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1. “45 Jahre DDR-Zeitungen online durchstöbern” (staatsbibliothek-berlin.de)
Unter der nicht ganz so handlichen Adresse zefys.staatsbibliothek-berlin.de/ddr-presse finden sich nun auch “alle Ausgaben der Jahre 1946-1990” von der DDR-Zeitung “Neues Deutschland”: “So kann man rasch ergründen, ob es auch im DDR-Sprachgebrauch ‘Volksschädlinge’ gab, welche Codes sich hinter ‘lang anhaltender stürmischer Beifall’ und ‘lebhafter Meinungsaustausch’ verbargen, wie Versorgungsmängel sprachlich in ein positives Licht gerückt wurden oder wer als treibende Kräfte bei Sabotageakten beschuldigt wurde.”
2. “Neue Deutsche Serien im Internet” (couchmonster.de, Denis Krah)
Es sei ein Fehler, anzunehmen, “dass es in Deutschland keine guten Autoren und Produktionsfirmen mit Ideen gibt”, schreibt Denis Krah. Er schlägt die Gründung einer unabhängigen Produktionsfirma vor, “die ihre Inhalte selbst im Netz via Stream und/oder Download verkauft und vermarktet.” Siehe dazu auch “Warum das Fernsehen keine Zukunft hat” (blog.barnabas-crocker.de).
4. “Als Knut Reinhardt und Alois Reinhardt plötzlich Brüder waren” (11freunde.de, Knut Reinhardt und Stephan Reich)
Wie eine Dortmunder Lokalzeitung 1992 zwei Fußballspieler zu Brüdern machte: “Im Artikel kam sogar eine Frau zu Wort, unsere angebliche Mutter, die sich in mehreren Zitaten über mich und Alois geäußert hatte – eine an den Haaren herbeigezogene Geschichte.”
Die neue niedersächsische Landesregierung möchte das sogenannte Sitzenbleiben, also die Wiederholung eines Schuljahrs wegen schlechter Leistungen, abschaffen. So stand es vor einer Woche in “Bild”.
Dekoriert war die Meldung mit einer Galerie berühmter Sitzenbleiber. Auf der Liste befanden sich unter anderem der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, der frühere Reichskanzler Otto von Bismarck, der Ex-Fußballprofi Mehmet Scholl und Johannes B. Kerner — also Menschen, die sonst nicht allzu viel gemein haben.
Diese und ähnliche Listen, die sitzengebliebenen Kindern womöglich als Trost dienen sollen, finden sich immer wieder in den Medien, wenn es um schlechte Schulleistungen geht.
Auch diese beiden sind häufig dabei — auch bei “Bild”:
Allein: Weder Klaus Wowereit noch Guido Westerwelle haben je eine “Ehrenrunde” gedreht.
Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin erklärte uns auf Anfrage, dass der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit mit 6 Jahren und 9 Monaten eingeschult worden sei und seine Schullaufbahn nach den regulären 13 Jahren mit dem Abitur abgeschlossen habe. Auch Guido Westerwelle, der sein Abitur mit nicht einmal 19 Jahren abgelegt hat, ist ganz normal 13 Jahre zur Schule gegangen, wie uns aus seinem Umfeld bestätigt wurde.
Aber woher stammen dann die Geschichten von den beiden vermeintlichen prominenten Sitzenbleibern? Die Suche nach dem Ursprung dieser Gerüchte gleicht einem Ausflug ins Spiegellabyrinth: Irgendjemand muss mal eine Liste veröffentlicht haben, von der seitdem alle anderen abschreiben. Bei t-online.de, das in der Wikipedia teilweise als Quelle fürs Sitzenbleiben angegeben ist, wird eine 2008 veröffentlichte Bildergalerie offenbar ständig überarbeitet (der im Oktober 2012 verstorbene Dirk Bach wird dort als “der erst kürzlich verstorbene Dirk Bach” anmoderiert).
Beim Presse- und Informationsamt des Landes Berlin konnte sich niemand so recht erklären, wie Klaus Wowereit auf diesen Listen gelandet sei. Man wolle jetzt aber gegen dieses Gerücht vorgehen. In der Online-Version des “Bild”-Artikels fehlt Wowereit inzwischen. Offenbar ein erster Erfolg auf einem langen Weg.
