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Die “Bild”-“Analyse” zu Mesut Özil: jämmerlich und wirr

Es wäre doch eigentlich gar nicht so schwer, mal ein bisschen zu differenzieren. Warum nicht Mesut Özils Erklärung zu seinem Foto mit Recep Tayyip Erdogan fragwürdig und schwach finden — gleichzeitig aber die Rassismusvorwürfe, die er erhebt, ernst nehmen? Warum nicht sagen: Das Foto war und ist falsch, Erdogan ist ein Autokrat, der Menschen unterdrückt, ihnen die Freiheit raubt, sie ohne Grund aus dem Job schmeißen und ohne Anklage ins Gefängnis stecken lässt — aber auch sagen: Rassismus ist nie in Ordnung, egal gegen wen? Warum nicht fragen, wo Özils Selbstkritik bleibt — die Kritik an gesellschaftlichen Zuständen und an medialen Kampagnen dennoch gelten lassen?

Das Gegenteil einer solchen Differenzierung sieht so aus:

Ausriss der Bild-Titelseite - Özil - Jammer-Rücktritt und seine wirre Abrechnung mit Deutschland

Das ist die Seite 1 der “Bild”-Zeitung von gestern. Die Titelseiten mancher “Bild”-Regionalausgaben, zum Beispiel in Hamburg und in Chemnitz, sind noch ein bisschen schlimmer, weil sie den Schwerpunkt etwas anders setzen: der da gegen Deutschland.

Ausriss der Bild-Titelseite - Im Internet! Auf Englisch! Özils wirre Jammer-Abrechnung mit Deutschland

… und dann auch noch im Internet und auf Englisch!

Ein Team aus sechs “Bild”-Autoren, darunter “Bild”-Chef Julian Reichelt, haben sich Özils drei Twitter-Nachrichten von Sonntag vorgenommen, in denen der Fußballer versucht, das Erdogan-Foto zu erklären, Rassismus in Medien, von Sponsoren, Politikern, der Gesellschaft beklagt und seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft verkündet. Sie nennen es eine “Bild-Analyse”. Es ist auch eine Selbstverteidigung von “Bild”.

Schreibt Özil, “dass die Medien die schlechte Weltmeisterschaft einer ganzen Mannschaft auf meine doppelte Herkunft und ein Foto schieben”, schreibt das “Bild”-Team: “Kompletter Unfug, pures Selbstmitleid”, “frei erfunden”.

Schreibt Özil: “Gewisse deutsche Zeitungen nutzen meine Herkunft und mein Foto mit Erdogan als rechte Propaganda, um ihre politische Agenda voranzutreiben”, schreibt das “Bild”-Team: “Hier ist Özil in seinem Weltbild gefährlich nah an Erdogan und anderen Despoten. Wer es wagt, ihn zu kritisieren, muss eine politische Agenda haben.”

Schreibt Özil, die Medien hätten nicht meine Leistung, sondern bloß meine türkische Herkunft kritisiert”, schreibt das “Bild”-Team: “Frei erfundener Unfug. ALLE Medien kritisierten zurecht Özils Leistung, keine große Medienmarke kritisierte je seine Herkunft. Eine Dreistigkeit gegenüber den freien Medien seiner Heimat, denen Özil pauschal und ohne jeden Beleg Rassismus vorwirft.”

So unsachlich und aufgebracht ist der Ton durchgehend.

Schaut man sich die Berichterstattung von “Bild” und Bild.de seit dem Erdogan-Foto an, kann man sehen, dass es dort — wenig überraschend — tatsächlich keinen offenen Rassismus gegen Mesut Özil im Stile der NPD gegeben hat. “Der Türke soll raus aus der Nationalmannschaft” oder “Wann schmeißt Löw endlich das Ölauge raus?” steht dort nicht. Aber natürlich gab es Stimmungsmache. Natürlich haben die “Bild”-Medien eine Grundlage für dumpfesten Nationalismus gelegt. Natürlich gab es eine Kampagne gegen Mesut Özil. Sein Deutschsein wurde hinterfragt. Die Redaktion hat gezeigt: Hier, schaut mal, der ist schon anders als wir. Rassistische Beleidigungen von der Tribüne gegen Özil wurden als “Ärger” abgetan (wobei man gar nicht weiß, was schlimmer ist: dem Rassismusopfer den “Ärger” in die Fußballschuhe zu schieben oder Rassisten als “Fans” zu bezeichnen).

Ein paar Beispiele in chronologischer Reihenfolge.

Am 15. Mai titelt “Bild”:

Ausriss der Bild-Titelseite - Unser Weltmeister Mesut Özil - Schäbige Propaganda für Erdogan!

Am selben Tag erscheint bei Bild.de dieser “Bild plus”-Artikel:

Screenshot Bild.de - Einer sprach zu Hause nur Türkisch - So deutsch sind Özil und Gündogan

Viele fragen sich: Wie deutsch sind Gündogan und Özil wirklich?

Es dauert gerade mal ein paar Stunden, da hat die “Bild”-Redaktion schon das Deutschsein von Mesut Özil und Ilkay Gündogan zur Diskussion gestellt. Die zwei sind, so sieht es für “Bild”-Leser aus, Fälle, bei denen man mal genauer nachschauen muss, wie deutsch sie “wirklich” sind. Egal, dass beide einen deutschen Pass haben, in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, seit Jahren für deutsche Nationalmannschaften spielen. Der, der “zuhause nur Türkisch” sprach, ist Mesut Özil.

In anderen Fällen bringt Bild.de auch solche Überschriften. Kurz vor dem WM-Finale zwischen Frankreich und Kroatien veröffentlicht die Redaktion diesen Artikel über Dejan Lovren und Mario Mandzukic, die wegen des Krieges in ihrer Heimat als Kinder in Deutschland lebten:

Screenshot Bild.de - Morgen spielen sie im WM-Finale - So deutsch ticken diese zwei Kroatien-Stars

Bei zwei kroatischen Staatsbürgern, die in Deutschland aufwuchsen, fragt Bild.de, wie viel Deutschland in ihnen steckt. Und bei den zwei deutschen Staatsbürgern Mesut Özil und Ilkay Gündogan.

Ebenfalls am 15. Mai veröffentlicht Bild.de dieses Pro und Contra:

Screenshot Bild.de - Nach schäbigem Propaganda-Auftritt von Özil und Gündogan - Muss Jogi beide rauswerfen?

Zwei Redakteure diskutieren im Pro und Contra, ob Jogi Löw Gündogan und Özil rauswerfen muss?

Den Pro-Part übernimmt “B.Z.”-Chefredakteurin Miriam Krekel. Die Position kann man vertreten, aber dann sollte man als Redaktion auch dazu stehen, dass man dieser Position Platz eingeräumt hat. Julian Reichelt und seine fünf Kollegen behaupten gestern in ihrer “Analyse” hingegen:

Özil schwelgt in seiner Opferrolle, die mit der Realität nichts zu tun hat. Die meisten deutschen Medien haben TROTZ des Erdogan-Fotos nie seinen Rauswurf gefordert, auch BILD nicht.

Der angeblich nötige Rauswurf von Özil und Gündogan ist auch einen guten Monat später noch mal Thema in den “Bild”-Medien. Am 13. Juni titelt Bild.de:

Screenshot Bild.de - Klartext von Effe - DFB hätte Özil & Gündogan rauswerfen müssen!

Seine Experten-Meinung hatte Stefan Effenberg bei t-online.de hinterlassen. Bild.de adelte sie als “Klartext”.

Aber zurück zur Chronologie. Am 17. Mai legt Bild.de nach:

Screenshot Bild.de - Skandal-Foto mit Erdogan - Bild sucht die Wurzeln von Gündogan und Özil

Bei den Özils zu Hause sprach man Türkisch, auf dem Bolzplatz um die Ecke auch.

Am 19. Juni, also zwei Tage nach der WM-Auftaktniederlage gegen Mexiko, zitiert die “Bild”-Redaktion ihren WM-Kolumnisten Lothar Matthäus auf der Titelseite:

Ausriss Bild-Titelseite - Lothar Matthäus knallhart: Özil fühlt sich nicht wohl im DFB-Trikot

Christoph Cöln, Springer-Kollegen von “Welt”, schrieb dazu bei Welt.de (allerdings ohne “Bild” dabei zu erwähnen):

Ähnlich pseudoseriös und verschwörerisch unkte Weltmeister Lothar Matthäus kürzlich. Özil fühle sich im Nationaltrikot nicht wohl, so Matthäus. Das ist infam. Die Aussage suggerierte, dass der in Gelsenkirchen geborene Sohn türkischer Einwanderer Identitätsprobleme hat, dabei spielt Özil seit seiner Jugend in der Nationalmannschaft, er ist einer ihrer verdientesten Repräsentanten.

