Archiv für 6 vor 9

Kritik an Buhrow, Selfies vor Kriegstrümmern, Plattform-Ära

1. „Eklatante Verletzung der Rundfunkfreiheit“: WDR-Redakteure kritisieren Buhrow
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Die Redakteursvertretung des WDR hat dem Intendanten Tom Buhrow und der Geschäftsleitung des Senders einen Brief geschrieben. Es geht um das umstrittene „Oma-Lied“: „Wir sind fassungslos, dass Intendant Tom Buhrow einem offenbar von Rechtsextremen orchestrierten Shitstorm so leicht nachgibt, sich vorschnell redaktionell distanziert und das (WDR2)-Video mit dem satirischen Kinderlied nicht nur löschen lässt, sich nicht nur persönlich entschuldigt, sondern dabei mehrfach öffentlich (u. a. live bei WDR2) Redakteurinnen und Redakteuren in den Rücken fällt, statt ihnen in Zeiten inszenierter Empörungswellen gegen den WDR und den ÖRR den Rücken zu stärken.“ Mittlerweile habe die Redakteursvertretung jedoch zwei Vorwürfe aus ihrem Schreiben zurückgenommen.
Weiterer Lesehinweis: Die Kollegen den Löwen zum Frass vorgeworfen (tagesspiegel.de, Klaus Brinkbäumer).

2. Die Ära der Plattformen: Sieben Probleme für die nächsten Jahrzehnte
(sebastianmeineck.wordpress.com)
Sebastian Meineck denkt über die „Ära der Plattformen“ nach, zu denen er nicht nur die klassischen Sozialen Netzwekre und Kommunikationsmedien, sondern auch Unternehmen wie Amazon zählt: „Eine Plattform startet zwar meist als wirtschaftliche Akteurin, aber sobald sie erfolgreich wird, sind ihre Entscheidungen auch politisch. Denn durch Netzwerkeffekte und Disruption sind mehr und mehr Menschen auf der Plattform aktiv, und Entscheidungen der Plattform-Betreiber:innen haben einen massiven Einfluss auf die Öffentlichkeit. Große Plattformen befinden sich also in einer Doppelrolle zwischen Politik und Wirtschaft, in der sich finanzielle Interessen und öffentliche Verantwortung gegenüberstehen.“

3. Die italienische „Vogue“ verzichtet für eine Ausgabe auf Fotoshootings
(spiegel.de)
Die italienische „Vogue“-Redaktion hat anscheinend überrascht entdeckt, dass die aufwändige Hin- und Herfliegerei für ein paar Modefotos einen nachteiligen Effekt für Umwelt und Klima hat. Deshalb soll es in der ersten Nummer des Jahres „als Statement für mehr Nachhaltigkeit“ statt glamouröser Fotos nur gezeichnete Illustrationen geben.

4. Fest, frei, vogelfrei
(taz.de, Peter Weissenburger)
In der letzten Zeit sind zwei freie Journalisten im Zusammenhang mit ihrer Arbeit zum Gegenstand von Hass und Hetze geworden: Danny Hollek beim absurden Streit um das Lied von der Oma (zum Hintergrund siehe: #Umweltsau: Aufgerieben am Jahresende von Andrej Reisin, ndr.de) und Richard Gutjahr, der bereits seit Jahren belästigt, bedroht und verfolgt wird. Gutjahr hatte seinen Unmut über die seiner Ansicht nach unzureichende Unterstützung jüngst in einem offenen Brief an den Intendanten des Bayerischen Rundfunks ausgedrückt (siehe dazu auch: „Mit Hass und Hetze alleingelassen“ von Sonja Peteranderl, spiegel.de). Wie viel Verantwortung tragen Sender für ihre freien Mitarbeiter? Und wieviel finanzielle Unterstützung sollten sie ihnen im Akutfall zukommen lassen?
Weiterer Lesehinweis: Debatte über öffentlich-rechtliche Sender: Worum es in der Kritik an ARD, ZDF und Co wirklich geht (tagesspiegel.de, Caroline Fetscher).

5. Selfies vor Kriegstrümmern: Influencer entdecken Syrien – und finden vieles schön
(bento.de, Marc Röhlig)
Neuerdings berichten einige Blogger und Influencerinnen aus dem Bürgerkriegsland Syrien. Was davon hat einen ernsten Hintergrund, was dient nur der platten Selbstinszenierung? Die Antworten darauf fallen recht unterschiedlich aus. Und „ist es ethisch vertretbar, ein Bürgerkriegsland zu besuchen? Stärkt so eine Reise die Zivilbevölkerung — oder nur das Regime?“

6. Liebes Netflix, die End Credits gehören mit zur Produktion
(dwdl.de, Kevin Hennings)
Beim Streaminganbieter Netflix würden am Ende eines Films die sogenannten „End Credits“ im Abspann automatisch übersprungen, um per Trailer den nächsten Film zu bewerben. Eine Entwicklung in die falsche Richtung, wie Kevin Hennings findet: „Liebes Netflix, eure Sparten auf der Startseite namens ‚Beliebt auf Netflix‘, ‚Derzeit beliebt‘, ‚Serien für einen Serienmarathon‘, und ‚Netflix Originale‘, die mir augenblicklich ins Gesicht springen, sobald ich dich öffne, reichen vollkommen aus, damit ich Bescheid weiß, was du zu bieten hast. Doch dass du mir meinen zen-mäßigen Moment mit den End Credits vermiest, geht schlicht zu weit. Bewegtbild sprintet so schnell wie nie zuvor über den Bildschirm, sodass immerhin dieser Moment erhalten bleiben muss, damit jeder von uns auch einfach mal durchatmen kann.“

Die besten Hör-, Lese- und Sehtipps aus den Redaktionen

Das „6 vor 9“-Jahr nähert sich dem Ende, die Feiertage stehen vor der Tür. Für viele von Euch die Gelegenheit, sich mit einem guten Buch aufs Sofa zurückzuziehen, Podcasts zu hören oder den Streamingdienst der Wahl leer zu „bingen“. Das Angebot ist riesig, doch was lohnt? In dieser Ausgabe der „6 vor 9“ geht es um die besten Hör-, Lese- und Sehtipps aus den Redaktionen. Wir wünschen viel Spaß und eine unterhaltsame und/oder erkenntnisreiche Zeit!

