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Das Drogengeständnis der eingeweihten Kreise

Es war ein Knaller, den die Mainzer “Allgemeine Zeitung” am Montagnachmittag verkündete. Michael Hartmann, der SPD-Bundestagsabgeordnete, gegen den wegen Drogenverdachts ermittelt wird, habe ihr gegenüber zugegeben, Crystal Meth konsumiert zu haben:

Michael Hartmann: 'Sehr geringe Menge Crystal Meth konsumiert' 
Von Reinhard Breidenbach
MAINZ/BERLIN - Michael Hartmann, wegen Rauschgift-Ermittlungen zurückgetretener ehemaliger innenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, hat erstmals den Erwerb und Konsum einer 'sehr geringen Menge' der Droge Crystal Meth eingeräumt.

Die Nachrichtenagenturen und Online-Medien verbreiteten die Meldung sofort weiter. Bild.de berichtete:

SPD-Mann Hartmann: Ja, ich habe Crystal Meth genommen

AFP:

Hartmann räumt Konsum von Crystal Meth ein

dpa:

Zeitung: Hartmann gibt Konsum von geringer Crystal-Menge zu

Noch am selben Abend ließ Hartmann im Südwestrundfunk und gegenüber “Spiegel Online” den Bericht der “Allgemeinen Zeitung” dementieren. Er habe sich nirgendwo gegenüber den Medien geäußert. “Ich äußere mich erstmals gegenüber der Staatsanwaltschaft. Nirgendwo sonst”, zitiert ihn “Spiegel Online”.

Die “Allgemeine Zeitung” erklärte daraufhin: “Wir haben nicht mit Hartmann direkt gesprochen, aber diesen Anschein auch nicht erweckt.” Sollte der Eindruck entstanden sein, bedauere er dies.

Tja, wie mag dieser Eindruck wohl entstanden sein?

Ob es wohl an der Überschrift gelegen hat, in der die Zeitung hinter Hartmanns Namen einen Doppelpunkt und dann ein Zitat in Anführungszeichen gesetzt hat? Oder an Formulierungen wie:

Hartmann ließ gegenüber unserer Zeitung auf Anfrage erklären, er habe “einmal einen Bruchteil der Menge, die derzeit in Rede steht, konsumiert, dann aber die Finger davon gelassen.” (…)

Hartmann trat auch Spekulationen entgegen, …

Hartmann wies gegenüber unserer Zeitung auch Gerüchte zurück, …

… so Hartmann am Montag.

… ließ Hartmann am Montag verlauten.

Inzwischen hat die “Allgemeine Zeitung” stillschweigend ihren Artikel geändert. Nun sieht er plötzlich so aus:

Hartmann-Umfeld: 'Geringe Menge Crystal Meth genommen'
Von Reinhard Breidenbach
MAINZ/BERLIN - Michael Hartmann, wegen Rauschgift-Ermittlungen als innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion zurückgetretener Mainzer Bundestagsabgeordneter, muss laut Darstellung seines engsten Umfelds den Erwerb und Konsum einer 'sehr geringen Menge' der Droge Crystal Meth einräumen.

Aus der Formulierung …

Hartmann ließ gegenüber unserer Zeitung auf Anfrage erklären, er habe “einmal einen Bruchteil der Menge, die derzeit in Rede steht, konsumiert, dann aber die Finger davon gelassen.”

… wurde:

Eine Vertrauensperson Hartmanns sagte dieser Zeitung am Montag, man gehe davon aus, dass er „einmal einen Bruchteil der Menge, die derzeit in Rede steht, konsumiert, dann aber die Finger davon gelassen“ habe.

Und Aussagen, die zuvor noch die Quelle “so Hartmann” trugen, werden nun, ohne eine Erklärung, zitiert mit der Formulierung “verlautet in eingeweihten Kreisen”.

Für die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” kam die Korrektur der Mainzer “Allgemeinen Zeitung” zu spät. Sie berichtet heute:

Hartmann selbst, der über seinen Anwalt Johannes Eisenberg zunächst mitteilen ließ, er wolle sich öffentlich nicht äußern, meldet sich am Montag via “Allgemeine Zeitung” zu Wort: Er habe “einmal einen Bruchteil der Menge, die derzeit in Rede steht, konsumiert, dann aber die Finger davon gelassen”.

