Am vergangenen Mittwoch hat sich ein Mann in einem Kölner Supermarkt mit Benzin übergossen und selbst angezündet. Er wurde lebensgefährlich verletzt.
Viele Medien berichten seitdem über den Fall. Vermutlich sind es die besonderen Begleitumständen der Tat – insbesondere die Tatsache, dass der Mann auch andere Menschen in Gefahr gebracht hat –, die aus Sicht der Journalisten eine Berichterstattung rechtfertigen.
Einige Medien hielten sich dabei sogar (mehr oder weniger) an das, was der Presserat und Psychologen seit Jahren immer wieder fordern, nämlich zurückhaltend über (versuchte) Suizide zu berichten.
“Bild” gehörte nicht dazu.
Die Zeitung schilderte nicht nur sämtliche Details der Tat, sondern zeigte auch ein nicht unkenntlich gemachtes Foto des Mannes beim Kauf des Benzins. Dazu werden im Text sein Vorname sowie weitere Einzelheiten aus seinem Privatleben genannt.
Und dann war da noch das:
So sah die Seite drei der “Bild”-Bundesausgabe vom letzten Freitag aus.
Bei “Bild” ist das eine gängige Masche, vor allem bei tödlichenUnfällen, Morden und anderenbrutalenGeschichten: Wenn die Redakteure schon kein grausames Foto auftreiben können, lassen sie eben eine grausame Zeichnung anfertigen.
All denjenigen, die sich nicht vorstellen können, wie eine Kinderleiche oder ein brennender Mann aussehen, hilft “Bild” also nach. Ob sie wollen oder nicht.
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2. “Wie geht es mit dem Leistungsschutzrecht weiter?” (internet-law.de, Thomas Stadler)
Die Frage sei letztlich, wer wen dringender brauche, schreibt Thomas Stadler: “Google wird es sich ohne weiteres erlauben können, Google-News in Deutschland zu schließen und die Verlage für eine Weile von der Suchmaschine auszusperren. Man wird dann eben die Inhalte von FAZ, SZ, ZEIT, Spiegel, Welt, BILD, Stern u.a. nicht mehr über Google finden können. Einige kleinere Verlage werden schlau genug sein und Google unentgeltliche Nutzungsrechte einräumen. Die Leidtragenden werden die Nutzer sein, denn das geplante Gesetz erschwert die Auffindbarkeit von Inhalten im Netz erheblich.”
3. “Lex Google” (substanz.davidherzog.ch)
Es wird nun auch in Schweizer Zeitungen ein Leistungsschutzrecht nach deutschem Vorbild gefordert.
5. “Von wegen Fischeinwickelpapier” (welt.de, Marc Reichwein)
Marc Reichwein zu Besuch im Innsbrucker Zeitungsarchiv: “Archiviert wird nicht mehr, aber auch nicht weniger als der weltweite Literaturbetrieb auf der Basis deutschsprachiger Medien.”
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1. “Unerträglich dämlich” (taz.de, Anna Klöpper)
Anna Klöpper rezensiert die “Sachsen-WG” auf Bild.de: “Die ‘Sachsen-WG’ zeigt, dass man Scripted Reality offenbar auch prima auf Print/Online übertragen kann. Zwar will man bei Springer weder von Inszenierung etwas hören noch davon, man benutze das Vorbild des Scripted-Reality-TV für das geschriebene Wort.”
2. “Analyse: der typische Bild.de-Nutzer” (meedia.de, Jens Schröder)
Auf den typischen “Spiegel-Online”-Nutzer folgt der typische Bild.de-Nutzer: “Er ist männlich, zwischen 14 und 29 Jahre alt, hat mindestens einen Realschulabschluss und ist berufstätig. Im Vergleich zu Spiegel Online ist er etwas weiblicher, jünger, etwas schlechter gebildet und verdient weniger Geld. Inhaltlich interessiert sich der Bild.de-Leser vor allem für Boulevard-Themen, gern mit TV-Hintergrund, sowie für Sport und das Thema Geld.”
