Vergangenen Montag ist in der Wüste von Nevada das Festival “Burning Man” zu Ende gegangen. Und heute, eine Woche später, gibt es noch einmal richtig Wirbel in den Medien:
Der Reihe nach: vip.de, klatsch-tratsch.de, promicabana.de, kurier.at, gala.de, Bild.de — journalistisch also alles eine Liga.
Und obwohl die gesamte Expertenrunde felsenfest behauptet, David Bowies Patenkind habe mit Erlaubnis von David Bowies früherer Ehefrau einen Teil von David Bowies Asche mit zum “Burning Man” genommen und dort in einer Zeremonie verstreuen lassen, dürfte das alles nicht stimmen. Denn inzwischen haben sich David Bowies Sohn, die offizielle David-Bowie-Facebookseite und ein Sprecher der Verwaltung des David-Bowie-Nachlasses geäußert. Und alle sagen: Das ist Quatsch.
Im fernen Paralleluniversum der Regenbogenpresse gibt es eine billige Methode, die die Redaktionen gerne anwenden und die für geschätzte 50 Prozent ihrer Fantasieberichte die Grundlage bildet — der Richtige-Moment-Trick. Geht ganz einfach und ist irre effektiv: Man setzt einen Paparazzo bei einer öffentlichen Veranstaltung auf einen Prominenten an und lässt ihn solange die Linse auf den Schauspieler/Prinzen/Sportler/Wasauchimmer halten, bis diese Person mal so guckt, wie man sie in einem Artikel darstellen will: dusselig oder grimmig oder betrunken oder wieauchimmer. Und schon hat man eine neue Titelgeschichte.
Boris Becker guckt auf der Tribüne eines Tennisturniers seine Ehefrau Lilly ernst an? Ehekrise! Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit hat bei einem Empfang ein Glas Sekt in der Hand, und ihre Augenlider hängen auf Halbmast, weil sie gerade blinzelt? Alkoholabsturz! Nach diesem Schema lassen sich zig Storys in die Richtung biegen, die einem gerade am besten passt.
“Bild” und Bild.de erzählen dieser Tage auffallend gern die Geschichten der respektlosen Angeklagten, die vor Gericht lächeln, lachen, grinsen, obwohl ihnen schlimme Dinge vorgeworfen werden.
Zum Beispiel Bill Cosby. Gegen den früheren Entertainer gibt es mehrere Missbrauchsvorwürfe. Vorgestern wurde festgelegt, dass der Prozess zu einem dieser Vorwürfe im Juni 2017 starten soll. Zur Anhörung am Dienstag erschien Bill Cosby persönlich. Er stieg aus dem Auto, lachte, wurde dabei fotografiert. Schon hatte Bild.de gestern eine Schlagzeile:
Zum Beispiel Sven Lau. Der Salafistenprediger steht in Düsseldorf vor Gericht. Ihm wird die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Zum Prozessauftakt am Dienstag machten Fotografen reichlich Fotos, auf einigen grinst Lau beim Betreten des Gerichtssaals — für Bild.de das Ereignis, das in die Überschrift musste:
Zum Beispiel Otto L. Der heute 43-Jährige ist vergangenes Jahr mit der damals 15-jährigen “Tochter seiner Ex” durchgebrannt. In einem ersten Urteil wurde er wegen Entziehung Minderjähriger verurteilt. Dagegen ging er vor und wurde am Montag freigesprochen. Über das Urteil schien er sich zu freuen. Jedenfalls titelte die Saaraland-Redaktion der “Bild”-Zeitung:
Zum Beispiel Norbert K. Er hatte mit einem Komplizen ein 17-jähriges Mädchen entführt und erfolglos 1,2 Millionen Euro Lösegeld gefordert. Das Mädchen wurde erdrosselt und erstickt. Norbert K. wurde am Montag wegen Mordes durch Unterlassung und erpresserischen Menschenraubs mit Todesfolge zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Haupttäter bekam lebenslang (die Urteile sind noch nicht rechtskräftig). Bei der Verhandlung am Montag unterhielt sich Norbert K. mit seinem Anwalt und lachte dabei auch. Bild.de:
Der Artikel steigt so ein:
Das Lachen der hübschen Anneli († 17) wird nie wieder real sein. Es wurde ausgelöscht, von ihren Entführern. Ausgerechnet einer dieser Männer wagt es, im Mordprozess ausgelassen zu lachen!
