2. “‘Trauer ist ja eigentlich still'” (sueddeutsche.de, Video, 4:15 Minuten)
Heribert Prantl stellt im Umgang mit dem Absturz von Germanwings-Flug 9525 vier Regeln auf: “1. Man darf Trauernde nicht bedrängen, 2. Man darf Nachahmungstäter nicht publizistisch provozieren, 3. Man muss den Ermittlungsbehörden Zeit lassen, 4. Man darf jetzt nicht so tun, als würden psychische Leiden zum Massenmord prädestinieren.”
3. “Meine Mail von Freitag an Kai Diekmann” (facebook.com, Andy Neumann)
Andy Neumann, der Vorsitzende des Bundes deutscher Kriminalbeamter im Bundeskriminalamt, schreibt an “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann.
4. “Ein verendeter Traum” (kiwein.wordpress.com)
Eine Ex-Journalistin blickt “mit Scham, Zorn und Ratlosigkeit auf das, was sich mal Journalismus nannte”, zurück: “Das ist nicht der Journalismus, den ich mir vorstellte. Der, den ich mir ausmalte, als ich mit 14 nichts anderes als Journalistin werden wollte, war respektvoll im Umgang mit Toten, hintergründig, informativ, höflich, aber bestimmt, klar, ehrlich und sich selbst treu. Davon ist nichts übriggeblieben. Selbst Medien, die ich als seriös bezeichnen würde, sind auf den Zug aufgesprungen. Ich stehe sprachlos daneben, schaue mir das alles an und weiß nur eins: Ich will nie mehr zurück.”
5. “Das Internet ist so gut wie erledigt” (tagesspiegel.de, Sebastian Leber)
Aussagen über die Zukunft des Internets: “Womöglich zeichnen sich echte Internetkenner am ehesten dadurch aus, dass sie wildes Prognostizieren einfach bleiben lassen und Vermutungen nicht als Gewissheiten verkaufen.”
Die „Spurensuche“ läuft auf Hochtouren: Dutzende, vielleicht Hunderte Journalisten durchforsten gerade das private Umfeld von Andreas L., dem Co-Piloten, der unter Verdacht steht, die Germanwings-Maschine 4U9525 absichtlich zum Absturz gebracht zu haben, und versuchen vor allem, mit Menschen zu sprechen, die (fast) mal was ihm zu tun hatten.
Als erfahrene Katastrophenjournalisten sind die Leute von „Bild“ im Auftreiben solcher Zitategeber natürlich besonders talentiert, darum konnte die „Bild“-Zeitung zum Beispiel schon diesen Mann hier präsentieren:
Und diesen:
Und sie veröffentlichte ein Interview mit Frank Woiton, einem weiteren Piloten, der in den sozialen Netzwerken von einigen als Held gefeiert wird, weil er, als er zwei Tage nach dem Unglück freiwillig als Pilot einsprang, alle Passagiere vor dem Flug persönlich begrüßte und in einer Ansage versprach, dass er alles dafür tun werde, sie sicher ans Ziel zu bringen, und dass auch er eine Familie habe, die er abends wieder in die Arme schließen wolle. Ein Fluggast hatte sich via Facebook bei dem Piloten bedankt, darum wurde er ein bisschen berühmt und von “Bild” interviewt. Das Interview trägt die Überschrift:
Hö?
Dachte sich vermutlich auch Frank Woiton, der noch in der Nacht bei Facebook schrieb:
Derweil versuchen viele Journalisten fiebrig, auch mit Verwandten, Freunden und Kollegen des Co-Piloten Andreas L. zu sprechen, aber weil zurzeit offenbar die meisten von denen mit so albernen Dingen wie Trauern beschäftigt sind, ziehen viele Reporter durch den Heimatort des Co-Piloten und befragen halt den Pizzabäcker um die Ecke.
Im Ernst:
Dass sich [Andreas L. und seine Freundin] getrennt haben könnten, schließt auch Pizzabäcker Habib Hassani (53) nicht aus. Zu ihm kamen die beiden immer ein- bis zweimal die Woche. “Sie waren immer freundlich und nett und bestellten meistens das gleiche: Pizza mit Schinken, Brokkoli und Zwiebeln.” Doch in den Wochen vor dem Absturz sei fast nur noch Andreas L. zu ihm gekommen – aber auch das nur noch sehr selten.
Erschienen ist dieser Absatz in der „Rheinischen Post“ und auf dem dazugehörigen Internetportal „RP Online“.
Die RP-Leute waren aber nicht die einzigen, die es für eine gute Idee hielten, den Pizzabäcker als Informanten heranzuziehen: Inzwischen ist er sogar eine der am häufigsten zitierten Quellen, wenn es um den Beziehungsstatus und den psychischen Zustand des Co-Piloten Andreas L. geht.
Er wurde bereits von „Bild“ zitiert …
Habibalah Hassani (53), der die Pizzeria in Düsseldorf betreibt, die ganz in der Nähe [von Andreas L.s] Zweitwohnung liegt, sagt, er habe ihn öfter mit einer Freundin gesehen.
