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“Bild” lässt BVB-Trainer Peter Bosz im ewigen Endspiel antreten

Ein Endspiel zeichnet sich normalerweise dadurch aus, dass es in einer Partie um alles oder nichts geht. Bei Bild.de ziehen sich Endspiele über mehrere Wochen, und nach dem einen Endspiel gibt es dann noch ein weiteres und dann noch eins und noch eins und dann vielleicht noch eins.

Los ging es am 18. November — da begannen die “Bild”-“Endspiel”-Wochen für BVB-Trainer Peter Bosz:

Screenshot Bild.de - Dortmund in der Mega-Krise - Wird das Derby schon zum Bosz-Endspiel?

Einen Tag später war es für die “Bild”-Medien schon keine Frage mehr:

Screenshot Bild.de - Wie sich der BVB-Trainer rettet - Zwei Endspiele für Bosz

Die “zwei Endspiele” sollten die Champions-League-Partie gegen Tottenham Hotspur und “das Derby” gegen den FC Schalke 04 sein. Gegen Tottenham verloren die Fußballer des BVB und Bosz 1:2, gegen Schalke gab es ein 4:4, nachdem der BVB bereits 4:0 geführt hatte.

Nach der Niederlage gegen Tottenham fragte die “Bild”-Redaktion noch einmal:

Screenshot Bild.de - Ist Bosz schon am Ende?

Und bereits am selben Abend stand für sie fest:

Screenshot Bild.de - Bosz vor dem Aus!
Denkt Dortmund an Hitzfeld?

Auch wenn das Team von Bild.de sich gut vorstellen konnte, dass Ottmar Hitzfeld zum BVB zurückkehrt …

Wer weiß, was ein lukratives Millionen-Angebot bei Hitzfeld kurzfristig bewegen kann?

Denkbar: Hitzfeld kommt als Spiritus Rector und die tägliche Arbeit lenkt ein BVB-Vertrauter, z.B. aus dem Nachwuchs.

… musste das Team von Bild.de nur einen Tag später vermelden, dass Ottmar Hitzfeld nicht zum BVB zurückkehrt:

Screenshot Bild.de - Hitzfeld-Absage - Darum gehe ich nicht zurück zum BVB

Dann kam das bereits angesprochene 4:4 gegen den FC Schalke 04 — und wieder fragten die “Bild”-Experten, ob es das nun für Peter Bosz gewesen ist:

Screenshot Bild.de - Nach 4:4 gegen Schalke - Kostet ­dieses Tor Bosz den Job?

Die Vereinsführung des BVB entschied sich allerdings dafür, an Bosz festzuhalten. Und schon gab es laut Bild.de das nächste “Job-Endspiel”, dieses Mal in der Bundesliga gegen Bayer 04 Leverkusen:

Screenshot Bild.de - BVB-Trainer von Job-Endspiel - Bosz packt seine Stars hinter Plastik

Der BVB spielte in Leverkusen 1:1. Und obwohl seine Mannschaft im Endspiel nach dem Endspiel nach dem Endspiel nich gewonnen hat, durfte Peter Bosz Trainer in Dortmund bleiben.

Für die “Bild”-Medien bedeutet das: Die Bundesliga-Partie des BVB am kommenden Samstag ist das “Endspiel” für Bosz (während das heutige Champions-League-Spiel gegen Real Madrid lediglich als “Endspiel-Training” durchgeht):

Screenshot Bild.de - Gegen Ronaldo und Real - Endspiel-Training für Wackel-Peter BVB testet das Bosz-Finale gegen Werder

Auch im Sportteil verbreitet “Bild” immer wieder ziemlichen Unsinn. Gerade beim Fußball und auffallend oft über die Dortmunder Fußballer. Wir erinnern gern noch mal an den Sicher-nein-ja-oder-doch-nicht-Wechsel von BVB-Stürmer Pierre-Emerick Aubameyang nach China im vergangenen Sommer.

Über BVB-Verteidiger Neven Subotic schrieb Bild.de vergangene Woche, dieser habe “keine Chance mehr” bei seinem Klub:

Vor 5 Jahren war Subotic in Dortmund noch gefeierter Double-Held, gesetzt als Abwehr-Bank bei Ex-Coach Jürgen Klopp (50). Unter Neu-Trainer Peter Bosz (53) muss der Innenverteidiger froh sein, wenn er überhaupt im Kader ist.

Vier Tage später stand Subotic in der Startelf gegen Bayer 04 Leverkusen.

Ebenfalls vergangene Woche behauptete die Bild.de-Redaktion, es gebe beim BVB einen “Not-Plan” mit Trainer Armin Veh, falls “Endspiel”-Trainer Peter Bosz nicht bald gewinne:

BILD weiß: Armin Veh (56) ist Kandidat als Not-Nagelsmann bis zum Saisonende.

Heute meldete auch Bild.de, dass Armin Veh neuer Sportdirektor beim 1. FC Köln ist.

Mit Dank an Patrick B. für den Hinweis!

Bringt Julian Reichelt die Familien anderer Menschen in Gefahr?

Julian Reichelt will nicht über Geld reden. Über sein eigenes jedenfalls nicht. Über das Geld anderer Leute reden und schreiben Reichelt und seine “Bild”-Kollegen liebend gern: So viel verdient Bundesliga-Star XY, das bekommt DAX-Manager Soundso, lesen Sie mal, wie viel Moderator Trallala kassiert. Kaum eine Woche, in der “Bild”, “Bild am Sonntag” und Bild.de nicht über das hohe Einkommen und das immense Vermögen einzelner Personen berichten.

Geht es allerdings um seine eigenes Gehalt, findet Julian Reichelt dieses Verhalten hochgradig gefährdend. Als das Medienmagazin “kress pro” in der Titelgeschichte seiner Oktoberausgabe über die Jahresgehälter von Verlagsmanagern und Chefredakteuren schrieb, kam darin auch der “Bild”-Oberchef vor:

Im nationalen Geschäft liegt die Schallmauer inzwischen bei 500.000 Euro, die aber nur eine Handvoll erreichen. “Spiegel”-Chef Klaus Brinkbäumer dürfte geschätzt in dieser Liga spielen, auch “FAZ”-Digitalchef Mathias Müller von Blumencron gilt als Kandidat. “Stern”-Chef Christian Krug und die “SZ”-Doppelspitze liegen geschätzt 50.000 bis 100.000 Euro darunter. Deutlich darüber liegen müssten Julian Reichelt, Chef der “Bild”-Gruppe, und “Zeit”-Chef Giovanni di Lorenzo. Reichelt verantwortet den umsatzstärksten Titel und offenbar zahlt Springer mit einem guten Anteil variabler Vergütung. Reichelts Vorgänger Kai Diekmann soll nach seinem Abgang eine deutlich siebenstellige Summe bekommen, was auf ein siebenstelliges Gehalt hinweist. Diekmann dürfte jahrelang der bestbezahlte Chefredakteur gewesen sein. Reichelt müsste also irgendwo zwischen 500.000 Euro und 1 Million liegen.

