Suchergebnisse für ‘pol’

Trottel

Laut Duden ist ein Trottel “jmd., der als einfältig, ungeschickt, willenlos angesehen wird, als jmd., der nicht bemerkt, was um ihn herum vorgeht”.

Womit wir uns die Überleitung zu Bild.de sparen können. Denn laut Bild.de ist ein Trottel ein Formel-1-Testfahrer, dessen Formel-1-Wagen sich wegen eines technischen Defekts (laut f1total.de “wegen einer gebrochenen Vorderradaufhängung”) nicht mehr manövrieren ließ. Dass allerdings der “Formel-1-Trottel Luca Badoer”, wie Bild.de gestern den Testfahrer nannte, nicht bemerkt haben sollte, was um ihn herum vorgeht, kann als unwahrscheinlich gelten. Laut f1total.com jedenfalls wurde er bei seinen Testfahrtcrashs “kräftig durchgeschüttelt”, blieb aber unverletzt. Und das Glück, dass “etw. Unangenehmes, Gefährliches an jmdm. [gerade noch] vorübergeht”, nennt der Duden Dusel.

Als Dussel hingegen bezeichnet der Duden… — ach was, auch diese Überleitung sparen wir uns lieber, nachdem “Bild” die angebliche Ungeschicklichkeit Badoers heute plötzlich als “mysteröse Crashserie” bezeichnet. Schließlich kennt der Duden auch für jemanden, der sich “aus Nützlichkeitserwägungen schnell u. bedenkenlos der Lage anpasst”, ein Wort Wort.

Mit Dank an Christian M. und Quirl für die Hinweise.

“Bild”-Leser wissen weniger

Anders als Mainhardt Graf Nayhauß in seiner heutigen “Bild”-Kolumne schreibt, heißt der “Schuhverkaüfer” [sic!], der bei der Europa-Premiere von “King Kong” als Berlusconi auftrat, nicht Maurizio Antonius, sondern Maurizio Antonini.

Der Mann hatte schon Nayhauß’ Kollegen Iris Rosendahl und Jürgen Wenzel schwer verwirrt: “Und plötzlich tauchte da ein Staatsgast auf”, schrieben sie am Donnerstag in “Bild” über den “herrlichen” “Berlus-King-Kong” und blieben ratlos: “Isser’s oder isser’s nicht”?

Nayhauß war einen Tag später nur wenig schlauer. Dass die Doppelgänger-Aktion ein PR-Gag für den Berlusconi-kritischen Film “Bye, bye, Berlusconi” war, wusste er entweder nicht oder fand es nicht erwähnenswert.

Die Information, dass der echte Berlusconi “derweil in der Mailänder Oper erwartet” wurde, scheint Nayhauß dagegen exklusiv zu haben. Seine Kollegin von der “Berliner Morgenpost” behauptet jedenfalls, persönlich in Rom nachgefragt und erfahren zu haben, dass Berlusconi im Palazzo Chigi, dem Sitz des Ministerpräsidenten in Rom, ein “Meeting” hatte.

P.S.: Als Punkt 10 seiner grundsätzlich aus Superlativen bestehenden “Top-10 der Woche” schreibt Nayhauß:

Der neuste Polit-Witz

… lautet: Wo geht es denn zum Aufbau Ost? Antwort: Immer den Bach runter.

Nun ja. Der stand schon am 21. Juli 2005 im “Tagesspiegel”, am 21. Januar 2005 im “Freitag” und am 11. November 2000 in der “Mitteldeutschen Zeitung”, die ihn in der “Wende-Revue” des “neuen theaters” gehört hatte.

Danke an Filippo R.!

Schlechtes Gespür

Ja, es stimmt tatsächlich, “Bild” hatte am vergangenen Dienstag exklusiv berichtet, dass der Fußballnationalspieler Kevin Kuranyi einen Werbevertrag mit der Softwarefirma Microsoft unterschrieben hat. Oder, in den Worten von “Bild”:

Im Text, dessen einzige Quellen offenbar die Vermarktungsfirma Sportfive und Kuranyi selbst sind, heißt es so schön:

Was für ein Jahr für Kevin Kuranyi. (…) und jetzt ist er auch noch der begehrteste deutsche Spieler. Sogar US-Milliardär Bill Gates will ihn! Der reichste Mann der Welt holt sich (…) die besten Spieler der Welt (…). Und aus Deutschland eben Kuranyi! Nicht Ballack, nicht Kahn — für Microsoft ist der Schalke-Stürmer der richtige Mann.