1. Die Redaktion empfiehlt: 17 Hör- und Lesetipps
(mediummagazin.de)
„Medium“, das Magazin für Journalistinnen und Journalisten, präsentiert zum Ende des Jahres 17 Hör- und Lesetipps. Im weitesten Sinne haben alle Empfehlungen etwas mit Medien zu tun, aber durchaus auf unterhaltsame Art und Weise. Der Blick auf die Zusammenstellung lohnt.

2. Hören, Sehen, Lesen – Tipps für die Feiertage
(deutschlandfunknova.de, Daniel Fiene & Sebastian Pähler, Audio: 41:05 Minuten)
Die „Was mit Medien“-Podcaster Daniel Fiene und Sebastian Pähler haben ein Dutzend Medienmacher und Medienmacherinnen nach ihren Empfehlungen für die Feiertage gefragt: „Welche Podcast-Episoden lohnen sich? Welche Zeitschrift sollte man mal durchblättern? Welche Streaming-Serie eignet sich zum Bingen zwischen den Jahren?“ Interessante Tipps von interessanten Leuten.

3. Lesen, schmökern, wälzen und – lauschen
(tagesanzeiger.ch)
Das Ressort „Wissen“ des Schweizer „Tagesanzeigers“ empfiehlt 19 spannende Sachbücher. Die Themen sind breit gestreut: Von „mörderischen Bäumen und verheerenden Bränden“ sowie den „Gesetzen der Physik als Gutenachtgeschichte“ bis hin zum „Geheimnis der 100-Jährigen“.

4. Kinder- und Jugendbücher für den Gabentisch
(deutschlandfunk.de, Ute Wegmann & Dina Netz & Tanya Lieske & Jan Drees, Audio: 24:36 Minuten)
Welche Kinder- und Jugendbücher eignen sich für den Gabentisch? Das Redaktionsteam der „Bücher für junge Leser“ hat auf den letzten Drücker noch ein paar Geschenktipps zu Weihnachten. Wer es nicht mehr schafft, sich die Sendung anzuhören: Auf der oben verlinkten Webseite sind die Buchtipps samt Mini-Rezensionen übersichtlich aufgelistet.
Weiterer Lesetipp: „Diese Kinderbücher empfehlen SPIEGEL-Redakteure“.

5. SJ-Podcast: Die besten neuen Serien 2019, Trends, Tipps und mehr
(serienjunkies.de, Audio: 1:31:29 Stunden)
Die „Serienjunkies“ werfen in ihrem Podcast einen Blick auf die besten neuen Serien des vergangenen Jahres: „Was waren die neuen Top-Serien 2019? Welche Trends konnte man beobachten, was war besonders auffällig und wie wird es in der Welt der Serien weitergehen?“

6. Diese Filme lohnen sich bei Amazon und Netflix
(spiegel.de, Oliver Kaever)
An den Feiertagen und zwischen den Jahren kann man endlich guten Gewissens vor dem Fernseher oder Laptop abhängen und einen Film nach dem anderen weggucken. Oliver Kaever hat sich bei Netflix und Amazon Prime nach geeignetem Futter umgeschaut.
Weiterer Lesetipp: Das sind die schlimm-besten Weihnachtsfilme zum Streamen (jetzt.de, Lena Mändlen)
.

7. Adventskalender 2019: Die Weihnachtsgeschichte, neu erzählt
(uebermedien.de, Lorenz Meyer)
Außer Konkurrenz, weil vom „6 vor 9“-Kurator selbst, der Hinweis auf den „Übermedien“-Adventskalender. Dort gibt es jeden Tag die Weihnachtsgeschichte aus der Sicht einer anderen Medienpersönlichkeit — von Mario Barth, Franz Josef Wagner, Udo Lindenberg, Ina Müller bis hin zu Gabor Steingart und Markus Lanz. Und wer einen guten Sachtext zum Journalismus lesen will, sei an unsere achtteilige BILDblog-Serie „Kleine Wissenschaft des Fehlers“ von Ralf Heimann verwiesen. Gestern ging es dort zum Beispiel um das Zeugenproblem: Die Erinnerung ist eine Wikipedia-Seite.

Unvollständig berichtet, Mücke und Elefant, Kampf um „Schmähgedicht“

1. Was die „Süddeutsche Zeitung“ zum Fall Epstein nicht schreibt
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Die „Süddeutsche Zeitung“ hat sich ausgiebig mit dem Fall des verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein beschäftigt, habe dabei aber nicht die Rolle des Literaturagenten John Brockman erwähnt. Boris Rosenkranz fragt bei „Übermedien“ nach den Gründen: „Aus Rücksichtnahme auf einen engen Partner der Zeitung, der mit Feuilleton-Chef Andrian Kreye seit Jahren verbunden ist?“

2. Zeitungsverlag wider Willen
(welt.de, Christian Meier)
„Welt“-Journalist Christian Meier berichtet über die neuesten Entwicklungen im Medienhaus DuMont. Die Eigentümer des Traditionsverlags hätten den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mitteilen lassen, dass sie nun doch an ihren Kölner Zeitungen festhalten wollen: „Oder, anders gesagt, dass sie diese nicht verkaufen werden. Was ein Unterschied ist, denn nach allem, was zu hören ist, hätten die 17 Kommanditisten des Unternehmens, allen voran Isabella Neven DuMont und Christian DuMont Schütte, doch ganz gern einen Abnehmer gefunden. Angesichts der sinkenden Margen und der damit einhergehenden sinkenden Attraktivität des Verlegertums. Doch ein ansprechendes Gebot für Köln gab es dann nicht, auch wenn die Funke-Mediengruppe („Westdeutsche Allgemeine Zeitung“) ein naheliegender Käufer gewesen wäre.“