Diese wenigen, nüchtern gehaltenen Zeilen passten Reichelt offenbar überhaupt nicht. In der November-Ausgabe von “kress pro” schreibt Chefredakteur Markus Wiegand über “die Widersprüche des ‘Bild’-Chefs”:

Einige der Betroffenen kommentierten die Schätzung informell, die meisten verzichteten jedoch auf einen Kommentar.

Julian Reichelt war der einzige Chefredakteur, der uns bat, auf eine Schätzung zu verzichten. Er argumentierte, dass eine Schätzung seines Gehalts das Risiko finanziell motivierter Straftaten gegen seine Familie erhöhen würde.

Wir konnten die Argumentation nicht nachvollziehen, boten aber ein informelles Gespräch an, um den Fall zu klären. Reichelt lehnte dies ab.

Die Logik hinter Reichelts Argumentation scheint zu sein: Kriminelle, die bisher dachten, dass der Chef von “Bild”, “Bild am Sonntag”, Bild.de und “B.Z.” vielleicht 3000 oder 4000 Euro im Monat verdiene, dürften durch die Veröffentlichung einer groben Schätzung seines Gehalts verstanden haben, dass bei ihm deutlich mehr zu holen sein könnte.

Sollte dieser Gedanke stimmen, ergibt sich automatisch die Frage: Bringen Julian Reichelt und die “Bild”-Medien seit Jahren regelmäßig die Familien anderer Menschen in Gefahr?

Zum Beispiel die Familie von WDR-Intendant Tom Buhrow. Vor etwas mehr als zwei Monaten titelte Bild.de:

Screenshot Bild.de - Hammergehalt! Lesen Sie mal, was ein ARD-Boss verdient

Im dazugehörigen Artikel steht:

Angeführt wird die Liste von WDR-Intendant Tom Buhrow. Sein Verdienst: 399 000 Euro im 2016 — umgerechnet auf 12 Monate wären das 33 250 Euro!

Auf den folgenden Plätzen liegen:

• Ulrich Wilhelm, der Intendant des BR, mit 367 000 Euro
• NDR-Intendant Lutz Marmor, welcher 348 000 Euro verdiente.
Das niedrigste Gehalt der ARD-Bosse bezog bei 237 000 Euro Jahresvergütung der SR-Chef Thomas Kleist.

Oder die Familie von “Radio Bremen”-Intendant Jan Metzger.

Screenshot Bild.de - Kleinster Sender, großes Geld - Das verdient der Radio-Bremen-Intendant wirklich

Als Sender ist Radio Bremen der kleinste unter den neun ARD-Anstalten. Doch sein Chef ist beim Verdienen ganz vorne mit dabei.

242 000 Euro erhielt Intendant Jan Metzger im Jahr 2011. So zumindest steht es im Branchen-Nachrichtendienst “Funkkorrespondenz”.

Oder die Familie von TV-Moderator Günther Jauch.

Screenshot Bild.de - In der eigenen Sendung wurde er angegriffen - Verdient Jauch wirklich so viel mehr als die Kanzlerin?

Und wie viel verdient Jauch wirklich? Fakt ist: Ein Vielfaches vom jährlichen Bruttogehalt der Kanzlerin. Angela Merkel erhält 194 000 Euro im Jahr.

Die ARD überweist Jauchs Produktionsfirma “I & U” nach BILD-Informationen allein für die Talk-Sendungen 10,5 Mio. Euro im Jahr. Nach Branchenschätzungen sollen ihm davon mehr als 1 Million bleiben. Dazu kommen TV-Honorare für die RTL-Shows “Wer wird Millionär?” und “5 gegen Jauch”. Außerdem produziert er mit seiner Firma bis zu 130 weitere Sendungen im Jahr.

Oder die Familien verschiedener BBC-Moderatoren und -Moderatorinnen.

Screenshot Bild.de - BBC-Gehälterliste - Was man als Moderator so verdient

Das höchste Gehalt bei der BBC bezieht demnach der Moderator Chris Evans: Er bekam im vergangenen Jahr ein Gehalt von umgerechnet rund 2,5 Millionen Euro.

Der ehemalige Fußballstar und Sportmoderator Gary Lineker verdiente umgerechnet rund 2 Millonen Euro.

Die am besten verdienende Frau bei der BBC ist die TV-Moderatorin Claudia Winkleman — sie erhält ein jährliches Salär zwischen umgerechnet rund 509 000 und 565 000 Euro.

Oder die Familie von Fußballer Matija Nastasic.

Screenshot Bild.de - Schalkes neuer Star - Das verdient Nastasic im Monat

Schalkes Neuer verdient 250 000 Euro im Monat!

BILD enthüllt die Details des Nastasic-Vertrages:
► Der Nationalverteidiger erhält ein monatliches Grundgehalt von exakt 250 000 Euro, für das halbe Jahr also fixe 1,5 Mio Euro.
► Dazu kommt noch eine Prämie, wenn er mit Schalke die Champions League erreicht.

Oder die Familie von Daimler-Boss Dieter Zetsche.

Screenshot Bild.de - Gehaltserhöhung für Zetsche - So viel verdient der Daimler-Boss

Erfolg zahlt sich für ihn buchstäblich aus: Daimler-Chef Dieter Zetsche streicht erneut mehr Gehalt ein.

Nach mehr als 8,2 Millionen Euro im Vorjahr kassiert der Konzernlenker für 2014 knapp 8,4 Millionen Euro.

Oder die Familie von Zetsches Pendant bei BMW, Harald Krüger.

Screenshot Bild.de - BMW-Chef Harald Krüger - 6,2 Millionen Euro Einstiegsgehalt!

Oder die Familie von Tennisspieler Alexander Zverev.

Screenshot Bild.de - Karriere-Preisgelder verdreifacht - Rekord-Jahr! Zverev hat schon 3,7 Mio verdient

Oder die Familie von Fußballer Franck Ribéry.

Screenshot Bild.de - Ribery verdient 312500 Euro im Monat netto

Oder die Familie von Burkhard Jung, Oberbürgermeister in Leipzig.

Screenshot Bild.de - 148361,40 Euro brutto im Jahr - Das verdient OB Jung wirklich!

Oder die Familie von Fußballtrainer Jürgen Klopp.

Screenshot Bild.de - Jürgen Klopp beim FC Liverpool - 10 Millionen Gehalt! Nur Mourinho verdient mehr

Oder die Familie von Sängerin Taylor Swift.

Screenshot Bild.de - Bestbezahlter Popstar - Das verdient Taylor Swift am Tag

Oder die Familie von SAP-Chef Bill McDermott.

Screenshot Bild.de - SAP-Chef McDermott - So viel Geld verdient sonst keiner

Wir könnten diese Liste noch ewig weiterführen. Mit Bundesliga-Torwart René Adler, mit “Deutschlands Top-Managern”, mit HSV-Profi Bobby Wood, mit Fußballtrainer Carlo Ancelotti, mit den “wichtigsten Berlin-Managern”, mit “Promis in Politik, Wirtschaft, Show und Sport” und mit vielen, vielen anderen.

