Archiv für Januar 19th, 2017

Bild.de sieht Luzifer-Trump und 27 Jahre Dritten Weltkrieg

Bei „Bild“, Bild.de und „Bild am Sonntag“ scheint momentan ein Versuch zu laufen, für Geschichten auch mal auf unkonventionellere Quellen zurückzugreifen. Und damit meinen wir jetzt nicht, dass die „Bild“-Medien gerade erst wieder auf eine Satireseite reingefallen sind. Wir denken dabei eher an so eine Geschichte:

Aber nicht nur bei so lapidaren Dingen wie dem Wetter recherchieren die „Bild“-Redakteure auf ungewöhnliche Art und Weise, sondern auch bei harten Themen wie Politik. Zum Beispiel zur Amtseinführung von Donald Trump: Da hat „Bild am Sonntag“ zwar nicht den „Zwiebel-Schamanen“ um Rat gefragt, dafür aber einen Numerologen:


Erstmal müssen grundlegende Dinge zur Zahlenwelt rund um Trump geklärt werden:

Numerologe Arndt Aschenbeck sieht in der Zahl ein Omen für die Präsidentschaft: „Trump ist am 14.6.1946 geboren. Die Quersumme seines Geburtstages ist 5 (14=1+4). Die Quersumme seines gesamten Geburtsdatums ist 4 (1+4+6+1+9+4+6 = 31= 3+1 =4). Das bedeutet, die 45 findet sich auch unter seinen beiden wichtigsten persönlichen Zahlen wieder.“

Jo. Und was heißt das jetzt? Eindeutige Antwort: Positives und Negatives.

Was das bedeutet, erklärt der Experte so: „Die 45 ist eine starke und schöpferische Zahl. Unter ihr kommt man zu herausragenden gesellschaftlichen Positionen — vorausgesetzt, man lässt sich nicht von außen beeinflussen.“

Doch die Zahl habe auch negative Züge: „Die 45 ist leicht beeinflussbar, ungeduldig, stolz und lässt sich aus der Ruhe bringen. Auch starke Reizbarkeit und gelegentliche Zornausbrüche sollten vermieden werden, indem man sich in Selbstbeherrschung, Geduld und Ausdauer übt.“

Män könne auch noch aus den „Einzelzahlen“ etwas über „den Charakter eines Menschen“ lesen, so der Numerologe. Den Part überspringen wir gerade mal und kommen besser direkt zum Fazit:

Fazit des Experten: „Wie man sieht, widersprechen sich die 4 und die 5 komplett. Die 4 will, dass alles so bleibt, wie es ist. Die 5 will verändern. Diesen Konflikt hat Trump schon in seiner Persönlichkeit angelegt. Und es kann gut sein, dass dieser Widerspruch auch seine Präsidentschaft prägt. Auf der einen Seite will er vieles reformieren und anders machen, auf der anderen Seite ist er stur und nicht gewillt, seine persönlichen Ansichten zu ändern.“

Dieser Artikel zur kommenden Präsidentschaft Trumps ist am vergangenen Sonntag auch in der gedruckten „Bild am Sonntag“ erschienen. Mit einer Ausnahme: Statt, wie bei Bild.de, „elf wichtige Fragen zur Machtübernahme im Weißen Haus“ zu beantworten, liefert die Printversion nur Antworten auf zehn Fragen — der gesamte Teil mit der Numerologie wurde gestrichen. War dann vielleicht doch etwas zu speziell.

Mit den Zahlenspielen sind die besonderen Recherchen zu Donald Trump bei Bild.de aber noch nicht ausgeschöpft. Es gibt schließlich noch Nostradamus:

Der französische Apotheker, Arzt und Astrologe (1503 – 1566), der die Große Depression, den Zweiten Weltkrieg oder den Anschlag vom 11. September vorhergesagt haben soll, warnte angeblich im Jahre 1555 in seinen vierzeiligen Versen (Quatrains) vor dem Aufstieg des dritten Anti-Christen.

