Archiv für März 5th, 2019

Kurz korrigiert (524 & 525)

Gestern gab es die traurige Nachricht, dass The Prodigy-Sänger Keith Flint gestorben ist. Bei Bild.de bekommen sie es leider nicht hin, für ihre Art Nachruf Flints Karriere und die The Prodigy-Diskografie richtig zu recherchieren:

1992 schaffte die Band mit dem Song „Out of Space“ den internationalen Durchbruch. Flint übernahm jedoch erst 1996 den Gesang — und sorgte mit „Firestarter“ für einen der größten Hits der 90er Jahre.

Mit Hits wie „No Good“ und „Smack My Bitch Up“ konnten The Prodigy in den folgenden Jahren an ihre Erfolge anknüpfen.

… schreibt die Bild.de-Redaktion — und liegt damit daneben: Der Song „No Good“ erschien bereits 1994, also zwei Jahre vor „Firestarter“.

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Doch bei Bild.de können sie nicht nur Diskografien durcheinanderbringen, sondern auch Sprichwörter — in diesem Artikel:

Screenshot Bild.de - Beef im Buckingham Palast? Hier reißen sich Meghan und Kate die Haare aus!

Nach drei umdenheißenbreirumschreibenden Absätzen (unter anderem mit dem sagenhaften Brüller „Etikette kommt hier nicht von ‚die Nette'“) folgt die Auflösung zur vermeintlichen royalen Haarereißerei:

Gott sei Dank alles nur Theater!

Die royale Keilerei ist ein Gag der britischen Künstlerin Alison Jackson (48).

Die Fotografin ist dafür bekannt, mit Doppelgängern Promis in intimen Situationen zu inszenieren. Wer sich die Fotos genau anschaut, erkennt: Kate und Meghan sind NATÜRLICH nicht echt. Jackson lässt die Lookalikes gerade für eine Theater-Show in London aufeinander los.

Unter einem Foto, das die echte Kate und die echte Meghan zeigt, steht die unfreiwillig lustige Bildunterschrift:

Screenshot Bild.de - Kate und Meghan: Ein Herz und eine Seele? Oder doch wie Pech und Schwefel?

Vielleicht sollten die Mitarbeiter von Bild.de mal bei „Geolino“ nachschauen — dort wissen sie nämlich, dass „wie Pech und Schwefel“ nicht das Gegenteil von „ein Herz und eine Seele“ ist.

Mit Dank an Gunnar und @PostiLeaker für die Hinweise!

Spiele aus der Clickbait-Hölle: Wenn Leser „smart“ getäuscht werden

Für die Ippen-Digital-Zentralredaktion ist das alles ein Spiel.

Eigentlich ist es doch ein Spiel.

Und es gibt wirklich smarte Lösungen, die in ein Spiel mit dem Leser eintreten.

In vielen Bereichen muss man einfach spielen und ausprobieren.

Ich habe ein Problem mit handwerklichen Fehlern in den Überschriften. Aber nicht mit dem spielerischen Umgang mit dem Leser.

Gleich viermal sprach Thomas Kaspar, bis vor Kurzem Co-Chefredakteur der Ippen-Digital-Zentralredaktion, vor gut einem Jahr in einem Interview mit „kress“ von einem „Spiel“. Worum es ging: Clickbaiting.

Die Auseinandersetzung mit den Klick-Impulsen und der Nachhaltigkeit durch solche Klicks ist Teil des Online-Geschäfts. Aber Achtung: Es gibt einfach sehr schlechte Lösungen. Man kann eben nicht mehr zum 50. Mal schreiben: „Du wirst nicht glauben, was Gaby erlebt hat…“ Und es gibt wirklich smarte Lösungen, die in ein Spiel mit dem Leser eintreten.