Und dann darf Sven Müller von der Vermarktungsfirma Sportfive, die laut “Bild” den Kontakt zwischen Microsoft und Kuranyi hergestellt hat, ausführlich zu Wort kommen, Kuranyi ein wenig lobhudeln und mit folgenden Worten schließen:

“Mit der Firma Rogon und Roger Wittmann hat er ein seriöses Team um sich.”

Nun ja, wir wissen zwar nicht, warum dieses PR-Gewäsch diese Information unbedingt in den Text musste, dafür aber, dass man über die Seriosität der Firma Rogon geteilter Meinung sein kann, wie sich heute beispielsweise im “Tagesspiegel” nachlesen lässt, und wie es gestern im “Kölner Express” stand.

Aber das sei hier nur nebenbei erwähnt. Ebenso wie die Tatsache, dass es sich bei dem Deal zwischen Microsoft und Kuranyi laut “Bild” um einen “Millionen-Vertrag” handeln soll, während “Express” und “Tagesspiegel” bloß von 200.000 Euro bzw. 300.000 bis 400.000 Dollar Honorar ausgehen.

Der “Express” macht auch ansonsten einen recht gut informierten Eindruck und wusste gestern schon, dass Lukas Podolski ein ähnliches Angebot der Firma Microsoft erhalten hatte:

Für Gates´ Imperium Microsoft sollte Poldi während der WM unter anderem ein Internet-Tagebuch führen. Dafür hätte der 20-Jährige 300.000 Euro kassiert. Podolskis Berater sagte ab.

In demselben Artikel konnte man gestern auch nachlesen, dass zuvor bereits Oliver Kahn und Michael Ballack entsprechende Anfragen “abgeblockt” hatten. Womit wir wieder bei “Bild” wären. Die schreibt nämlich heute, zwei Tage nach der Jubel-Meldung über den Deal zwischen Kuranyi und Microsoft und einen Tag nach dem “Express”-Artikel dies:

Aha. Der Text endet mit folgenden Worten:

Da hatten die zuerst gefragten Kahn, Ballack und Podolski ein besseres Gespür. Und das Angebot gleich abgelehnt…

Fassen wir also zusammen: Erst verbreitet “Bild” eine PR-Meldung mit Begeisterung als Exklusiv-Geschichte und überlässt die Recherche anderen. Und wenn die dann herausfinden, dass es gar keinen Grund zur Begeisterung gibt, ist “Bild” enttäuscht. Vom eigenen Überschwang bleibt bloß der Satz: “BILD berichtete exklusiv” — und Häme.

P.S.: Die Nachrichtenagentur dpa gab übrigens am Dienstag unter Berufung auf “Bild” eine Meldung heraus, die die Überschrift trug: “Kuranyi deutsche Werbe-Lokomotive für Microsoft — Millionenvertrag”. Und heute berichtet die “Netzeitung” über den “Ärger um Kuranyis Microsoft-Vertrag”. Dabei geht sie fälschlich davon aus, dass es sich bei den Absagen von Kahn, Ballack und Podolski um “Bild”-Informationen handelt. Auch nicht schön.

Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an Hendrik G.

Tabubrecher “Bild”

“BILD bricht das letzte Geld-Tabu – und sagt, was die Deutschen wirklich verdienen.”

So stand es gestern in “Bild” unter der Titelschlagzeile (siehe Ausriss). Und während man sich noch fragt, wie oft so ein “letztes Geld-Tabu” eigentlich gebrochen werden kann (und nebenbei ein wenig googelt), hat man auch schon die Antwort gefunden: offenbar alle 19 Monate.

Hieß es doch noch im Mai 2004 in “Bild”:

“BILD bricht das große Tabu, druckt in einer neuen Serie Deutschlands Gehaltslisten.”