Ist Donald Trump nach Napoleon Bonaparte und Adolf Hitler die dritte Inkarnation des Teufels? Wird der New Yorker Immobilienmogul einen 27 Jahre langen Weltkrieg auslösen?

Doch, doch, diese Fragen stellt Bild.de tatsächlich. Und legt „zwei Beweise“ der „Amerikanischen Nostradamus Gesellschaft“ dafür vor, dass Nostradamus Trump gemeint hat:

► Eine Illustration des Astrologen, in der ein brennender Turm (Englisch: Tower) zu sehen ist. In dem Bericht der Gesellschaft hieß es damals: „Mit dem Bild eines Turmes schreit Nostradamus geradezu den Namen Trump. Und das Feuer ist eindeutig ein Weg, uns vor seinen entzündbaren Reden zu warnen.“



► Ein Vers von Nostradamus, der etwa so lautet: „Biester werden wild vor Hunger die Flüsse überqueren. Der größte Teil des Schlachtfeldes wird gegen Hister sein. In einen eisernen Käfig wird der Große gezogen, wenn das deutsche Kind keine Regeln befolgt.“

Die Nostradamus Gesellschaft deutete den Vers so: „Hister ist der lateinische Name für den Fluss Donau, der durch Deutschland fliesst. Trump hat deutsche Wurzeln. Und das Schlachtfeld ist offensichtlich das große Feld der republikanischen Kandidaten. Der Eiserne Käfig sind die TV-Debatten und die Biester, die den Fluss überqueren, sind die Einwanderer, die über den Rio Grande kommen, gegen die Trump so gewütet hat.“


Gut, wäre das auch geklärt.

Dass Donald Trump der von Nostradamus prophezeite „Anti-Christ“ ist, belegt der Bild.de-Autor mit einer weiteren Beobachtung:

Und dann war da noch etwas: Trump hatte sich in seinem Wahlkampf sogar mit Papst Franziskus angelegt.

Der Pontifex hatte auf einer Reise von Mexiko nach Rom gesagt: „Eine Person, die nur an das Bauen von Mauern denkt … und nicht an das Bauen von Brücken, ist kein Christ.“

Als Reaktion darauf hatte Donald Trump in seiner typischen Art gegen Papst Franziskus gewettert. Und die Tageszeitung „Daily News“ habe laut Bild.de getitelt: „‚Der Anti-Christ!'“

Sehen Sie? Klare Sache.

So ganz einig scheinen sich die Experten dann aber doch nicht zu sein:

Der Nostradamus-Experte John Hogue (61) aus Hollywood glaubt nicht, dass Trump „Mabus“ (Nostradamus’ Codename für Luzifer) ist, sondern vielmehr das Opfer eines Attentats sein wird. Die Ereignisse würden anschließend im Dritten Weltkrieg eskalieren.

Das führt natürlich direkt zu einer wichtigen Frage:

Wenn Trump nicht der Teufel ist, aber Nostradamus seine dritte Inkarnation für 2017 prophezeit hat, wer könnte es dann sein?

Jaha. Aber auch da kann Bild.de helfen:

Zur Wahl stehen unter anderem Putin und Kim Jong-un. Oder ist es gar Trumps Schwiegersohn Jared Kushner (36)? Das Büro seines milliardenschweren Immobilien-Imperiums in Manhattan hat die Adresse 666 Fifth Avenue. 666 ist die Zahl des Teufels.

Vielleicht kann der Numerologe ja mal daraus die Quersumme bilden und uns sagen, was das dann alles zu bedeuten hätte.

„Kleine Zeitung“ findet zweieinhalb Monate alte Wasserleiche

Wir müssen noch einmal auf die Suche nach einer Wasserleiche im Hamburger Hafen am vergangenen Wochenende zurückkommen. Die Polizei hatte nach einer Meldung von drei Barkassenführern, die sagten, sie hätten etwas in der Elbe treiben sehen, am Samstag knapp drei Stunden gesucht. Vergeblich — die Beamten haben nichts gefunden, die Suchaktion wurde ohne Ergebnis abgebrochen.

