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Stromableser, BayernLB, Scooter

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Sport Bild-Watch (8)”
(el-futbol.de, Sidan)
Fußball: Die taktischen Erklärungen von Borussia-Dortmund-Trainer Jürgen Klopp werden von “Sport Bild” als “seine spezielle Pfeil-Taktik” bzw. als “die geheime Pfeil-Taktik von Klopp” dargestellt. “Es geht tatsächlich um stinknormale, von Klopp aufgezeichnete Laufwege, die jeweils den idealen Laufweg bei eigenem und gegnerischem Ballbesitz aufzeigen.”

2. “Wie sich ein Stromableser als angeblicher Betrüger in der HZ erkannte”
(stimme.de, Matthias Stolla)
Mike Mitschke liest am 1. Dezember in der “Hohenloher Zeitung”, “dass er als Betrüger gesucht wird”. Er soll in Niedernhall als “falscher”, bzw. “selbsternannter” Stromableser unterwegs gewesen sein.

3. “Die Gewissensfrage”
(sz-magazin.sueddeutsche.de, Rainer Erlinger)
Frage an Dr. Dr. Rainer Erlinger: “Sollte es Zeitungen und Rundfunkanstalten nicht verboten werden, Nachrufe auf Prominente schon zu deren Lebzeiten vorzubereiten?”

4. Interview mit Ralf Höcker
(sueddeutsche.de, Christina Maria Berr)
Ralf Höcker, Medienanwalt von Jörg Kachelmann, würde gerne vorab prüfen, was Alice Schwarzer in einem geplanten Buch über den Prozeß schreibt: “Wir haben beim Landgericht Köln schon drei einstweilige Verfügungen gegen ihre erschreckend einseitigen und unjournalistischen Artikel erwirkt. Man muss doch damit rechnen, dass ihr Buch wieder genauso viele Fehler und Rechtsverletzungen enthalten wird.”

5. “BayernLB-Bericht geleakt”
(zeit.de, Torsten Kleinz)
Die Nichtregierungsorganisation Attac veröffentlicht ein vom Bayrischen Landtag in Auftrag gegebenes Gutachten zur Krise der Bayerischen Landesbank: “Während die Wikileaks-Veröffentlichungen in Deutschland an jedem Tag für Schlagzeilen sorgen, bekommt der Leck im nahen Bayern nur wenig Aufmerksamkeit: ein Bericht in der Münchner Abendzeitung, ein kurzer Artikel in der Main Post und eine Notiz in der Süddeutschen Zeitung – das war es schon.”

6. “Das Scooter-Interview”
(fudder.de, caro, 11. Dezember)
Caro spricht ausführlich mit H.P. Baxxter von Scooter: “Früher hatten wir Popsong-mäßig gearbeitet, aber ‘Hyper Hyper’ hatte keine richtig klare Songstruktur. Wir haben einfach was gemacht, haben irgendwelche DJs gegrüßt, im Mittelpart, das war zu der Zeit wirklich ungewöhnlich.”

Lolas Rente*

Der Filmkritiker Rüdiger Suchsland wartet. Er wartet darauf, dass ihm jemand von ARD und ZDF verrät, wie viel Geld die öffentlich-rechtlichen Sender für die Rentenbezüge ihrer ehemaligen Angestellten ausgeben. Immerhin wartet er offenbar nicht allein; er schreibt: “Wir warten.”

Suchsland hat für das Online-Magazin “Telepolis” einen Artikel verfasst, in dem er seinem Frust darüber Ausdruck verleiht, dass ARD und ZDF immer weniger so sind, wie sie seiner Meinung nach sein sollten. Er ist damit nicht allein, und die meisten Belege, die er für seine These nennt, dass die öffentlich-rechtlichen ihre “Verpflichtungen immer weniger erfüllen, weil sie den Privatsendern immer ähnlicher werden”, sind bekannt: weniger Dokumentationen, mehr Talkshows.