Einen Widerspruch zwischen dem, was er für sich selbst einfordert, und dem, was er und seine Kollegen Tag für Tag, Woche für Woche produzieren, scheint Julian Reichelt nicht erkennen zu können.

#Metoo und Kameraschwenks, Rechter Netzjargon, PR-Sprech

1. “Jede Institution hat einen Weinstein”
(spiegel.de, Arno Frank)
Arno Frank kommentiert die “Anne Will”-Sendung, bei der Sexismus als “strukturelles Problem” diskutiert wurde: “Sexismus ist, wenn Laura Himmelreich bei “Anne Will” gerade über Sexismus als “strukturelles Problem” referiert — und der Kameramann auf die rosafarbenen Stilettos von Verona Pooth zoomt, um dann laaangsam die Beine hinaufzufahren. Besser als mit dieser praktischen Übung hätte man #MeToo nicht auf die Meta-Ebene überführen können.”
Mittlerweile hat sich die Pressesprecherin von Anne Will dazu geäußert: “Diese Form der Bildführung widerspricht den redaktionellen und bildlichen Grundsätzen der Sendung. Der zuständige Regisseur bedauert den Fehler.”

2. A wie Alt-Right Netzjargon
(br.de, Tobias Zervos & Julian Wenzel)
Weiße Nationalisten, Anti-Feministen, Trump-Supporter und Verschwörungstheoretiker haben eines gemeinsam: den Alt-Right-Netzjargon. Dabei handelt es sich um “eine Art sprachlichen Erkennungscode der Ultrarechten”, der mit frei erfundenen englischen Begriffen gespickt sei. Bei “BR puls” werden ein paar der Alt-Right-Begriffe vorgestellt und erklärt: vom frauenabwertenden “Femoids” bis zu “Transtrender”, der rechten Spottbeschreibung für Transgender.

3. 7 Gedanken, die ich vom VOCER Innovation Day mitgenommen habe
(stift-und-blog.de, Sonja Kaute)
Die Medienjournalistin Sonja Kaute hat am Wochenende den “Vocer Innovation Day” in Hamburg besucht. Ein Treffen, bei dem “innovative Konzepte für den Journalismus von morgen entworfen und diskutiert werden”. Sie hat sich dort wohlgefühlt: Statt des üblichen Gejammers über den Niedergang des Journalismus hätte dort Aufbruchstimmung und Optimismus, Gründergeist und Tatendrang geherrscht. Wieder zu Hause angekommen, hat sie sieben Gedanken notiert, die sie von der Veranstaltung mitgenommen hat. Dabei geht es um Themen wie Daten und Analyse, Personalisierung und Automatisierung, Diversität und Qualitätssicherung sowie neue Storytelling-Formate.

4. Auf Sansibar leben Menschen
(taz.de, Belinda Grasnick)
Belinda Grasnick kritisiert in der “taz” eine Karikatur auf der Panorama-Seite der “SZ”, die einen Text über den Umgang der Sansibarer mit Sansibars berühmtem Landessohn Freddy Mercury begleitet. Auf der Zeichnung sieht man, wie Affen ein offensichtlich schwules Pärchen mit Steinen bewerfen. Grasnick dazu: “Sansibarer als Affen darzustellen, ist mehr als nur geschmacklos. Derartiges Verhalten kennt man aus rechten Foren und Fußballstadien — und auch dort muss es bekämpft werden. Dass ein solches Bild aber in einer überregionalen Tageszeitung verbreitet wird, ist kaum zu glauben.”

5. Wollen wir Freunde sein?
(sueddeutsche.de Alexandra Föderl-Schmid)
Sexismus in der Medienbranche ist leider auch in Israel ein Thema. Dort sind gleich mehrere berühmte Journalisten involviert. Es geht um Vergewaltigung, sexuelle Übergriffe und Sex-gegen-Job-Angebote. Bei einem der Beschuldigten handelt es sich um den Mitbegründer des größten privaten TV-Senders Israels, der nach Bekanntwerden der Vorwürfe von seinem Posten als Präsident des Senders zurückgetreten ist. “Vorübergehend”, wie er sagt.

6. Faktenchecker und Mauerbauer
(tagesspiegel.de, Stephan Russ-Mohl)
Faktencheck-Redaktionen, Paywalls, Entrepreneurial Journalism — dem PR-Sprech sollte nicht nur wegen der Anglizismen entgegengetreten werden, findet Stephan Russ-Mohl im “Tagesspiegel”: “Wenn die Wortwahl den Ernst der Lage eher ver- als erklärt, dann haben wir es, genau besehen, mit PR-Sprech zu tun. Also mit einem Sprachgebrauch von Spin-Doktoren, dem “gute” Journalisten und Wissenschaftler nicht nur wegen der Anglizismen den Kampf ansagen sollten.”

Für “Bild”-Kritik ist in “Bild” kein Platz

Zum Boulevard-Murks von “Bild” gehört nicht nur das Verbiegen und Erfinden von Fakten, sondern auch das gezielte Weglassen von Informationen.

Diese Passage hier zum Beispiel — gibt es an der irgendetwas Offensichtliches auszusetzen?

Immerhin: Torwart Manuel Neuer (31) steht trotz drei Mittelfußbrüchen 2017 hinter Braun, schrieb bei Facebook: “Ihn trifft absolut keine Schuld. Ich kann sogar versichern, dass er die allerbesten Methoden angewandt hat, welche die moderne Medizin ermöglicht.”

Sie stammt aus einem Text, der in der “Bild”-Ausgabe vom Mittwoch erschienen ist. In dem Artikel “Brazzo wollte Bayern-Doc loswerden” geht es um die Trennung des FC Bayern München und Volker Braun, der bis vor Kurzem noch Mannschaftsarzt der Profifußballer war.

Die zwei “Bild”-Autoren lassen es so erscheinen, als hätte sich Manuel Neuer einfach mal so und ohne äußeren Anlass in einem Facebook-Post für Braun starkgemacht. Die Information, die sie weglassen: Neuer äußerste sich nur deswegen öffentlich zum “Bayern-Doc”, weil er keine Lust hatte, sich von den “Bild”-Medien instrumentalisieren zu lassen.

Zwei Tage zuvor, am Montag, hatte Bild.de einen ersten Artikel zum Aus von Volker Braun beim FC Bayern München veröffentlicht. Darin auch dieser Absatz:

Nach BILD-In­for­ma­tio­nen waren Mann­schaft und Klub-Mit­ar­bei­ter über­rascht vom plötz­li­chen Braun-Aus. In­tern al­ler­dings war der Doc seit ei­ni­ger Zeit um­strit­ten. Unter an­de­rem, weil er bei Ver­let­zun­gen nicht die idea­len Be­hand­lungs­me­tho­den ge­wählt hatte, Spie­ler nach Rück­schlä­gen für län­ge­re Zeit aus­fie­len. Bes­tes Bei­spiel: Ma­nu­el Neuer (31). Der Torwart brach sich im Sep­tem­ber zum drit­ten Mal in die­sem Jahr den Mit­tel­fuß.