Bild.de und andere Medien spekulierten dennoch, ob da nicht vielleicht doch eine Wasserleiche war und ob es sich dabei nicht vielleicht um einen seit einigen Tagen vermissten Mitarbeiter des Fußballklubs HSV handeln könnte.

Die „Kleine Zeitung“ aus Österreich hatte auf ihrem Onlineableger (in der Kategorie „Sport > Fußball > International > Deutsche Bundesliga“) ebenfalls über den Polizeieinsatz berichtet. Und das ganz anders als alle andere Medien:

Im Text steht:

Arbeiter des Containerterminal Burchardkai haben heute gegen 13.20 Uhr eine Person leblos im Hamburger Hafen treibend gefunden und umgehend die Polizei informiert. Wasserschutzpolizei und auch Feuerwehr bargen die Leiche. „Die Person muss schon längere Zeit im Wasser gelegen haben. Es war nicht zu erkennen, welchen Geschlecht die Person ist“, erklärte ein Polizeisprecher. Zur Identifizierung wurde die Leiche ins Institut für Rechtsmedizin nach Eppendorf gebracht.

Natürlich wird in Hamburg nun spekuliert, ob es sich bei der Leiche um den verschwundenen HSV-Manager Timo Kraus (44) handelt, von dem seit einer Woche jede Spur fehlt.

Wir haben bei der Polizei Hamburg, die für die Suchaktion in der Elbe verantwortlich war, nachgefragt, ob das Zitat des Polizeisprechers von dort stammt. Die Antwort: „Nein.“ Dann haben wir bei der Polizeiinspektion Harburg, die für den Fall des vermissten HSV-Mitarbeiters generell verantwortlich ist, nachgefragt, ob das Zitat von dort stammt. Die Antwort: „Nein.“

Es bleibt dabei: Es wurde am vergangenen Wochenende in Hamburg keine Wasserleiche gefunden, auch wenn die „Kleine Zeitung“ das behauptet. Die Redaktion hat sich bei ihrer, öhm, „Recherche“ schlicht vergooglet und beim falschen Abschreiben zwei Fälle durcheinandergeworfen.

Vor zweieinhalb Monaten erschien dieser Artikel auf der Internetseite der „Hamburger Morgenpost“:

Der Text kommt uns verdächtig bekannt vor:

Arbeiter des Containerterminal Burchardkai entdeckten gegen 13.20 Uhr eine Person leblos in der trüben Elbe treibend und informierten die Polizei. […]

„Die Person muss schon längere Zeit im Wasser gelegen haben. Es war nicht zu erkennen, welchen Geschlecht die Person ist“, so ein Polizeisprecher. Zur Identifizierung wurde die Leiche ins Institut für Rechtsmedizin am UKE in Eppendorf gebracht.

Mit Dank an Carsten P. für den Hinweis!

Nachtrag, 15:38 Uhr: Der Artikel der „Kleine Zeitung“ ist inzwischen ohne jeden Hinweis verschwunden.

Kalter Kaffee „Fake News“, Björn Höcke, Siegeszug der Infografik

1. „Fake News“ und der blinde Fleck der Medien
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Alle wollen jetzt alles gegen „Fake News“ unternehmen. Sie sei „ein bisschen niedlich, die in Deutschland gerade grassierende Angst, dass Wahlen in Zukunft durch ‚Fake News‘ beeinflusst werden könnten“, schreibt Stefan Niggemeier. Denn eigentlich gebe es das doch schon lange: Texte, die zwar einen wahren Kern haben, aber durch einen besonderen Dreh die Vorurteile der Leser bedienen sollen. Bei „Bild“ zum Beispiel, Stichwort „Veggie Day“, ohne dass sich wirklich jemand darüber aufregte. Niggemeier: „Wenn die etablierten Medien diesen Kampf nicht als einen Kampf gegen Desinformationen aller Art führen, sondern als einen Kampf Wir gegen Die“, dann hätten sie keine Chance, diesen Kampf zu gewinnen. Ebenfalls zum Thema: Caroline Lees bei „EJO“ mit Tipps, „wie man Fake News erkennen kann“. Und James Warren bei „Poynter“ über eine neue Studie, die sagt, „Fake News“ hätten nicht signifikant zu Donald Trumps Wahlsieg beigetragen (englisch).