Am selben Tag berichtet Bild.de von Mario Baslers Auftritt in der TV-Sendung “Hart aber fair”:

Screenshot Bild.de - Körpersprache eines toten Frosch - Basler vernichtet Özil!

Am 27. Juni — die deutsche Nationalmannschaft hat da bereits das letzte Gruppenspiel gegen Südkorea verloren und ist aus dem Turnier ausgeschieden — titelt Bild.de:

Screenshot Bild.de - Frust-Aus gegen Südkorea - Özil-Krach mit deutschen Fans

Es stellt sich raus: Mesut Özil wurde nach dem Spiel von der Tribüne aus auf übelste Weise rassistisch beleidigt. “Bild” titelt dazu am 29. Juni:

Ausriss Bild-Zeitung - Özil - Zweimal Ärger und sonst nix

… als ginge die Aggression von Özil aus. Das meinen Julian Reichelt und seine fünf Co-Autoren wohl, wenn sie gestern in ihrer “Analyse” zu Özils Aussagen schreiben:

Ein Schlag ins Gesicht für Millionen Fans, die ihn vorurteilsfrei bewundert und bejubelt haben. Und für diejenigen, die ihn — wie auch BILD — gegen Rassismus in Schutz genommen haben. Die ausländerfeindlichen Beleidigungen eines Fans nach dem Südkorea-Spiel, die Özil beschreibt, verurteilt BILD ebenso aufs Schärfste.

Am 30. Juni veröffentlicht Bild.de diesen “Bild plus”-Text:

Screenshot Bild.de - Kosmos Özil - Er pilgerte nach Mekka und liebt eine Miss Türkei

Natürlich hätte die Redaktion den Artikel auch mit “Er ist ein Gelsenkirchener Junge” überschreiben können oder mit “Mops Balboa ist sein treuer Begleiter”. Beides steht im Artikel und beides ist faktisch genauso richtig wie die Infos zu Özils Reise nach Mekka und zu seiner Freundin. Das Bild.de-Team hat aber das Fremde, das Nicht-Deutsche in die Titelzeile gepackt.

Auch das liefert Futter für den Stammtisch. Auf die Kritik, dass ihre Überschriften Tatsachen verzerren, entscheidende Aspekte weglassen oder durch bestimmte Schwerpunkte Stimmungen erzeugen können, antworten “Bild”-Mitarbeiter gern: “Unsere Leser können mehr als nur Überschriften lesen.” Man muss entweder sehr doof sein oder sich sehr doof stellen, wenn man bei “Bild” arbeitet und nicht die Wirkungskraft von Schlagzeilen kennt; bei einem Blatt, das sich tagtäglich über große Schlagzeilen verkauft.

Die Geschichte aus dem “Kosmos Özil” mit dem Mekka-und-Miss-Türkei-Titel hat Bild.de gestern übrigens noch einmal, mit einer Aktualisierung zum Rücktritt des Fußballers, auf die Startseite gepackt.

Es war natürlich nicht immer so, dass die Herkunft von Mesut Özil so im Mittelpunkt der “Bild”-Berichterstattung stand. Wühlt man sich durch das Bild.de-Archiv dieses Jahres, findet man von 1. Januar bis zum 13. Mai keinen Artikel mit einem solchen Schwerpunkt. Seit dem Erdogan-Foto ist das anders.

Schaut man noch weiter zurück, findet man solche Beiträge: Mesut Özil als Musterbeispiel der Integration, aus dem September 2011. Özil war da schon Nationalspieler, aber noch längst nicht Weltmeister:

Screenshot Bild.de - 50 Jahre türkische Gastarbeiter - Meine Disziplin ist deutsch, meine Gelassenheit türkisch

BILD stellt 50 Beispiele für gelungene Integration vor. Heute: Fußballnationalspieler Mesut Özil (22).

Davon könnte die “Bild”-Berichterstattung heute nicht weiter weg sein. “Sport Bild”-Chefredakteur Matthias Brügelmann schrieb gestern in seinem “Bild”-Kommentar:

BILD hatte nie Özils Rauswurf aus der Nationalelf gefordert. Jetzt wäre es soweit gewesen, wenn er nicht selbst zurückgetreten wäre. Wer so über Deutschland denkt, kann nicht für Deutschland spielen.

Es gibt einen Spruch von der extremen Rechten, von Neonazis: “Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen.” Wir glauben nicht, dass Brügelmann daran andocken wollte. Seine Aussage ist aber auch nicht wahnsinnig weit davon entfernt.

Und dann ist da ja noch Franz Josef Wagner.

Das eigentlich Traurige und Erschreckende an der “Bild”-Berichterstattung von gestern ist, dass sie offenbar nicht im Ansatz verstanden haben, dass man Mesut Özils Erklärungen zum Erdogan-Foto für kompletten Unsinn halten und falsch finden und dennoch die Rassismusvorwürfe ernst nehmen kann. Patrick Markowski, leitender Chef vom Dienst bei “Bild”, twitterte gestern zum Beispiel:

Screenshot eines Tweets von Patrick Markowski - Hier noch ein schockierendes Beispiel dafür, wie hart ein deutscher Fußball-Millionär in London vom Rassismus getroffen werden kann. Dazu ein Screenshot, der zeigt, dass Mesut Özil 2016 zum Nationalspieler des Jahres gewählt wurde

Was ist das für eine Logik? Weil Mesut Özil zum Nationalspieler des Jahres 2016 gewählt wurde, kann er nicht “vom Rassismus getroffen werden”? Weil er “Fußball-Millionär” ist, kann er nicht “vom Rassismus getroffen werden”? Weil er in London lebt, kann er nicht “vom Rassismus getroffen werden”? Weil 54,5 Prozent von 316.850 Leuten Özil wählten, können einem genug andere das Leben nicht zur Hölle machen?

Heute geht es bei “Bild” mit dem Thema weiter, verständlicherweise. “Bild”-Chef Julian Reichelt schreibt in seinem Kommentar:

Die SPD-Chefin Andrea Nahles mahnt: “Das Gefühl, ausgegrenzt zu sein, … droht auf viele Migranten auf und neben dem Fußballplatz überzugehen.” Unsere Justizministerin warnt, es sei “ein Alarmzeichen” wenn Özil sich “in seinem Land wegen Rassismus nicht mehr gewollt” fühle.

Nur pflichtschuldig erwähnt wird dagegen, worum es eigentlich gehen sollte: Ein Deutscher hat sich an der Propaganda für einen Mann beteiligt, der deutsche Staatsbürger ohne Anklage eingekerkert hat. (…)

Özils Foto steht symbolisch für den Kampf zwischen freiheitlichen und unterdrückerischen Systemen. Viele deutsche Politiker haben sich in diesem Kampf auf die verheerend falsche Seite geschlagen!

Politiker und Politikerinnen, die sich Gedanken um Menschen mit Migrationshintergrund und deren Gefühl der Ausgrenzung machen, sind laut Julian Reichelt Kämpfer gegen freiheitliche und für unterdrückerische Systeme. Der “Bild”-Chef beweist einmal mehr: Es geht immer noch ein bisschen irrer.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Fünf Jahre “Bild plus”: Geld machen mit getöteten Menschen

Auf der “Bild”-Titelseite gab es am Dienstag Torte:

Ausriss Bild-Zeitung - Bild-Plus feiert Geburtstag und 400.000 Abos - Die besten Geschichten, die besten Videos, der beste Service: Vor fünf Jahren, im Juni 2013, startete Bild das digitale Premium-Angebot Bild-Plus. Jetzt wurde pünktlich zum Geburtstag die Marke von 400.000 Abonnenten geknackt. Bild-Plus ist damit das erfolgreichste digitale Bezahlangebot für News, Sport und Unterhaltung in ganz Europa.

Nun gibt es beim “digitalen Premium-Angebot BILDplus” aber nicht nur “die besten Geschichten, die besten Videos, den besten Service”. “Bild plus” steht auch für ekliges Geldmachen.

Ein paar Beispiele aus den vergangenen Jahren …

Nach dem Tod einer 19-Jährigen im Januar 2015 schlagzeilte Bild.de:

Screenshot Bild.de - Familiendrama in Darmstadt - L. musste sterben, weil sie ihren Freund liebte

Den eher seltenen Namen haben wir unkenntlich gemacht. Das Gesicht die Bild.de-Redaktion — allerdings nicht aufgrund einer ethischen Überzeugung oder aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen. Bild.de versuchte lediglich, mit dem Foto einer Verstorbenen Kohle zu verdienen. Denn hinter der Paywall konnten alle Leserinnen und Leser, die ein Abo hatten, die Frau ohne Unkenntlichmachung sehen. “Bild plus” ist auch das Versprechen: Wer zahlt, kann Opfer in aller Ausführlichkeit anglotzen.