Genau diese unsachliche Empörung über kleine Momentaufnahmen treibt all die “Bild”-Grinse-Geschichten aus den vergangenen vier Tagen: “Was fällt euch Typen eigentlich ein, auch noch zu lachen?” Es ist dabei egal — und auch gar nicht bekannt –, worüber die Personen lachen. “Bild” und Bild.de lassen die Situationen dennoch wie eine Verhöhnung der Opfer wirken.
Bei Wolfgang Bosbach und “Bild” ist es ein bisschen wie bei der Henne und dem Ei: Was war zuerst da? Der Quatsch, den Wolfgang Bosbach erzählt und den “Bild” dankbar aufgreift? Oder der Quatsch, den “Bild” verbreitet und den der CDU-Politiker in einem seiner vielen Talkshowauftritte und Interviews zitiert und weiterdreht?
So oder so — “Bild” und Bosbach sind ein starkes Team. Wenn der eine etwas von sich gibt, plappert es der andere gerne nach. Sie leben in Symbiose. Doch jetzt hat “einer der beliebtesten Politiker” (“Bild” meint damit Bosbach) angekündigt, dass er bei der Bundestagswahl 2017 nicht erneut kandidieren wird, aus politischen und privaten Gründen.
Gestern schaffte es lediglich eine kurze sachliche Meldung darüber auf die “Bild”-Titelseite (“Bosbach tritt nicht mehr an”). Dafür gab es heute aber eine umso größere Würdigung:
117 Zeilen Lobhudelei (“So einer wird im Bundestag fehlen”), einen Brief von Franz Josef Wagner (“Warum lieben wir diesen Menschen? Weil er die Wahrheit spricht!”) und obendrauf eine Urkunde mit “Bild”-Siegel:
Für seine besonderen Verdienste als Volksvertreter wird Wolfgang Bosbach ausgezeichnet,
– weil ihm in der Großen Koalition seine Überzeugungen wichtiger sind als Macht und Mehrheiten
– weil er im Bundestag und im Fernsehen so redet, dass ihn Millionen Menschen verstehen
– weil ihm die Wähler in seinem Wahlkreis 22 Jahre lang die Treue hielten
– weil er kein Querulant ist, sondern kritisch UND loyal zu seiner Partei steht
– weil er stets mit dem Florett für seine Meinung kämpft und auch über sich selber lachen kann
Na, da läuft es einem doch eiskalt den Rücken runter das geht doch runter wie Öl.
Der größte Coup der “Bild”-Zeitung aber ist: Die Redaktion hat Wolfgang Bosbach vom Fleck weg als Kolumnisten verpflichtet.
Dort hört er also auf. Aber bei BILD macht er weiter — ab 2017 mit einer wöchentlichen Kolumne. Klar, kantig, kenntnisreich und manchmal mit einem Augenzwinkern.
… und hin und wieder sicher auch genauso falsch wie Berichte der “Bild”-Medien. Denn bei Bosbachs eingangs erwähnter Nachplapperei von “Bild”-Geschichten kommt es immer mal wieder vor, dass er falsche Behauptungen übernimmt und – ganz der Kolumnist – zuspitzt.
Zwei Beispiele.