Und nicht nur das: So mancher Bruttoverdiener von 2005 (also u.a. DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp, Radrennfahrer Jan Ullrich, VW-Chef Bernd Pischetsrieder, Formel-1-Rennfahrer Michael Schumacher, RWE-Chef Harry Roels, Post-Chef Klaus Zumwinkel, ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz, Handballspieler Stefan Kretzschmar, Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke, IG-Metall-Chef Jürgen Peters, Schering-Chef Hubertus Erlen oder der Bundespräsident) war schließlich auch schon damals, vor 19 Monaten, mit von der Partie gewesen. Dass also der IG-Metall-Chef beispielsweise vor 19 Monaten noch 16.900 Euro pro Monat verdient haben soll und jetzt angeblich 563 Euro pro Tag verdient, ist also weniger ein Tabu-Bruch als gewöhnliche Arithmetik.

Und mal abgesehen davon, was von solchen (u.a. auf “Branchenschätzungen” beruhenden) “Bild”-Gehaltslisten und Tabubrüchen überhaupt zu halten ist: Dass es ein Tabu-Bruch sein soll, gesetzlich festgelegte Politikerdiäten oder längst veröffentlichte Jahresbezüge Monate später noch einmal zusammenzusammeln, ist ebenso kurios wie die Tatsache, dass der FDP-Bundesvorsitzende Guido Westerwelle und der FDP-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Gerhardt von “Bild” gleichermaßen als “FDP-Chef”* bezeichnet werden.

PS: Vor einem allerletzten Geld-Tabu schreckt “Bild” selbst bislang allerdings immer noch zurück, weshalb wir hier noch einmal auf die “Berliner Zeitung” vom 31.7.2004 verlinken wollen, die damals aus aktuellem Anlass darauf hinwies, dass Springer-Chef Mathias Döpfner pro Jahr “auf geschätzte 5 Millionen Euro kommen” dürfte, was ja (nach “Bild”-Berechnung) immerhin ca. 13.698,63 Euro* pro Tag wären.

*) Branchenschätzungen

Rambo-Journalismus

Trainer feuert Rambo Alpay

schreibt “Bild” heute, und das ist schon einmal falsch. Uwe Rapolder, der Trainer des 1. FC Köln, hat den türkischen Abwehrspieler Özalan Alpay zunächst nur für das nächste Spiel suspendiert. Über weitere Konsequenzen will der Verein erst nach dem Urteil des DFB-Sportgerichtes entscheiden. Sportbild.de schreibt deshalb heute: “Fall Alpay: Köln wartet ab”.

“Bild” weiß auch noch von einem schauerlichen Zwischenfall nach dem Spiel zu berichten:

“Ich spiele mit Herz – deshalb bin ich ein Rambo” sagte [Alpay] im BILD-Interview.

Gestern bekam RTL-Reporter Klaus Jakob Alpays “Herz” zu spüren: Er wollte den Türken befragen, der knallte wortlos die Tür seines Ford Mondeo zu.

Und klemmte Jakobs Finger dabei ein.

Fragt man bei RTL nach, bestätigt Jakob, was auch im Fernsehen zu sehen war: Eingeklemmt wurde nicht sein Finger, sondern sein Mikrofon*.

Danke an David H. und Andreas M.!

*) Trotzdem blieb sein Finger nicht unverletzt: Beim Versuch, das eingeklemmte Mikrofon wieder zu befreien, zog er sich Schrammen zu.

Nachtrag, 6. Dezember. Sorry: Der Spieler heißt natürlich Alpay Özalan!

Spar-Detektiv Adé!

Gestern verabschiedete sich Daniel Engelbarts alias “Der Spar-Detektiv”. Und vielleicht hat das ja etwas damit zu tun, dass Mitarbeiter von Bild.de nur noch entweder redaktionelle oder werbliche Texte schreiben sollen, wie Springer-Sprecherin Edda Fels uns vor einiger Zeit sagte.

Wie dem auch sei.

Engelbarts meint, zum Abschluss noch ein besonders tolles Schnäppchen “ermittelt” zu haben:

Und vielleicht hat Engelbarts es ja wirklich “selbst überprüft” und festgestellt: “es funktioniert tatsächlich.”

Vielleicht sollte man sich aber mal fragen, wie das mit den Gratis-iPods auf lange Sicht funktionieren kann, wenn Freepay.com, das von einer Firma namens Gratis Internet betrieben wird, tatsächlich jedem User einen iPod zukommen lässt.

