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“Meinungspolizei” Facebook, Quotensterben, Modus Poschardt

1. NetzDG: Facebook will keine Meinungspolizei sein
(heise.de, Monika Ermert)
In München findet seit Samstag die von „Burda“ veranstaltete DLD-Konferenz statt („Europe’s hottest digital innovation conference“). Einer der bisherigen Sprecher ist Facebooks Vizechef Elliot Schrage, der gegen das Netzwerkdurchsetzungsgesetz wetterte. Es ging aber auch um die von Unternehmensschef Zuckerberg angekündigten neuen Maßnahmen zur Identifizierung von Fake News durch Auswertung von Nutzerreaktionen. Dazu auch: Nutzer sollen bewerten, welchen Medien sie vertrauen (“Zeit Online”)
Weiterer Lesetipp: NetzDG: Facebook sperrt Karikaturisten Schwarwel (Hartmut Gieselmann auf heise.de)

2. Gerhard Schröders Liebesfotos aus Seoul
(tagesspiegel.de, Ariane Bemmer)
Altkanzler Gerhard Schröder hat sich mit seiner koreanischen Freundin in der „Bunten“ großformatig und photoshopgeschönt ablichten lassen. Bei derartigen Inszenierungen sei die Grenze zwischen Offenheit und Exhibitionismus dünn und das Absturzrisiko hoch, wie Ariane Bemmer im „Tagesspiegel“ ausführt.

3. Der Tag, an dem die Quote starb
(sueddeutsche.de, Friedemann Fromm)
Der Regisseur und Drehbuchautor Friedemann Fromm kritisiert in einem Gastbeitrag in der „SZ“ das Quotendenken der Sender. Ein Verschwinden der Quote „würde dazu führen, dass man sich in den Produktionen und Redaktionen wieder ausschließlich mit dem Inhalt und seiner Umsetzung auseinandersetzen muss, ohne ihn im Vorfeld durch das Schlüsselloch der Quote zu schlagen. Dass man Gedankenleere nicht mehr mit “Aber es bringt Quote” tarnen kann. Dass Stoffe nicht schon im Vorfeld mit dem Spaten der Quote beerdigt werden. Wir müssten inhaltlich miteinander um den bestmöglichen Film ringen anstatt kommerziell um die beste Quote. Gute Quoten führen schnell zu einem bequemen “Weiter so”, schlechte Quoten zu einem fatalistischen “Das will das Publikum halt nicht sehen”.

4. Ulf Poschardt, der Dompteur
(taz.de, Uli Hannemann)
Dem “Welt”-Chefredakteur Ulf Poschardt geht es bei seinen umstrittenen Äußerungen über Weihnachtspredigten und Tempolimits nicht um die Sache, findet Uli Hannemann in der „taz“. Es sei vielmehr ein Feldversuch, das Zielpublikum zu triggern: „Ärgern sollen sie sich, Aufmerksamkeit sollen sie ihm schenken, zitieren sollen sie ihn, die Arschlöcher. Und all das wegen einem durchschaubaren und lächerlichen Nichts. Besonders die kleinen Kläffer von der taz dürften vorhersehbar ausrasten. Spinner, Radfahrer, Eisenbahnfreaks. Der kluge, schöne und schnelle Poschardt lacht verschmitzt. Er ist einfach der Größte.“

5. Audible: Hörbücher mit Journalismus?
(wdr.de, Daniel Bouhs, Audio, 4:23 Minuten)
Amazon-Tochter „Audible“ drängt mit Macht ins Podcast-Geschäft. Mit 22 Podcasts ist man unlängst gestartet. Jeden Monat sollen zwei neue dazu kommen, die dann jeweils wöchentlich erscheinen. Daniel Bouhs hat mit Paul Huizing gesprochen, der das Podcast-Geschäft von Audible Deutschland leitet. Zu Wort kommt außerdem „Radioeins“-Programmchef Robert Skuppin, dem mit Olli Schulz und Jan Böhmermann schon mal zwei prominente Podcaster von einem Streamingdienst abgeworben wurden.

6. Stillstand mit Quote
(siegstyle.de, Alf Frommer)
Alf Frommer erzählt davon, wie er vor einigen Jahren für eine kurze Zeit an der Konzeption von Fernsehsendungen mitgewirkt hat. Die Arbeit hätte im Wesentlichen daraus bestanden, erfolgreiche Sendungen aus anderen Ländern so umzuschreiben, dass keine Lizenz-Gebühren fällig wurden. Derart vorbelastet empfindet er bei den aktuellen Trash-Formaten eine besondere Tristesse: „Ich kann den Dschungel nicht mehr schauen. Nicht wegen Unterschichten-Fernsehen oder Ekel-Gründen. Es ist schlicht megalangweilig. Es passiert nichts, es entwickelt sich nichts und es unterhält mich auch nicht mehr. Vielleicht ist das Dschungelcamp das wirklich letzte Lagerfeuer der Nation – wenn nicht das dumme Blondinchen aus Trash-Format XY auch dieses bei der Nachtwache ausgehen lässt. Weil sie ihr Naildesign überarbeiten musste.“

YouTube-Geldpolitik, Leif-Nachruf, Le Pens Fälscherfront

1. Die Großen werden kontrolliert, die Kleinen aussortiert
(zeit.de, Eike Kühl)
YouTube ändert das Partner- und Vermarktungsprogramm. Zukünftig sind 1.000 Abonnenten und eine Wiedergabezeit von 4.000 Stunden innerhalb des vergangenen Jahres notwendig, um Werbepartner zu werden. Vor allem für die kleineren Kanäle und Neueinsteiger wird es damit schwieriger, auf YouTube Geld zu verdienen.

2. Sie nannten ihn „Professor“
(taz.de, Steffen Grimberg)
Der TV-Journalist Thomas Leif hat in seinem Leben vieles bewegt. Er war jahrzehntelang SWR-Chefreporter, moderierte Veranstaltungen und zählt zu den Mitgründern des „Netzwerk Recherche“. Ende Dezember ist er gestorben. Die „taz“ widmet ihm einen differenzierten und liebevollen Nachruf.