Und diese „smarten Lösungen“ sehen bei der Ippen-Digital-Zentralredaktion, einem Netzwerk aus 50 Online-Portalen (unter anderem Merkur.de, tz.de, HNA.de), zum Beispiel so aus:

Screenshot Merkur.de - Schweres Unglück - Schüsse bei Autobahnbrücke

Wer glaubt, dass es hier zu einem tödlichen Schusswechsel mit Polizeibeteiligung kam, irrt. Die Meldung von Merkur.de basiert auf einer Meldung von extratipp.com (ebenfalls Ippen), die auf einer Meldung der „Hessenschau“ basiert, die auf einem Tweet der Polizei Südhessen basiert. Darin wird mitgeteilt, dass ein Polizist, der bei einem Autounfall (!) eines Streifenwagens über zwei Wochen vorher schwer verletzt wurde, gestorben ist. Was das Ganze mit Schüssen zu tun hatte? Grund des Einsatzes waren nahe der Autobahn gemeldete Schüsse, die sich nachträglich als Teil einer angemeldeten Jagd herausgestellt hatten.

Weder in der Überschrift noch im Teaser noch im ersten Absatz wird das deutlich, im Gegenteil: Die Redaktion erweckt gezielt den falschen Eindruck, der Polizist sei durch Schüsse ums Leben gekommen — formuliert aber alles so, dass es technisch gesehen nicht falsch ist. Vielleicht ist es das, was die Chefredaktion so „smart“ daran findet.

Die Irreführung hat jedenfalls System. So erschien (ebenfalls gestern) in den Ippen-Portalen dieser Artikel:

Screenshot HNA.de - Durchsuchungen - Schüsse peitschen aus fahrenden Autos - Hochzeit eskaliert

Wer bei dieser Überschrift eine Schießerei unter Hochzeitsgästen vermutet, irrt zwar, aber es kam immerhin zu Schüssen in die Luft aus Schreckschusspistolen. Die Pressemeldung der Polizei, auf der der Text basiert, war bei Erscheinen der HNA.de-Meldung schon fünf Tage alt und bezog sich darauf, dass im Rahmen der Ermittlungen Durchsuchungen stattfanden. Der eigentliche Vorfall, die aus fahrenden Autos peitschenden Schüsse, war schon vor fast einem Monat, was man aber erst nach mehreren Absätzen erfährt — und was für die Ippen-Medien kein Hindernis war, das Ganze nochmal groß zu melden.

Inzwischen wurde die Überschrift übrigens korrigiert geändert:

Screenshot HNA.de - Durchsuchungen - Hochzeit eskaliert: Schüssel fallen aus fahrenden Autos auf Autobahn

Ebenfalls gestern erschienen:

Screenshot extratipp.com - Millionenschaden in Bad Homburg - Nach Flammen-Hölle auf Reiterhof: Polizei hat dunklen Verdacht

Die Polizei habe einen „dunklen Verdacht“, heißt es da. Und:

Ursache des Feuers bekannt, Polizei spricht über Brandstiftung

Der „dunkle Verdacht“ wird (wenn man sich bis dahin durchgekämpft hat) am Ende des Artikels konkretisiert:

Update 02.03.2019, 10.05 Uhr: Jetzt haben die Behörden einen dunklen Verdacht: Nachdem am gestrigen Freitag die Brandursache bekannt geworden ist — offenbar ein elektrischer Defekt –, spricht die Polizei inzwischen über Brandstiftung. Die könne, so ein Sprecher gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, aufgrund der bisherigen Ermittlungen weitgehend ausgeschlossen werden.

Brandursache ist also wohl, wie die Polizei schon am Freitag als vorläufige Erkenntnis mitteilte, ein elektrischer Defekt, und die Polizei spricht über Brandstiftung, indem sie diese weitgehend ausschließt, und das ist, tata, ein dunkler Verdacht der Polizei!

Als der (inzwischen alleinige) Chefredakteur der Ippen-Digital-Zentralredaktion Markus Knall im vergangenen Jahr von „Übermedien“ auf den Vorwurf des Clickbaitings angesprochen wurde, sagte er noch:

Ich finde ‚Clickbait‘-Überschriften super. Journalisten, die es schaffen, mit guten Zeilen Leser in ihre Texte zu ziehen, beherrschen ihr Handwerk. Was aber nie passieren darf, ist eine Produktenttäuschung: Die Erwartung, die ich in Überschriften wecke, muss im Text auch erfüllt werden.

Aber was soll’s. Ist ja eh nur ein Spiel.

Mit Dank an Klaus für den Hinweis!

