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Oberstes “Bild”-Gericht hat “BVB-Bomber” längst schuldig gesprochen

Die “Süddeutsche Zeitung”, NDR und WDR berichten heute, dass der Mann, der verdächtigt wird, die drei Bomben neben dem Mannschaftsbus des BVB gezündet zu haben, sagt, er sei es nicht gewesen:

“Mein Mandant bestreitet die Tat”, erklärt der Tübinger Anwalt Reinhard Treimer, der den 28-jährigen Mann vertritt. Sergej W. habe auch gegenüber dem Haftrichter des Bundesgerichtshofs bestritten, dass er der Täter gewesen sei.

Auch die weiteren Ermittlungen der zuständigen Behörden sollen bislang kein weiteres belastendes Material zutage gefördert haben:

Die bisherige Auswertung des bei Durchsuchungen sichergestellten Materials hat nach Recherchen von Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR keine weiteren eindeutigen Belege für die Tat gebracht.

Dennoch seien sich die Ermittler “weiterhin sicher, dass der wegen dringenden Tatverdachts festgenommene 28-jährige Sergej W. den Anschlag auf den Bus verübt hat.” In dem Fall geht es um versuchten Mord, gefährliche Körperverletzung und die Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion.

Bild.de berichtet, mit Bezug auf die “Süddeutsche Zeitung”, ebenfalls über die neueste Entwicklung:

Moment mal! “Mutmaßlicher Attentäter”? Warum denn auf einmal diese Zweifel, liebe “Bild”-Richter? Ihr wart doch schon vor Tagen sicher:


(Diese und alle weiteren Unkenntlichmachungen im Beitrag von uns.)

Wozu auf eine offizielle Verurteilung warten, wenn man medial schon mal vorverurteilen kann? Warum nicht einfach schon mal schreiben, dass es sich um “seinen 30-fachen Mordversuch” handelt?

Warum nicht jemanden schon mal ohne jeden Zweifel zum “Dortmund-Attentäter” erklären?

Warum nicht immer und immer wieder vom “BVB-Bomber” beziehungsweise, wenn man in besonderer Alliterationslaune ist, vom “BVB-Bus-Bomber” schreiben und ein unverpixeltes Foto des Tatverdächtigen danebenpacken, als hätte ein Gericht bereits rechtskräftig festgestellt, dass es sich bei dem Mann um den Attentäter handelt?



Keine Frage: Aufgrund der Indizien — zum Beispiel die Börsenwette des Tatverdächtigen auf einen fallenden BVB-Aktienkurs oder sein Bestehen auf ein Hotelzimmer mit Blick auf den Anschlagsort — kann man der Meinung sein, dass der Mann etwas mit dem Attentat zu tun hat. Aber es sind eben nur Indizien. Und ein “mutmaßlich” oder “angeblich” oder “wahrscheinlich” in die Berichterstattung einzubauen, ist kein großer Akt. Wenn eine Redaktion es denn will.

Die Mitarbeiter von “Focus Online” schrieben übrigens auch schon vom “BVB-Attentäter”. Aber im Gegensatz zu ihren “Bild”-Kollegen hatten sie auch schon ein Geständnis des Tatverdächtigen gehört. Jedenfalls meinten sie vor einer Woche, eins gehört zu haben:

Die “dpa” griff die “Focus Online”-Hinhör-Geschichte damals auf und machte eine Meldung daraus. Diese tauchte dann erneut bei “Focus Online” auf:

Heute veröffentlichte “Focus Online” diese Eilmeldung:

Ebenfalls zum Thema:

Mit Dank an @LSAwesome und @ziesmannmedia für den Hinweis!

Lügenstatistiken, Republik-Rekord, CSU-Bot

1. Manipulierte Statistiken entlarven
(faktenfinder.tagesschau.de, Verena Stöckigt)
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Auch deshalb sind Kurven- und Balkendiagramme so beliebt, wenn es um die Darstellung komplexer Informationen geht. Kein Wunder, dass sie besonders in sozialen Netzwerken so gern geteilt werden. Doch oft sind die Bilder fehlerbehaftet oder verfälscht. Verena Stöckigt erklärt, wie man “manipulierte Statistiken” entlarven kann. Eine Wortwahl, die Blogger Fefe übrigens für ungeeignet hält, stattdessen eher von “manipulativen grafischen Darstellungen von Statistiken” sprechen würde. Fefe weiter: “Ich bin irritiert, dass jemand, der den Anspruch an sich selbst erhebt, die Bevölkerung über Irreführung zu informieren, dann schon bei der Nomenklatur solche Schwächen zeigt.”

2. Weltrekord für journalistisches Crowdfunding
(republik.ch)
Ein neues journalistisches Projekt will die Schweizer Medienlandschaft umkrempeln: “Republik”. Es sieht so aus, als ob das Vorhaben bei den zukünftigen Lesern und Leserinnen gut ankommt: Per Crowdfunding hat man die Rekordsumme von mehr als zwei Millionen Franken eingesammelt.

3. Schlechtes von gestern
(sueddeutsche.de, Susan Vahabzadeh)
Als eine “schwarze Woche für Frauen” bezeichnet Susan Vahabzadeh die vergangenen Tage in Medien und Politik. Besonders auf die Nerven seien ihr die “Rollenzuweisungen aus den Untiefen des vorigen Jahrtausends” gegangen. Das Frauenbild sei auf dem Rückschritt in die Fünfziger. Zu den Wochenaufregern gehören für sie Ivanka Trumps angeblicher Feminismus im Blümchenkleid, die zum Umsatztöter erklärte “dicke” Barbie und der französische Präsidentschaftskandidat François Fillon. Sogar bei den nichtexistenten, aber gut dotierten Scheinjobs von Sohn und Tochter des konservativen Politikers hätte es ein Gender Pay Gap gegeben.