3. Konstruktiver Journalismus revisited
(medienblog.hypotheses.org, Uwe Krüger)
In einem Gastbeitrag fragt Journalist und Medienwissenschaftler Uwe Krüger („Mainstream. Warum wir den Medien misstrauen“), was vom Hype um den „konstruktiven Journalismus“ geblieben ist. Krüger bezweifelt, ob das Konzept eines kosmopolitischen Konstruktiven Journalismus im AfD-affinen „Lügenpresse“-Milieu ankomme: „Schon jetzt hält ja ein nicht unbeträchtlicher Teil der Deutschen den Tenor in den Medien für links-grün versifft, vaterlandsverräterisch und viel zu liberal-internationalistisch. Dieser Teil des Publikums dürfte nicht gerade scharf darauf sein, (noch mehr) fremdes Leid vermittelt zu bekommen – und dann auch noch zu erfahren, dass der eigene Wohlstand dafür mitverantwortlich ist.“

4. Ein Hochglanzmagazin für den guten Zweck
(deutschlandfunk.de, Carsten Schmiester, Audio, 3:34 Minuten)
Die schwedische Obdachlosenzeitschrift “Situation” wartet seit 20 Jahren mit einem bunten Mix aus Promigeschichten, Gesellschaftskritik und Filmrezensionen auf. Carsten Schmiester berichtet im „Deutschlandfunk“ über das ungewöhnliche Hochglanzmagazin, das monatlich etwa 33.000 Leser und Leserinnen findet.

5. „Für mich ist Syrien mehr als Krieg“
(message-online.com, Malte Werner)
Die syrische Journalistin Zaina Erhaim wurde 2015 von „Reporter ohne Grenzen“ als Journalistin des Jahres ausgezeichnet. Im Interview spricht sie über die gefährliche Ausbildung von Medienaktivisten, ihren Kampf für die Rechte von Frauen in Syrien und schlechte Erfahrungen mit ausländischen Kollegen: „Obwohl ich einen Abschluss in Journalismus vor einer europäischen Universität habe, behandeln mich viele Kollegen aus dem Ausland wie einen Gratis-Fixer. Ich werde ständig nach meinen Quellen gefragt oder soll sogar ganze Geschichten kostenlos zur Verfügung stellen.“

6. Front der Fälscher
(faz.de, Jörg Altwegg)
Aus Wut über ein Interview im öffentlich-rechtlichen Sender „France 2“ ließ Marine Le Pen laut „Buzzfeed“ Fake-Videos produzieren, in denen vermeintliche Mitarbeiter des Senders auftraten. Der plumpe Racheakt Le Pens kann Folgen haben: Die Verbreitung von Falschinformationen sei in Frankreich auch vor der Verabschiedung eines angekündigten Fake-News-Gesetzes strafbar.

“Kika”-Doku, AfD-Medienverhalten, Polit-Psychiatrisierung

1. Malvina, Diaa und der Hass
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Im öffentlich-rechtlichen Kinderkanal “Kika” lief Ende November eine Dokumentation über eine junge Liebe, bei der zwei Weltsichten aufeinanderprallen: Malvina ist Deutsche und Christin; ihr Freund Diaa kommt aus Syrien und ist Moslem. Darüber ist nun mediale Aufregung entstanden, die sich vordergründig am Alter der Protagonisten festmacht. Boris Rosenkranz berichtet über den aus dem Ruder gelaufenen Fall, bei dem auch der “Kika” nicht immer gut aussieht. Weitere Lesetipps: “Kika ändert Alter eines Flüchtlings in einer Doku — na und?” (Björn Vahle, “Neue Westfälische”) und “Sinnliche Aufklärung” (Martin Kaul, “taz”).

2. Wer ist der echte Steve Bannon?
(faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing)
Lange Zeit spielte der rechtsnationalistische Vordenker und Meinungsmacher Steve Bannon eine wichtige Rolle als Trumps Einflüsterer und Chef der rechten Nachrichtenseite “Breitbart”. Doch in letzter Zeit läuft es nicht gut für den Mann. Zunächst verlor er seinen Job im Weißen Haus, nun auch den bei “Breitbart”. Auf Twitter gibt es immer wieder Verwirrung um echte und vermeintliche Bannon-Zitate, was an einigen Satire-Accounts und einem Namensvetter liegt. Und an Medien, die nicht genau hinschauen, wen und was sie da zitieren.

3. Mit den Medien und gegen die Medien
(de.ejo-online.eu, Linards Udris, Daniel Vogler & Jens Lucht)
In einer Studie wurden die Inhalte der und die Resonanz auf die Facebook-Kommunikation der wichtigsten deutschen Parteien vor der Bundestagswahl 2017 untersucht. Auffällig sei die Kommunikation der AfD, die sich in fast der Hälfte ihrer Beiträge auf die Medien bezogen habe. Was den Umgang mit Medien angeht, sei sie ein Sonderfall: Nur sie bewirtschafte Themen zusammen “mit den Medien” und stelle sich gleichzeitig auch “gegen die Medien”.

4. Presserat verzeichnet rekordhohe Zahl an Beschwerden
(nzz.ch)
Beim Schweizer Presserat sind 2017 insgesamt 127 Beschwerden eingegangen, deutlich mehr als in den Vorjahren, in denen die Zahl bei durchschnittlich 80 Beschwerden lag. Das Verfahren vor dem Presserat ist für Privatpersonen kostenlos. Neuerdings will man jedoch Beschwerdeführern, die sich anwaltlich vertreten lassen, sowie Organisationen, Unternehmen und Institutionen eine Gebühr von 1000 Franken auferlegen.

5. Die Debatte um das NetzDG ist unsachlich
(internet-law.de, Thomas Stadler)
Rechtsanwalt Thomas Stadler verteidigt das NetzDG trotz bestehender Schwächen in der Gesetzesumsetzung. Den vielfach gehörten Vorwurf der Privatisierung der Rechtsdurchsetzung lässt er nicht gelten: “Die Strafjustiz wird außerdem niemals in der Lage sein, Millionen strafbarer Einzelinhalte zu verfolgen und schon gar nicht zeitnah. Wer also rechtswidrige Inhalte aus dem Netz bekommen will, muss den Plattformbetreibern entsprechende Pflichten auferlegen. Hierzu gibt es keine praktikable Alternative.” Der Gesetzgeber dürfe jedoch nicht allzu leichtfertig die fälschliche Löschung von rechtmäßigen Inhalten durch sogenanntes “Overblocking” in Kauf nehmen, weil dies die Meinungs- und Informationsfreiheit beeinträchtige.

