Archiv für Januar 30th, 2017

Aus Fremden Aliens machen

Unter den Leuten, die von Donald Trumps diskriminierendem Einreiseverbot für Muslime betroffen sind, sind auch bekannte Wissenschaftler, Politiker, Popstars, Schauspieler, Sportler. Mo Farah schien zum Beispiel dazuzugehören. Der Brite, geboren in Somalias Hauptstadt Mogadischu, ist Leichtathlet. Er hat bereits viermal Gold bei den Olympischen Spielen gewonnen, Weltmeisterschaften gewonnen, Europameisterschaften gewonnen.

Farah lebt seit sechs Jahren in den USA, aktuell ist er im Trainingslager in Äthiopien. Und weil er natürlich irgendwann wieder zurück zu seiner Familie will, machte er sich gestern Sorgen. Schließlich gehört Somalia (neben Iran, dem Irak, dem Jemen, Libyen, dem Sudan und Syrien) zu den sieben Ländern, deren Bürger nach der „Executive Order“ von US-Präsident Trump für 90 Tage nicht in die USA reisen dürfen. Mo Farah veröffentlichte zu dem Thema einen Facebook-Post. Und daraus machte Bild.de wiederum diesen Artikel:

Im Text steht:

Für Farah (lebt in Portland/Oregon) ein Unding. Der britische 5000- und 10.000-m-Olympiasieger von London und Rio de Janeiro bei Facebook: „Am 1. Januar dieses Jahres hat mich ihre Majestät die Königin zu einem Ritter des Königreichs geschlagen. Am 27. Januar scheint mich Präsident Donald Trump zu einem Alien gemacht zu haben.“

Farahs Kritik an Trump kann man gut verstehen. Aber „zu einem Alien gemacht“ ist ja schon eine bemerkenswerte Formulierung. Mal nachsehen, was der Sportler wortwörtlich bei Facebook geschrieben hat

Hier, direkt im ersten Absatz:

On 1st January this year, Her Majesty The Queen made me a Knight of the Realm. On 27th January, President Donald Trump seems to have made me an alien.

Klar, liebe Bild.de-Linguisten, „alien“ kann in bestimmten Fällen durchaus „Alien“ heißen. In der Regel heißt es allerdings „Ausländer“ oder „Fremder“ oder „Fremdling“. Genauso wie damals, als ihr vor neun Jahren meintet, dass ein Ku-Klux-Klan-Aktivist in Barack Obama einen „Außerirdischen“ sieht.

Die Sportnachrichten-Agentur „sid“ hat Mo Farahs „alien“ ebenfalls mit „Alien“ übersetzt. Und so taucht die „sid“-Meldung mitsamt der „Alien“-Aussage zum Beispiel bei „Zeit Online“ und bei freiepresse.de auf. Die „Stuttgarter Zeitung“ schreibt hingegen, dass Farah meint, von „Präsident Donald Trump anscheinend zum Fremden gemacht“ worden zu sein.

Mo Farah wird nach dem Trainingslager in Äthiopien übrigens wieder in die USA reisen können. Trumps Einreiseverbot gilt für ihn nicht.

Mit Dank an Frank B. für den Hinweis!

„TV Movie“ sieht Gespensterfilm

Eine der wichtigeren Fragen dieser Tage lautet ja: Wie wird eigentlich der zweite Teil von „Fifty Shades of Grey“, der in knapp einer Woche in die Kinos kommt?

Hm, mal sehen — wer könnte da eine Antwort liefern? Ah, hier, die „TV Movie“ hat den Film offenbar schon gesehen:

TV MOVIE MEINT Wenn es um die filmische Umsetzung ihrer erotische (sic) Fantasien geht, versteht „Grey“-Autorin E.L. James keinen Spaß — der Streit um die kreative Kontrolle führte zum Beispiel zum Zerwürfnis mit der Regisseurin und Drehbuchautorin des ersten Teils. Die Fortsetzung inszenierte James Foley („House of Cards“), das Drehbuch schrieb ihr Ehemann Niall Leonard. Ebenso wie der Vorgänger bietet auch Teil 2 stylishe Bilder und geschmackvoll inszenierte Sexszenen, inhaltlich aber mehr: Die Thriller-Handlung sorgt für Düsternis und Spannung. Nicht zuletzt dank Kim Basinger, die als mysteriöse Schmerzexpertin „Mrs. Robinson“ ein belebendes Element darstellt.

Ja, gut, klingt jetzt etwas austauschbar: „stylishe Bilder“, „geschmackvoll inszeniert“, „Düsternis und Spannung“. Und auch die Posse mit dem Zerwürfnis konnte man sicher schon irgendwo nachlesen. Und auch die Infos aus der Inhaltsangabe im Absatz davor („sechs harte Schläge auf den nackten Po“, „ein geheimes Verlangen nach dem Mann“, „Schatten der Vergangenheit lassen Christian nicht los“ und so weiter) könnte der anonyme Autor dieser Kritik natürlich gar nicht aus dem Film haben, sondern aus dem dazugehörigen Buch.

Aber die „TV Movie“-Redaktion — nach eigenen Angaben immerhin „Europas härteste Filmredaktion“ — wird den neuen „Fifty Shades of Grey“ bestimmt schon gesehen haben. Wie sollte sie sonst auf diese abschließende Bewertung kommen?