… vom „Berliner Kurier“ …
Pizzabäcker Habib Hassani (53) erinnert sich an L. als einen gut gelaunten, freundlichen Kunden. „Ich habe ihn manchmal zweimal die Woche gesehen, er kaufte Pizza und Tiramisu.“
… vom „Stern“ …
Es ist eine ruhige Gegend mit Apotheke und Bäcker und der Pizzabude Da Paolo, 210 Meter entfernt von seiner Wohnung. Der Besitzer Habib Hassani hat [L.] oft bedient, machte ihm Pizza, immer mit Brokkoli, Schinken, Paprika, Zwiebeln, zum Mitnehmen. Zwei Stück. Eine für [L.] und eine für seine Freundin. Manchmal begleitete ihn die Freundin auch. Dunkelhaarig sei sie gewesen, kräftig und nett. Herr Hassani sagt: „Das war ein guter Junge. Manchmal hat er vom Fliegen erzählt. Hat gesagt: ‘Für mich scheint immer die Sonne – über den Wolken.’ Und dass er es liebt.“
… von der „Westdeutschen Zeitung“ …
Pizzabäcker Habib Hassani (53): “Ich habe ihn manchmal zweimal die Woche gesehen, er kaufte Pizza und Tiramisu. Er war immer freundlich, gut gelaunt.” Die letzten zwei Monate sei er aber nicht mehr gekommen.
… von der „Hamburger Morgenpost“ und dem „Express“ …
Pizzabäcker Habib Hassani (53) erinnert sich an [L.] als einen freundlichen Kunden, der einen älteren Fiat fuhr. “Ich habe ihn manchmal zwei Mal die Woche gesehen, er kaufte Pizza und Tiramisu.”
… von „Mail Online“ …
Habibalah Hassani, 53, who runs a pizza restaurant close to their flat said he had often seen them together.
‘They were a very nice, friendly young couple. She was a polite and attractive woman. They would come in once maybe twice a week. ‘He used to tip well, he was very generous. He had told me about his trip to San Francisco. I hadn’t seen them for a couple of months before this happened.’
… von der „Mail on Sunday“, die es sogar schafft, die Wahl des Pizzabelags als Symptom einer angeblichen Kontrollsucht zu deuten …
His obsessive need to be in charge extended even to fast food. Habib Hassani, who runs a pizza restaurant near [L.]’s Dusseldorf home, said: ‘He was extremely particular about pizza toppings. He wasn’t interested in what was on the menu. It was often paprika, ham, onion and broccoli. He had to have it his way. He was compulsive about it.’
… von Telegraph.co.uk …
Local pizza shop owner Habibalah Hassani who knew [L.] refused to accept that he could have had a serious psychological condition […].
… von der „Financial Times“ …
Habib Hassani, owner of a pizza parlour close to [L.]’s home, was baffled as to why his regular customer might have taken such a step. “He was completely normal, always laughing, always nice,” he said.
… sowie von amerikanischen, kenianischen, ecuadorianischen, malaysischen, spanischen, neuseeländischen, indonesischen, französischen, honduranischen, estnischen, vietnamesischen, polnischen und unzähligen weiteren Medien.
Der „Financial Times“ sagte er übrigens noch:
“It’s impossible to believe he did this. But you can never know what’s happening inside someone’s head.”
Tja. Noch nicht mal als Pizzabäcker.
PS: Ziemlich genau eine Stunde bevor bei „RP Online“ die Aussagen des Pizzamanns erschienen waren, hatte RP-Chefredakteur Michael Bröcker „In eigener Sache“ geschrieben:
Glaubwürdigkeit bleibt gerade im Dauerfeuer der elektronischen Eilmeldungen das höchste Gut des Journalismus. Deshalb diskutieren wir bei jedem Foto, bei jeder Nachricht, bei jeder noch so kleinen Information: Kann das stimmen? Können wir das schon veröffentlichen? Trägt das Bild zum Verständnis des Unfassbaren bei oder ist es bloß voyeuristisch? Wir wägen ab, wir ringen mit uns. Eine tägliche Herkulesaufgabe. Sie gelingt sicher nicht immer.
5. “Terrorgefahr! Überwachung total?” (arte.tv, Video, 89 Minuten)
Eine arte-Doku über Überwachung: “Der Dokumentarfilm, für den zwei Jahre lang in den USA und in Europa recherchiert wurde, spannt einen Bogen von den Anschlägen des 11. Septembers 2001 über die Enthüllungen von Edward Snowden bis zu den aktuellen Entwicklungen und Diskussionen.”
5. “Meine Behinderung, der Arschlochfilter” (fraugehlhaar.wordpress.com)
Laura Gehlhaar: “Ich weiß, wie ich gut funktioniere, urteile streng und manchmal zu hart. Mein Humor ist schwarz, geht gerne unter die Gürtellinie und abends heul ich manchmal, weil ich mich besinne und erkenne, dass ich ganz schön viel Glück im Leben gehabt habe. Und schließlich braucht mein Mann all diese Eigenschaften auch, um mit den gesellschaftlichen Vorurteilen, die meine Behinderung nunmal in der heutigen Zeit immer noch mitbringen, umzugehen.”