6. “Hoffnung nach kollektiver Entlastung”
(detektor.fm, Christian Erll, Audio, 7:27 Min.)
Schon lange wird über die Zurechnungsfähigkeit des US-amerikanischen Präsidenten debattiert. Das Trump-Enthüllungsbuch “Fire & Fury” von Michael Wolff sorgt nun dafür, dass die Frage immer lauter gestellt wird. Detektor.fm hat mit “taz”-Medienredakteurin Anne Fromm über die “Psychiatrisierung der Politik” gesprochen und mit ihr diskutiert, warum eine derartige Diskussion auch Gefahren birgt.

Landesmedienanstalten, G20-Hilfspolizei, EU-Video-Verfügbarkeit

1. G20: Polizei will Aufnahmen von Journalisten
(ndr.de, Robert Bongen & Caroline Schmidt)
Die Hamburger Polizei hat zahlreiche Medienhäuser darum gebeten, ihr bisher nicht veröffentlichtes Bildmaterial rund um die G20-Ausschreitungen zur Verfügung zu stellen. Man wolle Beweismittel sichten und Straftäter identifizieren. Nach “Zapp”-Informationen seien mehrere Medien der Bitte offenbar nachgekommen. Die ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) bezeichnet das Vorgehen der Hamburger Polizei als nicht gerechtfertigt: “Es gilt zuallererst das Redaktionsgeheimnis, es gilt zuallererst, die Presse- und Meinungsfreiheit zu schützen. Das ist gesetzlich verankert. Man kann nicht von den Medien verlangen, eine Art Hilfspolizist zu werden.”

2. Peinliche Medienaufseher
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Stefan Niggemeier widmet sich der Causa Marc Jan Eumann (SPD). Der ehemalige Staatssekretär in der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen ist nicht nur unter fragwürdigen Umständen zum neuen Direktor der rheinland-pfälzischen Landesmedienanstalt LMK gewählt worden, sondern hat auch ein denkwürdiges Interview im “Deutschlandfunk” gegeben. Darin hat er Interviewerin Isabelle Klein belehrt, sie möge ihm gefälligst zu seiner Wahl gratulieren. Auf kritische Fragen reagierte der Mann, der demnächst landesweit für eine bessere Medienkompetenz sorgen soll, wie auf eine Majestätsbeleidigung. Stefan Niggemeier ordnet die Personalie ein: “Die ganze Geschichte wirkt wie eine große Versuchsanordnung, die nur einem Zweck dient: den Irrsinn des Landesmedienanstaltentums in Deutschland zu demonstrieren. Mit sämtlichen Zutaten: überforderte Chefs, Parteienklüngel, Regionalklüngel, föderales Chaos.”

3. Dieses Video könnte in Ihrem Land verfügbar sein
(sueddeutsche.de, Thomas Kirchner)
Die EU modernisiert ihr Urheberrecht. Dazu gehört auch die Frage, ob Medieninhalte grenzüberschreitend online konsumierbar sein müssen, also ob zum Beispiel ein Deutscher in Italien Zugriff auf die ARD-Mediathek haben muss. Bei dem hochemotional ausgefochtenen Streit um die Ausgestaltung des Gesetzes geht es auch ums liebe Geld: Die Filmindustrie sieht sich bedroht, wenn entsprechende Länderlizenzen entfallen. Thomas Kirchner erklärt die unterschiedlichen Positionen des Streits, der nächste Woche auf einen neuen Höhepunkt zuläuft.

4. Twitter-Berichterstattung: Schäubles Haltung im Vergleich völlig antiquiert
(netzpolitik.org, Arne Cypionka)
Vor zwei Wochen teilte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble den Abgeordneten mit, dass Twitter im Plenarsaal unerwünscht sei. Die Regel sorgte für Unverständnis und Spott, auch weil Schäuble selbst schon beim heimlichen Sudokuspielen erwischt worden war. Netzpolitik.org hat recherchiert, wie die Landesparlamente und das Europaparlament mit dem Thema umgehen, und die Ergebnisse in einer interaktiven Karte dargestellt. In den meisten Landtagen sei es kein Problem, Laptops zu nutzen oder Zeitungen zu lesen.

5. Aktivistinnen statt Trump
(taz.de, Sibel Schick)
Das amerikanische “Time Magazine” hat die Frauen und Männer hinter #MeToo zur “Person of the Year” erklärt. Die Wahl sei ein stärkendes Zeichen für alle Überlebenden sexualisierter Gewalt, so Sibel Schick in der “taz”. Dennoch bleibe ein unangenehmer Beigeschmack, denn letztes Jahr habe ausgerechnet Donald Trump als Preisträger das Cover geschmückt. “Wer weiß, #MeToo mag gerade Stimmung sein, nächstes Jahr ist wieder ein Macho dran. Man sollte sich nicht allein auf die Anerkennung der Großen verlassen.”

6. Dieser 26-Jährige Affiliate baut seit zehn Jahren Facebook-Pages – Das sind seine Learnings
(omr.com, Torben Lux)
Der 26-jährige Markus David König hat vor ein paar Jahren die Schule geschmissen und beschäftigt sich seitdem hauptberuflich mit der Vermarktung seiner diversen Facebookseiten. Im Gespräch mit “OMR” erzählt König, wie er Seiten mit Hunderttausenden Fans aus Indien gekauft hat, dass in der Folge sein gesamtes Portfolio gesperrt wurde, und mit welchen Mitteln er seine rund zwei Millionen Fans heute monetarisiert.

