Presseschau der Parteimagazine: Von Grantlern, Greisen und grünen Herzen
(jetzt.sueddeutsche.de, Henrik Pfeiffer)
In der jetzt.de Presseschau der Subkulturen haben wir uns bisher eher den speziellen Interessensgebieten der deutschen Leser gewidmet. Es ist nun Zeit für Populäres, weshalb wir in der heutigen Ausgabe die Magazine von vier deutschen Volksparteien unter die Leselupe nehmen. Anlass: Vergangene Woche ist zum ersten Mal das CDU-Magazin “UNION” erschienen.
Wichsen und Wachsen
(taz.de, Florian Hollenbach)
Die Online-Community StudiVZ hat mittlerweile mehr als eine Million Mitglieder – und Probleme mit spätpubertären Usern. Ein Verhaltenskodex soll die rasant gewachsene Meute fortan bändigen.
“Wir betreten eine neue Welt”
(spiegel.de, Christian Stöcker) Tim O’Reilly ist der Guru des “Web 2.0”. Doch er kann das Schlagwort, das zum Inbegriff des neuen Internetbooms wurde, selbst nicht mehr hören. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt er, warum er einem Außerirdischen eher Google als YouTube zeigen würde.
“Es ist der richtige Moment für den Rücktritt!”
(persoenlich.com, Matthias Ackeret)
Am Mittwoch morgen hat Roger Schawinski seinen Rücktritt als Sat.1-Chef bekanntgegeben, dies obwohl seine Sendergruppe momentan in Verkaufsverhandlungen steckt. Im Interview mit “persoenlich.com” erläutert er, was ihn zu diesem überraschenden Schritt bewogen hat.
“Am liebsten war ich faul”
(zeit.de, Christoph Ruf) Günter Netzer über die Zerstrittenheit der DFB-Führung, den Umstand, dass sich gute Freunde auch privat siezen, und wie es sich als Nachbar von Tina Turner lebt.
Öffnet die Archive! Ein Pamphlet.
(blattkritik.ch, Michael Staub)
Der Blattkritiker wünscht sich Zeitungen, die ihre Auffassung von Qualitätsjournalismus nicht auf populäre Forderungen wie «Mehr Geschichten» oder «Mehr Lokales» beschränken, sondern sich mutig und selbstbewusst verkaufen. Und zwar nicht über die Hintertür der Publireportagen, «Partnerschaften» und kiloschweren Werbebeilagen. Sondern indem sie ihre Hauptleistung, ihre Texte nämlich, in die Freiheit des Internets entlassen.
“Der Sender hat sich erpressen lassen”
(persoenlich.com, Stefan Wyss) Mark van Huisseling ist nicht mehr Juror der Musik-Casting-Show “Superstar”. 3+ hat den Weltwoche-Kolumnisten nach einem Ultimatum der Kandidaten, die sich unfair bewertet fühlten, freigestellt. Van Huisseling gesteht zwar Fehler ein, hätte vom Sender aber mehr Rückendeckung erwartet: “3+ hat gewusst, wen sie eingekauft haben.” Für Ihn gab es keinen Grund für eine Entlassung.
Fernsehen ist von gestern, der echte Trendsetter liest nach
(jetzt.sueddeutsche.de, Christina Kretschmer)
Niemand muss mehr fernsehen, denn im Internet kann man ja alles nachlesen. Und: das ist meist sehr viel unterhaltsamer, als die neueste Folge der Lieblingsserie.
Redaktionelle Unabhängigkeit
(telepolis.de, Peter Nowak)
Eine Tagung der Deutschen Journalisten Union in der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di untersucht neue Zensurmechanismen.
Top-Liste der Blog-Skandale
(basicthinking.de, Robert Basic)
1. Jamba, 2. StudiVZ, 3. Heidi Klum, 4. Transparency International, 5. Klowand, 6. Du Bist Deutschland, 7. Euroweb, 8. Opel-Test, 9. Sozialgericht Bremen.
Nein, “Bild” bleibt dabei: Eine Reise von Abgeordneten des Europaparlamentes in die
muss eine Lustreise sein. Was denn sonst?
Ein Kamerateam von RTL hat zwei deutsche Politiker gefilmt, wie sie in Barbados in Badehose am Strand liegen, und wenn das nicht Beweis genug ist, dass die Reise zur parlamentarischen Versammlung von EU und afrikanischen, karibischen und pazifischen Staaten (AKP-EU) nur eine Ausrede für einen lustigen Badeurlaub ist, was dann?