Und nur nebenbei: Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Bild.de die Erlaubnis der Eltern hatte, das Foto der 19-Jährigen zu zeigen. Oder dass die Redaktion sie überhaupt gefragt hatte — denn beide Elternteile saßen zur Zeit der Veröffentlichung schon länger in Untersuchungshaft.

Eine andere “Bild plus”-Geschichte: Als eine Frau im Oktober 2016 schon mehrere Tage verschwunden war, und bereits eine Mordkommission ermittelte, schrieb Bild.de auf der Startseite:

Screenshot Bild.de - Ihr Verschwinden wirft weiter Fragen auf - Doros letzte SMS

Das Gesicht der Frau haben wir verpixelt, das unscharfe Handydisplay kommt von Bild.de. Die Redaktion wollte nämlich mit “Doros letzter SMS” Geld verdienen: Nur wer zahlt, darf alles sehen — in diesem Fall war es die letzte Kurznachricht einer möglicherweise verstorbenen Person (Bild.de: “Wurde sie getötet und verscharrt?”), mit der das “Bild”-Team versuchte, Abos zu verkaufen.

Ein weiteres Beispiel: Im März dieses Jahres berichtete Bild.de über einen schrecklichen Fall, bei dem eine 17-Jährige lebensgefährlich mit einem Messer verletzt wurde:

Screenshot Bild.de - Screenshot Bild.de - Scharia-Gericht im Kinderzimmer - Bruder rammt seiner Schwester Messer in die Brust - Schwer verletzt - Familie dreht Video von der Tat - Mit Video

Der Hinweis “MIT VIDEO” war tatsächlich so gemeint, wie man direkt befürchtet. Bild.de zeigte die Aufnahmen, die die Familie gemacht hatte. Für Leserinnen und Leser ohne “Bild plus”-Abo erschien folgender Teaser:

Mit BILDplus lesen Sie das grausame Protokoll einer Familie ohne Gnade, verhaftet in einem vorsintflutlichen Weltbild. Außerdem dazu, das Video der schrecklichen Tat — von der Familie gefilmt.

Unter welches Qualitätsmerkmal des “Premium-Angebots” “Bild plus” fällt das wohl? “Die besten Geschichten”? “Die besten Videos”? “Der beste Service”? Auf jeden Fall ist das billigster, menschenverachtender Sensationsjournalismus.

Die Bild.de-Mitarbeiter haben das Video übrigens gelöscht, nachdem sich die zuständige Staatsanwaltschaft bei ihnen gemeldet hatte.

Und noch ein Beispiel: Nach dem Terroranschlag in Manchester im Mai 2017, bei dem 22 Menschen getötet wurden, ein Großteil von ihnen Kinder und Jugendliche, brachte Bild.de einen Artikel über die 18-jährige Georgina. Titel: “Ausgelöscht!”. Der Beitrag bestand fast ausschließlich aus Postings des Mädchens in verschiedenen sozialen Netzwerken. Um ihn lesen zu können, brauchte man ein “Bild plus”-Abo.

Auch das ist “Bild plus”: Geld verdienen mit dem Tod junger Menschen.

Manchmal ist auch einfach die Paywall an sich problematisch, weil die Bild.de-Redaktion ganz entscheidende Informationen erst dahinter verrät.

Im März vergangenes Jahres beispielsweise wollte Bild.de wohl sowas wie Aufklärung betreiben und stellte dafür “Fragen, die sich keiner zu stellen traut”:

Screenshot Bild.de - Tag des Down-Syndroms - Bild fragt Fragen, die sich keiner zu stellen traut - Darf man Mongo zu Ihnen sagen

Die Antwort schon mal jetzt: Nein, darf man nicht. Das ist eine üble Beleidigung.

Das erfuhren auch die Bild.de-Leserinnen und -Leser — blöderweise aber nur jene paarhunderttausend mit “Bild plus”-Abo. Für die anderen Millionen Besucher der Seite hatte die Redaktion an prominenter Stelle ein Schimpfwort reproduziert, ohne die Auflösung zu liefern, dass dessen Verwendung überhaupt nicht in Ordnung ist.

Ein ähnliches Problem bei diesem Bild.de-Artikel aus dem Januar 2018:

Screenshot Bild.de - Nach 1300 Unterrichtsstunden - 4 von 5 Flüchtlingen bestehen Deutschtest nicht

Nur für “Bild plus”-Kunden gab es die Info, dass gar nicht “4 von 5 Flüchtlingen” bei ihrem Deutsch-Test durchfallen, sondern dass vier von fünf Flüchtlingen, die als Analphabeten in einen Sprachkurs kamen, nicht das Sprachniveau B1 erreichen. Das war gleich ein doppelter Unterschied: Es ging weder um alle Flüchtlinge noch um die Frage “bestehen oder nicht bestehen?”, sondern darum, ein gewisses Niveau beim Bestehen zu erreichen. Alle, die kein “Bild plus”-Abo hatten und nur die Überschrift sehen konnten, wurden von Bild.de falsch informiert.

Oder von gestern:

Screenshot Bild.de - Asyl-Streit mit Seehofer - Merkel ganz allein! Nur drei Unions-Abgeordnete stellen sich hinter die Kanzlerin

Nur mit einem “Bild plus”-Abo kann man herausfinden, dass an der “Bild”-Umfrage zum Thema “Zurückweisung von Flüchtlingen”, auf der der Artikel fußt, längst nicht alle 246 Unions-Abgeordneten im Bundestag teilgenommen haben, sondern nur 69 von ihnen. “Merkel ganz allein” also nur im Sinne von “Merkel ganz allein in Bezug auf 69 von 246 Unions-Abgeordneten”. Für Bild.de-Besucher ohne “Bild plus”-Abo wird das nicht klar.

Das waren jetzt nur ein paar Beispiele aus der Geschichte von “Bild plus”. Es gibt noch viele mehr. Es kommen ständig neue dazu. Und das seit fünf Jahren. Glückwunsch!

Wie “Compact” lügt, verdreht und Stimmung macht. Ein Beispiel.

Fährt in Deutschland jemand mit einem Kleinbus in eine Menschenmenge, steht für das selbsterklärte Wahrheitsmagazin “Compact” direkt fest: Hinterm Steuer muss ein islamistischer Terrorist gesessen haben. Stellt sich später allerdings heraus, dass der Täter Deutscher war, wird es erst richtig wild.

Wie wenig dem Blatt daran liegt, journalistische Aufklärungsarbeit zu leisten, kann man gut an der “Compact”-Berichterstattung zur Amokfahrt in Münster Anfang April erkennen, die wir uns mit etwas zeitlichem Abstand noch einmal genauer angeschaut haben. Ein Mann fuhr damals in eine Gruppe von Menschen, vier Personen kamen ums Leben. Und “Compact” legte los: Die Redaktion brachte erstmal eine Falschmeldung in Umlauf, nahm diese später keinesfalls zurück, sondern löschte heimlich und flüchtete in neue haltlose Behauptungen. Beliebig änderte “Compact” Standpunkte und Geschichten und konstruierte eine widersprüchliche Erzählung. Gemeinsamer Nenner war nur ein Misstrauen in die offizielle Version zur Tat — und selbst das wurde ohne zu zögern geopfert, wenn es der “Compact”-Agenda diente.

Doch der Reihe nach. Am 7. April, dem Tag der Tat, veröffentlicht die “Compact”-Redaktion abends einen Bericht auf ihrer Website. Sie wählt folgende Überschrift:

Screenshot Compact - Anschlag in Münster: 4 Tote! Wacht die Multikulti-Hochburg jetzt auf?

Während “Comapct” bereits in der Titelzeile Schuldige suggeriert (woher könnte der Täter schon stammen, wenn er mit seiner Tat “die Multikulti-Hochburg” wachrüttelt? Aus Deutschland sicher nicht), berichten andere Medien aufgrund der dünnen Faktenlage vorsichtiger. Bei “Compact” heißt es empört:

Die ARD-Tagesschau sprach in einer ersten Meldung verharmlosend von einem “Zwischenfall mit einem Auto”. DIeselbe (sic) Formulierung übernahm auch Die Welt. Dabei ist klar, dass es ein Anschlag war, denn der Fahrer hat sich nach seiner Terrorfahrt erschossen. (…)

Dass es ein islamistischer Anschlag war, ist zur Stunde nicht nachweisbar. Aber die Indizien sind stark: Das Anschlagsmuster gleicht dem von Nizza im Sommer 2015 (siehe Aufmacherfoto) und von London Anfang 2017. Und: Am heutigen Tag jährt sich der islamistische LKW-Anschlag von Stockholm 2017.