4. “Schluss mit dem Schmarotzertum: t3n fordert Berichterstattungsgebühr” (t3n.de, Johannes Haupt)
Das Magazin “t3n” fordert “eine Berichterstattungsgebühr (BEG) für Presseverleger”: “Wir meinen: Unternehmerische und persönliche Leistungen, die Medien mittels Berichterstattung ausschlachten, kosten Zeit und Geld. Darum können wir es sehr gut verstehen, dass Berichterstattungsobjekte an den Erlösen der Verleger beteiligt werden wollen.”
Am Dienstag wurde in Berlin der Deutsche Sozialpreis 2012 verliehen. Damit werden seit einigen Jahrzehnten journalistische Arbeiten zu sozialen Themen ausgezeichnet. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel war gekommen, sie hielt das Grußwort.
Und so berichtet Bild.de über die Preisverleihung:
Klamaukiger Tatort, immer mehr Scripted Reality und Rosamunde Pilcher im deutschen Fernsehen – seit Jahren wird über die Qualität im TV gestritten.
Jetzt schaltet sich in die Trash-TV-Debatte überraschenderweise Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ein!
Nun, dieses “Einschalten” und “Rüffeln” der Kanzlerin bestand aus genau drei Sätzen, wie man hier nachlesen kann. Frau Merkel sagte:
Ich möchte mich auch an die anwesenden Medienvertreter richten. Ich will zwar nicht vorschlagen “mal einen Krimi weniger und stattdessen etwas aus dem richtigen Leben” – aber so etwas in der Richtung. Ich plädiere also für gute Sendezeiten für die Beiträge, die etwas über das wirkliche Leben erzählen.
Auf Bild.de liest sich das dann so:
“Mal einen Krimi weniger und stattdessen etwas aus dem richtigen Leben”, gab sie den deutschen TV-Machern auf den Weg. (…) Programmverantwortliche sind also jetzt von oberster Stelle aufgefordert: Weniger Tatort und Landarzt – mehr echtes Leben.
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1. “Falschmeldung mit hoher Reichweite: Google kauft Wi-Fi-Unternehmen ICOA für 400 Millionen Dollar” (drweb.de, Dieter Petereit)
Google hat kein Unternehmen für 400 Millionen US-Dollar übernommen. “Die falsche Pressemitteilung, eingereicht über einen kostenlosen Presseservice namens PRWeb, hatte vermutlich zum Ziel, den Wert der ICOA-Aktie, der bei einem Bruchteil eines Pennies vor sich hindümpelt, kurzfristig zu erhöhen. Das gelang sogar. Der Wert vermehrfachte sich.”
3. “Journalisten-Kodex verletzt” (persoenlich.com) “Das Magazin” hat in einem Artikel versehentlich die Namen von zwei Personen unverändert abgedruckt. Ein Fall für den Presserat wurde es, weil sich das Magazin weder öffentlich für den Fehler entschuldigt, noch genügende Korrekturmaßnahmen eingeleitet hatte.
4. “Zugespitztes Zitat von Ex-Tagesschau-Sprecherin war rechtmäßig” (heise.de/tp, Markus Kompa) Eva Hermann verliert vor dem Bundesverfassungsgericht im Streit um eine Passage im “Hamburger Abendblatt”: “Die Beschwerdeführerin, der es nicht gelungen sei, sich unmissverständlich auszudrücken, müsse die streitgegenständliche Passage als zum ‘Meinungskampf’ gehörig hinnehmen.”
5. “Journalisten am Ende?” (statistiker-blog.de, Tilman Weigel)
In der Zeit von 1999 bis 2011 stieg die Zahl der Beschäftigten im Bereich “Publizisten” gemäß der Bundesagentur für Arbeit um rund 25 Prozent an.