2. Schauen Sie diese Rede
(spiegel.de, Sascha Lobo)
„AfD“-Rechtsaußen Björn Höcke hat in Dresden eine Rede gehalten, die nicht nur, aber vor allem wegen seiner Äußerungen zum Holocaust-Mahnmal in Berlin scharf kritisiert wird. „Schauen Sie diese Rede“, fordert Sascha Lobo die Leser seiner Kolumne auf, damit sie später nicht sagen können, man hätte es nicht wissen können: „Wollen Sie das wirklich? Wollen Sie, weil Sie zum Beispiel mit der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung nicht einverstanden sind, einen Mann mit an die Macht bringen, der glaubt, nicht etwa der umgesetzte Holocaust, sondern das deshalb errichtete Holocaust-Mahnmal mache die deutsche Geschichte mies?“

3. Nationale Angelegenheit
(sueddeutsche.de, Karoline Meta Beisel)
Eine Untersuchung der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität zeige, dass Zeitungen nach der Silvesternacht 2015/2016 „sehr viel häufiger als zuvor die Nationalität von Tatverdächtigen genannt“ hätten, schreibt Karoline Meta Beisel. Ob sich diese Zunahme auch mit einer Zunahme von Kriminalität unter Ausländern deckt? Das könne man noch nicht endgültig sagen, schließlich sei die dafür nötige Kriminalitätsstatistik noch nicht erschienen. Aber: „eher unwahrscheinlich“.

4. Die Nebenjobs von ARD & ZDF-Sportmoderatoren
(ndr.de, Daniel Bouhs, Video, 6:27 Minuten)
Sportjournalisten berichten über Sport, klar. Aber was, wenn Sportmoderatoren der öffentlich-rechtlichen Sender mal bei einer „FIFA“-Gala moderieren oder beim „Camp Beckenbauer“ eine Veranstaltung präsentieren und gleichzeitig im TV kritisch über Franz Beckenbauers Rolle bei der WM-Vergabe berichten? Ist eine kritische Distanz bei der journalistischen Arbeit dann noch möglich? Daniel Bouhs zeigt verschiedene Beispiele, die sich laut Medienwissenschaftler in einer „sehr dunklen Grauzone“ bewegen.

5. Die neuen Welterklärer
(tagesanzeiger.ch, Bernd Graff)
„Wenn ein Bild mehr wert ist als tausend Worte, dann ist eine Grafik mehr wert als tausend Zahlen“, schreibt Bernd Graff über den Siegeszug von Infografiken: „Sie vermitteln ein Verständnis von Welt. Die oft schockierenden Bilder der Kriegsfotografie mögen die unmittelbare Wirklichkeit belegen. Doch gegen die Deutungshoheit der Infografik bleiben sie schlichte Dokumente.“

6. Der Trend geht zum Untertitel
(deutschlandradiokultur.de, Mike Herbstreuth, Audio, 5:00 Minuten)
Die wachsende Beliebtheit von Serien aus anderen Ländern, oder Videos, die man sich auf dem stummgeschalteten Smartphone in der U-Bahn anschaut — es gebe verschiedene Gründe für die „Renaissance von Untertiteln“, zeigt Mike Herbstreuth. Aber es gebe ihn, den Trend zur Untertitelung. Herbstreuth hat unter anderem mit einem Hobby-Untertitler gesprochen, der pro Serienfolge schon mal 15 bis 20 Stunden Arbeit investiert.