3. Podcasts: Aus der Nische zum Massenmarkt
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Christian Jakubetz nimmt den neuen täglichen Podcast-Mix von Spotify zum Anlass, einen Blick auf das Wachstumsmedium Podcast zu werfen. Er erkennt einen ähnlichen Trend wie beim Bewegtbild: „Weg von der linearen Nutzung, hin zu On-Demand-Inhalten. Weg von General Interest, rein in die Nische. Weg vom Allgemeinen, hin zur Personalisierung. Das bringt auch eine Fragmentierung des Marktes mit sich, das Long-Tail-Phänomen haben wir schon jetzt auch bei Podcasts: Ein paar laufen richtig gut, dahinter kommen dann ganz, ganz viele, die irgendwo bei sieben Hörern monatlich absaufen.“ Eingebettet in den Beitrag ist das (schon etwas ältere) Gespräch mit dem Geschäftsführer von detektor.fm Christian Bollert. Darin geht es um die Zukunft von Radio, Podcasts und Audio-Technologie. Sowie um die Bedrohungen und Chancen durch die „Mediathekisierung“ und „Spotifysierung“ des Marktes, um Reichweitenmessung und den Mut zur Nische.

4. Wahlen in Großbritannien: Die Grünen haben ihr Ergebnis um 60 Prozent gesteigert
(rwi-essen.de)
Die aktuelle „Unstatistik des Monats“ geht auf eine Meldung der ZDF-Nachrichtensendung „heute“ zurück, nach der die Grünen bei der Wahl in Großbritannien ihr Ergebnis um 60 Prozent gesteigert hätten. Abgesehen von der niedrigen Basis habe es sich auch nicht um die beste Ergebnissteigerung gehandelt. Das Urteil der Unstatistiker: „So macht man aus einer statistischen Mücke einen Elefanten.“

5. Ab 18. Dezember: Mehr Geld für (fast) alle AutorInnen – acht Fragen und Antworten
(selfpublisherbibel.de, Matthias Matting)
Seit Neuestem gilt auf E-Books der gleiche Umsatzsteuersatz wie auf Bücher, also sieben Prozent statt bisher 19 Prozent. Wie wirkt sich das auf Self-Publisher und Verlags-Autoren und -Autorinnen aus? Für welche Einnahmen gibt es mehr Geld? Welche Folgen hat die Umstellung auf meine Steuern? Matthias Matting antwortet auf die wichtigsten Fragen.

6. Schmähgedicht: Böhmermann zieht vors Verfassungsgericht
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Jan Böhmermann ergreife im Rechtsstreit um das in Teilen verbotene Erdoğan-„Schmähgedicht“ seine letzte Chance und ziehe vor das Bundesverfassungsgericht, berichtete Timo Niemeier bei „DWDL“. Sein Anwalt Christian Schertz vertrete die Ansicht, dass die bislang damit befassten Gerichte verkannt hätten, dass Böhmermanns Gedicht keine „Herabwürdigung des Herrn Erdoğan als Person“, sondern eine „künstlerisch-kritische Auseinandersetzung mit den Grenzen der Satire“ sei.

Journalist des Jahres, Kein Recht auf Sendezeit, Datenleck der Like-Fabrik

1. Juan Moreno ist der Journalist des Jahres 2019
(mediummagazin.de)
Der vor allem durch die Causa Relotius bekannt gewordene freie Reporter Juan Moreno ist von einer rund 100-köpfigen Jury des „medium magazin“ zum „Journalisten des Jahres“ 2019 gewählt worden: „Moreno zeigte als Reporter die Hartnäckigkeit des gründlichen Rechercheurs und ehrlichen journalistischen Handwerkers. Zudem bewies er den Mut, für die Wahrheit persönlich viel aufs Spiel zu setzen, da ihm zunächst niemand glauben wollte. Die Folgen seiner Recherchen werden die Debatten über Qualitätsjournalismus weit über 2019 hinaus prägen.“

2. Ein Recht auf Sendezeit gibt es nicht
(deutschlandfunk.de, Arno Frank)
Zum Ende des Jahres wird gerne nachgezählt, wie oft welche Politikerinnen und Politiker bei den großen politischen Talkshows der Öffentlich-Rechtlichen zu sehen waren. Begleitet von der Kritik, dass manche Parteien beziehungsweise deren Vertreterinnen und Vertreter zu kurz gekommen seien, wenn man die Sitzverteilung im Bundestag als Maßstab heranziehe. Eine Kritik, die Arno Frank nicht nachvollziehen kann: „Die Auswahl der Gäste erfolgt nicht nach demokratischem Proporz, sondern nach redaktionellen Erwägungen. Jede Sendung ist der Versuch, eine ergiebige Gesprächsrunde zu orchestrieren.“

3. „Projekt Herkules“: Springer-Chef Döpfner lockt „Bild“-Mitarbeiter mit Turbo-Prämie zum Ausscheiden
(meedia.de, Gregory Lipinski)
Der Axel-Springer-Konzern will „die Kostenbasis durch strukturelle Anpassungen um insgesamt rund 50 Millionen Euro senken“ und setzt vor allem beim Personal an. Möglichst viele „Bild“-Beschäftigte sollen mit Prämien dazu bewegt werden, freiwillig das Unternehmen zu verlassen. Eine Vorgehensweise, die man bei der „Welt“ schon gewählt hatte.

4. Die Like-Fabrik
(sueddeutsche.de, Svea Eckert & Simon Hurtz & Sören Müller-Hansen & Vanessa Wormer)
„SZ“, NDR und WDR liegt eine Liste mit Links zu knapp 90.000 Social-Media-Präsenzen vor, die von gekauften Likes des Like-Lieferanten „Paidlikes“ profitierten. Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum hatten die unzureichend geschützten Daten der Website entnommen und zugänglich gemacht. Obwohl aus ihnen nicht ersichtlich wird, wer den Likekauf beauftragt und bezahlt hat, ermöglicht die Recherche interessante Einblicke in das Geschäftsmodell mit den gekauften „Gefällt mir“-Angaben und Herzen.

5. Polizisten können zwei Tage lang nicht twittern
(netzpolitik.org, Marie Bröckling)
Auf Twitter wurden am Wochenende mehrere kleinere Polizei-Accounts zumindest zeitweise gesperrt. netzpolitik.org hat Ursachenforschung betrieben. Der Verdacht auf „Overblocking“ liege nahe. Warum jedoch ausgerechnet die elf Polizei-Accounts betroffen waren, von denen die Sperrung bekannt wurde, sei unklar.

