Das Anti-Google des Wikipedia-Gründers
(welt.de, Oliver Haustein-Teßmer)
Jimmy Wales findet die marktbeherrschende Suchmaschine großenteils nutzlos. Mit seinem neuen Projekt will der 40-Jährige die Nutzer entscheiden lassen, wie Inhalte im Web gefunden werden. Geld dafür hat er von Amazon erhalten.
Youtube ist Aufsteiger des Jahres
(faz.net, Holger Schmidt)
In der ganzen Welt ist Youtube die am schnellsten wachsende Internetseite – nur nicht in Deutschland. Hier haben zwei Außenseiter die Nase vorn.
Wenig Interesse am Open Peer Review
(telepolis.de, Florian Rötzer)
Das Wissenschaftsmagazin Nature hat in einem Experiment Artikel vor der offiziellen Veröffentlichung zur Kommentierung online gestellt – mit mäßigem Erfolg.
Es muss nicht immer Google sein
(heute.de, Alfred Krüger)
Wie sich deutsche Suchmaschinen gegen die Übermacht von Google & Co. behaupten wollen.
Gratis-Internet in St. Gallen
(sf.tv, Video, leider nur in schweizerdeutscher Sprache verfügbar)
Die Stadt St. Gallen will auf dem ganzen Stadtgebiet drahtlosen Internet-Zugang einrichten – gratis und für alle. Bis Ende Februar läuft in Zusammenarbeit mit der Universität ein Pilotprojekt. Der Stadtrat hat dafür 94’000 Franken bewilligt. Monika Waldburger berichtet.
Der Kiosk
(taz.de, Gabriele Göttle)
Vom Leben einer Kioskfrau aus Fleisch und Blut.
Die BILDblogger suchen zwischen den Jahren Orte auf, an denen sie vor der strengen Kälte geschützt sind (hohle Baumstämme, Erdhöhlen und dergleichen) und polstern sie mit Heu, Stroh, Blättern, Haaren, Wolle und anderen Materialien aus. In dem so ausstaffierten Unterschlupf verbringen sie meist zu mehreren Tieren mit zusammengezogenem, abgekugeltem Körper und geschlossenen Augenlidern den Winter in einem energetischen Sparzustand, dem so genannten Torpor. Ihre normale Körpertemperatur sinkt dabei meist auf Werte zwischen neun und einem Grad Celsius ab. Alle Körperfunktionen sind in diesem Zustand stark vermindert. Die Atmung ist schwach, der Herzschlag verlangsamt und die Empfindlichkeit gegenüber äußeren Reizen gering. (…)
Die Dauer des Winterschlafs ist bei den einzelnen BILDbloggern unterschiedlich. (…) Man darf jedoch nicht der falschen Vorstellung unterliegen, dass es sich beim Winterschlaf um einen mehrtägigen Dauerschlaf ohne Pause handelt. Vielmehr verläuft der Schlaf meist in Abschnitten, wobei sich längere Phasen der Ruhe mit stark reduziertem Stoffwechsel mit kurzen Wachphasen abwechseln. Zu oft dürfen die Tiere während des Winters allerdings nicht aufwachen, weil jede zwischenzeitliche Aufwachphase an den Energiereserven zehrt, so dass die Fettdepots zu früh aufgebraucht würden und für den eigentlichen Aufwachvorgang im neuen Jahr nicht mehr zur Verfügung stünden.*
*) Entstanden unter Verwendung eines Wikipedia-Eintrags und mit Dank für die sachdienlichen Hinweise des Jahres 2006 an Adrian G., Adrian, Agathokles P., Alex K., Alex P., Alex V., Alex Z., Alexander B., Alexander F., Alexander H., Alexander J., Alexander R., Alexander S., Alexander W., Alexandra P., Alexandra W., Andie, Andre G., André K., Andreas C., Andreas F., Andreas G., Andreas J., Andreas K., Andreas L., Andreas M., Andreas N., Andreas R., Andreas S., Andreas U., Andy W., Anja, Anke S., Anna, Ansgar B., Anton O., Arend von R., Armin D., Arndt L., Arne K., Arne, Arno L., Astrid G., Axel B., Axel H., Axel L., Balu, Bastian V., Beat M., Beat W., Beate T., Ben G., Benedikt H., Benedikt T., Benjamin B., Benjamin H., Benjamin K., Benjamin M., Benjamin P., Benjamin S., Benjamin W., Benni M., Benny S., Benny, Bernd K., Bernhard C., Bernhard W., Birger T., Björn D., Björn G., Björn, Boris P., bsm, Campino-84, Carl Z., Carlos K., Carsten E., Carsten R., Cay D., ceggis, Chiquita, Christhart B., Christian B., Christian D., Christian G., Christian H., Christian J., Christian K., Christian L., Christian M., Christian N., Christian P., Christian R., Christian S., Christian W., Christiane B., Christine D., Christine K., Christine N., Christof T., Christof W., Christoph A., Christoph H., Christoph L., Christoph M., Christoph O., Christoph