Kartenlegen für die Isis

In den sozialen Netzwerken und in einigen Medien stößt man seit einiger Zeit auf Karten wie diese hier:

Angeblich zeigt sie die Expansionspläne der Terrorgruppe Isis; ihren Fünf-Jahres-Plan auf dem Weg zur Weltherrschaft.

Bei “Focus Online” finden sich gleich zwei solcher Karten. Und Blick.ch schreibt:

Die Gotteskrieger von Isis haben den Grössenwahn. Auf einer in sozialen Medien veröffentlichten Roadmap verraten sie, wie sie die Welt gestalten wollen: Der Nahe Osten, Nordafrika, Teile Asiens, der Balkan, Osteuropa, Spanien und Portugal sollen bis 2020 zum ausgerufenen Kalifat gehören. Wie die Karte zeigt, wollen die Islamisten über Österreich sogar bis zur Schweizer Grenze vordringen!

Auch Bild.de alarmierte seine Leser sogleich über die “Machtphantasien von Isis”:

Vor allem den Betreibern und Nutzern von rechten Blogs und Hetzportalen dienen die Karten seither als effektiver Stimmungsanheizer gegen den Islam insgesamt.

Dabei gibt es enorme Zweifel daran, ob die Karten überhaupt echt sind.

Zunächst: Bild.de gibt als Quelle “Twitter (ThirdPosition)” an — verschweigt allerdings, dass es sich dabei um eine nationalistische und rassistische Bewegung aus den USA handelt, deren erklärtes Ziel die Vorherrschaft der Weißen ist.

Davon ab kursieren im Netz verschiedene Varianten der Karte, und das schon seit Wochen. Und schon zwei Tage vor dem Bild.de-Artikel hatte der Nahost-Experte Aaron Zelin erklärt, dass es sich bei der (von “abc News” und der “Daily Mail” verbreiteten) Karte um einen Fake handele. Er sagte:

Das ist ein altes Bild, das von Fans der [Isis-]Gruppe veröffentlicht wurde. Es ist weder offiziell, noch gibt es einen Fünf-Jahres-Plan.

Auch Yassin Musharbash von der “Zeit” twitterte heute:

Schon vor ein paar Wochen hatte er geschrieben:

Es gibt Hunderte solcher Fakes. Das Problem ist, wenn sie für wahr gehalten werden. So kursieren mehrere Landkarten des Nahen Ostens unter Isis-Anhängern, in denen das von Isis beanspruchte Gebiet schwarz eingefärbt und mit ihrer Flagge markiert ist – das zukünftige Kalifat. Solche Karten gibt es seit Jahren, von Al-Kaida-Anhängern fabriziert, von Sympathisanten von Isis’ Vorläufergruppen – es ist ein alter Propaganda-Hut. Weiterverbreitet wurde aber letzte Woche eine Version dieser Karte mit dem Hinweis, es handle sich um den Fünf-Jahres-Plan von Isis. Huch! Und schon wird aus einer schnell hinretouchierten Karte plötzlich ein vermeintliches Dokument.

Als hätten wir nicht schon genug Schwierigkeiten, bei den wirklich von Isis stammenden Informationen herauszufinden, welche bedeutsam sind, welche die Wahrheit abbilden oder nur einen absichtsvoll gewählten Teil der Wahrheit, und welche gelogen sind.

Manchmal scheint es allerdings so, als wollten einige Journalisten das gar nicht herausfinden.

Mit Dank an den Hinweisgeber.

Wie die BamS 1978 über die WM in Argentinien berichtete

(Dieser Text ist im März 2006 entstanden und erschien im damaligen Fußballblog “Fooligan”. Veröffentlichung hier mit freundlicher Genehmigung des Autoren. Die Zitate stammen aus dem Buch “Zeugen der Anklage” von Günter Wallraff.)

Zwischen 1976 und 1983 verschwanden in Argentinien ca. 10000 Menschen, andere Quellen sprechen von bis zu 30000. Unter den desaparecidos befanden sich zahlreiche Studenten, Journalisten und andere, welche gegen die seit einem Putsch im Jahr 1976 regierende Militärjunta unter der Führung des Generals Jorge Rafael Videla opponierten. Diktator Videla hatte für sein hartes Durchgreifen gegen jegliche Opposition eine einfache Erklärung.