Jetzt gibt es bloß so ein doofes Gerücht: Auf der Facebookseite von „TV Spielfilm“ steht, dass „der Film noch gar keinem Journalisten gezeigt worden ist“. Und ein Anruf beim Verleiher „Universal Pictures“ bestätigt das: Der Kritiker der „TV Movie“ kann den Film noch gar nicht gesehen haben.

Auf dieser Grundlage hier mal die Bewertung von Europas härtester Filmkritikredaktion — uns — zur aktuellen „TV Movie“:

Kackdreiste Kritik: noch unehrlicher, unjournalistischer — dafür mit ganz viel Unverschämtheit!
Fantasie

Ehrlichkeit
 
Chuzpe

Ausdenfingernsaugen

Journalismus
 
Leserverarsche

Mit Dank an Peter M. für den Hinweis!

Nachtrag, 18:15 Uhr: Was die „Bauer Media Group“, bei der die „TV Movie“ erscheint, zu dem Vorfall sagt, steht übrigens bei „DWDL“ (Spoiler: Die Unternehmenssprecherin bestreitet nicht, dass die Redaktion den Film gar nicht gesehen hat).

Nachtrag, 31. Januar: „Viel nackte Haut“, „aufregendes Kribbeln“, „etwas mehr Tiefgang und einen Extraschuss Thrillerspannung“ — auch die Hellseher Filmseher von „TV direkt“ haben sich eine Allgemeinplatz-Kritik zum zweiten Teil von „Fifty Shades of Grey“ ausgedacht:

Mit Dank an Horst S. und @ChristianZiVers für die Hinweise!

VK-Druiden-Netz, Chinas TV-Pranger, Herausgeberbeef

1. Übergriffe und Wirkungen
(correctiv.org, David Schraven)
„Correctiv“-Gründer David Schraven berichtet von zunehmenden Angriffen auf das journalistische Portal. Nicht alle Attacken seien offen und fair. Bisweilen werde kampagnenartig versucht, die Arbeit des Investigativprojekts zu stören. Das reiche von übler Nachrede bis hin zu konkreten Bedrohungen. Mittlerweile stehe die Redaktion unter polizeilichem Objektschutz und Personenschützer würden in den Redaktionsräumen ein und ausgehen.

2. Es fehlt also der Innenausbau
(faz.net, Jürgen Kaube)
Recht scharfe Kritik eines Herausgebers (Jürgen Kaube, „FAZ“) an einem Herausgeberkollegen (Gabor Steingart „Handelsblatt“). Steingart würde wiederholt gegen den Kanzlerkandidaten der SPD Martin Schulz wettern. Einer der Vorwürfe: Martin Schulz habe kein Abitur. Ein Vorwurf, den Kaube nicht gelten lassen will und Steingart am Ende des Artikels gepflegt um die Ohren haut: „Aber was manches Abitur wert ist, wenn jemand, der eines hat, die Qualifikation für politische Führungsrollen an seinen Besitz knüpft, das wissen wir jetzt schon.“

3. Ö24.tv stellt Chef vom Dienst frei – Der wollte Betriebsrat gründen
(derstandard.at)
Zoff bei „oe24.tv“, dem Online-Portal der Tageszeitung „Österreich“. Dort wurde der Chef vom Dienst rausgeschmissen und mit sofortiger Wirkung von der Arbeit freigestellt. Angeblich eine halbe Stunde nachdem dieser einen Betriebsrat gründen wollte.

4. Im VK-Netz des Druiden
(tagesschau.de, Mareike Aden & Arndt Ginzel)
Hetzer und Rechtsextreme nutzen offenbar das russische Facebook-Pendant „VK“ zum ungehinderten Austausch. Hier war auch der selbst ernannte Druide „Burgos von Buchonia“ aktiv, der seit kurzem wegen des Verdachts der Gründung einer rechtsextremen Organisation in Untersuchungshaft sitzt. Der Moskauer Journalist Roman Dobrochotow, Chefreporter des investigativen, kremlkritischen Internetportals „The Insider“, glaube, dass es an Sanktionsmöglichkeiten nicht mangele: „Wenn der russische Staat wirklich wollen würde, dass bei ‚Vkontakte‘ keine Neonazis aktiv sind, dann wäre alles innerhalb von einem Tag blockiert oder gelöscht.“

5. Das Staatsfernsehen als öffentlicher Pranger
(zeit.de, Kai Biermann)
Finsterstes Mittelalter mit den Methoden der Neuzeit: Die chinesische Regierung erpresst Geständnisse und zeigt sie im Staatsfernsehen einem Millionenpublikum. Um Gegner in der Öffentlichkeit zu erniedrigen und sie ohne einen ordentlichen Prozess zu verurteilen. Und um Kritiker, Dissidenten und Beamte einzuschüchtern.

6. How the media should be covering Donald J. Trump.
(facebook.com/GQ, Keith Olbermann, Video, 2:12 Minuten)
Der amerikanische Moderator Keith Olbermann hat sich mit einer vielbeachteten Videoansprache an die Medien gerichtet. Olbermann schlägt vor, die Liveberichterstattung von Trumps Reden einzustellen: „Use a delay, employ a team of fact checkers, play his rants, and each time he lies, stop the tape and state the facts. Do not participate in Trump’s propaganda game.“