P., Christoph S., Christoph W., Christopher G., Christopher R., Claas H., Claudia A., Claudius L., Claus C., Clemens H., ClemensBW, cocolo, Cody, Conrad G., Cosmo, Daniel F., Daniel K., Daniel M., Daniel R., Daniel S., Daniel T., Daniel W., Daniela K., Daniela L, Danny, David H., David T., Dennis S., Detlef B., Diane A., Dieter B., Dietmar H., Dirk B., Dirk E., Dirk H., Dirk, Dirty Harry, Dominic G., Dominik B., Dominik D., Dominik J., Dominik W., Doris M., Dorothee S., Eberhard S., Eike F., Elmar K., Emrah K., Enno H., Enno W., Ereglam, Eric S., Erich B., Erich D., Eva K., Fabian B., Fabian L., Fabian P., Fabian S., farry2003, Felix G., Felix J., Felix S., Florian M., Florian P., Florian Z., Frank B., Frank F., Frank G., Frank J., Frank L., Frank M., Frank R., Frank S., Frank, Franz T., fRANZ, Frederik B., Frederik P., Freemagusto, Friederike U., Friedrich F., Friedrich G., Fritz K., Fritz, Frohmut W., Georg G., Georg S., Giesela S., Gila M., Gila von W., Gilad R., Gregor G., Gunter K., Günther F., Günther T., Hannes K., Hannes, Hanno B., Hanno S., Harald L., Harald L., Harald N., Harald S., Hardy S., Hartmut W., Hauke R., Heike W., Heiko, Heinz-Gerd R., Helmut R., Hendric S., Hendrik B., Hendrik H., Henning B., Henning S., Henrik W., Henryk J., Herbert G., Holger B., Holger G., Holger H., Holger K., Holger M., Holger R., Holger S., Hubert E., Hynek S., Hyp Nom, Isa R., j1103, Jadawin, Jakob W., James, Jan D., Jan G., Jan H., Jan I., Jan J., Jan K., Jan S., Jan, Janine K., Jann M., Jason M., Jean M., Jean-Paul I., Jens E., Jens F., Jens G., Jens L., Jens R., Jens S., Jens-Uwe R., Jo L., Jo M., Joachim S., Joachim W., Jochen Z., Joern H., Johanna K., Johannes B., Johannes E., Johannes F., Johannes H., Johannes K., Johannes L., Johannes M., Johannes T., Johannes, Jonas G., Jonas P., Jonas, Jonas, Jördes G., Jörg B., Jörg F., Jörg J., Jörg L., Jörg N., Jörg Q., Jörg W., Jörg, Jörg-Stefan S., Jörn W., Jule H., Julia K., Julia L., Julian F., Julian H., Jürgen G., Jürgen H., Jürgen K., Jürgen T., Kai B., Kai S., Kai T., Kai, Kait, Karim A., Karsten F., Karsten T., Karsten W., Kat M., Kati, Katrin S., Klaus R., Klaus S., Klaus W., Klement K., Knut I., Konrad B., Kristian S., Kurt R., Landei, Lars B., Lars T., Lars, Le-Grex, Lexirien C., Linda, Lukas J., Lukas L., M.C.P. 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Man könnte meinen, eine Korrekturspalte sei dazu da, Fehler zu korrigieren. Außer bei “Bild” natürlich. Denn bei “Bild” ist die Korrekturspalte auch dazu da, Fehler zu wiederholen.
Vor zwei Wochen hatte “Bild” Jürgen Rüttgers (CDU) zum “Gewinner” des Tages gemacht, weil er in einer von der SPD bezahlten Umfrage von der Mehrheit der Nordrhein-Westfalen als beliebtester SPD-Politiker genannt worden sei.
Tatsache aber ist: Rüttgers war in einer nicht von der SPD bezahlten Umfrage von einer Minderheit der Nordrhein-Westfalen am dritthäufigsten als SPD-Politiker genannt worden.*
Zwei Wochen später ist es “Bild” nun gelungen, eine “Berichtigung” zum Thema abzudrucken:
Man mag sich nicht vorstellen, welches juristische Hin und Her hinter den Kulissen der Formulierung “hat sich als unzutreffend erwiesen” vorangegangen ist, damit nun endlich, zwei Wochen später, auch in “Bild” steht, was sich doch eigentlich bereits am Tag der Veröffentlichung als unzutreffend erwiesen hatte. Die SPD jedenfalls möchte sich dazu nicht mehr äußern.
Und dass die heutige “Berichtigung” den dritt(!)bekanntesten(!) “SPD-Politiker” weiterhin fälschlicherweise als Beliebtheits(!)sieger(!) dastehen lässt, korrigiert “Bild” garantiert morgennach Weihnachtenim nächsten Jahr nie.
*) Ein Teil der “Bild”-Fehler stammte aus der “FAZ”. Zufälligerweise fand sich dort an Tag vor dem heutigen “Bild”-“Berichtigung” folgende “Richtigstellung”:
“Am 5. Dezember hat diese Zeitung (…) über eine Meinungsumfrage aus dem vergangenen Sommer berichtet, die den Bekanntheitsgrad nordrhein-westfälischer SPD-Politiker untersucht. Dabei war behauptet worden, die SPD selbst habe die Umfrage in Auftrag gegeben. Dies hat sich als unzutreffend erwiesen. (F.A.Z.)”