Die Schutzstrategie der Stadt Münster habe versagt, man habe nämlich nicht nur Poller aufstellen, sondern die Salafistenszene verbieten müssen. Die Tat soll laut “Compact” auch irgendwie mit einer Anti-Pegida-Demonstration und dem schlechten Ergebnis der AfD in Münster bei der Bundestagswahl zu tun haben.

Die Frage stellt sich: Wann werden die Bunt-Besoffenen aus ihren kuschelweichen Träumen aufwachen? Was muss noch passieren?

“Compact” hat sich also früh auf einen Täter festgelegt, vermutlich soll es ein Islamist sein, ganz sicher ein Ausländer, dessen Anschlag den “Bunt-Besoffenen” den Wahnsinn vor Augen führt. Später ändert die Redaktion ihre Überschrift klammheimlich:

Screenshot Compact - Überschrift jetzt: Münster: Drei Tote! Jens R. und sein Abschiedsbrief – Neuester Stand

Der anonyme “Compact”-Autor ergänzt den Artikel. Er kommentiert nun die Erkenntnisse seriöser Medien und wundert sich über deren Enthüllungen:

Der gleiche Rechercheverbund, der bereits vor der Polizei den Namen des Täters wusste und an die Öffentlichkeit gab, soll jetzt also diesen persönlichen Brief “gefunden” haben, der doch eigentlich als Beweismittel ebenfalls zuerst in die Hände der Polizei gehören sollte. Darf man sich fragen, wie die Journalisten das angestellt haben?

Darf man. Zunächst aber muss man festhalten, dass “Compact” nur behauptet, sie — also NDR, WDR und “Süddeutsche Zeitung” — hätten den Brief gefunden, bevor die Polizei das tat. Denn was “Compact” dazu zitiert, belegt lediglich, dass der Dreier-Rechercheverbund die Meldung über den Brief veröffentlicht hat, bevor die Polizeipressestelle öffentlich von dem Brief sprach. Das ist gleich viel weniger aufregend.

Die Journalistinnen und Journalisten von NDR, WDR und “Süddeutscher Zeitung” haben einfach ordentlich recherchiert. Dass dieses Vorgehen in der “Compact”-Redaktion Verwunderung auslöst, sagt vor allem etwas über “Compact” aus. Die Leute dort arbeiten in aller Regel nicht an seriösen Nachrichten, sondern verdienen ihr Geld damit, möglichst aufbrausend Ressentiments zu bedienen.

Und so schließt das AfD- und “Pegida”-nahe Magazin nicht zum ersten Mal überstürzt auf falsche Täter. Als 2016 in Grafing ein aus einer Psychiatrie geflohener Mann wahllos auf Menschen einstach, schrieb “Compact”-Chefredakteur Jürgen Elsässer auf seinem persönlichen Blog dazu unter der Überschrift “Islamistischer Terror in Grafing bei München? Davon will die Lügenpresse nichts wissen.” Später löschte er den Artikel, “Compact” versuchte, den Täter weiter als Islamisten darzustellen.

Nach dem Amoklauf am Münchner Olympia-Einkaufszentrum 2016 rettete sich “Compact” in eine Verschwörungstheorie. Nach Darstellung des Magazins soll es sich auch hier um einen islamistischen Anschlag gehandelt haben und zwar von mehreren Tätern. Das sei dann durch die Behörden und die “Lügenpresse” vertuscht worden. Nichts will man dagegen bei “Compact” davon wissen, dass neben persönlicher Rache wegen Mobbings auch Fremdenfeindlichkeit und rechtsextreme Ansichten ein Motiv des Einzeltäters gewesen sein könnten.

“Compact” weiß offenbar gut, was die eigene Zielgruppe hören beziehungsweise lesen will. Dennoch birgt eine so eklatante Falschmeldung wie die zu Münster selbst für ein wirres, fremdenfeindliches Verschwörungsmagazin die Gefahr eines gewissen Imageverlusts. Auch der überzeugteste “Compact”-Leser könnte bei derart gravierenden Fehlern Zweifel am Redaktionsclaim “Mut zur Wahrheit” bekommen. Wohl auch deswegen folgten in den Tagen nach der Tat Artikel, die sichtlich damit ringen, wie man mit dem Vorfall in Münster nun umgehen soll — und zwar möglichst, ohne sich selbst korrigieren zu müssen oder gar um Entschuldigung zu bitten.

Zwei Tage nach der Tat veröffentlicht “Compact” einen Zeugenaufruf:

Da von den Medien keine ehrliche Aufklärung zu erwarten ist, bitten wir um Ihre Mithilfe

Der Vorwurf an andere Medien, “keine ehrliche Aufklärung” zu betreiben. Von einer Redaktion, die kurz zuvor erst zum selben Fall einen falschen Täter in den Ring geworfen hat. Das ist mutig.

Es scheint tatsächlich Rückmeldungen auf den Aufruf gegeben zu haben, allerdings wohl nicht von Zeugen, sondern von Leuten, die ebenfalls verfrüht irgendwelche Behauptungen aufstellen. Denn später ergänzt die Redaktion folgenden Absatz:

Wir wollen betonen, dass es uns um die Sammlung von Fakten geht, nicht um die verfrühte Aufstellung irgendwelcher Behauptungen. Deshalb möchten wir bei den Tatsachen bleiben und hoffen auf eine baldige Aufklärung.

Am selben Tag veröffentlicht “Compact” einen zweiten Artikel zum Thema:

Screenshot Compact - Münster: 8 Fragen, die wir stellen sollten

Der Autor des Textes, “Polit-Profiler” Wolfgang Eggert, ist aktiv in der Verschwörungsszene und hat zuletzt 2014 im Verlag von “Compact”-Verleger Kai Homilius ein Buch über den Abschuss des Flugs MH17 veröffentlicht. Er will mit seinen acht Fragen wohl vor allem eines: Zweifel säen an allen anderen Berichten zum Geschehen, ob nun von seriösen Medien oder offiziellen Stellen.

Die Fragen 1 (“Was ist das Motiv?”) und 2 (“Wer ist der Täter?”) sind noch neutrale Recherchefragen. Eggert liefert zu ihnen zwar skurrile Kurzschlüsse (etwa: Jens R. könne wohl kaum gleichzeitig Rechtsradikaler und drogenabhängig gewesen sein, was erstens Unsinn ist und zweitens nicht länger relevant, da die Ermittler später bekannt gaben, dass sie ein rechtsextremes Motiv ausschließen); aber es sind Fragen, die viele Redaktionen in den Tagen nach der Tat gestellt haben. Die restlichen Fragen sind hingegen eher suggestiv gestellt. Zum Beispiel Frage 3:

Warum gibt es so wenig Bildmaterial?

Heutzutage müsse es doch mehr Bilder von der Tat geben, meint Eggert und fragt weiter: “Warum griff niemand zu seinem sonst ständig präsenten Handy, wenn der Vorfall die Brisanz hatte, welche die Presse ihm nachher zuschrieb?” Genau gegenteilig argumentiert Eggert, wenn es um andere Ereignisse geht. So verdächtigte er den Journalisten Richard Gutjahr in einem “Compact”-Interview, beim Anschlag von Nizza eingeweiht gewesen zu sein, weil er die Tat mit dem Handy filmte. Das Interview wurde mittlerweile gelöscht, kursiert aber noch auf Verschwörungs-Blogs.

Eggerts Frage 6 lautet:

Wie starb der angebliche Fahrer “Jens”?

Ab hier geht Eggert von mehreren Beteiligten aus. Bereits in der Frage deutet er an, dass es sich für ihn beim offiziellen Täter nicht um den tatsächlichen handeln könnte. Außerdem zweifelt er an, dass dieser sich erschossen habe, aus dem einzigen Grund, dass keine Bilder der Leiche veröffentlicht wurden. Polizei und Medien hätten für seinen Geschmack zu schnell Antworten geliefert. Dabei hatte “Compact” selbst ja direkt nach Bekanntwerden der Tat diese erklärt. Nur eben falsch.

In seinen Anmerkungen zu Frage 8 …

Die zwei Flüchtigen: Warum widerspricht sich der Polizeisprecher?

… zieht Eggert nicht weiter genannte oder verlinkte “angloamerikanische und israelische Medien” als Beleg dafür heran, dass ein Polizeisprecher erst von zwei Flüchtigen gesprochen habe. Dass der Beamte diese Meldung später dementierte, lässt Eggert nicht gelten, weil es ein Video aus Münster gebe, in dem “ein südländischer Jugendlicher” festgenommen werde. Eggert meint, dieses Video finde bei deutschen Medien keine Beachtung. Dabei hat “Spiegel Online” nachgefragt, was es mit dem Video auf sich hat: Die in der Aufnahme zu sehenden Personen waren Inder, die kein Deutsch verstanden. Nachdem ihre Personalien festgestellt wurden, ließ die Polizei sie gehen.

