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Absetzungs-Petition, Antiziganismus, Deutsche-Sprache-Vereinsmeier

1. Landwirte fordern Absetzung von Journalistin
(deutschlandfunk.de, Tobias Krone, Audio: 17:03 Minuten)
Einige bayerische Landwirtinnen und Landwirte fordern in einer Petition die Absetzung einer Journalistin des BR. Ihnen gefiel nicht, dass in einem Bericht über eine Bauern-Demo auch eine Kritikerin zu Wort kam. Mehr als 5.000 Personen haben den Aufruf unterschrieben. Der Bauernverband zähle nicht zu den Unterzeichnern, habe jedoch im Rundfunkrat des BR gegen den Beitrag Beschwerde eingelegt.

2. Antiziganismus bei Sat.1
(taz.de, Dinah Riese)
Die “Spiegel TV”-Reportage “Roma: Ein Volk zwischen Armut und Angeberei” (Sat.1) wurde nach ihrer Ausstrahlung von vielen als antiziganistisch kritisiert. Besonders der Zentralrat der Sinti und Roma zeigte sich erschüttert: Der Beitrag habe unter Sinti und Roma in Deutschland große Ängste ausgelöst. Nun hat der Politologe Hajo Funke die Sendung für ein Gutachten untersucht. Sein Urteil: Der Film “widerspricht allen journalistischen Kriterien von Fairness, Ausgewogenheit und Aufklärung.” Er sei geeignet, “diejenige Gruppe, die mit den schärfsten und gröbsten Vorurteilen belegt ist, noch einmal mit Vorurteilen, Abwertung und Demütigung zu versehen”, so Funke. Der Film erfülle “alle Kriterien der Volksverhetzung”, und es solle geprüft werden, ob ein Verbot der Weiterverbreitung möglich sei. Der Sender habe die Vorwürfe als unbegründet zurückgewiesen.

3. “Schmach über jeden Deutschen, der seine heilige Muttersprache schändet!”
(spiegel.de, Katja Iken)
Im Allgemeinen Deutschen Sprachverein organisierten sich 1885 einige Sprachpuristen, die sich dort für die “Reinheit” der deutschen Sprache einsetzten. Katja Iken erinnert an den Verein, der 1930 knapp 500 Zweigvereine mit rund 50.000 Mitgliedern unterhielt und sich gegen die “Durchseuchung”, “Versumpfung” und “Unterjochung” des Deutschen durch Fremdwörter einsetzte.

4. Impeachment-Podcasts
(notes.computernotizen.de, Torsten Kleinz)
In den USA boomen derzeit die Impeachment-Podcasts, in denen es um die mögliche Amtsenthebung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump geht. Torsten Kleinz hat sich durch das Angebot gehört, von CNN bis zu “Buzzfeed”.

5. Nur Fakten können wahr oder falsch sein
(tagesspiegel.de, Karola Wille)
Die Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks Karola Wille hat in einem Gastbeitrag über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geschrieben. Dort geht es unter anderem um die Notwendigkeit, unbequeme Meinungen aushalten zu können, sie aber auch einzuordnen. “In einer Zeit, in der Populisten ein Recht auf eigene Fakten beanspruchen, gilt es mehr denn je das Fundament demokratischer Gesellschaften, die gemeinsame Faktenbasis, zu sichern. Wenn Rechtspopulisten ein politischer Faktor sind, müssen sie, je nach Relevanz ihrer Themen, journalistisch eingeordnet werden. Unwahrheiten müssen durch sorgfältigste journalistische Vorbereitung korrigiert und konsequent richtig gestellt werden, rassistische und diskriminierende Äußerungen sind klar als solche zu benennen.”

6. Riesen-Panne überschattet die International Emmys
(rnd.de)
Bei der Verleihung der International Emmys, Ableger des großen US-Branchenpreises, kam es zu einer Panne: Ein Laudator hatte einen falschen Umschlag dabei und gab vorzeitig den Gewinner des Preises für die “Beste Dramaserie” bekannt. Ab dem Moment war den Machern der der ZDF-Reihe “Bad Banks” klar, dass sie nicht gewinnen werden.

Schlechtwetter bei Wetterexperten, Airbus-Pöbel-Beauftragter, Fortnite

1. “Frei erfunden”? Jörg Kachelmann streitet mit dem rbb übers Wetter
(uebermedien.de, Constantin Pläcking)
Wenn im Wetterbericht von “aktuellen Temperaturen” die Rede ist, gehen viele davon aus, es handele sich um tatsächlich erhobene, also gemessene Daten. Oftmals basieren die Werte jedoch nicht auf Messstationen, sondern werden rechnerisch per Interpolation erhoben. Über die Seriosität dieser Methode ist zwischen Meteorologe Jörg Kachelmann und dem rbb ein heftiger Streit entbrannt. Constantin Pläcking von der Initiative für glaubwürdiges Radio “Fairradio” sortiert auf “Übermedien” Positionen und Argumente.

2. Warum wir vom “sogenannten Wirtschaftsnobelpreis” sprechen
(deutschlandfunk.de, Tanja Köhler)
Dieser Tage wurde in den Medien viel über die Verleihung des “Wirtschaftsnobelpreises” berichtet. Das Problem: Einen “Wirtschaftsnobelpreis” gibt es nicht. Es handelt sich vielmehr um einen Preis, der parallel zu den Nobelpreisen verliehen wird. Anlass für den Deutschlandfunk, einige grundsätzliche Überlegungen zur Nachrichtensprache anzustellen. Und im konkreten Fall? Da spricht man lieber vom “sogenannten Wirtschaftsnobelpreis”.

