Einer der großen Vorteile der Sozialen Netzwerke ist, dass Fußballprofis den Quatschgeschichten der “Bild”-Zeitung direkt widersprechen können.
Heute musste BVB-Torwart Roman Weidenfeller bei Facebook aktiv werden, nachdem die “Bild”-Ruhrgebietsausgabe getitelt hatte:
Ganze drei Autoren schauten Weidenfeller in Dortmund beim Beladen seines Autos zu und strickten sich daraus ihr Wechselgerücht:
Nach der Rückkehr vom Pokalfinale aus Berlin pendelte er zwischen der Kabine und seinem Dienst-Opel, lud mehrere Koffer, Taschen und BVB-Tüten ein. Die letzten Erinnerungsstücke an Weidenfellers erfolgreiche Ära als BVB-Towart (2-mal Meister, Pokalsieger).
Roman Weidenfeller hatte für die Koffer und Taschen und Tüten eine etwas andere Erklärung als eine Flucht aus Dortmund:
Die Leute von Bild.de haben inzwischen reagiert und den Artikel aktualisiert. Ihr Gerücht lassen sie sich von dem Dementi aber selbstverständlich nicht kaputtmachen. Die Überschrift lautet jetzt:
Was ist das Schlimmste, was ein Fußballer nach seinem letzten Spiel für einen Verein machen kann? Zum Beispiel sich wutentbrannt sein Trikot runterreißen und schnurstracks im Kabinentrakt verschwinden, ohne sich von den Fans zu verabschieden.
Und was das Sympathischste? Vielleicht noch schnell sein Trikot einem Fan mit Behinderung schenken, bevor er ordnungsgemäß und direkt zur vom Verband angeordneten Dopingkontrolle geht.
Na, und wie haben “Bild” und Bild.de wohl dieses Foto interpretiert?
Der Hintergrund: Am vorletzten Spieltag der 2. Fußballbundesliga bekam Fortuna Düsseldorfs Stürmer Charlison Benschop seine fünfte Gelbe Karte der laufenden Spielzeit. Er ist damit für die letzte Partie der Saison am kommenden Sonntag gesperrt. Gut möglich, dass Benschop nie wieder für Fortuna Düsseldorf aufläuft: Es gibt Gerüchte, dass er bald den Verein wechselt.
Diese Gemengelage nutzt “Bild” für eine kleine Skandalgeschichte:
Direkt nach Abpfiff stürmt Benschop vom Platz, reißt sich sauer das Trikot vom Körper und verschwindet zur Doping-Probe — ohne sich wie der Rest des Teams von den mitgereisten Anhängern zu verabschieden.
Die Wahrheit: Ich gab mein Trikot dem behinderten Mann hinter dem Zaun, der es gerne haben wollte und musste anschließend direkt mit dem Herren links in blau zur Doping Kontrolle. Ich kann am Sonntag leider nicht spielen, was mich natürlich ärgert aber ich bin mit der Mannschaft dabei. Danke an alle mitgereisten Fans, die uns immer unterstützen und bis Sonntag :) @f95_fortunaduesseldorf
Aber auch ohne Benschops Erklärung stünde die “Bild”-Interpretation auf wackeligen Beinen. Man sollte bei Sportreportern schließlich das Wissen voraussetzen können, dass Fußballprofis vor einer Dopingprobe nicht noch lange Fans umarmen und alte Wegbegleiter herzen können. In den “Anti-Doping-Richtlinien” des DFB steht dazu (PDF):
Jeder betroffene Verein ist dafür verantwortlich, dass seine zur Kontrolle bestimmten Spieler den Chaperons bzw. dem Doping-Kontrollarzt und/ oder seinem Helfer nach Spielende direkt vom Spielfeld zum Raum für die Doping-Kontrolle folgen.
2. “Depressiv werden in den Medien: Vom Schreiben ins Schweigen” (kress.de, Sophia-Therese Fielhauer-Resei)
Sophia-Therese Fielhauer-Resei schreibt einen Text über Depressionen. Und über die Arbeitsbedingungen bei der Zeitschrift “Bunte” 1993: “Chefredakteur Franz Josef Wagner brüllt und schreit so tief, dass die Wände wackeln, Wagner schmeißt das Magazin kurz vor Druck komplett um, kündigt Mitarbeiter um vier Uhr morgens und erinnert sich am gleichen Vormittag nicht mehr daran. Wagner glorifiziert den Autoren Helge Timmerberg, der zumeist in Havanna oder Marrakesch sitzt – ein Großteil dessen, was die Stammbesetzung schreibt, wird nach Kuba und Marokko gefaxt, auf der Schreibmaschine von ihm umgedichtet und retour gefaxt. Das Selbstwertgefühl von Teilen der Redaktion leidet erheblich.”