Es muss die Leute bei Bild.de große Überwindung gekostet haben, sich auf 20 zu beschränken:
Andererseits geht’s ja auch nicht primär um abwegige Begriffe, die hoffentlich niemand in den Mund nimmt (“Ballerbüchse”, “dicke Bertha”, “Geigerzähler”, “Liebeslanze”, …), sondern um praktische Lebenshilfe:
Neben den Stellungs-Empfehlungen gibt es aber auch noch ein bisschen … nun ja: Smalltalk-Wissen:
Die Geschichte von “Long Dong Silver” wird in solchen Service-Strecken gerne erzählt, sie hat aber einen kleinen Haken: “Long Dong Silver” ist eine Erfindung des Fotografen Jay Myrdal, der den angeblichen Riesenpenis mit analoger Bildbearbeitung erschuf. In den Filmen kam dann eine Prothese zum Einsatz, die von einem Maskenbildner geschaffen wurde.
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1. “‘Räumen sie ihr Konto leer’: Die BILD macht Angst vorm Weltuntergang” (scienceblogs.de, Florian Freistetter)
Wegen eines angeblich bevorstehenden Weltuntergangs empfiehlt “Bild” seinen Lesern, die Lebensversicherung zu kündigen sowie das Konto zu leeren oder zu überziehen. “Nicht jeder weiß, dass die Texte bei BILD nicht unbedingt etwas mit Journalismus zu tun haben und nicht ernst zu nehmen sind. Manchmal lesen zum Beispiel auch Kinder Texte im Internet – und wenn die dann auf solchen Schund wie in diesem Artikel treffen, dann bekommen sie Angst.”
2. “Liebe WELT!” (texterella.de, Susanne Ackstaller)
Susanne Ackstaller findet einen eigenen Text von 2011 in der “Welt Kompakt”: “Naja, perfide umschreiben ist halt auch ein Talent – hat aber leider dann doch nicht gereicht, um die krasse Ähnlichkeit nicht offensichtlich zu machen.” In den Kommentaren entschuldigt sich der Redaktionsleiter der “Welt Kompakt”: “Die junge Kollegin wurde streng ermahnt, ihre Modekolumne wird mit sofortiger Wirkung eingestellt.”
3. “Gedruckte Zeitungen? Nichts für mich.” (schmalenstroer.net)
Gedruckte Zeitungen passen nicht mehr in das Nutzungsverhalten von Michael Schmalenstroer: “Gerade bei kontroversen oder interessanten Themen neige ich dazu, weiter zu recherchieren. Gerade da in jeder Zeitung eine gehörige Portion Meinungsmache steckt, ist es essentiell, bei umstrittenen Themen mehrere zu konsultieren und vielleicht auch mal Google oder ein Lexikon zu befragen.” Siehe dazu auch “Übers Zeitungssterben oder: weshalb ich alle Abos auslaufen lasse” (arlesheimreloaded.ch, Manfred Messmer).
Nanu, was ist denn da los? Bild.de zeigt sich seit gestern Abend von einer völlig neuen Seite:
Nackte Haut? Bild.de meint: “Schlampig”. Knappe Outfits? Ganz und gar “deplatziert”. Nippelblitzer? “Zum Fremdschämen.” Ein hautfarbener String in Kombination mit Netzstrumpfhose? “Das Gegenteil von sexy.”
Der Grund für diese ungewohnten Töne aus der Redaktion ist Sängerin Madonna. Die zeigt sich auf ihrer aktuellen Tour nämlich äußerst freizügig – und Bild.de fragt:
Madonna (54) provoziert gern – das ist nichts Neues. Leider schießen ihre modischen Provokationen in letzter Zeit aber immer wieder übers Ziel und geben Grund zum Fremdschämen (…).
Die Queen of Pop hatte schon immer ein Problem damit, die Klamotten anzubehalten. Knapp und sexy soll es auf der Bühne sein, denn jeder weiß: Sex sells. Bei ihrem Konzert in Miami hätte ein bisschen mehr Stoff aber nicht geschadet.
Slip und die Netzstrumpfhose suchen sich ihren Weg – und ein Cameltoe lässt sogar hartgesottene Madonna-Fans zweifeln, ob die “Queen of Pop” damit wirklich hot ist – auch ihre Kehrseite will in diesem Bühnenoutfit ganz und gar nicht sexy aussehen. In den 80er-Jahren waren solche Auftritte vielleicht noch frech und “shocking”, aber heute wirken sie eher schlampig und deplatziert.(…)
Und nur im BH bekleidet auf der Bühne zu stehen, ist auch keine Lösung.