3. Airbus’ Lobby-Chef bedroht Aktivisten
(taz.de, Malte Kreutzfeld)
Auf Twitter kam es zu einem irritierenden Pöbelanfall des PR-Chefs Public-Affairs-Chefs von Flugzeughersteller Airbus: Der Öffentlichkeitsarbeiter Lobbyist bedrohte und beleidigte Aktivistinnen und Aktivisten der Klimaschutzbewegung Extinction Rebellion. Sie mögen sich ihm besser nicht in den Weg stellen. Bei einer Blockade würde er “alles tun, was nötig sei”. In weiteren Tweets verglich er die bislang stets friedlich auftretenden Klimaschützer mit Nazis und antwortete einem Kritiker mit: “Komm her, wenn Du Eier hast”.
Nachtrag: Bei der “taz” hieß es zuerst, es handele sich um den PR-Chef von Airbus. Das hatten wir hier so übernommen. Inzwischen hat die Redaktion sich korrigiert: Es handelt sich um den Verantwortlichen für “die sogenannten Public Affairs des Konzerns in Deutschland — das sind die Kontakte zu Regierungen, Parteien und politischen Organisationen, also die Lobby-Aktivitäten des Unternehmens.”

4. Sprachverschmutzung: “Ethnische Säuberung”.
(kohlenspott.de, Lothar Lange)
Kohlen(s)pott-Blogger Lothar Lange ist entsetzt, dass in einem Interview bei Tagesschau.de in Zusammenhang mit der Vertreibung der Kurden von einer “ethnischen Säuberung” die Rede ist: “Wie verroht muss man sein, wenn man die gewaltsame Vertreibung von Menschen, die sie in unvorstellbar größte Ängste und Nöte bringt, als “Säuberung” bezeichnet — wie das Entfernen von Schmutz, Dreck oder Müll? Menschendreck also? Wie kann man es zulassen, dass sich ein solch menschenverachtender Begriff, wie “Ethnische Säuberung” so etablieren konnte?”

5. Wie Klaus Hermann und Christoph Dichand …
(twitter.com/florianklenk)
“Falter”-Chefredakteur Florian Klenk ist in einer Kolumne der österreichischen “Kronen Zeitung” auf unsägliche Weise angegriffen und beleidigt worden. Nun haben sich die “Kronen”-Chefs in einem Schriftstück hinter ihre Austria-Version des “Bild”-Kolumnisten Franz Josef Wagner gestellt. Und mit weiteren Angriffen nachgelegt.

6. Einfach mal selbst abschalten
(sueddeutsche.de, Jürgen Schmieder)
Spielehersteller Epic habe im vergangenen Jahr stolze drei Milliarden Dollar Profit erwirtschaftet. Ein großer Teil davon beruhe auf dem Erfolg des mittlerweile 250 Millionen Mal heruntergeladenen Spiels Fortnite. Angesichts des wirtschaftlichen Erfolgs ist es besonders bemerkenswert, wenn auf einmal die Spieleserver nicht erreichbar sind. Doch es spricht einiges dafür, dass Epic die Zwangspause aus Kalkül eingelegt hat, wie Jürgen Schmieder in der “Süddeutschen” berichtet.

Nicht gerade “The Best” Recherche

Man würde doch meinen, dass Redaktionen etwas vorsichtig sind und Distanz wahren, wenn bei “Betrugsvorwürfen” und angeblichen “Unregelmäßigkeiten” eine der zentralen Quellen ein Twitter-Account ist, der vor wenigen Tagen noch nicht existierte, der weder vor noch nach dem Tweet, auf dem die aktuelle Aufregung basiert, irgendetwas veröffentlicht hat, dem gerade mal 15 andere Accounts folgen und der nicht offiziell von Twitter verifiziert ist. Würde man meinen.

Sudan-Coach Zdravko Logarusic twitterte ein Foto seines Stimmzettels, auf dem das Erststimmen-Kreuz neben dem Namen des Ägypters Mohamed Salah vom FC Liverpool gesetzt ist. Laut der offiziellen Fifa-Liste ging die Stimme jedoch an Messi.

… schreibt die dpa heute.

Es geht um eine Wahl des Weltfußballverbands FIFA, die am Montag stattfand und bei der Trainer, Spieler, Journalisten und Fans “The Best” wählen konnten. Bei den Männern gewann der Argentinier Lionel Messi. Auch Zdravko Logarusic, Nationaltrainer des Sudan, durfte abstimmen. Laut offizieller FIFA-Liste (PDF) stimmte er mit seiner Erststimme für Messi, mit seiner Zweitstimme für Virgil van Dijk und mit seiner Drittstimme für Sadio Mané.

Vorgestern tauchte allerdings ein Tweet auf, in dem ein Zdravko Logarusic behauptet, gar nicht für Messi, van Dijk und Mané gestimmt zu haben, sondern für Mohamed Salah, Mané und Kylian Mbappé.

Weil viele Redaktionen die Meldungen der dpa automatisch übernehmen, steht die oben zitierte Passage, in der keinerlei Zweifel daran besteht, dass diese Aussage wirklich von Logarusic stammt, nun etwa bei Süddeutsche.de, FAZ.net, NOZ.de und NZZ.ch. Unabhängig von der dpa berichtete “Sport Bild” bereits gestern und berief sich dabei auf den angeblichen Logarusic-Tweet. Und auch Bild.de schreibt über die “Betrugsvorwürfe”:

Screenshot Bild.de - Betrugsvorwürfe von Trainer und Spieler - Hat die FIFA Messi zum Weltfußballer geschummelt?

Zudem wirft Sudan-Trainer Lugarisic dem Weltverband vor, dass sein veröffentlichter Stimmzettel nicht dem entspreche, was er tatsächlich gewählt habe. Auch Lugarisic will Salah auf Platz 1 gewählt haben. Mit einem Foto seines Stimmzettels, das er bei Twitter postete, will er das beweisen. In der Fifa-Auflistung unter seinem Namen auf Platz 1: Lionel Messi.