1. “Monica Lewinsky: The price of shame” (ted.com, Video, 22:26 Minuten, englisch)
Monica Lewinsky spricht über die mediale Bewirtschaftung von Demütigungen (Transkript): “A marketplace has emerged where public humiliation is a commodity and shame is an industry. How is the money made? Clicks. The more shame, the more clicks. The more clicks, the more advertising dollars. We’re in a dangerous cycle. The more we click on this kind of gossip, the more numb we get to the human lives behind it, and the more numb we get, the more we click. All the while, someone is making money off of the back of someone else’s suffering.”
2. “Russ-Mohl: ‘Wahrheit in Meer von Desinformation'” (derstandard.at, Harald Fidler)
Ein Interview mit Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl: “Es scheint mir schon ein besonders krasser Fall, dass in Österreich offenbar jene Medien mit vom Steuerzahler finanzierter Werbung besonders gehätschelt werden, welche ihrerseits führende Politiker mit netten Homestories bedienen, statt sie kritisch zu begleiten. Das halte ich für korrupt.”
3. “Voglio una donna!” (medienspiegel.ch, Daniel Weber)
Daniel Weber schreibt zum “Brechreiz-Thema” Frauenquote: “Für unser ‘Folio’ zum Verhältnis Schweiz-Europa gingen wir eine Reihe von Führungspersönlichkeiten an; wir baten ebenso viele Frauen wie Männer um ein Gespräch. Bis auf eine sagten alle ab: Man wolle sich nicht exponieren, man verzichte lieber auf politische Stellungnahmen, aus Compliance-Gründen müsse man leider, es sei zurzeit nicht opportun … Von den Männern waren keine solchen Skrupel zu hören. Und was hauten uns empörte Leserbriefschreiberinnen um die Ohren? – Ja, genau. Auf bedingte Reflexe ist unbedingt Verlass.”
4. “Wieso wir agil werden müssen” (ploechinger.tumblr.com)
Wie sich in Deutschland Abo-Modelle für Zeitungen durchsetzen werden? Stefan Plöchinger: “Niemand kann diese Frage beantworten, bevor man sich an Abo-Modellen versucht hat. Deshalb schrecken so viele davor zurück. Trial and error ist noch unbeliebt. Dabei ist es hier wohl der beste Lösungsansatz.” Siehe dazu auch “Willkommen bei der neuen SZ im Netz” (sueddeutsche.de).
5. “‘Wieso das Handelsblatt dicke Rechnungen an Startups schreibt'” (facebook.com/janbechler)
Jan Bechler erhält und bezahlt eine von der FAZ im Auftrag des “Handelsblatts” ausgestellte Rechnung: “Eurem Vertriebsmitarbeiter, der lustigerweise 2 Tage nach Rechnungseingang anrief, um uns Print-Anzeigen in Eurem ‘Wein&Genuss’-Special zu verkaufen, mussten wir aber leider absagen. Ich hoffe, Ihr könnt das nachvollziehen.”
1. “Neue Öffentlichkeit: Der ZDF-Fernsehrat tagt” (ndr.de, Video, 5 Minuten)
Der ZDF-Fernsehrat tagt erstmals “öffentlich”: “Bei der ersten öffentlichen Sitzung war Publikum zugelassen, Kameras und Fotoapparate allerdings nicht. Die Sitzung sei erst mal ‘gerichtsöffentlich’, hieß es.”
2. “Mexikos kritische Stimmen unter Druck” (nzz.ch, Nicole Anliker)
In Mexiko werden “die wohl bekannteste Radioreporterin” sowie zwei ihrer Mitarbeiter entlassen. “Beweise, dass die Entlassungen politisch motiviert waren, gibt es freilich keine. Doch Kommentatoren leitender Medien machen kein Hehl daraus, dass es ihnen offensichtlich schwerfällt, das zu glauben.”
4. “Niedergang von ‘TV total’: Schlag den Raab” (spiegel.de, Jonas Leppin)
Stefan Raab wirkt auf Jonas Leppin “wie ein müder Lehrer, der sich nach vielen Jahren nicht mehr auf den Unterricht vorbereitet”.
5. “Die Katholische Kirche war schon immer Boulevard” (welt.de, Lucas Wiegelmann)
Lucas Wiegelmann liest die neue, monatlich erscheinende Zeitschrift “Mein Papst”: “Andere Konfessionen malten später ihre Kirchenwände weiß an und suchten ihr Heil im Buchstaben. Der Katholizismus entwickelte sich dagegen zu einer Art Boulevardmedium des Christentums: emotional, antielitär – und mit der größten Auflage aller Konfessionen weltweit.”
6. “In eigener Sache: Korrekturen” (heute.de)
Heute.de richtet nach dem Vorbild der “New York Times” die Rubrik “Korrekturen” ein: “Auf dieser Seite weisen wir auf Fehler, die wir in der Berichterstattung gemacht haben, hin und korrigieren sie. Das können Fehler oder Unkorrektheiten sein, die wir in selbstkritischer Betrachtung unserer Arbeit selbst erkennen, aber auch solche, auf die uns Betroffene, Experten oder unser Publikum aufmerksam machen. Wir glauben, dass Transparenz das beste Gegenmittel gegen Verschwörungstheorien und Manipulationsvorwürfe ist.”
