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Feuer und Wasser, Geringes Interesse?, Fidel Castro beim ORF

1. “Wie Feuer und Wasser”
(sueddeutsche.de)
Die “Süddeutsche” hat fünf Personen aus der Medienbranche um ihre Meinung zu RTLs Übernahme von Gruner + Jahr gebeten. Die fällt meist vernichtend aus. Manfred Bissinger, Publizist und ehemaliger stellvertretender Chefredakteur des “Stern”, kommentiert beispielsweise: “Gruner + Jahr war einmal der publizistische Marktführer in Europa. Dass dieser Verlag nun in den Untiefen von RTL verschwindet, ist eine Riesenschande und ein herber Rückschlag für die freie Publizistik in Deutschland. Bewegtbilder und Magazine sind wie Feuer und Wasser – das passt nicht zusammen.”

2. TV-Meteorologen als Aufklärer
(deutschlandfunk.de, Heike Wipperfürth, Audio: 6:02 Minuten)
Die Wettermoderatorinnen und -moderatoren der 1.700 US-Fernsehstationen weisen zunehmend auf die Zusammenhänge von Wetter und Erderwärmung hin und thematisieren die Auswirkungen der Klimakrise. Ein Meteorologe eines gemeinnützigen Klimaforschungsinstituts erklärt, warum dem eine besondere Bedeutung zukommt: “In den USA haben die Zuschauer eine persönliche Beziehung zu den Wettermoderatoren in lokalen Fernsehstationen. Diese sind oft die einzigen Wissenschaftler, mit denen sie täglich in Kontakt kommen. Sie wollen die Meinung der Meteorologen über den Zusammenhang zwischen Klima und Wetter hören, weil sie ihnen vertrauen.”
Dazu auch aus unserem Archiv: Damals, als Julian Reichelt noch Wahlkampf für die Grünen machte.

3. ARD sucht Kommentatorinnen für die “Sportschau”: “Interesse ist nach wie vor gering”
(rnd.de)
Die ARD sagt, sie würde gern mehr Kommentatorinnen für ihre “Sportschau” einstellen, doch es bewerben sich angeblich nicht viele Frauen für den Job. Da fragt sich der “6-vor-9”-Kurator, ob das Stellenangebot ausreichend beworben wurde, und ob man dafür gesorgt hat, geeignete Arbeitsbedingungen zu schaffen.

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4. Parteien mischen mit
(taz.de, Ralf Leonhard)
Die Wahl des neuen ORF-Generaldirektors wird von manchen österreichischen Medien mit deutlichen Worten kommentiert. So sprechen das Magazin “profil” und die Wochenzeitung “Falter” nicht von einer Wahl, sondern von einer “Bestellung”. Laut “profil”-Herausgeber Christian Rainer habe der Vorgang “mit einer Wahl so viel zu tun wie die Bestellung von Fidel Castro zum Staatspräsidenten von Kuba hatte”.

5. Beleidigungen und Drohungen über “Telegram”
(urheberrecht.org)
Der Grünen-Politiker Volker Beck hat vor dem Landgericht Berlin ein Urteil gegen den ehemaligen Fernsehkoch Attila Hildmann erwirkt, das diesem untersagt, Drohungen und Beleidigungen gegen den Politiker zu äußern, wie er sie im vergangenen Sommer getätigt hatte. Das Urteil sei in Abwesenheit Hildmanns als Versäumnisurteil gesprochen worden, da sich Hildmann derzeit mutmaßlich in der Türkei aufhalte.

6. Die meistgehörten Podcasts im Juli
(media-control.de)
Media Control hat die aktuellen Podcast-Charts veröffentlicht: Zu den 20 meist gehörten Podcasts des Monats Juli gehören bewährte Unterhaltungsformate wie “Gemischtes Hack” und “Fest und Flauschig”, aber auch Informationsangebote wie “Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen” und die Aufarbeitung des Wirecard-Skandals.

Die Opfer von “Bild” (7)

In der Woche vom 26. Juli bis 1. August haben die “Bild”-Medien mindestens 31 Mal Fotos von Menschen gezeigt, die Opfer eines Unglücks oder Verbrechens geworden sind, davon fünfmal Kinder oder Jugendliche.

In zwei Fällen war das Gesicht verpixelt, in 29 Fällen gab es keinerlei Unkenntlichmachung.

***

Bild.de zeigt zum Beispiel das Gesicht eines 13-jährigen Jungen, der ermordet wurde:

Screenshot von der BILD.de-Startseite: "Kaltblütige Tat schockt England - Teenager ermorden 13-Jährigen", dazu ein großes Foto des Jungen
(Unkenntlichmachung von uns.)

Und das Gesicht einer Frau, die bei einem Hundeangriff ums Leben kam:

Screenshot von der BILD.de-Startseite: "Familie spricht von Massaker - Sechs Pitbulls zerfleischen 53-Jährige", dazu ein großes Foto der Frau
(Unkenntlichmachung von uns.)

Und das Gesicht einer Teenagerin, die in einem Kino in den USA erschossen wurde:

Screenshot von der BILD.de-Startseite: "Niemand hörte die Schüsse - Teenagerin (18) mitten im Film in Kino erschossen", dazu ein großes Foto der jungen Frau
(Unkenntlichmachung von uns.)

Und erneut die Gesichter zweier Menschen, die bei einer Bootskollision gestorben sind:

Screenshot von der BILD.de-Startseite: "[...] (25) und [...] (37) starben bei Boot-Crash - Deutscher Gardasee-Totraser wieder frei", dazu ein Foto des zerstörten Bootes sowie Porträtfotos der beiden Opfer
(Unkenntlichmachungen von uns.)

Am häufigsten veröffentlichten “Bild” und Bild.de – wie in der Woche davor – Fotos einer Frau, die sie “Die Tote aus dem Nazi-Bunker” nennen:

Screenshot von der BILD.de-Startseite: "Bewegender Abschied am Nazi-Bunker - Sohn schickt ermordeter [...] (26) letzten Gruß", dazu ein Foto des Bunkers, vor dem mehrere Grabkerzen und ein Shirt mit einem Gruß des Sohnes liegen, außerdem ein Foto der Frau
Screenshot von der BILD.de-Startseite: "[...] (26) tot in Nazi-Bunker abgelegt - Polizei hat einen Verdächtigen!", dazu ein Foto des Bunkers und ein Foto der Frau
Screenshot von der BILD.de-Startseite: "Tote aus dem Nazi-Bunker - Polizei nimmt Ex-Liebhaber (29) von [...] (26) fest!", dazu ein Foto des Mannes bei der Festnahme sowie ein Foto der Frau und das Bild-Plus-Logo
Screenshot von der BILD.de-Startseite: "Ex soll [...] in Nazi-Bunker getötet haben - 'Wenn ich dich nicht haben kann, dann keiner'", dazu ein Foto der beiden sowie das Bild-Plus-Logo
Ausriss aus der BILD-Zeitung: "[...] (26) starb im Nazi-Bunker - tötete [...] (29) sie aus kranker Eifersucht? - 'Wenn ich dich nicht haben kann, soll dich keiner haben'", dazu ein Foto des Mannes bei der Festnahme sowie ein großes Foto des Paares
Ausriss aus der BILD-Zeitung: "Überführt ein Rad den Bunker-Killer?", dazu ein Foto des Mannes bei der Festnahme sowie ein Foto der Frau
(Alle Unkenntlichmachungen von uns. Dem Verdächtigen hat die Redaktion in manchen Fotos einen schwarzen Augenbalken spendiert; das Opfer bekommt keine Verpixelung.)