So verklemmt haben wir die Redakteure von Bild.de wirklich selten erlebt. Aber so ganz kaufen wir ihnen die neue Spießigkeit nicht ab.
Grund 1: In der mitgelieferten Fotostrecke gibt es vier Fotos von Madonnas Hintern, zwei von ihr im BH, eins von ihrer nackten Brust, eins von ihr mit “Cameltoe” und eins, auf dem sie ihr Kleid hochzieht und ihre Unterwäsche zeigt.
Grund 2: Die Fotos tragen Unterschriften wie “Wozu Klamotten? Manchmal reicht auf der Bühne auch nur ein BH” oder “Madonna zeigt ihre knackige Kehrseite” oder “Ups! Madonna lüftet ihren Rock”.
Grund 3: Das Foto mit der Beschriftung “Wenn das Höschen in der Ritze verschwindet, lädt das nicht gerade zum Hinschauen ein” zeigt das Höschen, das in der Ritze verschwindet.
Grund 4: Das “Cameltoe”-Foto wird nicht nur in normaler Größe geliefert, sondern auch in groß und in megagroß.
Grund 5: Bisher fand Bild.de Madonna in ihren knappen Outfits eigentlich ganz geil:
Den begeisterten Zuschauern bot sie dann ein farbenfrohes Musikspektakel mit Videoeinlagen. Madonna schlüpfte in sexy Kostüme, sang im Schulmädchen- und Domina-Look, ließ Tänzer in Nonnen-Kostümen um sich herumwirbeln.
In der Fotostrecke: einmal Madonnas “Popo-Blitzer”, zweimal Madonna im BH.
Madonnamia! Beim Video-Dreh zu ihrer nächsten Single “Turn Up The Radio” in Florenz zeigt Madonna (53) was sie (noch immer) hat: ein ganz schön pralles Dekolletee.
Sexy Ledermini, Netzstrumpfhosen und den Busen ordentlich hochgeschnallt – so kann man einen Song natürlich auch pushen!
In der Fotostrecke: Zweimal Hintern, zweimal BH, einmal Brust.
Madonna (53) lässt in ihrem neuen Video gaaanz tief blicken. “Turn Up The Radio” ist die dritte Singleauskopplung vom ihrem aktuellen Album “MDNA”.
Gedreht wurde der sexy Clip zu dem poppigen Song vor wenigen Wochen in Florenz. BILD.de berichtete schon damals von der sexy quetschy Queen.
Auch mit ihren 53 Lenzen steht Madonnas Busen wie ‘ne Eins – was allerdings an dem supereng geschnürtem Spitzen-BH liegen könnte. (…)
Überzeugen Sie sich selbst – sehen Sie hier die Premiere des heißen Italien-Videos!
In der Fotostrecke: dreimal Hintern (“Hallöchen Popöchen!”), zweimal BH, einmal Brust.
Bei Bild.de geht so was: An einem Tag geilt man sich sabbernd an irgendeinem knappen Höschen auf, und am nächsten Tag findet man dasselbe knappe Höschen ganz schön schlampig. Aber egal, was man macht — Hauptsache man zeigt verdammt nochmal das knappe Höschen.
Es gibt ja quasi nichts, was Journalisten nicht als Rangliste präsentieren könnten:
“Bild” berichtete am Mittwoch jedenfalls ganz aufgeregt:
Sportlich macht Aufsteiger Frankfurt Spaß. Platz 3 in der Liga. Doch auf den Rängen machen die Eintracht-Fans oft Ärger. Platz 1 in der Gewalt-Tabelle des deutschen Profifußballs.
BILD liegt die bisher geheim gehaltene Liste aus dem Bericht der “Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze” der Polizei exklusiv vor.
Anders als angeblich “Bild” liegt uns die Langfassung des Berichts nicht vor und die ZiS hat bisher nicht auf unsere Anfrage reagiert. Deswegen können wir auch nicht beurteilen, ob in dieser andere Zahlen stehen als in der gekürzten Version — oder ob “Bild” sich beim Abschreiben schlicht vertan hat.