Manchmal sitzen auch wir vor den Arbeiten der “Bild”-Redaktion und wissen nicht, was wir sagen sollen. Wir könnten abermals den stellvertretenden “Bild”-Sportchef Walter M. Straten zitieren, der nach dem Suizid von Robert Enke gesagt hatte, seine Zeitung wolle künftig bei der Benotung von schlechten fußballerischen Leistungen sensibler vorgehen.
Aber womöglich spricht die Berichterstattung über die “Müllhalde Hoffenheim” (gemeint ist die Mannschaft der TSG Hoffenheim) auch für sich:
Arm und Milz werden selbst von schlechtesten Medizinstudenten nur selten verwechselt — das eine hängt beidseitig an den Schultern herunter, das andere liegt nur ein Pils von der Leber entfernt im Bauchraum. Insofern ist es auf den ersten Blick verwunderlich, wenn die Deutsche Presseagentur (dpa) eine solche Korrektur verschicken muss:
(Berichtigung: Milz statt Arm)
Spanischer Schiedsrichter verliert Milz nach Angriff eines Spielers
Valencia (dpa) – Ein brutaler Angriff auf einen 17 Jahre alten Fußball-Schiedsrichter hat in Spanien für große Empörung gesorgt. Der junge Referee ist bei einem Spiel von zwei Amateurteams in Burjassot bei Valencia so schwer verletzt worden, dass ihm die Milz entfernt werden musste. […]
Wobei die dpa selbst den Hinweis gibt, wie es dazu kommen konnte:
## Berichtigung
– Im Text wurde wegen eines Übersetzungsfehlers durchgehend berichtigt: Milz (statt Arm)
Und tatsächlich ist die Auflösung dann geradezu lächerlich naheliegend:
Diese Unterscheidung ist ganz hilfreich, wenn man im Urlaub zum Arzt muss. Oder wenn man das nächste Mal einen spanischsprachigenArtikel übersetzen muss.
Die meisten deutschsprachigen Online-Medien, die diesen Fehler übernommen hatten, haben inzwischen die korrekte Version online. Bei krone.at hat der junge Mann immer noch einen “Arm” verloren, beim “Südkurier” sicherheitshalber einfach beides:
Der junge Referee ist bei einem Spiel von zwei Amateurteams in Burjassot bei Valencia so schwer verletzt worden, dass ihm ein Arm amputiert werden musste. […]
Der Schiedsrichter verlor große Mengen an Blut und wurde in ein Krankenhaus gebracht.
Dort sahen die Ärzte keinen anderen Ausweg, als dem jungen Mann die Milz zu entfernen.
Mit Dank an Max S.
Nachtrag, 20. Februar: Der “Südkurier” hat alle Hinweise auf einen Arm aus dem Artikel entfernt. Womöglich schon, bevor unser Eintrag hier gestern online ging.
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1. “Es gilt das gesprochene Wort – nur nicht bei WAZ, DerWesten & Co.?” (pottblog.de, Jens)
Jens prüft, ob Peer Steinbrück in seiner Rede am Bundesparteitag der SPD von sich selbst als “wohlhabender Sozialdemokrat” gesprochen hat, wie man durch die Lektüre von Zeitungen den Eindruck haben muss.
2. “Franz Josef Wagners Weisheiten (13)” (mediensalat.info, Ralf Marder) Franz Josef Wagner schreibt über Schnee: “Vor fast drei Jahren war lt. Wagner die Durchschnitts-Schneeflocke also 5mm groß und heute hat sich die Größe um das Fünfzigfache verringert.”
5. “Die Datenbank ist die neue Zeitung” (blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Die neue Zeitung im digitalen Zeitalter heiße “Datenbank” und das neue Geschäftsmodell heiße “Zugriff”, verkündet Christian Jakubetz: “Zugriff auf Datenbanken, bezahlt in Form einer Flatrate.”
6. “Ein Vorschlag zur Güte” (schmalenstroer.net, Michael Schmalenstroer)
Michael Schmalenstroer wird ab sofort Werbung als Flattr-Button missbrauchen: “Gefällt mir ein Artikel, dann klicke ich auf die Werbung und werde deren Inhalte natürlich auch weiterhin ignorieren.”