3. “Seitenwechsler, Verräter: Lieber Christof Moser” (davehertig.com)
Dave Hertig schreibt an Christof Moser, der Journalisten, die in PR-Abteilungen wechseln, als “Verräter” bezeichnet hatte. “Die meisten Journalisten, die auf der aus deiner Sicht ‘guten Seite’ arbeiten, sind eine Blackbox. Ob sie selbständig und unabhängig denken und nicht auch ein bisschen gekauft und gesteuert sind, das werde ich nie erfahren. Als Leser weiss ich nicht, wem ich vertrauen kann.”
4. “Ein Plädoyer gegen Mehrfachfragen” (abzv.de, Tim Farin)
Warum Mehrfachfragen nicht zielführend sind: “Man könnte schon verwirrt reagieren, oder? Es könnte aber auch sein, dass man so etwas schon kennt – und nur auf die Frage antwortet, die einem gerade mehr in den Kram passt. Nach dem Motto: Ich suche mir aus, worauf ich antworte.”
5. “Marie, 19, Instagram-Star” (gruenderszene.de, Hannah Loeffler)
Ein Interview mit Marie von Behrens, deren Instagram-Konto mvb412 derzeit 88000 Abonnenten hat.
1. “‘Sie träumen nachts von mir?'” (sueddeutsche.de, Christina Koormann)
Zu oft werden Politikjournalistinnen zu Sexismus-Opfern, schreiben französische Journalistinnen in einem Manifest (liberation.fr, französisch): “Die Journalistinnen beschreiben, wie hochrangige Politiker sie während eines gemeinsamen Fluges auf einer Geschäftsreise schlafend fotografierten, wie ‘politische Schwergewichte’ lieber mit ihnen in ein Hotelzimmer gehen wollten anstatt ein Interview fortzuführen, oder wie ein Abgeordneter sich wünschte, dass sie unter einer Arbeiterkluft während einer Fabrikbesichtigung ‘besser nichts anhätten’.”
2. “Warum wir ein neues Urheberrecht brauchen” (faz.net, Andrea Diener)
Ein Interview mit Julia Reda zum Urheberrecht: “Wir haben das Problem, dass das Urheberrecht nicht mit der technischen Entwicklung schrittgehalten hat. 2001, als es zuletzt auf europäischer Ebene reformiert wurde, gab es noch kein Youtube, es gab kein Facebook, und auch Wikipedia fing gerade erst an. Damals hat man in Europa Mindeststandards für den Schutz von Rechteinhabern erstellt, aber keine Mindeststandards für den Schutz der Allgemeinheit. Die EU legt also fest, was mindestens verboten sein muss, aber nicht, was mindestens erlaubt sein sollte.”
3. “Verteilungskampf in der Bundesliga” (deutschlandfunk.de, Daniel Theweleit)
Fußball: Bundesliga-Vereine wollen neue Kriterien bezüglich der Höhe von an die Clubs ausgeschütteten Fernsehgeldern besprechen: “Zum Beispiel die Einschaltquoten bei den Live-Spielen im Bezahlfernsehen. Oder die Auslastung des eigenen Stadions. Oder die Menge der Auswärtsfans, die einen Klub begleiten.”
4. “Warum das Lobbyradar so kaum zu gebrauchen ist” (datenjournalist.de, Lorenz Matzat)
Lorenz Matzat bespricht das ZDF-Lobbyradar: “Das Lobbyradar ist in der jetzigen Form kaum zu gebrauchen. Es ist visuell zu überladen und hilft mit seiner einzigen Funktion, der Suche, nicht dabei, Lobbyismus transparenter zu machen.”
5. “Der Hochstapler” (ndr.de, Video, 30:26 Minuten)
Geschädigte eines Hochstaplers, unter ihnen Journalisten des ZDF und von Zeit.de, erzählen. Siehe dazu auch “Richtig reingelegt” (taz.de, René Martens).