As “Time” goes by, “House of Cards” in Real Life, Hamburger Polizei-Block

1. Zwei gegen Trump
(taz.de, Ulrike Herrmann)
Der amerikanische Medienmarkt ist in Bewegung, und zwar in Richtung rechts: Das liberale New Yorker Traditionshaus “Time” (“Time Magazine”, “Fortune”, “People”, “Sports Illustrated”) wird an den Verlag “Meredith” verkauft, der vor allem mit Lifestyle-Magazinen groß geworden ist. Das Ganze hat eine politische Dimension, denn im Hintergrund agieren die erzkonservativen Koch-Brüder, die zu den reichsten Menschen der Welt zählen. Die Investoren würden den Deal als “passive Finanzinvestition” bezeichnen, doch Skepsis sei angebracht: Die libertären Koch-Brüder, die US-Präsidenten wie Ronald Reagan und Donald Trump für zu liberal halten, hätten schon seit Längerem versucht, ins Mediengeschäft einzusteigen.

2. Wir waren bei einer Preisverleihung für rechte Journalisten
(vice.com, Richard Diesing)
Wer wissen will, wie rechte Journalisten ticken, müsse zum “Gerhard-Löwenthal-Preis” gehen, so “Vice”-Autor Richard Diesing. Veranstalter der Preisverleihung sind die Wochenzeitung “Junge Freiheit” und die “Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung”. Diesing hat sich auf den Weg nach Spandau gemacht und sich unter die rechten Journalisten, Publizisten und Leser gemischt. Wie eine große, pompös inszenierte Lüge habe das Event nicht gewirkt: “Dass die Neuen Rechten ernsthaft glauben, was sie einem da erzählen, merkt man ihnen an.”

3. Wie die “Washington Post” zu einer Falschmeldung verleitet werden sollte
(sueddeutsche.de, Karoline Meta Beisel)
Die Geschichte könnte einer “House of Cards”-Folge auf Netflix entsprungen sein: Offenbar wollten konservative Aktivisten der “Washington Post” Fehlinformationen zuspielen, um sie hinterher der Falschberichterstattung zu überführen. Eine vermeintliche Informantin habe der Zeitung die Geschichte aufgetischt, sie sei angeblich im Alter von 15 Jahren vom republikanischen Senatskandidaten Roy Moore sexuell missbraucht worden. Die “Washington Post” recherchierte den Hintergrund und fand heraus, dass es sich um ein Täuschungsmanöver handelte, das wahrscheinlich vom “Project Veritas” gesteuert wurde. Hinter der Webseite steckt der umstrittene rechte Aktivist James O’Keefe, der auch schon bei “Breitbart” mitmischte.

4. Journalist und ROG-Preisträger freilassen
(reporter-ohne-grenzen.de)
“Reporter ohne Grenzen” (“ROG”) ist besorgt über den Gesundheitszustand des chinesischen Journalisten und “ROG”-Preisträgers Huang Qi. Der Gründer der Menschenrechtswebsite “64Tianwang” befindet sich bereits ein Jahr in Haft und werde dort nach Aussagen seines Anwalts misshandelt. Außerdem bekäme er trotz schwerer Erkrankung keine Medikamente. Der “ROG”-Geschäftsführer: “Gefangene zu misshandeln und ihnen die medizinische Behandlung zu verweigern, ist gängige Praxis in chinesischen Gefängnissen. Das zeigen die jüngsten Todesfälle des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo und des Bloggers Yang Tongyan. Die chinesischen Behörden müssen Huang Qi und alle weiteren schwerkranken Gefangenen sofort freizulassen.”

5. “Die Leute freuen sich, wenn sie ihre Moderatorin erkennen” – Elke Schneiderbanger im Gespräch
(blmplus.de, Lisa Priller Gebhardt)
Im Interview mit “Blmplus” spricht die Werbe-Verantwortliche der ARD, Elke Schneiderbanger, über ihren beruflichen Werdegang, die Rolle der lokalen Medien und gibt eine überraschende Empfehlung für alle Journalismus-Einsteiger: “Auf jeden Fall nichts mit Medien zu studieren. Viel sinnvoller ist es, erst einmal — je nach Neigung — ein Fach zu studieren, ganz egal ob Jura oder Orientalistik. Die journalistische Ausbildung kommt dann on Top. So kann man immer noch auf ein abgeschlossenes Studium zurückgreifen, wenn es in der Medienbranche nicht dauerhaft klappt.”

6. Die Polizei, der Faschismus und ich
(tomate.su, Stephan Urbach)
Das Social-Media-Team der Polizei Frankfurt am Main hat 2016 den “Virenschleuderpreis” (inzwischen umgetauft in “Orbanism Award”) gewonnen. Eine Tatsache, die Stephan Urbach kritisiert (“Leander Wattig und die Frankfurter Buchmesse als Veranstalter dieses Preises sollten sich schämen”). Doch das ist nur die Vorgeschichte, denn Urbach ist aktuell mit dem Social-Media-Team der Polizei Hamburg aneinandergeraten. Nachdem er die Dankes-Tweets an die Polizei anlässlich der G20-Proteste sarkastisch kommentiert hatte, hat ihn die Polizei Hamburg auf Twitter geblockt, was rechtlich mindestens umstritten ist. Auf Nachfrage anderer Twitterer haben die Beamten lakonisch mitgeteilt, Urbach könne sich zum Lesen von Polizei-Tweets ja einen Zweit-Account anlegen. Wenig später hat man ihn dann doch entblockt.

Bild.de, die Fehler-Konstante in politisch turbulenten Zeiten

Wer derzeit das Gefühl hat, bei der komplizierten politischen Lage in Deutschland den Überblick verloren zu haben, aber gern wieder etwas mehr Durchblick bekommen möchte, sollte auf jeden Fall nicht bei Bild.de vorbeischauen. Dort herrscht das völlige Durcheinander: Der letzte Ministerpräsident der DDR ist auf einmal Bundesinnenminister, Schlagersänger Patrick Lindner ist plötzlich Politiker, und ein CDUler wird zum “Juso”-Chef. Die Bild.de-Redaktion zeigt, dass sie noch immer beides beherrscht: die kleinen Dämlichkeiten und die große Falschinformation.

Fangen wir klein an. Laut Bild.de gab es eine personelle Sensation, die sonst keine Redaktion mitbekommen hat: Lothar de Maizière sitzt wieder im Bundestag — und er hat gleich einen Ministerposten abbekommen:

Screenshot Bildunterschrift bei Bild.de - Bei der zweiten Sitzung des Bundestages saß die alte und aktuelle Regierung auf der Regierungsbank im Bundestag. Hier Innenminister Lothar de Maizière (l.) und Außenminister Sigmar Gabriel im Gespräch mit Kanzlerin Angela Merkel

Wir haben noch mal ganz genau hingeschaut: Es ist gar nicht Lothar de Maizière (weiße Haare, weißer Bart), sondern dessen Cousin Thomas de Maizière (graue Haare, kein Bart). Immerhin: Beide tragen eine Brille.