Im Dezember 1977 sagte er:

“Ein Terrorist ist nicht nur jemand mit einem Gewehr oder einer Bombe, sondern jemand, der Ideen verbreitet, die im Widerspruch zur westlichen und christlichen Zivilisation stehen”

Wie man sich vorstellen kann, fühlten sich die europäischen Fußballkorrespondenten während der WM 1978 verpflichtet, auf die Situation auch jenseits der Bühne hinzuweisen. Unter ihnen war der spätere “Tagesthemen”-Moderator Hanns-Joachim Friedrichs.

“Auch als Sportredakteur kann meine Aufgabe nicht nur darin bestehen, stupide die Tore zu zählen!

Die heile Berti-Vogts-Welt à la “Fußball-ist-unser-Leben-und-sonst-gar-nichts-auf-der-Welt” gibt’s nämlich nicht mehr. Und das ist nicht meine Schuld.”

Ein Gedanke, dem angesichts einer Weltmeisterschaft in einem Land, das gerade von einer — wenn auch nicht vorbildlich funktionierenden — Demokratie in eine Diktatur umgewandelt wurde, eigentlich niemand widersprechen konnte.

Die “Bild am Sonntag”, die Zeitung, die ein späterer Kanzler in einem magischen Dreiklang mit “Bild” und Glotze zum Regieren benötigen sollte, sah das jedoch völlig anders.

“GEHT DAS SO WEITER MIT DER AGITATION, HERR FRIEDRICHS?”

Die “BamS” hatte zu dem Sportereignis ihren Chefreporter Michael Jeannée entsandt, der nun Friedrichs knallhart investigativ befragte:

“Ihre Zuschauer, Herr Friedrichs, und unsere Leser haben diese Art tendenziöser Interviews und Berichte, die sich nur am Rande mit Fußball beschäftigen, nämlich satt, Hunderte von Anrufen beweisen es….”

Aber natürlich hat die “BamS” auch selbst recherchiert und kam zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass alles in Wirklichkeit ganz anders war, als es ZDF und ARD darstellten.

Jeannée zitiert einen Herrn Bellardi, der im Auftrag der Junta Unterkünfte für die akkreditierten Journalisten organisierte.

“Wichtig ist, dass die Welt zur Kenntnis nimmt, dass die Bajonette und MPs der Soldaten zum Schutz unserer Gäste da sind. Und nicht zur Unterdrückung und Knechtung des Volkes.”

Worte, die den “BamS”-Reporter nachdenklich stimmten.

“An diese Worte des Senors Bellardi musste ich denken, als ich eine Woche später auf dem Rhein-Main-Flughafen unsere waffenstarrenden Grenzschützer sah: War mir jemals der absurde Gedanke gekommen, dass diese Jungs zu meiner Unterjochung da sind???”

BamS-Reporter Michael Jeannée, heute Klatschreporter der Wiener Kronenzeitung, durfte sich auf Einladung des argentinischen Dikators Videla selbst ein Bild von den Zuständen in argentinischen Gefängnissen machen. Und — Überraschung — alles, was in Europa über Folter und Menschenrechtsverletzungen berichtet wurde, entpuppte sich als haltlose Propaganda.

“In Argentinien werden, wie überall, Terroristen, d.h. Gewalttäter, die politische Motive vorgeben, gefangengehalten. Sie wurden nicht gefoltert, dürfen Besuche ihrer Angehörigen und Anwälte empfangen, werden ausreichend ernährt, genießen mehr Menschenrechte als in allen sozialistischen Straflagern — und machen aus ihren Verbrechen keinen Hehl.”

Der “BamS”-Reise-Führer berichtet staunend von der Wunderwelt der Luxusherberge mit angeschlossenem Gourmettempel.

“Die Zellen sind sauber, in allen steht ein kleiner Ofen. Die Häftlinge können sich ihren Tee oder Kaffee selber kochen…

Jedem subversiven Verbrecher in ‘La Unidad 9’ stehen pro Tag 450 Gramm Fleisch zu.”