Im Dezember 2014, kurz vor Weihnachten, vermeldeten “Bild” und Bild.de ganz aufgeregt:
Laut “Bild” sollte der Grünen-Politiker Omid Nouripour gefordert haben, dass in Kirchen zu Weihnachten auch ein muslimisches Lied gesungen wird. Nur: Das hat er nie. Die Idee kam eigentlich von “Bild” selbst, und die Reporter riefen Nouripour an, um zu fragen, was er davon halte. Der Bundestagsabgeordnete war dagegen. Und wenn schon, dann sollte es einen Austausch geben: Im Gegenzug sollten auch christliche Lieder in Moscheen gesungen werden. Gefordert hatte Nouripour also nichts, sondern lediglich einen Gegenvorschlag gemacht.
Und Wolfgang Bosbach? Der schnappte sich die falsche “Bild”-Geschichte und ließ im Interview mit “Focus Online” ordentlich Dampf ab:
“Weihnachten ist kein Hochamt für Multikulti, sondern ein christliches Fest, bei dem traditionell nur christliche Weihnachtslieder gesungen werden. Dabei soll es bleiben”, sagte Wolfgang Bosbach am Montag zu FOCUS Online. “Mir ist auch nicht bekannt, dass in irgendeiner Moschee ‘Stille Nacht, heilige Nacht’ gesungen wird oder es entsprechende Pläne gibt”, fuhr der Innenpolitik-Experte der Union fort. “Bevor Herr Nouripour vorschlägt, dass der Muezzin zur Christmette ruft, hoffe ich sehr, dass es beim christlichen Glockenläuten bleibt.”
Der heutigen “Bild”-Würdigung zufolge ist Bosbach übrigens “nie polternd populistisch”. Joar.
Zweites Beispiel: In der Hochphase der “Bild”-Kampagne gegen die faulen Griechen verkalkulierte sich Dirk Hoeren, Chefverrechner des Hauses, mal wieder. Hoeren wollte zeigen, dass das Renteneintrittsalter in Griechenland viel niedriger sei als in Deutschland — 56 Jahre versus 64 Jahre. Und zog dafür eine völlig unpassende Statistik ran: Die zeigte nämlich nur das angepeilte Renteneinstiegsalter für den öffentlichen Dienst. Hoeren machte daraus das aktuelle Renteneinstiegsalter aller Griechen. Und langte dann auch beim Renteneinstiegsalter in Deutschland daneben. Kurz gesagt: Alles völlig falsch.
Der Griechische Ministerpräsident hat jetzt angeboten, das reale Renteneintrittsalter in Griechenland, das bei uns bei fast 64 Jahren liegt, auf 56 Jahre anzuheben.
Bosbach hatte seinen TV-Auftritt drei Tage, nachdem Dirk Hoeren die Zahlen falsch ins Spiel gebracht hatte, und als schon längst klar war, dass da was nicht stimmt.
Nächstes Jahr wird Wolfgang Bosbach dann also “Bild”-Kolumnist. Das Ei wird zur Henne.
Jeden Mittwoch darf Heinz Buschkowsky “Klartext” reden. Immer wieder geht es in seiner Kolumne in der Berlin-Brandenburg-Ausgabe der “Bild”-Zeitung um Zuwanderung, genauer: um die negativen Aspekte der Zuwanderung. Darin ist der ehemalige Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln schließlich selbsternannter Experte.
In seinem aktuellen Text aber behandelt Buschkowsky ein ganz anderes Thema:
Auch nach mehrfachem Lesen seines Textes und entgegen dem Titel seiner Kolumne wird nicht ganz klar, wofür Buschkowsky nun eigentlich plädiert: mehr Spielhallen, weniger “Pokémon”? Mehr Monster, weniger Glücksspiel? Immerhin einen seiner Gedanken umreißt er eindeutig: Für Muslime sei “Pokémon Go” ein — Achtung, Wortspiel — No-Go.
Junge und Mittelalte starren auf ihr Handy und rennen scheinbar ziellos durch die Gegend. Autofahrer kümmert ihr Handy mehr als die Ampel, es werden Partys gefeiert oder mit Taschenlampen bis morgens um 5 Uhr Grünanlagen durchstöbert.