4. Alles schick
(taz.de, Anne Fromm)
Anne Fromm stellt „SZ Familie“ vor, ein Heft für Eltern und Kinder. Sie findet insgesamt lobende Worte für die Zeitschrift, die man sich jedoch leisten können müsse. “Am stärksten ist das Magazin, wenn deutlich wird, dass es aus der SZ-Redaktion stammt: bei den anspruchsvollen Geschichten. Ein Text beleuchtet das konservative Familienbild der AfD, an anderer Stelle erzählen Paartherapeuten, woran Beziehungen zerbrechen, wenn Kinder dazukommen. Star-Geiger und Leistungssportler berichten, wie früh sie ihre Kinder fördern (sehr früh). Das liest sich alles schön weg, transportiert aber immer auch ein exklusives Familienbild.”

5. Die „Öffentlich-Rechtlichen“ und das Internet
(boell.de, Oliver Passek)
Die Frage „Was dürfen ARD und ZDF eigentlich im Netz?“ ließe sich gar nicht so schnell beantworten, findet Oliver Passek und beschreibt die teilweise verworrene Lage mit ihren unterschiedlichen Verfahren: “All diese Regelungen kratzen am Image der Öffentlich-Rechtlichen und stehen einer für die Zukunft des Systems unverzichtbaren Weiterentwicklung im Wege. Deshalb brauchen wir einheitliche Online-Regelungen bei ARD und ZDF für alle gängigen Formate. Abweichungen sollten in der Mediathek per Klick kurz erklärt werden.”

6. Ich habe mit dem neuen CSU-Bot gechattet, damit ihr es nicht müsst
(motherboard.vice.com, Gregor Thomanek)
Ein Gesprächsversuch mit dem Facebook-Chatbot der CSU: “Mit allen Mitteln habe ich versucht, mit dem christsozialen Facebook-Roboter ein ernsthaftes Gespräch über Politik und Markus Söder zu führen — und alles, was ich bekam, waren diese lausigen Memes.”

Wein-Journalismus, US-Flugzeugträger, NRW-Einbrüche

1. Exklusiv: Journalismus zum Heulen
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Hat der Mann, der im Verdacht steht, ein Attentat auf den BVB-Mannschaftsbus begangen zu haben, wirklich unter Tränen ein Geständnis abgelegt? Wer “Focus Online” liest, muss genau das annehmen. Das Problem: Das Bundeskriminalamt widerspricht dieser Behauptung mit deutlichen Worten. Das hält “Focus Online” jedoch nicht ab, erneut … Ach, lesen Sie selbst, was Boris Rosenkranz auf “Übermedien” dazu aufgeschrieben hat.

2. Mediennotizen #1: Petry/”Spiegel” und DJV
(daniel-bouhs.de)
Daniel Bouhs sieht in den Aussagen von Frauke Petry über die “Spiegel”-Reporterin Melanie Amann ein Symbol für das verstörte Verhältnis der AfD zu vielen Journalisten. Er hat dazu die Langfassung des Interviews von Doku-Filmer Stephan Lamby mit Frauke Petry herangezogen und eine Antwort von “Spiegel”-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer eingeholt. Im zweiten Teil seines Blogbeitrags geht es um die Causa der Mafia-Rechercheurin Petra Reski, der vom “Freitag” die juristische Unterstützung in einer Rechtssache verweigert wurde, und die Frage, inwieweit diese von Verdi oder DJV geleistet worden wäre. Weiterführender Link: Die “FAZ” berichtet über Petra Reskis Fundraising zur Abdeckung der Kosten für den gegen sie angestrengten Rechtsstreit: Nicht allein gegen die Mafia.

3. Das Ende der Zukunft des Journalismus’
(medium.com/@lorz, Lorenz Matzat)
Lorenz Matzat konstatiert: “Ohne Vorstellung von einer digitalen Gesellschaft braucht es auch keinen entsprechenden digitalen Journalismus.” Seit rund zwei Jahren sei hierzulande ein Stillstand zu beobachten. Je mehr das Wort “Innovation” überstrapaziert werde, desto weniger trete diese im Journalismus ein. “Die traurige Ironie ist, dass wir in Deutschland mit den Öffentlich-Rechtlichen Einrichtungen besitzen, die mit rund 8.000 Millionen Euro im Jahr von der Gesellschaft ausgestattet werden, um Information und Unterhaltung zu organisieren. Das sind etwa 100 Euro pro Jahr pro Einwohner dieses Landes. Wo wären wir, wenn davon ein Euro pro Jahr pro Einwohner in Experimente, in Format- und Technologie-Entwicklung, in Open-Source-Software gesteckt würde?”

4. Falschmeldungen über US-Drohkulisse
(faktenfinder.tagesschau.de, Wolfgang Wichmann & Jenny Stern)
Der “Faktenfinder” der “Tagesschau” beschäftigt sich mit den widersprüchlichen Meldungen über die Flugzeugträger der US-Marine bzw. deren derzeitigen Aufenthaltsort. Die Meldung der südkoreanischen Agentur “Yonhap”, dass sich drei Flugzeugträger auf dem Weg nach Nordkorea befänden, sei falsch.

5. Journalisten zensieren sich selbst
(deutschlandfunk.de, Thomas Otto)
Eine aktuelle Studie des Europarates fördert Erschreckendes zu Tage: Weit mehr als jeder zweite befragte Journalist habe angegeben, in den letzten drei Jahren mindestens einmal das Opfer von Demütigung, Herabsetzung, Einschüchterungsversuchen, Verleumdung oder Schmutzkampagnen gewesen zu sein. Das Ergebnis dieser unschönen Entwicklung sei oftmals Selbstzensur.