“Bild”-Zahlenexperte Dirk Hoeren hat sich trotzdem Mühe gegeben, noch weitere Beweise über den wahren Charakter der Reise (“Eine Woche Reden, Reggae und Rum”) zusammenzutragen.
“Schon freitags”, schreibt er, sei “ein Großteil der insgesamt acht deutschen Teilnehmer” angereist. “Erster offizieller Punkt” der Tagesordnung sei aber erst am Sonntag gewesen. Das ist falsch. Erster offizieller Punkt war laut “Tagesordnung und Arbeitsprogramm” das “Frauenforum” am Samstag um 10.30 Uhr. Und dann waren da noch die Sitzungen von drei Komitees am Samstagnachmittag. Rolf Berend, einer der von RTL und “Bild” unter Palmen gezeigten Politiker, ist zum Beispiel Mitglied eines Komitees, das am Samstag um 14.30 Uhr tagte.
Am Dienstagnachmittag, staunt “Bild”, “besuchte eine Arbeitsgruppe die örtliche Rum-Industrie”. Und, zugegeben: Wir wissen nicht, wieviel Gratisproben bei der Gelegenheit ausgeschenkt wurden. Wir wissen nur, dass die Teilnehmer sich als Preis dafür mindestens diesen vergleichsweise trockenen Vortrag [pdf] über die Probleme bei der Liberalisierung des EU-Rum-Marktes anhören mussten. Dass andere Arbeitsgruppen sich zu dieser Zeit über die Probleme bei der Bekämpfung von HIV und Aids und den Umweltschutz informierten, fand “Bild” übrigens nicht berichtenswert.
Schließlich rechnet “Bild” vor:
“Ganze 19 Stunden tagte die AKP-EU-Versammlung laut offiziellen Protokollen und Tagesordnungen — in fünf Tagen”.
Das ist, wenn man davon absieht, dass es nur vier Tage waren, nicht komplett falsch. Aber “Bild” zählt hier anscheinend ausschließlich die Tagungen des Plenums — sämtliche Präsidiums- und Kommitteesitzungen, Projektbesuche und Workshops, die ungefähr die Hälfte des Arbeitsprogramms ausmachten, rechnet “Bild” einfach nicht mit.
Wobei sich die Frage stellt, warum Herr Hoeren überhaupt noch mit Gewalt Beweise für den lotterhaften Charakter der Dienstreise herbeirechnen musste. Wir sagen nur:
Danke an Wolfgang W. für den sachdienlichen Hinweis!
“Web 2.0 ist für den Journalismus eine große Chance”
(handelsblatt.com, Christian Thunig)
Derzeit wird Web 2.0. heiß diskutiert. Werden Medienhäuser unwichtiger und die Nutzer übernehmen das Regiment? absatzwirtschaft sprach dazu Nikolaus Brender, Chefredakteur ZDF.
Kontaktzahlen: Welche Wirkung bringt ein Blog?
(marketingmall.ch, Thérèse Ruedin)
Nachweise zu Kontaktzahlen und Werbewirkung von Blogs sind gefragt. Wo gibt es Informationen? Fazit: Die (wenigen) Top-Blogs bringen beeindruckende Kontaktergebnisse. Entscheidend für die Bedeutung von Blogs ist aber ihre Verlinkung und die Tatsache, dass sie von Suchmaschinen gelesen werden.
Flucht nach Weblogistan
(nzz.ch, Arian Fariborz)
In Iran hat sich eine eindrucksvolle, lebendige Blogger-Gemeinschaft entwickelt. Dort artikuliert sich auch politischer Protest gegen das Regime, welches das Treiben mit Argusaugen beobachtet.
Das Krach-Kanönchen aus Berlin
(sueddeutsche.de, Claudia Tieschky)
Mit welchen Mitteln das Magazin “Cicero” aufzufallen versucht – und dabei manchmal zu fragwürdigen Mitteln greift.