Das ist ziemlich irre, bringt Menschen aber in Bewegung. Die israelische Marine soll damit Soldaten anwerben, im Islam ist das Spiel bereits mit einer Fatwa verboten worden, weil die Figuren auf der Evolutionstheorie basieren.
War ja klar, der Islam wieder, ein weiteres Lieblingsthema von Buschkowsky.
Einziges Problem: Heinz Buschkowsky schreibt Quatsch. Nicht “im Islam” ist “Pokémon Go” per Fatwa verboten worden, sondern in Saudi-Arabien. Und das auch nicht erst gerade, sondern bereits vor 15 Jahren. Um die Jahrtausendwende gab es schon einmal einen “Pokémon”-Hype. Die Fatwa von damals wurde in Saudi-Arabien nun für “Pokémon Go” erneuert.
Der Rechtsgelehrte Scheich Saleh al-Fausan erklärte Medienberichten zufolge, das neue Spiel sei grundsätzlich wie das alte. In der Fatwa von 2001 wird Pokémon mit einem Glücksspiel verglichen. Weiter heißt es, die Figuren schienen auf der Evolutionslehre von Charles Darwin zu basieren. Beides wird vom Islam abgelehnt.
Der Islam in Saudi-Arabien, der Islam weltweit — solche Feinheiten interessieren Heinz Buschkowsky nicht, wenn er in “Bild” so richtig “Klartext” dampfplaudert.
Mit Dank an Martin für den Hinweis!
Nachtrag, 16:05 Uhr: Am vergangenen Samstag wurde “Pokémon Go” auch im Iran verboten, einen Tag zuvor hatten “Malaysias oberste islamische Autoritäten den Muslimen ihres südostasiatischen Landes das beliebte Handyspiel verboten”, schreibt heise.de. Sofern Heinz Buschkowsky nicht über seherische Fähigkeiten verfügt, konnte er davon aber nichts wissen — sein Text erschien am Mittwoch vergangener Woche.
1. Das teuerste Nischenprogramm aller Zeiten (faz.net, Frank Lübberding)
Der Journalist Frank Lübberding ächzt in seiner TV-Olympia-Kritik über die Rund-um-die Uhr-Berichterstattung von ARD und ZDF. Zu viel, zu pausenlos, zu hektisch. Und wer schaut eigentlich das Nachtprogramm? Lübberding schlägt einen Reset vor: “Da wäre es durchaus eine interessante Überlegung, wenn bei den nächsten Spielen ein Nischensender wie Eurosport aus Tokio berichten würde. Es wäre ein wirkungsvoller Beitrag, um die Olympischen Spiele von ihrem derzeitigen Gigantismus befreien, der in dieser Form der grenzenlosen Berichterstattung seinen öffentlich-rechtlichen Ausdruck findet.”
2. Britische Zeitungen: Gemeinsam gegen Facebook (spiegel.de)
Seit Jahren verlieren Zeitungen Anzeigenkunden an Internetunternehmen wie Google und Facebook. In Großbritannien wollen sich nun Medienhäuser verbünden, die auf den ersten Blick nichts miteinander gemein haben: Die Zeitungen “The Sun”, ” The Guardian”, “The Daily Mail” und “The Times” wollen in einer “Machbarkeitsstudie” herausfinden, wie man das schrumpfende Anzeigengeschäft beleben kann.
3. Was immer geschieht, Sie sind live dabei (faz.net, Fabienne Hurst)
Für den französischen Nachrichtensender “BFM TV” ist Schnelligkeit alles. Der private Nachrichtenkanal hat sich in den vergangenen Jahren mehr und mehr der Echtzeit-Berichterstattung verschrieben und nimmt dabei in Kauf, auch falsche Informationen zu verbreiten. Fabienne Hurst hat sich für die “FAZ” den erfolgreichen, aber umstrittenen Kanal näher angeschaut und lässt u.a. Mitarbeiter und Verantwortliche zu Wort kommen.