6. Faktencheck: Christian Lindner behauptet, dass Einbrüche in NRW massiv zugenommen haben. Richtig oder falsch?
(correctiv.org, Jacques Pezet)
FDP-Chef Christian Lindner hat der “Bild”-Zeitung ein Interview gegeben. Dort wurde ihm unter anderem die Frage gestellt: “Leben die Menschen in NRW weniger sicher als in anderen Bundesländern?” Darauf entgegnete Lindner, dass die Einbruchskriminalität massiv gestiegen sei, während die Aufklärungsquote stagniere.
Jacques Pezet von “Correctiv” hat sich in den amtlichen Statistiken schlau gemacht und schreibt: “Zwischen 2012 und 2016 ist die Zahl der Wohnungseinbrüche in NRW um 2,9 Prozent gesunken. Wir wissen nicht, wie FDP-Chef Christian Lindner zu der Auffassung gelangt ist, dass die Zahl der Einbrüche ‘massiv gestiegen’ sei. Jedenfalls — ist seine Behauptung komplett falsch.” Nachtrag, 22:10 Uhr: Zum Faktencheck von “Correctiv” hatten wir allerdings auch noch was zu sagen: “Vercheckt”.

“Bild am Sonntag” und die falsche Sekunde beim Anschlag in Dortmund

In der Pressemitteilung, die die Bundesanwaltschaft gestern zur Festnahme des möglichen Attentäters von Dortmund rausgegeben hat, findet man auch einige Informationen zu den Sprengsätzen, die vor elf Tagen neben dem BVB-Mannschaftsbus explodiert waren:

Die drei Sprengsätze waren über eine Länge von 12 Metern in einer Hecke entlang der Fahrstrecke des Mannschaftsbusses angebracht. Die Sprengwirkung der Sprengsätze war auf den Bus ausgerichtet. Die Sprengsätze wurden zeitlich optimal gezündet. Der vordere und der hintere Sprengsatz waren in Bodennähe platziert. Der Mittlere befand sich in einer Höhe von etwa einem Meter. Damit war er zu hoch angebracht, um seine Wirkung voll entfalten zu können.

Auch Bild.de berichtete gestern über diese neuen Erkenntnisse. Die “SEKUNDEN-THEORIE” sei “WIDERLEGT”, schreibt die Redaktion:

Im Text steht unter anderem:

Die Sprengsätze wurden zeitlich optimal gezündet, heißt es in der Mitteilung. Denn zunächst hatte es geheißen, dass die Bomben eine Sekunde zu spät detonierten.

“Zunächst hatte es geheißen”? Wer hat sowas denn verbreitet? Das hier ist die Titelseite der “Bild am Sonntag” vom vergangenen Sonntag:

Der Artikel im Blatt beginnt so:

Es war wohl nur eine Sekunde, die beim Bombenanschlag in Dortmund über Leben und Tod entschieden hat. (…)

Jetzt kommt raus: Es hätte noch viel, viel Schlimmeres passieren können!

Ein Ermittler zu BamS: “Wären die Splitterbomben nur eine Sekunde früher gezündet worden, hätte der Bus eine regelrechte Breitseite bekommen. Es hätte dann bestimmt viele Schwerverletzte und möglicherweise auch Tote gegeben.”

Wer auch immer dieser “Ermittler” ist, den “Bild am Sonntag” da aufgetan hat — er verfügte offenbar über ganz andere Ermittlungsergebnisse als die Bundesanwaltschaft.

Andere Medien und Agenturen griffen die exklusive “BamS”-Titelgeschichte auf und berichteten ebenfalls über die “Sekunde, die beim Bombenanschlag in Dortmund” wohl “über Leben und Tod entschieden hat”. Die “Bild am Sonntag” (Leitspruch: “Immer einen Schritt voraus”) ist ziemlich stolz darauf, die “meist zitierte Sonntagszeitung” (PDF) Deutschlands zu sein.

Ebenfalls zum Thema:

Mit Dank an roy für den Hinweis!

“Ich gehe davon aus, dass ihre Geschichte erfunden ist”

Morgen jährt sich zum zweiten Mal der Absturz des “Germanwings”-Flugs 4U9525. 150 Menschen sind damals in den französischen Alpen ums Leben gekommen, darunter auch Co-Pilot Andreas Lubitz, der die Maschine bewusst zum Absturz gebracht haben soll. Während viele der Hinterbliebenen sich treffen und gemeinsam trauern werden, werden Lubitz’ Eltern in Berlin bei einer eigens organisierten Pressekonferenz sitzen. Sie wollen ein Gutachten präsentieren, in dem es um Zweifel an den offiziellen Ermittlungen zur Absturzursache gehen soll.

In der “Zeit” von heute ist ein lesenswertes Stück von Petra Sorge zum Thema erschienen (hier eine Zusammenfassung von “Zeit Online”). Sie hat sich mit Günter Lubitz, dem Vater von Andreas, getroffen und mit ihm über verschiedene Gutachten, Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft, seine Motivation gesprochen:


Der Text handelt auch von der Berichterstattung rund um den “Germanwings”-Absturz. Es geht um ein brennendes Grab, um herumschleichende Reporter, um möglicherweise erfundene Interviewaussagen. Es geht vor allem um die “Springer”-Blätter “Bild” und “Welt am Sonntag”.

***

Da ist zum Beispiel der “Bild”-Bericht über das Grab von Andreas Lubitz. In der Print-Ausgabe und online hatten die “Bild”-Redaktionen Ende Juni 2015 groß auf der Titel- beziehungsweise Startseite über die Beerdigung des “Germanwings”-Co-Piloten berichtet …


… und dabei auch dessen Grab, niedergelegte Kränze, letzte Grüße von Freunden gezeigt.