Endlich hat die „Bild“-Zeitung ein neues und von nun an bis in alle Ewigkeit gültiges Label für Yanis Varoufakis gefunden.
Bislang war sich das Blatt selbst nicht ganz einig, ob es den griechischen Finanzminister nun als „Griechen-Raffke“ bezeichnen soll oder doch lieber als „Radikalo-Griechen“ oder als „lederbejackten Rüpel-Rocker“ oder als „Posterboy-Finanzminister“ oder als „Griechenlands Radikalo-Naked-Bike-Rider“. Aber jetzt!
Jetzt ist er der Lügen-Grieche. Jeder kann ihn jederzeit darauf reduzieren: „Mister Stinkefinger“.
Ja, das steht da wirklich, und wir können nur erahnen, wie schwer es „Bild“-Reporter Peter Tiede gefallen sein muss, den Artikel nicht noch mit einem „HURRA!“ zu beginnen. Für ihn und „Bild“ steht fest: Varoufakis hat sich mit der Finger-Nummer endlich und endgültig selbst „zur Strecke gebracht“. Darum ist der heutige Artikel auch ein „BILD-Nachruf [!] auf Athens bekanntesten Selbstzerstörer“.
So schnell kann es gehen. Raketen-Aufstieg. Turbo-Abstieg.
Peinliche Nummer statt cooler Typ. (…)
Denn wer Yanis Varoufakis (53) sieht, sieht nun immer auch den Stinkefinger. Wer ihm zuhört, der hört nun auch immer „Stick the Finger to Germany!“ – egal, was er sagt. Er könnte auf ewig schweigen, sich die linke Hand abhacken – der Mittelfinger, den er 2013 auf einer Konferenz in Zagreb gen Deutschland reckte, wäre noch da.
Schließlich hat die „Bild“-Zeitung auch hart daran gearbeitet:
Auch andere Medien und Plattformen – vor allem Günther Jauchs Talkshow im Ersten – haben eifrig dazu beigetragen, den Finger in die Köpfe der Leser und Zuschauer zu prügeln. Seit Tagen wird er nicht wie das behandelt, was er ist — eine banale Randnotiz –, sondern zum wilden „Politikum“ hochgejazzt.
Um es nochmal zusammenzufassen: Vor zwei Jahren, als Varoufakis noch kein Minister, aber scharfer Kritiker der griechischen Regierung war, sprach er bei einer Veranstaltung darüber, dass er drei Jahre zuvor, also 2010, die damaligen Bedingungen, die von Deutschland und Europa für die Griechenland-Hilfe gestellt wurden, abgelehnt hätte. Stattdessen hätte er, so wie Argentinien, den Weg in den Staatsbankrott gewählt und Anfang 2010 erklärt, dass Griechenland pleite ist — und Deutschland damit „den Finger gezeigt“ und gesagt: „Jetzt könnt Ihr das Problem alleine lösen“.
Oder wörtlich:
My proposal was that Greece should simply announce that it is defaulting — just like Argentina did — , within the Euro, in January 2010, and stick the finger to Germany and say: „Well, you can now solve this problem by yourself.“
(Ein längeres Transkript der Rede samt Anmerkungen hat „Spiegel Online“ hier veröffentlicht.)
Anders gesagt: Varoufakis hat „uns“ den Finger gar nicht gezeigt. Also faktisch schon, aber gemeint war er bloß hypothetisch („hätte ihn zeigen sollen“), und zwar nicht in Richtung der deutschen Steuerzahler, sondern der deutschen Banken. Und er bezog sich nicht auf die Gegenwart, sondern auf 2010, als Varoufakis noch gar nicht Minister war und Griechenland noch keine Kredite bekommen hatte. Letzteres ist insofern wichtig, als “Bild” und andere Medien gerne suggerieren, der Finger sei eine Reaktion auf die Hilfspakete gewesen, nach dem Motto: Wir geben denen Milliarden — und kriegen dafür den Stinkefinger! Was Varoufakis aber (vereinfacht gesagt) eigentlich meinte, ist: Wenn man Euch den Finger damals gezeigt hätte, hättet Ihr womöglich gar nicht erst so viele Milliarden ausgeben müssen.
Das alles fanden die Redaktion von „Günther Jauch“ und die „Bild“-Zeitung aber entweder zu kompliziert oder zu unknallig für ihre Zuschauer und Leser, darum erwecktensieden Eindruck, die „drastische Geste“ („Bild“) beziehe sich auf die Gegenwart oder solle Deutschland beleidigen. Womöglich haben sie die Sache auch ganz bewusst verzerrt dargestellt, um Varoufakis schlecht dastehen zu lassen, was zumindest für “Bild” bei Weitem nicht das erste Mal wäre.
Allerdings trägt Varoufakis auch eine Mitschuld daran, dass die Sache heute immer noch ein Thema ist. Bei Günther Jauch behauptete er sofort, das Video sei gefälscht oder manipuliert („doctored“) worden und sagte: „I’ve never given the finger ever.“
Die Redaktionen von „Jauch“ und „Bild“ ließen das Video daraufhin von sogenannten Experten auf seine Echtheit prüfen. Ergebnis: Kein Hinweis auf eine Fälschung erkennbar. Auch Zeugen wurden aufgetrieben, die bei der Veranstaltung damals dabei waren und bestätigen konnten, dass der Finger zu sehen gewesen sei.