Nun kommt die “Compact”-Zeugensuche wieder ins Spiel. Einen Tag nach der Veröffentlichung des Aufrufs meint Redakteur Marc Dassen, der bereits für die Berichte zum Münchner Amoklauf verantwortlich war, einen Zeugen gefunden zu haben:

Screenshot Compact - Von Depression keine Spur: Compact sprach mit Nachbar des Amokfahrers Jens R.

Egon T. (Name geändert) war einige Zeit direkter Nachbar von Jens R. in einer seiner vier Wohnungen. Was er uns erzählte, passt so gar nicht zur Suizid-Story der Massenmedien.

In einer späteren Version relativiert die Redaktion intransparent wie gewohnt das “so gar nicht” zu einem “auf den ersten Blick”.

In seinem Artikel erzählt Dassen, dass er bei einem Mann, der sich als Nachbar von Jens R. ausgibt, angerufen hat. Und was hat dieser nun über Jens R. zu berichten, was “so gar nicht zur Suizid-Story der Massenmedien” passt?

Er sei “immer nett und freundlich” gewesen, “ganz normal halt”, “aufgeschlossen”, so T. Von depressivem Verhalten war “gar nichts zu spüren”. Das könne T. mit Sicherheit sagen, da er selbst bereits unter Depressionen zu leiden hatte und deshalb wisse, wie man sich da fühle.

Eine einzige per Telefon übermittelte Ferndiagnose eines nur oberflächlich mit dem Täter bekannten Laien-Psychologen ist für “Compact” glaubwürdiger als Ermittler der Polizei und ein Großteil der Medien.

Am 12. April schreibt Marc Dassen einen weiteren Text zur Tat in Münster:

Screenshot Compact - Zum Fall Münster: Wer war Jens R. - und wenn ja wie viele?

Es geht ihm vor allem ums Fragenstellen — beziehungsweise um ein vermeintliches Fragen-Tabu: Das Stellen offener Fragen sei verpönt und “der Verschwörungssucht verdächtig”. Bezogen auf den Brief von Jens R. schreibt Dassen:

Darf man fragen, wie die Medien an diese Schriftstücke rangekommen sind? Müssten diese als wichtige Beweismittel nicht zuerst einmal unter Verschluss gehalten werden, um eine mediale Spekulationsblase zu vermeiden? Auch solche Fragen traut man sich kaum zu stellen. Ist halt so. Finde dich damit ab. Fall erledigt. Basta. Wer sich dennoch nicht zufrieden geben will, der wird gerne mit Aluhut-Vorwürfen konfrontiert — oder wie zuletzt auch oft gesehen: Als notorischer Ausländerfeind bezeichnet, der es nicht ertragen kann, dass diesmal kein Muslim als Täter in Frage kommt.

Nur noch mal fürs Protokoll: Marc Dassen arbeitet in einer Redaktion, die es kaum erwarten konnte, einen Muslim als Täter von Münster präsentieren zu können.

Der “Compact”-Autor meint, weitere Fragen gefunden zu haben, die man kaum noch stellen dürfe, die allerdings schon längst gestellt worden sind. Etwa, wie der Täter an die Waffe gekommen ist. Das wollen nicht nur seriöse Journalisten wissen, auch die Polizei Münster stellt diese Frage. Oder, warum Jens R. Menschen tötete und verletzte, wenn er eine Suizidabsicht hatte. Auch das wurde bereits ausführlich thematisiert.

Schließlich äußert sich auch “Compact”-Chefredakteur Jürgen Elsässer zur Amokfahrt in Münster. Nachdem zwei Tage zuvor die dpa meldete, dass die Polizei weitere Projektile im Tatfahrzeug gefunden habe, die Untersuchung dazu aber noch nicht abgeschlossen sei, titeln er und seine Redaktion:

Screenshot Compact - Sensation: Weitere Projektile in Münsteraner Killer-Van gefunden. Wer schoss? Magic bullets wie bei JFK

Erstmal: Das Aufmacherfoto in Elsässers Beitrag zeigt den Tatort eines völlig anderen Verbrechens, auf das der Artikel nicht Bezug nimmt. Im Text verrät der “Compact”-Chef dann seine Entdeckung: Parallelen zum Mord an John F. Kennedy und zum NSU, zu dessen Ende er noch mal eine ganz eigene Theorie parat hat:

Erinnerungen werden wach: Zum Beispiel an den Kennedy-Mord am 22. November 1963, als die These vom Alleintärer (sic) Lee Harvey Oswald durch die kriminaltechnische Untersuchung — Stichwort: Magic Bullet — erschüttert wurde. Und vor allem an den sogenannten Selbstmord von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos am 4. November 2011: Die Patronenhülsen am Tatort weisen darauf hin, dass ein dritter Mann die beiden hingerichtet hat.

Zum Abschluss seines Artikels schreibt Elsässer, kein Witz:

Und nun Münster. Warten wir ab, was die weiteren Ermittlungen bringen. COMPACT wird nicht vorab wilde Theorien in die Welt setzen.

Diekmanns “Mogelpackung”, Dates gegen Amokläufe, Homöopathen-Bots

1. Kai Diekmann startet eine Kampagne für seinen Zukunftsfonds.
(turi.de, Anne Fischer)
Ex-“Bild”-Chef Kai Diekmann hat zusammen mit einem Ex-Banker einen Geldanlage-Fonds aufgelegt, den Analysten als “Mogelpackung“ bezeichnen. Beworben wird die “Mogelpackung” unter anderem mit einer Kampagne bei Bild.de im reißerischen und alarmistischen Advertorial-Stil. Für die junge Zielgruppe hat Diekmann gleich ein neues Finanzportal („Zaster“) gegründet, das “Lust auf Geldanlage” machen und “das Tabuthema Geld” aufbrechen soll. Siehe dazu: Wohin mit der Kohle? (sueddeutsche.de, Christoph Fuchs)

2. Hetze mit Foto von Dreharbeiten
(faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing)
Ein Bild eines grimmig blickenden Flüchtlings in körperlicher Konfrontation mit einem Polizisten wurde von rechten Seiten tausende Male geteilt. Meist mit hämischen Kommentaren zu Flüchtlingsthematik und Abschiebepraxis. Das Bild stammt jedoch von Dreharbeiten zu einer Netflix-Serie („Dogs of Berlin“) und zeigt einen Schauspieler.

3. Michael Angele: Schirrmacher
(begleitschreiben.net, Gregor Keuschnig)
Der Journalist, Buchautor und Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ Frank Schirrmacher beschäftigt noch nach seinem Tod viele Menschen. Michael Angele, stellvertretender Chefredakteur des „Freitag“, hat Schirrmacher ein ganzes Buch gewidmet, das von Andrian Kreye, Co-Leiter Feuilleton der „SZ“, jüngst als „geschwätzig und durch und durch boshaft“ bezeichnet wurde. Nun hat Gregor Keuschnig das Buch besprochen.

4. Dates gegen Amokläufe! Oder warum Frauen daran Schuld haben, wenn sie umgebracht werden
(genderequalitymedia.org, Rebecca)
„Bild“ berichtete über eine Amoktat und stellte in der Schlagzeile die Frage, ob die zehn Opfer sterben mussten, weil ein Mädchen kein Date mit dem Täter haben wollte. „Gender Equality Media“ kritisiert sowohl die konkrete Berichterstattung als auch die dahinter stehende Denkungsart: „Unsere Medien sind, für die meisten ganz unbewusst, von patriarchalen Denkmustern und toxischer Maskulinität geprägt. Nicht nur BILD denkt, dass Mord etwas mit Liebe zu tun hat. Zuletzt konnte man auch eine ähnliche Schlagzeile bei stern.de finden. Um in unserer Gesellschaft etwas zu ändern, müssen wir endlich da hinsehen, wo es am meisten wehtut. Und das ist ironischerweise genau auf die (jungen) Männer, die in ihrer Enttäuschung, ebenso wie die Medien, lieber auf die Opfer, statt auf die Ursachen blicken.“

5. Vom Versuch, die Wirklichkeit zu illustrieren
(deutschlandfunk.de, Martina Kollroß, Audio: 4:58 Minuten)
Der „Deutschlandfunk“ hat sich mit dem sogenannten „Comic-Journalismus“ beschäftigt und Stärken und Schwächen des neuen Genres herausgearbeitet.

6. Ein Netzwerk von rund 70 Bots macht auf Twitter Stimmung für Homöopathie und wow, die Recherche war ein wilder Ritt
(buzzfeed.com, Karsten Schmehl)
Auf Twitter machen viele Accounts auf auffällige Weise positive Stimmung für Homöopathie. “BuzzFeed News” hat einen Social Media Analyst mit der Recherche beauftragt, der ein Bot-Netzwerk aus rund 70 Schein-Identitäten identifiziert hat. Durch gegenseitiges Liken und Retweeten sorge dieses Netzwerk dafür, dass Hashtags wie #Homöopathie oder #MachAuchDuMit mit besonders vielen Beiträgen geflutet werden. Karsten Schmehl hat die Recherche mit vielen Screenshots unterhaltsam zusammengefasst.