Bild.de konnte noch eine weitere falsche Personalsensation präsentieren: Schlagersänger Patrick Lindner ist neuer FDP-Chef!

Intensives Hingucken hat ergeben: Es ist doch weiterhin Christian Lindner.

Paul Ziemiak ist laut Bild.de zwar in der CDU, aber gleichzeitig auch Chef der “Jusos”, der Jugendorganisation der SPD:

Screenshot Bild.de - Paul Ziemiak (32, CDU). Der Juso-Chef war optimistisch: Jamaika kann funktionieren. Pustekuchen!

Tatsächlich ist Ziemiak Chef der “Jungen Union”.

Bild.de macht aber nicht nur diesen kleinen Fehler. In einem Kommentar zum Scheitern der Gespräche zwischen CDU/CSU, FDP und Grüne schreibt “Bild”-Chefchef Julian Reichelt:

Die Grünen sind nicht nur, aber auch eine autoritäre Verbotspartei, die dazu aufruft, den Nachbarn zu denunzieren, wenn er sich das Bad schick fliesen lässt (“Luxussanierung”). Dass Menschen die Fliesen in ihrem eigenen Bad nicht frei wählen sollten, ist eine Überzeugung, die man haben kann — bloß passt sie nicht zur FDP, hat sie nie.

Erstmal: Schade, dass die Jamaika-Sondierungen an ein paar Fliesen im Bad gescheitert sind.

Reichelt hat recht, dass die Grünen sich gegen die “Verdrängung aufgrund von Luxussanierung” aussprechen. Allerdings hat das nichts mit dem Denunzieren des Nachbars zu tun, der “sich das Bad schick fliesen lässt”, außer dieser Nachbar schickt die Handwerker nicht in sein eigenes Bad, sondern in meines, weil er mein Vermieter ist, und verlangt danach mehr Miete von mir. Dann könnte man von einer “Luxussanierung” sprechen. Was Reichelt schreibt, ist allerdings Unsinn.

Ebenfalls Unsinn ist diese Meldung, die bei Bild.de auftauchte:

Screenshot Bild.de - Neuer Vorschlag von Malu Dreyer (SPD) - Die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz machte am Dienstagabend bei der Talkmasterin Sandra Maischberger einen neuen Vorschlag: eine GroKo mit Kanzlerwechsel! Malu Dreyer: Jetzt mache ich mal einen verrückten Vorschlag. Sie verhandeln mit Angela Merkel und sagen, dass sie zwei Jahre lang regiert, und danach regiert jemand aus der SPD.

Schaut man sich die “Maischberger”-Folge an, erkennt man schnell: Der Vorschlag kommt gar nicht von Malu Dreyer, sondern von Sandra Maischberger, die Dreyer von ihrer “verrückten” Idee des Kanzlerwechsels erzählt. Bild.de hat diesen Fehler nach einiger Zeit klammheimlich und ohne irgendeinen Hinweis vertuscht korrigiert.

Falsche Namen, falsche Posten, falsche Verbote, falsche Zitatgeber — in politisch komplizierten Zeiten ist immerhin auf die Unfähigkeit der Bild.de-Redaktion Verlass.

Mit Dank an @WieselerSusanne, @MarkusMK73, Markus T., Tim F. und Ralf H. für die Hinweise!

Schönheitssperre, Drohendes US-Meinungsmonopol, Middelhoff-Doku

1. Youtube sperrt Account des Zentrums für politische Schönheit (Update)
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Die Berliner Aktionskünstler des “Zentrums für politische Schönheit” haben dem AfD-Politiker Björn “Bernd” Höcke ein ganz persönliches Holocaust-Mahnmal errichtet: Direkt in seinem Heimatdorf auf dem Nachbargrundstück seines privaten Wohnhauses. In der Folge sperrte Youtube den Account des Künstlerkollektivs, hob die Sperre aber nach Hinweisen und Protesten wieder auf und kommentierte: “Mit 400 Stunden Videomaterial, das pro Minute auf YouTube hochgeladen wird, treffen wir manchmal die falsche Entscheidung. Sobald wir informiert werden, dass wir ein Video oder einen Kanal fälschlicherweise gesperrt haben, handeln wir schnell und schalten diesen wieder frei.”
Zum Hintergrund: “Das ist das neue Holocaust-Mahnmal — direkt bei Björn Höcke vor dem Haus” bei “Metronaut”.

2. Läuft doch
(taz.de, Peter Weissenburger)
Eigentlich wacht in den USA die “Federal Communications Commission” darüber, dass es bei den Lokalsendern kein Meinungsmonopol gibt. Doch nun überstimmten drei republikanischen Mitglieder des Gremiums die zwei Demokratinnen und machten den Weg frei für eine rechtslastige und Trump-freundliche Medienlandschaft. Dabei geht es vor allem um die ultrakonservative “Sinclair Broadcast Group”, der bereits mehr als 170 amerikanische Lokalsender gehören und die weitere 42 Sender kaufen will.

3. CORRECTIV: Wie alles begann
(correctiv.org, David Schraven)
Wie ist es zur Gründung des ersten gemeinnützigen Recherchezentrums in Deutschland gekommen? “Correctiv”-Mitgründer David Schraten erzählt von den Anfängen, den beteiligten Mitstreitern und wie es zum Namen der Organisation kam.

4. Recherchestrategien, Teil 1: Keine Angst vor heiklen Themen
(fachjournalist.de, Uwe Herzog)
Was tun, wenn man als recherchierender Journalist auf eine Mauer des Schweigens stößt? Anhand eines anschaulichen Praxisbeispiels zeigt Autor Uwe Herzog, wie man dennoch zum Ziel kommt. Vor allem Geduld und Hartnäckigkeit seien gefragt: “Es ist, als würde man einen nachtdunklen Raum nach und nach von allen Seiten beleuchten. Und was tun, wenn alle Beteiligten eisern mauern? Auch darauf kann es nur eine Antwort geben: dranbleiben!”