Es ist zweifelhaft, ob hinter dem Twitter-Account tatsächlich Zdravko Logarusic steckt. Wie bereits erwähnt, ist er erst im September 2019 erstellt worden, offenbar nur für diesen einen Tweet, der nun überall zitiert und eingebettet wird. Schaut man sich das Foto von dem Stimmzettel, das Logarusic getwittert haben soll und das Bild.de auf der Startseite zeigt, etwas genauer an, fallen einem Merkwürdigkeiten auf: Es sieht so aus, als seien in den Kästchen bei Lionel Messi, Virgil van Dijk und Sadio Mané — also bei der offiziellen Erst-, Zweit- und Drittstimme von Logarusic — mal Kreuze gewesen, die wegretuschiert wurden:

Screenshot einer Nahaufnahme des Stimmzettels von Logarusic
(Draufklicken für größere Version.)

Inzwischen haben auch manche Redaktionen mitbekommen, dass mit dem Twitter-Logarusic etwas nicht stimmen könnte. Bei n-tv.de beispielsweise steht nun unter der dpa-Meldung:

In einer früheren Version dieser Meldung haben wir einen vermeintlichen Tweet des Nationaltrainers des Sudans, Zdravko Logarusic, eingebettet. Darin war ein Foto eines Stimmzettels zu sehen, das eine Wahlmanipulation suggerieren sollte. Da weder die Echtheit der Behauptung noch des Fotos bewiesen sind, haben wir uns dazu entschieden, beides zu entfernen. (Anm.d.Red.)

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Nachtrag, 28. September: Die dpa hat auf unseren Beitrag reagiert und wie folgt dazu Stellung genommen:

Wir haben unsere Berichterstattung überprüft und berichtigt. Zwar soll der sudanesische Nationaltrainer sich in gleicher Weise auch beim TV-Sender Al Arabija geäußert haben. Es bestehen aber so erhebliche Zweifel an der Echtheit des Accounts, dass wir die Berichterstattung korrigiert haben.

Nachtrag, 29. September: Wir konnten inzwischen Zdravko Logarusic per Telefon erreichen und mit ihm bei WhatsApp schreiben. Auf unsere Frage, ob der Twitter-Account @ZLogarusic sein eigener ist, sagte er: “No, I never use Twitter.”

Über die FIFA-Wahl und seinen Stimmzettel wollte Logarusic noch nicht mit uns sprechen, da es dazu nach seiner Aussage am heutigen Sonntag noch eine Besprechung mit dem sudanesischen Fußballverband geben soll, die er abwarten möchte.

Letztes Geschäft, Drölfzig Studientote, Konsensverschiebung

1. “Letztes Geschäft im Existenzkampf einer Zeitung”
(deutschlandfunk.de, Michael Bürgers)
“Warum berichtet “Bild” über die Speiseplan-Änderung in zwei von 56.000 Kitas in Deutschland?”, fragte der frühere CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz auf Twitter und war mit dieser Frage nicht allein. Auch wir befassten uns hier im BILDblog mit der Thematik. Der “Deutschlandfunk” hat unter anderem mit dem Politikberater und ehemaligen “Bild am Sonntag”-Chef Michael Spreng über den Fall gesprochen. Man könne laut Spreng den “Existenzkampf einer Zeitung, ein letztes Geschäft zu machen”, erleben. Sein ehemaliger Arbeitgeber sei zur “Vorfeldorganisation der AfD” geworden.

2. Nachbeben
(sueddeutsche.de, Adrian Lobe)
Immer mehr Redaktionen bedienen sich automatisierter Schreibprogramme, doch der sogenannte Roboterjournalismus hat seine Tücken. So rutschte der “LA Times” 2017 eine Falschmeldung von einem Erdbeben in Los Angeles durch, das eigentlich 92 Jahre zuvor stattgefunden hatte. Auch im Wirtschaftsjournalismus vertraut man zunehmend den automatisierten Meldungen. Auch hier können Fehler dramatische Folgen haben: “Kaum vorstellbar, was passieren würde, wenn ein Nachrichtenscanner an der Börse die Falschmeldung eines Schreibroboters verarbeiten würde — und infolgedessen der Aktienkurs einbricht. Im Hochfrequenzhandel führen sogenannte Algo-Trader Transaktionen in Mikrosekunden aus. So schnell, wie diese Maschinen operieren, kann keine Meldung korrigiert werden.”

3. Taten und Worte
(zeit.de, Christian Fuchs)
Christian Fuchs schlägt einen historischen Bogen vom Rechtsextremismus der Neunziger bis in die Jetztzeit mit dem Aufstieg der Neuen Rechten. Deren Strategen würden an einer Konsensverschiebung arbeiten und sich dabei eines Medien-Ökosystems aus mehr als 35 Zeitungen, Blogs, Magazinen, YouTube-Kanälen und einem Radiosender bedienen. Fuchs kennt sich in diesem Bereich besonders gut aus und hat mit Paul Middelhoff das Buch “Das Netzwerk der Neuen Rechten” verfasst. Sein Appell: “Gewaltverherrlichende, einschüchternde und abwertende Äußerungen dürfen nirgends unwidersprochen bleiben. Wenn Politiker und Bürger nicht klare Kante gegen Rassismus und Menschenfeindlichkeit zeigen, werden die Schüsse von Wächtersbach und Kassel nicht die letzten gewesen sein.”

4. Worte als Taten
(kontextwochenzeitung.de, Rainer Jedlitschka)
In der Buchreihe “Täter, Helfer, Trittbrettfahrer” geht es um NS-Belastete aus dem heutigen Baden-Württemberg. Ein Kapitel des zuletzt erschienenen Bands widmet sich Giselher Wirsing, dem Star-Journalisten des “Dritten Reichs”. “Kontext” veröffentlicht das gekürzte Kapitel über den Mann, dessen Karriere nach dem Krieg als Chefredakteur von “Christ und Welt” weiterging.