Klar, am Anfang war die Lage unübersichtlich, und “Bild” war bei weitem nicht das einzige Medium, das in der Berichterstattung über den Emsdettener Amoklauf den ein oder anderen Fehler gemacht hat. Aber schließlich hat “Bild” ja seit Juli wieder eine Korrekturspalte. Genutzt hat sie die in den vergangenen beiden Tagen allerdings nicht. Dabei hätte sie lang werden können:
“Bild” schrieb, die Polizei habe im Wohnhaus der Eltern “eine Gaspistole, eine Softairwaffe und ein Luftgewehr (Pumpgun)” sichergestellt. Tatsächlich ist “Pumpgun” jedoch kein Synonym für “Luftgewehr”.*
“Bild” schrieb, die Schwester von Bastian B. sei auf dieselbe Schule gegangen, wie Bastian B. Tatsächlich geht sie jedoch nicht auf die Geschwister-Scholl-Realschule in Emsdetten, sondern offenbar auf das Martinum Gymnasium.
“Bild” schrieb, Bastian B. habe für das Computerspiel Counter Strike “schon als 12-Jähriger (…) ein dreidimensionales Modell seiner Schule” programmiert. Das hatten zwar tatsächlich Schüler der Geschwister-Scholl-Schule (GSS) erzählt, “Spiegel Online” berichtete jedoch vorgestern, dass es höchst zweifelhaft sei, dass eine solche “map” der GSS überhaupt existiert und dass Bastian B. sie programmiert hat.**
“Bild” zeigte eine Abbildung der vermeintlichen map der GSS Emsdetten (siehe Ausriss unten). Tatsächlich handelt es sich, wie derselbe “Spiegel-Online”-Artikel deutlich machte, dabei jedoch um eine ganz andere GSS in Melsungen.
“Bild” schrieb in Bezug auf die Counter-Strike-map, Bastian B. sei “nächtelang (…) per Joystick durch die virtuellen Schulflure” gerannt und habe versucht, “in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Lehrer und Schüler zu erschießen”. Tatsächlich gibt es in Counter Strike jedoch keine Schüler und Lehrer, sondern lediglich “Terroristen”, “Counterterroristen” und gegebenenfalls Geiseln, die allerdings nicht mal die Geiselnehmer erschießen dürfen, ohne Strafpunkte zu bekommen. (Übrigens wird Counter Strike in der Regel nicht mit dem Joystick gespielt, sondern mit der Tastatur).
“Bild” schrieb über “Counterstrike (ab 16)”: “Spezialität: Headshots (Kopfschüsse)! Blut spritzt dabei.” Tatsächlich “spritzt” in der in Deutschland ab 16 frei erhältlichen Version kein Blut. (Wahrscheinlich ist deshalb auf dem Screenshot, den “Bild” heute abdruckt und dazu schreibt, “blutspritzende Opfer einer ‘Counterstrike’-Kampfsequenz” auch kein Blut zu sehen.)
Sicher, das mögen keine besonders gravierenden Fehler sein, aber dafür nutzt “Bild” die Korrekturspalte ja ohnehin nicht.
Mit Dank an die zahlreichen Hinweisgeber.
*) Nachtrag, 22.00 Uhr: Wir müssen uns leider in einem Punkt korrigieren: Offenbar handelt es sich bei dem sichergestellten Luftgewehr um eine Pumpgun, wie einer Pressemitteilung der Polizei zu entnehmen ist.
**) Nachtrag, 22.35 Uhr: Wie es aussieht, gibt es doch eine Counter-Strike-map der GSS Emsdetten, wie “Spiegel Online” inzwischen berichtet. Ob “Bild” die auch kannte, bleibt offen.
Am 10. September vergangenen Jahres nahm die Polizei am Münchner Flughafen einen 36 Jahre alten Türken fest, dem vorgeworfen wurde, gut elf Jahre zuvor seine Ex-Freundin ermordet und sich danach in die Türkei abgesetzt zu haben.
Die Nachrichtenagentur dpa berichtete am Tag der Festnahme, dass der Verdächtige in München seine Lebensgefährtin besuchen wollte, eine Deutsche, die er vor einiger Zeit geheiratet hatte.
Und dass ein Mitarbeiter der Polizei die bereits vorbereitete Pressemeldung von der Festnahme dummerweise einen Tag zu früh an die Öffentlichkeit gegeben hatte, machte die Sache damals interessant — außer natürlich für “Bild”.
Denn “Bild” berichtete unter der Überschrift:
“Münchnerin heiratete diesen eiskalten Killer”
Und nicht nur das. “Bild” nannte den wegen seiner ungewöhnlichen Schreibweise leicht identifizierbaren, echten Vornamen und den echten Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens, ihren Beruf und das Wohnviertel, in dem sie lebte. Und nicht nur das: “Bild” behauptete zudem, die Heirat mit dem Verdächtigen sei für die Mittvierzigerin, die “noch mal einen zehn Jahre jüngeren Mann abgreifen” konnte, “wie ein Hauptgewinn im Lotto” gewesen.
