließlich zu enthüllen, was lange niemand wahrhaben wollte“, so die Vorsitzende der Journalistenvereinigung.

Abschlussbericht Relotius, Rap-Hack, Des Anwalts Strache-Video

1. Abschluss der Relotius-Affäre: Schwächen im System
(ndr.de, Daniel Bouhs und Inga Mathwig)
Der „Spiegel“ hat den Abschlussbericht der Aufklärungskommission zum Fall Relotius vorgelegt (hier als PDF lesbar). Bittere Erkenntnis: Etwa ein Dutzend Artikel sind anscheinend reine Märchengeschichten, „aber die anderen sind auch so verfälscht, dass der größte Teil von ihnen am Ende journalistisch wertlos ist“, so „Spiegel“-Chef Steffen Klusmann. Es lohnt sich, den Abschlussbericht im Original zu lesen. Dort gibt es bezeichnende Originalzitate aus dem Schriftverkehr zwischen Claas Relotius und seinen „Spiegel“-Vorgesetzten: „Wir suchen nach einer Frau mit Kind. Sie kommt idealerweise aus einem absolut verschissenen Land (…) Sie setzt ihre Hoffnung auf ein neues, freies gutes Leben in USA (…) Es muss eine sein, die mithilfe eines Kojoten über die Grenze will (…) Die Figur für den zweiten Konflikt beschreibt Claas (…) Dieser Typ wird selbstverständlich Trump gewählt haben, ist schon heiß gelaufen, als Trump den Mauerbau an der Grenze ankündigt hat, und freut sich jetzt auf die Leute dieses Trecks, wie Obelix sich auf die Ankunft einer neuen Legion von Römern freut (…) Wenn ihr die richtigen Leute findet, wird das die Geschichte des Jahres.“

2. Der Rap Hack: Kauf Dich in die Charts! Wie Klickzahlen manipuliert werden
(youtube.com, Y-Kollektiv)
In einer Doku des Y-Kollektivs über manipulierte Musik-Charts unternimmt Reporter Ilhan Coskun einen Selbstversuch: Er bastelt sich einen Rap-Song und lässt diesen auf den verschiedenen Musikplattformen von einem „Experten“ pushen. Der habe die Hoheit über unzählige Youtube- und Spotify-Accounts und könne jeden Song über Nacht zum Streaming-Wunder machen.

3. Ibiza-Video: Anwalt legt Geständnis ab – „investigativ-journalistisches Projekt“
(kurier.at, Kid Möchel)
Ein Wiener Anwalt hat sich bei den Medien als Initiator des Strache-Videos gemeldet. In seinem Geständnis behauptet er, dass „es sich beim Ibiza-Video um ein zivilgesellschaftlich motiviertes Projekt handle, bei dem investigativ-journalistische Wege beschritten wurden“. Der Anwalt hat sich für das Schreiben selbst anwaltlicher Hilfe bedient: Verfasst wurde der Brief von Strafrechtsprofessor Richard Soyer, der in dem Vorgehen seines Mandanten kein strafbares Verhalten entdecken kann.
Weiterer Lesetipp: Zentrum für Politische Schönheit soll Strache-Video gekauft haben (zdf.de, Arndt Ginzel & Kyo Jung & Daniel Laufer & Christian Rohde).
Und außerdem: Warum die Medien über das Strache-Video berichten mussten (sueddeutsche.de, Wolfgang Krach).

4. „Ich bin ein ständiger Unruhegeist“
(tagesspiegel.de, Markus Ehrenberg)
Nach über 30 Jahren hat Gerhard Delling die „Sportschau“ verlassen. Im Gespräch mit Markus Ehrenberg erzählt er von seinem Abschied, den nicht mehr vorhandenen Möglichkeiten als „Unruhegeist“ bei der ARD und dem Leben nach der „Sprotschau“.

5. Eine Liebeserklärung an die »Politische Korrektheit«
(sz-magazin.sueddeutsche.de, Till Raether)
„Menschenfreundlichkeit. Gutes Benehmen. Respekt.“ Der Begriff der „politischen Korrektheit“ stieße vielleicht nicht auf so viel Ablehnung, wenn man ihn denn anders benennen würde. Till Raether kommentiert: „Wer »politische Korrektheit« ablehnt, lehnt im Grunde ur-konservative Tugenden ab: gutes Benehmen, Höflichkeit im Umgang miteinander, Respekt vor anderen, Eigeninitiative und Verantwortung. Denn das, was ihre Gegner*innen »politische Korrektheit« nennen, kommt ja entgegen ihrer Andeutungen nicht von oben, aus Erlassen und Verordnungen, sondern man muss sich diese Art von Verhalten selber erarbeiten. Indem man anderen zuhört, ihnen Raum lässt, ihnen zugunsten auch mal die Klappe hält, zuhört. Traurig, dass das für so viele Menschen eine so große Zumutung ist.“