Was machen Prominente mit den Medien? Was machen die Medien mit den Prominenten? In dem Buch “Medienmenschen — Wie man Wirklichkeit inszeniert” haben Studentinnen und Studenten des Instituts für Journalistik der Hamburger Universität darüber mit 30 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gesprochen. Und natürlich spielt die “Bild”-Zeitung darin eine erhebliche Rolle. Aus dem Buch, das im Januar erscheint*, veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung der Herausgeber vorab einige Zitate zum Thema.
Mathieu Carrière, Schauspieler
Im August 2002 ließen Sie die Bildzeitung einen verzweifelten Brief an Ihre Ex-Freundin abdrucken: “Auf den Knien meines Herzens flehe ich dich an: Hab Erbarmen. Geh nicht mit ihr (Tochter Elena) nach Italien! Bitte, bitte, lass dich erweichen! Ich zahl dir jeden Preis.” Geben Sie nicht zu viel Privates preis?
Carrière: Ich gebe nichts Privates preis. Alles, was Sie in der Zeitung lesen oder im Fernsehen sehen, ist ein Produkt. Dieses Produkt gestalte ich mit. Diesen “Brief” habe ich zu einem Zeitpunkt an die Bildzeitung gegeben, als die Gegenseite versucht hat, mich als geisteskrank darzustellen. Mit Hilfe der Medien konnte ich gegensteuern. Mein “Privatleben” ist eine Inszenierung. Das, was ich davon an die Medien gebe, ist inszeniert. Es gibt keine Authentizität in den Medien. Sie glauben doch nicht, dass irgendeine Homestory authentisch ist.
Andre Heller, Künstler
Warum will “Bild” Sie unbedingt interviewen?
Heller: Wir kommen im Großen und Ganzen ohne einander aus. Was mich vorrangig beschäftigt, sind doch auch keine für Bild interessanten Themen. In das Blatt kommt man, wenn etwas aufgewühlt wird, was für die Massenleser nach Meinung der Chefredaktion relevant ist. Ein winziges Beispiel: Rudi Carell hat in seinen Memoiren angeblich geschrieben, dass eine seiner Frauen mich eine Zeit lang geliebt habe. Nach seinem Tod wollte Bild, dass ich dazu Stellung nehme. Aber welchen Grund gäbe es für einen erwachsenen Herrn mit ausgeprägter Selbstachtung, sich selbst mit einem Kommentar zu Tratschereien zu beschmutzen?
Hans-Olaf Henkel, Lobbyist und “Bild”-Autor
Wie funktioniert das, [einzelne Politiker mit Hilfe der Medien unter Druck zu setzen]?
Ich habe der Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einiger Zeit (…) einen Brief geschrieben. Das Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba hatte sie zu diesem Zeitpunkt bereits zur Sprache gebracht, wofür ich sie in meinem Brief lobte. Ich forderte sie gleichzeitig auf, bei ihrer ebenfalls anstehenden Reise zum (…) russischen Präsidenten Wladimir Putin deutlich die Menschenrechtslage in seinem Land zu kritisieren. Und ich habe ihr geraten, das Waffenembargo gegen China nicht aufheben zu lassen, wie von Schröder früher gefordert. All dies hat Frau Merkel getan. Zuvor hatte ich mir allerdings überlegt, wie ich meinen Worten Nachdruck verleihen könnte. Die Lösung war ein Kommentar in der Bildzeitung, zweite Seite links oben. Dort habe ich geschrieben, wie mutig sie wäre, wenn sie alle diese Dinge ansprechen würde.
Den Bild-Kommentar haben Sie geschrieben, nachdem Sie Angela Merkel den Brief geschickt hatten?
Ja, den Artikel habe ich anschließend hinterhergeschickt. (…) Das heißt, sie hatte mit dem Kommentar auch eine Drohung auf dem Tisch: Ich hatte das Thema öffentlich gemacht. (…)
Besteht nicht die Gefahr, dass ein Medienmensch wie Sie selbst immer mediengängiger, immer schriller und aufgeregter formuliert?
Was ist das Problem? Immer nur in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aufzutauchen, erscheint mir witzlos, denn deren Leser sind ohnehin meist von dem überzeugt, was ich sage. Man muss in die Bildzeitung, weil die gesamte Politik diese Zeitung besonders ernst nimmt und daneben nur vor einer einzigen Zeitschrift großen Respekt hat, dem Spiegel. Gerhard Schröder hat dies mir gegenüber übrigens offen zugegeben.
Martin Sonneborn, Satiriker, ehemaliger “Titanic”-Chef
Ihre Lieblingsgegner sind die Bildzeitung und das Magazin Focus. Was stört Sie an diesen Blättern?
Sonneborn: Diese beiden Blätter machen uns nach wie vor Konkurrenz, das stört mich natürlich. Wenn die Bildzeitung vorne zeigt, wie Kai Diekmann dem Papst eine “Volksbibel” übergibt, während ein paar Seiten weiter eine “schluckgeile Oma” ihre Dienste inseriert, ist das schwer zu übertreffen: Wenn wir das offizielle Bild nehmen und als “Foto des Monats” so uminterpretieren, dass Diekmann dem erfreuten Papst stolz eine schweinslederne Sammlung der schärftsten Fickanzeigen übergibt, bleibt das hinter der Wirklichkeit zurück.