Die Zeitung jedenfalls schreibt:
Für die Saison 2011/12 sind dort 10603 Gewalt-Fans für 1. und 2. Liga vermerkt. Davon 7830 sogenannte “Kategorie B-Fans” (gewaltbereit) und 2783 aus der Kategorie C (gewaltsuchend). Ein Anstieg von 918 Personen im Vergleich zur Vorsaison.
Die gekürzte Fassung des Berichts nennt hingegen diese Zahlen:
Der Bericht selbst führt weiter aus:
Gegenüber der vorhergehenden Saison 2010/11 war damit ein Anstieg des Gesamtpotenzials um insgesamt 1.688 Personen (+ 17,5 Prozent) dieser Kategorien zu verzeichnen. Der rechnerische Durchschnitt liegt bei 316 Personen dieser Kategorien je Verein in beiden Bundesligen. Wie bereits in der Zusammenfassung ausgeführt, ist dieser Anstieg der Gesamtzahl der Personen der Kategorien B und C um ca. 1.700 Personen im Vergleich zur Saison 2010/11 im Wesentlichen auf die bereits vor der Saison absehbare brisante Zusammensetzung der 2. BL mit den Absteigern aus der BL (Eintracht Frankfurt und FC St. Pauli) und den Aufsteigern aus der 3. Liga (FC Hansa Rostock, Eintracht Braunschweig, SG Dynamo Dresden) zurückzuführen, die allein in dieser Liga zu einem Anstieg des dort tätigen Gewaltpotenzials um ca. 1.100 Personen geführte (sic!) hatte. Der Anteil dieses Potenzials in der Bundesliga hatte lediglich im Rahmen der Neubewertung einzelner Störergruppen und auch durch auf- /abstiegsbedingte Schwankungen zu einem geringeren Zuwachs geführt.
Doch die ganze Polizeistatistik ist eher mit Vorsicht zu genießen. Wie unscharf und damit wenig aussagekräftig sie ist, dokumentieren vor allem die Antworten auf den Fragenkatalog von “Spiegel Online”. So wird etwa klar, dass Menschen, die “explizit durch den Einsatz von Tränengas geschädigt wurden”, genauso in die Statistik mit einfließen wie die, die von gewaltbereiten “Fans” verletzt wurden. Darüber, wie viele der 7.298 “freiheitsentziehenden Maßnahmen” letztlich zu Strafverfahren, Gerichtsprozessen und Verurteilungen führten, liegen keine Statistiken vor.
Ähnlich wie bei der Zahl der Verletzten verhält es sich mit den 11.373 Personen, die die Behörde als Gewalttäter einstuft. Auch sie bewegt sich im Promillebereich.
Selbst “Bild”-Sportchef Alfred Draxler kommt zu dem Ergebnis, dass die sogenannten “gewaltsuchenden Fans” “nur eine kleine Minderheit” seien. Die Statistik und ihre Interpretation durch Polizei und Politik hinterfragt “Bild” aber an keiner Stelle.
Stattdessen schreibt “Bild” über einen Verein, “der noch mehr Problem-Fans hat als jeder Bundesligist – und der kickt in der 5. Liga (Oberliga Nordost)!”:
Beim Berliner FC Dynamo zählt die Polizei 760 gewaltbereite und gewaltsuchende Fans (zum Teil mit rechtsradikalem Hintergrund). Und das bei einem Zuschauer-Schnitt von 728…
Der gefährlichste Klub in Deutschland!
Der BFC Dynamo widerspricht dieser Darstellung deutlich:
Nach Rücksprache mit den zuständigen Behörden weist der BFC Dynamo die Anschuldigungen im Bericht der BILD-Zeitung vom 21.11.2012 entschieden zurück! Die dort erwähnten Zahlen und Fakten sind falsch und entsprechen nicht den Tatsachen.
Der Vorstand des Vereins hat sich umgehend mit der zuständigen Senatsverwaltung für Inneres und Sport in Verbindung gesetzt. Auch von dort sind die in der Bild-Zeitung veröffentlichten Zahlen nicht bestätigt worden. Auch gab es seitens der BILD-Zeitung keine Anfrage an die Senatsverwaltung, so dass der Bericht nur als populistisch bezeichnet werden kann.