Ein Bewohner des Ferienlagers erläutert dem Reporter die Annehmlichkeiten und Umstände seines Aufenthaltes:

“Was ich getan habe, habe ich getan. Dafür hat mich der Staat kassiert. Aber gefoltert oder mißhandelt bin ich nie worden. Auch geht mein Prozeß, soweit ich das beurteilen kann, in Ordnung. Nein, ich fühle mich in meinen Rechten nicht verletzt. Von den 880 hier einsitzenden… hat noch keiner konkrete Angaben (über Folterungen) machen können. Etwa, daß man ihm die Fingernägel gerupft habe.”

Winston Smith hätte es nicht schöner sagen können.

Gott allein weiß, ob der Terrorist wirklich existierte, dem Reporter ein Polarbär aufgebunden wurde, oder ein echter Häftling nur anfing zu glauben, dass zwei plus zwei fünf ergibt.

Etwas weniger begeistert vom Service in den argentinischen All-inclusive-Clubs zeigte sich die amerikanische Staatsbürgerin Gwenda Loken Lopez, die im April 1976 von Sicherheitskräften aus einem Bus gezerrt wurde, nachdem sie Flugblätter mit der Forderung nach Freilassung politischer Gefangener auf einer Parkbank zurückgelassen hatte.

“Mir wurden die Augen verbunden, meine Hände waren gefesselt, und ich wurde an eine Wand gestellt. Ein elektrisches Gerät berührte meine Hände. Im nächsten Augenblick lag ich am Boden…. Ich wurde geschlagen…. Meine Kleider wurden heruntergerissen. Dann lag ich, glaube ich, auf einem Tisch, wo ich von vier bis fünf Kerlen festgehalten wurde. Sie setzten die Picana ein [einen elektrischen Stab]. Dann banden sie mich fest und übergossen mich mit Wasser…. Sie stellten mir Fragen, aber vor allem hieß es: ‘Gib es ihr. Da. Da. Da. An den Genitalien…’ Sie sagten, sie würden dafür sorgen, dass ich keine Kinder bekommen könnte.”

Die Axel Springer AG distanziert sich deutlich vom Nationalsozialismus und gibt sich als Freund und Förderer Israels. Aber was hätte Michael Jeannée wohl zum Fall Sophie Scholl geschrieben? Terroristin wird auf Staatskosten mit 450 Gramm Fleisch am Tag gefüttert!?

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Nicht nur Angehörige des Springer Konzerns verhielten sich wie die sprichwörtlichen drei Affen. Auch einige der Lieblinge der Nation, Spieler der deutschen Elf, die 1978 in Argentinien antrat, zeigten sich unbeeindruckt.

“Militär stört mich nicht. Ich hoffe, wir kommen weit.”

Klaus Fischer, Schalke 04

“Nein, belasten tut mich das nicht, dass dort gefoltert wird.”

Manfred Kaltz, Hamburger SV

“amnesty sollte lieber mal im STERN nachlesen, was da über russische Lager drinsteht.”

Berti Vogts, Borussia Mönchengladbach

Das Schicksal der desaparecidos ist mittlerweile bekannt: In Argentinien war es üblich, die zuvor oftmals heftigsten Folterungen ausgesetzten Opfer unter Drogen zu setzen und über dem Meer abzuwerfen.

Die Geschichte jedes Einzelnen wird man jedoch niemals erfahren.

Stern.de, Digg, Eric Weber

1. “EU’s right to be forgotten: Guardian articles have been hidden by Google”
(theguardian.com, James Ball, englisch)
James Ball stellt sechs Guardian-Artikel vor, die aufgrund des Rechts auf Vergessenwerden vom Google-Suchindex verschwinden: “Publishers can and should do more to fight back. One route may be legal action. Others may be looking for search tools and engines outside the EU. Quicker than that is a direct innovation: how about any time a news outlet gets a notification, it tweets a link to the article that’s just been disappeared. Would you follow @GdnVanished?” Siehe dazu auch “Why has Google cast me into oblivion?” (bbc.com, Robert Peston).

2. “Wozu gibt es eigentlich STERN.de?”
(jensrehlaender.tumblr.com)
Wer Stern.de aufrufe, dem offenbare sich “in schonungsloser Härte, wie Reichweitenoptimierung eine Medienseite bis zur Unkenntlichkeit” ruiniere, schreibt Jens Rehländer. “Liebe Leute von stern.de, ich bin sicher, ihr würdet euren Dienst anders machen, wenn man euch ließe. (…) Denn angesichts dieses Allerwelts-Klimbim frage mich ernsthaft, was fehlen würde, wenn es stern.de morgen nicht mehr gäbe?”