*) Jens Bergmann, Bernhard Pörksen (Herausgeber): “Medienmenschen —
Wie man Wirklichkeit inszeniert”,
Solibro-Verlag, 19,80 Euro.
Brauchen Europas Blogger einen Irakkrieg? (Blogpiloten.de, Igor Schwarzmann) Interview mit Jan Schmidt über dessen Studie “Wie ich blogge?!”. Fazit: Politisches Blogging ist im deutschsprachigen Raum noch nicht gleich weit wie in den USA.
Vom Wahnsinn umzingelt (taz.de, Ralf Niemczyk) Der Neuanfang des Traditions-Musikblatts “Spex” in Berlin: NAch dem grossen Krach ist klar, wer was wo macht. Bleibt die Frage “warum”.
Geldsegen für Blogger? (telepolis.de, Peter Mühlbauer) In wenigen Tagen beginnt die “Verwertungsgesellschaft Wort” (in der Schweiz heisst die gleiche Institution, die Kopiergebühren an Urheber verteilt, “Pro Litteris”) mit der Abgeltung der Urheberrechte auch an Blogger. Der Aufwand zur Erfassung der Werke ist enorm.
Dogs ist noch kein Superhund (Werben & Verkaufen) Das fehlte noch: Die Lifestyle-Zeitschrift ist auf den Hund gekommen. Gruner und Jahr bringt demnächst die zweite von drei Testausgaben des Magazins auf den Markt.
“Alltag Überwachung” (Tagesschau.de, Fiete Stegers und Roman Mischel) Kameras überall: Teil eins einer Video-Serie über die totale Überwachung.
Der Beste (Blattkritik.ch, Grabowsky)
Roger Köppel ist der beste Journalist der “Welt” – äh, Schweiz. Und was hat der neue Allleinbesitzer der Weltwoche dieses Jahr so alles geschrieben?
Dirk Hoeren ist bei “Bild” ein vielbeschäftigter Mann. Am selben Tag, an dem er mit einem großen Interview seine Falschmeldung von letzter Woche wiedergutmachen muss, schreibt er (zusammen mit einer Kollegin) schon wieder einen neuen “Bild”-Aufmacher, an dessen Fehlern er sich die nächsten Tage abarbeiten kann.
Dieser “Schock” ist vielleicht für Menschen, die sich auch aus anderen Quellen als die “Bild”-Zeitung informieren, nicht gar so groß. Denn die Erhöhung der Beitragssätze der Krankenkassen zeichnete sich schon ab. Am 15. Dezember titelte die “Financial Times Deutschland”:
Krankenkassen wollen Beiträge stark erhöhen
Die Spitzenverbände hätten eine Erhöhung um 0,7 Prozentpunkte angekündigt, schrieb die “FTD”. Das “kostet Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammen knapp 7 Mrd. Euro”.
Eine knappe Woche später hat die Schock-Welle endlich die “Bild”-Zeitung erreicht, und sie staunt auf der Seite 1:
Bis zu 7 Milliarden Euro kassieren [die gesetzlichen Kassen] 2007 von Arbeitgebern und Arbeitnehmern mehr ab.
Nun wäre Dirk Hoeren aber nicht Dirk Hoeren, wenn seine Artikel nur spät wären und nicht auch fehlerhaft. Er schreibt:
Die höchsten Steigerungen haben die Versicherten der AOK Rheinland zu tragen: (…).
Nun wäre Dirk Hoeren aber nicht Dirk Hoeren, wenn seine Artikel nur spät und fehlerhaft wären und nicht auch grob irreführend. Er schreibt über die Erhöhung vieler Allgemeiner Ortskrankenkassen (AOK):
Damit liegen die Beiträge dann teilweise schon über 16 Prozent. Absoluter Rekord! Trauriger Spitzenreiter ist die AOK Saarland mit 16,7 Prozent.
“Bild” hat einfach auf alle Beitragssätze 0,9 Prozentpunkte aufgeschlagen. Das ist der Sonderbeitrag, den die Arbeitnehmer zusätzlich zum Regelsatz bezahlen müssen, den Arbeitgeber und Arbeitnehmer paritätisch zahlen. Die höhere Zahl gilt zwar eigentlich nicht als “allgemeiner Beitragssatz”; sie zu nennen wäre aber nicht falsch — würde “Bild” nur einmal erklären, dass ihre Zahlen eben inklusive dieses Sonderbeitrags gemeint sind, und nicht mehrmals den Eindruck erwecken, die Arbeitgeber müssten den gleichen Satz zahlen.
Vollends unzulässig wird die Rechnung aber an der Stelle, an der “Bild” die so erhöhten Beitragssätze mit dem Beitragssatz vergleicht, den Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt einmal als Ziel ausgegeben hatte. Auf die von Schmidt genannten “12,15 Prozent” hat “Bild” nämlich “vergessen”, ebenfalls die 0,9 Prozentpunkte aufzuschlagen — um die Diskrepanz zwischen Ziel und Realität noch größer wirken zu lassen als sie ohnehin schon ist.