Journalisten rechnen gerne um. Zum Beispiel die Fläche von Absturzgebieten in Fußballfelder oder die Dicke von Prozessor-Leiterbahnen in menschliche Haare. Bild.de hat jetzt sogar eine Möglichkeit gefunden, den Umrechnungswahnsinn mit der Stimmungsmache gegen Griechenland zu verbinden: Hilfsgelder in LKW umrechnen, die mit 100-Euro-Scheinen beladen imaginär von Brüssel nach Athen fahren.
Die Rechnung dahinter geht so:
Bis zum heutigen Tag gewährten die Geldgeber […] 215,7 Milliarden Euro an Hilfskrediten
215,7 Milliarden Euro entsprechen 2,157 Milliarden 100-Euro-Scheinen. Ein 100-Euro-Schein wiegt 1,02 Gramm. Alle 100-Euro-Scheine zusammen wiegen demnach 2.200,14 Tonnen.
Ein LKW der Gewichtsklasse 40 Tonnen hat in der Regel eine Nutzlast von 25 Tonnen. Also:
Um 215,7 Milliarden Euro in 100-Euro Scheinen [sic] auf Lastwagen nach Athen zu transportieren, müssten 88 LKW der Gewichtsklasse 40-Tonner in Marsch gesetzt werden.
Stimmt mathematisch, verzerrt die Sache aber total. Denn dann würden 88 LKW nach Athen fahren, die jeweils nur zu 33 Prozent gefüllt sind: Wegen der erreichten maximalen Nutzlast befänden sich gerade mal 24,5 Millionen 100-Euro-Noten in jedem LKW, das Ladevolumen von 90 Kubikmetern böte theoretisch aber Platz für 74,7 Millionen Scheine. Würde man also auf die Nutzlast pfeifen, stattdessen das Ladevolumen ausnutzen und die 40-Tonner bis unters Dach mit 100-Euro-Scheinen vollpacken, bräuchte man gerade mal 29 LKW.
Und sowieso: Wenn man die 215,7 Milliarden Euro schon unbedingt per Lastwagen nach Griechenland schicken will, statt sie zu überweisen — wäre es da nicht schlauer, die größtmögliche Euronote zu wählen? Dann bräuchte man 431,4 Millionen 500-Euro-Scheine (à 1,12 Gramm). Und die würden schon in etwa 19 (nach Nutzlast) beziehungsweise sechs LKW (nach Ladevolumen) passen.
Aber das klingt erstens nicht nach irrer 88-LKW-voll-mit-Geld-für-Griechenland-Verschwendung. Und zweitens haben die bei Bild.de sich schon längst in einen Rausch gerechnet:
Aneinandergereiht ließen sich die 100-Euro-Scheine auf einer Strecke von 317 079 Kilometern am Äquator fast acht Mal rund um den Globus wickeln. Aufeinander gestapelt ergäbe sich ein Turm von 215,7 Kilometern Höhe. Nähme man für den Bau 50-Euro-Scheine, würde der Turm doppelt so hoch. Er würde mühelos die Flughöhe der internationalen Raumstation ISS übertreffen, die aktuell in etwa 400 Kilometern Höhe im Weltall die Erde umkreist.
Die wichtigste aller Rechnungen hat die Redaktion dabei aber völlig vergessen: Nebeneinandergelegt ergäben die 100-Euro-Scheine eine Fläche von 26 Millionen Quadratmetern. Und das wäre — genau: 3.642 mal das Fußballfeld im Athener Olympiastadion.
1. “Verification Handbook” (verificationhandbook.com, englisch)
Ein Handbuch zeigt auf, wie man Bilder, Videos und Inhalte verifiziert und wie man bei der Berichterstattung über Katastrophen und Notfällen vorgeht.
2. “Stellungnahme zum Bericht über die e-Zigarette von Frontal 21 (ZDF)” (ismokesmart.de)
Der E-Zigaretten-Händler iSmokeSmart beschäftigt sich mit dem Frontal21-Beitrag “E-Zigaretten: Warnung vor Chemiecocktail” (zdf.de, Video, 7:20 Minuten): “Im Gegensatz zu den ca. 4000 chemischen Verbindungen (hiervon ca. 270 giftig und 70 krebserregend) im Rauch einer herkömmlichen Tabak-Zigarette, beinhalten die Liquids der e-Zigarette selbst jedoch nicht einen einzigen krebserregenden Stoff in gesundheitsschädlicher Konzentration – und auch nicht der Dampf nach sachgemäßer Anwendung der e-Zigarette.”