Petra Sorge schreibt in ihrem “Zeit”-Artikel:

Kurz nach der Beerdigung von Andreas Lubitz gelangte ein Reporter auf den Friedhof. Er fotografierte das Grab: Kränze, die letzte Widmung der Familie. Bild veröffentlichte das Foto. Kurze zeit später setzte jemand das Grab in Brand. Der Brandstifter wurde nie gefunden.

Wegen der Veröffentlichung des Fotos folgte ein Gerichtsverfahren, das noch immer nicht endgültig entschieden ist. Inzwischen liegt der Fall beim Bundesgerichtshof:

Das Kammergericht Berlin untersagte den Abdruck des Fotos schließlich, mit der Begründung, die Berichterstattung stelle “einen schwerwiegenden Eingriff in die Persönlichkeitsrechte” der Kläger dar. Der Springer-Verlag hat Nichtzulassungsbeschwerde eingelegt. Über die Frage von Pietät, Persönlichkeitsrecht und Grenzen der Pressefreiheit muss nun der Bundesgerichtshof entscheiden.

Nun kann man über einen direkten Zusammenhang von Bericht und Feuer nur mutmaßen. Die Tatsache aber, dass “Bild” und Bild.de trotz des Brandes und der möglichen Gefahr einer weiteren Brandstiftung im vergangenen August wieder mit großen Fotos über das Grab von Andreas Lubitz und den neuen Grabstein dort berichtet haben, wird vor diesem Hintergrund noch ekliger als es eh schon ist.

***

Direkt im Anschluss schreibt Petra Sorge:

Günter Lubitz hat lange überlegt, ob er mit der ZEIT sprechen soll. Mehrmals stand das Treffen auf der Kippe, besonders nachdem im Februar zwei Journalisten nahe dem Haus waren und danach behauptet hatten, die Familie habe sich erstmals öffentlich geäußert. Diese aus dem Zusammenhang gerissene “Äußerung” stammte aus einem Antwortschreiben, mit dem Günter Lubitz schon im November 2016 auf die Bitte um ein Interview reagiert hatte.

Bei den “zwei Journalisten” dürfte es sich um Mitarbeiter der “Welt am Sonntag” handeln. Die Wochenzeitung hatte vor gut einem Monat, am 26. Februar, vier Seiten über den “Germanwings”-Absturz veröffentlicht. In dem langen Text findet sich auch diese Passage:

Erstmals überhaupt haben sich die Eltern nun zu Wort gemeldet. Auf Anfrage der “Welt am Sonntag” schrieben sie: “Zum Absturz des Germanwings-Fluges 9525 ergeben sich auch für uns noch viele unbeantwortete Fragen, merkwürdige Sachverhalte und Zweifel am bisher kommunizierten Unfallhergang. Wir sind momentan selber noch am Recherchieren.” Zu dem “völlig falsch gezeichneten Bild” ihres Sohnes wollen sie sich momentan aber noch nicht äußern.

Ein “Unfallhergang”? Ein “völlig falsch gezeichnetes Bild” ihres Sohnes?

Aus einer E-Mail-Absage auf eine Interview-Anfrage vom November 2016 macht die “Welt am Sonntag” im Februar 2017 also die exklusive Nachricht, dass Lubitz’ Eltern sich “erstmals überhaupt” geäußert hätten.

“Bild” und Bild.de griffen das Thema direkt auf:


Franz Josef Wagner schrieb einen Brief an die Eltern von Andreas Lubitz.

***

Der dritte Abschnitt im “Zeit”-Artikel zur Berichterstattung über die “Germanwings”-Katastrophe ist der brisanteste. Es geht um ein Interview von “Bild”-Reporter John Puthenpurackal aus dem März 2015:



Die Aussagen der angeblichen “Ex-Freundin” über Lubitz’ angebliche Ausraster und seine angeblichen Ankündigungen waren nur wenige Tage nach dem Unglück entscheidende Bausteine bei der medialen Konstruktion eines Psychogramms.

“Bild” schreibt in dem Artikel:

Die Stewardess Maria W. (26) war eine zeitlang die Freundin von Todes-Pilot Andreas Lubitz (27).

Fünf Monate lang flogen sie im vergangenen Jahr zusammen durch Europa und übernachteten heimlich gemeinsam in Hotels.

BILD-Reporter John Puthenpurackal hat ihre Identität überprüft. Er ließ sich u.a. ein Foto zeigen, das die Stewardess und den Amok-Piloten bei einem Flug in derselben Crew zeigt.

Wir haben den Namen auf ihren Wunsch geändert, sie so fotografiert, dass sie nicht erkannt werden kann. In BILD spricht jetzt die Frau, die diesem Mann sehr, sehr nah war.

Trotz Identitätsprüfung durch Reporter Puthenpurackal und Foto-zeigen-lassen glaubt Staatsanwalt Christoph Kumpa laut “Zeit” inzwischen, dass die Aussagen in dem “Bild”-Artikel erfunden seien. Petra Sorge schreibt:

Und dann ist da die Sache mit der angeblichen Ex-Freundin seines Sohnes, der Stewardess Maria W. Bild druckte im März 2015 ein Interview mit ihr, wonach Andreas Lubitz angekündigt haben soll: “Eines Tages werde ich etwas tun, was das ganze System verändern wird, und alle werden dann meinen Namen kennen und in Erinnerung behalten.” Maria W. habe sich wegen seiner Probleme von ihm getrennt: “Er ist in Gesprächen plötzlich ausgerastet und schrie mich an. Ich hatte Angst. Er hat sich einmal sogar für längere Zeit im Badezimmer eingesperrt.” Das Interview schien genau jenes Puzzleteilchen zu liefern, das noch fehlte zum Bild eines Wahnsinnigen. Als die Staatsanwaltschaft einen Zeugenaufruf startete, meldete sich aber keine Maria W. Staatsanwalt Kumpa erklärt jetzt auf ZEIT-Anfrage: “Ich gehe davon aus, dass ihre Geschichte erfunden ist.”