6. Zwölf Lehren, die man aus „Game of Thrones“ ziehen kann
(dwdl.de, Ulrike Klode)
Acht Jahre lang hat die US-amerikanische Fantasy-Fernsehserie „Game of Thrones“ für Rekordquoten gesorgt und zahlreiche Auszeichnungen eingeheimst. Anlässlich des Serienendes blickt Ulrike Klode in einem vorläufigen Fazit auf die acht Staffeln zurück. Dabei sind zwölf überaus lesenswerte Lehren herausgekommen. Und keine Sorge: Es gibt auch eine Spoilerwarnung.

Umfrage-Nullnummern, Video-„Irrtümer“ der CDU, Ausreisesperre

1. Jörg Schönenborn: „Viele Umfragen sind Nullnummern“
(dwdl.de, Alexander Krei)
WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn moderiert seit zwei Jahrzehnten die ARD-Wahlsendungen. „DWDL“ hat ihn unter anderem gefragt, was gelungene Fragen ausmacht, wie oft er schon den Touchscreen verwünscht hat und was seine bislang schwierigste Situation an einem Wahlabend war.

2. Ein Reporter des Tagesspiegel soll Kolleginnen bedrängt, gestalkt und sexuell belästigt haben
(buzzfeed.com, Pascale Mueller)
Mehrere Frauen und langjährige Mitarbeiter des „Tagesspiegel“ haben gegenüber „BuzzFeedNews“ von sexuellen Belästigungen und Übergriffen eines „Tagesspiegel“-Reporters berichtet. Der Mittfünfziger habe es vor allem auf junge Praktikantinnen, Volontärinnen und freie Journalistinnen abgesehen und seine Machtposition missbraucht, so der Vorwurf. Infolge der „Buzzfeed“-Recherchen hat der „Tagesspiegel“ den Mann zunächst freigestellt. Außerdem plane man, eine Ombudsstelle einzurichten.

3. Mehrheit vermeidet öffentliche Aussagen zu vermeintlichen Tabuthemen
(zeit.de)
Eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach will herausgefunden haben, dass sich die Mehrheit der Menschen mit der eigenen Meinung zu vermeintlichen Tabuthemen in der Öffentlichkeit zurückhalte. Dies betreffe vor allem Themen wie Flüchtlingspolitik, Muslime und Islam.

4. „Die Gesellschaft soll mit Falschinformationen vergiftet werden“
(jetzt.de, Berit Dießelkämper)
Alex Urban leitet die Facebook-Gruppe „#ichbinhier“, in der mehr als 40.000 Mitglieder gegen rechte Hetze im Netz kämpfen, indem sie Hasskommentaren und Falschinformationen sachliche Antworten entgegenstellen. Im Gespräch mit „jetzt“ erklärt Urban, was ihn antreibt, wie Internet-Hetze funktioniert und was er sich von Online-Medien wünscht.

5. Ausreisesperre gegen Mesale Tolus Ehemann
(reporter-ohne-grenzen.de)
Suat Corlu ist der Ehemann der Journalistin Mesale Tolu, die in der Türkei wegen angeblicher Terrorvorwürfe mehr als sieben Monate im Frauengefängnis saß. Wie seine Ehefrau scheint er sehr mutig zu sein, denn er ist in die Türkei gereist, um dem Gerichtsverfahren gegen ihn und seine Frau beizuwohnen. Prompt wurde ihm am Flughafen der Pass abgenommen und eine Ausreisesperre gegen ihn verhängt. Christian Mihr, Geschäftsführer bei „Reporter ohne Grenzen“ kommentiert: „Mesale Tolu und ihre Familie wurden durch die lange Untersuchungshaft schon genug bestraft. Die türkischen Behörden müssen die Ausreisesperre gegen Suat Corlu aufheben, um ihm eine Rückkehr nach Deutschland zu seiner Familie zu ermöglichen“.

6. CDU bespielt Youtube-Kanal „irrtümlich“ mit Clips von ARD und ZDF
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Es ist schon etwas peinlich: Nach Hinweisen des Satirikers und „Partei“-Europakandidaten Nico Semsrott musste die CDU zahlreiche Talkshow-Clips von ARD und ZDF löschen, die sie in ihren Youtube-Kanal hochgeladen hatte.

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