5. Freiwillig in die Abhängigkeit: Facebook und die Medien
(de.ejo-online.eu, Nicolas Becquet)
Was viele nicht wissen: Social-Media-Gigant Facebook zahlt Medien Geld dafür, dass sie ihre Inhalte bei Facebook einspeisen. Insgesamt 50 Millionen Dollar soll die Zuckerberg-Company in 140 Kooperationen mit verschiedenen Medienunternehmen und Promis investiert haben. Nicolas Becquet warnt: “Die finanzielle Notlage der Medien mag ein Grund für ihre freiwillige Versklavung sein, aber die Langzeitfolgen sind nur schwer abzuschätzen. Sind es notwendige Opfer, die auf dem Weg zur digitalen Transformation gebracht werden müssen? Vielleicht; dennoch ist Vorsicht geboten, denn die Abhängigkeit ist nicht nur finanzieller Art. Die Medien sind auch abhängig vom Zugang zu Produktions- und Verbreitungstools. Diese Abhängigkeit beeinflusst auch die Inhalte und führt zu einer Vereinheitlichung der Formate auf globalem Niveau.”

6. Programmänderung
(wdr.de)
Der WDR hat den für heute Abend geplanten Film “Thomas Middelhoff — Absturz eines Topmanagers” aus dem Programm genommen. Anlass sei eine bestehende vertragliche Vereinbarung zwischen Middelhoff und dem Produzenten, deren konkreter Inhalt der Redaktion erst kurz vor der Ausstrahlung offengelegt worden sei. Die Vereinbarung räume dem ehemaligen Topmanager das Recht auf Mitsprache beim Drehbuch ein und darauf, den fertigen Film vor Ausstrahlung zu sehen. “Vereinbarungen wie diese widersprechen den journalistischen Grundregeln des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und sind für den WDR nicht akzeptabel.”

AfD-“FAZ”-Jargon, Umfrageunsinn, Journalisten als Politikberater

1. “Staatliche Sender” – auch #FAZ-Herausgeber macht sich jetzt #AfD-Jargon zu eigen. Bedenklich.
(twitter.com, Kai Küstner)
Der WDR/NDR-Korrespondent im ARD-Studio Brüssel, Kai Küstner, kritisiert eine Formulierung von “FAZ”-Herausgeber Holger Steltzner. Dieser hat in seinem “Konjunktur-Kommentar” “Land der wirtschaftlichen Wunder” statt von den Öffentlich-Rechtlichen von den “staatlichen Sendern” gesprochen. Eine Wendung, die Küstner dem AfD-Jargon zurechnet und bedenklich findet.

2. Begeisterung für Umfragen über Jamaika-Koalition nimmt ab
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Stefan Niggemeier ist genervt von den vielen sinnlosen Umfragen der Meinungsforscher zur sogenannten Jamaika-Koalition: “Die Leute sollen sagen, ob sie eine Koalition gut finden, von der zum Zeitpunkt der Frage kein einziges konkretes Vorhaben bekannt ist. Was ist das für ein Unsinn? Was für Rückschlüsse soll das auf irgendwas erlauben? Wäre nicht die einzige richtige Antwort, die man dem Mann von Infratest Dimap oder der Forschungsgruppe Wahlen geben könnte: Weiß noch nicht, rufen Sie mich nochmal an, wenn klar ist, welche Steuern die erhöhen, wie die mit Flüchtlingen umgehen, welcher Klima-Kompromiss da am Ende rauskommt?”

3. Politisches Rauchen
(taz.de, Raphael Piotrowski)
Am Dienstagabend pünktlich um 18 Uhr füllte sich der Bürgersteig vor dem “taz”-Gebäude in der Rudi-Dutschke-Straße in Berlin mit Protestrauchern, die damit an den ehemaligen “taz”- und heutigen “Welt”-Autoren und passionierten Raucher Deniz Yücel erinnern wollten. Und an seine fortdauernde Haft in der Türkei. Auch vor dem “Spiegel”-Redaktionsgebäude in Hamburg hätten Kollegen solidarisch für Deniz Yücel gequalmt.

4. „Österreich“ vervierfacht Cybermobbing-Opfer
(kobuk.at, Angelika Eva Kapeller)
Die Tageszeitung “Österreich” behauptet, “64 Prozent sind Cybermobbing-Oper”, und beruft sich dabei auf eine Studie der “AK Steiermark”, der gesetzlichen Interessenvertretung aller ArbeitnehmerInnen des österreichischen Bundeslandes Steiermark. Warum die Aussage ziemlicher Quatsch ist, erklärt “Kobuk”-Autorin Angelika Eva Kapeller: In der Studie sei zwar von 64 Prozent die Rede, dabei handele es sich jedoch um die Schüler, die von Cybermobbing-Fällen in ihrem Umfeld wüssten. Außerdem seien die Angaben für Mobbingopfer und Cybermobbing-Opfer vermischt worden.

5. Politikberatungsjournalismus
(wolfgangmichal.de)
Wolfgang Michal nennt es eine “journalistische Übergriffigkeit”, wenn sich Journalisten zu Politikberatern aufschwingen: “Ist es die Aufgabe politischer Journalisten, ständig zu erklären, was jetzt zu tun ist? Müssen sie täglich hinausposaunen, was “wir” jetzt am dringendsten brauchen? Wie Merkel die Krise noch meistern kann? Wie Jamaika zum Erfolg wird? Der politische Journalismus bietet heute ein solches Übermaß an Politikberatung, dass man bisweilen den Eindruck hat, die Redaktionen fungierten als Planungs- und Krisenstäbe des Kanzleramts und der Parteien.”