6. TikTok: Wir haben Videos von Polizeigewalt hochgeladen, dann wurden sie gelöscht
(vice.com, Sebastian Meineck)
Kritischer Journalismus ist auf TikTok anscheinend nicht erwünscht, so eine mögliche Erkenntnis aus einem Experiment der „Vice“-Redaktion. Die fünf testweise hochgeladenen Videoaufnahmen von Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Zivilbevölkerung seien entweder gelöscht oder in ihrer Reichweite gedrosselt worden.

Höckes ZDF-Aus, „Stern“ schwärzt sich selbst an, Kollegah verliert

1. AfD-Rechtsaußen Björn Höcke darf in keine ZDF-Talkshow mehr
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Laut Aussagen des ZDF-Chefredakteurs Peter Frey wird der AfD-Politiker Björn Höcke zukünftig zu keiner ZDF-Talkshow eingeladen. Laut einer Vorabmeldung der „Zeit“ habe Frey erklärt: „Wir Medien haben niemanden zu erziehen. Aber wir müssen zeigen, wo die Grenzen demokratischer Gesinnung verlaufen.“

2. Digitalseiten geschwärzt
(sueddeutsche.de, Quentin Lichtblau)
Der „Stern“ hat aus Sorge vor einem Prozess drei Seiten seiner Digitalausgabe geschwärzt. Betroffen sei die Reportage eines „Stern“-Journalisten, der ein Trump-Hotel in Washington besucht hat. Das Blatt habe den Text zwar juristisch prüfen lassen, aber bei einer Klage der anderen Seite würden selbst im Erfolgsfall erhebliche Verfahrenskosten drohen.

3. Die große Talkshow-Auswertung 2019: Annalena Baerbock ist die neue Talkshow-Königin, Markus Feldenkirchen meisteingeladener Journalist
(meedia.de, Jens Schröder)
Der Journalist und Datenspezialist Jens Schröder hat erneut die TV-Talkshows des zurückliegenden Jahres ausgewertet und interessante Daten zutage gefördert: Im vergangenen Jahr sei der Grünen-Bundesvorsitzende Robert Habeck der häufigste Gast bei „Anne Will“, „Hart aber fair“, „Maischberger“ beziehungsweise „maischberger. die woche“ und „maybrit illner“ gewesen. Dieses Jahr sei es seine Kollegin, die Grünen-Bundesvorsitzende Annalena Baerbock. Der meistgefragte Journalist sei Markus Feldenkirchen vom „Spiegel“ gewesen.

4. 8 Thesen zur Beobachtung von Publikumsinteressen im Journalismus
(medium.com, Laurenz Paul Schreiner)
Laurenz Paul Schreiner hat in seiner Masterarbeit die Auswirkungen von Echtzeit-Tools auf die journalistische Praxis untersucht. Schreiner hat dazu drei Newsrooms besucht und sich die Werkzeuge angeschaut, mit denen Online-Journalisten und -Journalistinnen die Interessen des Publikums in Echtzeit analysieren können. Seine Beobachtungen münden in acht daraus abgeleiteten Thesen.

5. Der SWR verlost Flugreisen
(swr.de, Kai Gniffke)
Der Radiosender SWR3 hat Flugreisen nach Thailand verlost und ist dafür kritisiert worden. Teilweise aus dem eigenen Haus: SWR-Intendant Kai Gniffke berichtet von einer Mail einer Kollegin, die es „höchst problematisch fände, dass wir solche CO2-intensiven Reisen auch noch promoten“. Gniffke habe der Kollegin geantwortet und breitet seine Argumentation auf erstaunlich unterkomplexe Weise in seinem Blog aus: „Gehört es zu unserem journalistischen Auftrag dazu, Menschen von Flugreisen abzubringen? Meine Antwort: Nein.“

6. Kollegah verliert Rechtsstreit gegen BR
(faz.net)
Das Münchner Landgericht hatte dem Rapper Kollegah in seiner Klage gegen den Bayerischen Rundfunk (BR) noch recht gegeben. Nun kippte das Oberlandesgericht die Entscheidung: Der BR darf bei seinen in einem Podcast getätigten Aussagen über das „Alpha-Mentoring-Programm“ des Rappers bleiben.

Bilanz der Pressefreiheit, China-Nähe der „Weltwoche“, Gelbkehlchen

1. Jahresbilanz der Pressefreiheit
(reporter-ohne-grenzen.de)
Zum Jahresende veröffentlicht Reporter ohne Grenzen die „Jahresbilanz der Pressefreiheit“ (PDF). 2019 seien mindestens 49 Medienschaffende im Zusammenhang mit ihrer Arbeit getötet worden. Die gefährlichsten Länder für sie seien Syrien, Mexiko, Afghanistan, Pakistan und Somalia gewesen. 389 Medienschaffende hätten zum Stichtag 1. Dezember im Gefängnis gesessen, fast die Hälfte von ihnen in nur drei Ländern: China, Ägypten und Saudi-Arabien.

2. Ausufernde Jugendgewalt?
(community.beck.de, Henning Ernst Müller)
Strafrechtsprofessor Henning Ernst Müller berichtet über eine gerade veröffentlichte kriminalstatistische Studie zur Jugendkriminalität. Sein Resümee: „Die Jugend ist in der vergangenen Dekade nicht gewalttätiger geworden, sondern Jugendgewalt ist — im Gegenteil — deutlich zurückgegangen. Derzeit spricht viel dafür, dass dieser Trend anhält, auch wenn die Utopie einer gewaltfreien Gesellschaft wohl eine bleiben wird.“