4. “Roger Köppels Auftrag” (nzz.ch, Christina Neuhaus)
Ein Porträt von Journalist Roger Köppel, der im Herbst für die Schweizerische Volkspartei SVP in das Schweizer Parlament einziehen möchte.
5. “Jurgen Klopp to quit Borussia Dortmund on July 1 – as it happened” (telegraph.co.uk, Ben Bloom, englisch)
Ein britischer Reporter ohne Deutschkenntnisse tickert live von einer Pressekonferenz des Fußballvereins Borussia Dortmund: “I’d love to tell you what Klopp is saying. He is saying a lot. But I can understand precisely none of it. So here’s a photo of him pouring some water instead.”
2. “Wer sagt denn, dass inszenierte Fotos lügen?” (welt.de, Ronja Larissa von Rönne, 6. März)
Der Aufgabenbereich des Journalismus müsse mehr “als die Realität und ihr originalgetreues Abbild” umfassen, findet Ronja Larissa von Rönne: “In einer Welt, in der jeder Zwölfjährige seine Bilder durch den Retrofilter schickt, bevor er sie in die sozialen Netzwerke einspeist, wirkt der Photoshop-Bann so veraltet wie das Wort Bandsalat. Je besser arrangiert und schöner aufbereitet ein Bild wirkt, desto mehr Likes und Aufmerksamkeit gibt es. Die ästhetischen Maßstäbe haben sich verändert, die des Fotojournalismus verharren tief in den Zeiten der Analogfotografie und des analogen Daseins.”
3. “Ein Mann legt Dortmund lahm” (faz.net, Melanie Mühl)
“Mohamed Satiane ist dafür bekannt, Mohamed Satiane zu sein”, schreibt Melanie Mühl über Momonews: “Satiane postet gern Handyvideos, Selfies, mag Hiphop und spielt Fußball. ‘Shades of Grey’ hat er im Kino gesehen, fand er aber doof. Sein Lächeln ist niedlich, die Oberarme sind durchtrainiert. Ansonsten? Nichts. Was er der Öffentlichkeit präsentiert, ist atemberaubend talentfrei. Darin besteht offenbar die Pointe.”
4. “A propaganda merry-go-round: what North Koreans watch on TV” (theguardian.com, Subin Kim, englisch)
Staatsfernsehen in Nordkorea: “With little diversity on North Korean TV and extensive repetition – schedules show that a majority of the movies are re-runs – perhaps it’s not surprising that South Korean dramas are so popular among ordinary North Koreans, despite harsh penalties if they are caught.”
5. “‘Wir sind kein Parteiblatt'” (tagesanzeiger.ch, Jean-Martin Büttner und Christian Lüscher)
Ein Interview mit Eric Gujer, dem neuen Chefredakteur der “Neuen Zürcher Zeitung”: “Die Linie der Zeitung ist in den Statuten vorgegeben und bleibt gültig: Die NZZ bleibt eine Zeitung mit liberaler Haltung.”
6. “‘Der überwältigende Rausch blieb aus'” (nzz.ch, Nina Fargahi)
Ein Interview mit Journalist Reda El Arbi, der während 15 Jahren heroinabhängig war: “Wenn ich die extremen, spannenden und aufregenden Momente in den 15 Jahren Sucht zusammenzähle, komme ich vielleicht auf drei Wochen. Es ist hart, jeden Morgen dem Stoff nachrennen zu müssen, die Leute in seinem Umfeld anzulügen, weil man ein Doppelleben führt, das Geld für die Drogen zu jonglieren, nur damit man abends schlafen kann. Es ist ein langweiliges, eintöniges und sehr anstrengendes Leben.”
Seit vier Monaten setzt sich die Kampagne “StopBildSexism” gegen Sexismus in der “Bild”-Zeitung ein und fordert in einer Online-Petition die Abschaffung des “Bild-Girls” und den Verzicht auf sexistische Berichterstattung (bisher wurde die Petition über 34.000 Mal unterzeichnet). In einem BILDblog-Gastbeitrag erklären die beiden Initiatorinnen — Kristina Lunz studiert in Oxford Global Governance and Diplomacy, Sophia Becker arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Bundestag im Bereich Außenpolitik –, warum sie die Kampagne gestartet haben und wogegen sie dort eigentlich kämpfen.