5. Kann eine Ex-AfDlerin uns wirklich etwas über Meinungspluralität beibringen?
(jetzt.de, Berit Dießelkämper)
“Funk” nennt sich das Bündel von öffentlich-rechtlichen Youtube-Kanälen für junge Leute. Seit vier Monaten bespielt dort auch Ex-AfDlerin Franziska Schreiber ihren eigenen Kanal und hat es auf immerhin 15.000 Abonnenten gebracht. Ein Format, das die Journalistin und Politikwissenschaftlerin Berit Dießelkämper für problematisch hält: “Braucht es wirklich eine ehemalige Anti-Demokratin, um uns Pluralismus zu lehren? Und vor allem: Ist das überhaupt Pluralismus?”

6. Drölfzig Menschen sterben jedes Jahr beim Lesen von Studien
(blog.wdr.de, Dennis Horn)
In den Jahren 2011 bis 2017 soll es laut einer indischen Studie 259 “Selfie-Tote” gegeben haben. Eine Meldung, die in den Sozialen Medien vom beömmelungssüchtigen Publikum mit allerlei Spott kommentiert wurde. Dennis Horn hat die Zahl in Relation gesetzt und kommt zu einem anderen Ergebnis: “Fast 0 Prozent aller Selfie-Aufnahmen gehen tödlich aus.”

Qualität der Recherche? Fucking miserable.

Ende Mai ging eine Nachricht um die Welt. Angefangen beim “Guardian”, drehte sie schnell auch in deutschsprachigen Medien ihre Runde: Sie erschien unter anderem bei Stern.de, der “Berliner Zeitung”, dem “Kölner Stadtanzeiger”, dem “Berliner Kurier”, dem “Express”, der “Mopo”, bei “Focus Online”, Woman.at, Heute.at, Kurier.at, Kosmo.at, Wienerin.at, Diepresse.com, Bunte.de, Watson.de, Web.de, Businessinsider.de, Gmx.de, Yahoo.de, Infranken.de, Elle.de, Freundin.de, RTL.de — nämlich:

Collage aus Schlagzeilen: Frauen sind ohne Ehepartner und Kinder glücklicher; Unverheiratete und kinderlose Frauen sind die glücklichsten Menschen, sagt ein Verhaltensforscher; Unverheiratete, kinderlose Frauen sind am glücklichsten; Kinderlos glücklich: Frauen leben ohne Ehepartner und Kinder glücklicher; Frauen sind ohne Mann und Kind glücklicher; Experte erklärt: Frauen ohne Mann und Kind sind am glücklichsten, Singles aufgepasst: Ohne Mann und Kind sind Frauen am glücklichsten; Laut Studie: Frauen sind glücklicher ohne Ehemann oder Kinder; Von wegen Heirat und Kinder: Experte berichtet, warum Single-Frauen am glücklichsten sind; Frau, Single, kinderlos, glücklich!; Studie: Deshalb sind unverheiratete, kinderlos Frauen so glücklich; Laut Experte: Frauen sind ohne Kinder und Ehepartner glücklicher; Verhaltensforscher: Unverheiratete und kinderlose Frauen sind am glücklichsten; verhaltensforscher: Unverheiratete Frauen ohne Kinder sind am glücklichsten; Studie: Sind Single-Frauen ohne Kinder am glücklichsten?; Studienauswertung zeigt: Kinderlos und unverheiratet? Gut - denn dann bist du glücklicher als andere Frauen!; Verhaltensforschung enthüllt: Diese Frauen sind am glücklichsten; Verhaltensforscher: Frauen sind ohne Kinder oder Ehepartner glücklicher

In den Artikeln geht es um Aussagen des Verhaltensforschers Paul Dolan. Der bewirbt gerade sein neues Buch und wirft deshalb bei jeder Gelegenheit mit knackigen Thesen um sich. Vor allem mit jener, dass unverheiratete, kinderlose Frauen am gesündesten und glücklichsten seien. Verheiratete Frauen hingegen seien weniger glücklich und würden sogar früher sterben. Außerdem:

Verheiratete Menschen sind glücklicher als andere Bevölkerungsuntergruppen, aber nur dann, wenn ihr Ehepartner im Zimmer ist, wenn sie gefragt werden, wie glücklich sie sind. Wenn der Ehepartner nicht anwesend ist: verdammt elend.

Oder im Original:

Married people are happier than other population subgroups, but only when their spouse is in the room when they’re asked how happy they are. When the spouse is not present: fucking miserable.

Spätestens an dieser Stelle wurde ein anderer Forscher, Gray Kimbrough von der American University’s School of Public Affairs, stutzig.

Kimbrough hat in seiner Arbeit oft mit den Daten des “American Time Use Survey” (ATUS) zu tun — den gleichen Daten, aus denen Dolan auch seine knackigen Thesen abgeleitet hat. Und so fiel Kimbrough sofort auf, dass Dolan einen peinlichen Fehler gemacht hatte: In der ATUS-Umfrage gibt es eine Kategorie, die “spouse absent” (“Ehepartner abwesend”) heißt. Daraus wurde dann bei Dolan (und schließlich in den Medien), dass verheiratete Menschen nur dann glücklich seien, wenn ihr Ehepartner während der Befragung “im Zimmer ist”, und dass es ihnen “fucking miserable” gehe, wenn er nicht im Zimmer ist. Das ist aber völliger Blödsinn. “Spouse absent” ist einfach die Kategorie für Befragte, die zwar noch verheiratet sind, aber nicht mehr im selben Haushalt leben.

Dolan selbst hat den Fehler inzwischen eingeräumt, der “Guardian” hat ihn nun auch korrigiert. Die deutschsprachigen Medien nicht.