Das System ist im Prinzip simpel: Wer einen iPod haben will, muss sich bei Freepay registrieren und dann aus einem von (derzeit) sechs Angeboten wählen, wofür Gratis Internet eine Provision erhält. Dann muss der Nutzer (derzeit) fünf weitere Nutzer finden, die sich ebenfalls registrieren und je ein Angebot wählen. Wenn nichts dazwischen kommt, erhält man einen iPod.*

Und insoweit lässt sich das auch fast alles beim “Spar-Detektiv” nachlesen.

Kommen wir also zu dem, was Engelbarts nicht aufgeschrieben hat:

1. Von den sechs Angeboten, unter denen man wählen muss, ist (derzeit) lediglich eines ein (vorerst) wirklich kostenloser Testzugang eines Online-Downloadportals, das man für 14 Tage nutzen muss. Natürlich darf man das Kündigen nicht versäumen, wenn man nicht will, dass aus dem kostenlosen Testzugang automatisch eine kostenpflichtige Mitgliedschaft wird. Es empfiehlt sich also, die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) des Anbieters, zu studieren.

2. Apropos Allgemeine Geschäftsbedingungen. Es ist durchaus ratsam, die AGB von Freepay ebenfalls einer genauen Lektüre zu unterziehen. Dort steht nämlich so einiges, was geeignet ist, die Vorfreude auf den kostenlosen iPod ein wenig zu trüben. Nur so als Beispiel:

Gratis Internet, Inc. behält sich das Recht vor, die allgemeine Geschäftsbedingungen jederzeit und aus jeglichem Grund ohne vorherige Bekanntmachung zu ändern. (…) dass wir die Anzahl der Referral, die Sie uns als Referenz angeben, erhöhen (…) Falls wir ein Produkt mit einem anderen ersetzen, kann es sein, dass das neue Produkt nicht dem gleichen Wert wie das ersetzte Produkt hat. (…) Wenn sie die Seite nach irgendwelchen Änderungen in den allgemeinen Geschäftsbedingungen benutzen, bedeutet dies Automatisch Ihre Zustimmung und Ihre Bindung an der veränderten Geschäftsbedingungen.

Und vielleicht noch dies hier:

Gratis Internet kann nicht garantieren, dass ein Benutzer Gutschriften bekommt, wenn er ein Angebot wahrgenommen hat. Wir behalten das Recht vor, Gutschriften aus einer Vielzahl von Gründen zu verweigern. Diese Gründe könnten sich, nicht ausschließlich, auf die Folgenden belaufen: Mangel an wahrheitsgemäßen Daten, unvorschriftsmäßige Anmeldevorgänge, unvorschriftsmäßige Browser-Einstellungen (…)

3. In den USA ist Gratis Internet schon etwas länger tätig — und dort lief nicht immer alles glatt. So häuften sich im Herbst 2004 die Beschwerden über Spam-Emails im Zusammenhang mit der Registrierung bei Freepay, wie sich beispielsweise hier, hier oder hier nachlesen lässt. Im Februar dieses Jahres beendete TRUSTe, eine nonprofit Organisation, die sich den Schutz persönlicher Daten im Internet zur Aufgabe gemacht hat, abrupt ihre Partnerschaft mit Gratis Internet.

4. Ebenfalls im Herbst letzten Jahres häuften sich die Beschwerden von Freepay-Nutzern, dass die Lieferung ihres Gratis-iPods sich stark verzögerte. Gratis Internet gab an, das sei auf Lieferengpässe seitens Apple zurückzuführen. Das lässt sich ebenfalls bei “Wired”, “Forbes” oder im “Pennsylvanian” nachlesen.

5. Seit Ende letzten Jahres schließlich mehren sich außerdem die Beschwerden von Freepay-Nutzern, dass ihre Konten gesperrt worden seien, weil sie gegen die Nutzungsregeln von Freepay verstoßen haben sollen, wie sich bei Wikipedia oder beispielsweise in Internetforen nachlesen lässt.

Um das Ganze zu einem Abschluss zu bringen: Gratis Internet hat tatsächlich eine Menge iPods verschickt. Die Probleme, die das System hat, lassen sich aber schon aus den Allgemeinen Geschäftsbedingungen erahnen. Die schlechten Erfahrungen, die Nutzer in den USA mit Gratis Internet gemacht haben, sind größtenteils dokumentiert. Und alles in Allem hat der “Spar-Detektiv” es entweder an detektivischem Eifer fehlen lassen, oder es nicht für nötig befunden, seine Leser auf mögliche Probleme hinzuweisen. Engelbarts Formel, “es funktioniert tatsächlich”, wird der Sache jedenfalls nicht gerecht.