Der Fußballzweitligist Dynamo Dresden ist wegen der Randale seiner Fans im Pokalspiel bei Hannover 96 für die kommende Saison aus dem DFB-Pokal ausgeschlossen worden.
Diese Meldung kommt für alle überraschend, die sich auf die Expertise von “Sport Bild” verlassen hatten:
Dabei hatten die Reporter gestern doch so glaubwürdige Quellen aufgetan:
SPORT BILD Plus erfuhr aus dem Umfeld des DFB-Sportgerichts: Auch diesmal wird Dresden mit einem blauen Auge davonkommen. Ein Ausschluss aus dem DFB-Pokal ist nicht möglich, weil dieser gegen die DFB-Satzung verstoßen würde. Stattdessen sollen mehrere Geisterspiele gegen Dynamo verhängt werden.
Bild.de ist die Mikrowellenküche des Online-Journalismus. Statt aufwendig was Neues zu kochen, wärmen sie dort viel lieber was von gestern auf, das spart Zeit und eine Menge Arbeit.
Selbst Dinge, die schon seit Jahren im Kühlschrank vor sich hingammeln, werden bei Bild.de liebend gerne wieder hervorgeholt.
Darin finden sich dann etwa solche “irren Zwillinge”:
Am vergangenen Donnerstag erschien die Klickstrecke ein weiteres Mal, mittlerweile hat sie ihr Haltbarkeitsdatum aber ein ganzes Stück überschritten:
Rene Adler (Foto 13) spielt nicht mehr bei Bayer Leverkusen, sondern beim Hamburger SV.
Lucas Barrios (Foto 14) wechselte im Sommer zu Guangzhou Evergrande in China und spielt nicht mehr bei Borussia Dortmund.
“Brasilien-Star” Ronaldinho (Foto 17) absolvierte sein letztes Länderspiel für die Seleção im Februar.
Rüdiger Kauf (Foto 23) spielt nicht mehr bei Arminia Bielefeld, sondern hat 2011 sein Karriereende bekannt gegeben.
Nicolas Anelka (Foto 25) ist seit Anfang 2012 Spieler bei Shanghai Shenhua und nicht mehr beim FC Chelsea.
Ashkan Dejagah (Foto 30) spielt seit September nicht mehr beim VfL Wolfsburg, sondern beim FC Fulham.
Felix Magath (Foto 43) ist nicht mehr Trainer bei Wolfsburg, sondern seit Oktober vereinslos.
Zlatan Ibrahimovic (Foto 45) ist seit dem Sommer bei Paris Saint-Germain unter Vertrag und nicht mehr beim AC Mailand.
Michael Ballack (Foto 46) hat seine Karriere im August beendet und spielt nicht mehr bei Bayer Leverkusen.
Andrij Schewtchenko (Foto 48) spielt nicht mehr bei Dynamo Kiew und ist seit dem Sommer auch bei keinem anderen Verein mehr unter Vertrag.
Gut, man könnte vor dem Aufwärmen natürlich den Schimmel abkratzen und ein bisschen nachwürzen, aber selbst das ist den Leuten von Bild.de offenbar schon zu viel.
Mit Dank an Steffen S.
Nachtrag, 18.03 Uhr: Einige Leser haben uns noch auf einen weiteren Fehler aufmerksam gemacht: Bei dem Affen neben Paul Breitner handelt es sich offenbar nicht um einen Pavian, sondern um einen Gibbon.
Es gibt ja quasi nichts, was Journalisten nicht als Rangliste präsentieren könnten:
“Bild” berichtete am Mittwoch jedenfalls ganz aufgeregt:
Sportlich macht Aufsteiger Frankfurt Spaß. Platz 3 in der Liga. Doch auf den Rängen machen die Eintracht-Fans oft Ärger. Platz 1 in der Gewalt-Tabelle des deutschen Profifußballs.
BILD liegt die bisher geheim gehaltene Liste aus dem Bericht der “Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze” der Polizei exklusiv vor.
Anders als angeblich “Bild” liegt uns die Langfassung des Berichts nicht vor und die ZiS hat bisher nicht auf unsere Anfrage reagiert. Deswegen können wir auch nicht beurteilen, ob in dieser andere Zahlen stehen als in der gekürzten Version — oder ob “Bild” sich beim Abschreiben schlicht vertan hat.