6. Montana Black: Wie PewDiePie, nur noch unreflektierter (Special)
(spieletipps.de)
In Youtube-Videos der Gamerszene herrscht schon mal ein rauer Ton, das mag man oder nicht. Bedenklich wird es jedoch, wenn sich rassistische Töne in die Videos einschleichen, wie es dem schwedischen Youtube-Star “PewDiePie” vorgeworfen wird. In einem ähnlichen Fahrwasser scheint sich ein deutscher Youtuber bewegen zu wollen, der eine Spielefirma als “Zigeuner-Söhne” bezeichnet, ein Spiel als “Drecks-Zigeuner-Spiel” beschimpft. Die Macher der Seite “Spieletipps” haben den Vorgang aufgegriffen und kommentieren: “Jemand, der ein Millionenpublikum erreichen kann, sollte sich überlegen, welche Wörter er benutzt — und vor allem auch, welche er nicht benutzen möchte. Denn so ein junges Publikum ist beeinflussbar. Es wird auch durch solche Videos sozialisiert. So entsteht eine Normalität, die nicht normal sein sollte.”

Kontrolle für Gepiercte in großen Autos? “Bild” erfindet Politiker-Zitate

Ein Besuch bei der Jahreshauptversammlung des örtlichen Kegelvereins, den Taubenzüchtern des Nachbardorfes oder einer Fragerunde des CDU-Kreisverbandes ist sicher nicht die Aufgabe, die sich viele Journalisten wünschen. Es ist aber auch eine vergleichsweise simple Übung — hingehen, zuhören, aufschreiben, was so gesagt wurde. Doch selbst an solch einfachen Dingen scheitert “Bild” kläglich.

Am Montag berichteten Bild.de und die Leipzig-Ausgabe der “Bild”-Zeitung von einer Veranstaltung des Leipziger CDU-Kreisverbandes. Immerhin schaute dort Michael Kretschmer vorbei, der aktuell noch Generalsekretär des Sächsischen CDU-Landesverbandes ist und bald Ministerpräsident des Freistaats sein dürfte. Kretschmer hielt erst eine gut 20-minütige Rede und stellte sich in der anschließenden Aussprache den Fragen der anwesenden CDU-Mitglieder.

Für “Bild”-Autor Erik Trümper waren vor allem zwei Aussagen Kretschmers interessant. In der einen geht es um die Nutzung der Videoüberwachung auf Autobahnen. Trümper schreibt:

Und Kretschmer? Legte beim Thema Sicherheit gleich nochmal nach. So empfahl er die elektronische Videoüberwachung auf den Autobahnen Richtung Grenze: “Wenn ich da sehe, dass ein Gepiercter ein großes Auto fährt, dann ist das verdächtig und kann ihn kontrollieren.”

Um es direkt klarzustellen: Das hat Michael Kretschmer so nie gesagt — das Zitat ist eine Erfindung von “Bild”-Autor Erik Trümper. Die Aussage, die Trümper dem CDU-Mann in den Mund legt, ist natürlich so bescheuert, dass sie sich bestens für eine kleine Empörungsrunde eignet. “Focus Online” hat sie zum Beispiel aufgegriffen:

Screenshot Focus Online - Michael Kretschmer - Sachsens künftiger Ministerpräsident will Menschen mit Piercing kontrollieren lassen

Und auch Netzpolitik.org:

Screenshot Netzpolitik.org - Sachsens künftiger Ministerpräsident findet Menschen mit Piercing verdächtig

Sie alle beziehen sich auf “Bild” und Erik Trümper. Bei Netzpolitik.org haben sie inzwischen mitbekommen, dass das “Bild”-Zitat völlig falsch ist und ein “Update” veröffentlicht.

Tatsächlich sprach Michael Kretschmer in der Fragerunde über das Thema Innere Sicherheit und die Kfz-Kennzeichenerfassung auf Autobahnen. Er sagte:

Es gibt zwei Komponenten, über die wird relativ wenig gesprochen. Das eine sind die technischen Einsatzmittel. Da geht es auch gar nicht zuerst mal um die Autos, mit denen die Polizisten durch die Gegend fahren, sondern da geht es um die Funkgeräte, da geht es um die Frage der Tablets, da geht es um die Frage Kfz-Kennzeichenerfassung, also etwas, was ich jetzt auch vor Kurzem erstmal das erste Mal selber gesehen habe. Und wenn man das sieht, fällt man auch vom Glauben ab, warum das alles so ist. Derzeit wird das so praktiziert: An der Autobahn, wenn Sie jetzt nach Dresden fahren oder nach Berlin, steht da irgendwo in der Abfahrt ein Polizeifahrzeug, mit einem Fernglas, guckt: Wie ist das Kennzeichen von dem Auto?, guckt: Was ist das für eine Marke? Der zweite Kollege gibt das durch ans Revier, der checkt das und fragt, ob das Kfz-Kennzeichen zu dem Auto passt, ob der Halter er sein könnte …

In diesem Moment zeigte Kretschmer auf seinen Nebenmann Frank Tornau, der 42 Jahre alt ist, einen Anzug mit Krawatte und keine Piercings trug:

Screenshot des Mitschnitts von Michael Kretschmers Auftritt, in dem er auf seinen Nebenmann zeigt

… oder ob das irgendwie ein junger gepiercter Typ ist. Und wenn da irgendwie die Dinge nicht miteinander zusammenpassen, wird der Kollege rausgewunken. So. Das dauert. Das bindet Personalkraft. Das ist absolut ineffizient. Und wenn man dann sieht, dass es technische Lösungen gibt, die das vollkommen von alleine machen, innerhalb von Bruchteilen von Sekunden, und wir es nur deswegen nicht einrichten, weil wir die rechtlichen Rahmen nicht haben, weil Leute sich hinter Datenschutz verstecken, dann muss man sagen: Das kann doch nicht sein.

Das kann man immer noch völlig bescheuert und höchst bedenklich finden. Aber Michael Kretschmer sagt an keiner Stelle, dass es verdächtig sei, wenn “ein Gepiercter ein großes Auto fährt” und dass man Gepiercte in großen Autos generell kontrollieren solle.

An einer zweiten Stelle desselben Artikels arbeitet “Bild”-Mitarbeiter Trümper ähnlich unsauber. Er behauptet, Kretschmer habe zu einer Vergewaltigung in der Leipziger Parkanlage Rosental eine “fragwürdige Idee” geäußert:

Kretschmer: “Wenn ich Oberbürgermeister wäre, würde ich nach einem solchen Überfall erst einmal Schneisen schlagen lassen. Damit sich Verbrecher dort nicht verstecken können.”