Das wollte Manuel Neuer so nicht stehen lassen und verfasste am Dienstag einen Facebook-Post:

Screenshot des Facebook-Posts von Manuel Neuer, der die betreffende Bild.de-Passage zitiert. Dazu schreibt Neuer: In den Medien wird heute der Eindruck erweckt, Dr. Volker Braun sei für die Entwicklung meiner Verletzung verantwortlich, da er nicht die idealen Behandlungsmethoden angewandt habe (siehe Foto). Dem möchte ich vehement widersprechen. Den ehemaligen Vereins-Arzt des FC Bayern trifft absolut keine Schuld. Ich kann sogar versichern, dass er die allerbesten Methoden angewandt hat, welche die moderne Medizin ermöglicht.

Einen Tag später nutzte “Bild” dann Neuers “Bild”-Kritik — ohne den “Bild”-kritischen Teil –, um einen neuen “Bild”-Artikel zu füllen. Das schafft auch nur diese Redaktion: Jemanden, der sich nicht von ihr instrumentalisieren lassen will, direkt wieder zu instrumentalisieren.

Mit Dank an Julia F. und @tuschelball für die Hinweise!

30 000 Asylbewerber verschwunden? “Bild” errechnet völligen Unsinn

Es ist noch gar nicht so lange her, da wollte sich die “Bild”-Redaktion als Speerspitze der deutschen Willkommenskultur inszenieren. Den Slogan “Wir helfen” ließ sie damals Politiker auf Pappschildern hochhalten und Fußballprofis auf deren Ärmeln tragen.

Es ist noch gar nicht so lange her, aber es hat sich seitdem viel geändert. Auch und vor allem ist die Berichterstattung von “Bild” und Bild.de über Flüchtlinge und Asylbewerber eine ganz andere geworden. Die “Bild”-Medien meinen, sie seien nur ehrlich, sprächen nur Wahrheiten aus und Probleme an. Aber das ist falsch. “Bild” und Bild.de bringen immer wieder auch völlig falsche Informationen und Zahlen in Umlauf. Heute etwa mit dieser Titelgeschichte:

Ausriss Bild-Zeitung - 30000 abgelehnte Asylbewerber spurlos verschwunden!

Schon im Anreißer auf Seite 1 klingt es dramatisch:

Neuer, unfassbarer Behördenskandal: Von gut 30 000 abgelehnten, sofort ausreisepflichtigen Asylbewerbern wissen die Behörden nicht, wo sie stecken. Zum Teil haben sie Deutschland wohl einfach verlassen — oder sind hier untergetaucht.

Auf Seite 2 breitet Autorin Larissa Krüger den “ABTAUCH-SKANDAL” dann so richtig aus:

Ausriss Bild-Zeitung - Der Abtauch-Skandal - 30000 abgelehnte Asylbewerber sind spurlos verschwunden

Das darf doch nicht wahr sein. BILD deckt die nächste Behörden-Panne im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise auf.

Regierung und Behörden wissen nicht, wo gut 30 000 abgelehnte und vollziehbar ausreisepflichtige Asylbewerber derzeit sind.

In Deutschland — warum auch immer — untergetaucht? Außer Landes? Keine Ahnung!

Nur: “Bild” deckt hier gar nichts auf. Außer die eigene Ahnungslosigkeit und die eigene Unfähigkeit, die richtigen Zahlen rauszusuchen.

Krüger schreibt:

Die Fakten: Laut Bundesregierung waren Ende Dezember 2016 genau 54 437 Personen vollziehbar ausreisepflichtig (inzwischen sind es rund 65 000). Aber laut Statistischem Bundesamt bezogen im Jahr 2016 nur 23 617 dieser Personen Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Über den Verbleib des Restes von 30 820 Personen (Stichtag 31.12.2016) haben die Behörden und Statistiker KEINE Informationen.

Die zwei Zahlen von der Bundesregierung beziehungsweise dem Statistischen Bundesamt mögen stimmen. Aber sie passen nicht zueinander. Denn die 54.437 vollziehbar ausreisepflichtigen Personen, die die Bundesregierung nennt, sind nicht nur Asylbewerber, sondern auch andere Ausländer, die ausreisepflichtig sind, zum Beispiel Urlauber mit abgelaufenen Visa. Diese Gruppe ist — Überraschung — gar nicht in der Lage, Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz zu bekommen, und kann daher auch nicht in den Zahlen des Statistischen Bundesamts auftauchen (oder dort fehlen).

Und es sind nicht nur ein paar wenige visalose Urlauber, die Larissa Krüger in ihrer Apfel-Birnen-Rechnung übersieht. Das Bundesinnenministerium schreibt uns in einer Stellungnahme zum heutigen “Bild”-Bericht:

Die Differenz zwischen der Zahl der Leistungsberechtigten nach dem Asylbewerberleistungsgesetz und der Zahl der im Ausländerzentralregister (AZR) erfassten ausreisepflichtigen Ausländer ohne Duldung lässt nicht den Schluss zu, dass sich die genannte Personengruppe allein aus abgelehnten Asylbewerbern zusammensetzt.

So verkennt der Artikel schon grundsätzlich, dass es sich überhaupt nur bei etwa 49 % aller im AZR als ausreisepflichtig registrierten Ausländer um Personen handelt, zu denen auch die Ablehnung eines Asylantrages im AZR eingetragen ist.

51 Prozent der Personen, die Krüger in ihre Asylrechnung einbezieht, gehören dort überhaupt nicht rein, weil sie nicht abgelehnte Asylbewerber sind, sondern beispielsweise Urlauber ohne Visa. Das heißt: Statt mit 54.437 Personen müsste die “Bild”-Autorin mit 26.674 Personen rechnen. Diese Zahl passt auch viel besser zu der Statistik, die das Statistische Bundesamt heute rausgegeben hat und nach der 28.000 Schutzsuchende am Stichtag 31. Dezember 2016 vollziehbar ausreisepflichtig waren.

Statt um 30.820 geht es also lediglich um 3057* Personen. Und auch das dürfte noch nicht die endgültige Anzahl “spurlos verschwundener” abgelehnter Asylbewerber sein, wie “Bild” sie nennt. Denn nicht alle ausreisepflichtigen abgelehnten Asylbewerber beziehen Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Wenn der Betroffene etwa selbst über ein ausreichendes Vermögen verfügt, oder Angehörige zum Unterhalt verpflichtet sind, tauchen diese Personen nicht in der Statistik auf, die Larissa Krüger herangezogen hat.

Dazu kommt, dass auch die Verantwortlichen im Statistischen Bundesamt sagen, dass ihre Zahl, die Krüger für die Rechnung genutzt hat, dafür nicht taugt. Gudula Geuther vom “Deutschlandfunk” hat mit ihnen gesprochen (Audio, 2:57 Minuten). So notieren zum Beispiel die Kommunen, die die Gelder auch an die ausreisepflichtigen abgelehnten Asylbewerber auszahlen, nicht immer deren genauen aufenthaltsrechtlichen Status dazu. Die Zahl der 23.617 ausreisepflichtigen Leistungsempfänger nach dem Asylbewerberleistungsgesetz dürfte tatsächlich also noch mal etwas höher sein, was die Differenz noch mal etwas kleiner werden lassen dürfte als 3057.