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Das “Bild-Girl” ist ein wahres Politikum. Immer wieder werden wir gefragt, was denn eigentlich das Problem sei, da diese Frauen das doch alle freiwillig machen würden. In der Tat, alle “Bild-Girls” lassen freiwillig die Hüllen fallen, sie scheinen selbstbewusst und mit sich und den Fotos im Reinen. Ja, die “Bild”-Zeitung erfüllt ihnen sogar einen lang ersehnten Wunsch. “Ich lasse mich gerne fotografieren”, sagt zum Beispiel “Bild-Girl” Jessica, und “Bild-Girl” Alina verrät: “Es ist mein Traum, in den Playboy zu kommen.” Wieso können wir also nicht einfach den freien Willen dieser Frauen akzeptieren? Ist das der neue Feminismus, der anderen Frauen vorschreiben will, was sie zu tun und zu lassen haben? Was soll diese Prüderie? Was ist denn so schlimm an ein paar Brüsten in einer Boulevardzeitung?
Das Problem mit dem “Bild-Girl” liegt im Kontext. Täglich blickt es uns lasziv von den Seiten einer Tageszeitung entgegen, die 2,1 Millionen Mal verkauft und von zirka fünfmal so vielen Menschen gelesen wird. Es räkelt sich neben Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport und suggeriert somit, dass es sich auch hier um die Abbildung der Realität handelt. Die Nachricht, die das “Bild-Girl” sendet, ist: Frauen sind immer verfügbar und ausschließlich für die männliche Bedürfnisbefriedigung da.
Das “Bild-Girl” ist jedoch bei weitem nicht das größte Problem. Es ist eigentlich nur die Spitze des Eisbergs, denn der Sexismus schlägt einem aus fast jedem Artikel über Frauen entgegen. Die weibliche Hälfte der Bevölkerung wird in “Bild” fast ausschließlich auf ihr Äußeres und ihre Sexualität reduziert. Frauen werden im Vergleich zu Männern als schwach, verwundbar und passiv dargestellt. Sie werden objektifiziert und sexualisiert. Artikel über Frauen zeigen sie entweder als Pendant zu einem Mann, berichten über ihren Körper und ihre Kleidung oder zeigen Frauen als Opfer. Dafür gibt es jeden Tag unzählige Beispiele.
Besonders pervers ist, wie “Bild” Fälle von Gewalt gegen Frauen benutzt, um den Voyeurismus und die Sensationslust der Boulevardpresse zu befriedigen. Unter dem Deckmantel des Journalismus und der Anteilnahme mit den Opfern und ihren Angehörigen werden Geschichten wie die von Tuğçe A. oder Maria P. bis ins kleinste Detail, ohne Rücksicht auf ihre Privatsphäre, ausgeschlachtet.
So berichtete “Bild” zum Beispiel empört über einen Spanner in einer Sonnenbank. Die Verurteilung des Täters nahm “Bild” als Anlass, selbst ein Foto abzudrucken, das die nackte Geschädigte zeigt. Ein weiteres Beispiel findet sich in der Berichterstattung zum Urteil des Bundesarbeitsgerichts, das die Kündigung eines Mannes für unzulässig erklärte, der einer Reinigungskraft in seinem Betrieb an die Brust gefasst hatte. “Bild” gibt sich empört über diesen Sexismus und druckt gleichzeitig als Aufmacher das Bild eines weiten Ausschnitts über den Artikel.
BILDblog hat vor einigen Tagen aufgezeigt, wie “Bild” sich seit Monaten am Buch und Film “50 Shades of Grey” ergötzt. Diese Berichterstattung ist auch ein treffendes Beispiel für den Sexismus und Voyeurismus, der täglich im Blatt zu finden ist. Im Artikel „BILD zeigt den Busen, auf den die Welt wartet“ druckte “Bild” schon vor Kinostart, bevor Screenshots veröffentlicht werden durften, ein Oben-ohne-Foto von Dakota Johnson, der Hauptdarstellerin des Films. Das Foto entstand jedoch vermutlich ohne Einwilligung der Schauspielerin während ihres Urlaubs. “Bild” behandelt Frau Johnson damit, als sei ihr Körper ein öffentliches Gut, das jedem zugänglich gemacht werden darf.