Unter Suchslands Text liegt ein ohrenbetäubendes Raunen. Denn er reichert die übliche (deshalb aber natürlich nicht unberechtigte) Kritik mit diversen Gerüchten an. Das heißeste davon lautet:

50 Prozent aller Rundfunk-Gebühren entfallen zur Zeit allein auf Zahlung der Rentenbezüge ehemaliger Angestellter (…).

Suchsland hat diese Information offenbar exklusiv “aus den zweifellos gut unterrichteten Kreisen der Chefetage eines großen öffentlichen Senders”. Und er flucht:

Solche Informationen sind bislang nicht öffentlich. Warum eigentlich? Gibt es kein Recht auf Transparenz bei der Verwendung von Rundfunkgebühren — ähnlich wie die Bürger das Recht haben zu erfahren, was mit den Steuergeldern passiert?

Sollte die Information aus der Chefetage nicht zutreffen, wäre es für die Sender jedenfalls ein Leichtes, diese zu widerlegen, indem sie die Zahlen offen legt. Wir warten.

Apropos “ein Leichtes”: Es gäbe da etwas, das Herr Suchsland tun könnte, anstatt mit spitzem Finger auf die Tischplatte zu tippen. Er könnte auf die Internetseite der “Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten” (KEF) gehen, die nicht nur genau das tut, was ihr Name sagt, sondern darüber sogar öffentlich Rechenschaft ablegt. Er fände dort ein ganzes Kapitel über die “Betriebliche Altersversorgung”. In vielen Tabellen könnte er nachlesen, wie viel Geld die einzelnen öffentlich-rechtlichen Sender dafür pro Jahr ausgeben. Die Kommission hat sich sogar die Mühe gemacht, den Nettoaufwand zu errechnen, der neben den Ausgaben für die Altersvorsorge auch korrespondierende Erträge berücksichtigt und die “effektive Belastung des Gebührenzahlers” darstellen soll. Sie verfolge nämlich, schreibt die Kommission, wie Suchsland zum Hohn, “stetig das Ziel, eine größere Transparenz in der Darstellung der Verwendung der Rundfunkgebühren für die betriebliche Altersversorgung der Rundfunkanstalten zu erreichen”.

Für 2010 zum Beispiel rechnen ARD, ZDF und Deutschlandradio insgesamt mit einem Nettoaufwand von 377,6 Millionen Euro für die Altersversorgung. Dem stehen 8,5 Milliarden Euro Einnahmen gegenüber — davon stammen über 85 Prozent aus den Rundfunkgebühren, also mehr als 7,2 Milliarden Euro.

Es scheint, als würden ARD, ZDF und das Deutschlandradio nicht fünfzig, sondern fünf Prozent der Gebühren, die sie bekommen, für Rentenbezüge ausgeben. Wenn die gut unterrichteten Kreise der Chefetage eines großen öffentlichen Senders tatsächlich über jeden Zweifel erhaben sind, muss sich Suchsland wohl verhört haben.

Jedenfalls könnte er jetzt aufhören zu warten (und den anderen Bescheid sagen).

Mit großem Dank an den Hinweisgeber.

Nachtrag, 10. Dezember, 0.00 Uhr. “Telepolis” hat dem Artikel folgende “Ergänzung” hinzugefügt:

Nachdem die Zahlenangaben für viel Unruhe gesorgt haben, will der Autor demnächst dazu weiter berichten.

Wir warten.

Nachtrag, 11. Dezember, 16.30 Uhr. Rüdiger Suchsland räumt nun in einer “persönlichen Stellungnahme” auf “Telepolis” ein, dass seine Behauptung, 50 Prozent aller Rundfunk-Gebühren entfielen auf Rentenbezüge, “nicht zu halten” sei und nennt die Kritik an seinem Eintrag “gerecht”. Er verteidigt jedoch grundsätzlich das ahnungslose Publizieren von irgendwo Aufgeschnapptem:

Grundsätzlich halte ich allerdings daran fest, dass es gerade der Sinn von Blogs mit ihrer Möglichkeit zur Leserreaktion ist, auch das zu publizieren, was ich hier mal “partytalk” nennen will. Da hört man nämlich neben reinen Gerüchten immer wieder Dinge, die namentlich nie zur Veröffentlichung gesagt werden und trotzdem stimmen.

Indirekt scheinen auch ARD und ZDF selbst Schuld zu sein, dass Leute wie er falsche Meldungen über sie in die Welt setzen:

Jetzt könnte man zwar auch darüber räsonnieren, was es denn über den ÖR sagt, dass man solche Informationen erstmal glaubt, bzw. hier immer mit dem worst case rechnet, aber das würde dann wie eine Ausrede klingen, und das soll es nicht.