Denkbar ist nun aber auch, dass Varoufakis mit „manipuliert“ nicht das Video an sich meinte, sondern den irreführenden Einspieler bei Günther Jauch. So würde dann auch dieser Tweet Sinn ergeben, in dem Varoufakis einen Tag nach der Sendung das vollständige (und damit “unverfälschte”) Video der Rede selbst veröffentlichte:
Aber eine solche Interpretation kommt für die “Bild”-Zeitung natürlich nicht infrage. Für sie ist Varoufakis’ Reaktion nur eins: der Beweis dafür, dass er ein rotzfrecher Lügner ist.
In diesem Artikel (heute erschienen) gibt sich Peter Tiede dann auch keinerlei Mühe, den Kontext des Stinkefingers auch nur annähernd zu erklären. Der Leser erfährt bloß, dass Varoufakis den Mittelfinger 2013 “gen Deutschland reckte” und hinterher behauptete, das Video sei manipuliert worden. Ach, und natürlich, dass Varoufakis, der “Problem-Minister” und “Lügen-Grieche”, “nicht der sein will, der er ist”, und dass dieser “coole Typ ohne Schlips und mit Hemd über der Hose”, der “statt Dienstwagen 1300er Yamaha fuhr” und sich von “Yannis” in “Yanis” umbenannte (“Weil fast jeder zweite Mann in Griechenland ‘Yannis’ heißt, und Yanis mit einem ‘n’ da schon etwas Besonderes ist”), sich “selbst zu Kopf gestiegen ist”. Umso beruhigender, dass wenigstens die deutschen Journalisten auf dem Teppich bleiben.
Nachtrag, 20. März: Der Stinkefinger ist übrigens nicht von Jan Böhmermann & Crew in das Video hineinmontiert worden, wie sie seit Mittwochabend behaupten. Tatsächlich war #varoufake — zumindest spricht inzwischen alles dafür — ein geschickter Fake-Fake. Und falls Sie sich jetzt nur fragend am Kopf kratzen: Bitte einmal hier oder hier oder hier entlang.
1. “Wie breit ist der Boulevard?” (ndr.de, Video, 11:01 Minuten)
Die Klasse 52A der Deutschen Journalistenschule fragt 18 Redaktionen an, um etwas über die Regenbogenpresse zu erfahren. Erfolglos, denn Auskunft geben will ihnen niemand.
2. “Schweizer Mauer” (faz.net, Jürg Altwegg)
Jürg Altwegg schreibt zum Verkaufsstopp einiger Zeitschriften aufgrund von nicht an die Kunden weitergegebenen Wechselkursvorteilen: “Dass die ausländischen Verlage es mit einer Preisreduktion nicht besonders eilig haben, hat indes kaum mit höheren Erlösen zu tun. Für sie ist die Schweiz als Markt nicht besonders wichtig und der Auslandsvertrieb ein Defizitgeschäft. Die Verleger mögen darauf spekulieren, dass die Schweizer angesichts der abschreckenden Preise merken, dass sie die Zeitungen einzeln und im Abonnement online zu Euro-Preisen beziehen können.”
3. “BILD feuert neue Breitseite gegen die Energiewende” (sfv.de, Rüdiger Haude)
Eine Kritik des Artikels “Kassiert die Solar-Lobby die Kindergelderhöhung?” (bild.de, Roland Tichy): “Bei dem Ausmaß an Gepolter, das Tichy entfaltet, und bei der Absurdität der demagogischen Komposition fragt man sich, ob hier eine in die Ecke gedrängte, waidwunde Raubkatze in letzter Verzweiflung um sich beißt (die Arroganz der Macht, wie in früheren Zeiten, ist das jedenfalls nicht mehr). Hoffen wir, dass es so ist. Lassen wir Tichy und BILD schäumen – es gilt den Klimawandel zu begrenzen!”
4. “Von Charlie Hebdo bis Giovanni di Lorenzo: Vom Aufstieg der Selbstmit-Leid-Medien” (zeitgeisterjagd.de, Matthias Heitmann)
Matthias Heitmann sieht eine “vollständige Auflösung des einstigen Selbstverständnisses von Medien und dem daraus abgeleiteten Recht auf Meinungsfreiheit. Ursprünglich ging es bei dessen Verteidigung darum, sich selbst – und damit auch den Bürgern – die eigene Meinung durch herrschende Kräfte, also durch die weltliche oder religiöse Macht im Staat, nicht verbieten zu lassen. Heute hingegen verstehen sich Medien als Bestandteil des Herrschaftsapparates und meinen nun, sich gegen den etwaigen Leserzorn abschotten zu müssen. Die größte Gefahr für die Debattenkultur im Lande geht dieser Sichtweise folgend nicht mehr von ‘den Mächtigen’ aus, sondern von sogenannten ‘Trollen’.”