Mindestens 18 Mal haben die “Bild”-Medien bisher Artikel veröffentlicht, in denen private Fotos der Frau gezeigt werden. Viele davon stammen von ihrer Facebookseite.

***

Nach einem Verbrechen oder Unglück in Social-Media-Profilen zu wühlen und daraus Fotos der Opfer zu veröffentlichen, ist redaktioneller Alltag bei “Bild”. Häufig erscheinen solche Fotos ohne jede Verpixelung und ohne Zustimmung der Angehörigen oder Hinterbliebenen.

In vielen Fällen werden Freunde, Kollegen oder Familienmitglieder sogar von Reportern bedrängt, damit sie Fotos der Menschen herausrücken, die sie gerade verloren haben.

“Bild” begründet die Veröffentlichung solcher Bilder damit, dass “nur so” die Tragik “deutlich und fassbar” werde.

Wie jedoch viele Betroffene selbst darüber denken, kann man zum Beispiel hier nachlesen. Dort sagt der Vater eines Mädchens, das beim Amoklauf von Winnenden getötet wurde und deren Foto in den Tagen darauf immer wieder in der “Bild”-Zeitung erschien:

Die “Bild”-Zeitung und andere, auch Fernsehsender, ziehen Profit aus unserem Leid! Dreimal hintereinander sind Bilder [unserer Tochter] erschienen, ohne dass wir das gewollt hätten. Wir hätten das nie erlaubt. Die reißen die Bilder an sich und fragen nicht danach, was wir Hinterbliebenen denken und fühlen.

Pressekodex Richtlinie 8.2

Die Identität von Opfern ist besonders zu schützen. Für das Verständnis eines Unfallgeschehens, Unglücks- bzw. Tathergangs ist das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich. Name und Foto eines Opfers können veröffentlicht werden, wenn das Opfer bzw. Angehörige oder sonstige befugte Personen zugestimmt haben, oder wenn es sich bei dem Opfer um eine Person des öffentlichen Lebens handelt.

In einem Interview in unserem Buch sagt ein anderer Betroffener, dessen Bruder bei einem Skiunfall gestorben ist und später ohne Erlaubnis der Angehörigen groß auf der Titelseite der ”Bild”-Zeitung zu sehen war:

Das war eines der schlimmsten Dinge an der Geschichte: Dass die “Bild” die Kontrolle darüber hat, mit welcher Erinnerung mein Bruder geht. Dass das letzte Bild von der “Bild”-Zeitung kontrolliert wird und nicht von ihm selbst oder von uns.

Auch in anderen Medien kommt es vor, dass solche Fotos veröffentlicht werden. Doch niemand macht es so häufig und so eifrig wie “Bild”. Mehr als die Hälfte aller Rügen, die der Presserat je gegen die “Bild”-Medien ausgesprochen hat, bezog sich auf die unzulässige Veröffentlichung von Opferfotos.

Um zu verdeutlichen, in welchem Ausmaß “Bild” auf diese Weise Profit aus dem Leid von Menschen zieht, wollen wir hier regelmäßig dokumentieren, wie häufig die “Bild”-Medien solche Fotos veröffentlichen.

KW 31: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, endlich Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Samstagsausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

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1. Kühler Kopf oder heißes Herz? Wie berichten über Katastrophen?
(ardaudiothek.de, Isabel Sonnabend & Kai Schmieding, Audio: 14:53 Minuten)
Isabel Sonnabend und Kai Schmieding haben sich mit dem stellvertretenden “Zeit”-Chefredakteur Bernd Ulrich zusammengeschaltet. Im Gespräch geht es um die Rolle des Journalismus bei der Berichterstattung über Klimawandel und Klimakrise. Ist Parteinahme bei existenziellen Fragen erlaubt oder gar Pflicht?

2. Verschwiegene Tech-Konzerne: Die Strategie von Google und Co.
(ndr.de, Daniel Bouhs, Video: 16:27 Minuten)
Daniel Bouhs beschäftigt die Frage: “Warum können Konzerne wie Google und Facebook nicht so offen kommunizieren, dass man auf konkrete Fragen auch konkrete Antworten bekommt?” Er hat sich dazu mit dem Youtuber Tilo Jung getroffen, aber auch mit Medienschaffenden, die regelmäßig über die Konzerne berichten. Eins wird klar: Die Tech-Giganten schirmen sich weitgehend ab, sind intransparent und agieren wie eine Black Box.

3. Frauen als Opfer der Medien – Jolanda Spiess-Hegglins Kampf gegen Hatespeech
(youtube.com, Rosanna Grüter & Patrizia Laeri, Video: 44:45 Minuten)
Der Beitrag des Schweizer Senders SRF beschäftigt sich mit Personen wie Jolanda Spiess-Hegglin, die sich aktiv gegen den Sexismus der Schweizer Medienbranche stellt. Es geht um Frauen als Opfer der Medien im Allgemeinen und um Spiess-Hegglins Kampf gegen Hatespeech im Speziellen.

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4. Wie verändert sich die Podcast-Welt?
(wasmitmedien.de, Daniel Fiene & Sebastian Pähler, Audio: 1:54:42 Stunden)
Bei “Was mit Medien” dreht sich alles um den Wandel in der Podcast-Welt: Was bedeuten die ganzen Veränderungen, die in diesem Jahr angekündigt wurden – vor allem für die bisher freie Podcast-Szene? Und was bedeuten die Veränderungen für die Medienschaffenden mit ihren bestehenden oder künftigen Podcast-Angeboten? Darüber und vieles mehr sprechen die Gastgeber mit Meike Laaff, Redakteurin im Ressort Digital bei “Zeit Online”, und Timo Hetzel vom “Bits-und-so”-Podcast.

5. OMR #407 mit Spotifys Europa-Chef Michael Krause
(omr.com, Philipp Westermeyer, Audio: 1:11:04 Stunden)
Im OMR-Podcast hat Philipp Westermeyer Spotifys Europa-Chef Michael Krause zu Gast. Ihr Gespräch dreht sich um die Fragen: Welche konkreten Ziele verfolgt Spotify derzeit? Welchen Stellenwert hat das Podcast-Business inzwischen? Und an welche großen Audio-Trends glaubt die Plattform gerade besonders?