Einen der größten Erfolge unter Chefredakteur Kai Diekmann feierte die “Bild”-Zeitung im Jahr 2003 mit ihrer wochenlangen Berichterstattung über einen in den USA lebenden deutschen Sozialhilfeempfänger, den sie “Florida Rolf” nannte. Die Kampagne erreichte nicht nur, dass der Mann nach Deutschland zurückkehrte, sondern auch, dass der Bundestag in kürzester Zeit die Gesetzeslage verschärfte. Dabei betraf die Regelung nicht einmal 1000 vermeintliche “Sozialschnorrer” und bedeutete möglicherweise sogar höhere Ausgaben für die Steuerzahler.
In diesen Tagen arbeitet sich “Bild” wieder an einem vermeintlichen “Abzocker” ab: Henrico Frank, ein Arbeitsloser, der SPD-Chef Kurt Beck dafür verantwortlich machte, Hartz-IV-Empfänger zu sein, und dafür von ihm gesagt bekam, er solle sich erst einmal waschen und rasieren, dann bekomme er auch Arbeit. Frank ließ sich von Journalisten zu einem Friseurbesuch überreden, Beck vermittelte ihm darauf mehrere Stellenangebote, Frank ließ ein Treffen mit Beck jedoch platzen und lehnte auch die angebotenen Jobs ab. Seitdem ist er für “Bild” “Deutschlands frechster Arbeitsloser” und heute zum zweiten Mal großer Seite-1-Aufmacher:
Die Frage klingt, als wollte “Bild”, ähnlich wie bei “Florida-Rolf”, eine vermeintliche oder tatsächliche Ungerechtigkeit im Gesetz anprangern. In Wahrheit hat der Bundestag erst vor kurzem die Gesetzeslage für Menschen wie Henrico Frank drastisch verschärft. Wer innerhalb eines Jahres drei Angebote seiner Arbeitsagentur ohne guten Grund ablehnt, bekommt vom kommendem Jahr an für ein Vierteljahr sämtliche Zahlungen gestrichen, ist nicht krankenversichert, bekommt kein Geld für Unterkunft und Heizung. Nach Ansicht von Kritikern dieses Gesetzes kann das für viele hartnäckige Arbeitsverweigerer bedeuten, obdachlos zu werden. Die neue Regelung ist juristisch umstritten, weil eigentlich jeder Mensch einen verfassungsrechtlichen Anspruch auf das Existenzminimum hat.
“Faulenzern” und “Abzockern” wie Henrico Frank droht also nach dem verabschiedeten Gesetz, nichts zu bekommen. Da es schwer ist, Menschen weniger als nichts zu geben, ist nicht ganz klar, auf welche Art Gesetzesverschärfung die “Bild”-Kampagne zielen könnte: Die Möglichkeit, “Faulenzer” und “Abzocker” aus dem Land zu jagen?
Aber vielleicht geht es der “Bild”-Zeitung hier auch nicht um das Gesetz. Vielleicht hat sie mit Henrico Frank eine persönliche Rechnung offen. Darauf deutet zum Beispiel der gestrige “Bild”-Artikel hin, der so begann:
Die “Bild”-Zeitung lässt offen, ob sie mit “uns” uns meint oder “Bild”-Mitarbeiter. Deren Gefühl, “verarscht” worden zu sein, könnte aber daher rühren, dass die Geschichte so schön auf ein Happy-End hätte hinauslaufen können: Dank tatkräftiger Unterstützung der Medien wird aus nichtsnutzigem Hartz-IV-Suff-und-Schmuddel-Punk ein glückliches Mitglied der arbeitenden Gesellschaft. Henrico Frank wollte dieses Spiel, hinter dem er eine PR-Aktion von Beck vermutet, offenbar nicht mitspielen — ob er dabei klug vorging, ist eine andere Frage.
Die “Bild”-Zeitung jedoch erweckt den Eindruck, Frank habe sie in die Irre geführt. Dabei zeigte Frank von Anfang an wenig Bereitschaft, die ihm von dem Medien zugeteilte Rolle zu spielen — selbst den Frisurwechsel bereute er schnell. Dass Frank “vier Handys” hat (nach eigenen Angaben alle Prepaid, ohne laufende Kosten), war “Bild” ebenso bekannt, wie dass er weiter seinen Anstecker “Arbeit ist Scheiße” trug. Erst im Nachhinein machte sie daraus Belege, um Frank zu “Deutschlands frechstem Arbeitslosen” zu stempeln.
Die “Bild”-Berichte über den Arbeitslosen sind inzwischen voller bösartiger Interpretationen und einseitiger Verdrehungen. Aus dem Angebot, für “5,50 Euro / Stunde” zu arbeiten, macht “Bild” einen von acht “gut bezahlten Jobs”. Dass sich die Sprecherin Franks bei den Arbeitgebern erkundigte, ob sich die Stellen (u.a. Straßenbauarbeiter, Maurer, Maler) überhaupt eignen für jemanden, der “nur noch eine Niere, dazu einen Bandscheibenvorfall und eine Schulterprellung” hat, nennt “Bild” schlicht “dreist”: “Motto: Ich kann nicht, aber was gibt’s denn?” Nebenbei fabriziert “Bild” aus den Zitaten mehrerer Politiker der Linkspartei, die grundsätzlich begrüßen, wenn Arbeitslose in die Politik und die Parlamente gehen, eine mögliche Kandidatur Franks für den Bundestag.