3. Ein koksender Koch im TV, ein Joke in einem Nebensatz, eine Abmahnung der Kanzlei Höcker – und warum ich vielleicht ein bisschen Unterstützung gebrauchen könnte
(kraftfuttermischwerk.de, Ronny Kraak)
Blogger Ronny Kraak („Kraftfuttermischwerk“) hat unangenehme Anwaltspost bekommen: Die in vielerlei Hinsicht bekannte Anwaltskanzlei Höcker hat ihm eine Abmahnung zukommen lassen, die er nicht unwidersprochen lassen will. Wenn da nicht die Sache mit dem Geld wäre: „Mein Problem: der Bums könnte mich am Ende um die 5000 Euro kosten, wenn ein Gericht dann halt für die Rechtsauffassung der Kanzlei Höcker entscheidet, was nicht sicher ist, denn mit dieser greifen auch die hin und wieder mal ins Klo. Auch mit anderen Dingen, aber um die soll es gerade nicht gehen.“

4. Unterwegs im Ausland: die Arbeit als Korrespondent/in
(anchor.fm, Levin Kubeth, Audio: 1:15:40 Stunden)
Levin Kubeth unterhält sich im Medienpodcast „Unter Zwei“ mit Fabian Reinbold, Washington-Korrespondent von t-online.de, und mit Karoline Meta Beisel, EU-Korrespondentin der „Süddeutschen Zeitung“ in Brüssel. Es geht unter anderem um die Schwierigkeiten und Besonderheiten derartiger Auslandseinsätze, ihre Arbeitsabläufe und die Frage, wie es ist, in einem kleinen Team über ein ganzes Land zu berichten.

5. Roger Köppels seltsame Nähe zu den chinesischen Kommunisten
(nzz.ch, Simon Hehli & Daniel Gerny)
Die „NZZ“ berichtet über eine „bemerkenswerte Kooperation“ der rechtslastigen Schweizer Wochenzeitung „Weltwoche“ mit der chinesischen Botschaft. Der „NZZ“ lägen Kopien von Mails vor, die darauf hindeuten würden, dass die „Weltwoche“ für ihre chinafreundliche Berichterstattung mit Gegenleistungen belohnt werde: Die chinesische Botschaft habe chinesischen Firmen, die in der Schweiz tätig sind, die Übernahme der Kosten für Werbung in dem Blatt angeboten. Dabei gehe es um ganzseitige Anzeigen im Wert von jeweils über 10.000 Franken.

6. Gelbkehlchen
(sueddeutsche.de, Maresa Sedlmeir)
Maresa Sedlmeir erzählt von einem Synchronauftrag für die „Simpsons“. Bei dem interessanten Blick hinter die Kulissen geht es auch um Kulturunterschiede hinsichtlich Wertschätzung und Bezahlung: Während in den USA die „Simpsons“-Sprecher und -Sprecherinnen gefeierte und hoch bezahlte Stars seien, könne in Deutschland keine der „Simpsons“-Stimmen ausschließlich von dieser Arbeit leben.

7. Fehlerforschung: Jeder zweite Artikel hat Mängel
(bildblog.de, Ralf Heimann)
Ausnahmsweise ein (zusätzlicher) Link in eigener Sache: Im zurückliegenden Jahr haben wir hier im BILDblog viel über Fehler geschrieben. Aber was genau sind das eigentlich: Fehler? Wie häufig passieren sie? Wie entstehen sie? Und was können Redaktionen gegen sie tun? Unser Autor Ralf Heimann hat sich in einer achtteiligen Serie mit all dem Falschen beschäftigt. Hier Teil 1: die Fehlerforschung.



Greta in vollen Zügen, Suizide der K-Pop-Stars, Nuhr Andersdenkende

1. Greta genießt’s in vollen Zügen
(taz.de, Gereon Asmuth)
Das Foto der auf dem Boden eines ICE sitzenden Greta Thunberg sorgt für Schnappatmung in den Sozialen Medien. Das liegt vor allem an einer unglücklichen Antwort der Deutschen Bahn, die Thunberg wohl zu Unrecht in ein schlechtes Licht rückt. Gereon Asmuth schreibt über ein PR-Desaster der besonderen Art. Oder wie Julia Reda auf Twitter sagt: „Die @DB_Presse erweckt den Eindruck, @GretaThunberg hätte ihr ICE-Foto gefaked und liefert damit Futter für Klimaleugner. Dass es um 2 verschiedene Züge ging, wird sich nie dort rumsprechen. So funktioniert Desinformation, herzlichen Glückwunsch.“
Weitere Lesetipps: Bei „Spiegel Online“ fragt Arno Frank in seiner „Analyse einer Blamage“: „Liebe Bahn, wie kann man das so verbocken?“ Und Martin Hoffmann erklärt in einem Twitter-Thread, warum „der Umgang mit dem Greta-Foto“ ein Lehrstück darüber ist, „was in vielen Medien falsch läuft.“

2. SPD-Chefin Esken geht juristisch gegen Berichterstattung vor
(tagesspiegel.de, Georg Ismar)
Im ARD-Magazin „Kontraste“ wurden schwerwiegende Vorwürfe gegen die neue SPD-Vorsitzende Saskia Esken erhoben, die sich auf ihre Zeit als Vizechefin des Landeselternbeirats Baden-Württemberg beziehen. Es geht vor allem um das angebliche Ausspionieren einer Mitarbeiterin und eine umstrittene Kündigung. Esken sei mit der Darstellung nicht einverstanden und habe laut „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ „presserechtliche Schritte auf Unterlassung, Widerruf und Gegendarstellung“ gegen den RBB eingeleitet.