*) Lola Öber-Klöben, langjährige ZDF-Archivarin (Name geändert)

AFP, dpa, SDA  

Slumdog Billionaire

Hohe Gebäude sind richtig teuer, schreiben Nachrichtenagenturen.

dpa:

Der 174 Meter hohe Wolkenkratzer mit dem Namen “Antilia” hat rund 755 Millionen Euro Baukosten verschlungen und gilt damit als das teuerste Privathaus der Welt.

AFP:

Das Haus ist 174 Meter hoch und Medienberichten zufolge mit Kosten von mehr als einer Milliarde Dollar (752 Millionen Euro) das teuerste Privathaus der Welt.

Und SDA:

Das Haus ist 174 Meter hoch und Medienberichten zufolge mit Kosten von mehr als einer Milliarde Dollar das teuerste Privathaus der Welt.

1 Milliarde US-Dollar für ein Wohnhaus mit 174 Metern Höhe? Während das derzeit höchste Gebäude der Welt, der 828 Meter hohe “Burj Chalifa” in Dubai, rund 1.5 Millarden US-Dollar kostete? Das kam kobuk.at schon im Oktober seltsam vor (s.a. “6 vor 9” vom 1. November).

Doch die Zahl war bereits 2008 in einem “Forbes”-Artikel zu lesen gewesen:

The cost, originally set at $1 billion, is approaching $2 billion.

Zwei Milliarden Dollar wären verdammt viel Geld. Zwei Milliarden indische Rupien hingegen entsprachen im April 2008 rund 50 Millionen Dollar. Diese Größenordnung passt auch besser zur Aussage eines Sprechers von Reliance Industries, der im Juni 2008 der “New York Times” sagte, die Kosten würden letztlich 50 bis 70 Millionen US-Dollar betragen. Mukesh Ambani, der nun in das Haus einzieht, ist Vorstandsvorsitzender von Reliance Industries.

Ob man damit in Mumbai so ein Haus bauen kann, wurde allerdings bereits im April 2010 auf skyscrapercity.com diskutiert:

Ich persönlich schätze 50 bis 70 Millionen USD für ein solches Gebäude etwas tief ein, aber über was reden wir? Nur über die reinen Baukosten? Innerhalb oder ausserhalb der besten Wohnlage in Mumbai? Mit oder ohne Innenausstattung? Die Zahlen sind so durcheinander an diesem Punkt, dass es nichts bringt, es herauszufinden.

(Übersetzung von uns.)

Doch wenn eh alles durcheinander ist, kann man sich natürlich einfach irgendeine, möglichst hohe Zahl aussuchen: Der Übernahme von Agenturtexten wegen kostet das Haus deshalb auf bild.de 750 Millionen Euro, auf welt.de, stern.de und badische-zeitung.de 752 Millionen Euro, auf focus.de, abendzeitung.de und merkur-online.de 755 Millionen Euro und auf epochtimes.de nur 700 Millionen Euro.

Da die Schweizer Nachrichtenagentur SDA nicht umrechnen wollte, ist in den nahezu deckungsgleichen Berichten von blick.ch, 20min.ch, swissinfo.ch, cash.ch und anderen immer von “einer Milliarde Dollar” die Rede.

Mit Dank an Leo S. und Markus.

Nachtrag, 30. November: Badische-zeitung.de korrigiert ihren Bericht und versieht ihn mit einer “Anmerkung der Redaktion”.

Gute Aussicht

Es ist ein bemerkenswertes Selbstverständnis, das Bild.de da an den Tag legt:

Was so viele Menschen in aller Welt begeistert, muss natürlich auch auf BILD.de zu sehen sein…

Gemeint ist damit: Wenn ein Video bei YouTube “bereits mehr als 3,5 Millionen Mal” (im Sinne von: mehr als 7 Millionen Mal) angeschaut wurde, kann Bild.de es auch schon mal klauen, zwei Mal hintereinanderschneiden, mit Musik und Off-Kommentar unterlegen und nochmal selbst hochladen. Der Arbeitsaufwand dürfte sich dank der Einnahmen aus dem vorgeschalteten Werbeclip rechnen. Aber das ist ja alles nichts Neues.