3. “Gegenentwurf zu Facebook: Wie Digg zur Startseite des Internets werden will”
(spiegel.de, Ole Reißmann)
Ole Reißmann schaut sich Digg an, wo man neu auf redaktionell ausgewählte Links setzt. “Was es auf Digg nicht gibt: Clickbait, reißerische Überschriften zu oft belanglosem Entertainment, wie es Seiten wie Heftig oder Upworthy vormachen.”

4. “Deutsche Talkshows sind Russland-lastig”
(ostpol.de, Sonja Volkmann-Schluck)
Fabian Burkhardt analysiert in der Arbeit “Die Ukraine-Krise in den deutschen Talkshows” die Gäste von Talkshows zum Thema Russland und Ukraine.

5. “A leap forward in quarterly earnings stories”
(blog.ap.org, Paul Colford, englisch)
Die Nachrichtenagentur AP will neu in automatisierter Form Bericht erstatten: “The Associated Press announced in an advisory to customers today that the majority of U.S. corporate earnings stories for our business news report will eventually be produced using automation technology.”

6. “Eric Weber, der Bürgerschreck”
(bazonline.ch, Aaron Agnolazza)
Aaron Agnolazza stellt Eric Weber vor, Ex-“Bild”-Mitarbeiter und gewählter Parlamentarier im Kanton Basel-Stadt: “Mittlerweile deckt der Grossrat die Regierung beinahe täglich mit Interpellationen und schriftlichen Anfragen ein. ‘Ich schreibe so viele Anfragen, um den angestauten Frust abzubauen’, erklärt sich Weber. ‘Meine Anfragen kosten die Regierung pro Monat 20 000 Franken’, behauptet er beinahe triumphierend.”

Jung&Naiv, Volontariat, Netzfingerabdruck

1. “Der Traum vom Journalistenleben”
(mdr.de, Audio, 29:23 Minuten)
Zwanzig Jahre nach dem Besuch der Journalistenschule ruft Philip Meinhold ehemalige Mitschüler an und fragt sie, ob sie ihre Vorstellungen von Journalismus verwirklichen konnten.

2. “Bitte bewerben – ihr braucht dafür auch nur drei Tage”
(sara-weber.tumblr.com)
Noch bis zum 8. Juli kann man sich beim britischen “Spectator” für ein ein- oder zweiwöchiges Praktikum bewerben. Sara Weber findet die Anforderungen dafür sehr hoch, das Bewerbungsverfahren “unverschämt”.

3. “Meine Laudatio für Jung&Naiv: Die konservative Konterrevolution hat Youtube erreicht”
(leitmedium.de, ccm)
“Jung & Naiv” mit Tilo Jung revolutioniere nicht den Journalismus auf Youtube, sondern es sei “ein Intranetformat für Medienmacher und Politiker”, schreibt Caspar Clemens Mierau: “Jung bringt den am Zuschauer desinteressierten Journalisten auf die Videoplattform und erntet damit natürlich den Applaus einiger Journalisten-Kollegen, die auch lieber ohne Leser schreiben würden.”

4. “Stromnetz verrät Whistleblower”
(heute.de, Peter Welchering)
Eine Verzerrung der Stimme des Informanten ist kein wirkungsvoller Schutz, schreibt Peter Welchering: “Denn mit einer IT-forensischen Methode können die Einstreuungen der elektrischen Netzfrequenz in Tonaufnahmen herausgefiltert und zu einer Art Netzfingerabdruck verdichtet werden. Dieser Netzfingerabdruck wird dann mit Frequenzdatenbanken abgeglichen, um herauszubekommen, wann und wo die Aufnahme gedreht wurde.”