*) Ob es sich bei dem Geschäftsmodell von Freepay um ein in Deutschland gemäß Paragraph 16 Absatz 2 UWG verbotenes “Schneeballsystem” handelt, vermögen wir nicht zu beurteilen, einer der Geschäftsführer verwahrt sich jedenfalls in einem Interview gegen den Vorwurf. Auch, ob die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Gratis Internet mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch (§§ 305 ff.) in Einklang stehen, wissen wir nicht. Beides bedürfte einer eingehenden rechtlichen Überprüfung.

Mit Dank für die zahlreichen sachdienlichen Hinweise

Recherche optional

Wir kennen das von Paparazzi-Fotos: Wenn “Bild” nichts über ihre Entstehung weiß, betextet sie sie einfach im Stil einer freien Improvisation. Da liegt es nahe, den Blick auf einen begleitenden Bildtext oder die Recherche der Hintergründe grundsätzlich für Zeitverschwendung zu halten.

Und so erschienen gestern eine Reihe von Fotos in Bild.de und der gedruckten “Bild”-Zeitung, über die die Redaktion offenbar gesichert nur folgendes weiß: Da ist irgendwann irgendwo im Iran irgendwas Schlimmes mit einem kleinen Jungen passiert.

Es sind grausame Fotos, die zeigen, wie der Arm des Kindes, auf einer Decke liegend, von einem Auto überfahren wird. “Bild” schreibt:

Schreckliche Fotos aus Teheran zeigen die öffentliche Folter eines Jungen. Für ein Stück trockenes Brot muß er sich quälen lassen.

Die Berichte widersprechen sich, ob der Kleine es gestohlen hat, bestraft wird — oder gerade mit dieser bizarren Schau “verdienen” muß.

Nun ja, wenn Journalismus mehr sein soll als Voyeurismus und die Erregung über schreckliche Fotos, wäre es schon schön zu wissen, ob es nun das Eine oder das Andere ist. Und wenn den Leuten von “Bild” etwas an der Wahrheit gelegen hätte, hätten sie es sogar herausbekommen. Die “Berichte” wonach der Junge bestraft wird, stammen nämlich aus höchst zweifelhaften Quellen: Aus amerikanischen und deutschsprachigen Blogs, die sich darauf spezialisiert haben, alles zu sammeln, was den Islam als gefährliche, zu bekämpfende Religion erscheinen lässt. Aus einem Blog namens Bareknucklepolitics scheint die Geschichte von der Bestrafung zu stammen: “8 Year Old Iranian Boy Caught Stealing Bread?” heißt es dort im Forum. Andere Blogs übernahmen die Geschichte — und korrigierten sie später. Tatsächlich handelt es sich um eine Art grausames Zirkusstück auf der Straße: Ein Mann hat dem Jungen etwas Geld dafür gegeben und lässt sich für das Schauspiel von den Passanten bezahlen.

Das hätte “Bild” auch aus dem Begleittext erfahren können, der auf der Seite steht, von der die Fotos stammen. In ihm wird erklärt, dass der Mann mit betrügerischen Methoden und den Schmerzen des Jungen versucht, Geld zu machen. Aber vermutlich war es der “Bild”-Zeitung mit ihren rund 1000 Mitarbeitern zuviel Mühe, den persischen Text übersetzen zu lassen. Sicher, die hätte man sich machen müssen, wenn man ernsthaft anprangern wollte, wie Kinder im Iran missbraucht werden. Und eigentlich hätte die Zeit für die Recherche locker gereicht, denn die Aufnahmen sind, was “Bild” natürlich nicht erwähnt, über drei Wochen alt. Aber man muss es ja nicht übertreiben mit dem Journalismus, wenn man doch einfach nur ein paar krasse Fotos zeigen will.

Vielen Dank an Don A. und ganz besonders an Reza A., Mahin F. sowie Pascal und Farhad E. für das Übersetzen des Textes aus dem Persischen!