Diese Stelle war jedoch nicht das einzige Problem. Auch die anderen Thesen Dolans “fallen schon nach einem flüchtigen Blick auf die Daten auseinander”, kritisiert Kimbrough. So ergibt sich aus den ATUS-Daten beispielsweise diese Tabelle:

Tabelle: Mean happiness rating on a scale of 0 to 6 - Men Never Married No Kids: 4.1, Men Never Married Kids: 4.2, Men Married No Kids: 4.3, Men Married Kids: 4.3, Women Never Married No Kids: 4.2, Women Never Married Kids: 4.4, Women Never Married Kids: 4.4, Women Married No Kids: 4.4, Women Married Kids: 4.4

Und wie man sieht, sind nicht die unverheirateten, kinderlosen Frauen am glücklichsten. Auch nach ihrem Alter betrachtet liegen Verheiratete auf der Happiness-Skala nahezu durchgehend über den Nie-Verheirateten:

Das ist so ziemlich genau das Gegenteil von dem, was Dolan und mit ihm etliche Medien behaupten. Dolan selbst ist immerhin ein kleines bisschen zurückgerudert. Von den Journalisten aber, die, statt selber zu recherchieren, einfach voneinander abgeschrieben haben, hat vermutlich nicht mal jemand gemerkt, was für einen Quatsch sie da verbreiten.

Mit Dank an Benjamin für den Hinweis!

Siehe auch:

Nachtrag, 20. Juni: Stern.de hat den Artikel nun komplett überarbeitet.

FPÖ und die “Folgen”, Paywall-Links, Kriminalität: das Böse und wir

1. “Etwas, das nicht ohne Folgen bleiben kann”
(arminwolf.at)
Österreichs rechtspopulistische FPÖ hat sich auf den ORF-Journalisten Armin Wolf eingeschossen. Wolfs “Vergehen”: Er hatte den FPÖ-Spitzenkandidaten für die EU-Wahl, Harald Vilimsky, zu einem rassistischem Plakat der FPÖ-Jugendorganisation befragt. Bereits während des Interviews hatte Vilimsky dafür “Folgen” angekündigt. Im Nachgang echauffieren sich nun weitere FPÖ-Politiker. Außerdem verlangt man lautstark die Entlassung Wolfs.

2. Sind Tweets, in denen auf eine Paywall verlinkt wird, kennzeichnungspflichtig?
(internet-law.de, Thomas Stadler)
Oft verlinken Journalisten und Medien in Tweets und Postings eigene Inhalte, ohne darauf hinzuweisen, dass es sich um Bezahlartikel hinter einer Paywall handelt. Dies ist nach Ansicht des IT-Rechtlers Thomas Stadler nicht zulässig. Es müsse ausreichend deutlich gemacht werden, dass es sich um kommerzielle beziehungsweise werbliche Hinweise handelt.

3. Und das Netz vergisst doch: Die Utopie vom ewigen Speicher
(nzz.ch, Felix Simon)
Das angeblich niemals vergessende Internet habe ein Archivproblem: Es gebe keine zentrale Stelle für die Archivierung von Inhalten, die Gefahr des “digitalen Gedächtnisschwundes” drohe. Vor allem Medienhäuser seien hier in der Pflicht, allerdings würden sie oftmals Aufwand und Kosten scheuen. Felix Simon kommentiert: “Der Gedanke an Archive mag nicht so “sexy” sein wie Vorstellungen von der schönen neuen Welt digitaler Möglichkeiten. In Zeiten, in denen die Presse mit ganz anderen Problemen zu kämpfen hat, ist er nicht weit oben auf der Agenda. Doch ohne verlässliche Archive riskieren wir nicht nur, dass bestimmte Versionen der Geschichte später die Oberhand gewinnen, wenn es nichts gibt, mit dem sie korrigiert werden können — wir riskieren auch, dass die historischen Wissenslücken, die sich zwangsläufig in Zukunft auftun werden, noch grösser sind als die der Vergangenheit.”

4. Vorschau in die Vergangenheit: Geschlechterverteilung auf dem Buchmarkt
(einfacherdienst.de)
Der Anteil an Autorinnen im Sachbuch-Bereich führender Verlage liegt bei gerade mal 20 Prozent. Dies ergibt eine Auswertung der Verlagsvorschauen für den Frühling 2019. Einziger Trost: Bei Romanen sieht es mit 42 Prozent deutlich besser aus.
Dazu ein Lesetipp aus dem Jahr 2015: Frauen auf dem Buchmarkt: Es sich selbst machen (taz.de, Fatma Aydemir).

5. Das Böse und wir
(zeit.de, Tonio Walter)
Obwohl die Zahl der Gewalttaten heute deutlich niedriger ist als vor zwanzig Jahren, sind viele Menschen vom Gegenteil überzeugt. Dies liege auch daran, wie Polizei und Medien berichten. Strafrechtsprofessor Tonio Walter erklärt, warum keinesfalls alles immer schlimmer wird und warum volle Gefängnisse die Kriminalität erhöhen. Es geht um Beobachterfehler, Untergangsempfinden und selektive Erinnerung.

6. Die netzpolitischen Highlights auf der re:publica 2019
(netzpolitik.org, Markus Beckedahl)
Nächsten Montag startet in Berlin die re:publica, Europas größte Konferenz rund um Digitalisierung und Internet. Das Angebot umfasst etwa 600 Sessions mit 1000 Sprechern und Sprecherinnen. Mitgründer Markus Beckedahl von netzpolitik.org hat eine Auswahl lohnenswerter Veranstaltungen mit dem Fokus “Netzpolitik” getroffen. 
Hinweis in eigener Sache: Wir vom BILDblog sind in Berlin auch dabei: Am Montag, 6. Mai, um 20 Uhr starten wir auf Stage 2 zu einem wilden Ritt durch 15 Jahre “Bild”- und Boulevardbeobachtung, mit den übelsten Kampagnen, der schlimmsten Hetze und dem falschesten Katzenbenzin.