5. “Das Chaos der Anderen”
(neues-deutschland.de, Tobias Riegel)
Tobias Riegel malt sich in der sozialistischen Tageszeitung “Neues Deutschland” aus, wie es wäre, wenn ausländische Politiker und Medien deutsche Politiker kritisieren, die versuchen, für Ruhe und Ordnung zu sorgen: “Wir können uns in Deutschland kaum vorstellen, wie das wäre, wenn sich der US-Außenminister regelmäßig tadelnd zu unserem Umgang mit Demonstranten äußern würde. Es ist aber zu vermuten: Sollte eine linke Bundesregierung einst den Austritt aus der NATO anstreben – wir würden das Gefühl der ständigen Ermahnung kennenlernen. Dann wären die Randalierer vom 1. Mai für die ‘Bild’-Zeitung plötzlich die ‘friedliche und demokratische’ Speerspitze gegen eine ‘autokratische’ und ganz allgemein ‘korrupte’ Bundesregierung – die schleunigst durch Technokraten ersetzt werden muss.”

6. “Keine Handyfotos auf der Pressetribüne erlaubt”
(twitter.com/LarsWallrodt)

Bild  

Böses Foul an Schweinifurt!

Stuttgart liegt am Ganges /
Berlin liegt an der Seine …

(Traditioneller “Bild”-Merkreim)

Mit dem Deutschlandbild der “Bild”-Zeitung stimmt was nicht. Gut, das hatten wir in der vergangenen Woche schon festgestellt, aber es ist seitdem nicht besser geworden.

Anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft berichtet das Blatt heute, dass “wir” “ab heute ballaballa sind”. Es hat den größten Teil der Titelseite für etwas freigeräumt, das es “die wahre Deutschland-Karte” nennt und als Vorwand für die schlechtesten Wortspiele der Welt nimmt, darunter: “Fifalkensee” statt Falkensee, “DFBeelitz” statt Beelitz, “Pfostsee” statt Ostsee; “Bumm” für Bonn und “Gelsenkonter” für Gelsenkirchen.

Angesichts dessen sind die geographischen Unzulänglichkeiten der Karte, zugegeben, harmlos, aber nicht minder rätselhaft.

Kaiserslautern, zum Beispiel, liegt plötzlich in Sichtweite des Rheins, aus Hof ist Bayreuth geworden, Schweinfurt hat den Platz von Coburg eingenommen, und Bamberg ist über den Main in Richtung Norden gezogen. Dafür hat sich die Fränkische Schweiz auf den Weg in die umgekehrte Richtung gemacht und liegt nun nicht mehr nördlich, sondern südlich von Nürnberg und Fürth.

Auch diese Karte ist ein Geschenk für den Geographieunterricht in der Schule, und wahrscheinlich kann man mehrere Stunden damit füllen, gemeinsam alle Fehler zu entdecken (“Liegt Magdeburg wirklich nördlicher als Berlin?”).

Das eigentliche Rätsel aber ist, warum die “Bild”-Grafiker nicht einfach vorhandenes Kartenmaterial verwenden anstatt sich immer wieder vergeblich daran zu versuchen, die Geographie Deutschlands zu erraten.

Mit Dank an Matthias B.!

Ikea, Juncker, Filmpool

1. “Eine Farce nähert sich ihrem Höhepunkt”
(zeit.de, Till Kreutzer)
Till Kreutzer schreibt zum Leistungsschutzrecht für Presseverleger: “Schon die Einführung des LSR entbehrte jeglicher Begründung und Rechtfertigung. Der Versuch, zu dessen Durchsetzung auch noch das Kartellrecht ad absurdum zu führen, ist infam.” Siehe dazu auch “‘Die Zeit ist reif für ein Leistungsschutzrecht'” (voez.at).

2. “Marc-Uwe Kling sollte gut aufpassen, dass seine Känguru-Chroniken nicht in die Hände von ‘Bild’-Reporterin Birgit Begass fallen”
(blogs.taz.de/reptilienfonds, Heiko Werning)
Ein “Bild”-Bericht über ein Gehege mit Wildtieren in Stolberg: “Es bedarf nicht allzu viel Fantasie, sich auszumalen, was es für die Existenz eines Biologie-Lehrers und Fachjournalisten bedeuten könnte, plötzlich öffentlich als Tierquäler gebrandmarkt zu werden.”

3. “Beim Casting für Scripted-Reality-Formate”
(noz.de, David Sarkar)
David Sarkar besucht ein Casting der TV-Produktionsfirma Filmpool: “Bis zu 14 Stunden am Tag stehen die Darsteller vor der Kamera, pro Tag bekommen sie 60 Euro – ein Stundenlohn von rund 4,50 Euro.”