Oder in Kurzform und ohne die vielen Zahlen und Rechnungen: Die heutige Schlagzeile von “Bild” ist kompletter Unsinn, auf wenn die Kollegen von Larissa Krüger das Zahlenwirrwarr für eine “tolle Recherche” halten.

Krügers Geschichte hat bereits eine ordentliche Populisten- und Hetzerrunde gedreht. Bei Bild.de ist sie hinter der Bezahlschranke gestartet

Screenshot Bild.de - Der Abtauch-Skandal - 30000 abgelehnte Asylbewerber sind spurlos verschwunden

… von dort aus in Facebook-Gruppen wie dem “Viktor Orban Fanclub Deutschland” gelandet …

Screenshot Facebook des Postings in der Gruppe Viktor Orban Fanclub Deutschland

… und bei faktenfeindlichen Anheizern wie Claus Strunz …

Screenshot Facebook des Postings von Claus Strunz

… und David Berger:

Screenshot Facebook des Postings von David Berger

“Wir helfen”, haben “Bild” und Bild.de mal behauptet. Heute helfen sie vor allem rechten und noch rechteren Gruppen mit Vorlagen für deren Stimmungsmache.

*Nachtrag, 18:46 Uhr: Durch einen Rechenfehler unsererseits war in einer früheren Version von 4146 Personen die Rede. Tatsächlich ist die Differenz zwischen der “Bild”-Zahl und der Zahl, die die Statistiken wirklich hergeben, noch größer.

Nachtrag, 22:14 Uhr: Die Geschichte geht weiter: Bild.de behauptet nun, Kanzleramtschef Peter Altmaier bestätige den “Bild”-Bericht. Dabei sagt Altmaier nur, dass niemand wisse, wie viele abgelehnte Asylbewerber verschwunden sind.

Nachtrag, 4. November: Inzwischen sieht auch die “Bild”-Redaktion ein, dass es nicht 30.000 verschwundene abgelehnte Asylbewerber sind.

Deniz-Yücel-Parlamentsanfrage, Polit-Podcasts, Fakes aus Krisenregionen

1. Türkische Opposition stellt Parlamentsanfrage wegen Deniz Yücel
(welt.de)
Mehr als sieben Monaten befindet sich der Journalist und “Welt”-Korrespondent Deniz Yücel schon in Einzelhaft. Nun hat ein Abgeordneter der größten türkischen Oppositionspartei CHP im Parlament in Ankara eine kleine Anfrage gestellt, in der es u.a. heißt: “Warum wird gegen den Journalisten Deniz Yücel keine Anklageschrift erstellt, obwohl er vor rund neun Monaten in Polizeihaft genommen wurde? Warum wird Deniz Yücel in Isolationshaft gehalten und ihm eine gemeinsame Unterbringung mit anderen Gefangenen nicht gestattet?”

2. Aufs Ohr gelegt
(taz.de, Anne Fromm)
Podcasts sind weiter auf dem Vormarsch, ob Unterhaltungsformate oder solche zur Politik, wie sie jüngst von “Spiegel Online”, “Zeit Online” und “Deutschlandfunk” gestartet wurden. “taz”-Medienredakteurin Anne Fromm hat sich einen Monat angehört, was in diesem Themenumfeld von den drei genannten Medien derzeit geboten wird. (Anmerkung des “6vor9”-Kurators: Wer sich für Politik interessiert, könnte auch bei unabhängigen Formaten fündig werden wie z.B. dem “Aufwachen”-Podcast oder der “Lage der Nation”.)

3. Fakes aus Krisenregionen
(deutschlandfunk.de, Thomas Wagner)
Für Medien ist es nicht immer leicht herauszufinden, ob Bild- oder Videomaterial gefälscht ist. Im Beitrag des “Deutschlandfunks” geht es darum, wie das “News Lab” des Schweizer Fernsehens und das ARD-Studio Kairo mit dieser Herausforderung umgehen. Die Verifizierung von Bildern kann, trotz einschlägiger Tools, eine aufwändige Sisyphusarbeit sein, weiß ARD-Reporter Volker Schwenck in Kairo. Bei unklaren Fällen empfiehlt er zumindest den Hinweis, dass es sich um Bildmaterial aus fremden Quellen handelt. “Häufig ist die einfachste Form, dass man sagt: Die Bilder sollen dies und das sagen. Sie wurden im Internet verbreitet und könne nicht unabhängig verifiziert werden.”

4. Bietet Onlinern bessere Perspektiven!
(edito.ch, Tobias Bühlmann)
Im Schweizer Medienmagazin “Edito” erzählt Tobias Bühlmann von seinen langjährigen Erfahrungen in Online-Redaktionen. Er beklagt den schlechten Umgang der Medienhäuser mit ihren Onlinern. Diese stünden oft ganz unten in der Hackordnung, würden gering geschätzt und schlechter bezahlt. Er appelliert an die Chefs: “Hört euch um am Online-Desk, gebt den Arbeiterinnen und Arbeitern dort mehr Raum. Mehr Zufriedenheit führt zu einem motivierten Team, und dies garantiert ein besseres Produkt. Was eignet sich mehr als Alleinstellungsmerkmal in einer Medienwelt, die sich immer mehr angleicht?”

5. Keine Angst vor der Wahrheit – auch nicht unter Erdogan
(spiegel.de, Maximilian Popp)
“Spiegel Online” berichtet über den türkischen Medienunternehmer Engin Önder und dessen Internetplattform für Bürgerjournalismus “140journos”. Obwohl in der Türkei nach dem gescheiterten Putschversuch Mitte 2016 mehr als 150 Journalisten verhaftet und zahlreiche Medienhäuser geschlossen wurden, gibt es das alternative Medienprojekt immer noch. Was womöglich daran liege, dass Önder zwar heikle Themen anpacke, aber eine neutrale Sprache verwende und Kampfbegriffe meide.

6. Sandro Schwarz knöpft sich Journalisten vor
(swr.de, Benjamin Wüst)
Das passiert nicht oft: Ein Fußballtrainer, hier der des FSV Mainz 05, Sandro Schwarz, findet die Journalisten zu zahm und wünscht sich mehr Reibung und Diskussionen: “Auch wenn dann vielleicht mal eine patzige Antwort dabei ist, das kann natürlich sein. Aber ich will den Austausch. Ich bin bereit, die Wahrheit zu sagen.”

Nennt es nicht mehr “Sex-Skandal”!

Egal, wohin man derzeit schaut, ob zu Bild.de oder in die “Bild”-Zeitung, zu stern.de, n-tv.de, stuttgarter-zeitung.de, morgenpost.de, tag24.de, tvmovie.de, Handelsblatt.com, Gala.de, Rollingstone.de, abdenzeitung-muenchen.de, Bunte.de, WDR.de, 3sat.de, “Huffington Post” oder in “Bild am Sonntag” — man kommt nicht am Schlagwort “Sex-Skandal” vorbei:

Collage mit Screenshots, die Überschriften zeigen, in denen Redaktionen von einem Sex-Skandal schreiben

Die Liste ließe sich noch mit vielen weiteren Screenshots fortführen, auch von anderen Medien als den oben exemplarisch genannten.