Konkret geht es um dieses Video hier:

Bild.de erklärt dazu:

Bei einem Spiel zur Stadt-Meisterschaft liegt die Driscoll Middle School schon fast aussichtslos 0:6 hinten.

Wenn man sich sonst eher mit Sportarten wie Fußball oder Handball beschäftigt, bei denen die Tore gezählt werden, sieht so ein 0:6 natürlich “fast aussichtslos” aus. Im American Football allerdings kann man unterschiedlich viele Punkte erzielen. Durch einen Touchdown beispielsweise sechs, weswegen das Spiel in diesem Moment mindestens ausgeglichen war.

Mit Dank an Gabriel T., Lothar Z., Manuel L., J.L., Johannes B. und Matthias H.

Nachtrag, 12. November: Bild.de hat die Formulierung “fast aussichtslos” aus dem Artikel entfernt.

Singlecharts falsch berechnet

Wenn ich einen Kiosk habe und an einem Abend ebenso viele einzelne Bierflaschen wie Sixpacks verkauft habe, waren dann 50% aller verkauften Bierflaschen einzeln? Nö, denn auf jede einzelne Flasche kamen ja sechs gemeinsame Flaschen, der Anteil der einzelnen Flaschen an den insgesamt Verkauften beträgt also nur ein Siebtel.

Und damit raus aus unserer kleinen Beispielwelt, hinein in die graue Wirklichkeit mit ihren Statistiken:

Fast jeder zweite Sachse lebt allein

so vermeldet es heute die “Sächsische Zeitung” auf ihrer Titelseite.

Sachsen “versingelt”. Hier leben immer mehr Menschen allein. Fast jeder zweite der 4,2 Millionen Einwohner wohnt – statistisch betrachtet – allein in seinen vier Wänden.

Was dieses “statistisch betrachtet” bedeuten soll, ist einigermaßen schleierhaft, denn betrachtet man die Statistiken des Statistischen Jahrbuchs 2010 (PDF), auf die sich der Artikel beruft, stellt man fest, dass von den 4,2 Millionen Einwohnern Sachsens 944.900 in einem Einpersonen-Haushalt leben — also gerade mal 22,5 Prozent.

Aber sehen wir uns die Zahlen doch einmal genau an:

42,6 Prozent aller Haushalte sind Single-Haushalte. In ihnen lebt naheliegenderweise je eine Person, insgesamt 944.900. Die 808.200 Zwei-Personen-Haushalte machen zwar nur 36,5 Prozent aus, aber in ihnen leben – 808.200 mal zwei – mehr als 1,6 Millionen Menschen.

Wenn man das nicht selbst ausrechnen mag, kann man einfach auf Tabelle 10 in der Statistik zurückgreifen:

Entsprechend sind auch diese angeblichen Single-Quoten alle Unfug:

Die regionale “Single-Hochburg” ist laut Statistischem Jahrbuch die Stadt Leipzig. Hier leben rund 55 Prozent der Einwohner allein; dicht gefolgt von Dresden (50 Prozent) und Chemnitz (47 Prozent). Danach folgen die Kreise Mittelsachsen, Sächsische Schweiz-Osterzgebirge und Zwickau mit knapp 40 Prozent “Single”-Anteil.

Mit Dank an Michael K.

Klimaforscher, Macheten, Vuvuzelas

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Wie Schiffeversenken, nur ernster”
(sueddeutsche.de, Peter Glaser)
Peter Glaser nennt Journalismus “die zivilisierteste Form von Widerstand”. Sein Text zur Zukunft des Journalismus befasst sich unter anderem mit der Suchmaschinenoptimierung und der Auflösung der klassischen Bündelungsform.

2. “SPIEGEL vs. ZEIT”
(wissenslogs.de/wblogs/blog/klimalounge, Stefan Rahmstorf)
Eine Diplomarbeit vergleicht die von “Spiegel” und “Zeit” in Artikeln zum Thema Klimawandel zitierten Klimaforscher.