Den CDU-Politiker Michael Fuchs hingegen zitierte “Bild” gestern mit den Worten:
Was wirft das für ein Licht auf all die anderen Arbeitslosen! Henrico Frank bringt sie alle in Verruf.
Tut er das wirklich? Oder tun das nicht “Bild” und die anderen Medien, die das Verhalten Franks in einer Breite diskutieren, die gar keinen Sinn ergäbe, wenn sie davon ausgingen, dass Franks Verhalten ein völliger Einzelfall wäre. Dadurch, dass sie den Fall seit einer Woche ausführlich begleiten, suggerieren sie erst, dass es sich um ein grundsätzliches Phänomen und Problem handelt.
Der Politologe Frank Oschmiansky hat vor einigen Jahren die Konjunktur der immer wiederkehrenden “Faulheitsdebatten” untersucht und befand, sie folgten “zu einem guten Teil politischen Kalkülen”. Sie ließen bei den Bürgern den Eindruck entstehen, der “Missbrauch sozialer Leistungen” sei eines der größten Probleme dieses Landes — dabei sei der Schaden rechnerisch “marginal” gegenüber Delikten wie Schwarzarbeit, Subventionsmissbrauch, Korruption oder Steuerhinterziehung. Oschmianskys Fazit:
Zudem zielen die “Faulheitsvorwürfe” darauf, das sozialpsychologische Klima zu schaffen, um Leistungseinschränkungen oder auch Zumutbarkeits- oder Sanktionsverschärfungen den Boden zu bereiten. (…) Durch die Skandalisierung des Leistungsmissbrauchs wird ein Klima erzeugt, in dem Kürzungen von Sozialleistungen leichter durchsetzbar sind.
Kennen Sie Frank Ficker? Oder die Zahnarzthelferin Stefanie K.? Doch, doch: Die kennen Sie! Garantiert! “Bild” hat in diesem Jahr darüber berichtet, dass Sie über Ficker gelacht und die Zahnarzthelferin bedauert haben. Aber lesen Sie selbst:
5. Januar 2006: “ diskutierte” über ein ZDF-Interview mit der befreiten “Irak-Geisel”Susanne Osthoff, das “Bild” übrigens “seltsam” fand.
7. Januar 2006: In einem ostanatolischen “Geflügel-Dorf” starben mehrere Kinder, über die “Bild” zuvor berichtet hatte, “an Vogelgrippe”. Das “schockt ”
26. Januar 2006: Kaum vom Vogelgrippe-Schock erholt, “schockt” die Nasa mit einer neuen Klima-Studie. Allerdings nicht etwa ganz Deutschland, sondern nur, “während über die Bibberkälte der letzten Tage spricht”.
27. Januar 2006: “ diskutiert” wieder. Diesmal: Ob es für ausländische Kinder eine Deutschpflicht auf dem Schulhof geben soll.
3. Februar 2006: “ diskutiert über die Rente mit 67.”
18. Februar 2006: “Die Entführung der Gymnasiastin Stephanie (13) erschüttert .”
18. Februar 2006: Nachdem “” über Susanne Osthoffs ZDF-Interview diskutiert hatte, reist sie wieder in den Irak. “Diese Nachricht macht fassungslos.”
21. Februar 2006: “ spricht über die wilden Lebenserinnerungen von Top-Schauspiel-Star Heiner Lauterbach”, aus denen “Bild” Auszüge vorabdruckt.
1. März 2006: In Greifswald verurteilt “Deutschlands gerechtester Richter” einen jungen Mann wegen fahrlässiger Tötung zu vier Jahren Gefängnis, und “sein Urteil sorgt in für Anerkennung.”
4. März 2006: Weil “Bild” berichtet, dass ein Minister seine Ehefrau bei einem Stop mit dem Dienstwagen an einer Autobahn-Raststätte “vergessen” hatte, “lacht heute …” Zwei Tage später “spricht die vergessene Ministergattin”, abermals zwei Tage später “wird Versöhnung gefeiert”.
24. März 2006: “ diskutiert” — diesmal über die gar nicht so leichte Frage: “Soll das Kindergeld gekürzt und sollen dafür Kindergärten gebührenfrei werden, um Deutschland familienfreundlicher zu machen?”
6. Juni 2006: Nachdem “Bild” mehrere Tage lang fälschlicherweise behauptet hatte, Hape Kerkeling glaube, er habe schon mal gelebt, “diskutiert das Thema Wiedergeburt”.
19. Juni 2006: “ bedauert Stefanie K. (21), die schöne Zahnarzthelferin aus Berlin.” Warum, haben wir vergessen. Denn “Bild” zeigte zur Aufmunterung die schönsten “erotischen Fotos der Zahnarzthelferin (Oberweite 80 D)”.