6. Online-Werbung: Der größte Schwindel im Internet
(youtube.com, Philipp Walulis, Video: 9:18 Minuten)
“Werbung nervt! Vor allem im Internet: Riesige Werbebanner, nicht überspringbare Werbeclips und natürlich viele Frauen in deiner Nähe, die dich kennenlernen möchten. Dabei bringt die Online-Werbung den Unternehmen nicht mal viel und auch Bots mischen kräftig mit.” Philipp Walulis schlägt satirisch zurück und zeigt auf, wo die Online-Ads nicht nur Nerven kosten, sondern auch Schaden anrichten.

Gezerre um Rundfunkbeitrag, Erneut eingegriffen, Stilkritik Parteiplakate

1. Rundfunkbeitrag darf erhöht werden
(tagesschau.de)
Eigentlich hatten sich alle Beteiligten auf eine Erhöhung des Rundfunkbeitrags verständigt, doch Sachsen-Anhalt blockierte das Vorhaben, indem es die dafür notwendige Abstimmung im Landtag absagte. Das Bundesverfassungsgericht wertete dies nun als eine Verletzung der im Grundgesetz festgeschriebenen Rundfunkfreiheit – der Rundfunkbeitrag darf um um 86 Cent auf 18,36 Euro pro Monat erhöht werden. Bei “DWDL” kommentiert Uwe Mantel: “All jenen, die nun von einer ‘undemokratischen Entscheidung’ des Gerichts sprechen: Es hat einen guten Grund, dass der Einfluss der Politik auf ARD und ZDF begrenzt ist und die Höhe des Rundfunkbeitrags eben kein Ergebnis demokratischer Verhandlungen ist, sondern sich am Bedarf der Anstalten festmacht. Schließlich ist es die Aufgabe der Journalistinnen und Journalisten der Häuser, der Politik auf die Finger zu schauen – da sollte man sie so unabhängig wie möglich vom Wohlwollen einzelner Parteien in einzelnen Ländern machen.”
Weiterer Lesetipp: Springers rasende Wut auf das Bundesverfassungsgericht (uebermedien.de, Stefan Niggemeier).

2. Erneut eingegriffen
(taz.de, Volkan Ağar)
In der Theorie agiert die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) unabhängig und überparteilich, doch in der Praxis und mit Blick auf das Agieren des Bundesministeriums des Innern (BMI) muss dies bezweifelt werden: “Denn nachdem das BMI der bpb letzthin eine Links-Extremismusdefinition des Verfassungsschutzes diktiert hat, hat es auch die Veröffentlichung des Sammelbandes ‘Extreme Sicherheit. Rechtsradikale in Polizei, Verfassungsschutz, Bundeswehr und Justiz’ verzögert und erst in Begleitung eines ergänzenden Onlinedossiers erlaubt.”

3. Wenn das neue Format der Topfpflanze nicht gefällt
(journalist.de, Mark Heywinkel)
Mark Heywinkel ist Leiter der Abteilung Formatentwicklung bei “Zeit Online”. In der Reihe “Wie machen wir den Journalismus widerstandsfähiger?” verrät er seine fünf persönlichen Tipps zur Entwicklung neuer journalistischer Formate. Vieles davon ist für jeden interessant, der sich im weitesten Sinn schöpferisch, schriftstellerisch oder redaktionell betätigt.

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4. Die Plakate zur Bundestagswahl 2021
(designtagebuch.de, Achim Schaffrinna)
Der Kommunikationsdesigner Achim Schaffrinna hat sich mit den Plakaten zur anstehenden Bundestagswahl beschäftigt und dabei die Kampagnen von CDU, SPD, FDP, Grünen, AfD und Linken analysiert. Er rät jedoch dazu, sich nicht zu sehr von Äußerlichkeiten beeinflussen zu lassen: “Wahlprogramme bieten eine deutlich bessere Grundlage für einen Wahlentscheid als Plakate, unabhängig davon, wie sie gestaltet sind. Nicht, dass Ästhetik und Gestaltungsqualität nicht auch wichtig wären, gerade im Kontext der Informationsvermittlung sind sie bedeutsam! Der persönliche Geschmack in Sachen Farben sowie Bild- und Formensprache sollte jedoch nicht ausschlaggebend dafür sein, an welcher Stelle man sein Kreuzchen macht.”

5. Gerd Schulte-Hillen ist tot
(sueddeutsche.de)
Fast 20 Jahre lang leitete Gerd Schulte-Hillen den Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr, in dem unter anderem “Stern”, “Geo” und “Brigitte” herausgegeben werden. Jetzt ist der Verlagsmanager im Alter von 80 Jahren gestorben.

6. Türkische Zeitung druckt erfundenes Laschet-Interview
(faz.net)
In der Europa-Ausgabe der türkischen Zeitung “Sabah” ist ein Interview mit Armin Laschet erschienen, das laut Düsseldorfer Staatskanzlei nie stattgefunden haben soll. “Sabah” habe erklärt, man habe das Interview von der Website von Faruk Şen übernommen, dem ehemaligen Direktor des Zentrums für Türkeistudien in Essen. Dort sei es mittlerweile gelöscht worden.

Bündnis gegen missbräuchliche Klagen, Laschets Bilder, Sommerloch

1. SLAPPs: Zivilgesellschaftliches Bündnis warnt vor Gefahren für Rechtsstaat und Demokratie
(dju.verdi.de)
Ein breites Bündnis aus Medienorganisationen und NGOs hat sich an die medien- und rechtspolitischen Sprecherinnen und Sprecher der demokratischen Parteien im Bundestag gewandt, um auf die wachsende Bedrohung öffentlicher Partizipation durch sogenannte SLAPPs aufmerksam zu machen. Die Abkürzung SLAPP leitet sich aus dem Englischen ab und steht für “strategic lawsuit against public participation”, also “Strategische Klage gegen öffentliche Beteiligung”, und lehnt sich an das Wort “slap” an (Ohrfeige, Schlag ins Gesicht). Primäres Ziel der strategischen und oftmals als missbräuchlich empfundenen Klagen sei nach Einschätzung des Bündnisses, Kritikerinnen und Kritiker einzuschüchtern und aus der Öffentlichkeit zu drängen. Dies stelle eine ernstzunehmende Gefahr für die Demokratie dar.