3. “Opfer von Täuschungsmanöver”
(stuttgarter-zeitung.de, Erik Raidt)
Unbekannte geben sich gegenüber der Presse als “Junge Liberale” aus und wenden sich “mit drastischen Parolen gegen Arbeitslose”: “Die Stuttgarter Zeitung bedauert, dass die Jungen Liberalen durch die Berichterstattung über die von Dritten fälschlich in Umlauf gebrachten Behauptungen in ein falsches Licht gerückt worden sind.”

4. “Gewalt? Chaos? Desorganisation?”
(profil.at, Johannes Dieterich)
Die Fußball-WM in Südafrika hat begonnen. Johannes Dieterich erinnert nochmals an die zuvor verbreiteten Vorbehalte: “WM-Besucher müssten damit rechnen, von machetenschwingenden Farbigen zerstückelt zu werden, schrieb der Reporter eines britischen Boulevardblatts. Ein deutsches Sicherheitsunternehmen empfahl seiner Nationalmannschaft, ihr Hotel nur mit kugelsicheren Westen zu verlassen.”

5. “Frisch am Stück.”
(alexander-kissler.de)
Alexander Kissler sieht den kritischen Sportjournalismus während der WM in einer Auszeit: “Kritik hat Sendepause, Sportjournalismus wird zum angewandten Fan-Sein. Jetzt werden, je nach Verbreitungsgebiet, Helden gemacht, Stars gepriesen, Führer gebenedeit.”

6. “Vuvuzela-Filter”
(surfpoeten.de)
Wie macht man ein Audiosignal vuvuzelafrei? Eine kurze Anleitung.

Bravo  

Rache ist ein Kinderspiel

Laut Selbstbeschreibung der Bauer Media Group ist die Zeitschrift “Bravo” das “Original unter den Jugendzeitschriften und unangefochtener Marktführer” und “wöchentlich das wichtigste Entertainment- und Informationsmagazin” für die “Kernleserschaft zwischen 12 und 17 Jahren”. Das Magazin “weiß, welche Themen die Jugendlichen wirklich bewegen”, “schafft einzigartiges Vertrauen” und “setzt seit 2006 ein Zeichen gegen Gewalt an Schulen”.

Wir sind uns nicht ganz sicher, welche dieser Kompetenzen sich in der Liste widerspiegeln, die “Bravo” letzte Woche veröffentlicht hat. Aber die Kernleserschaft zwischen 12 und 17 Jahren dürfte dankbar sein für die wertvollen Lebenshilfetipps, die ihr wichtigstes Informationsmagazin da für sie bereithält:

10 Wege, wie Du Dich an Deinem Ex rächen kannst ... 1. Du erzählst seiner neuen Freundin, dass er eine Niete im Bett ist. 2. Du hinterlässt im Männer-Klo auf dem Bahnhof seine Handy-Nummer mit der Nachricht: "Suche neuen Lover!" 3. Du lässt 30 Stück von seiner absoluten Hass-Pizza an seine Adresse liefern. 4. Zum Geburtstag seiner Mutter bestellst Du eine Stripperin, die sich als neue Freundin seines Vaters ausgibt. 5. Seinen kitschigsten Liebesbrief hängst Du am Schwarzen Brett in der Schule auf. 6. In der Umkleidekabine seiner Fußball-Mannschaft verteilst Du zehn rosa Strings mit der Message: "Du hast deine Unterwäsche bei mir vergessen!" 7. Auf seiner Online-Pinnwand postet Du: "Ich hab Windeln in deiner Größe gefunden. Jetzt musst du nicht mehr täglich die Bettwäsche wechseln!" 8. Du stellst eine geöffnete Flasche Cola auf seinen Schultisch - in die Du vorher Abführmittel gekippt hast. 9. Du setzt das Gerücht in die Welt, dass er seine Unterhose mit Socken ausstopft! 10. Du schreibst der Lehrerin, die er nicht ausstehen kann, eine Liebes-E-Mail von seinem Account.