Wie die “Süddeutsche Zeitung” heute schreibt, hatte der “Bild”-Bericht für die Frau, die ihren Mann “völlig ahnungslos” geheiratet habe, weitreichende Konsequenzen, weswegen sie auf Schadenersatz und Schmerzensgeld geklagt hat. Und über den ersten Verhandlungstag vorm Münchner Landgericht heißt es:
Die Richter der 9. Kammer machten gestern keinen Hehl daraus, dass sie der Klägerin auf jeden Fall Schmerzensgeld zusprechen werden — und zwar mindestens 50 000 Euro, doppelt so viel, wie bisher gefordert. Denn der Betrag sei nicht nur als Genugtuung für die Betroffene zu verstehen, sondern auch als Prävention: Das Blatt habe mit seiner Berichterstattung “ohne Not jemanden individualisierbar gemacht” und obendrein beleidigt – “Medien sollen davon abgehalten werden, so etwas zu tun”.
“Wenn jemand einen Tiefschlag erhalten hat und dann noch eins übergebraten bekommt, ist das besonders gemein”, sagte der Vorsitzende Thomas Steiner. Die Pressekammer legte Bild-Anwalt Kai Fickert nahe, die Chefredaktion zur freiwilligen Schmerzensgeldzahlung zu bewegen. Denn je länger man über den Fall nachdenke, desto teurer werde es: Der Betrag könne sich — “je nach Verhalten von Bild” — noch erhöhen. Bis Mitte Januar wurden den Parteien Bedenkzeit eingeräumt.
Nach unseren Informationen hat “Bild” sich mit der Behauptung zu verteidigen versucht, die Frau sei nicht erkennbar und die Berichterstattung mitfühlend gemeint gewesen.
Das Erstaunliche vorweg: Offenbar weiß man bei “Bild” über Persönlichkeitsrechte eigentlich ganz gut Bescheid. Theoretisch.
Als Nicolaus Fest, einer der stellvertretenden “Bild”-Chefredakteure, gestern abend vor den Toren Hamburgs (eigentlich vor den Toren Wedels) im Hörsaal 5 der Fachhochschule Wedel einen Gastvortrag über “Medien und Persönlichkeitsrecht” hält, hat seine Sekretärin leider vergessen, ihm auch das Vortragsmanuskript einzupacken. Immerhin hat der gelernte Jurist und Kunsthistoriker aber einen dicken Aktenordner mit Fallbeispielen dabei. Und das Grundsätzliche ist ohnehin schnell gesagt: “Journalismus kommt ja von jour, der Tag”, und jeden Tag aufs Neue gebe es einen Konflikt zwischen dem Recht des Einzelnen auf den Schutz seiner Persönlichkeit einerseits und dem öffentlichen Interesse andererseits. Dazwischen gelte es abzuwägen.
“Natürlich ist es ein Verstoß gegen das Persönlichkeitsrecht, wenn man ungefragt irgendwelche Leute ‘abschießt'”, sagt Fest. Aber das Ganze sei “eigentlich ein Thema für Juristen” und die Abwägung immer eine Einzelfallentscheidung. Zudem entschieden die Gerichte unterschiedlich (in Berlin meist zugunsten des Medienopfers, in Hamburg zugunsten von “Bild” der Pressefreiheit), und — um Fests unausgesprochene Quintessenz gleich vorwegzunehmen — Schuld sind immer die anderen.
Fest selbst hingegen formuliert seine These wie folgt: “Alle denken: Der größte Feind des Persönlichkeitsrechts ist die ‘Bild’-Zeitung.” Aber das, so Fest, stimme gar nicht, denn:
“Der größte Feind des Persönlichkeitsrechts ist im Zweifel der Inhaber selbst.”
Und in der Tat scheint Fests mitgebrachte Beweislast erdrückend: Da schrieb doch eine “bekannte Schauspielerin” in einem persönlichen Brief an “Bild” ausführlich und detailliert über Ehestreitigkeiten, um das Blatt abschließend zu bitten, von weiterer Berichterstattung abzusehen! (Die rund 50 Zuhörer im mäßig gefüllten Hörsaal sind amüsiert.) Andere Prominente wiederum verbeten sich die angelegentliche Berichterstattung über ihr Privatleben — aber, wie sich herausstellt, nur, weil sie mit irgendeinem anderen Medium einen Exklusivvertrag geschlossen haben. (Die Zuhörer staunen.) “Unterdrücken, steuern, wirtschaftliche Marktposition stärken”, das sei es, was der Prominente mit der Berichterstattung über ihn wolle.
