Archiv für März 15th, 2019

„Bild“ führt Jan Hofer vor

Sollte Nikolaus Blome, was wir wirklich nicht hoffen, mal während seiner Moderation des „Bild“-Polit-Talks einen Schwächeanfall haben, dann dürften er und seine Redaktion damit einverstanden sein, wenn alle anderen Medien die Sache so richtig ausschlachten: Hochaufgelöste Standbilder auf Titelseiten drucken, die zeigen, wie Blome offenbar nicht mehr Herr seiner Sinne ist. Ein Video veröffentlichen, in dem zu sehen ist, wie der „Bild“-Politik-Chef nach vorne und nach hinten wankt und sich gerade noch so am Pult festhalten kann. Die Sequenz auch mehrfach zeigen und dabei an den taumelnden Blome heranzoomen. Ein Wortlaut-Protokoll seiner ganzen Versprecher veröffentlichen. Kurzum: Den Vorfall ausnutzen und damit ordentlich Klicks einsammeln.

Warum wir uns so sicher sind, dass Nikolaus Blome und die „Bild“-Redaktion da keine Einwände hätten? Sie machen es gerade selbst — mit „Tagesschau“-Sprecher Jan Hofer.

Hofer ging es gestern Abend während der „Tagesschau“ gesundheitlich nicht gut (inzwischen geht es ihm wieder besser). Er verhaspelte sich immer wieder und konnte die Sendung nicht mehr abmoderieren. Im TV sah man ihn stattdessen einige Sekunden wanken. Die ARD hat diese Szene in der Mediathek rausgeschnitten.

Elf Sekunden hält die Kamera drauf — dann wird der Bildschirm schwarz! Die Tagesschau wird abgebrochen!

Kurz darauf werden die besorgniserregenden Szenen aus der ARD-Mediathek im Netz gelöscht.

… schreibt Bild.de und veröffentlicht im selben Beitrag ein Video mit den „besorgniserregenden Szenen“:

Screenshot Bild.de - Erschütternde Szenen live im TV - Tagesschau abgebrochen - Drama um Tagesschau-Sprecher Jan Hofer - Rettungswagen gerufen - Ärztliche Behandlung - Tagesschau twittert: Jan Hofer geht es wieder deutlich besser
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Die Redaktion zeigt, wie Hofer sich ans Pult klammert, zoomt an ihn heran, zoomt wieder raus, zeigt die ganze Szene noch mal komplett.

Die „Bild“-Zeitung druckt heute auf ihrer Titelseite ein großes Standbild, das Hofer in dessen apathischem Zustand zeigt:

Ausriss Bild-Titelseite - Tagesschau abgebrochen - Drama um Jan Hofer - Stockende Stimme und Versprecher - Um 20:20 Uhr wurde Rettungswagen zum Studio gerufen

Im Blatt ist die Aufnahme noch einmal zu sehen:

Ausriss Bild-Zeitung - Dramatische Szenen live im TV! Tagesschau abgebrochen! Nach dem Wetter konnte Jan Hofer nicht mehr sprechen

Und als hätte es irgendeinen Zipfel Mehrwert, veröffentlicht Bild.de dann auch noch diesen Beitrag:

Screenshot Bild.de - Tagesschau-Sprecher Jan Hofer - Die Aussetzer der Moderation im Wortlaut

In einem weiteren Artikel fragt Bild.de:

Aber wie konnte es dazu kommen, dass die ARD nach dem Wetterbericht überhaupt weiter live die „Tagesschau“ mit dem sichtlich angeschlagenen Sprecher im Bild übertrug?

Wie es dazu kommen konnte (oder noch besser: ob es überhaupt dazu kommen sollte), dass sie selbst Jan Hofer so vorführen — das hat sich bei den „Bild“-Medien offenbar niemand gefragt.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Impf-Lügen und Homöopathie-Unsinn, Wikimedias Replik, Geburtstagsfeier

1. Toxische Atmosphäre
(sueddeutsche.de, Bastian Obermayer)
Eine neue Medienallianz namens „One-Free-Press-Coalition“ setzt sich für Journalistinnen und Journalisten ein, deren Freiheit oder gar Leben akut in Gefahr sind oder deren Fälle aktuell Gerechtigkeit verlangen. Zu dem Bündnis zählen internationale Medien wie „Time Magazine“, „Forbes“, „Financial Times“, Nachrichtenagenturen und weitere Medienhäuser, darunter auch die „Süddeutsche Zeitung“.