“Bild” wehrt sich im “Zeit”-Artikel gegen diesen Vorwurf.

“BILD ist hier nichts vorzuwerfen”

Ernst Elitz ist Ombudsmann der “Bild”-Zeitung. Er schaltet sich ein, wenn Leser ihre politischen Ansichten falsch oder verzerrt dargestellt finden. Aber auch, wenn sie Zweifel an Fakten haben.

Seine erste Kolumne erschien am Donnerstag. Am Wochenende schrieb er gleich die nächste. Diesmal fand er sogar einen berechtigten Kritikpunkt. Nur leider schickte er die fertige Kolumne an die falsche E-Mail-Adresse. Sie landete bei uns. Wir veröffentlichen sie hier. Exklusiv bei BILDblog.

Liebe BILD-Leser,

zunächst muss ich Ihnen sagen: Julian Reichelt hat mich für meine erste Kolumne sehr gelobt. Darüber freue ich mich ganz besonders. Denn das zeigt: Er nimmt die kritische Auseinandersetzung mit BILD ernst. Aber kommen wir gleich zu den Zuschriften.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner “Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus”. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Ich bin den folgenden Fällen nachgegangen.

► BILD-Leser Maik Warschnitz schreibt: “Ich habe von verschiedenen Seiten gehört: Zu Karneval sind mehrere Pärchen in der Öffentlichkeit beim Liebesspiel gefilmt worden. Warum finde ich die Videos nicht bei Bild.de?”

Meine Antwort: Dafür habe ich leider keine Erklärung. Wir haben alle Aufnahmen veröffentlicht. Prominent auf unserer Startseite. Ich habe in der Chefredaktion recherchiert. Der Browser-Verlauf zeigt: Auch dort wurden sie gefunden.

Mein Urteil: BILD ist hier nichts vorzuwerfen.

► BILD-Leser Ferdinand Huhn fragt: “Früher habe ich immer gern die BILD-Korrekturspalte gelesen. Leider finde ich sie nicht mehr. Warum hat die Redaktion sie abgeschafft?”

Die Redaktion sagt: “Diese Frage hören wir oft. Die Antwort überrascht viele Leser: Wir haben die Korrekturspalte nicht abgeschafft. Im Gegenteil: Oft würden wir Fehler gern berichtigen. Aber leider ist unser Platz begrenzt. Unsere Aufgabe ist es, die wichtigsten Themen des Tages auszuwählen. Wenn dazu unserer Meinung nach ein Fehler zählt, werden wir die Korrekturspalte auch weiterhin nutzen. Sie bleibt also ein ebenso fester Bestandteil der BILD wie das kritische Urteil von Ernst Elitz.”

Mein Urteil: Stark!

► Bei der Berichterstattung über Verbrechen wirft BILD-Leser Gisbert Holunder uns vor, oft einen Teil der Wahrheit zu verschweigen. So würden in vielen Fällen lediglich Fotos veröffentlicht, die das Opfer vor der Tat zeigen.

Meine Antwort: BILD-Reporter sind auch nur Menschen. Sie können nicht gleichzeitig überall sein. Vor allem bei Verbrechen sind wir auf Augenzeugen angewiesen. Und dabei dürfen wir nicht vergessen: Das sind keine Profis. Diese Menschen sind meistens von der Situation überfordert. In ihrer Panik vergessen sie, vom Tatort ein Foto zu machen. Und oft holen sie zunächst Hilfe, statt unsere Reporter zu kontaktieren.

Mein Urteil: BILD trifft keine Schuld!

► BILD-Leser und Türkei-Kenner Hans-Eberhard Müller aus Torgau (Sachsen) fordert “deutliche Worte” zu den “Mätzchen” des türkischen Präsidenten Erdogan.

Meine Antwort: BILD hat dazu deutliche Worte gefunden. Wir werden auch weiter über die Türkei und Präsident Erdogan berichten.

Mein Urteil: BILD hat alles richtig gemacht.

► BILD-Leser Kevin Knoblikowsky möchte wissen: “Warum hat das BILD-Girl eine Hose an?”

Meine Antwort: Sie haben vollkommen Recht. Das muss nicht sein! BILD steht für transparenten Journalismus. Diese Frage müssen wir uns gefallen lassen.

Die Redaktion sagt: “Die Fotos werden uns zugeliefert. Mit Photoshop ist da nichts zu machen. Aber wir bleiben an der Sache dran.”

Mein Urteil: Hier muss sich dringend etwas ändern.

► Stichwort Kommentar!

Manche Leser sind unzufrieden mit Berichten und Formulierungen, die ihrer eigenen Vorstellung von Anstand und Redlichkeit zuwiderlaufen.

Meine Empfehlung: Stellen Sie sich nicht so an!

PS: Sind Sie bei Facebook? Werden Sie Fan von BILDblog!

Herzlichst,

Ihr BILD-Ombudsmann
Ernst Elitz

Freundliche Volksverhetzer, Millionäre-Check, Kommentare-Quiz

1. Keine Zeit für den Fascho-Check
(taz.de, Dinah Riese)
Eine verurteilte Volksverhetzerin postet bei Instagram ein Foto von sich mit einer Cola in der Hand und hinterlässt einen freundlichen Spruch. Das Social-Media-Team des Hamburger Brauseherstellers antwortet nett zurück, ohne zu wissen, um wen es sich auf dem Foto handelt — und bekommt dafür ordentlich Online-Haue. Dinah Riese fragt: Zu Recht? Zu Unrecht? “Gehört es zu den grundlegenden Kompetenzen von Social-Media-Redakteur*innen, Mitglieder der rechten Szene zu erkennen?”