Unter dem “Sex-Skandal” subsumieren die Redaktionen die Missbrauchs- und Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein (und neuerdings auch die gegen den Regisseur James Toback). Vermutlich wählen sie das Schlagwort, weil’s so knackig ist, eine Alliteration, und weil sowohl “Sex” als auch “Skandal” immer Klicks bringen und in Kombination erst recht. Dabei ist die Wortwahl sehr bedenklich.

Frauen zu fragen, ob sie einen nackt massieren wollen, bevor man über eine Filmrolle spricht, hat nichts mit Sex zu tun. Einer Frau zwischen die Beine zu fassen, obwohl diese das nicht möchte, hat nichts mit Sex zu tun. Eine Vergewaltigung hat nichts mit Sex zu tun. Und die Skandale darum sind keine “Sex-Skandale”. Jede Redaktion sollte diese Dinge als das bezeichnen, was sie sind: Belästigungen, Missbrauch, Vergewaltigungen. Und wenn bis zur Veröffentlichung noch nichts bewiesen ist und noch niemand verurteilt wurde, sollte man am besten noch ein “mutmaßlich” davorsetzen.

Wie falsch der Begriff “Sex-Skandal” ist, sieht man schon, wenn man sich durch die Archive einiger der oben aufgezählten Medien wühlt und schaut, was dort sonst als “Sex-Skandal” bezeichnet wird.

Wenn das “Erotiksternchen” Aische Pervers am Rande einer Aufzeichnung von “Germany’s Next Topmodel” ihre Brüste in eine Kamera hält und anschließend einen Porno dreht, schreibt stern.de von einem “Sex-Skandal”:

Screenshot stern.de - Sex-Skandal - Erotikstar dreht Porno bei Germanys-Next-Topmodel-Finale

Wenn ein “Polizisten-Pärchen” aus Berlin vor dem Einsatz beim G20-Gipfel in Hamburg einvernehmlichen “Geschlechtsverkehr im Freien” hat, schreibt Bild.de von einem “Sex-Skandal”:

Screenshot Bild.de - Drei Hundertschaften vor G20-Gipfel abgezogen! Sex-Skandal bei Berliner Polizei

Wenn eine frühere Freundin von Herzogin Kate regelmäßig “Sex-Partys” organisiert, schreibt Bunte.de von einem “Sex-Skandal”:

Screenshot Bunte.de - Herzogin Kate - Heißer Sex-Skandal im Freundeskreis!

Wenn Comedian Oliver Pocher bei der Eröffnung einer Schönheitsklinik mit einer Frau “in flagranti in einem Patientenzimmer” erwischt wird, schreibt Bild.de von einem “Sex-Skandal”:

Screenshot Bild.de - Sex-Skandal um Oliver Pocher - Hier flirtete er sich schon mal warm!

Wenn bei der Ausstellung “Körperwelten” auch ein Paar beim Geschlechtsverkehr zu sehen ist, schreibt abendzeitung-muenchen.de von einem “Sex-Skandal”:

Screenshot abendzeitung-muenchen.de - Augsburg: Neuer Sex-Skandal um Körperwelten

Wenn Fußballer John Terry eine Affäre mit der Freundin seines Nationalmannschaftskollegen Wayne Bridge hat, schreibt Bild.de von einem “Sex-Skandal”:

Screenshot Bild am Sonntag - Sex-Skandal! Kollege sauer auf Terry

Und wenn ein Video aus dem “Disneyland” in Paris auftaucht, in dem zwei Darsteller in Kostümen von Minnie Maus beziehungsweise Goofy sexuelle Handlungen andeuten, schreibt stern.de von einem “Sex-Skandal”:

Screenshot stern.de - Paris - Sex-Skandal im Disneyland

Rechte Reden, Lauschrausch, Irreführung mit Algen

1. “Blut und Feuer um dich – das ist Krieg”
(spiegel.de, Markus Becker)
Zum Tod der maltesischen Journalistin Daphne Caruana Galizia, die durch eine Autobombe umgebracht wurde, schreibt Markus Becker bei “Spiegel Online”: “Der Mord an einer regierungskritischen Bloggerin auf Malta erschüttert das Land, EU-Politiker reagieren entsetzt. Ändert sich jetzt etwas an den Verhältnissen in dem Inselstaat? Vermutlich nicht.” Ein kompromittiertes Rechtssystem und Polizisten, die sich über Caruanas Tod freuen, geben wenig Grund zur Hoffnung. Mehr zu dem Fall: Süddeutsche.de mit “Tod einer unermüdlichen Journalistin” und “Zapp” mit dem Videobeitrag (4:43 Minuten) “‘Malta Files’: Autobombe tötet Journalistin”.

2. Sie reden doch die ganze Zeit
(zeit.de, Mely Kiyak)
Nach dem Eklat bei der Frankfurter Buchmesse (nein, nicht dem zwischen Roberto Blanco und seiner Tochter Patricia, über den “Bild” berichtet hat, sondern dem mit den rechtsextremen Verlagen) widmet sich Mely Kiyak in ihrer Kolumne “Deutschstunde” den Klassikerfragen “Wie umgehen mit Rechten?” und “Dürfen sie reden, müssen sie reden, können sie reden?” Der Witz dabei sei, “dass sie permanent reden” würden: “Die rechtsextremen Netzwerke sind politisch, gesellschaftlich und finanziell enorm einflussreich. Es handelt sich nicht um Benachteiligte. Wer rechtsextrem ist, hat beste Chancen, gehört zu werden.”

3. Fahndungsfotos noch online: Google vs. Medien
(ndr.de, Sabine Schaper, Video, 3:50 Minuten)
Um einen mutmaßlichen Sexualstraftäter zu fassen, hatte das Bundeskriminalamt auch Fotos eines missbrauchten Mädchens veröffentlicht. Viele Redaktionen halfen dem BKA bei der Öffentlichkeitsfahndung, indem sie die Aufnahmen in ihre Onlineartikel einbanden. Nun ist der — inzwischen geständige — Täter geschnappt, und das BKA bittet, die Fotos des Mädchens zu löschen. “Zapp” zeigt, dass einige Bilder durch den sogenannten Google Cache noch immer zu finden sind. Laut Google müssten die Redaktionen aktiv werden, damit die Fotos verschwinden. Doch deren Löschanträge wurden von Google teilweise abgelehnt. Für alle, die sich das Video gerade nicht angucken können oder wollen: Hier gibt es auch einen Artikel zum Thema.

4. “Vertrauliche Quellen sind eingeschüchtert”
(deutschlandfunk.de, Sebastian Wellendorf, Audio, 5:12 Minuten)
Im Zuge von Telefonüberwachungen gegen das Umfeld von Fußball-Oberligist BSG Chemie Leipzig wurden auch Berufsgeheimnisträger abgehört. Soll heißen: Unter anderem wurden Journalisten bei ihrer Recherche von Polizisten belauscht. Alexandra Gerlach erzählt im Gespräch mit Sebastian Wellendorf vom Ausmaß der Abhöraktion und den Fehlern, die die sächsische Justiz zugegeben hat. Dazu auch: Süddeutsche.de mit “Lauschrausch”.