Die gut 120 Leipziger CDUler schwiegen peinlich berührt. Denn was sie — im Gegensatz zu Kretschmer — wissen: Das Rosental steht unter Naturschutz. Und mehr Polizeikräfte für Leipzig sind eventuell effektiver als Kettensägen …

Diese angebliche Aussage Kretschmers schaffte es als noch konkreteres Zitat sogar in die Überschrift der “Bild”-Zeitung …

Ausriss Bild-Zeitung - Wenn ich OB wäre, ließe ich Schneisen durchs Rosental schlage

… und in paraphrasierter Form in die Bild.de-Schlagzeile:

Screenshot Bild.de - Fast-Ministerpräsident in Leipzig - Kretschmer würde Schneisen durchs Rosental schlagen damit sich Verbrecher nicht mehr verstecken können

Allerdings hat Michael Kretschmer bei seinem Auftritt in Leipzig nicht explizit von “Schneisen durchs Rosental” gesprochen, sondern von “anderen Orten”:

Und wenn Sie in anderen Orten sind, wo so etwas Schlimmes wie so eine Vergewaltigung wie hier gerade auch passiert ist, dann würden Ihnen die Bürgermeister sagen: “Das Erste, was wir machen, ist, erstmal Sichtachsen zu schneiden, schauen, dass man sich da nicht verstecken kann.”

Auch das “peinlich berührte” Schweigen, das Trümper beobachtete haben will, geht aus dem Videomitschnitt nicht hervor. Die Zuhörer sind in der Situation genauso leise wie in den Minuten davor und danach, während Michael Kretschmer spricht.

Weil wir Zweifel haben, dass bei den “Bild”-Medien überhaupt irgendetwas ankommt, an dieser Stelle ein Tipp für alle anderen Redaktionen: Schreibt nienienie einfach so und ungeprüft von “Bild” oder Bild.de ab.

Mit Dank an Jacob P. für den Hinweis!

Deniz-Yücel-Parlamentsanfrage, Polit-Podcasts, Fakes aus Krisenregionen

1. Türkische Opposition stellt Parlamentsanfrage wegen Deniz Yücel
(welt.de)
Mehr als sieben Monaten befindet sich der Journalist und “Welt”-Korrespondent Deniz Yücel schon in Einzelhaft. Nun hat ein Abgeordneter der größten türkischen Oppositionspartei CHP im Parlament in Ankara eine kleine Anfrage gestellt, in der es u.a. heißt: “Warum wird gegen den Journalisten Deniz Yücel keine Anklageschrift erstellt, obwohl er vor rund neun Monaten in Polizeihaft genommen wurde? Warum wird Deniz Yücel in Isolationshaft gehalten und ihm eine gemeinsame Unterbringung mit anderen Gefangenen nicht gestattet?”

2. Aufs Ohr gelegt
(taz.de, Anne Fromm)
Podcasts sind weiter auf dem Vormarsch, ob Unterhaltungsformate oder solche zur Politik, wie sie jüngst von “Spiegel Online”, “Zeit Online” und “Deutschlandfunk” gestartet wurden. “taz”-Medienredakteurin Anne Fromm hat sich einen Monat angehört, was in diesem Themenumfeld von den drei genannten Medien derzeit geboten wird. (Anmerkung des “6vor9”-Kurators: Wer sich für Politik interessiert, könnte auch bei unabhängigen Formaten fündig werden wie z.B. dem “Aufwachen”-Podcast oder der “Lage der Nation”.)

3. Fakes aus Krisenregionen
(deutschlandfunk.de, Thomas Wagner)
Für Medien ist es nicht immer leicht herauszufinden, ob Bild- oder Videomaterial gefälscht ist. Im Beitrag des “Deutschlandfunks” geht es darum, wie das “News Lab” des Schweizer Fernsehens und das ARD-Studio Kairo mit dieser Herausforderung umgehen. Die Verifizierung von Bildern kann, trotz einschlägiger Tools, eine aufwändige Sisyphusarbeit sein, weiß ARD-Reporter Volker Schwenck in Kairo. Bei unklaren Fällen empfiehlt er zumindest den Hinweis, dass es sich um Bildmaterial aus fremden Quellen handelt. “Häufig ist die einfachste Form, dass man sagt: Die Bilder sollen dies und das sagen. Sie wurden im Internet verbreitet und könne nicht unabhängig verifiziert werden.”

4. Bietet Onlinern bessere Perspektiven!
(edito.ch, Tobias Bühlmann)
Im Schweizer Medienmagazin “Edito” erzählt Tobias Bühlmann von seinen langjährigen Erfahrungen in Online-Redaktionen. Er beklagt den schlechten Umgang der Medienhäuser mit ihren Onlinern. Diese stünden oft ganz unten in der Hackordnung, würden gering geschätzt und schlechter bezahlt. Er appelliert an die Chefs: “Hört euch um am Online-Desk, gebt den Arbeiterinnen und Arbeitern dort mehr Raum. Mehr Zufriedenheit führt zu einem motivierten Team, und dies garantiert ein besseres Produkt. Was eignet sich mehr als Alleinstellungsmerkmal in einer Medienwelt, die sich immer mehr angleicht?”

5. Keine Angst vor der Wahrheit – auch nicht unter Erdogan
(spiegel.de, Maximilian Popp)
“Spiegel Online” berichtet über den türkischen Medienunternehmer Engin Önder und dessen Internetplattform für Bürgerjournalismus “140journos”. Obwohl in der Türkei nach dem gescheiterten Putschversuch Mitte 2016 mehr als 150 Journalisten verhaftet und zahlreiche Medienhäuser geschlossen wurden, gibt es das alternative Medienprojekt immer noch. Was womöglich daran liege, dass Önder zwar heikle Themen anpacke, aber eine neutrale Sprache verwende und Kampfbegriffe meide.

6. Sandro Schwarz knöpft sich Journalisten vor
(swr.de, Benjamin Wüst)
Das passiert nicht oft: Ein Fußballtrainer, hier der des FSV Mainz 05, Sandro Schwarz, findet die Journalisten zu zahm und wünscht sich mehr Reibung und Diskussionen: “Auch wenn dann vielleicht mal eine patzige Antwort dabei ist, das kann natürlich sein. Aber ich will den Austausch. Ich bin bereit, die Wahrheit zu sagen.”

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