5. “Kontext is Queen” (socialmediawatchblog.org, Christian Simon, teilweise englisch)
Christian Simon befragt Jane Reynolds, die auf einem Instagram-Foto zu sehen ist, dessen Veröffentlichung durch Tilo Jung dazu geführt hat, dass dieser “vorübergehend keine neuen Beiträge” auf Krautreporter.de veröffentlichen darf. Reynolds: “If that picture was used to promote violence against women, or any violence for that matter, I would hate it. I don’t think it ever will, because it’s just a joke, but there’s definitely people who could use it in that context.”
Vor gut sechs Monaten berichtete „Bild“ über einen Mann, der zwei Frauen vergewaltigt und sich währenddessen mit den Opfern fotografiert hatte. „Selfie-Vergewaltiger“ nannte „Bild“ den Mann — und druckte eines der bei den Taten entstandenen Fotos unfassbarerweise auf der Titelseite ab:
(Verpixelung von uns.)
Für die Veröffentlichung sind „Bild“ und Bild.de am Freitag vom Presserat öffentlich gerügt worden. Obwohl das Gesicht des Opfers unkenntlich gemacht worden war (online soll es, wie uns eine Leserin schrieb, kurzzeitig sogar ohne jede Unkenntlichmachung zu sehen gewesen sein), erkannte der Beschwerdeausschuss einen Verstoß gegen die Ziffern 1 (Achtung der Menschenwürde), 8 (Schutz der Persönlichkeit) und 11 (Sensationsberichterstattung) des Pressekodex.
Die “Maßnahmen” des Presserates:
Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:
einen Hinweis
eine Missbilligung
eine Rüge.
Eine “Missbilligung” ist schlimmer als ein “Hinweis”, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die “Rüge”. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.
Als besonders gravierende Verletzung der Würde des Opfers bewertete er den Umstand, dass BILD und BILD Online ein Foto veröffentlichten, welches der Täter während der Tat als „Trophäe“ angefertigt hatte.
Es war bei Weitem nicht die einzige „Sanktion“, die der Beschwerdeausschuss gegen die „Bild“-Medien ausgesprochen hat: Insgesamt erhielten sie drei öffentliche Rügen, sechs Missbilligungen und vier Hinweise, also mal wieder mehr als jedes andere Medium.
Die zweite Rüge erhielt Bild.de für die identifizierende Berichterstattung über ein Mordopfer. Das Portal hatte ein unverpixeltes Foto der Frau bei der Arbeit gezeigt und verstieß damit gegen Richtline 8.2 des Pressekodex, nach der die Identität von Opfern besonders zu schützen ist.
Die dritte Rüge ging an die Hamburger “Bild”-Ausgabe, die den Vornamen, den abgekürzten Nachnamen, den Wohnort sowie ein Porträtfoto eines 16-Jährigen veröffentlicht hatte, der wegen Mordverdachts vor Gericht saß.
Über einen jugendlichen Straftäter derart identifizierend zu berichten, wertete der Ausschuss als einen schweren Verstoß gegen den Pressekodex (Ziffer 8, Schutz der Persönlichkeit, Richtlinien 8.1 und 8.3). Die Identität von Kindern und Jugendlichen genießt besonderen Schutz, auch bei schweren Straftaten.
Kritisiert wurde auch dieser Artikel der Dresdner “Bild”-Ausgabe:
(Unkenntlichmachung von uns.)
Im Text behauptete der “Bild”-Reporter:
Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in Bautzen kaufte dem Rettungsdienst stich- und schusssichere Westen. (…) Offenbar geht es vor allem um Einsätze im Spreehotel – der Vier-Sterne-Herberge, wo neuerdings Asylbewerber untergebracht sind.
Allerdings haben die Polizei, das DRK und der Betreiber des Heims schon mehrfach klargestellt, dass diese Darstellung falsch ist. Denn erstens ist das Hotel keine “Vier-Sterne-Herberge” mehr (der Hotelbetrieb wurde vor geraumer Zeit eingestellt), zweitens sind es höchstens stich- und keine schusssicheren Westen, und drittens wurden sie nicht „aus Angst vor Attacken aus dem Asyl-Hotel“ besorgt, wie „Bild“ behauptet, sondern um die Rettungskräfte ganz allgemein und bei allen Einsätzen zu schützen (BILDblog berichtete hier und hier.) Auch der Presserat erkannte in dem Artikel einen Verstoß gegen Ziffer 2 (Sorgfalt) und sprach eine Missbilligung aus.
Ebenfalls beanstandet wurde die Veröffentlichung eines Fotos bei Bild.de, auf dem ein Baby zu sehen ist, das von seinem Vater schwer verletzt worden sein soll. Da das Foto im Krankenhaus entstanden ist, einem laut Pressekodex besonders geschützten Raum, erhielt Bild.de eine Missbilligung.
Missbilligt wurde auch dieser “Bild”-Artikel:
(Alle Unkenntlichmachungen von uns.)
“Bild” hatte die Bilder der Überwachungskamera (auch auf der Titelseite) veröffentlicht, ohne die Staatsanwaltschaft oder die Angehörigen des Opfers um Erlaubnis zu bitten (BILDblog berichtete). Der Presserat wertete die Veröffentlichung als unangemessen sensationelle Darstellung (Verstoß gegen Ziffer 11) und sprach eine Missbilligung aus.