2. Ein Bild von einem Kandidaten
(uebermedien.de, Hendrik Wieduwilt)
CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet gibt in der Öffentlichkeit nicht immer ein gutes Bild ab, und das ist in diesem Fall wörtlich zu verstehen. Wiederholt fällt er durch unglückliche Bildbotschaften auf, ob mit falsch aufgesetzter Gesichtsmaske, unpassendem Schuhwerk im Katastrophengebiet, den Händen in den Taschen, mitten in Müllbergen oder im Hintergrund vergnügt kichernd, während der Bundespräsident zu den von der Flutkatastrophe heimgesuchten Menschen spricht. Wie wichtig sind derlei Medien-Pannen und öffentlich transportierte Tollpatschigkeiten? Hendrik Wieduwilt kommentiert: “Laschet möchte einer der mächtigsten Männer des Globus werden. In einer medialisierten Welt ist die Frage, warum er ständig durch die Szenerie stolpert wie ein Schulpraktikant durch eine Uhrenwerkstatt, relevant – und das Internet ist zudem groß genug für mehr als ein Thema. Offenbar hat niemand aus seinem Umfeld den nicht eben unerfahrenen Politiker beiseite genommen und gesagt, Armin, diese Kanzlersache geht vermutlich mit ein bisschen Medienaufmerksamkeit einher, achte da mal drauf. Vielleicht hat Laschet auch einfach besonders gemütlich geantwortet, dass ihm sowas egal sei, er sei Armin Laschet.”

3. Ewige Suche nach dem B-Sager
(taz.de, René Martens)
René Martens denkt über gelingenden Wissenschaftsjournalismus nach und hat dazu nicht nur einen Reader des Bildungs- und Forschungsministeriums gelesen, sondern auch mit Experten und Expertinnen gesprochen. Am Ende steht bei ihm eine Erkenntnis: “Die Voraussetzung dafür, dass der Wissenschaftsjournalismus den Journalismus in Gänze befruchten kann, wäre, dass sich Redaktionen zumindest teilweise von ihrer bisherigen Reichweitenstrategie verabschieden. Nachrichten- und Po­li­tik­jour­na­lis­t:in­nen müssten dem Druck widerstehen, alles ganz schnell in die Info-Stratosphäre zu pusten, weil die anderen es auch tun. Um es pathetischer oder eben mit Kant zu sagen: Sie bräuchten den Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen.”

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4. Stichtag Freitag: Kommt die Fusion von RTL und G+J?
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Am morgigen Freitag veröffentlicht die RTL Group ihre Geschäftszahlen für das zweite Quartal. Dann wird es wohl auch Informationen über die mögliche Fusion zwischen der Mediengruppe RTL Deutschland und dem Medienhaus Gruner + Jahr geben.

5. Ranking: Die Frauenmachtanteile bei deutschen Leitmedien 2021
(kress.de, Marc Bartl)
Nach der neuen “Leitmedienzählung” von ProQuote erreiche die “taz” einen “Frauenmachtanteil” von 56,3 Prozent, doch wie sieht es bei “Stern”, “Zeit”, “SZ”, “Spiegel”, “Bild”, “Focus”, “Welt” und “FAZ” aus? Marc Bartl fasst zusammen, wie es um die Frauenanteile in journalistischen Führungspositionen laut ProQuote bestellt ist.

6. Sachen gibt’s
(kontextwochenzeitung.de, Anna Hunger)
Das berühmt-berüchtigte Sommerloch sorgt Jahr für Jahr dafür, dass wir in den Genuss von allerlei läppischen oder skurrilen Meldungen kommen. Anna Hunger hat sich ein paar besonders schöne Sommer-News herausgesucht. Es geht um den Schnitz-Hitler aus Weil im Schönbuch, ein vermeintliches Wollmammut im Fluss und einen Baggerfahrer mit ordentlich Wut in der Schaufel.

Bärs doofe Suchmaschine, Fifty Shades of einseitig, Medien-Start-ups

1. Dorothee Bärs intelligente Suchmaschine ist leider ziemlich doof
(netzpolitik.org, Jana Ballweber)
Gestern haben wir in den “6 vor 9” auf das neue “Netzwerk für digitale Aufklärung” der Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär, hingewiesen, das einen ressortübergreifenden Zugang zu Digitalthemen bieten soll. Jana Ballweber hat sich das Projekt für netzpolitik.org angeschaut und kommt zu einem vernichtenden Urteil: “Die Suchmaschine der Bundesregierung ist ein weiteres Beispiel für aufgeblasene PR rund um ein nutzloses Digitalprojekt und der nächste Akt in der peinlichen Initiative der Staatsministerin für Digitalisierung.”

2. Fifty Shades of Grey & Co. – wie die Darstellung weiblicher Sexualität in Medien Frauen unter Druck setzt
(media-bubble.de, Theresa Hoff)
Theresa Hoff beklagt die oft einseitige oder fehlende Darstellung der weiblichen Sexualität in Filmen und Serien. Oft würden Frauen gezeigt, die alles tun, um dem Mann Vergnügen zu bereiten. Die Bedürfnisse der Frauen würden nur eine untergeordnete Rolle spielen. “Gerade junge Frauen können sich von dieser verzerrten Darstellung unter Druck gesetzt fühlen. Dadurch, dass sie häufig auf die Befriedigung des Mannes ausgelegt ist und seine Bedürfnisse zeigt, weckt sie bei jungen Frauen besonders am Anfang ihres Sexuallebens das Gefühl, sie müssten die Bedürfnisse ihres Partners erfüllen, statt auf die eigenen zu achten.”
Weiterer Lesehinweis: Vom Älterwerden und dem “Verfallsdatum” von Frauen – im Fernsehen und anderswo (fachjournalist.de, Susanne Conrad).

3. Twitter kooperiert mit Nachrichtenagenturen für seriöse Informationen
(zeit.de)
Twitter hat nach eigenen Angaben einen Vertrag mit den Nachrichtenagenturen Reuters und Associated Press unterzeichnet. Bei großen Ereignissen sollen die Agenturen gesicherte Informationen beisteuern, die man beispielsweise Tweets anhängen könne. Dies soll anscheinend auch prophylaktisch geschehen: “Anstatt zu warten, bis etwas viral geht, wird Twitter es in einen Zusammenhang mit der öffentlichen Debatte stellen oder ihr vorgreifen”.

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4. War was?
(sueddeutsche.de, Kathrin Müller-Lancé)
Immer wieder beschweren sich Verlage über die ihrer Ansicht nach unerlaubten Konkurrenzangebote der Öffentlich-Rechtlichen. Für derlei Konflikte gebe es seit Jahren eine extra eingerichtete Schlichtungsstelle. Die sei jedoch noch nie eingeschaltet worden, schreibt Kathrin Müller-Lancé: “Es scheint also, als wolle niemand dieses neu geschaffene Instrument nutzen. Dabei hatte dessen Einrichtung vielversprechend gewirkt im Konflikt zwischen Verlagen und Öffentlich-Rechtlichen.”

5. Startups: Trendsetter im Journalismus
(verdi.de, Bärbel Röben)
Zwischen 70 und 140 Medien-Start-ups soll es derzeit in Deutschland geben. Die neuen Angebote setzen auf mehr Perspektivenvielfalt, Diversität und Kollaboration, sie bedienen Spezialthemen oder füllen, wie im Fall der Lokaljournalismus-Projekte, entstandene Lücken. Bärbel Röben stellt in ihrem Beitrag einige der Projekte und die dahinterstehenden Finanzierungsmodelle vor.