Datenschutz-Karikatur, Umfrage als Stimmungsmacher, Klötzchengrafik

1. Rant: Warum die DSGVO eine Datenschutz-Karikatur ist
(t3n.de, Enno Park)
Enno Park hat sich in einem lesenswerten und gut begründeten Rant seinen Frust mit der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) von der Seele geschrieben. Diese bürde zahllosen Menschen umfangreiche bürokratische Pflichten auf und schaffe Rechtsunsicherheit. Und er schlägt einen großen Bogen zum Staat, der sich zahllose Ausnahmen im Datenschutz gegönnt und ein Überwachungsgesetz nach dem anderen eingeführt hätte: „Angesichts dessen, was die Verfassungsrichter einst bezwecken wollten, ist das heutige Datenschutzrecht mit seiner für zahllose Menschen überbordenden Bürokratie eine traurige Karikatur.“

2. Die Bundesregierung sieht keinen Rechtsextremismus bei Reconquista Germanica – wir schon
(motherboard.vice.com, Anna Biselli)
Die rechtsextremen Mitglieder der „Reconquista Germanica” betreiben rassistische Hetze im Netz und verabreden sich zu Online-Angriffen auf politische Gegner. Nun hat sich auch die Bundesregierung zu der Gruppierung geäußert. Der Befund der Regierung: Die Gruppe werde zwar “von Personen des rechtsextremistischen Spektrums genutzt“, aber „es mangele an “tatsächlichen Erkenntnissen über rechtsextremistische Bestrebungen”. „Motherboard“ sieht das anders: Man verfüge über Screenshots und Chatverläufe, die solche “rechtsextremistischen Bestrebungen” durchaus nahelegen würden.

3. “Ich fühle mich schuldig”
(zeit.de, Leonie Seifert & Björn Stephan)
Mehrere Frauen werfen dem WDR-Filmchef Gebhard Henke sexuelle Belästigung vor, darunter auch die Autorin Charlotte Roche. Die „Zeit“ hat mit Roche gesprochen, unter anderem auch über die Frage, warum sie sich nicht gewehrt und warum sie bislang geschwiegen habe. Lesenswert auch für all diejenigen, die meinen, mit derlei Fragen Opfer pauschal abqualifizieren zu müssen.

4. Was gilt in der Fotografie nach dem 25.05.2018?
(djv.de, Benno H.-Pöppelmann)
Ab dem 25. Mai gilt die neue Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) und viele Fotografen sind verunsichert wegen der neu eintretenden Regelungen. Der Justiziar des Deutschen Journalisten-Verbands DJV hat sich um Erklärungen bemüht. Nicht unbedingt als entspannte Gutgemacht-Lektüre zu empfehlen, aber das ist dem spröden Thema geschuldet.
Und noch ein Lesehinweis: Stayfriends darf Fotos nicht automatisch weitergeben (spiegel.de): Viele Mitglieder des Schulfreunde-Portals „Stayfriends“ (nach eigenen Angaben 20 Millionen Nutzer) haben ihre Profile mit Bildern versehen, die bei einer Google-Suche auch Nichtmitgliedern angezeigt wurden. Dagegen haben nun Verbraucherschützer geklagt und Recht bekommen.

5. Eine Umfrage, die nichts aussagt, aber Stimmung macht
(stefan-fries.com)
Der Journalist Stefan Fries ist mal wieder über eine Umfrage gestolpert, die mit einseitigen Vorbemerkungen Einfluss auf das Abstimmungsergebnis nimmt. Eingeleitet von verschiedenen Argumenten gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wird dort gefragt: „Wie viel würden Sie monatlich pro Haushalt für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk bezahlen, wenn Sie selbst entscheiden könnten?“ Wenig überraschend das Abstimmungsergebnis: Mehr als 40 Prozent der derart Befragten wollten „nichts“ bezahlen…

6. Klötzchengrafik, knapp und präzise
(deutschlandfunk.de, Jan Schilling, Audio, 5:08 Minuten)
Man mag es nicht glauben, aber noch immer nutzen Millionen Menschen den Videotext. Jan Schilling erklärt im „Deutschlandfunk“, woran das liegt und wie bei der „ARD“ gevideotextet wird.

Springer ehrt “bösen” Bezos

Heute Abend wird es eine große Feier im Axel-Springer-Hochhaus in Berlin geben, Amazon-Chef Jeff Bezos kommt und soll im Journalisten-Club einen Preis verliehen bekommen. Mit dem “Axel Springer Award” wolle man “herausragende Persönlichkeiten” auszeichnen, “die in besonderer Weise innovativ sind, Märkte schaffen und verändern, die Kultur prägen und sich gleichzeitig ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen.”

Screenshot axelspringer.de - Jeff Bezos erhält den Axel Springer Award 2018

“In besonderer Weise innovativ” — okay. “Märkte schaffen und verändern” — ja. Aber im positiven Sinne “die Kultur prägen” und sich einer “gesellschaftlichen Verantwortung stellen”? Jeff Bezos?

Klar, Amazon ist wahnsinnig erfolgreich, Bezos wahnsinnig reich. Und ohne Zweifel hat sein Kauf der “Washington Post” dazu geführt, dass aus einer angeschlagenen Traditionsmarke ein hervorragendes Medienunternehmen wurde.

Doch gibt es nicht genug gute Gründe, Jeff Bezos nicht zu ehren?

Einen lieferte Bild.de bereits im Mai 2014:

Screenshot Bild.de - Amazon-Chef Bezos - Warum ist er so böse?

Diese Frage stellte das Springer-Medium wenige Tage, nachdem Bezos vom “Internationalen Gewerkschaftsbund” zum “schlimmsten Chef des Planeten” gewählt wurde. Einige Gründe dafür: Mitarbeiter, deren Bewegungen überwacht werden, fehlende Zeit für Mittagspausen, Gängelung, Druck, das systematische Vorenthalten von Urlaubsgeldern, Einschüchterung mit “Inaktivitätsprotokollen” und viele weitere Schweinereien. Den Mann, der das letztlich verantwortet, will der Springer-Verlag heute für seine “gesellschaftliche Verantwortung” ehren.

In Deutschland weigert sich Amazon schon lange, die Mitarbeiter in den Logistikzentren nach dem Tarifvertrag für den Versand- und Einzelhandel zu bezahlen. Den Mann, der das letztlich verantwortet, will der Springer-Verlag heute für seine “gesellschaftliche Verantwortung” ehren.

Jeff Bezos gehört mit Amazon zu den größten Experten in Sachen Steuervermeidung. Erst im Oktober vergangenen Jahres forderte die EU-Kommission von Amazon eine Steuernachzahlung in Höhe von 250 Millionen Euro. Den Mann, der das letztlich verantwortet, will der Springer-Verlag heute für seine “gesellschaftliche Verantwortung” ehren.

Seit Jahren setzt Amazon Buchverlage unter Druck, fordert höhere Rabatte und blockiert auch schon mal die Auslieferung von Büchern einzelner Verlage, die nicht spuren wollen. Den Mann, der das letztlich verantwortet, will der Springer-Verlag heute dafür ehren, dass er auf positive Weise “die Kultur prägt”.

Man kann es als zynisch bezeichnen, dass Springer ausgerechnet einen Steuervermeider, Tarifvertragsverweigerer, Angestelltenüberwacher und Preisdrücker wie Jeff Bezos mit einem Award ehrt, in dem es auch um die Prägung der Kultur und gesellschaftliche Verantwortung geht. Dementsprechend gibt es auch Protest: Am Logistikzentrum in Bad Hersfeld wird seit gestern gestreikt. In Berlin protestiert die Initiative “Make Amazon Pay” gemeinsam mit Amazon-Angestellten aus Deutschland und Polen, erst am Oranienplatz (ab 16 Uhr) und später vor dem Axel-Springer-Hochhaus (ab 18 Uhr). EBuch, ein genossenschaftlicher Zusammenschluss aus kleinen und mittleren Buchhandlungen, hält die Ehrung Bezos’ für einen “Fauxpas erster Güte”.

Vor zwei Jahren bekam übrigens Facebook-Chef Mark Zuckerberg den “Axel Springer Award” verliehen, auch weil er laut Springer zu denjenigen gehört, die sich “ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen”. In Anbetracht des aktuellen Datenskandals hätte die Wahl nicht viel peinlicher sein können.