10 Wege, wie Du Dich an Deiner Ex rächen kannst ... 1. Du legst sie mit einem selbst gebastelten Flyer rein, auf dem steht, ihr Lieblings-Shop veranstalte einen Mitternachts-Sale. 2. Du schmeißt ein benutztes Kondom in ihren Briefkasten mit der Notiz: "Du wolltest doch eine Erinnerung an mich!" 3. Du läufst gegen einen Pfosten und erzählst nachher, die blauen Flecken stammen von ihr! 4. Du klaust die Lieblings-Barbie ihrer Kindheit und opferst sie einem Voodoo-Ritual. 5. Du erzählst allen in der Schule, dass sie höchstens einmal pro Woche geduscht hat. Iiiiih! 6. Du schleichst Dich beim Sport-Unterricht in die Mädchen-Umkleide und streust Juckpulver in ihren BH. 7. Du setzt mit einem Bildbearbeitungs-Programm ihren Kopf auf ein Nacktmodell und schickst das Foto an all ihre Bekannten! 8. Du datest ihre Erzfeindin! 9. Du drohst ihr mit der Veröffentlichung einen angeblich heimlich aufgenommenen Sex-Videos! 10. Du plauderst ganz offen über ihre Cellulite.

Wir haben den Rechtsanwalt und Lawblogger Udo Vetter um eine Einschätzung gebeten, welche Straftatbestände erfüllt sein könnten, wenn man den kreativen Vorschlägen von “Bravo” folgt.

Seine Antwort fiel auch für uns überraschend umfangreich aus:

I. (Rache am Ex)

1. Beleidigung, (§ 185 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren), ggf. auch üble Nachrede (§ 186 StGB, Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr — sofern die Tatsache “Niete im Bett” nicht nachweislich wahr ist, wobei der Beweis kaum zu führen sein wird), oder sogar Verleumdung (§ 187 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren — wenn er keine Niete im Bett ist und das “wider besseres Wissen” behauptet wird).

2. Beleidigung, (§ 185 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren)

3. Betrug gegenüber dem Pizzadienst (§ 263 StGB, Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren)

4. Betrug gegenüber der Stripperin (§ 263 StGB, Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren), Beleidigung gegenüber Mutter und Vater (§ 185 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren)

5. Beleidigung, (§ 185 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren)

6. Beleidigung, (§ 185 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren)

7. Beleidigung, (§ 185 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren)

8. Körperverletzung, ggf. Versuch (§ 223 StGB, Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren)

9. Beleidigung, § 185 StGB (Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren), ggf. auch üble Nachrede (§ 186 StGB, Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr — sofern die Tatsache “Socken in der Unterhose” nicht nachweislich wahr ist, wobei der Beweis kaum zu führen sein wird), oder sogar Verleumdung (§ 187 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren – wenn die Behauptung “wider besseres Wissen” aufgestellt wird).

10. Wegen des Zugangs zum Account ggf. Ausspähung von Daten (§ 202a StGB, Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren) oder Vorbereitung des Ausspähens von Daten (§ 202c StGB, Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr). Überdies wieder Beleidigung etc.

II. Rache an der Ex

2. Beleidigung (§ 185 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren)

3. Verleumdung (§ 187 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren)

4. Diebstahl (242 StGB, Freiheitsstrafe bis fünf Jahren), außerdem Sachbeschädigung (§ 303 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren)

5. Verleumdung (§ 187 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren)

6. Körperverletzung, ggf. Versuch (§ 223 StGB, Freheitsstrafe bis zu fünf Jahren)

7. Beleidigung (§ 185 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren)

9. Nötigung (§ 240 StGB, Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren)

10. Beleidigung (§ 185 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren)

Nun sind die angegebenen Höchststrafen natürlich nicht gerade das Strafmaß, mit dem bisher unbescholtene Jugendliche zu rechnen hätten — aber dass sie sich gegebenenfalls strafbar machen, wenn sie die Ratschläge von “Bravo” befolgen, das hätte das Magazin, das einzigartiges Vertrauen schafft, seinen jungen Lesern dann vielleicht doch mit auf den Weg geben sollen.

Mit Dank an Stefan W.

And here are the results of the Bild.de-Jury

Nachdem Lena Meyer-Landrut den Eurovision Song Contest gewonnen hatte (“wir” also mutmaßlich Grand Prix “sind”), schrieb “Bild”-People-Experte Alexander von Schönburg am Montag:

Künftig wollen wir sie öfter auf unserer Seite sehen.