4. “Der Journalismus und das Juncker-Phänomen”
(wolfgangmichal.de)
Wolfgang Michal versucht mittels der Lektüre journalistischer Berichte herauszufinden, um was es in der Diskussion um die Besetzung von Jean-Claude Juncker als EU-Kommissionspräsident inhaltlich geht: “In der Juncker-Sache wurde in einem Ausmaß undeutlich, nebulös und uneigentlich berichtet, dass es schon an Journalismusverweigerung grenzt.”

5. “Twittern für den Kreml”
(nzz.ch, Katharina Bracher)
Die NZZ reagiert auf die Flut von prorussischen Leserkommentaren mit einem “Propaganda-Paragraphen” in der Netiquette.

6. “Taipeh schlägt Hamburg: Unser Ikea ist kleiner und zentraler!”
(intaiwan.de, Klaus Bardenhagen)
Angeblich wird in Hamburg-Altona die weltweit erste Innenstadt-Filiale von Ikea eröffnet: “Äh… nö. Zumindest hier in Taipeh gibt es das schon lange.”

Katrin Müller-Hohenstein, China, Ägypten

1. “Die falsche Debatte”
(frau-dingens.de, Mina)
Mina analysiert Feuilleton-Artikel zur Technik der Zukunft: “Das Bildungsbürgertum wehrt sich mit letzter Kraft gegen die digitale Durchdringung der Gesellschaft, die so viele Nachteile anderer Milieus ausgleichen kann, und somit den eigenen Status gefährdet.”

2. “Banal, belanglos, Müller-Hohenstein”
(berliner-zeitung.de, Anne Burgmer)
Katrin Müller-Hohenstein berichtet für das ZDF von der Fußball-Weltmeisterschaft: “Müller-Hohenstein berichtet, wo es nichts zu berichten gibt. Sie erklärt während der Live-Schalte in den Fernsehgarten, wann die Mannschaft gelandet ist, dass sie dann im Bus weiterfuhr und schließlich auf die Fähre wechselte. Und dann wieder in den Bus. Und dann Koffer auspackte.”

3. “Were Luis Suárez’s bite marks Photoshopped?”
(theguardian.com, Jonny Weeks, englisch)
Fußball: Die Debatte um ein Foto von Tony Gentile (Reuters), das eine Bisswunde an der Schulter von Giorgio Chiellini zeigt.

4. “Neue Maulkörbe für Chinas Journalisten”
(derstandard.at, Johnny Erling)
Medienfreiheit in China: “Unter dem Slogan ‘Kampf gegen Gerüchteverbreiter’ wurde eine Reihe sogenannter Blogger-Meinungsführer unter Straftatsvorwürfen festgenommen und mit Schuldeingeständnissen als reuevoll auftretende Sünder im TV vorgeführt. Einfachen Bloggern wird mit Strafverfolgung gedroht, falls von ihnen ins Netz gestellte (Falsch-)Nachrichten mehr als 500-mal weitergeleitet werden.”

5. “Wer ist das Volk?”
(sueddeutsche.de, Sonja Zekri)
Medienfreiheit in Ägypten: “Zehntausende politische Gefangene, Hunderte Todesurteile und sechs tote Journalisten seit vergangenem Jahr haben ein Klima geschaffen, in dem nach den Worten des Schriftstellers Alaa al-Aswani ‘nur eine Meinung erlaubt ist, ein Gedanke in den immer gleichen Worten.'”

6. “Klicks sind tot: Upworthy veröffentlicht Code, um Aufmerksamkeit zu messen”
(t3n.de, Kim Rixecker)
Kim Rixecker schreibt über den Blogbeitrag “Implementing Attention Minutes, Part 1” (upworthy.github.io, Zane Shelby, englisch). “Mittels verschiedener Scripte soll genau gemessen werden, ob eine Seite derzeit aktiv ist und wie lange der Besucher sich beispielsweise ein Video auf der Seite anschaut.”

Deutschland, verknautscht

Das wäre eine schöne Aufgabe für den Geographieunterricht in der Schule: Was stimmt nicht an dieser “großen BILD-Deutschlandkarte”, auf der man angeblich sehen soll, ob man in einer Tiefflugzone lebt?

Gut, die kurze Antwort wäre: “fast alles”, aber dafür gibt es noch keine Punkte.