2. Zahal, Dschihad und anderes
(juedische-allgemeine.de, Daniel Killy)
Die Vorwürfe, die Daniel Killy bei der “Jüdischen Allgemeinen” in Richtung “DRadio Wissen” schickt, haben es in sich: Der Sender habe einen Beitrag über zwei junge Jüdinnen verhindert, weil er nicht Israel-kritisch genug gewesen sei. “DRadio Wissen” hat inzwischen auf die Anschuldigungen geantwortet: Anders als die “Jüdische Allgemeine” suggeriere, “wurde der fragliche Beitrag nicht aus inhaltlichen, sondern aus handwerklichen Gründen von der Redaktion abgelehnt.”

3. Deutsche rechnen mit Fake News — und informieren sich vor allem im Fernsehen
(horizont.net, Marco Saal)
In einer “Exklusivumfrage zur Bundestagswahl” hat “Horizont” herausfinden lassen, auf welchem Wege sich die Deutschen zu politischen Themen informieren (Junge: Internet, Alte: Fernsehen). In die Überschrift hat es allerdings ein anderes Umfrage-Thema geschafft: “Fake News”. “Deutsche rechnen mit Fake News”, steht über dem Text von Marco Saal. Das stimmt schon, aber nicht die Mehrheit, sondern 44 Prozent. Der größere Teil der Befragten, 51 Prozent, glaubt hingegen, dass Falschmeldungen im Bundestagswahlkampf keine Rolle spielen werden (wobei man die Gleichsetzung von “Fake News” und “Falschmeldungen” durch “Horizont” sicher kritisch sehen kann).

4. Millionäre lieben Deutschland — und wandern nicht aus
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
“Tausende Millionäre verlassen Deutschland”, schreibt das “Manager Magazin”. “Business Insider” alarmt: “Massen-Auswanderung”. Und “Sputnik” fragt in freudiger Endzeitstimmung: “Sinkt das Schiff?” Thomas Knüwer hat sich die Zahlen, die eine südafrikanische Beratungsgesellschaft namens “New World Wealth” veröffentlicht hat, und aus denen einige Medien in Deutschland Artikel gebaut haben, genauer angeschaut. Er klingt selbst ein wenig überrascht, wie viele Zweifel er “mit nur einer Viertelstunde googlen” erzeugen konnte.

5. Wie die Medien zu Parteien wurden
(wolfgangmichal.de)
Wolfgang Michal beobachtet, dass Medienunternehmen “zu politisch-idealistischen Kampfgruppen” würden, “die die Richtung der Politik bestimmen wollen und können”: “So wurden die großen Medien, die ‘dem Internet’ vor Jahren noch erzählten, was guter und verantwortungsvoller Journalismus ist (nämlich professionelle Zurückhaltung), im Verlauf eines knappen Jahrzehnts zu Parteien, die für die gute Sache kämpfen — so wie politische Parteien, Internet-Konzerne oder NGOs seit jeher für sich in Anspruch nehmen, für die gute Sache zu kämpfen: To Make The World A Better Place.” Das sei “nicht die schlechteste Entwicklung”, findet Michal.

6. Haben Sie’s gelesen?
(sueddeutsche.de, Silke Bigalke)
Nun gibt es hier im BILDblog keine Kommentarfunktion. Aber wenn es sie gäbe, und Sie kommentieren wollten, dann müssten Sie erstmal eine Frage beantworten, die mit diesem Blogpost zu tun hätte. Zum Beispiel: Wie heißt die südafrikanische Beratungsfirma, deren Zahlen Thomas Knüwer hinterfragt? So macht es jedenfalls das norwegische Technik-Blog “NRKbeta”, das zum staatlichen Sender “NRK” gehört: Wer kommentieren will, muss vorher drei simple Fragen beantworten, die sich auf den Text beziehen, den man kommentieren möchte. Das soll Hitzköpfe ausschließen, die nur rumpöblen wollen. Und funktioniert in den ersten Testwochen recht gut.

“Bild” schneidet sich Kritik zurecht

So richtig rund scheint es nicht zu laufen mit der neuen “Fußball Bild”. Seit Ende Januar liegt die tägliche “Springer”-Fußball-Zeitung bundesweit an den Kiosken (zuvor hatte der Verlag das Projekt schon in Stuttgart und München getestet), ein Mix aus zusammengewürfelten Berichten der “Bild”-Regionalausgaben und ein paar Exklusiv-Inhalten. “Meedia” berichtete vor knapp zwei Wochen, dass pro Tag “im Schnitt zwischen 48.000 und 55.000 Exemplare” verkauft würden. Der Plan, die sinkende “Bild”-Auflage durch “Fußball Bild” auszugleichen, gehe bisher nicht auf.

Und so versucht “Fußball Bild” aktuell einiges, um gemocht zu werden. Zwölf Tage kann man sie kostenlos testen, ab heute gibt es das Blatt im Abo und für die “333 schnellsten Besteller” verspricht die Redaktion sogar “einen FUSSBALL BILD Kaffeebecher” gratis.

Ein neues Werbevideo gibt es auch:

Der 20-Sekunden-Clip ist seit vorgestern online und zeigt, wie “Bild” von VfL-Bochum-Trainer Gertjan Verbeek “beschimpft” wird (von der Beliebtheit bei den Fans ist hingegen nichts zu sehen, doch dazu später mehr):

Verbeek sagt in dem “Fußball Bild”-Werbespot:

“Bild”. Nee. Warum schreibt ihr dann immer solche Scheiße? Warum spielt ihr immer zwei Parteien gegeneinander aus? Ihr seid ja Arschlocher. Das seid ihr.