Die Zeitung jedenfalls schreibt:
Für die Saison 2011/12 sind dort 10603 Gewalt-Fans für 1. und 2. Liga vermerkt. Davon 7830 sogenannte “Kategorie B-Fans” (gewaltbereit) und 2783 aus der Kategorie C (gewaltsuchend). Ein Anstieg von 918 Personen im Vergleich zur Vorsaison.
Die gekürzte Fassung des Berichts nennt hingegen diese Zahlen:
Der Bericht selbst führt weiter aus:
Gegenüber der vorhergehenden Saison 2010/11 war damit ein Anstieg des Gesamtpotenzials um insgesamt 1.688 Personen (+ 17,5 Prozent) dieser Kategorien zu verzeichnen. Der rechnerische Durchschnitt liegt bei 316 Personen dieser Kategorien je Verein in beiden Bundesligen. Wie bereits in der Zusammenfassung ausgeführt, ist dieser Anstieg der Gesamtzahl der Personen der Kategorien B und C um ca. 1.700 Personen im Vergleich zur Saison 2010/11 im Wesentlichen auf die bereits vor der Saison absehbare brisante Zusammensetzung der 2. BL mit den Absteigern aus der BL (Eintracht Frankfurt und FC St. Pauli) und den Aufsteigern aus der 3. Liga (FC Hansa Rostock, Eintracht Braunschweig, SG Dynamo Dresden) zurückzuführen, die allein in dieser Liga zu einem Anstieg des dort tätigen Gewaltpotenzials um ca. 1.100 Personen geführte (sic!) hatte. Der Anteil dieses Potenzials in der Bundesliga hatte lediglich im Rahmen der Neubewertung einzelner Störergruppen und auch durch auf- /abstiegsbedingte Schwankungen zu einem geringeren Zuwachs geführt.
Doch die ganze Polizeistatistik ist eher mit Vorsicht zu genießen. Wie unscharf und damit wenig aussagekräftig sie ist, dokumentieren vor allem die Antworten auf den Fragenkatalog von “Spiegel Online”. So wird etwa klar, dass Menschen, die “explizit durch den Einsatz von Tränengas geschädigt wurden”, genauso in die Statistik mit einfließen wie die, die von gewaltbereiten “Fans” verletzt wurden. Darüber, wie viele der 7.298 “freiheitsentziehenden Maßnahmen” letztlich zu Strafverfahren, Gerichtsprozessen und Verurteilungen führten, liegen keine Statistiken vor.
Ähnlich wie bei der Zahl der Verletzten verhält es sich mit den 11.373 Personen, die die Behörde als Gewalttäter einstuft. Auch sie bewegt sich im Promillebereich.
Selbst “Bild”-Sportchef Alfred Draxler kommt zu dem Ergebnis, dass die sogenannten “gewaltsuchenden Fans” “nur eine kleine Minderheit” seien. Die Statistik und ihre Interpretation durch Polizei und Politik hinterfragt “Bild” aber an keiner Stelle.
Stattdessen schreibt “Bild” über einen Verein, “der noch mehr Problem-Fans hat als jeder Bundesligist – und der kickt in der 5. Liga (Oberliga Nordost)!”:
Beim Berliner FC Dynamo zählt die Polizei 760 gewaltbereite und gewaltsuchende Fans (zum Teil mit rechtsradikalem Hintergrund). Und das bei einem Zuschauer-Schnitt von 728…
Der gefährlichste Klub in Deutschland!
Der BFC Dynamo widerspricht dieser Darstellung deutlich:
Nach Rücksprache mit den zuständigen Behörden weist der BFC Dynamo die Anschuldigungen im Bericht der BILD-Zeitung vom 21.11.2012 entschieden zurück! Die dort erwähnten Zahlen und Fakten sind falsch und entsprechen nicht den Tatsachen.
Der Vorstand des Vereins hat sich umgehend mit der zuständigen Senatsverwaltung für Inneres und Sport in Verbindung gesetzt. Auch von dort sind die in der Bild-Zeitung veröffentlichten Zahlen nicht bestätigt worden. Auch gab es seitens der BILD-Zeitung keine Anfrage an die Senatsverwaltung, so dass der Bericht nur als populistisch bezeichnet werden kann.