6. Spotify und YouTube testen Billig-Abos
(spiegel.de)
Immer mehr Streaming-Dienste, Online-Anbieter, Medienangebote und Apps wollen ihre Kundinnen und Kunden zu Dauerzahlenden machen und bieten entsprechende Abo-Modelle an. Weil das Budget des Einzelnen begrenzt ist, experimentieren einige Unternehmen mit neuen Preismodellen. Youtube und Spotify unterbreiten anscheinend ausgewählten Personen niedrigpreisigere, jedoch deutlich abgespeckte Versionen ihrer Dienste.

Die Opfer von “Bild” (6)

Nach den verheerenden Überschwemmungen in vielen Regionen Deutschlands titelte “Bild” am 21. Juli:

Ausriss aus der BILD-Zeitung: "Feuerwehrmann [...] (46) aus Altena wurde von den Wassermassen getötet, als er helfen wollte. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet sagte im TV: "ER IST EIN HELD" - dazu ein großesFoto des Feuerwehrmanns, der ein "Daumen Hoch" gibt.Sein Gesicht ist verpixelt.

Auch online erschien das Foto groß auf der Startseite:

Screenshot von BILD.de: "Feuerwehrmann [...] (46) wurde getötet, als er helfen wollte - DER FLUT-HELD VON ALTENA"

Die Unkenntlichmachung des Gesichts stammt ausnahmsweise nicht von uns, sondern von “Bild”. Neben dem Foto erklärt die Redaktion:

Feuerwehrmann […] (46) ist ein Held unseres Landes. Mit Rücksicht auf seine Witwe hat BILD ihn auf diesem Foto unkenntlich gemacht.

Die Witwen und Hinterbliebenen vieler anderer Menschen sind “Bild” hingegen egal. Allein in der Woche vom 19. bis 25. Juli haben die “Bild”-Medien mindestens 30 Mal Fotos von Menschen gezeigt, die Opfer eines Unglücks oder Verbrechens geworden sind – bis auf den Feuerwehrmann war keines der Fotos unkenntlich gemacht.

***

Bild.de veröffentlichte zum Beispiel das Foto eines Mannes, der bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam:

Screenshot von der BILD.de-Startseite: "Pilot und drei Teenager sterben bei Absturz - Rundflug in den Tod", dazu ein Foto der Trümmer an der Unglücksstelle sowie ein Foto des Piloten

(Unkenntlichmachung von uns.)

***

Und Fotos einer Frau, die beim Bungeespringen gestorben ist. Quelle: Facebook.

Screenshot von der BILD.de-Startseite: "Horror-Unfall in Kolumbien - Frau springt ohne Bungee-Seil von 50-Meter-Brücke - tot", dazu ein Foto der Frau

(Unkenntlichmachung von uns.)

***

Und das private Foto einer Frau, die in Frankreich ermordet wurde:

Screenshot von BILD.de: Ein großes Foto einer Frau und ein kleineres Foto eines Mannes, dazu die Bildunterschrift: "[...] (32) wurde von ihrem Killer über Monate hinweg gestalkt und schließlich ermordet"

(Unkenntlichmachungen von uns.)

***

Bild.de und “Bild am Sonntag” zeigten auch Fotos einer fünfköpfigen Familie, die mutmaßlich im Hochwasser ums Leben gekommen ist:

Titelseite der BILD am SONNTAG: "GANZE FAMILIE VON DER FLUT VERSCHLUCKT", dazu ein Foto der Eltern sowie drei Fotos der Kinder

(Unkenntlichmachungen von uns.)

***

Am häufigsten zeigten die “Bild”-Medien Fotos einer Frau, die sie “Die Tote aus dem Nazi-Bunker” nennen:

Ausriss aus der BILD-Zeitung: "Tote [...] lag im Nazi-Bunker", dazu ein Foto der Frau

Screenshot von der BILD.de-Startseite:: "ERMORDET! - 5 Tage galt [...] (26) als vermisst - Jetzt wurde die junge Mutter tot im Nazi-Bunker gefunden", dazu ein Foto des Bunkers und ein Foto der Frau

SScreenshot von der BILD.de-Startseite:: "Liche lag in Nazi-Bunker mitten im Wald - Hier wurde die ermordete [...] (26) gefunden", dazu ein Satellitenbild, auf dem der Fundort mit einem großen Pfeil markiert ist, außerdem ein Foto der Frau

Screenshot von der BILD.de-Startseite: "Junge Mutter ermordet in Nazi-Bunker gefunden - [...] (26) wurde auf Waldweg abgefangen!", dazu ein Foto des Bunkers, ein Foto der Frau und das Bild-Plus-Logo

Screenshot von der BILD.de-Startseite: "Tote [...] (26) aus dem Nazi-Bunker - 'Entweder liebt man mich oder man hasst mich' - Die junge Mutter mochte Schlager und hatte ein Herz für Schwächere", dazu ein Foto des Bunkers und ein Foto der Frau

Screenshot von der BILD.de-Startseite: "Junge Mutter lag tot im Nazi-Bunker - Drei Theorien zum Mord an [...] (26)", dazu ein Foto des Bunkers, ein Foto der Frau und das Bild-Plus-Logo

Screenshot von der BILD.de-Startseite: "Die Tote aus dem Nazi-Bunker - Die letzten Bilder von [...] (26) - Was verraten die Aufnahmen aus der Überwachungskamera am Bahnhof?", dazu ein Foto der Überwachungskamera, auf dem die Frau zu sehen ist

Screenshot von der BILD.de-Startseite: "Die Tote aus dem Nazi-Bunker - Darum nahm [...] (26) den dunklen Waldweg", dazu ein Foto der Überwachungskamera, auf dem die Frau zu sehen ist

Screenshot von der BILD.de-Startseite: "[...] (26) letzte Worte an Freunde - 'Ich fahre doch den anderen Weg, da ist Schatten' ++ Ihre Leiche lag in einem Nazi-Bunker ++ Wie die Ermittler das Mord-Puzzle lösen wollen ++", dazu ein Foto der Überwachungskamera, auf dem die Frau zu sehen ist

(Alle Unkenntlichmachungen von uns.)

Bild.de zeigt zahlreiche Fotos des Bunkers (unter anderem per Drohne aufgenommen), außerdem ein Foto des Hauses, in dem die Frau gelebt hat; sogar ein Foto ihrer Wohnungstür. Und immer wieder Fotos aus ihrem Facebookprofil:

Screenshot von BILD.de: Ein Foto einer Frau, dazu die Bildunterschrift: "Nachdenklich, romantisch: Auch so zeigte sich [...] (26) in ihren Facebook-Profilen. Sie liebte Schlager, hatte ein großes Herz für Schwächere" "Foto: Privat"

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Nach einem Verbrechen oder Unglück in Social-Media-Profilen zu wühlen und daraus Fotos der Opfer zu veröffentlichen, ist redaktioneller Alltag bei “Bild”. Häufig erscheinen solche Fotos ohne jede Verpixelung und ohne Zustimmung der Angehörigen oder Hinterbliebenen.