2. In der Krone waren Ausländer 2017 viel krimineller als in der Realität
(kobuk.at, Veronika Hribernik)
Die österreichische „Kronen Zeitung“ berichtet deutlich häufiger über ausländische als über österreichische Täter. Das geht aus einer Analyse des Medienwatchblogs „Kobuk“ hervor, in der die Berichterstattung mit Beispielen verdeutlicht und mit der offiziellen Kriminalstatistik verglichen wird. Man hätte gern die Begründung der „Kronen Zeitung“ erfahren, doch eine entsprechende Anfrage sei unbeantwortet geblieben.

3. Facebook, Google, Pinterest: Plattformen wollen auch bei deutschsprachigen Impf-Lügen einschreiten
(medwatch.de, Hinnerk Feldwisch-Drentrup)
Facebook, Google, YouTube und Pinterest haben bislang relativ wenig gegen Falschinformationen zu Impfungen unternommen. Nicht freiwillig und nur unter teils erheblichem Druck soll sich dies nun, zumindest teilweise, ändern.
Weiterer Lesehinweis: Homöopathie-Unsinn auf morgenpost.de: Das stimmt wirklich (uebermedien.de, Feldwisch-Drentrup).

4. Filterblase an Filterblase: Eine Replik auf Michael Hanfelds Beitrag bei FAZ.net
(blog.wikimedia.de, John Weitzmann)
„FAZ“-Redakteur Michael Hanfeld hat vergangene Woche den Widerstand der Wikipedia gegen die Urheberrechtsreform der EU kritisiert. Die dabei vorgebrachten Argumente seien anmaßend, falsch und würden der Demokratie schaden. Mit den Worten „Das kann nicht unwidersprochen bleiben“, antwortet John Weitzmann für die Wikipedia-Community mit einer ausführlichen Replik. Der aktuelle Reformtext sei in zentralen Punkten weiterhin problematisch fürs freie Netz und fürs freie Wissen.

5. Wenn das Internet ver­gisst
(lto.de, Roland Schimmel)
Einige juristische Aufsätze und Urteile verschwinden irgendwann nach ihrer Veröffentlichung aus Datenbanken und Archiven. Im Fachjargon: Sie werden „depubliziert“. Warum das so ist und wie man mit solchen verschwundenen Quellen zum Beispiel in der Jura-Hausarbeit umgeht, zeigt Roland Schimmel.

6. Kontaktschuld
(spiegel.de, Jan Fleischhauer)
„Spiegel“-Kolumnist Jan Fleischhauer war auf der Geburtstagsfeier des mit ihm befreundeten rechtsdrehenden und verwirrten Bierkastenredners Matthias Matussek, bei dem auch viele Mitglieder der rechten Szene und ein Neonazi zugegen waren. An diesem Besuch gab es Kritik. Bei „Spiegel Online“ rechtfertigt sich Fleischhauer und holt zum Gegenschlag aus. Das liest sich teilweise etwas komisch. Zum Beispiel, wenn es in der Einleitung heißt: „Darf man als SPIEGEL-Redakteur an einer Geburtstagsfeier teilnehmen, zu der auch Menschen mit rechter oder sogar rechtsradikaler Gesinnung eingeladen sind?“, als gehöre Fleischhauer nicht zu ersterer Gesinnungsgruppe. Lustig sind auch Fleischhauers Vorwürfe an Reinhold Beckmann, der sich nachträglich distanziert habe. Etwas, das Fleischhauer in gewisser Weise auch tut, wenn er Matussek in seiner Kolumne als nicht ernst zu nehmenden „Wirrkopf“ bezeichnet und sagt, dieser sei „bestenfalls ein Bajazzo, im schlimmsten Fall ist er reif für die Klapsmühle.“