“Frivole Sex-Spiele an der Schule”: Wie “Bild” sich am Missbrauch durch Lehrerinnen aufgeilt

Wenn sich ein Lehrer an einer minderjährigen Schülerin vergeht, finden die Leute von “Bild” das bestialisch, widerwärtig, unverzeihlich.

Wenn sich eine Lehrerin an einem minderjährigen Schüler vergeht, finden sie das — megaheiß.

Ein Hammer-Body. Tolle Augen. Ein Bikini, der alle Blicke auf sich zieht! Welcher Schüler würde beim Anblick einer solchen Lehrerin nicht auf verbotene Gedanken kommen?

… schrieben sie etwa 2014, als eine Lehrerin in den USA wegen 30-fachen Missbrauchs eines Schülers vor Gericht stand. Als im vergangenen Jahr eine andere Lehrerin in einem ähnlichen Fall angeklagt wurde, geierten sie:

Diese Kurvendiskussionen waren im Lehrplan sicher nicht vorgesehen: Mathelehrerin Erin [M.] (25) verführte gleich drei ihrer Schüler zum Sex.

Genüsslich breitet die Redaktion dann die „pikanten Details“ aus (“‘Sie taten es irgendwann sogar mit Sex-Spielzeug, Lutschern und trugen Halsbänder’“) und beschreibt detailliert, wo und wie sie es “miteinander trieben”, sie zitiert aus den “heißen SMS”, zeigt Fotos der (gerne mit Attributen wie „schön“ oder „attraktiv“ versehenen) Lehrerinnen und nennt die Taten statt „Missbrauch“ viel lieber:

FRIVOLE SEX-SPIELE AN DER SCHULE | Er war erst 16! - Sex-Lehrerinnen haben flotten Dreier mit Schüler - Ein 16-jähriger Football-Star an der Schule - das törnte die Lehrerinnen wohl gehörig an: Nach dem Spiel kam's zum flotten Dreier! | Affäre mit Schülerin (15) - Sex-Lehrerin (26) muss in den Knast - Weil Lehrerin Emily Fox (26) ein Verhältnis mit ihrer Schülerin (15) hatte, schickte ein Richter sie jetzt für 15 Monate in den Knast.

„Frivole Sex-Spiele an der Schule“. “Flotter Dreier im Klassenzimmer”. “Die Schule als Sündenpfuhl”. So wird aus einem sexuellen Übergriff — schwupps! — ein erotisches Abenteuer zum Mitsabbern.

Diese Pornoisierung — und damit einhergehende Verharmlosung und sogar Aufwertung der Taten — zeigt sich schon an der Wahl der Begriffe. Während zum Beispiel männliche Täter, die ihre Schülerinnen oder Schüler missbrauchen, meist als “Kinderschänder” bezeichnet werden (mehr zu diesem Begriff hier), nennt “Bild” die übergriffigen Frauen immer nur “Sex-Lehrerinnen”. Sie “vergewaltigen” auch nicht, sie “verführen”.

Sex-Lehrerinnen verführen Schüler (13)

Sex-Lehrerin verführte Schüler

Sex-Lehrerin verführt drei Schüler - Anklage!

Schüler (15) von Sex-Lehrerin verführt

Sex-Lehrerin (27) verführt Schüler (16)

Lehrerin (45) verführte 17-jährigen Schüler

Sex-Lehrerin (31) verführte Schülerin (17)

Lehrerin verführt Schüler (16)

Religions-Lehrerin (39) verführte 15-jährigen Schüler

Sex-Lehrerin (25) verführt Schüler (17)

Spanisch-Lehrerin verführt katholischen Schüler (15)

Sie verführte geistig behinderten Schüler

Sex-Lehrerin verführt Opfer mit Autos und Waffen

Sex-Lehrerinnen verführten Schüler am Strand

Und bei “Bild” geht ihnen dermaßen einer ab bei solchen Geschichten, dass sie keine einzige davon auslassen.

Folgend eine Collage mit elf Sex-Lehrerin-Schlagzeilen

Keine einzige.

Folgend eine Collage mit elf weiteren Sex-Lehrerin-Schlagzeilen

Keine. Einzige.

Folgend eine Collage mit 71 weiteren Sex-Lehrerin-Schlagzeilen

In den USA (aus denen die meisten dieser Fälle stammen) wird übrigens ein Großteil der sexuellen Übergriffe von Männern begangen — auch an Schulen. Von diesen Fällen liest man bei “Bild” so gut wie nie.

Mit Dank an Moritz D., Christian M., Rudy, Sven, brian und roy für die Hinweise!

Siehe auch:

Hart aber Unfair, “Bild”s SPD-Hund, Maximal dumme CEOs

1. Ein Fall für den Presserat
(faz.net, Hans Hütt)
Sowohl „FAZ“ als auch „taz“ sind sich einig in ihrer Kritik der letzten Ausgabe von „Hart aber Fair“ (ARD). Die Fälle, über die Frank Plasberg in seiner Sendung über eine überlastete Justiz diskutierte, seien schrecklich. Noch schrecklicher aber sei es, dem „gesunden Rechtsempfinden“ Vorschub zu leisten. Die Sendung hätte ihren Informationsauftrag verfehlt, was auch an den mitunter suggestiven Fragen des Gastgebers gelegen hätte. Die Aussagen von „Bild“-Chef Julian Reichelt hält “FAZ”-Autor Hans Hütt gar für einen Fall für den Presserat.
Christoph Kammenhuber sieht es in der „taz“ ähnlich: Dem Moderator Frank Plasberg fehle es an juristischem Fingerspitzengefühl, er agiere als Vertreter des „gesunden Volksempfindens“ und mache Stimmung gegen die Justiz.

2. SPD wendet sich wegen “Bild”-Bericht an Presserat
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Die SPD geht juristisch gegen die Behauptung der „Bild“ vor, ein Hund könne über die GroKo abstimmen. „Bild“ hatte das Tier als SPD-Mitglied angemeldet, die Abstimmungsunterlagen für den Mitgliederentscheid über den Eintritt in die Große Koalition bekommen und das Ganze publizistisch ausgeschlachtet. Was „Bild“ verschwieg: Für eine gültige Stimmabgabe muss dem Wahlzettel eine unterschriebene eidesstattliche Erklärung beigefügt werden.

3. Newsletter statt Blog?
(1ppm.de, Johannes Mirus)
Johannes Mirus hat sich auf Twitter umgehört, warum viele Menschen lieber persönliche Newsletter versenden, statt ein Blog zu führen. Die Antworten hat er in einem Blogartikel zusammengefasst. Manche Newsletterversender folgen einfach nur dem allgemeinen Trend, andere schätzen das ausgesuchte Zielpublikum. An möglichen Gründen wurde auch die Bequemlichkeit der Empfänger genannt und das Gefühl, Teil einer “elitären Gruppe” zu sein.

4. Ralf Höcker kritisiert PR-Profis: Warum Homestorys tabu sein sollten
(kress.de, Marc Bartl)
Wenn ein Vorstandsvorsitzender einem Magazin verrät, dass er im Winter fast jedes Wochenende zum Skifahren in die Berge fährt und ein passendes Foto beisteuert, hält Medienanwalt Ralf Höcker das aus presserechtlicher Sicht für „maximal dumm“. Höcker weiter: „Wer sich selbst öffnet, opfert einen Teil seiner Persönlichkeitsrechte. Homestorys sind deshalb tabu. Diese bescheuerten Fragebögen, in denen man erklärt, welche Bücher man mit auf eine einsame Insel nimmt, sind tabu. Man redet auch nicht über seine Familie. Wenn ein CEO sich mit seinem Auto, seiner Frau und seinen Haustieren fotografieren lässt und erzählt, wie toll sein Familienleben ist, und er drei Monate später besoffen aus dem Puff kommt und einen Hund tot fährt, kann er den Bericht darüber in der “Bild” natürlich nicht mehr verhindern. Ansonsten wäre ein solcher Artikel durchaus verbietbar gewesen.“

5. Auf dem Weg zum Blockbuster-Journalismus
(medienwoche.ch, Adrian Lobe)
In Amerika experimentieren große Medienhäuser wie die „New York Times“ und „Washington Post“ mit Augmented- und Virtuality-Reality-Lösungen. Adrian Lobe schreibt in der „Medienwoche“ über Chancen und Risiken der neuen Technologien.