Fakten ignorieren für die Hetzschlagzeile

Heute mal wieder große Panik auf der “Bild”-Titelseite:

Ausriss Bild-Titelseite - Justiz ignorierte Tausende Hinweise auf Kriegsverbrecher unter Flüchtlingen

In der Flüchtlingskrise sind Tausende Hinweise auf mögliche Kriegsverbrecher unter den Asylsuchenden unbearbeitet liegen geblieben!

… schreibt “Bild”-Chefreporter Peter Tiede: Es seien allein vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) etwa 5000 solcher Hinweise an die ignorierende Justiz, ans ignorierende Bundeskriminalamt, an den ignorierenden Generalbundesanwalt gegangen. Doch …

Doch nur in 129 Fällen wurden Ermittlungen begonnen! Das geht aus der Antwort des Innenministeriums auf eine FDP-Anfrage hervor (liegt BILD vor).

Die Zahlen mögen so stimmen. Was Tiede und “Bild” daraus machen, ist aber eine mittlere Katastrophe. Fangen wir mit dem kleinsten Fehler an, den Tiede in seinem Text untergebracht hat. Er schreibt:

Von 2014 bis Anfang 2019 gab das Bundesamt für Migration (BAMF) demnach etwa 5000 Hinweise auf “Straftaten nach dem Völkerrecht” an Bundeskriminalamt und Generalbundesanwalt weiter. Von anderen Stellen kamen 2000 Hinweise.

Tatsächlich sind es nicht 2000 Hinweise von anderen Stellen, sondern, so steht es in der Antwort des Innenministeriums, auf das sich Tiede bezieht, 200. Gut, die eine Null. Bei Bild.de haben sie diesen Fehler inzwischen immerhin korrigiert.

Deutlich schwerwiegender ist das Wort “ignorierte” in der Schlagzeile. Tiedes Rechnung dazu — Tausende Hinweise minus 129 Fälle mit Ermittlung gleich Behördenversagen — ist schlicht zu simpel. Man kann diese zwei Größen nicht einfach gegeneinanderrechnen. Denn erstens bedeutet die Differenz zwischen den zwei Zahlen nicht automatisch, dass etwas “ignoriert” wurde oder “liegen geblieben” ist: Nicht jeder Hinweis taugt zwingend für eine Ermittlung. Schließlich sind, zweitens, die Hinweise, die Asylsuchende bei der Befragung in ihrem Asylverfahren geben können, qualitativ extrem unterschiedlich. Ronen Steinke erklärt das gut bei Süddeutsche.de:

Es gilt, folgende Frage zu beantworten, wenn ein Mensch aus Syrien oder dem Irak kommt: “Waren Sie selbst Augenzeuge, Opfer oder Täter von begangenem Völkermord, Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit; Übergriffen (Folter, Vergewaltigungen oder andere Misshandlungen) von kämpfenden Einheiten auf die Zivilbevölkerung; Hinrichtungen bzw. Massengräbern oder Einsätzen von Chemiewaffen?” Wird dies mit Ja beantwortet, zählt das als “Hinweis”. Auch wenn es kein Geständnis eigener Schuld ist. Sondern oft nur eine Angabe als Zeuge oder Opfer. Das Bamf unterteilt diese vielen “Hinweise” in fünf Kategorien. Kategorie 1 ist aus Sicht der Strafverfolgung das beste. In diese Kategorie fallen “namentliche Hinweise auf in Europa oder Deutschland befindliche Täter von Kriegsverbrechen”. (…)

Meist fallen die Bamf-Hinweise eher in die Kategorie 2: Der Flüchtling hat Namen genannt, aber keine konkreten Vorwürfe, nach denen sich ermitteln ließe. Oder Kategorie 3: Konkrete Vorwürfe, aber keine Namen. Einen großen Anteil, so heißt es unter Strafverfolgern, mache Kategorie 5 aus: Jemand berichtet als Zeuge von einer Gräueltat in Syrien oder dem Irak — ohne dass es aber einen Bezug zu Personen gäbe, die sich derzeit in Deutschland aufhalten. Mit vielen der 5000 Bamf-Hinweise konnten die Ermittler daher nicht weit kommen.

Diese Definition, was beim Bamf als “Hinweis” gilt, macht dann auch gleich den zweiten gravierenden Fehler in der “Bild”-Überschrift deutlich: Es handelt sich nicht um “Tausende Hinweise auf Kriegsverbrecher unter Flüchtlingen”, sondern um Tausende Hinweise auf Kriegsverbrecher von Flüchtlingen.

Aber mit solchen Feinheiten machen sie bei “Bild” eben genau das, was sie anderen so gerne vorwerfen: ignorieren.

Nachtrag, 8. März: Noch ein, zwei Gedanken zu den “Hinweisen auf Kriegsverbrecher”: 5000 Hinweise bedeuten nicht automatisch, dass es sich um 5000 Kriegsverbrecher handelt (und schon gar nicht um 5000 in Deutschland untergetauchte Kriegsverbrecher). Die Zahl sagt erstmal nur, dass es 5000 Hinweise gab. Es können sich mehrere Hinweise auf dieselbe Person beziehen, genauso kann sich ein Hinweis auf eine Personengruppe beziehen. Bei manchen Hinweisen ist, siehe oben, auch gar nicht klar, auf wen sie sich beziehen.