5. ExxonMobil: Mit den Algen spielen
(klima-luegendetektor.de)
In Werbeanzeigen, unter anderem erschienen in der “Berliner Zeitung”, will sich der Ölkonzern “ExxonMobil” einen grünen Anstrich geben — mit Algen, die in Zukunft Treibstoff produzieren “könnten”. “Der Klima-Lügendetektor” erinnert sich an eine ganz ähnliche, sechs Jahre alte “ExxonMobil”-Kampagne: “Was das ganze nun mit dem Klimaschutz zu tun hat? Nichts! Das erklärte zumindest im Jahr 2011 die Advertising Standards Authority ASA, die Werbeaufsichtsbehörde in Großbritanien. So wie jetzt in Deutschland hatte ExxonMobil damals auch mit seinen Algen im Vereinigten Königreich für den Klimaschutz geworben und als Lösung gefeiert, was die Werbeaufsicht als irreführend einstufte und verbot.”

6. Luftnummer (II)
(noemix.twoday.net, Michael Nöhrig)
“Auto 20 Meter in die Luft geschleudert”! “Pkw 20 Meter hochgeschleudert”! “Laut Augenzeugen wurde das Fahrzeug eines 29-jährigen Klagenfurters nach einem Crash 20 Meter in die Luft katapultiert und fiel danach wie ein Stein auf die Fahrbahn zurück”! Michael Nöhrig hat sich die Flugbahn, die in diesen Meldungen österreichischer Medien versprochen wird, mal angeschaut.

Julian Reichelt findet Protest gegen Rassismus “dumm und unangebracht”

Die Fußballprofis von Hertha BSC haben am vergangenen Wochenende etwas geschafft, was sie mit sportlichen Leistungen vermutlich noch nie hinbekommen haben: weltweit für Schlagzeilen sorgen. Und das, obwohl sie ihr Heimspiel gegen den FC Schalke 04 0:2 verloren haben. Vor dem Anpfiff knieten Spieler, Trainer und Betreuer nieder — die Hertha schloss sich damit als erstes Profiteam in Deutschland dem Protest von US-Sportlern gegen Rassismus und Diskriminierung an.

Manche Leute finden die Geste vom Wochenende etwas pathetisch, andere sind hellauf begeistert, einige sehen darin lediglich einen PR-Schachzug. Und einer findet das alles “dumm” und “unangebracht” und “eitel” und “lächerlich” und “selbstgerecht” und “geschichtsvergessen”: “Bild”-Oberchef Julian Reichelt.

Screenshot Bild.de - Kommentar von Julian Reichelt - Knie-Fall von Berlin ist eitel und dumm

In seinem Kommentar schreibt er:

Fußballvereine sind Fußballvereine und keine Parteien oder politischen Organisationen, weil sie Fußball besser können als Politik. Hertha BSC hat das am Samstag wieder mal eindrucksvoll bewiesen.

Schon bei den US-Sportlern findet Reichelt es völlig falsch, aus “Protest gegen Rassismus (…) und gegen US-Präsident Trump” während der Nationalhymne auf die Knie zu gehen, statt die Hand aufs Herz zu legen, weil …

weil unter der US-Flagge unzählige Männer und Frauen für Gleichheit und Freiheit aller Menschen gekämpft haben. Hunderttausende von ihnen sind in einem Sarg heimgekehrt, eingehüllt in eben jene Fahne.

Und jetzt gehen auch noch die Hertha-Profis auf die Knie.

In Berlin ist diese Form des Protests nicht nur unangebracht, sondern dumm und geschichtsvergessen. Der Star Spangled Banner wehte über vier Jahrzehnte über dem freien Teil Berlins. Mit der US-Fahne auf ihren Maschinen flogen mutige Piloten während der Luftbrücke, um das eingeschlossene Berlin am Leben zu halten. Panzer mit aufgezogener US-Flagge am Checkpoint Charlie sendeten das Signal nach Moskau, dass die USA die Freiheit Berlins unter allen Umständen verteidigen würden — mit dem Leben ihrer jungen Männer.

All dies wissen die Hertha-Millionäre, die nie in ihrem Leben wirklich für etwas kämpfen mussten, vermutlich nicht. Eitel und selbstgerecht freuen sie sich über ein bisschen billigen Applaus. Die freie, vereinte Stadt, in der sie ihrem traumhaften Beruf nachgehen dürfen, gäbe es nicht ohne die Fahne, die sie mit ihrem lächerlichen Kniefall verhöhnen.

Julian Reichelt urteilt über die Protest-Symbolik von schwarzen Sportlern, die sich in den USA diskriminiert fühlen. Er bewertet eine Aktion gegen Rassismus, Diskriminierung und Intoleranz, in der sich ein deutscher Profiklub und seine Sportler endlich mal nicht als Duckmäuser zeigen, als “dumm”. Und er benutzt dabei dieselben Mittel wie Donald Trump: Reichelt deutet das Zeichen gegen Rassismus in ein Zeichen gegen die US-Flagge, US-Soldaten und/oder die ganzen USA um.

Den Trick, den Protest in einen gegen Flagge und Land umzuschreiben, wendet Trump seit Wochen an. Die Logik des “Bild”-Chefchefs findet man in Tweets und Reden des US-Präsidenten wieder. Am 24. September twitterte Trump beispielsweise:

Screenshot eines Tweets von Donald Trump - If NFL fans refuse to go to games until players stop disrespecting our Flag and Country, you will see change take place fast. Fire or suspend!

Und einen Tag später:

Screenshot eines Tweets von Donald Trump - The issue of kneeling has nothing to do with race. It is about respect for our Country, Flag and National Anthem. NFL must respect this!

Bei einem Auftritt in Alabama sagte Donald Trump:

Wouldn’t you love to see one of these NFL owners, when somebody disrespects our flag, you’d say, “Get that son of a bitch off the field right now. Out! He’s fired.”

Dabei richtete sich der Protest originär und bis heute nicht gegen die US-Flagge. Von Anfang an ging es um die Diskriminierung schwarzer US-Bürger: Colin Kaepernick, damals Quarterback der San Francisco 49ers, blieb im vergangenen Jahr bei drei Spielen während der Nationalhymne auf der Bank sitzen, weil er damit gegen die Polizeigewalt gegenüber Schwarzen demonstrieren wollte. “I am not going to stand up to show pride in a flag for a country that oppresses black people and people of color”, sagte Kaepernick damals. Die Flagge spielte beim Protest also durchaus eine Rolle, dieser wendete sich aber nicht gegen sie.

Zum Knien kam es erst, als Nate Boyer sich zu Wort meldete. Boyer war Mitglied der Special Forces der US-Armee und kurzzeitig Football-Profi. In einem offenen Brief schrieb er an Kaepernick, dass er sich von dessen Sitzenbleiben verletzt fühle. Kaepernick und Boyer trafen sich und einigten sich aufs Knien:

Colin wanted to sit, I wanted him to stand, and so we found a common ground on a knee alongside his teammates.