Das klang angesichts der Tatsache, dass die junge Sängerin nicht mit “Bild” sprechen will, schon beinahe wie eine Drohung. Und tatsächlich sind Zeitung und Onlineauftritt seit Tagen voll von Lena — oder genauer: von irgendwas, was “Bild” und Bild.de mit dem Wort “Lena” versehen können.

Da wurde Bekanntes und Vermutetes zusammengetragen (BILDblog berichtete), Horst Köhlers Rücktrittsrede in “Lena-Sprech” übersetzt und der Versuch einer Exegese der Danksagungen in Lenas vor fast vier Wochen erschienener CD zur Seite-1-Story (“Den wichtigsten Menschen in ihrem Leben sagt sie jetzt Danke!”) verdreht.

Heute jetzt erklärt Bild.de:

Lena Meyer-Landrut: So wählten die Fans beim Grand Prix wirklich

Hätten NUR die Fans wählen dürfen, Lena Meyer-Landrut (19, “Satellite”) wäre NOCH weiter vorne gewesen …

Bild.de ist sich sicher:

Hätte es in diesem Jahr keine Jury-Entscheidung gegeben, die zu 50 Prozent zählte, wäre Lenas Sieg (246 Punkte) noch viel höher ausgefallen!

Wie genau die Fans “wirklich” abgestimmt haben, weiß auch Bild.de nicht, aber anders als bei weiten Teilen der sonstigen Lena-Berichterstattung gibt es immerhin Belege:

So erhielt Lena zum Beispiel von der rumänischen Jury keinen Punkt. Die rumänischen Anrufer wählten sie jedoch unter die Top 5. Ergebnis: 3 Punkte aus Rumänien.

Das “Beispiel” hat nur einen kleinen Haken: Rumänien scheint das bisher einzige von 39 Ländern zu sein, das seine Jury-Wertungen veröffentlicht hat. Die übrigen Ergebnisse werden irgendwann in den nächsten Tagen und Wochen bekannt gegeben.

Erst wenn alle 39 Jurywertungen bekannt sind, kann man also ausrechnen, wie groß die theoretischen Abweichungen gegenüber dem offiziellen Endergebnis tatsächlich wären.

PS: Und dann war da noch die Bild.de-Klickstrecke “So stimmte Europa für Lena”, die mit dieser geographischen Sensation aufwartete:

Georgien gab 0 Punkte: Nix für uns, 12 Punkte für Nachbar Weißrussland. Gemein!

Mit Dank an Bertha, Daniel P. und die vielen anderen Hinweisgeber.

Nachtrag, 28. Juni: Die European Broadcasting Union hat die Punktezahlen nach Jury- und Zuschauervotes getrennt veröffentlicht.

Das überraschende Ergebnis: Hätten nur die Fans wählen dürfen, hätte Lena Meyer-Landrut 243 Punkte bekommen (statt 246) und ihr Abstand zur zweitplatzierten Türkei hätte statt 76 Punkten nur noch 66 Punkte betragen.

Bild.de lag also voll daneben.

Nido, Pirate Bay, Hacke

6 vor 9

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1. “FAZ über Nido”
(dirkvongehlen.de)
Dirk von Gehlen beleuchtet “Ihr seid ganz schön gaga!” von Sandra Kegel über das Elternmagazin “Nido”. Der Text arbeite sich ab an den unterschwelligen Vorstellungen der Autorin, “die mit der angenommenen Welt der ebenfalls imaginierten Nido-Leser nicht zusammen gehen wollen”.

2. “‘Bild’, Kock am Brink und Rechnen für Grundschüler”
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Thomas Lückerath kümmert sich um die Frage, ob Ulla Kock am Brink tatsächlich nach 10 Jahren auf die TV-Bildschirme zurückkehrt, wie “Bild” auf der Titelseite schreibt.

3. “Pirate Bay dementiert Verkaufsmeldung”
(heise.de)
In einem Blogeintrag dementiert “The Pirate Bay” eine Pressemitteilung über einen Verkauf der Plattform: “With great interested we read the press release at Market Watch that a company decided to buy TPB. However, we have no deal with them. We have not even talked to them!”