Und dann war da ja noch dieser Artikel:
“Bild” hatte kurz vor Weihnachten suggeriert, dieser Vorschlag sei vom Grünen-Politiker Omid Nouripour eingebracht worden (in der Print-Ausgabe hieß es gar: “Politiker fordern”). Doch tatsächlich stammte er von der Zeitung selbst (BILDblog berichtete): Nouripour erklärte uns, dass ihn eine “Bild”-Reporterin angerufen und gesagt habe:
Wir bringen zu Weihnachten ja immer gute Nachrichten. Und da haben wir uns gefragt, ob es nicht eine schöne Idee wäre, wenn in christlichen Weihnachtsgottesdiensten muslimische Lieder gesungen würden.
Daraufhin habe er geantwortet: Nein, das sei keine gute Idee. Wenn, dann sollte es eine Art Tausch geben: Muslimische Lieder in der Kirche, christliche Lieder in der Moschee.
In einer Pressemitteilung erklärte die “Bild”-Zeitung später, sie habe die Zitate im Artikel korrekt wiedergegeben, was ja auch stimmen mag. Dass die Schlagzeile den Sachverhalt trotzdem falsch zusammenfasst, befand aber auch der Beschwerdeausschuss des Presserats, der deshalb eine weitere Missbilligung gegen “Bild” aussprach.
Einen sogenannten Hinweis bekam Bild.de außerdem wegen der Verwendung der Lach-Wein-Wut-Wow-Staun-Leiste unter einem Artikel über ein Attentat mit mehreren Toten.
Die Möglichkeit, diese Nachricht auf Basis von positiven Emotionen zu bewerten, verstößt aus Sicht des Beschwerdeausschusses gegen das Ansehen der Presse gemäß Ziffer 1 des Pressekodex. Die Redaktion hätte diese Bewertungsmöglichkeit für den Artikel vorab deaktivieren müssen.
Auch unter anderen Artikeln können die Leser bei Bild.de über Tote und Verletzte lachen, was sie auch tun (BILDblog berichtete, andere auch). Dass der Presserat nur diesen einen Fall kritisiert hat, liegt daran, dass nur dazu Beschwerden eingegangen sind. Deaktiviert wird die Leiste im Übrigen nur selten — bei Kommentaren von “Bild”-Chef Kai Diekmann zum Beispiel.
Die “Goslarsche Zeitung”, die Zeitschrift “Welt der Wunder” und die “TV Hören und Sehen” fingen sich jeweils eine Rüge ein, in allen drei Fällen wegen Verstößen gegen Ziffer 7 (Trennung von Werbung und Redaktion).
Eine weitere Rüge ging schließlich an shz.de, das Nachrichtenportal des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags, das im Jahr 2009 in der Berichterstattung über einen laufenden Mordprozess identifizierend über einen Angeklagten und dessen Vater berichtet hatte. Der Ausschuss stellte einen Verstoß gegen Ziffer 8 fest: Die identifizierende Berichterstattung vor Abschluss des Strafverfahrens sei unzulässig.
Die “Welt am Sonntag” nennt Yanis Varoufakis, den griechischen Finanzminister, einen “Laien-Darsteller”. Weil er griechische Vermögen, die auf Schweizer Konten liegen und womöglich nicht versteuert wurden, unbehelligt lasse. Es handele sich um 800 Milliarden Schweizer Franken, weiß das Blatt. 800 Milliarden!
800 Milliarden Schweizer Franken (was sehr grob auch 800 Milliarden Euro entspricht), das wären mehr als dreimal so viel, wie in Griechenland insgesamt im Laufe eines Jahres erwirtschaftet wird. Das komplette Bruttoinlandsprodukt Griechenlands von drei Jahren soll auf Schweizer Konten liegen?
Die Zahl ist natürlich falsch. Sie ist sogar um den Faktor 1000 falsch. Gemeint haben die Profi-Journalisten von der “Welt am Sonntag” 800 Millionen Schweizer Franken.
Es handelt sich nicht um einen einmaligen Tippfehler. Die falsche Angabe zieht sich durch den Artikel, über dem nicht weniger als drei Autorennamen stehen: Jan Dams, Martin Greive und Sebastian Jost. Sie findet sich auch in einem Kasten und einer Infografik, unter der verlockenden Überschrift “Ein Schatz, der nur gehoben werden muss”:
Die groteske Zahl hat es in besonders gehässiger Form auch auf die Titelseite der “Welt am Sonntag” geschafft:
Und ins Editorial des stellvertretenden Chefredakteurs Beat Balzli, der hämisch schreibt:
Das Netz spottet über einen Mann, der eigentlich Athens Finanzen in Ordnung bringen soll und stattdessen wie ein Popsternchen auf jede Bühne springt. So warten etwa die Schweizer bislang vergeblich auf seinen Besuch. Im Alpenland liegen griechische Vermögen im Umfang von mindestens 800 Milliarden Franken. Die Regierung in Bern ist längst bereit für ein Steuerabkommen. Varoufakis offenbar nicht.