4. Der albanische Medienmarkt: Zu klein zum Überleben? (de.ejo-online.eu, Rrapo Zguri)
Albanien hat nur um die drei Millionen Einwohner, verfügt aber über eine relativ hohe Anzahl an Medienunternehmen: Mit 22 überregionalen Tageszeitungen wies das Land bis vor kurzem eine der höchsten Zeitungsdichten in der Region auf. Nun mache die Wirtschaftskrise den Medien jedoch schwer zu schaffen. In den vergangenen Monaten seien einige große Zeitungen und Fernsehsender eingestellt worden, so Rrapo Zguri in seinem Bericht über die derzeitige Lage der Medien in seinem Heimatland.
5. Olympische Medien-Spiele: Innovatives Storytelling zu #Rio2016 (medium.com, Frederic Huwendiek)
In Zeiten von Olympischen Spielen drehen die Medien besonders hochtourig und versuchen mit kreativen Innovationen zu glänzen. Frederic Huwendiek berichtet in seinem fortlaufend aktualisierten Beitrag über spannende neue Ansätze des Storytellings, von 360-Grad-Video bis Roboterjournalismus.
6. Last Week Tonight with John Oliver: Journalism (HBO) (youtube.com, Video, 19:22 Min.)
In dieser Ausgabe der US-amerikanischen satirische Late-Night-Show “Last Week Tonight” nimmt sich John Oliver den Journalismus, insbesondere den Lokaljournalismus vor. Dem CEO der “Newspaper Association of America” David Chavern gefällt Olivers satirisch überspitzte Sichtweise ganz und gar nicht, wie seiner Stellungnahme zu entnehmen ist. Die Kolumnistin der “New York Times” Margaret Sullivan kommentiert dies wie folgt: “And I, in turn, have a suggestion for Mr. Chavern. When someone hilariously and poignantly celebrates the industry that you are paid to defend and protect, you ought to laugh at the funny parts and then simply say “thank you.” Or maybe nothing at all.”
zu Deiner Schlagzeile “Erster Wolf 30 km vor dem Gänsemarkt!” fallen uns gleich mehrere Fragen ein:
1.) Warum gerade vor dem “Gänsemarkt” in Hamburg und nicht vor Rathaus, Alster oder Michel? Weil der Gänsemarkt nur 500 Meter von Eurem Büro am “Axel-Springer-Platz” entfernt ist und ihr dort mittags beim Italiener einkehrt? Oder weil neben dem Wolf noch ein anderes Tier in der Schlagzeile vorkommen sollte? (Dann vielleicht ein kleiner Tipp: Das Lied heißt “FUCHS, Du hast die Gans gestohlen”.)
2.) Ihr gebt die Entfernung mit “nur rund 30 Kilometer Luftlinie” an:
Euch ist schon bewusst, dass Wölfe laut “Brehms Tierleben” und im Gegensatz zu beispielsweise Möwen vier Beine haben und sich nicht fliegenderweise fortbewegen, oder? (Powertipp fürs Ermitteln der korrekten Distanz “Wolf — Gänsemarkt”: Google Routenplaner, Einstellung “Fußgänger”.)
Und wo wir gerade beim Thema Entfernungen sind: Warum gebt Ihr die Entfernung in Eurer gedruckten Version mit 30 Kilometern und online mit 36 Kilometern an? Weil Eure Onliner ein Herz für Tiere haben und noch einen 6-Kilometer-Umweg für ‘nen Besuch beim Futtermitteldiscounter eingerechnet haben?
3.) Wie kommt man damit klar, seinen Lesern mittels alarmistischer Überschrift Angst vordembösen Wolf zu machen, wenn man im (dünnen) Artikel einen Experten zu Wort kommen lässt, der keinerlei Bedrohungslage sieht:
Wölfe bald auch in Hamburg? Glaubt Schmidt nicht: “Die Tiere sind scheu und meiden Menschen.”
Okay, das war vielleicht etwas naiv … wir ziehen die Frage zurück.