Natürlich ist es gut möglich, dass sich unter den Flüchtlingen, die nach Deutschland gekommen sind, Kriegsverbrecher befinden. Darüber sagt die Zahl, die “Bild” auf der Titelseite in Spiel gebracht hat, aber nichts aus. Der Großteil der möglichen Kriegsverbrecher soll sich im Ausland aufhalten, meist noch dort, wo das Kriegsverbrechen stattfand (siehe das “heute journal” von gestern, ab Minute 9:20).

Und noch zum Vorwurf, die Justiz ignoriere die Hinweise: Bundesinnenminister Horst Seehofer widersprach “Bild” und sagte, die Hinweise seien “nicht einfach von den Sicherheitsbehörden abgelegt worden, sondern natürlich geprüft worden”.

Nachtrag 2, 8. März: “Bild” berichtet heute noch einmal über die “Hinweise auf Kriegsverbrecher”. Doch nicht etwa in einer Korrektur — Chefreporter Peter Tiede wiederholt den Unsinn einfach noch mal.

Spiele aus der Clickbait-Hölle: Wenn Leser “smart” getäuscht werden

Für die Ippen-Digital-Zentralredaktion ist das alles ein Spiel.

Eigentlich ist es doch ein Spiel.

Und es gibt wirklich smarte Lösungen, die in ein Spiel mit dem Leser eintreten.

In vielen Bereichen muss man einfach spielen und ausprobieren.

Ich habe ein Problem mit handwerklichen Fehlern in den Überschriften. Aber nicht mit dem spielerischen Umgang mit dem Leser.

Gleich viermal sprach Thomas Kaspar, bis vor Kurzem Co-Chefredakteur der Ippen-Digital-Zentralredaktion, vor gut einem Jahr in einem Interview mit “kress” von einem “Spiel”. Worum es ging: Clickbaiting.

Die Auseinandersetzung mit den Klick-Impulsen und der Nachhaltigkeit durch solche Klicks ist Teil des Online-Geschäfts. Aber Achtung: Es gibt einfach sehr schlechte Lösungen. Man kann eben nicht mehr zum 50. Mal schreiben: “Du wirst nicht glauben, was Gaby erlebt hat…” Und es gibt wirklich smarte Lösungen, die in ein Spiel mit dem Leser eintreten.

Und diese “smarten Lösungen” sehen bei der Ippen-Digital-Zentralredaktion, einem Netzwerk aus 50 Online-Portalen (unter anderem Merkur.de, tz.de, HNA.de), zum Beispiel so aus:

Screenshot Merkur.de - Schweres Unglück - Schüsse bei Autobahnbrücke

Wer glaubt, dass es hier zu einem tödlichen Schusswechsel mit Polizeibeteiligung kam, irrt. Die Meldung von Merkur.de basiert auf einer Meldung von extratipp.com (ebenfalls Ippen), die auf einer Meldung der “Hessenschau” basiert, die auf einem Tweet der Polizei Südhessen basiert. Darin wird mitgeteilt, dass ein Polizist, der bei einem Autounfall (!) eines Streifenwagens über zwei Wochen vorher schwer verletzt wurde, gestorben ist. Was das Ganze mit Schüssen zu tun hatte? Grund des Einsatzes waren nahe der Autobahn gemeldete Schüsse, die sich nachträglich als Teil einer angemeldeten Jagd herausgestellt hatten.

Weder in der Überschrift noch im Teaser noch im ersten Absatz wird das deutlich, im Gegenteil: Die Redaktion erweckt gezielt den falschen Eindruck, der Polizist sei durch Schüsse ums Leben gekommen — formuliert aber alles so, dass es technisch gesehen nicht falsch ist. Vielleicht ist es das, was die Chefredaktion so “smart” daran findet.

Die Irreführung hat jedenfalls System. So erschien (ebenfalls gestern) in den Ippen-Portalen dieser Artikel:

Screenshot HNA.de - Durchsuchungen - Schüsse peitschen aus fahrenden Autos - Hochzeit eskaliert

Wer bei dieser Überschrift eine Schießerei unter Hochzeitsgästen vermutet, irrt zwar, aber es kam immerhin zu Schüssen in die Luft aus Schreckschusspistolen. Die Pressemeldung der Polizei, auf der der Text basiert, war bei Erscheinen der HNA.de-Meldung schon fünf Tage alt und bezog sich darauf, dass im Rahmen der Ermittlungen Durchsuchungen stattfanden. Der eigentliche Vorfall, die aus fahrenden Autos peitschenden Schüsse, war schon vor fast einem Monat, was man aber erst nach mehreren Absätzen erfährt — und was für die Ippen-Medien kein Hindernis war, das Ganze nochmal groß zu melden.

Inzwischen wurde die Überschrift übrigens korrigiert geändert:

Screenshot HNA.de - Durchsuchungen - Hochzeit eskaliert: Schüssel fallen aus fahrenden Autos auf Autobahn

Ebenfalls gestern erschienen:

Screenshot extratipp.com - Millionenschaden in Bad Homburg - Nach Flammen-Hölle auf Reiterhof: Polizei hat dunklen Verdacht

Die Polizei habe einen “dunklen Verdacht”, heißt es da. Und:

Ursache des Feuers bekannt, Polizei spricht über Brandstiftung

Der “dunkle Verdacht” wird (wenn man sich bis dahin durchgekämpft hat) am Ende des Artikels konkretisiert:

Update 02.03.2019, 10.05 Uhr: Jetzt haben die Behörden einen dunklen Verdacht: Nachdem am gestrigen Freitag die Brandursache bekannt geworden ist — offenbar ein elektrischer Defekt –, spricht die Polizei inzwischen über Brandstiftung. Die könne, so ein Sprecher gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, aufgrund der bisherigen Ermittlungen weitgehend ausgeschlossen werden.

Brandursache ist also wohl, wie die Polizei schon am Freitag als vorläufige Erkenntnis mitteilte, ein elektrischer Defekt, und die Polizei spricht über Brandstiftung, indem sie diese weitgehend ausschließt, und das ist, tata, ein dunkler Verdacht der Polizei!