Eric Reid, der damals gemeinsam mit Colin Kaepernick bei den San Francisco 49ers spielte, war ebenfalls bei dem Treffen mit Boyer dabei. Für die “New York Times” schrieb er:

After hours of careful consideration, and even a visit from Nate Boyer, a retired Green Beret and former N.F.L. player, we came to the conclusion that we should kneel, rather than sit, the next day during the anthem as a peaceful protest. We chose to kneel because it’s a respectful gesture. I remember thinking our posture was like a flag flown at half-mast to mark a tragedy.

Dieser ganze Protest, das Knien, war von Anfang an eine sehr wohl überlegte Geste. Inzwischen haben sich Footballer anderer Teams angeschlossen, Basketballer aus der NBA, Baseballer aus der MLB. Und Hertha BSC. Musiker Stevie Wonder kniete sich während eines Konzerts hin, “for America”, wie er sagte.

Eric Reid, der frühere Teamkollegen von Colin Kaepernick in San Francisco, schrieb noch:

It baffles me that our protest is still being misconstrued as disrespectful to the country, flag and military personnel. We chose it because it’s exactly the opposite. It has always been my understanding that the brave men and women who fought and died for our country did so to ensure that we could live in a fair and free society, which includes the right to speak out in protest.

Derart feine Gedanken haben in Julian Reichelts grobschlächtigen Kommentaren leider keinen Platz.

Mit Dank an Kai E., Mario, @FabianBuchheim, @Netzengel, @axw74, @pfuideifipegida und @JREich6688 für die Hinweise!

Nachtrag, 21:11 Uhr: Bei süddeutsche.de kommentiert Philipp Selldorf ebenfalls, dass er die Aktion von Hertha BSC “selbstgerecht, eitel, narzisstisch” findet. Und doch ist sein Text völlig anders als der von Julian Reichelt: Selldorfs Kritik bezieht sich auf den bereits erwähnten PR-Charakter des Berliner Kniefalls. Anders als Reichelt reproduziert er nicht die Argumentation und Rhetorik von US-Präsident Donald Trump. Außerdem sind die Ziele der Kritik bei Selldorf und Reichelt unterschiedliche: Selldorf findet den Verein “eitel”, Reichelt die Sportler.

Mesale Tolu, Fotojournalismus, Keine Haselnüsse für Aschenbrödel

1. Mesale Tolu muss in Untersuchungshaft bleiben
(faz.net, Michael Martens & Rüdiger Soldt)
Seit mehr als fünf Monaten befindet sich die deutsche Journalistin Mesale Tolu in türkischer Untersuchungshaft. Der Antrag ihrer Anwälte, sie wenigstens bis zum Urteil auf freien Fuß zu setzen, wurde nun vom türkischen Gericht abgelehnt. Tolu bleibt bis zur Fortsetzung der Verhandlung am 18. Dezember in Haft. Ihr drohen bis zu 15, nach anderen Einschätzungen sogar bis zu 20 Jahre Haft.
Weitere Lesetipps: “In der Türkei beginnt der Prozess gegen Mesale Tolu” von der “SZ” sowie der BR-Bericht “‘Erdogans Geisel’ muss vor Gericht”, in dem auch Mesale Tolus Vater zu Wort kommt.

2. Leipziger Abhörskandal: 360 Gespräche mit Berufsgeheimnisträgern belauscht
(lvz.de)
Bei ihren Ermittlungen im Umfeld des Fussballklubs „Chemie Leipzig“ hat die sächsische Justiz mehr als 360 Gespräche mit Berufsgeheimnisträgern abgehört. Allein 130 Mal soll ein Journalist der „Leipziger Volkszeitung“ (“LVZ”) von den Behörden belauscht worden sein, während er mit Vertretern des Fußball-Regionalligisten sprach. “LVZ”-Chefredakteur Jan Emendörfer: „Wir waren schon entrüstet, als wir von dem Vorgang hörten. Aber jetzt, diese hohe Zahl an abgehörten Telefonaten, steht erst recht in keinem Verhältnis zum Ermittlungsgegenstand.“

3. Fotojournalisten zwischen den Fronten
(deutschlandfunk.de, Ralf Hutter, Audio, 5:11 Minuten)
Der Fotojournalist Ralf Hutter denkt anlässlich der G20-Diskussion an seine Erfahrungen mit der Polizei bei einer Demo beim Kohlekraftwerk Schwarze Pumpe in Brandenburg zurück und fragt: “Wie normal ist es, dass die Polizei ohne Not Journalisten belästigt, oder gar schädigt? Und inwieweit ist es erlaubt, dass ein Journalist Menschen bei einer Gesetzesübertretung begleitet und so selbst das Gesetz bricht, sei es beim Eindringen auf ein Privatgelände oder beim Überschreiten einer Staatsgrenze?”

4. Gesundheitsjournalismus: Gegen das schlechte Image
(de.ejo-online.eu, Heini Maksimainen)
Heini Maksimainen ist eine finnische Journalistin, die sich auf Gesundheitsthemen spezialisiert hat. Mit ihrer Studie zur Qualität im Gesundheitsjournalismus will sie zeigen, wie man verantwortungsvollen und glaubwürdigen Journalismus im Bereich Gesundheit macht, der von vielen gelesen und zudem in den sozialen Medien geteilt wird. Ihre Erkenntnisse gibt sie in zehn praktischen Tipps weiter.

5. Der rechnende Reporter
(sueddeutsche.de, Sebastian Jannasch)
Vor drei Jahren sorgte der Begriff “Roboterjournalismus” noch für weltweite Schlagzeilen. Mittlerweile ist er in bestimmten Segmenten bereits Realität geworden. So lässt die US-Nachrichtenagentur “AP” beispielsweise Quartalsberichte von Unternehmen vollautomatisch in Meldungen umwandeln. Hierzulande plant ein Viertel der befragten Verlage, Roboterjournalismus zu nutzen. Am besten ließe sich das zur Zeit bei Börsenberichten, Wetterprognosen und Sportnachrichten umsetzen.

6. Warum falsche Termine für “Aschenbrödel” im Netz kursieren
(morgenpost.de, Lars Wienand)
Viele Medien verbreiteten geradezu euphorisch die neuen Sendetermine für den Kult-Märchenfilm “Drei Haselnüsse für Aschenbrödel” im Internet. Das Problem: Es handelt sich um die Sendetermine des vergangenen Jahres, welche die Medien falsch von einer privaten Website übernommen hatten. “Morgenpost”-Autor Lars Wienand: “Das ist wie eine Einladung zum Ball, und dann entpuppt sich die Tanzpartnerin als fiese, in die Jahre gekommene Stiefschwester der Traumfrau.” Nachtrag, 11:48 Uhr: Felix Beilharz, auf dessen Website weihnachtsfilme.de die Verwirrung um die “Aschenbrödel”-Sendertermine zurückzuführen ist, hat sich zu der ganzen Sache geäußert: “#Aschenbrödelgate — Wie ich einmal aus Versehen Fake News produziert habe”.

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