In vielen Fällen werden Freunde, Kollegen oder Familienmitglieder sogar von Reportern bedrängt, damit sie Fotos der Menschen herausrücken, die sie gerade verloren haben.

“Bild” begründet die Veröffentlichung solcher Bilder damit, dass “nur so” die Tragik “deutlich und fassbar” werde.

Wie jedoch viele Betroffene selbst darüber denken, kann man zum Beispiel hier nachlesen. Dort sagt der Vater eines Mädchens, das beim Amoklauf von Winnenden getötet wurde und deren Foto in den Tagen darauf immer wieder in der “Bild”-Zeitung erschien:

Die “Bild”-Zeitung und andere, auch Fernsehsender, ziehen Profit aus unserem Leid! Dreimal hintereinander sind Bilder [unserer Tochter] erschienen, ohne dass wir das gewollt hätten. Wir hätten das nie erlaubt. Die reißen die Bilder an sich und fragen nicht danach, was wir Hinterbliebenen denken und fühlen.

Pressekodex Richtlinie 8.2

Die Identität von Opfern ist besonders zu schützen. Für das Verständnis eines Unfallgeschehens, Unglücks- bzw. Tathergangs ist das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich. Name und Foto eines Opfers können veröffentlicht werden, wenn das Opfer bzw. Angehörige oder sonstige befugte Personen zugestimmt haben, oder wenn es sich bei dem Opfer um eine Person des öffentlichen Lebens handelt.

In einem Interview in unserem Buch sagt ein anderer Betroffener, dessen Bruder bei einem Skiunfall gestorben ist und später ohne Erlaubnis der Angehörigen groß auf der Titelseite der ”Bild”-Zeitung zu sehen war:

Das war eines der schlimmsten Dinge an der Geschichte: Dass die “Bild” die Kontrolle darüber hat, mit welcher Erinnerung mein Bruder geht. Dass das letzte Bild von der “Bild”-Zeitung kontrolliert wird und nicht von ihm selbst oder von uns.

Auch in anderen Medien kommt es vor, dass solche Fotos veröffentlicht werden. Doch niemand macht es so häufig und so eifrig wie “Bild”. Mehr als die Hälfte aller Rügen, die der Presserat je gegen die “Bild”-Medien ausgesprochen hat, bezog sich auf die unzulässige Veröffentlichung von Opferfotos.

Um zu verdeutlichen, in welchem Ausmaß “Bild” auf diese Weise Profit aus dem Leid von Menschen zieht, wollen wir hier regelmäßig dokumentieren, wie häufig die “Bild”-Medien solche Fotos veröffentlichen.

Querdenkende Querschläger, TikToks Bytedance mit Amthor, MTV wird 40

1. Geschlagen und getreten
(taz.de, Volkan Ağar)
Jörg Reichel, ein Landesgeschäftsführer der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union, ist bei der (eigentlich verbotenen) “Querdenken”-Demo in Berlin angegriffen und verletzt worden. Reichel sei laut Angaben der Gewerkschaft seit Monaten von Personen aus der “Querdenken”-Szene diffamiert und bedroht worden, sein Name und Foto hätten in einschlägigen Telegram-Kanälen kursiert: “Jörg hat sich davon nicht einschüchtern lassen und weitergemacht. Er hat zahllose Journalistinnen und Journalisten, die von diesen Demos berichten, unterstützt und sich dafür eingesetzt, dass sie sicher arbeiten können. Für dieses Engagement als Gewerkschafter ist er nun selbst offenbar gezielt angegriffen worden.”

2. Tiktoks Ringen um Einfluss
(deutschlandfunk.de, Brigitte Baetz, Audio: 8:58 Minuten)
Wie der “Spiegel” jüngst herausfand, lobbyiert die Videoplattform TikTok verstärkt in Deutschland, unter anderem beim CDU-Abgeordneten Philipp Amthor. Was steckt dahinter? Und welche Absichten verfolgt der chinesische Mutterkonzern Bytedance? Darüber hat sich der Deutschlandfunk mit Simon Hurtz unterhalten, einem der Köpfe des “Social Media Watchblogs”.

3. Nachrichten von ARD und ZDF: keine Olympia-Bilder in den Mediatheken
(rnd.de)
ARD und ZDF bieten online bis zu zehn parallele Olympia-Livestreams, doch Olympia-Bilder in den Nachrichtensendungen in den Mediatheken gibt es nicht zu sehen. Das sei eine Folge des Geoblockings, wie ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky erklärt. Die Olympia-Rechte der öffentlich-rechtlichen TV-Sender gälten nur in Deutschland.

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4. Die FAZ verkündet mehr als 180.000 Digitalabos – und erhöht die Gehälter
(kress.de, Marc Bartl)
Die “FAZ” zeigt sich zufrieden mit den aktuellen Geschäftszahlen. Diese hätten sowohl im Jahr 2020 als auch in den ersten Monaten des laufenden Jahres eine “erfreuliche Entwicklung” genommen. Im Unterschied zu anderen Medienhäusern hatten die Frankfurter keine Kurzarbeit wegen Corona angemeldet und würden jetzt nicht nur die Gehälter erhöhen, sondern auch eine Sonderprämie ausschütten.

5. Bundesregierung startet ressortübergreifende Suchmaschine
(sueddeutsche.de)
Die Staatsministerin für Digitalisierung Dorothee Bär will ein “Netzwerk für digitale Aufklärung” etablieren, das einen ressortübergreifenden Zugang zu Digitalthemen bieten soll. “Gerade bei Querschnittsthemen wie etwa der Digitalisierung, die die Zuständigkeit verschiedener Ressorts berühren, fehlte bislang eine zentrale Suche, mit der alle Informationsangebote angezeigt werden”, so die CSU-Politikerin zum Start des Projekts.

6. Musikfernweh
(faz.net, Axel Weidemann)
Der Musiksender MTV ist 40 Jahre alt geworden, und Axel Weidemann weiß nicht, ob er gratulieren oder lieber höflich schweigen soll: “Als Distinktionswerkzeug ist MTV unbrauchbar geworden, ein geschminkter Zombie, der – das Kinn in die Hände gestützt – am Grab seines deutschen Kollegen ‘Viva’ (1993 bis 2018) sitzt und darauf wartet, dass das Internet wieder abgestellt wird.”