“Bild” war gestern unterdessen beim nächsten Thema angekommen:
Am 11. Spieltag wurden Fans der Frankfurter Eintracht beim Auswärtsspiel in München (0:2) in Nackt-Zelten gefilzt. Bei einem wurde Kokain entdeckt. Kein Zufall?
Kleiner Haken: Das Kokain wurde nicht in den “Nackt-Zelten” entdeckt, mit denen “Bild” sowieso ihre Schwierigkeiten hatte (BILDblog berichtete), sondern ganz woanders.
Weiterhin kam es vor dem Spiel im Bereich des Busparkplatzes zu einer Begegnung von 30 – 50 Frankfurter Fußballfans mit ca. 150 Münchner Ultras. Die beiden Gruppen liefen aufeinander zu und es kam hier zu Auseinandersetzungen. (…) Ein weiterer Frankfurter Fan, der davon gelaufen war, konnte abgesetzt wegen einer weiteren Körperverletzung festgenommen werden. Bei ihm wurde dann auch noch eine Ampulle Kokain aufgefunden.
Mit Dank an Sven P., Moritz N., Benzemama, Olli, Danny W. und Stephan U.
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1. “Medienvielfalt selber machen – was die Zeitungskrise mit Blogs zu tun hat” (metronaut.de, John F. Nebel)
John F. Nebel erinnert daran, dass Medienvielfalt nicht nur von Verlagen abhängt, “deren Print-Tageszeitungen abschmieren, sondern der Auswahl diverser, verfügbarer, spannender, lesbarer, hörbarer, konsumierbarer Medien insgesamt. (…) Qualität gibt es, wenn Leute Zeit, Muße und Begeisterung in den Inhalt stecken können. Und dann braucht es Leser, bei denen gute Inhalte Enthusiasmus und den Griff zum Geldbeutel auslösen.”
2. “Auf den Hund gekommen: Der Wärmestuben-Journalismus der ‘Zeit'” (stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier liest die aktuelle “Zeit” mit dem Titelthema “Wie guter Journalismus überleben kann”: “Mich hat diese hilflos-verzweifelt-verklärende Flucht ins Pathos unter dem Sinnbild des süßen gephotoshoppten Hundes heute depressiver gemacht als alle aktuellen Untergangs-Nachrichten von Print-Medien.”
3. “Verstöße gegen Gewinnspielsatzung bei Sport1: ZAK verhängt Bußgelder und schöpft Einnahmen ab” (die-medienanstalten.de)
Die ZAK verhängt Bußgelder in der Höhe von insgesamt 28.000 Euro gegen den TV-Sender Sport1: “Sport1 hatte im Januar 2012 in sieben Ausgaben der Sendung Sportquiz irreführende Angaben gemacht, u.a. über den Schwierigkeitsgrad von Spielen und über das Auswahlverfahren für die durchgestellten Nutzerinnen und Nutzer. Außerdem wurde mehrfach gegen die Pflicht zur umfassenden Information verstoßen; das betraf z. B. Spielmodus und Teilnahmebedingungen.”
4. “Bunga-Bunga-Stimmung in Italien ist vorbei” (dradio.de)
Der Börsenwert der von Silvio Berlusconi gegründeten TV-Sendergruppe Mediaset “hat sich in weniger als einem Jahr halbiert”: “Die von Berlusconis Medien propagierte und von ihm vorgelebte unbändige Vergnügungslust kommt immer weniger an. Eine wachsende Zahl der italienischen Fernsehzuschauer schaltet sich lieber bei politischen Talkshows ein. Sie erzielen heute Rekordwerte bei den Einschaltquoten.”
5. “Was für Artikel die Menschen von Journalisten erwarten” (blog.tagesanzeiger.ch/deadline, Constantin Seibt)
Als Constantin Seibt 1989 als Volontär einen Artikel über ein Firmenjubiläum einer Schnellreinigung schreiben sollte, wurde er mit den Worten “Sie müssen hier nichts mehr tun – wir haben den Artikel schon geschrieben” empfangen.