3. „Die Jüngeren sind unterversorgt“
(sueddeutsche.de, Stefan Mayr & Claudia Tieschky)
Die „Süddeutsche“ hat sich mit SWR-Intendant Kai Gniffke über dessen Pläne mit dem Sender unterhalten. Dabei geht es um die Schwierigkeit, ein junges Publikum anzusprechen, ohne das alte zu verprellen, und das geplante Innovationszentrum: „Das wird eine Hexenküche sein, ein Inkubator für Ideen aus dem SWR, es soll mit Start-ups und Wissenschaft gemeinsame Projekte realisieren. Und es soll konkrete Aufträge angehen. Zum Beispiel: Bitte macht mal ein Konzept, wie wir dieses und jenes Milieu künftig erreichen, in dem wir Defizite haben.“

4. Kein Witz: Dieter Nuhr möchte die Debattenkultur retten
(nollendorfblog.de, Johannes Kram)
Der Kabarettist Dieter Nuhr hat sich in einem Interview mit der „Rheinischen Post“ (beim Bonner „General-Anzeiger“ auch ohne Paywall) über die seiner Meinung nach unzureichende Debattenkultur beklagt („Andersdenkende werden nicht mehr respektiert“). Johannes Kram kommentiert: „Das Interview hat einen seltsamen Beigeschmack, weil Dieter Nuhr hier unwidersprochen den Eindruck erwecken darf, er hätte mit dem, was er da beschreibt, nichts zu tun. Dabei ist es ja gerade Nuhr, der mit seiner Aggressivität verbunden mit seiner enormen Social-Media-Reichweite genau die Debattenkultur vergiftet, die er hier vorgibt, retten zu wollen. Und das in einer bemerkenswerten Perfidie.“

5. Twitter sperrt Polizei-Accounts in NRW
(blog.wdr.de, Dennis Horn)
Am Wochenende hat Twitter eine ganze Reihe von offiziellen Polizei-Accounts gesperrt. Bei den Sperren könne es sich um einen technischen Fehler handeln, so Dennis Horn, und dennoch sei es „offensichtlich, dass Twitter ein Problem mit Overblocking hat — und die Frage, wie gut es ist, dass private Unternehmen über Kanäle entscheiden, die für die Öffentlichkeit wichtig sind, bleibt aktuell.“

6. Wenn der mediale Druck zu groß wird
(deutschlandfunk.de, Kathrin Erdmann, Audio: 4:51 Minuten)
Innerhalb kurzer Zeit haben sich in Südkorea drei K-Pop-Stars das Leben genommen. Der Erfolg der Musikerinnen und Musiker scheint mit extrem hohem Druck verbunden zu sein. Das Management schreibe ihnen zum Beispiel ein Maximalgewicht von 50 Kilogramm vor und mische sich auch ansonsten in intimste Dinge ein. Der Chef einer K-Pop-Agentur: „In den Verträgen einer unserer Girlbands stand auch, dass sie keine Jungs treffen dürfen, aber es ist schwer, sie daran zu hindern, denn sie werden es trotzdem versuchen. Man muss sie dann kontrollieren, das kostet viel Geld. Größere Agenturen lassen ihre Manager sogar mit denen in einem Zimmer schlafen, damit sie keinen Blödsinn machen.“
(Solltest Du Suizid-Gedanken haben, dann gibt es Menschen, die Dir helfen können. Eine erste schnelle und unkomplizierte Hilfe bekommst Du etwa bei der „TelefonSeelsorge“, die Du kostenlos per Mail, Chat oder Telefon (0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222 und 116 123) erreichen kannst.)

„The Buzzard“, Versteckte TikTok-Videos, Böhmermanns Abschied

1. Ein merkwürdiges Verbrechen
(spiegel.de, Thomas Fischer)
Der frühere Bundesrichter und heutige „Spiegel Online“-Kolumnist Thomas Fischer schreibt über den Tötungsdelikt von Augsburg und geht auch auf die Berichterstattung darüber ein: „Auf der Stecke bleiben dabei die Betroffenen: Die Tatopfer, aber auch die Beschuldigten. Sie werden zu Spielbällen einer willkürlich, zufällig und zynisch erscheinenden Konstruktion von Medien-Wirklichkeit erniedrigt. Auch die Wahrheit bleibt auf der Stecke, wenn Kriminalität nurmehr als Abfolge von ‚Unfassbarem‘, als Anlass sich steigernden ‚Abscheus‘, als unterhaltsame Serie über die schlimmsten Täter, die ärmsten Opfer und die härtesten Knäste wahrgenommen wird.“

2. Den Blick auf die Welt weiten – mit rechtsradikalen Blogs?
(uebermedien.de, Felix Huesmann)
„Mit Buzzard bekommst du einen ganz neuen Zugang zur Nachrichtenwelt. Eine App, die deinen Blick weitet für Perspektiven des ganzen Meinungsspektrums“, verspricht das Medien-Startup „The Buzzard“ und sammelte bei einem Crowdfunding rund 170.000 Euro ein. Nun gibt es aber reichlich Gegenwind: In einer Art Prototyp gehörte zum „ganzen Meinungsspektrum“, das „The Buzzard“ abbilden will, auch das rechtsextreme und islamfeindliche Blog „PI-News“. Mehrere prominente „The Buzzard“-Unterstützerinnen und -Unterstützer sind inzwischen abgesprungen, die Rechtfertigungen der Projektverantwortlichen machen es eher nur schlimmer. Felix Huesmann schreibt bei „Übermedien“: „‚The Buzzard‘ hat es nach zweieinhalb Jahren laufenden Betriebs des Prototyps nicht geschafft, ein funktionierendes Konzept für den Umgang mit rechtsextremen, rassistischen und verschwörungstheoretischen Seiten zu entwickeln.“

3. „Kollegen sind immer mehr Drohungen ausgesetzt“
(sueddeutsche.de, Oliver Das Gupta)
Oliver Das Gupta hat sich mit Jamie Angus, dem Direktor der BBC World Service Group, über Journalismus in Zeiten des britischen Wahlkampfs, Drohungen gegen BBC-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter, sowie Boris Johnsons Weigerung, dem bekannten Journalisten Andrew Neil ein Interview zu geben, unterhalten.

4. TikTok: Ich habe China kritisiert, dann wurden meine Videos versteckt
(vice.com, Sebastian Meineck)
Bei „Vice“ wollten wissen: „Was passiert, wenn wir auf TikTok China kritisieren?“ Daher postete Tech-Redakteur Sebastian Meineck mehrere Videos mit Hashtags wie #freexinjiang, #chinacables oder #culturalgenocide in dem Sozialen Netzwerk. Das Ergebnis seines Experiments: Videos, die aus der Hashtag-Suche der Smartphone-App verschwinden, wofür laut TikToks PR-Abteilung natürlich nur ein „Bug“ verantwortlich sein soll.
Weiterer Lesetipp: „TikTok ist die angesagteste Video-App unter Kindern und Jugendlichen. Doch manche Nutzer verleiten ihre Zuschauer in Livestreams zu virtuellen Geldgeschenken — mit fragwürdigen Versprechungen“: Die dubiose Seite der TikTok-Welt (spiegel.de, Markus Böhm).