Männer hingegen werden in “Bild” grundsätzlich anders dargestellt: ob als Sportler, Staatsmänner oder Wirtschaftsbosse — Männer bekommen eine Berichterstattung, die sie als vollständige Person wahrnimmt, als Mensch mit Charakter, Interessen und Ideen.
Der anderen Hälfte der Bevölkerung wird diese respektvolle Berichterstattung nicht zuteil, was beispielsweise sehr eindringlich in der Ausgabe vom 11. Februar deutlich wurde: Männer diskutieren über Politik, Frauen werden zum Lustobjekt.
Wenn Sie auf Bild.de gehen, werden Sie feststellen, dass die große Mehrheit an Artikeln über Frauen diese auf ihren Körper und ihre Sexualität reduziert und die nebenstehenden Abbildungen ebenfalls die Frau ausschließlich zum Objekt degradieren. Ein kleiner Auszug von Artikeln vom 18. Februar, die ebenfalls mit Fotos von Frauen werben, auf denen diese auf ihr Äußeres reduziert oder sexualisiert dargestellt werden:
Eine ähnliche Zusammenstellung von Bild.de-Artikeln über einen Zeitraum von vier Tagen hinweg, die Frauen thematisieren, machten wir Anfang Februar:
Man kann dieses kleine Experiment jeden Tag machen und wird immer wieder das gleiche, diskriminierende Muster entdecken: Männer die Macher, Frauen die Objekte. Besonders auffällig ist dies im Sportteil der “Bild”-Zeitung, der ebenfalls von Männern dominiert wird. Es ist nicht so, als gebe es in Deutschland nicht genügend erfolgreiche Sportlerinnen — die sportlichen Leistungen von Frauen werden in “Bild” einfach nicht ansatzweise so gewürdigt wie die sportlichen Leistungen von Männern. Wenn Frauen es dann mal in den Sportteil schaffen, dann beispielsweise nicht etwa, weil sie erfolgreiche Tennisspielerinnen, sondern eben die Freundinnen mit Modelmaßen von berühmten Fußballern sind.
Deutschlands einflussreichste Zeitung zeichnet also ein klares Bild und bietet kaum Plattformen, respektvoll über Frauen als eigenständige Persönlichkeiten zu berichten, da sie keine Daseinsberechtigung über die sexuelle Bedürfnisbefriedigung von Männern hinaus zu haben scheinen. So wird in den Millionen von Haushalten, in denen “Bild” gelesen wird, allen — auch Mädchen und Jungen von klein an — ein klares Rollenbild vermittelt und damit die gläserne Decke verstärkt.
Denn Forschung und Wissenschaft haben gezeigt, dass sexualisierte Darstellungen in den Medien auch Implikationen für das wahre Leben haben und beschreiben die Verbindungen zwischen Objektifizierung, Dehumanisierung und Gewalt. So beobachten Puvia und Vaes, dass wenn Frauen objektifiziert werden, sprich: auf ihren Körper reduziert und als Objekt dargestellt, dann werden ihnen von Männern sowie von Frauen menschliche Eigenschaften abgesprochen, sie werden also dehumanisiert. Die Forscher Rudman und Mescher fanden zudem heraus, dass Männer, die Frauen als Objekt — also dehumanisiert — betrachteten, eine größere Neigung zu Vergewaltigungen und sexueller Gewalt im Allgemeinen zeigen. Auch Dr. Linda Papadopolous, die Autorin des Berichts „Sexualisation of young people” des britischen Innenministeriums legt dar, wie die sexuelle Objektifizierung als eine von vielen Formen der Unterdrückung von Frauen zu weiteren Benachteiligungen wie Diskriminierung am Arbeitsplatz und sexueller Gewalt führt.
Massenmedien beeinflussen bewusst und unbewusst unsere Meinungen und Werte. Sie formen unsere Normalität und geben uns Verhaltensrichtlinien vor. Deshalb ist es so gefährlich, wenn Deutschlands einflussreichste Zeitung täglich Frauen diskriminiert, auf ihren Körper reduziert und ihren Wert an ihrer Sexualität misst. Dieser Blick auf Frauen wird — bewusst oder unbewusst — von Leserinnen und Lesern übernommen und in ihr tägliches Leben übertragen.