Als Bonus hier noch ein paar Vorschläge für weitere, alarmgetriebene Schlagzeilen:
Erstes Krokodil x Kilometer vor Alster-Schwimmhalle
Erster Tiger x Kilometer vor Kindertagesstätte
Erstes Faultier x Kilometer vor Axel-Springer-Büro Hamburg
Den Ausgangspunkt haben wir Euch schon mal markiert. Wie man die Kilometer misst, haben wir Euch ja bereits weiter oben erklärt.
In Kurzform geht das Szenario so: Keine Visafreiheit für die Türken. Die Türkei stellt “ihre Maßnahmen zur Eindämmung der Migration” ein und löst Flüchtlingslager im Süden des Landes auf. Bus-Konvois machen sich auf zum Drei-Länder-Eck Bulgarien-Griechenland-Türkei. Bulgarien lässt die Geflüchteten durch. Serbien lässt die Geflüchteten durch. Kroatien lässt die Geflüchteten durch. Slowenien lässt die Geflüchteten durch. Österreich lässt die Geflüchteten durch. Tausende Geflüchtete stehen vor der deutschen Grenze. Und dazu noch all die anderen Punkte von oben.
Kurz gesagt: Sodom und Gomorra in Europa.
Es gab mal eine Zeit, da haben sich Julian Reichelt und Kai Diekmann und einige andere “Bild”-Mitarbeitern — zumindest theoretisch — bei den vielen Flüchtlingshelfern in diesem Land untergehakt und “refugees welcome” und “Wir helfen” geschrien. Diese Zeit ist offensichtlich vorbei. Inzwischen schüren die “Bild”-Medien wiederdie Angstvor Zuwanderern.
Nun also das bedrohliche Szenario, “WENN DER FLÜCHTLINGSDEAL PLATZT”. Und diese Panikmache in einer Zeit, in der eine Versachlichung dieser komplexen weltpolitischen Lage eine der größten Leistungen von Journalisten sein dürfte.
In der Einleitung zum “BILDplus-Szenario” schreibt Bild.de übrigens:
Was wirklich passiert, wenn die Türkei ihre Drohung wahrmacht, kann niemand präzise vorhersagen. Das Szenario, das BILD hier beschreibt, ist nur eine Option unter vielen.
Die Redaktion hat sich für eine der Optionen mit den dramatischsten Auswirkungen entschieden.
Man kann in diesen Tagen manchmal vergessen, dass eigentlich Sommerloch ist. Aber ab und zu will eben doch nicht so viel passieren, wie in Zeitungen und Online-Portale passen würde. Und dann brauchen die Redakteure schon etwas Glück, um auf einen handfesten Skandal zu stoßen.
Der Kölner “Express” hatte vergangene Woche dieses Glück:
Es war ein Test im Dienste der Wissenschaft: Die WDR-Wissenschaftssendung “Quarks & Co“ hatte die Promis Jean Pütz (79), Anna Schudt (42) und Roberto Blanco (79) zur Haaranalyse gebeten.
Doch mit diesem Ergebnis hatte niemand gerechnet: Bei zwei der Stars wurden Drogen nachgewiesen!
Klar, dass so ein Knaller groß auf die Titelseite gehört:
Im WDR hatten Forscher des “Rechtsmedizinischen Instituts” der Universität Köln die Haarproben der drei Promis untersucht, “und peng!”, bei Pütz entdeckten sie Kokain und Cannabis. Bei “Tatort”-Kommissarin Schudt immerhin Cannabis. Der “Express” spricht von einer “Überraschung”, von einem “Schock-Ergebnis in der Sendung”.
Ganz so spektakulär und neu, wie das nun alles klingt, ist die Geschichte dann aber doch nicht.