5. Das Coming-out einer Transgender-Chefin im WDR
(wdr.de, Andrea Moos, Video: 4:16 Minuten)
Georgine Kellermann ist Chefin im WDR-Studio in Essen. Mit 62 Jahren hat sie ihr Coming-out als Transgender. Dass das für sie erst jetzt möglich ist, liege auch an ihrem Beruf: „Um die Welt fliegen und Geschichten erzählen — meine Angst war, dass das nicht mehr passieren würde. Ich war so glücklich in dem, was ich tat, dass meine Sorge einfach war: Wenn ich jetzt werde, wer ich bin, dass ich dann nicht mehr tun kann, was ich liebe.“

6. Böhmermanns Abschied: So war die letzte Ausgabe vom „Neo Magazin Royale“
(rnd.de, Imre Grimm)
Gestern lief die letzte Folge „Neo Magazin Royale“ bei ZDFneo. Moderator Jan Böhmermann wechselt kommendes Jahr ins ZDF, also das richtige, große ZDF. Imre Grimm hat sich das „Neo Magazin Royale“-Finale angeschaut und überlegt, was Böhmermann fürs Hauptprogramm noch fehlt.

Bedrohung durch Neonazis, Redaktion im Schleudergang, Esoterik-Murks

1. So bedrohen Neonazis kritische Journalisten
(blog.zeit.de, Jonas Miller & Jens Eumann & Henrik Merker)
Journalistinnen und Journalisten, die über Rechtsextremismus und Neonazis berichten, sind immer wieder Einschüchterungsversuchen und Angriffen ausgesetzt. Im „Störungsmelder“-Blog bei „Zeit Online“ erzählen Jonas Miller, Jens Eumann und Henrik Merker, „wie es ist, im Fadenkreuz der Szene zu stehen.“

2. Daphne Caruana Galizia: Druck auf Maltas Regierung steigt
(ndr.de, Ellen Trapp, Video: 6:00 Minuten)
Zwei Jahre ist es her, dass die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia durch einen Anschlag mit einer Autobombe ermordet wurde. In den vergangenen Wochen ist wieder Bewegung in den Fall und die dazugehörigen Ermittlungen gekommen — bis hin zu einer Rücktrittsankündigung von Maltas Premierminister Joseph Muscat. Ellen Trapp fasst die Ereignisse im Medienmagazin „Zapp“ zusammen.

3. Eine Redaktion im Schleudergang
(sueddeutsche.de, Verena Mayer & Jens Schneider)
Die frühere Chefin der Stasi-Unterlagenbehörde Marianne Birthler und der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk legten gestern ein Gutachten zur Stasi-Vergangenheit des Neu-Verlegers Holger Friedrich vor, der gemeinsam mit seiner Frau Silke den Berliner Verlag und damit auch die „Berliner Zeitung“ gekauft hatte. Verena Mayer und Jens Schneider fassen die Ergebnisse des Gutachtens (und zusätzlich die weiteren Querelen rund um die Friedrichs) zusammen: „Die Gutachter betonen ausdrücklich ihren Respekt gegenüber den Redaktionen des Berliner Verlags, ‚die in einer schwierigen Situation versucht haben, trotz bestehender Abhängigkeitsverhältnisse so unabhängig wie irgend möglich vorzugehen und vor allem den Leserinnen und Lesern die Möglichkeit zu geben, sich ein eigenes Urteil zu bilden‘.“
Weiterer Lesetipp: Die „Berliner Zeitung“ richtet sich in einem „In eigener Sache“ an die Leserinnen und Leser und veröffentlicht neben einem Brief des Gutachter-Duos Birthler und Kowalczuk auch dessen ausführlichen Bericht.

4. Medien wollen mehr
(taz.de, Christian Rath)
Ein Bündnis aus Journalistengewerkschaften und dem Deutschen Presserat, dem Netzwerk Recherche, Verlegerverbänden und dem Verband privater Medien sowie ARD und ZDF fordert vom Bundestag ein Presseauskunftsgesetz. Christian Rath erklärt: „Die Lücke, die ein derartiges Gesetz schließen soll, besteht seit 2013. Bis dahin galt für Medienanfragen an Bundesbehörden das Pressegesetz des jeweiligen Bundeslandes, in dem die Behörde ihren Sitz hatte. Für Anfragen an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Zirndorf galt zum Beispiel das bayerische Pressegesetz. Völlig überraschend stellte jedoch das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig 2013 fest: Für Presseauskünfte gegen Bundesbehörden ist ein Bundesgesetz erforderlich. Ohne ein entsprechendes Bundesgesetz gelte nur ein ‚Minimalstandard‘, der unmittelbar aus dem Grundrecht auf Pressefreiheit abzuleiten sei.“

5. Dieser Twitter-Account gibt sich als syrischer Flüchtling aus
(correctiv.org, Alice Echtermann)
„Dawuhd Nabil“ ist angeblich „Syrian Refugee, Muslim, Activist“ und twittert ziemlich provozierende Aussagen, die immer wieder für reale unverschämte Forderungen eines syrischen Flüchtlings gehalten werden. Alice Echtermann hat die Hintergründe des Accounts recherchiert und konnte keine Spuren eines echten „Dawuhd Nabil“ finden. Ihr Fazit: Es handele sich „um einen Fake-Account“, der „Beiträge unter falscher Flagge veröffentlicht“.