Als der (inzwischen alleinige) Chefredakteur der Ippen-Digital-Zentralredaktion Markus Knall im vergangenen Jahr von “Übermedien” auf den Vorwurf des Clickbaitings angesprochen wurde, sagte er noch:

Ich finde ‘Clickbait’-Überschriften super. Journalisten, die es schaffen, mit guten Zeilen Leser in ihre Texte zu ziehen, beherrschen ihr Handwerk. Was aber nie passieren darf, ist eine Produktenttäuschung: Die Erwartung, die ich in Überschriften wecke, muss im Text auch erfüllt werden.

Aber was soll’s. Ist ja eh nur ein Spiel.

Mit Dank an Klaus für den Hinweis!

“Bild” lässt WDR Bernd Stelter zensieren

Flachwitzeerzähler Bernd Stelter machte neulich bei einer Karnevalssitzung Bernd-Stelter-Flachwitze über den Doppelnamen der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer. Eine Frau im Publikum, die ebenfalls einen Doppelnamen tragen soll, ärgerte sich darüber, ging auf die Bühne und geigte Stelter die Meinung. Diese Kleinigkeit wurde zu einer ziemlich großen Sache, vor allem in den sozialen Netzwerken.

Am 4. März steht die Ausstrahlung dieser Karnevalssitzung im Ersten an. Von der Frau wird dabei aber nichts zu sehen sein: Der WDR hat ihren Bühnenbesuch im Schnitt rausgenommen (wie auch viele weitere Passagen der zwei jeweils sechsstündigen Sitzungen, die auf insgesamt 3:15 Stunden gekürzt werden mussten), auch weil dieser “in vielen Teilen akustisch in der Aufzeichnung nicht hörbar und teilweise unverständlich” sei.

“Spiegel Online” schrieb dazu gestern bei Twitter:

Screenshot eines Tweets von Spiegel Online - Der WDR hat entschieden: Der Doppelnamen-Witz wird in der Ausstrahlung am Rosenmontag nicht zu sehen sein.

… was nicht stimmt und was die Redaktion später korrigierte. Stelters Auftritt wird samt Witz zu Kramp-Karrenbauers Doppelnamen im Ersten zu sehen sein. Dazu soll es ein eingeblendetes Laufband mit Infos zu dem Vorfall mit der Frau geben.

“Bild” macht es in der heutigen Ausgabe noch falscher. Das Blatt behauptet, Stelter sei komplett aus der Sendung geschnitten worden, und schreibt von Zensur:

Ausriss Bild-Zeitung - WDR zensiert Bernd Stelter - Komiker Bernd Stelter (57) wird aus der Sendung Karneval in Köln (ARD, 4. März, 20:15 Uhr) geschnitten. Hintergrund: Bei der Aufzeichnung einer Karnevalssitzung hatte sich Stelter über Doppelnamen lustig gemacht. Einer Zuschauerin gefiel das gar nicht, sie konfrontierte ihn auf der Bühne. Der WDR begründete seine Entscheidung damit, dass die Aufzeichnung in vielen Teilen akustisch nicht hörbar und teilweise unverständlich gewesen sei.

Diese Leistung der “Bild”-Redaktion ist ebenfalls ein schlechter Witz.

Mit Fehlern kennt Bild.de sich aus

Am kommenden Sonntag werden in Los Angeles die Oscars verliehen, und bei Bild.de sind sie schon ganz aufgeregt:

Was nur wenige wissen: Die Gewinner stehen bereits fest!

“Nur wenige” — also all jene, die die Oscar-Vorberichterstattung von Bild.de in den Jahren 2018, 2014 und 2013 gelesen haben, in der jeweils stand, dass zwei bis drei Mitarbeiter der Prüfgesellschaft PricewaterhouseCoopers schon vorab die Gewinner kennen.

Die hatten auch Schuld an “DEM Oscar-Faux­pas im Jahr 2017”:

Damals händigten Brian Cullinan (59) und Martha Ruiz (46) einen falschen Umschlag aus und die Laudatoren Faye Dunaway und Warren Beatty verkündeten das erste Mal in der Oscar-Geschichte den falschen Gewinner. Und das auch noch in der Königs-Kategorie Bester Film! Für 23 Sekunden war damals “La La Land” der Film des Jahres. Obwohl die Juroren für “Moonlight” gestimmt hatten.

Das stimmt so nicht: Schon 1964 hatte der Sänger Sammy Davis Jr. einen falschen Gewinner verkündet. Als er den Preisträger der Kategorie “Beste adaptierte Musik” nennen sollte, nannte er John Addison für “Tom Jones”, obwohl der in dieser Kategorie gar nicht nominiert war — sondern in der folgenden, “Beste Original-Musik”. Schuld war auch damals ein verwechselter Umschlag:

Und auch die Behauptung von Bild.de, “La La Land” sei “für 23 Sekunden” der Film des Jahres gewesen, ist falsch. Es waren quälende 2 Minuten und 23 Sekunden (im Video von Minute 1:54 bis 4:17), bis klar war, dass “Moonlight” ausgezeichnet werden sollte:

Nachtrag, 21. Februar: Bild.de hat den Absatz unauffällig bereinigt:

Damals händigten Brian Cullinan (59) und Martha Ruiz (46) einen falschen Umschlag aus und die Laudatoren Faye Dunaway und Warren Beatty verkündeten den falschen Gewinner. Und das auch noch in der Königs-Kategorie Bester Film! Und so wurde „La La Land“ als Film des Jahres gekürt – obwohl die Juroren für „Moonlight“ gestimmt hatten.

Jetzt liest es sich halt so, als sei der Fehler damals gar nicht aufgefallen und nicht korrigiert worden …

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