Angesichts der vielen Fälle von Gewalt gegen Frauen in Deutschland geht es hier weit über ein paar nackte Brüste in einer Boulevardzeitung hinaus. Laut einer Studie der Bundesregierung (PDF) werden knapp 60 Prozent der Mädchen und Frauen in Deutschland im Laufe ihres Lebens mindestens einmal sexuell belästigt, und etwa 40 Prozent haben seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren.
Frauen sind, genauso wie Männer, mehr als die Summe ihrer Körperteile und Sexualität. Sie leisten ebenso herausragende Dinge und ihre Taten verdienen es, beachtet zu werden. Wir, unsere Freundinnen, Schwestern und alle Frauen sind ebenso vielfältig, sportlich, top ausgebildet, stark und kreativ wie Männer. Frauen sind keine Vorlagen zur sexuellen Bedürfnisbefriedigung, so wie es die Kommentare von “Bild”-Lesern und -Leserinnen unter den “Bild-Girls” suggerieren:
Deshalb haben wir, die zehn Männer und Frauen hinter “StopBildSexism”, uns vor vier Monaten zusammengetan, um diese Form der Diskriminierung zu bekämpfen. Wir verlangen eine respektvolle Darstellung aller Menschen in Deutschlands einflussreichsten Medien und allen voran in “Bild”. Wir wollen mehr erfolgreiche Frauen und weniger Gewaltopfer sehen. Eigentlich ist unsere Forderung extrem simpel: Wir wollen, dass “Bild” über Frauen ebenso berichtet wie über Männer: über ihre Arbeit in Bereichen wie Sport, Medien, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Alle Quoten dieser Welt werden uns nicht die Gleichberechtigung bringen, so lange Deutschlands einflussreichste Medien ein eindimensionales, schwaches und passives Bild von Frauen verbreiten.
Unsere Kritiker greifen selten zu echten Argumenten. Persönliche Angriffe („Ihr müsst wohl arg unzufrieden mit eurem Sexleben sein“, „Ihr seid nur neidisch und habt sicher kleine Brüste.”) paaren sich mit einer vermeintlich heroischen Verteidigung der Meinungsfreiheit („Ihr wollt die Zensur!“) und einem beängstigenden Fatalismus („Wenn es euch stört, kauft halt die Zeitung nicht.“ „Was regt ihr euch so auf, das Bild-Girl gab es doch schon so lange ich denken kann.“)
Davon werden wir uns sicher nicht abhalten lassen, denn „der gefährlichste Satz einer Sprache ist: ‚Das haben wir schon immer so gemacht.’” (Grace Hopper). Wir stellen den Status Quo in Frage und akzeptieren nicht, dass Sexismus eine Form von Diskriminierung ist, die in unserer Gesellschaft noch immer heruntergespielt und belächelt wird. “This has never been about being ‘offended’, but being affected by it”, wie die britische Abgeordnete Stella Creasy das “Page 3 Girl” in der “Sun” einmal kommentierte. Es geht um die Konsequenzen der oben beschriebenen Darstellung von Frauen in unseren Massenmedien, die uns am Ende alle betreffen.
Natürlich führt das Durchblättern einer “Bild”-Zeitung nicht unverzüglich zur Belästigung einer Frau. Wir werden jedoch täglich mit Hunderten solcher Bilder konfrontiert. Ob wir es wollen oder nicht, diese Darstellungen beeinflussen unsere Wahrnehmung und tragen dazu bei, dass Leistungen von Frauen in unserer Gesellschaft schneller belächelt werden, dass Sexismus als Witz abgetan werden kann und dass eine Fixierung auf das Aussehen von Frauen Normalität ist. Dies, verbunden mit der Degradierung und Objektifizierung, kann eben auch zu sexueller Belästigung und Gewalt beitragen.
Wir stellen nicht in Frage, dass Frauen sich freiwillig dazu entscheiden können, Nacktfotos aufzunehmen. Uns geht es auch nicht um die einzelnen “Bild-Girls”, um ihre Motivation oder Gründe. Alle Menschen können ihr Leben so gestalten, wie sie möchten, so lange sie damit nicht die Freiheit anderer einschränken. Das gehört zu den Grundlagen unserer Demokratie. Zu den Grundwerten unserer Demokratie gehört jedoch auch, das Menschen weder aufgrund ihrer Hautfarbe oder Herkunft, ihrer Religion, ihrer Sexualität noch aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden. Doch das findet jeden Tag in der “Bild”-Zeitung statt.