Zwischen den Zeilen wird deutlich: Wer einem Promimagazin ein exklusives Interview gibt, muss sich gefallen lassen, dass “Bild” in seinem Privatleben herumschnüffelt. Wer Mutter ist und sich (trotzdem) für ein Erotikmagazin fotografieren lässt, muss sich (deshalb) von “Bild” fragen lassen, ob man da denn seinen Erziehungsaufgaben nachkomme. Wer irgendwann mal ein Buch übers Jogging geschrieben hat, muss natürlich auch Jahre später hinnehmen, dass “Bild” ihren elf Millionen Lesern zeigt, dass er irgendwo auf der Welt in einer Patisserie gewesen ist. Wer als Schauspieler die Rolle eines polizeilichen Ermittlers übernimmt, muss einsehen, dass “Bild” eventuelle Ermittlungen gegen ihn zu Schlagzeilen macht. Und wenn sie das nicht hinnehmen wollen, diese Prominenten, dann liegt das nicht zuletzt an der florierenden “Anwaltsindustrie”, die aus jeder Persönlichkeitsrechtsverletzung Kapital zu schlagen versuche. Dass das offenbar ein Geschäftsmodell ist, dass sich “Bild” ungern streitig machen lässt, sagt er nicht.
Ebenfalls unerwähnt bleiben am Abend in Wedel all jene Fälle, in denen “Bild” auch das Privatleben von Prominenten in die Öffentlichkeit zerrte, die selbst nie Privates preisgeben. Oder die vielen nicht-prominenten “tätowierten Liebesmonster” und vorverurteilten “Bestien” auf dem Weg in den Gerichtssaal — und auch nicht die Kinder, deren Gesichter “Bild” immer mal wieder ohne Einverständnis der Eltern auf ihre Titelseiten druckt: für Fest offenbar alles Einzelfälle, über die man sich streiten kann — im Zweifel vor Gericht.
Am Ende des Abends aber erhalten wir von Fest immerhin endlich Antwort auf eine Frage, die wir vor einem knappen Vierteljahr an “Bild” gestellt und bislang nicht beantwortet bekommen hatten – nämlich, ob “Bild” das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg (von “Bild” schlicht “Maulkorb-Urteil” genannt) eigentlich anerkenne. Fest tastet sich langsam heran: Das Urteil, das Prominenten einen weitreichenden Schutz ihres Privatlebens zubilligt, sei auf europäischer Ebene nicht unumstritten, zudem sei auch die Straßburger Entscheidung nur ein Einzelfall und “Bild” ohnehin nicht prozessbeteiligt gewesen. Aber dann sagt er zusammenfassend:
“Wir halten uns an die etablierte Rechtsprechung, weil sie verlässlicher ist, bevor wir uns auf das außerordentlich dünne Eis des Straßburger Urteils begeben.”
Das ist zwar nicht wahr, weil “Bild” immer wieder auch gegen die “etablierte Rechtsprechung” verstößt. Aber klar: Wenn die Gerichte dann doch gegen “Bild” entscheiden — dann sind es eben die falschen Gerichte, die sich von den falschen Anwälten haben überzeugen lassen.
Kampf der Kulturen
(tagesspiegel.de, Alice Bota)
?SZ? und ?FAZ? klagen gegen das Online-Magazin ?Perlentaucher?. Ihr Vorwurf: Rezensionsklau.
“Ohne Optimismus”
(taz.de, Mascha Rybakowa)
Die kritische russische Journalistin Olga Kitowa über die Ermittlungen im Fall Anna Politkowskaja und ihre eigene Verfolgung durch Provinzfürsten.
Magazinvergleich: Von Langhaarigen, Truckermiezen und Waffeninteressierten
(jetzt.sueddeutsche.de, Durs Wacker)
Der Bahnhofs-Zeitschriftenstand ist eine schillernde Sammlung der erstaunlichsten Magazine. Der dritte Teil der subkulturellen Presseschau widmet sich Gras-Gärtnern, desperate housewives, den Königen der Straße und Waffenliebhabern mit Aggressionshemmung.