“Bild” war gestern unterdessen beim nächsten Thema angekommen:
Am 11. Spieltag wurden Fans der Frankfurter Eintracht beim Auswärtsspiel in München (0:2) in Nackt-Zelten gefilzt. Bei einem wurde Kokain entdeckt. Kein Zufall?
Kleiner Haken: Das Kokain wurde nicht in den “Nackt-Zelten” entdeckt, mit denen “Bild” sowieso ihre Schwierigkeiten hatte (BILDblog berichtete), sondern ganz woanders.
Weiterhin kam es vor dem Spiel im Bereich des Busparkplatzes zu einer Begegnung von 30 – 50 Frankfurter Fußballfans mit ca. 150 Münchner Ultras. Die beiden Gruppen liefen aufeinander zu und es kam hier zu Auseinandersetzungen. (…) Ein weiterer Frankfurter Fan, der davon gelaufen war, konnte abgesetzt wegen einer weiteren Körperverletzung festgenommen werden. Bei ihm wurde dann auch noch eine Ampulle Kokain aufgefunden.
Mit Dank an Sven P., Moritz N., Benzemama, Olli, Danny W. und Stephan U.
Zlatan Ibrahimovic, Fußballer in der schwedischen Nationalmannschaft, hat der Fußballwelt am Mittwoch einen kollektiven Dauerorgasmus verpasst. Im Spiel gegen England verwandelte er, nachdem er schon drei Tore geschossen hatte, zur Krönung noch einen unglaublichen Fallrückzieher aus 25 Metern Tor-Entfernung. Noch im selben Augenblick war klar: Dieser Treffer wird in die Geschichte eingehen.
Fans und Medien sind seitdem völlig aus dem Häuschen. Die deutsche Presse kniete geschlossen nieder, betete das Zlatanunser und kürte den Treffer nicht nur zum Tor des Tages, sondern auch wahlweise zum Tor des Jahres, des Jahrzehnts, des Jahrhunderts oder des Jahrtausends. Um es auf den Punkt zu bringen: ein unvergleichliches Ereignis.
Nur die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” will den einmaligen Charakter des Treffers nicht so recht anerkennen. Dort erinnert sich Sportredakteur Uwe Marx nämlich heute daran …
(…) dass es mal einen Spieler gab, der nicht nur aus fünfundzwanzig, sondern gleich aus vierzig Metern per Fallrückzieher traf. Es war auch ein Schwede, Rade Prica, der mal bei Hansa Rostock gespielt hat. Er hatte im Spiel für Rosenborg BK gegen den FC Basel tatsächlich mal die Unverfrorenheit, es aus noch größerer Entfernung als Ibrahimovic zu versuchen – und zu treffen.
Der Haken an der Sache ist allerdings: Wir haben keinerlei Hinweis darauf gefunden, dass es diesen Treffer jemals gegeben hat. Fraglich ist sogar, ob die Mannschaften Rosenborg BK und FC Basel überhaupt jegegeneinandergespielthaben. Und auch Rade Prica hat in seiner Karriere zwar schon gegen so manchen Verein auf dem Platz gestanden, der FC Basel war jedoch nie dabei.
Wie kommt Uwe Marx also darauf? Höchstwahrscheinlich stützt er seine Aussage auf folgendes Video:
Und das zeigt nicht etwa ein einen realen Treffer, sondern einen Ausschnitt aus dem Videospiel (!) “Pro Evolution Soccer”.
Damit wäre der Favorit für den “Tor des Jahres” schon mal klar.
Mit Dank an Patrick S. und Ole S.
Nachtrag, 13.07 Uhr:FAZ.net hat den angesprochenen Absatz gelöscht und folgende Korrektur veröffentlicht:
Der Text wurde nachträglich korrigiert. In einer ersten Fassung wollten wir die Leistung Ibrahimovics schmälern mit dem Verweis auf ein Fallrückziehertor von Rade Prica. Der Schwede soll nach unserer Darstellung einmal aus 40 Metern mit dieser Art des Kunstschusses in einem Spiel von Rosenborg Trondheim gegen den FC Basel getroffen haben. Offenkundig sind wir dabei einer Täuschung erlegen. Prica traf so elegant lediglich in einem auf Youtube verbreiteten Video, das eine Szene aus einem Spielkonsole-Duell wiedergab. Wir bitten deshalb um die Nominierung dieses Treffers für das Tor des Jahrhunderts im Bereich Spielekonsole und bitten zugleich um Nachsicht für den Fehler.