Es war einmal: ein Knast-Mädchen

Vielleicht ist es falsch, sich “Bild”-Redakteure als Journalisten vorzustellen. Bestimmt sehen sie sich eher als Geschichtenerzähler, und beim Märchen von der “hübschen Melanie”, die von “Bild” etwas irreführend “Miss Knast” genannt wird, war jetzt einfach mal eine Art Zwischen-Happy-End fällig.

Denn zur Freude der “Bild”-Zeitung hat es die 22-jährige Berlinerin, die seit zweieinhalb Jahren in Brasilien im Gefängnis sitzt, weil sie mit Kokain erwischt wurde, und zwischenzeitlich an einem “Miss Knast”-Wettbewerb teilgenommen hat, “jetzt”* auf das Cover der brasilianischen Zeitschrift “Trip” geschafft. Nun wird alles gut werden. Wenn man an Märchen glaubt. Oder der “Bild”-Zeitung.

Miss Knast macht jetzt Model-Karriere

(…) Karriere im Käfig: Verführerische Pose, heiße Spitzen-Dessous, dazu unschuldige blaue Augen und sexy Schmollmund — so macht Melanie jetzt die Brasilianer verrückt. Schon ihr Haftrichter schwärmt: “Sie ist schöner als die Bardot.”

Der Auftakt zu einer Model-Karriere — Melanies ganz große Chance?

(…) Noch bis Dezember 2007 muß sie im berüchtigten Frauenknast von Sao Paulo (649 Insassinnen) einsitzen. Dann könnte sie als Top-Model die Zelle verlassen.

“Bild”-Leser warten schon lange darauf. Schon am 21. Juni fragte “Bild”: “Ist eine Model-Karriere die große Chance der Deutschen?” Am 23. Juni schrieb “Bild”: “Jetzt träumt Melanie von einer Karriere als Model” und war sich sicher: “Um Jobangebote muß sie sich wohl dann keine Sorgen machen…”. Und bereits am 28. Juni berichtete “Bild” von dem erotischen Fotoshooting.

Die aktuelle Geschichte hat “Bild” offenkundig nicht selbst recherchiert, sondern aus der vor einem Monat erschienenen November-Ausgabe der Zeitschrift “Blond” abgeschrieben — daher stammt jedenfalls das von “Bild” leicht geänderte Zitat des Haftrichters. Aber “abgeschrieben” trifft es nicht, denn der Absatz mit dem Haftrichter geht in “Blond” noch weiter und enthält nicht ganz unwesentliche Informationen:

(…) zusammen mit einem konservativen TV-Moderator macht [der Haftrichter] gegen “Trip” mobil: eine Gefangene im Höschen, das gehe selbst in Brasilien nicht. Moralisten versus Unterhaltungsindustrie. Ein Skandal.

Der Berliner “Tagesspiegel” wusste vor einem Monat noch ein bisschen mehr über die unangenehmen Folgen des angeblichen Beginns einer strahlenden Model-Karriere:

(…) als die Fotos erscheinen, werden sie zum Politikum: Sao Paulos Tageszeitungen wettern, ob in den Gefängnissen alle alles dürften, sogar der Gouverneur von Sao Paulo gerät in Erklärungsnot. Und für Melanie wird der ersehnte Hauptgewinn erneut zur Niete: Weil im Gefängnis “ihre Extrawürste” nicht mehr auf Gegenliebe stoßen, wird “Melanie tagelang bedroht”, sagt ihr Anwalt. Dann dringt die Geschichte auch noch bis Berlin-Hellersdorf durch – das Sozialamt kürzt Melanie die Hilfe und streicht sie später ganz.

Ja, das hat “Bild” einfach weggelassen. Aber darauf kam es dann auch nicht mehr an. Denn schon die Geschichten vom ersten Platz und vom zweiten Platz bei der “Miss Knast”-Wahl seien Märchen gewesen, sagte Melanie dem “Tagesspiegel”:

Die angebliche Miss Knast Brasilien landete in der Endauswahl der Schönheiten auf den hinteren Plätzen.

*) Gleich viermal benutzt “Bild” in dem Artikel im Zusammenhang mit den Cover-Fotos das Wort “jetzt”. Die Fotos erschienen in “Trip”-Ausgabe 132. Die aktuelle Ausgabe ist 139. “Trip” ist eine Monatszeitschrift.

Danke an Max R. und Joachim W.!