“Wir sind das globale Leitmedium”
(welt.de, Burkhard Riering) CNN gibt im globalen TV-Nachrichtenmarkt den Ton vor. Doch es wird immer enger für den Marktführer. Chris Cramer, der Chef von CNN International, äußert sich im WELT-Gespräch über die neue Konkurrenz.
Persönliche Infos im Netz: Alles kommt raus
(wiwo.de, Jochen Mai)
Im Netz stehen mehr Informationen über Sie, als Sie ahnen. Informationen, die im schlimmsten Fall Ihre Karriere ruinieren können. Denn immer mehr Personaler werten diese systematisch aus. Haben Sie schon mal von Googlability gehört? Dann passen Sie mal auf…
Die Tchiboisierung der Süddeutschen Zeitung?
(titel-forum.de, Wolfram Schütte)
Seit bei den Printmedien der sie finanzierende Anzeigenmarkt im neuen Jahrtausend unwiederbringlich eingebrochen ist und die Presse sich nach neuen Möglichkeiten zu ihrer Existenzsicherung umsehen muss, geraten auch bei den Qualitätszeitungen manche Grundprinzipien des Journalismus in eine Schieflage. Z.B. die ?strikte Trennung? des journalistischen Teils (der Redaktion) vom Anzeigenmarkt.
Nur Profit?
(zeit.de, Eva Schweitzer)
Wem soll die Zeitung gehören? Eva Schweizer über den Kampf um die »Los Angeles Times«.
Der Habicht vom Bosporus
(handelsblatt.com)
Aydin Dogan, der einflussreichste türkische Medienunternehmer und neuerdings Partner des Axel-Springer-Konzerns, greift nach der TV-Senderkette Pro Sieben Sat 1. Der Unternehmer, dessen Nachname ?Habicht? bedeutet, wird schonmal mit dem Italiener Silvio Berlusconi verglichen – kein Wunder bei so viel Einfluss.
Weg vom Pranger
(taz.de, Christian Rath)
Die SPD ließ Experten über die rechte Wochenzeitung “Junge Freiheit” diskutieren und legt nun doch die Verfassungsschutzdebatte zu den Akten.
Journalisten entschuldigen sich bei Scheich
(sueddeutsche.de, Hans Leyendecker und Claudia Tieschky)
Ein saudischer Milliardär geht weltweit mit aller Härte gegen Autoren und Verlage vor, die ihn in Zusammenhang mit al-Qaida bringen und als Förderer des Terrorismus darstellen. Zwei Autoren leisten nun in einer ganzseitigen Zeitungsanzeige Abbitte.
US-Blogger in Beugehaft
(telepolis.de, Wolf-Dieter Roth)
Blogger werden immer mehr Journalisten und Medienunternehmen gleichgestellt – und das ist nichts, worüber sie sich wirklich freuen sollten.
Unter deutschen Dächern
(faz.net, Michael Hanfeld)
Sie sehen alles, und sie halten alles fest. Die ?Leserreporter? sind die Pest. Und sie sind ein Segen: Paparazzi werden arbeitslos. Doch wer sich aufregt, der vergißt, wie wichtig manche Amateurbilder sind.
In Google drin
(blick.ch, Sandro Brotz und Patrik Müller)
Zürich wird Google-City – und keiner merkts: Ganz im Stillen entsteht hier das Technologiezentrum der weltweit grössten Internet-Suchmaschine. Für SIE+ER öffnete die Schweizer Vertretung die Türen. Bericht aus dem Hirn eines Giganten.
“Wir nähern uns dem Internet schrittweise”
(spiegel.de, Hasnain Kazim)
Die Auflage des “Economist” wächst und wächst. Nur im Internet spielt das Nachrichtenmagazin so gut wie keine Rolle. Das soll sich jetzt ändern, sagt Chefredakteur John Micklethwait im Interview mit SPIEGEL ONLINE und spricht über seine Pläne für die Zeitschrift und das Netz.
Mehr Mut zum Risiko, liebe NZZ!
(medienspiegel.ch, Martin Hitz)
Die NZZ AG will ihr «Leistungsangebot» optimieren, wie in der gestern Freitag verbreiteten Medienmitteilung zu lesen ist. 10 bis 15 Stellen sollen laut Medienberichten dadurch verloren gehen.
Miesmachen als Volkssport
(dradio.de, Michael Miersch)
Würde Che Guevara heute wiederauferstehen, könnte er sich an fast jeden deutschen Stammtisch setzen. Er bekäme ein paar Biere spendiert und Applaus für seine 40 Jahre alten Kampfparolen.