4. Interview mit Stefano Semeria
(derstandard.at, Doris Priesching)
TV-Formatentwickler Stefano Semeria über die Zukunft von Fernsehformaten: “Reality entstand, weil die Sender kostengünstiges Programm brauchten und weg vom ganz teuren Fernsehen wollten. Das ist aber vielleicht jetzt genau der Grund, warum das Publikum nicht mehr darauf zugreift.”

5. Interview mit Axel Hacke
(planet-interview.de, David Sarkar)
Axel Hacke, der seit Jahren jede Woche eine Kolumne über sein Leben schreibt, zum Stichwort Twitter: “Das ist doch diese Geschichte, wo die Leute in kurzen Sätzen jederzeit mitteilen, was sie gerade machen. Ehrlich gesagt, viel mehr weiß ich darüber nicht, weil ich es so blöd finde. (…) Ich finde dieses ständige Mitteilungsbedürfnis, die Banalitäten-Schleuderei einfach unsäglich.”

6. “We deserve better than this”
(wtfcnn.com, englisch)
Die Website “WTF CNN?” bietet einen Vergleich von cnn.com mit anderen Online-Angeboten, zum Beispiel mit dem von “Deutsche Welle”: “We know you think this is what we want, but it’s not. We don’t care what random Tweeters think about a news story, how many holograms you have in your Situation Room, or even the latest celebrity gossip.”

Wikileaks, Estland, BDZV

6 vor 9

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1. “Wikileaks: Die Medien haben versagt”
(netzwertig.com, Peter Sennhauser)
Peter Sennhauser sieht das am Montag durch Wikileaks veröffentlichte Video als Blamage für die Mainstreammedien. “Entweder sie hatten das Video nicht – weil ihnen die Whistleblower nicht mehr trauen -, oder sie hatten es und veröffentlichten es nicht. Beides ist eine journalistische Bankrotterklärung.”

2. “US-Angriff als Video”
(blog.tagesschau.de, Kai Gniffke)
Bei der Tagesschau sind gemäss Kai Gniffke offenbar noch keine Strukturen da, um mit solchem Material jetzt schon umgehen zu können. “Ich bin mir sicher, dass die Zahl solcher Fälle in Zukunft zunehmen wird. Deshalb müssen wir intern Strukturen schaffen, die einen verantwortungsbewussten Umgang mit diesem Material ermöglichen.”

3. “Estland: Sorge um Informantenschutz”
(sueddeutsche.de, Matthias Kolb)
Heute wird im estnischen Parlament abgestimmt, ob Journalisten Informanten schützen können: “Justizminister Rein Lang von der liberalen Reformpartei plant ein so genanntes Pressequellenschutzgesetz, um in 50 Ausnahmefällen vor Gericht die Identität der Quellen offen legen zu können. Wer sich weigert, muss mit bis zu einem Jahr Gefängnis rechnen oder mit 500 Tagessätzen.”

4. Interview mit Dieter Kassel
(dirkvongehlen.de)
Dirk von Gehlen spricht mit Dieter Kassel, Moderator beim Deutschlandradio, über den Umgang mit den Hörern und dem daraus resultierenden Gewinn: “Natürlich gibt es welche, die nerven und manchmal bin ich auch erschreckt über gewisse Ansichten, aber alles in allem verleiht einem eine solche Sendung eine gewisse Bodenhaftung. Man merkt, dass die Dinge oft nicht so sind, wie man sie sich in Redaktionskonferenzen vorstellt.”

5. Interview mit Helmut Heinen
(stuttgarter-zeitung.de, Armin Käfer)
Helmut Heinen, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), sagt einerseits (zur Begrenzung der Online-Aktivitäten von ARD und ZDF): “Wir wollen keine neuen Gesetze.” Andererseits hält er “ein umfassendes Leistungsschutzrecht für erforderlich”.

6. “Sehr geehrte Frau Aigner!”
(fr-online.de, pb)
In einem von FR-online.de formulierten Brief antwortet Facebook-Gründer Mark Zuckerberg Bundesministerin Ilse Aigner auf den offenen Brief, den sie ihm am Montag schickte. “Nach eingehender interner Diskussion sind wir zu dem Schluss gekommen, dass es uns einen feuchten Kehricht kümmert, ob Sie Ihr Profil löschen wollen oder nicht.”

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