Nachtrag, 25. November. Nur um genau zu sein: Der jüngste Artikel über die vermeintliche “Miss Knast” ist nicht in der gedruckten “Bild” erschienen, sondern nur bei Bild.de und vorher ähnlich in der Schwesterzeitung “B.Z.”.

Hahnes Denkfehler

So gesehen war’s echt nett von der “BamS”, dass sie am Sonntag einige Sätze in Peter Hahnes “Gedanken zum Sonntag” gefettet hat. Da fällt es dann um so leichter, Hahnes Denkfehler zu entdecken, wenn er, wie am Sonntag geschehen, “über Killerspiele für Kinder und eine Koalition der Vernunft” kolumniert. Anlässlich der “World Cyber Games 2005” und eines Passus im Koalitionsvertrag, wonach “Killerspiele ganz verboten” werden sollen, schreibt Hahne über “Figuren mit stacheldrahtumwickelten Baseballschlägern” und denkt sich seinen Teil (“Da helfen nur Verbote, keine Altersbeschränkungen”).

Doch obwohl man dem Kolumnisten förmlich anmerkt, wie er sich in das Thema eingearbeitet hat, wenn er behauptet, das Computerspiel “Counterstrike” sei “nur zu gewinnen, wenn man (…) mindestens fünf Menschen tötet”, ist das schlichtweg falsch: “Counterstrike” (dessen Hauptinhalt laut Bundesprüfstelle übrigens “nicht das Töten” ist) lässt sich selbst dann “gewinnen”, wenn am Ende alle virtuellen Spielfiguren quicklebendig sind.

Weiter behauptet Hahne:

Dabei war’s doch weder eine “Pumpgun”, mit der Robert Steinhäuser am 26. April 2002 das “Blutbad in seiner Schule anrichtete” (sondern eine Pistole), noch der Film “Halloween H20”, der Michael Weinhold am 11. Februar 2002 “als Vorlage für seine Tat diente” (sondern vermutlich “Halloween I”).

Aber Hahnes Kolumne heißt ja auch nicht “Recherchen zum Sonntag”.

Mit Dank an Philipp W. für den Hinweis sowie Stefan und counter-strike.de für die fachliche Unterstützung.

Verdammte Schnürsenkel

Der diensthabende Hitler-Beauftragte von “Bild” war offensichtlich in Eile, als er den Artikel über den Diebstahl von Hitlers Parteiabzeichen schrieb. Da steht:

Der Einbrecher war Kletter-Profi. Er seilte sich zum Ausstellungskasten ab, schlug ihn ein. Auf dem Überwachungsvideo ist zu sehen, wie er sich in aller Ruhe die Schuhe zubindet.

Was für ein eiskalter Hund, könnte man meinen. War der Einbrecher aber gar nicht, sondern eher ein Trottel. Zumindest steht das in der “Times”, auf die sich “Bild” ausdrücklich bezieht. Denn nicht nur, dass der Einbrecher laut “Times” einen Alarm auslöste, er entkam auch durch pures Glück:

“If only our policemen on guard hadn’t been tying up the laces on their boots,” the investigator said, “he would have been caught on the spot.”

Zum einen meint das also die Schnürsenkel der Polizisten und nicht die des Einbrechers. Und zum anderen beschleicht einem beim Lesen der Beschreibung des Einbruchs in der “Times” der Verdacht, dass das mit dem Binden der Schnürsenkel nicht einmal wörtlich gemeint ist, sondern eher im Sinne von: Wären unsere Polizisten nicht so lahmarschig gewesen, hätten sie ihn noch am Tatort geschnappt.

Elende Fremdsprachen.

Nachtrag, 18.22 Uhr: Anders als “Bild” schreibt, hatte Magda Goebbels übrigens nicht fünf Kinder, sondern sechs. Das hätte “Bild”-Autor Paul C. Martin einfach korrekt aus dem “Times”-Artikel abschreiben können — oder aus “Bild”.

Nachtrag, 26. November: Genau genommen hatte Magda Goebbels sieben Kinder, aber hier (und in “Bild”) ging es nur um die sechs, die sie im Führerbunker mit in den Tod nahm (Harald Quandt aus erster Ehe war schon erwachsen).

Danke an Christian W. und Catharina!

Blättern:  1 ... 586 587 588 ... 604