Vielleicht erinnern Sie sich: Die Aussage stammt aus einer Pressekonferenz des VfL Bochum, die im September 2015 stattfand. Wir hatten damals auch hier im BILDblog darüber berichtet. Das “Arschlocher” von Gertjan Verbeek ging an “Bild”-Reporter Joachim Droll, der zuvor über angebliche Meisterambitionen Verbeeks berichtet hatte. Später entschuldigten sich der Trainer und der Vereinsvorstand für die Wortwahl, von Verbeeks Kernaussagen wollte sich der Verein hingegen nicht distanzieren.

“Fußball Bild” schnappte sich also — mit Genehmigung des VfL Bochum — die kurze Passage aus der knapp 20-minütigen Pressekonferenz (ab Minute 4:05 wird’s interessant) und fügte diese zwei Texttafeln ein, die zwischendrin eingeblendet werden:


Die Aussage soll wohl sein: Ist das nicht toll, liebe Fans, wie wir uns für euch solchen Biestern wie Gertjan Verbeek stellen und uns von ihnen sogar beschimpfen lassen? Dafür müsst ihr uns doch lieb haben.

Die erste Tafel (“VON TRAINERN BESCHIMPFT.”) gibt “Fußball Bild” allerdings auch die Möglichkeit, die Originalaufnahme zu schneiden, ohne dass man es auf Anhieb merkt. Verbeeks Kritik hatte nämlich durchaus Inhalt. Er kritisierte in einem Satz, den “Fußball Bild” weggelassen hat, die “Bild”-Berichterstattung über Flüchtlinge. Der VfL-Trainer sagte damals in voller Länge:

“Bild”. Nee. Warum schreibt ihr dann immer solche Scheiße? Warum spielt ihr immer zwei Parteien gegeneinander aus? Selbst mit Flüchtlingen dazwischen. Ihr seid ja Arschlocher. Das seid ihr.

Ein bisschen Kritik an “Bild” ist für “Bild” also in Ordnung. Richtige Kritik wird aber doch lieber rausgeschnitten.

Und dann ist da ja noch die Behauptung, dass “Bild” beziehungsweise “Fußball Bild” “von den Fans geliebt” werde. Ebenfalls im September 2015, als die “Bild”-Zeitung auf dem Höhepunkt ihrer “Wir helfen”-Imagekampagne an einem Spieltag der 1. und 2. Bundesliga “Wir helfen”-Aufnäher auf den Trikotärmeln aller 36 Mannschaften platzieren wollte, reagierten die Fans vieler Vereine in den Stadien mit “Bild”-Kritik.

Zum Beispiel die des BVB:

Und des 1. FC Köln:

Und des Karlsruher SC:

Und des FSV Mainz 05:

Und des FC Ingolstadt:

Und des SV Darmstadt 98:

Und des VfB Stuttgart:

Und des 1. FC Nürnberg:

Und des SC Freiburg:

Und des FC Schalke 04:

Und von Fortuna Düsseldorf:

Und des TSV 1860 München:

Und von Hertha BSC:

Und von Union Berlin:

Und von der SpVgg Greuther Fürth:

Und auch die Fans des VfL Bochum, für die sich “Bild” und “Fußball Bild” ja von Trainer Gertjan Verbeek heldenhaft beschimpfen lassen, schlossen sich #BILDnotwelcome an:

Mit Dank an @FeaturedMoritz für den Hinweis!

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Aus Fanboy wurde Ernst. Ernst ist jetzt Ombudsmann.

Als es Ende Oktober 2010 mal wieder eng wurde für “Bild”, war Ernst Elitz direkt zur Stelle. Damals verurteilte das Amtsgericht München einen früheren Redakteur des Blatts zur Zahlung von 14.400 Euro an den Schauspieler Ottfried Fischer. Der Mann, zu der Zeit noch “Bild”-Mitarbeiter, hatte ein illegal aufgenommenes Video gekauft, das Fischer beim Sex zeigen sollte. Er meldete sich bei Fischers PR-Agentin, erwähnte das Sextape und bekam ein Exklusiv-Interview mit dem Schauspieler. Fischer wehrte sich später, sprach von Nötigung. Und das Münchner Amtsgericht gab ihm Recht. Es sah in der Erwähnung des Videos eine konkludente Drohung des “Bild”-Mitarbeiters; eine explizite Drohung, dass man die Aufnahmen anderenfalls veröffentliche könne, sei nicht nötig gewesen.

Zwei Tage später äußerte sich Ernst Elitz zu dem Urteil. Der einstige “Deutschlandradio”-Intendant kommentierte damals schon seit einiger Zeit alles Mögliche in “Bild”. Für das Urteil aus München hatte er überhaupt kein Verständnis:

Elitz schrieb:

Darf ein Journalist mit keinem mehr sprechen, über den er mehr weiß, als dem Angesprochenen lieb sein kann? Das ist bei jeder professionellen Recherche so. Das verletzt keine Grenze.

Und:

Auch mit diesem Urteil wurden Grenzen verletzt. Ein Journalist, der Betroffene mit Recherche-Ergebnissen konfrontiert, nötigt nicht. Er schafft klare Verhältnisse. Unabhängig davon, ob es um einen groß angelegten Betrugsfall oder um ein Sexvideo geht.

Der Ankauf von illegalen Aufnahmen aus dem höchstpersönlichen Bereich und das Unterdrucksetzen mit diesen Aufnahmen sei also “Profi-Recherche”, schrieb Ernst Elitz über die Methoden eines “Bild”-Mitarbeiters in “Bild”.