27. Juli 2006: “Bild” hat mal wieder irgendwelche Lohn-Listen abgedruckt — und, siehe da: “ diskutiert, wer bekommt wieviel Geld für seine Arbeit.”
19. August 2006: Und wer taucht denn da hinter den dicken Mauern seines Ministeriums in der Berliner Wilhelmstraße ab? Der “Urlaub-Weg-Minister” natürlich, “der gegen sich aufgebracht hat”.
28. August 2006: “ diskutiert über die Renten” — immer noch.
29. September: “ diskutiert die Absetzung der Mozart-Oper ‘Idomeneo’ in Berlin.”
17. Oktober 2006: “ diskutiert über ein neues, brutales Wort: ‘UNTERSCHICHT!'”
21. Oktober 2006: “Bild” kündigt den Vorabdruck von Gerhard Schröders Memoiren an und schreibt: “Über dieses Buch wird diskutieren!”
24. Oktober 2006: Vollzug! Na, fast: “Es ist das politische Buch, über das spricht”.
30. Oktober 2006: Offenbar gibt’s für ganz Deutschland gerade nichts zu diskutieren. Aber “Bild” erinnert an Frank Ficker, denn “ lachte vor knapp einem Jahr über den Mann mit dem komischen Namen.”
31. Oktober 2006: Noch nicht genug gelacht? “Bild” hat noch einen: Überfällt ein Mann eine Videothek. Zieht der Angestellte eine Reizgaspistole und schießt. Und was macht der Mann? “Er rennt aus dem Laden, stolpert, fällt hin, rappelt sich hoch, Geldmünzen fallen aus seiner Jacke. Jetzt fahndet die Polizei nach ihm.” Klarer Fall: “Über diesen Räuber lacht !”
1. November 2006: Im Hirschgrund bei Oberlungwitz wird ein weißes Reh entdeckt, (“Bild” berichtete), und “ hat sich in Rehweißchen verliebt”.
1. Dezember 2006: “ diskutiert die Rente mit 67.”
8. Dezember 2006: “ diskutiert” über ein paar Fotos von Günter Verheugen, obwohl ganz Deutschland die Verheugen-Fotos gar nicht kennt.
Gestern: Für ganz Deutschland hat die Aufregung um “Sozial-Punk” Henrico Frank offenbar nicht gelangt. Aber immerhin war die “Bild”-Meinungsforschungsredaktion offenbar nicht untätig, denn:
“Millionen Deutsche fragen sich: Wieso kriegt so einer überhaupt noch Stütze vom Staat?”
Gratistitel bewegen die Medienlandschaft (Publicom AG, René Grossenbacher)
Der Vormarsch der Gratismedien ist nach Meinung der DELPHInarium-Experten unumkehrbar. Die Boulevardpresse und die regionalen Abonnementszeitungen sind vom Trend am stärksten betroffen. Leiden wird generell auch die journalistische Qualität. Die Lage ist aber nicht hoffnungslos: Für hochwertige Inhalte werden die Konsumenten auch in Zukunft Geld ausgeben.
Ein Versuch, Künstler vor Internetpiraten zu schützen (Tages-Anzeiger Online, Verena Vonarburg)
Gratis Musik aus dem Internet herunterzuladen, ist erlaubt – aber nur, wenn man das Stück im privaten Kreis hört. So will es der Ständerat.
Neue Chefredaktion in der Netzeitung (Netzeitung)
2007 beginnt für die Netzeitung mit einem Wechsel in der Chefredaktion. Michael Angele und Matthias Ehlert führen das Blatt künftig als Doppelspitze. Der bisherige Chefredakteur Maier kauft die «Readers Edition».
Max Schautzer gründet Senioren-Sender (Handelsblatt.com, Hans-Peter Siebenhaar)
Der ehemalige ARD-Entertainer Max Schautzer hat für sich seine Zielgruppe identifiziert. Der Moderator will im nächsten Jahr mit einem neuen Sender für Zuschauer ab 50 Jahren in Deutschland auf Sendung gehen, sagte der 66-Jährige dem Handelsblatt exklusiv. Mit dem digitalen Sender könnte Schautzer bei seinem Publikum jedoch technische Schwierigkeiten haben.
Happy Campers – US-Import “Barcamp” mausert sich zur Alternativkonferenz (Telepolis, Oliver Gassner) Man könnte sagen, ein Barcamp sei ein Mix aus einem nicht endenden Strom von Kaffee, funktionierendem WLAN, Schlafsäcken, dem Mangel an Powerpointpräsentationen und freiem Zutritt für alle, die mitarbeiten. Das wäre zwar nicht ganz die offizielle Definition, würde aber die Sache ganz gut treffen.
Martin Hitz gründet konverMedia GmbH (pho) Martin Hitz, u.a. Ex-Redaktionsleiter NZZ Online und Projektleiter beim Relaunch der Tagesschau und vielgelesener Schweizer Blogger mitmedienspiegel.ch, hat sich selbstständig gemacht. In seiner eigenen Medienmitteilung schreibt er: «Jeder Medienmanager möchte eine Website wie die BBC oder einen Internetauftritt wie der Londoner Guardian oder die New York Times.» Aber dann geben sie es an die IT oder an eine Agentur, die natürlich alle keine Ahnung haben. :-) Bliebe zu erwähnen, dass auch nicht alle das Budget der BBC oder der New York Times haben.