Erst einmal: Der Beitrag lief nicht bei “Quarks & Co.”, sondern vergangenen Dienstagabend in einer Ausgabe von “Quarks & Caspers”, moderiert von Ralph Caspers. In der Sendung ging es ausschließlich um Haare: Viel Amüsantes und Interessantes zum Thema (Blondsein ist ein Gendefekt! Holla!), allerdings war ein Teil von ihr eine Wiederholung vom vergangenen November — und zwar genau der Beitrag mit Jean Pütz und den anderen Prominenten, in dem es darum ging herauszufinden, was Wissenschaftler eigentlich anhand so einer Haaranalyse über einen Menschen aussagen können.
Wenn man aufpasst, erfährt man — neben der Info, dass Roberto Blanco seine Haare offenbar schwarz nachfärbt: Das Kokain und das Cannabis wurden in den Proben zwar nachgewiesen, “jedoch in so geringer Konzentration, dass klar ist: Die Drogen wurden nicht konsumiert”. Das Fazit des Beitrags lautet dann auch, “dass Drogen im Haar nicht bedeuten, dass der Haarträger sie nimmt.” Für ein positives Testergebnis kann es zum Beispiel schon reichen, dass man einmal jemandem, der Kokain genommen hat, die Hand gegeben hat.
Und so kommentiert das Team der Sendung den “Express”-Artikel bei Facebook: “Der nächste Drogenskandal? Eher nicht.” Für eine Skandalgeschichte auf der Titelseite des Kölner Boulevardblatts reicht es, auch mit neun Monaten Verspätung, aber noch allemal.
Der “GfK Verein”, eine “Non-Profit-Organisation zur Förderung der Marktforschung”, hat am Dienstag eine neue Studie veröffentlicht. In der “Challenges of Nations 2016” geht es um “die dringendsten Aufgaben”, die die Befragten in ihrem jeweiligen Land sehen. 27.675 Interviews hat der “GfK Verein” dafür in 24 Nationen geführt, 2104 davon auch in Deutschland. Das zentrale Ergebnis laut Pressemitteilung:
Das Thema Zuwanderung bewegt die Deutschen wie kein anderes: Etwa vier von fünf Bundesbürgern (83 Prozent) halten Zuwanderung und Integration für eine der am dringendsten zu lösenden Aufgaben im Land.
Wumms! Das passt für das Portal bestens zu den Attentaten der vergangenen Tage:
Zwei Terroranschläge (Würzburg, Ansbach), ein Amoklauf (München) und eine Beziehungstat (Reutlingen) — Deutschland hat in der vergangenen Woche Gewalttaten erlebt, die vor allem eine Folge haben: Sie verunsichern die Bevölkerung.
Dass alle Taten von Männern mit Migrationshintergrund begangen wurden, sorgt zusätzlich für Spannung. Die Studie “Challenges of Nations 2016” vom GfK-Verein fragt daher: Was bereitet den Deutschen am meisten Kummer?
Wir haben uns die Pressemitteilung des “GfK Vereins” mal genauer angeschaut und per Telefon bei einer Sprecherin nachgefragt, ob die Umfrageergebnisse die Lesart von Bild.de zulassen.
Antwort: Nein.
Zwar schreibe auch der “GfK Verein” von “Sorge” und “Besorgnis”. Die Frage, die den Teilnehmern in der Studie gestellt wurde, sei aber ohne Wertung versehen gewesen — “Was sind Ihrer Meinung nach die dringendsten Aufgaben, die heute in [jeweiliges Land] zu lösen sind?” Man habe nicht nach Angst oder Kummer oder Sorgen oder Besorgnis gefragt.
Und auch die Verknüpfung mit den jüngsten Attentaten, die Bild.de herstellt, ist völliger Quatsch. Denn die Befragung fand im Frühjahr dieses Jahres statt, für Deutschland im März. Ohne seherische Fähigkeiten konnten die Teilnehmer nichts von den Vorfällen in Würzburg, Ansbach, München oder Reutlingen wissen. Die Sprecherin sagte uns, dass der “GfK Verein” die Studie jedes Jahr unabhängig von irgendwelchen Ereignissen durchführe.