6. Leuchtender Feind im Klassenzimmer
(kontextwochenzeitung.de, Jürgen Lessat)
In der SWR-Sendung „Marktcheck deckt auf“ über „Das Geschäft mit LED-Lampen“ gab es auch ein „Experiment“ in einem Klassenzimmer: Können Schülerinnen und Schüler unter LED-Leuchten schlechter lernen als unter Halogenlampen? Jürgen Lessat hat sich den Beitrag für „Kontext“ angeschaut und die Merkwürdigkeiten festgehalten, die Hintergründe der präsentierten „Lichtexperten“ recherchiert und beim SWR nachgefragt: „Warum verschweigen die ‚Marktchecker‘ das anthroposophische Weltbild der aufgebotenen Lichtexperten? Warum suggerieren sie Wissenschaftlichkeit, wo esoterische Maßstäbe angelegt werden? Das wollte Kontext vom SWR wissen.“

Herkunft von Tatverdächtigen, feindseliges Verhalten, DJV-Sexyness

1. Wie oft nennen Medien die Herkunft von Tatverdächtigen?
(mediendienst-integration.de, Jennifer Pross)
Die Hochschule Macromedia hat für eine Studie nachgeschaut, wie oft und in welchen Fällen Redaktionen die Herkunft von Tatverdächtigen in ihrer Berichterstattung nennen. Jennifer Pross fasst die Ergebnisse für den „Mediendienst Integration“ zusammen: Die Herkunft werde „vor allem dann genannt, wenn die Tatverdächtigen Ausländer sind.“ Außerdem hat Studienautor Thomas Hestermann für den „Mediendienst Integration“ eine ausführliche „Expertise“ erstellt (PDF). Er nennt darin teils erschreckende Zahlen, etwa: „Verglichen mit der Polizeilichen Kriminalstatistik, ergibt sich daraus ein stark verzerrtes Bild: Während die Polizei 2018 mehr als doppelt so viele deutsche wie ausländische Tatverdächtige erfasste, kommen in Fernsehberichten mehr als 8 und in Zeitungsberichten mehr als 14 ausländische Tatverdächtige auf einen deutschen Tatverdächtigen.“
Weitere Lesetipps: Keine „Lückenpresse“ (deutschlandfunk.de, Gudula Geuther), Die Gefahr der Obsession (taz.de, Peter Weissenburger) und Bizarrer Fetisch: Mann wird nur von Verbrechen erregt, wenn sie von Ausländern begangen werden (der-postillon.com).

2. Impulse aus Straßburg zur grundrechtlichen Bewertung feindseligen Verhaltens Privater gegenüber Journalist*innen
(juwiss.de, Tobias Brings-Wiesen)
Nachdem die NPD zu einer Demonstration gegen drei Journalisten aufgerufen hatte, schreibt Jurist Tobias Brings-Wiesen darüber, „wie schwierig in der grundrechtlichen Bewertung die Abgrenzung zulässiger Opposition von grenzüberschreitender Oppression sein kann“: „Der Sachverhalt bietet daher Anlass zu grundsätzlichen Überlegungen, wie mit feindseligem Verhalten Privater gegenüber Journalist*innen — auch unterhalb der Schwelle physischer Attacken — auf Ebene der Grundrechte umzugehen ist.“ Er bringt dazu die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte ins Spiel, bei der es um ein „environment protective of journalism“ geht.

3. Fehler im Atom-Kommentar
(blogs.taz.de, Malte Kreutzfeldt)
In einer „taz“-Beilage ist ein Text zum Thema Atomkraft erschienen (Überschrift: „Atomenergie als kleineres Übel“), der in einem Workshop von Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten entstanden ist. Malte Kreutzfeldt schreibt im „taz“-eigenen „hausblog“ dazu: „Bei dem Text der beiden Workshop-Teilnehmer*innen handelt es sich um einen Kommentar, und natürlich kann man zum Sinn der Atomkraft unterschiedlicher Meinung sein. Aber auch in Kommentaren müssen die Fakten stimmen, auf denen die Meinungen beruhen. Und das ist in diesem Text, wie auch zahlreicher Leser*innen anmerkten, an mehreren Stellen leider nicht der Fall. Folgendes möchten wir darum an dieser Stelle klarstellen“.

4. Auf der Suche nach mehr Sexyness
(deutschlandfunk.de, Vera Linß)
Zum 70. Geburtstag des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) spricht Vera Linß über die „Attraktivitätsprobleme“ der Gewerkschaft: „Die Mitgliederzahl ist seit 2003 um 10.000 gesunken — auf derzeit 32.000. Denn junge Leute bleiben fern. Früher ging man nach dem Volontariat direkt in die Gewerkschaft. Heute ist das nicht mehr so. Das hat zum einen finanzielle Gründe. Aber auch die Überalterung des DJV schreckt viele ab.“
Weiterer Hörtipp: Jörg Wagner und Daniel Bouhs hatten im Medienmagazin des rbb den DJV-Vorsitzenden Frank Überall zu Gast.

5. Werbe-Tracking: Datenschutzbeauftragte prüft Landesportal berlin.de
(heise.de, Stefan Krempl)
Berlins Datenschutzbeauftragte Maja Smoltczyk sagt, „das offizielle Hauptstadtportal“ Berlin.de handle „für das Land Berlin ‚rufschädigend'“, weil es über Werbetracker reichlich Daten der Benutzerinnen und Benutzer absaugt. Stefan Krempl erklärt bei heise.de: Die Betreiberfirma hinter Berlin.de, Berlin Online, gehöre zu 74,8 Prozent dem Berliner Verlag, der bekanntermaßen dem Neu-Verlegerpaar Silke und Holger Friedrich gehört.
Weiterer Lesetipp: Netzpolitik.org über „die wirre Geschichte einer Hauptstadt-Website“.

6. Wir müssen Autorinnen ermuntern
(planet-interview.de, Jakob Buhre)
Jakob Buhre hat ein „Kurz-Interview“ mit Jörg Schönenborn geführt. Gewohnt hartnäckig fragt Buhre bei dem Fernsehdirektor des WDR und Koordinator Fernsehfilm in der ARD nach, ob dieser Interesse daran habe, dass mehr Frauen die Drehbücher von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreiben (aktuell liege der Anteil bei unter 10 Prozent), und ob Schönenborn es in Ordnung finde, dass bei der ARD für Dokumentationen vergleichsweise wenige Gelder vorhanden sind (allein der „Tatort“ erhalte beinahe so viel Budget wie alle Dokumentarfilme zusammen).

Blättern:  1 2 3 4 ... 341