Zwei Jahre zuvor verteidigte Elitz schon einmal die Arbeitsweise des Boulevardblatts. Damals war er noch Intendant des “Deutschlandradios”, seine regelmäßigen “Bild”-Kommentare gab es noch nicht. Der Deutsche Presserat rügte im Dezember 2008 die “Bild”-Berichterstattung über einen Flugzeugabsturz in Nepal. Auf der Titelseite waren “verkohlte Leichen” zu sehen, im Innenteil unverfremdete Fotos von sechs der zwölf deutschen Opfer.

Ernst Elitz war zufällig Blattkritiker an dem Tag, als “Bild” über den Absturz berichtete. Damals nannte er die Aufmachung “eine akzeptable Lösung”. Als der Presserat dann die Rüge aussprach, äußerte er sich, zusammen mit Kai Diekmann, in einer Pressemitteilung des Axel-Springer-Verlags kritisch zu dieser Entscheidung und verteidigte “Bild”.

Und auch sonst gab sich Elitz stets Mühe, alles super zu finden, was die “Bild”-Zeitung so macht, und ihre Schweinereien als ganz normalen Journalismus zu bezeichnen: Die Griechenland-Hetze der Redaktion war für ihn “keine Griechenland-Hetze”, ein juristischer Sieg für “Bild” war gleich ein “Sieg für die Pressefreiheit”.

Dieser Mann, der sich gern mal an falsche oder einseitige Berichte dranhängt und wiederholt null Verständnis für Kritik an “Bild”-Methoden zeigte, ist neuerdings Ombudsmann bei der “Bild”-Zeitung. Das verkünden das Blatt …

und Bild.de

… heute stolz.

In seiner neuen Rolle soll Elitz die Schnittstelle zwischen Redaktion und Lesern sein, schreiben “Bild”-Chefredakteurin Tanit Koch und “Bild”-Oberchefredakteur Julian Reichelt:

Wir schaffen die Stelle des Ombudsmannes. Ernst Elitz ist ab sofort Ansprechpartner für Sie! (…)

Sie können ihn kontaktieren, wenn Sie Ihre politische Ansicht oder eine Debatte falsch oder verzerrt dargestellt finden. Aber auch, wenn Sie Zweifel an Fakten haben oder Fragen zu unserer Quellenlage. Er darf in Ihrem Auftrag bei uns in der Chefredaktion recherchieren, ob wir falsch gelegen haben. Wir werden keinen Einfluss auf sein Urteil nehmen und es veröffentlichen, wann immer er es von uns verlangt.

Ja, “wann immer er es von uns verlangt.” Aber dafür müsste erstmal ein Wille da sein, “Bild” kritisch zu betrachten. Zumindest bei der Nötigung von Ottfried Fischer und den “verkohlten Leichen” aus Nepal wären die Zuschriften aus Ernst Elitz’ Posteingang vermutlich direkt in den Papierkorb gewandert — war schließlich alles tiptop.

Dazu auch:

Mit Dank an Eva für den Hinweis!

Flugs kopiert

Joar, Mensch, das ist ja mal gar nicht schlecht, dass das “Abendblatt” dabei war, “als die finnische Fluggesellschaft ‘Finnair’ als erste Fluggesellschaft den Airbus A350 übernahm.” Glückwunsch!

Warum das überhaupt bemerkenswert ist? Weil dieser Screenshot nicht von abendblatt.de stammt, sondern von Bild.de:

Das Portal berichtet heute über einen “SONDERFLUG DES LUFT-GIGANTEN”, denn der “Mega-Airbus besucht Hamburg”:

Der neue Lufthansa-Airbus A350-900, das weltweit modernste Langstreckenflugzeug, besuchte am Donnerstag-Vormittag mit einem Sonderflug die Hansestadt.

Wie da nun die frohe “Abendblatt”-Kunde reingerutscht ist? Vermutlich hat irgendein Bild.de-Mitarbeiter beim Text-Klauen nicht aufgepasst und beim Copyandpasten eben auch die Passage mit “Finnair” übernommen. Auf abendblatt.de steht nämlich ebenfalls (Link mit Bezahlschranke):

Für die Lufthansa sei der Neuzugang eines der wichtigsten Ereignisse des Jahres. Die A350-900 für 293 Passagiere sei das modernste und umweltfreundlichste Langsteckenflugzeug. Es verbrauche 25 Prozent weniger Treibstoff und sei beim Start wesentlich leiser als vergleichbare Flugzeugtypen.

Das Abendblatt war dabei, als die finnische Fluggesellschaft Finnair als erste Fluggesellschaft den Airbus A350 übernahm.

Die Bild.de-Redaktion mopst also einfach zwei Absätze beim “Abendblatt”, inklusive Rechtschreibfehler (“Langsteckenflugzeug”), und vergisst, die Spur zu verwischen. Wir wollen an dieser Stelle nur noch mal daran erinnern: Bild.de geht derzeit mit einer wettbewerbs- und urheberrechtlichen Klage gegen “Focus Online” vor, weil man sich nicht länger bieten lassen wolle, dass das “Burda”-Portal “systematisch exklusive Bezahl-Inhalte von BILDplus abschreibt”. Nun ist das Ausmaß, mit dem “Focus Online” sich bei “Bild plus” bedient, sicher noch mal ein anderes. Aber auch bei den zwei “Abendblatt”-Absätzen handelt es sich um Bezahl-Inhalte. Und abschreiben bleibt abschreiben.

Nachdem ein Twitter-User auf den Textdiebstahl hingewiesen hat, hat Bild.de die Passagen gelöscht.

Mit Dank an @DonTimoteoHH für Hinweis und Screenshot!

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