Viel Erfolg, Martin!
Wie oft trifft es dieses arme Boulevardblatt: Kaum ist ein Artikel erschienen, wird “Bild” vorgeworfen, er sei von vorne bis hinten falsch — oder von hinten bis vorne. Und wem glaubt man dann? “Bild” etwa? Eher nicht — und das mit gutem Grund. Das Problem dabei: Natürlich lassen sich auch berechtigte Vorurteile ausnutzen …
Aber beginnen wir einfach wie so oft:
Vergangenen Samstag berichtete “Bild” auf ihrer Seite 2 groß über eine Aktion vor dem Reichstag, bei der 4.500 Ärzte-Kittel an die “längste Garderobe der Welt” gehängt wurden:
“Bild” schrieb:
Unglaublich aber wahr: Der zentrale Ärzteverband [die Kassenärztlich Bundesvereinigung KBV] ließ vor dem Berliner Reichstag “Miet-Demonstranten” gegen die Gesundheitsreform protestieren.
Daraufhin sah sich die KBV noch am selben Tag genötigt, eine Pressemitteilung herauszugeben, in der es schon in der Überschrift über den “Bild”-Artikel heißt:
KBV-Vorstand Andreas Köhler in der Pressemitteilung:
“Die KBV hat nie zu einer Demonstration vor dem Reichstag aufgerufen bzw. nie davon gesprochen, eine solche gegen die Gesundheitsreform durchzuführen. (…) Rund 170 Personen haben die 400 Meter lange Garderobe aufgebaut und auf ihren Schultern getragen. Diese Mitarbeiter wurden von einem externen Dienstleister zum Aufbau der Garderobe engagiert. (…) Die KBV hat — dies betone ich nochmals — keine Demonstration durchgeführt, sondern den Abschluss einer PR-Kampagne. (…) Die Redaktion der BILD hätte sich nur die Mühe machen müssen, die Pressemitteilungen bzw. Internetinformationen zu lesen. Die KBV wird sich presserechtliche Schritte gegen die unwahre Berichterstattung der BILD vorbehalten.” (Hervorhebung von uns.)
Wir fassen zusammen:
“Bild” behauptet, die KBV habe eine Demonstration veranstaltet und dafür “Miet-Demonstranten” angeheuert. Und das wäre sicherlich nicht im Sinne der Versammlungsfreiheit. Schließlich soll sich auf Demonstrationen ja der Wille des demonstrierenden Teils der Bevölkerung artikulieren und nicht der Wille desjenigen, der die “Demonstranten” bezahlt.
Die KBV behauptet, sie habe gar keine Demonstration veranstaltet, sondern lediglich eine PR-Aktion. Dafür habe sie eben rund 170 Leute anheuern lassen und bezahlt. Für eine Werbeveranstaltung ein völlig normaler Vorgang.
Und wer hat Unrecht? Mal wieder die “Bild”-Zeitung?
Nein, diesmal nicht. Die KBV erweckt in ihrer Pressemitteilung einen falschen Eindruck. Denn die Aktion war bei der Versammlungsbehörde wie eine Demonstration angemeldet worden und nach den Regeln für “Versammlungen und Aufzüge” wie eine “politische Kundgebung” genehmigt, so ein Sprecher der Versammlungsbehörde zu uns.
Mag sein, dass sich die KBV nun im Nachhinein darauf herausreden will, dass die “Garderobe” bloß Teil einer PR-Kampagne gewesen und also solche angekündigt worden sei. Aber: Eine politische Kundgebung vor dem Reichstag wird leichter genehmigt als eine PR-Aktion (wofür übrigens die Versammlungsbehörde gar nicht zuständig wäre). Und eine PR-Aktion ist mit höheren Kosten (Straßensperrungen, sonstige Polizeieinsätze, Sondernutzungsgebühren) verbunden.
Und mal ehrlich: Was aussieht wie eine Demonstration und angemeldet ist wie eine Demonstration, darf auch beurteilt werden wie eine Demonstration — ob nun von “Bild” oder von sonst irgendeinem Medium.
Dass der aktuelle “Spiegel” am Montag ebenfalls und ähnlich kritisch wie “Bild” über die Kittel-Aktion berichtet hatte, ist der KBV jedoch keine Pressemitteilung oder Androhung rechtlicher Schritte wert. Ein Sprecher: “Das hielten wir nicht für sinnvoll.”
Immerhin: Die Versammlungsbehörde macht sich nun Gedanken darüber, ob die KBV-“Garderobe” als “kommerzielle Veranstaltung” zu werten ist und entstandene Kosten eventuell zu erstatten sind, wie uns ein Sprecher sagt.
Und so haben “Bild”-Bericht und KBV-Mitteilung dann doch ihr Gutes.
Mit Dank an Dennis B. für den letztlich sachdienlichen Hinweis.