Cristiano Ronaldo (30) ist Weltfußballer, Superstar bei Real Madrid und verdient Ihr Jahresgehalt in wenigen Minuten: Laut „Forbes-Liste“ ist der Portugiese die Nummer zwei der bestverdienenden Sportler der Welt.
Was genau das bedeutet, erklärt Bild.de anhand eines Beispiels:
Sie sind Friseurin? Dann dürfte Ihr Durchschnittsverdienst bei knapp 15 500 Euro brutto im Jahr liegen. Ein Jahr lang waschen, schneiden und föhnen. Für dieselbe Summe braucht Ronaldo gerade mal acht Minuten. Während Ronaldo sich ein hartes Ei kocht, verdient er das Jahres-Gehalt einer Friseurin.
Dann muss er nur noch schnell den Müll runterbringen, ein Ründchen Fifa zocken und sich die Haare machen, und schwupps, hat er schon die nächste Million drin. Zumindest nach der Rechnung von Bild.de. Denn 15.500 Euro in acht Minuten, das wären 1.938 Euro pro Minute. 116.280 Euro pro Stunde. 2.791.000 Euro pro Tag. Und sage und schreibe 1.018.715.000 Euro pro Jahr.
Blödsinn, sagen Sie? Stimmt.
Gibt man auf der Seite der BBC, auf die sich Bild.de beruft („How long would it take you to earn a top footballer’s salary?“), 15.500 Euro ein …
… kommt man zwar tatsächlich auf acht Minuten:
Bloß: Diese Zeitangabe bezieht sich auf das Wochengehalt der imaginären Friseurin (steht ja auch da). Demnach verdient Ronaldo in acht Minuten 280 Euro. Nicht 15.500. Und im Jahr gut 18 Millionen (steht ebenfalls da).
Aber auf eine Milliarde mehr oder weniger kommt’s bei Bild.de ja doch nicht an.
1. “‘Unfassbar, was der Kerl sich erlaubt'” (zeit.de, Henning Sussebach)
Fußballer Per Mertesacker und Reporter Boris Büchler unterhalten sich über ihr Gespräch nach dem WM-Spiel Deutschland gegen Algerien. Büchler: “Das werfe ich euch Medienjournalisten von den überregionalen Zeitungen ja immer vor: das Verwissenschaftlichen und Bemäkeln dieser 90 Sekunden! Natürlich gibt es unten am Spielfeldrand nur einen begrenzten Fragenkanon! Ich kann direkt nach dem Abpfiff – schon aus Achtung vor dem Athleten – doch keine Fragen stellen, für die ich später vielleicht einen Poetenpreis bekomme. Einige Kritiker in ihren Büros machen es sich da sehr einfach: mokieren sich immer über unsere vermeintlich sinnentleerten Fragen. Aber wenn eure Blätter alle paar Jahre – immer, wenn EM oder WM ist – mal ein paar Kollegen schicken, fragen viele gar nicht, sondern halten nur still ihre Tonbandgeräte mit rein.”
4. “Die rührende Hilflosigkeit der Holzwirtschaft” (zeit.de, Jochen Hörisch)
Germanist und Medienwissenschaftler Jochen Hörisch schreibt über den Medienwandel: “Jeder, der nicht über exquisite Verdrängungsleistungen verfügt, kann seit Langem wissen, dass die Internet-Revolution die klassischen Printmedien unumkehrbar marginalisiert. (…) Gedruckte Zeitungen werden wieder das, was sie in ihrer Frühzeit einmal waren – ‘hinkende Boten’, langsame Reflexionsmedien. Der schnell reitende Bote kam mit der Siegesnachricht, der hinkende Bote machte darauf aufmerksam, dass man noch mehr Siege nicht verkraften könne.”
5. “Morgen fangen sie an” (faz.net, Harald Staun)
Harald Staun stellt neue deutsche TV-Serien vor: “Ein gutes Dutzend neuer Serien ist in Planung – und kaum eine von ihnen kommt ohne den Hinweis auf die Inspiration durch internationale Standards aus.”
6. “5 Thesen zum Misstrauen in die Medien” (tageswoche.ch, Thom Nagy und Matthias Oppliger)
Thom Nagy und Matthias Oppliger stellen fünf Thesen zum Misstrauen in die Medien zur Diskussion.