6. Dichotom-Energie
(dirkhansen.net)
Dirk Hansen philosophiert über die Gründe einer zunehmend aggressiver werdenden Mediengesellschaft: „Wir streiten weit unter unserem Skalen-Niveau. Weil wir die Debatten quasi mit Dichotom-Energie anheizen. Und das ist gefährlich dumm. Denn die Verhältnisse werden schwer kalkulierbar, wenn wir nur mit „gleich/ungleich“ rechnen können.“

(SPD-)Ausländer raus!, Dopingjäger, Ex-Präsident mit Einkaufswagen

1. Ausländer raus aus meiner Wahl
(taz.de, Hengameh Yaghoobifarah)
„Bild“ läuft mal wieder zu großer Form auf, was das Schüren von Ressentiments anbelangt: Zuerst die Geschichte über eine Flüchtlingsfamilie, die monatlich über 7.000 Euro vom Staat bekommt, nun die Empörung über Ausländer, die via SPD-Mitgliederentscheid über das Wohl und Wehe der Republik entscheiden. Hengameh Yaghoobifarah befindet: „… genau das lesen die Bild-Leser_innen gerne, die sich in der herbeifantasierten Position der deutschen Opfer von Merkels Politik wohl fühlen. Und jetzt können sie dank Reichelt das Märchen über die bösen Ausländer, die den demokratischen Deutschen die Wahl verpfuschen – und sich sozusagen in ihre Politik „einmischen“ — weitererzählen.“
Weiterer Lesetipp: “Die ‘Bild’ hat eine Kampagne gegen Ausländer in der SPD gestartet” (“Vice”)

2. Der Dopingjäger
(republik.ch, Ariel Hauptmeier)
Ende 2014 sorgte Hajo Seppelts Film “Geheimsache Doping — Wie Russland seine Sieger macht” für weltweites Aufsehen. Ermittlungen begannen, Funktionäre traten zurück oder flohen, Athleten wurden gesperrt, Organisationen suspendiert und zwei Jahre später die russischen Leichtathletinnen und -athleten von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro ausgeschlossen. Ariel Hauptmeier hat eine überaus spannende und lesenswerte Reportage über das Entstehen der Reportage geschrieben.

3. Mehr Sex in die seriöse Tagespresse!
(jetzt.de, Katja Lewina)
Katja Lewina ist es gewohnt, für ihre Texte über Sex angegangen zu werden. Nun hat sich der „Zeit“-Kolumnist Harald Martenstein einen ihrer Texte vorgeknöpft. In einem Kommentar antwortet sie Martenstein und allen anderen Kritikern: „Wann immer jemand behauptet, dass wir zu viel über Sex reden, beweist das nur, dass wir noch lange nicht genug darüber geredet haben. Es bedeutet, dass dieses Thema noch nicht so alltäglich und leicht ist, dass die Menschen es mit einem milden Lächeln abtun könnten, anstatt sich darüber zu ereifern.“

4. Quintessenz einer Karriere
(deutschlandfunk.de, Arno Orzessek)
Der BGH hat entschieden, dass das inzwischen eingestellte Magazin „People“ (Bauer-Verlag) ein Foto des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff veröffentlichen durfte, das diesen beim Einkaufen im Supermarkt zeigt. Im „Deutschlandfunk“ wendet sich Arno Orzessek in einer Glosse direkt an Wulff: „Wer sich so wild entschlossen an die Regenbogen-Presse heranschmeißt wie Sie, aber wegen eines läppischen Einkaufswagen-Fotos vor Gericht zieht, der verdient es, in einem Atemzug mit Lothar Matthäus und Boris Becker genannt zu werden… Besagt doch das kleine Medien-Einmaleins: Dem Boulevard hingeben und zugleich seine Unschuld bewahren, das klappt nie.“

5. Wie Zeitungen Podcasts machen
(journalist-magazin.de, Kathi Preppner)
Podcasts wurden anfangs von den großen Medienhäusern belächelt oder schlicht nicht wahrgenommen. Das hat sich geändert: Mittlerweile bieten viele große Verlage eigene Produktionen an. Für den „Journalist“ haben sich die Hörfunk-Experten Sandra Müller und Thomas Becht durch das Angebot der Medienunternehmen gehört.

6. Warum wir nicht gendern
(blog.zeit.de. Meike Dülffer)
Wenn es um Männer, Frauen und Menschen anderen Geschlechts geht, verzichtet „Zeit Online“ auf Gendersternchen, Binnen-I oder den Unterstrich in Substantiven. Wie stattdessen vorgegangen wird, erklärt Textchefin Meike Dülffer und wendet dabei eine pfiffige Guerilla-Taktik an.

DSDS-Krankenausbeutung, Medien-Putinismus, Facebooks Crystal Meth

1. DSDS-Kandidat Diego sorgt für Diskussionen: „Ein psychisch kranker Mensch wird richtiggehend ausgestellt“
(meedia.de, Thomas Borgböhmer)
In der neuen Staffel von „Deutschland sucht den Superstar” (DSDS) sorgte ein Kandidat mit seltsamen Äußerungen für Irritationen. Er sei der Sohn von US-Rapper Tupac Shakur, von der Mafia entführt und nach Deutschland verschleppt worden. RTL verkauft den Bewerber als lustigen Paradiesvogel, verrät aber nicht, dass dieser sich seit zwei Jahren wegen einer Psychose in psychiatrischer Behandlung befindet. Aus medienethischer Sicht ein kritischer Fall wie die Professorin Marlis Prinzing findet: „Schon jetzt wird unübersehbar die Schaulust des Publikums bedient: ein psychisch kranker Mensch wird richtiggehend ausgestellt und zum Klatschobjekt, er wird benutzt, um medial breit durch diesen offenbar vorsätzlich erzeugten ‚Skandal‘ auf die Sendung aufmerksam zu machen.“

2. Ehre und Verantwortung
(wiwo.de, Miriam Meckel)
In einem Beitrag des „Zeitmagazins“ wurde über die Anschuldigungen von drei Frauen gegen den Regisseur Dieter Wedel berichtet, was in den Medien vereinzelt als „mediale Hinrichtung“ oder „Kampagne“ kritisiert wurde. Miriam Merkel findet in ihrer Kolumne, dass derartige Berichterstattung erlaubt sein muss: „Menschen mit Macht haben eine besondere Verantwortung als Vorbild und Führungskraft. Diese moralische Dimension verjährt nicht. Nicht bei mutmaßlich korrupten Politikern, nicht bei Unternehmern als mutmaßlichen Steuerhinterziehern und nicht bei Kulturschaffenden als mutmaßlichen Vergewaltigern. In solchen Fällen gibt es immer zwei Antworten auf die Frage der Ehre: die der potenziellen Täter und die der potenziellen Opfer.“

3. Medientrends 2018: Personalisierte Angebote, zahlende Nutzer
(de.ejo-online.eu)
Was sind die Medientrends 2018? Nic Newman vom Reuters Institute hat knapp 200 internationale Medienmacher befragt. Sprachaktivierte Assistenten und Podcasts wurden häufig genannt. Außerdem wollen Medienmacher auf einen Mix von Einnahmequellen setzen. Sorgen würden vor allem die Tech-Giganten wie Google, Facebook, Apple und Amazon machen. Werbung würde in Zukunft an Bedeutung verlieren, was den Druck erhöhen würde.

4. “Putinismus funktioniert durch Furcht”
(zeit.de, Steffen Dobbert)
Welchen Einfluss hat die russische Regierung auf das Internet und die Medien und wie funktioniert Zensur heute in Russland? Der Geheimdienstexperte Andrej Soldatow spricht im Interview mit der “Zeit” über Fake News, Folter und Propaganda des Kreml.
Weiterer Lesetipp: Mit diesen Tricks haben Kreml-Freunde die AfD vor der Wahl im Netz gepusht (“Motherboard”, Karolin Schwarz)

5. Facebook versorgt den Stammtisch mit Crystal Meth
(sueddeutsche.de, Andrian Kreye)
Facebook will uns zukünftig weniger Medieninhalte und mehr Texte, Fotos, Videos und Links einblenden, die von Freunden und Familie stammen. Bevorzugt solche, die Reaktionen auslösen. Adrian Kreye kritisiert den Vorstoß des Netzwerks: „Zuckerbergs Plan, Facebook zu emotionalisieren, wirkt deswegen, als würde er einem aufgebrachten Stammtisch einen Beutel Crystal Meth hinstellen und den Erzürnten viel Vergnügen damit wünschen. Die werden in der Nacht sicher länger bleiben. Allerdings werden sie sich wahrscheinlich auch an die Gurgel gehen. Das geschieht im Internet zwar nur virtuell. Der Effekt auf ganze Gesellschaften ist jedoch durchaus ernst zu nehmen.“

6. Die Geschichte des ersten viralen Videos
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Das erste virale Video stammt aus dem Jahr 1997: Ein Mann schlägt in seiner Großraumbüro-Wabe mit der Tastatur seines Rechners wutentbrannt auf den Monitor ein. „Wired“ ist der Geschichte des Videos nachgegangen, das seinerzeit für Werbezwecke aufgenommen und auf Promo-CDs verteilt wurde: In der seinerzeit „hohen Auflösung“ von 352×240.

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