BGH zu Hasspostings, Rechte Flut-Elends-Bilder, Regierung trödelt

1. Erst anhören, dann sperren
(taz.de, Christian Rath)
Christian Rath fasst die Auswirkungen einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) über Hasspostings zusammen: “Facebook kann bis auf Weiteres keine Hass-Posts mehr löschen, die nur gegen die ‘Gemeinschaftsstandards’ von Facebook verstoßen. Der BGH hat die Nutzungsbedingungen von ­Facebook an diesem Donnerstag für ‘unwirksam’ erklärt, weil sie den Betroffenen keine Möglichkeit zum Widerspruch einräumten. Wenn Facebook bald wieder Hasspostings, die nicht strafbar sind, löschen will, muss es schnell seine Nutzungsbedingungen an die BGH-Vorgaben anpassen.”

2. Bundesregierung trödelt bei digitaler Veröffentlichung von Gesetzen
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Wollen Bürgerinnen und Bürger den Wortlaut von Gesetzestexten im Internet nachschlagen, müssen sie auf ein ehrenamtliches Portal aus der Zivilgesellschaft ausweichen, weil die Bundesregierung mit dem Aufbau ihres digitalen Bundesgesetzblatts überfordert zu sein scheint. Arne Semsrott, der bei OffeneGesetze.de mitmacht, kommentiert: “Das ehrenamtlich betriebene Portal offenegesetze.de bietet die Bundesgesetzblätter jetzt seit fast drei Jahren offen und kostenlos an. Viele Bibliotheken, öffentliche Einrichtungen, Anwaltskanzleien und Nichtregierungsorganisationen nutzen den Dienst inzwischen, weil er einfacher zugänglich ist als staatliche Angebote. Dass der Staat es noch immer nicht hinbekommt, ein ähnliches Angebot zu schaffen, ist ein Armutszeugnis.”

3. “Die bemühen sich einfach nicht”
(journalist.de, Catalina Schröder)
Die österreichische Journalistin und Publizistin Melisa Erkurt hat ein innovatives journalistisches Format auf Instagram gestartet: Das Team von “Die Chefredaktion” sei im Durchschnitt 19 Jahre alt und “genauso divers wie unsere Gesellschaft”. Im Gespräch mit dem “journalist” erklärt sie, wie es zur Gründung kam: “Ich war einige Jahre Redakteurin beim ORF und habe dabei gemerkt, dass ich frühestens Menschen ab 30 Jahren erreiche. Aber was ist mit den Jüngeren? Es sind auch nicht nur die Jungen, die nicht erreicht werden, sondern auch diejenigen aus unteren Schichten und solche mit Migrationsgeschichte.” Ein interessantes Interview über ein Projekt, das von der privaten Mega-Bildungsstiftung und der Wiener Medieninitiative mit insgesamt 300.000 Euro unterstützt wird.

Bildblog unterstuetzen

4. Kinotipp zu “Die letzten Reporter”: Wie steht es um den Lokaljournalismus
(fachjournalist.de, Gunter Becker)
Gunter Becker hat sich Jean Boués Dokumentarfilm über drei Lokalreporter und -reporterinnen angesehen und ist in vielerlei Hinsicht angetan: “Boués Schnittmuster (Montage Thomas Wellmann), in die Episoden der Arbeitseinsätze seiner drei Held*innen immer wieder Szenen aus Workshops, Fortbildungen und Konferenzen einzubauen, bei denen die großen Fragen und die Krise des Lokaljournalismus verhandelt werden, geht voll auf. Die verschiedenen Erzählebenen und Handlungsstränge treten in einen wunderbaren Dialog miteinander: hier die (wirtschaftliche) Vogelperspektive und die Worthülsen der Unternehmensberater und Verlagsmanager*innen – dort der Alltag der Reporter*innen. Der ganz anders aussieht als die Reißbrett-Strategien und trotzdem funktioniert.” Becker kritisiert aber auch die “kumpelige” Nähe der Medienschaffenden zu ihren Gesprächspartnern. Ein Gesichtspunkt, der in Thomas Klattes Filmkritik bei verdi.de wie folgt bewertet wird: “So will der Film larmoyant zwar die guten alten Zeiten des Lokaljournalismus zeigen, die schwierigen Seiten des zu nahen Miteinanders von Reporter*innen und Reportierten werden aber nicht mal angerissen. Sehr schade, sonst hätte das ein empfehlenswerter Film werden können.”

5. Eine Herausforderung beim Sprechen und Hören
(deutschlandfunk.de, Kevin Barth, Audio: 5:10 Minuten)
Viele Menschen sind bei der TV-Übertragung von einem sportlichen Großereignis wie den Olympischen Spielen auf die Audiodeskription angewiesen. Kevin Barth, der selbst fast blind ist, hat einige Verbesserungsvorschläge, endet jedoch versöhnlich: “Olympia ist mit schnellen Wechseln zwischen unterschiedlichen Sportarten und kurzfristigen Programmänderungen wohl die Königsdisziplin der Audiodeskription. Da kann nicht immer alles klappen.”

6. Klicke auf mein Flut-Elends-Bild auf Social Media
(belltower.news, Simone Rafael)
Nicht nur die selbsternannten “Querdenker” versuchen, die Flutkatastrophe für sich politisch zu nutzen, auch die klassische rechtsextreme Szene zieht es ins Katastrophengebiet. Simone Rafael hat sich angeschaut, wie rechtsextreme Gruppen in den Katastrophenorten einfallen, um sich dort mit Material für ihre Social-Media-Propaganda einzudecken.

Die Opfer von “Bild” (5)

Auch wenn die “Bild”-Medien für ihre “TODESFLUT”-Berichterstattung mitunter fast 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gleichzeitig im Einsatz hatten – eines konnten sie tagelang nicht präsentieren: die traditionelle Opfergalerie, also private Fotos von Menschen, die bei den Überschwemmungen ums Leben gekommen sind.

Stattdessen gab es diese Aktion:

Screenshot von der BILD.de-Startseite: Zahlreiche Schlagzeilen zum Hochwasser, etwa "Riesen-Krater frisst Häuser - Mit Video - BILD-Reporter in Blessem, dem Dorf am Abgrund", "GERETTET! - Hier klammerte sich vier Stunden lang ein Mann ans Leben", "Unklar ob es alle aus ihren Autos schafften", "Zu wenig Alarm! - Hat der Katastrophenschutz versagt?" Und dann die Schlagzeile: "VERMISST! Brauchen Sie Hilfe bei der Suche nach Ihren Liebsten? vermisst@bid.de"

Im Artikel hieß es:

Screenshot aus dem BILD.de-Artikel: "Brauchen Sie Hilfebei der Suche nach Ihren Liebsten? BILD hilft Ihnen dabei! BILD ist im Katastrophengebiet in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfal vor Ort. Wir helfen, geben alles für Sie. - Schicken Sie und Ihre Vermisstenanzeige! - Bitte mit Foto und Angaben zur vermissten Person - per Whatsapp an 0151/15090200 oder als Mail an vermisst@bild.de"

Und so konnte die “Bild”-Redaktion kurz darauf doch noch Gesichter präsentieren:

Ausriss aus der BILD-Zeitung: "Angehörige verzweifelt +++ Seit Tagen keine Lebenszeichen der Liebsten - VERMISST", dazu Fotos von zwölf Menschen, die vermisst werden

Auch online wurde die Galerie veröffentlicht:

Screenshot von der BILD.de-Startseite: "VERMISST - Angehörige verzweifelt ++ Seit Tagen kein Lebenszeichen der Liebsten"

Und “Bild am Sonntag” titelte:

Titelseite der BILD am SONNTAG: "DIE JAHRHUNDERT-FLUT - DER TOD KAM ZUM GEBURTSTAG" - dazu ein großes Foto einer Frau (und ihres Sohnes), die bei den Überschwemmungen ums Leben kam

Die Fotos sind laut Angabe von “Bild” zwar mit Zustimmung der Angehörigen erschienen, wir haben sie dennoch alle unkenntlich gemacht, weil auch bei Fotos, die mit einem solchen Einverständnis in “Bild” erscheinen, Vorsicht geboten ist. Es kommt immer wieder vor, dass Angehörige im Nachhinein bereuen, “Bild” die Erlaubnis gegeben zu haben. Viele sind im Moment der Zustimmung in einem emotionalen Extremzustand, in dem sie keinen klaren Kopf haben – und anfällig sind für die manipulativen Techniken erfahrener Fotojäger.

***

Insgesamt haben die “Bild”-Medien in der Woche vom 12. bis 18. Juli mindestens 39 Mal Fotos von Menschen gezeigt, die Opfer eines Unglücks oder Verbrechens geworden sind oder nach den Überschwemmungen vermisst werden.

In einem Fall waren die Augen verpixelt, in zwei Fällen das Gesicht. In 36 Fällen gab es keinerlei Verpixelung.

***

Bild.de zeigt zum Beispiel das Foto eines Mannes, der bei einer Rangelei erstochen wurde:

Screenshot von BILD.de: Das eingerahmte Foto eines Mannes, das auf dem Boden steht, umgeben von Kerzen und Blumen.

(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag von uns.)

Das Foto wurde von Trauernden zwischen Blumen und Kerzen am Tatort aufgestellt, dort hat “Bild” es abfotografiert. In einem ähnlichen Fall, nachdem “Bild” Fotos von Opfern des Germanwings-Unglücks auf einem Marktplatz abfotografiert hatte, erhielt die Redaktion eine Rüge des Presserats, weil das Aufstellen der Fotos, auch wenn es an einem öffentlichen Ort passierte, “nicht für die Medienöffentlichkeit und ohne Zustimmung der Abgebildeten oder Angehörigen” geschah.

***

Bild.de und “Bild am Sonntag” zeigen auch die Gesichter von drei 18-Jährigen, die bei einem Autounfall ums Leben kamen:

Screenshot von der BILD.de-Startseite: "Drei beste Freunde verunglücken mit Auto - Gemeinsam gelacht, gelebt, gestorben", dazu ein eingerahmtes Foto der drei jungen Männer, das umgeben von Blumen auf einem Friedhof steht, sowie das Bild-Plus-Logo

Screenshot von der BILD.de-Startseite: "Drei beste Freunde verunglücken mit Auto - Gemeinsam gelacht, gelebt, gestorben", dazu ein eingerahmtes Foto der drei jungen Männer, das umgeben von Blumen auf dem Grab steht, dazu ein weiteres Foto, auf dem man die Gesichter in Großaufnahme erkennt

Das Bild wurde am Grab der jungen Männer abfotografiert. Online bekommt man eine Großaufnahme der Gesichter erst, wenn man bezahlt.

***

Gezeigt wird auch ein Mann, der in Brasilien nach einer Haiattacke seinen Verletzungen erlag:

Screenshot von BILD.de: Ein Selfie eines Mannes, dazu die Bildunterschrift: "Das Opfer [...] wurde nur 51 Jahre alt"

Das Foto stammt aus seinem Facebookprofil. Bild.de gibt die vollständige Adresse dorthin an.

***

Nach einem Verbrechen oder Unglück in Social-Media-Profilen zu wühlen und daraus Fotos der Opfer zu veröffentlichen, ist redaktioneller Alltag bei “Bild”. Häufig erscheinen solche Fotos ohne jede Verpixelung und ohne Zustimmung der Angehörigen oder Hinterbliebenen.

In vielen Fällen werden Freunde, Kollegen oder Familienmitglieder sogar von Reportern bedrängt, damit sie Fotos der Menschen herausrücken, die sie gerade verloren haben.

“Bild” begründet die Veröffentlichung solcher Bilder damit, dass “nur so” die Tragik “deutlich und fassbar” werde.

Wie jedoch viele Betroffene selbst darüber denken, kann man zum Beispiel hier nachlesen. Dort sagt der Vater eines Mädchens, das beim Amoklauf von Winnenden getötet wurde und deren Foto in den Tagen darauf immer wieder in der “Bild”-Zeitung erschien:

Die “Bild”-Zeitung und andere, auch Fernsehsender, ziehen Profit aus unserem Leid! Dreimal hintereinander sind Bilder [unserer Tochter] erschienen, ohne dass wir das gewollt hätten. Wir hätten das nie erlaubt. Die reißen die Bilder an sich und fragen nicht danach, was wir Hinterbliebenen denken und fühlen.

Pressekodex Richtlinie 8.2

Die Identität von Opfern ist besonders zu schützen. Für das Verständnis eines Unfallgeschehens, Unglücks- bzw. Tathergangs ist das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich. Name und Foto eines Opfers können veröffentlicht werden, wenn das Opfer bzw. Angehörige oder sonstige befugte Personen zugestimmt haben, oder wenn es sich bei dem Opfer um eine Person des öffentlichen Lebens handelt.

In einem Interview in unserem Buch sagt ein anderer Betroffener, dessen Bruder bei einem Skiunfall gestorben ist und später ohne Erlaubnis der Angehörigen groß auf der Titelseite der ”Bild”-Zeitung zu sehen war:

Das war eines der schlimmsten Dinge an der Geschichte: Dass die “Bild” die Kontrolle darüber hat, mit welcher Erinnerung mein Bruder geht. Dass das letzte Bild von der “Bild”-Zeitung kontrolliert wird und nicht von ihm selbst oder von uns.

Auch in anderen Medien kommt es vor, dass solche Fotos veröffentlicht werden. Doch niemand macht es so häufig und so eifrig wie “Bild”. Mehr als die Hälfte aller Rügen, die der Presserat je gegen die “Bild”-Medien ausgesprochen hat, bezog sich auf die unzulässige Veröffentlichung von Opferfotos.

Um zu verdeutlichen, in welchem Ausmaß “Bild” auf diese Weise Profit aus dem Leid von Menschen zieht, wollen wir hier regelmäßig dokumentieren, wie häufig die “Bild”-Medien solche Fotos veröffentlichen.

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