Nachtrag, 26. November: Auf Papier hat sich die FAZ (am 19. November) für folgende Korrektur — und ein Passiv an entscheidender Stelle entschieden:
Eines schon mal vorneweg: Das Fallrückzieher-Tor von Zlatan Ibrahimovic ist der spektakulärste Treffer, der in dieser Kategorie je dokumentiert wurde. Ibrahimovic hatte im Länderspiel der Schweden nicht nur alle vier Treffer zum 4:2 erzielt, sondern auch den sensationellen Schlusspunkt gesetzt, als er akrobatisch aus 25 Metern getroffen hatte. Dass wir Rade Prica in einer Partie von Rosenborg Trondheim gegen den FC Basel einen noch spektakuläreren Treffer zugetraut haben, hätte eingefleischte Anhänger von Hansa Rostock wohl sofort stutzig gemacht. In Diensten von Hansa hatte Prica einst manche Chance ausgelassen. Was also für die computeranimierte Version eines realen Tores gehalten wurde, war in Wirklichkeit doch nur ein Kunstschuss aus der virtuellen Welt, entstanden auf dem Videokonsolenspiel “Pro Evolution Soccer 2011”. Auch schön zwar, aber eben nur dank besonderer Fingerfertigkeit und nicht wegen einer bemerkenswerten Körperbeherrschung entstanden. Wir ziehen das Büßerhemd über, bewundern Ibrahimovic uneingeschränkt und trauen Prica weiterhin alles zu. Auch in der Realität.
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. “Der ‘Stern’ glaubt, ein Monopol auf Fakten zu haben” (stefan-niggemeier.de)
Aufgrund einer vom “Stern” erwirkten einstweiligen Verfügung musste die FDP einen veröffentlichten Fragekatalog offline stellen. Stefan Niggemeier schreibt dazu: “Der ‘Stern’ hat ein Urheberrecht an seinen Fragen. Er kann der FDP vermutlich untersagen, sie wörtlich zu veröffentlichen. Aber auf welcher Grundlage sollte er die Redefreiheit in Deutschland soweit einschränken können, dass diejenigen, die er etwas fragt, nicht darüber reden dürfen, was er sie gefragt hat?”
2. “Skandalös bieder” (blog.tagesanzeiger.ch/blogmag, Michèle Binswanger)
Michèle Binswanger macht sich Gedanken über Frauen, die sich für Boulevardzeitungen ausziehen: “Könnten wir uns nicht einfach darauf einigen, dass es Zonen geben sollte, in denen es keine Titten braucht? Und vielleicht ist eine Zeitung, die über Politik und Wirtschaft und Vergewaltigungen und Kindsmissbrauch berichtet, wirklich nicht der ideale Platz dafür.”
3. “Blick auf einen Grenzgänger” (tablet.baz.ch, Michael Bahnerth)
Ex-“Bild”-Mann Ralph Grosse-Bley, Chefredaktor des Boulevardblattes “Blick”, im ausführlichen Porträt.
4. “Die Rolle der Medien in der Demokratie” (weltwoche.ch, Roger Köppel) Wie Constantin Seibt sprach auch Roger Köppel auf Einladung der Medienvielfalt Holding AG: “Journalisten müssen Missstände und Probleme im Staat und in der Politik aufdecken. Weil es dem Staat an Konkurrenz fehlt, sind sie hier besonders gefordert. Unternehmen werden durch andere Unternehmen wirksam durch die Konkurrenz kontrolliert, der Staat nicht.”
5. “‘Exactly what happened'” (tabloid-watch.blogspot.de, MacGuffin, englisch)
Ist Roberto Mancini anlässlich des Fußballspielspiels Manchester City gegen Tottenham Hotspur eingeschlafen, wie das Berichte der “Daily Mail” glauben machen wollen? Nein.
6. “Post, Privacy und Politiker” (blog.spackeria.org, Klaus Peukert)
“Auch Politiker dürfen Sex haben, darüber twittern und wir müssen lernen, das zu akzeptieren.”