Erfolglose Populismus-Fischer, Facebook-Stasi, Anti-LGBTI-Wahlkampf

1. Nichts als Ärger: Wie Springers Bild Politik mit seinen Magazin-Covern im Populismus fischt
(meedia.de, Georg Altrogge)
„Meedia“-Chefredakteur Georg Altrogge hat sich die vier bisherigen „Bild Politik“-Ausgaben angesehen und erkennt darin ein wiederkehrendes System von Negativismen und Populismus. Ein Konzept, das zumindest im Print-Bereich nicht aufzugehen scheint.

2. Deutsche Datenschützer alarmiert über Facebooks interne Spitzelabteilung
(netzpolitik.org, Alexander Fanta)
Es liest sich schon ein wenig gruselig, was über Facebooks firmeninterne Überwachungsabteilung bekannt wurde. Ein „Sicherheitsteam“ observiere Mitarbeiter, die es als mögliche Gefährder einstufe, lese die Standortdaten von Ex-Mitarbeitern aus oder schnüffle in den Nachrichten von Praktikanten, die nicht zur Arbeit erscheinen. Facebook bestreitet, mit seinem Vorgehen gegen Datenschutzregeln zu verstoßen. Der Hamburger Datenschutzbeauftragte sieht das laut netzpolitik.org etwas anders und habe die Datenschutzbehörde in Irland eingeschaltet, die in Europa die Hauptzuständigkeit für Facebook hat.
Weiterer Lesetipp in Sachen Facebook: Facebooks Anti-Datenschutz-Lobbying geleakt (golem.de, Friedhelm Greis).

3. Hilfe, die «Junge Freiheit»! Die Schweizer Kette Press & Books säubert die Regale
(nzz.ch, Marc Felix Serrao)
Die Schweizer Handelskette „Press & Books“ (mehr als 200 Verkaufsstellen) hat die rechtskonservative Wochenzeitung „Junge Freiheit“ aus dem Programm genommen. „NZZ“-Autor Marc Felix Serrao ist irritiert und fragt sich, ob die deutsche Öffentlichkeit in Sachen Pressefreiheit toleranter als die Schweiz ist.

4. Zoë Beck: „Frauenquoten? Auf jeden Fall!“
(ndr.de, Jürgen Deppe, Audio: 8 Minuten)
Mit Blick auf den bevorstehenden Weltfrauentag hat der NDR sich mit der vielfach ausgezeichnete Thriller-Autorin Zoë Beck unterhalten. Es geht um die Frage, ob es auch im Kultur-, speziell im Literaturbereich eine Frauenquote geben sollte. Aber auch der Film- und Fernsehbereich sei betroffen, so Beck: „Da studieren an den entsprechenden Hochschulen genauso viele oder teilweise sogar ein bisschen mehr Frauen als Männer im Bereich Kamera oder Regie. Im Abspann sieht man aber, dass Männer deutlich in der Überzahl sind. Das ist ein Ungleichgewicht, und warum soll es da keine Quote geben?“

5. Nach AKK-Witz: BILD-Chef beschwört Wahlkampf gegen geschlechtliche Vielfalt
(nollendorfblog.de, Johannes Kram)
Johannes Kram schreibt über den Umgang der „Bild“-Redaktion mit dem LGTBI-Thema. Einerseits habe die Zeitung einiges getan, um queeren Menschen das Gefühl zu geben, ihre Andersartigkeit zu akzeptieren. Andererseits hetze und polemisiere die Zeitung unvermindert gegen geschlechtliche Vielfalt. Kram vergleicht den Mechanismus wie folgt: „… wie sich die BILD-Macher heute als Alliierte von LGTBI erklären, machten sie es noch vor wenigen Jahren, als sie sich als Flüchtlingshelfern generierten. Um dann, als es nicht mehr opportun war, genau das Gegenteil zu machen, also Geflüchtete fast ausnahmslos als Deutschlands Gefahr zu stilisieren.“

6. „Ich rechne jeden Tag mit meiner Absetzung“
(fr.de, Danijel Majic)
„Titanic“-Chefredakteur Moritz Hürtgen hat schon einige erfolgreiche Coups gelandet: Ob „Miomio-Gate“ bei „Bild“, die „Blasebalg-Leaks“ bei „Focus Online“ oder die Falschmeldung über die vermeintlichen Bündnisaufkündigung von CDU und CSU. Danijel Majic hat dem respektlosen Satiriker einige nicht minder respektlose Fragen gestellt.