Die Zahl ist so unglaublich, dass die Nachrichtenagentur dpa beschloss, sie ungeprüft weiter zu verbreiten. Am Sonntagmittag meldete sie unter Berufung auf die “Welt am Sonntag”:
Nach Statistiken der Schweizer Notenbank sind rund 800 Milliarden Euro griechisches Vermögen in der Schweiz. Diese Zahl wurde Ende 2013 ermittelt. Ein großer Teil der Zinseinnahmen auf dieses Geld dürfte unversteuert geblieben sein. Mittlerweile könnte es um noch mehr Geld gehen, weil viele Griechen in der aktuellen Krise ihre Bankkonten leergeräumt haben.
Es dauerte bis 20:38, bis dpa sich – wiederum unter Berufung auf die “Welt” – korrigierte. In einer neuen Version der Meldung “(Berichtigung: Vermögenssumme im 3. Absatz korrigiert)” standen nun Millionen statt Milliarden. “Welt Online” ergänzte seinen korrigierten Artikel um den Absatz:
In einer früheren Version des Textes hieß es, nach Statistiken der Schweizer Notenbank lagerten rund 800 Milliarden Franken griechisches Vermögen in der Schweiz. Richtig ist: Es lagerten 800 Millionen Franken griechisches Vermögen in der Schweiz. Wir bitten, dieses Versehen zu entschuldigen.
Trotzdem steht die falsche Zahl heute in vielen Tageszeitungen, im “Tagesspiegel”, in der “Berliner Zeitung”, im “Hamburger Abendblatt”, in der “Rheinischen Post”, in der “Nürnberger Zeitung”, in der “Neuen Osnabrücker Zeitung”, in den “Salzburger Nachrichten” …
In all diesen Redaktionen war keinem der Journalisten, deren Beruf es ist, Artikel über Griechenland zu verfassen oder redigieren, aufgefallen, dass die Zahl von 800 Milliarden Schweizer Franken so grotesk hoch ist, dass sie gar nicht stimmen kann. Sie alle haben eine um den Faktor tausend (oder in absoluten Zahlen: um 799,2 Milliarden Schweizer Franken) zu hohe Zahl für realistisch gehalten. Oder sich nicht damit aufgehalten, das, was sie in ihre Zeitung drucken, einem Realitätscheck zu unterziehen.
Sie alle haben die irrwitzige Zahl übernommen, die aus einem Artikel der “Welt am Sonntag” stammt, der dem griechischen Finanzminister vorwarf, laienhaft zu agieren.
1. “Journalismus aus dritter Hand? Die SZ und ihre Leaks” (wolfgangmichal.de)
Wolfgang Michal schreibt zu den Swissleaks: “Die Süddeutsche Zeitung präsentierte ihre neueste Datenleck-Story offenbar unter dem Motto: Wir wissen eine ganze Menge, aber wir sagen nix. (…) Im fünften Absatz folgt dann die herbe Enttäuschung, das journalistische April, April: ‘Die Süddeutsche Zeitung wird deren Namen nicht nennen.’ Weil es Ärger mit den Anwälten geben könnte. Weil nicht so recht klar ist, ob das Ganze nicht völlig legal ist. (…) Ja, ne, is klar. Erst zwei volle Breitseiten ‘Enthüllung’ abschießen, um anschließend bei Formulierungen zu landen wie ‘zwar Verdachtsmomente’, ‘könnte sein’, ‘deutet darauf hin’, ‘wird noch geprüft’, ‘ist nicht bekannt’. Und das wird dann an die große Glocke gehängt?”
4. “Propaganda, Wahrheit und der Westen: Was tun?” (medienwoche.ch, Fabian Baumann)
Fabian Baumann gibt Tipps zum “Umgang mit der russischen Propaganda”: “Wollen die westlichen Medien dem eigenen Anspruch auf Ausgewogenheit nachkommen, ist es zentral, die Einseitigkeit der Putin-Medien zu vermeiden und auch deren Argumente zu Wort kommen zu lassen, zum Beispiel in Interviews mit russischen Politikern und Journalisten. Wenn man auch mit dem allgemeinen Standpunkt der russischen Regierung nicht einverstanden ist, so können einzelne Aspekte davon doch bedenkenswert sein.” Siehe dazu auch “Die Wahrheit liegt eben nicht in der Mitte” (zeit.de, Alice Bota).
5. “Presserat: ‘Krone’ vor ‘Österreich’ mit den meisten Verstößen” (derstandard.at, Oliver Mark)
35 Verstöße gegen den Pressekodex in Österreich 2014: “Der überwiegende Teil, nämlich 32, ging auf das Konto von ‘Kronen Zeitung’ (16), ‘Österreich’ (11) und ‘Heute’ (5) – jenen drei Boulevardmedien, die sich nicht der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats unterworfen haben.”
6. “Milde Vernunft” (freitag.de, Romy Straßenburg)
Ein Interview mit Journalist Nicolas Hénin, der von der Terrororganisation Islamischer Staat entführt und während zehn Monaten gefangen gehalten wurde: “Man kann den IS in vielen Punkten mit einer Sekte vergleichen. Es herrschen die gleiche totalitäre Organisation und Konditionierung. Menschen, die einer Sekte entkommen wollen, wird in unserer Gesellschaft Hilfe angeboten. Doch als Dschihadist kannst du nicht einfach aussteigen.”