Am einfachsten zu erkennen ist, dass Bild.de den Bodensee verschoben hat. Österreich und die Schweiz kriegen nichts mehr von ihm ab — er liegt komplett in Deutschland. Auch größere Teile der österreichischen Alpen sind nach Deutschland eingemeindet worden, wobei das Verblüffende ist, dass Bild.de es geschafft hat, nicht die Umrisse und Grenzen des Landes zu verändern, sondern nur den Inhalt zu verschieben.

Und es ist keineswegs alles einfach nur in eine Richtung verrutscht. Aalen zum Beispiel haben die Kartenmacher von Bild.de nach Süden verschoben, Stuttgart dagegen nach Norden. In Wahrheit haben beide Städte ungefähr dieselbe geographische Breite: Aalen liegt einfach östlich von Stuttgart.

Mit irgendeiner komplexen Origami-Technik scheinen sich die Bild.de-Infografiker ein eigenes Deutschlandbild zurechtgefaltet zu haben. Und die Österreicher und Schweizer sollen sich mal nicht so haben mit dem geklauten Stück vom Bodensee: Vermutlich haben sie dafür in der Bild.de-Geographie feine Strände am Mittelmeer.

Mit Dank an Philipp O. und Jürgen F.!

Nachtrag, 12:25 Uhr. Bild.de hat die Karte überarbeitet.

Die wahre traurige Geschichte hinter Cristiano Ronaldos neuer Frisur

Inzwischen ist es ja normal, dass deutsche Journalisten total am Rad drehen, sobald irgendein Fußballer (oder Trainer) irgendwas mit seinen Haaren anstellt. Diesmal ist es aber besonders extrem. Nicht nur, weil es um Superstar Cristiano Ronaldo geht, der beim letzten WM-Spiel mit einem ins Haupthaar einrasierten Zickzack-Muster auflief, sondern weil sich hinter dieser Frisur eine “ergreifende” bzw. “rührende” bzw. “traurige” bzw. “dramatische” Geschichte verbirgt.

Im März wurde nämlich bekannt, dass Ronaldo eine Familie finanziell unterstützen will, deren kleiner Sohn Erik an einer Hirnerkrankung leidet und eine teure Operation benötigt.

Was das mit der Frisur zu tun hat? Nun, der “Blitz” sei in Wirklichkeit kein Blitz, schreiben die Medien, sondern er zeichne die OP-Narbe des kleinen Jungen nach, der Ende letzter Woche operiert worden sei. Ein Zeichen der Verbundenheit also. Hach!

Erzählt wurde diese ergreifende Geschichte bislang unter anderem von “RP Online”, “Focus Online”, Stern.de, Bild.de, DerWesten.de, Blick.ch, HNA.de, Heute.at, dem “Sport-Informations-Dienst” (auf dem einige der anderen Artikel beruhen), den Online-Auftritten von “Handelsblatt”, NDR, “Weser Kurier”, “Bunte”, “intouch”, “Sportbild”, “Berliner Zeitung”, “Augsburger Allgemeine”, “tz”, “Hamburger Abendblatt”, “Münchner Abendzeitung”, “Mopo”, N24, “Berliner Morgenpost”, außerdem vom “Express”, der “Süddeutschen Zeitung”, der “Nürnberger Zeitung”, der “FAZ”, der “Welt” und vielen mehr.

Eine Quelle geben viele Medien dabei allerdings nicht an. Und das ist der Haken an der Sache.

Wahrscheinlich beruht die Geschichte ursprünglich auf diesem Tweet:


Sieht zwar recht seriös aus, ist aber, wie sich nach anderthalbsekündiger Recherche zeigt, ein Fake-Account (“Not affifilated with the FIFA World Cup”). Und der wiederum hat die Story offenbar von diesem hier:

Auch hier hält sich die Seriosität eher in Grenzen. Andere Tweets des Nutzers lauten zum Beispiel:

Oder:

Davon abgesehen leidet der kleine Junge nicht, wie in den Tweets (und in ihren zahlreichen Varianten) behauptet wird, an einem Tumor, sondern an kortikaler Dysplasie. Einen Beleg dafür, dass Ronaldos Frisur irgendwas mit der OP-Geschichte zu tun hat, liefern die Tweets ohnehin nicht. Spätestens hier hätten die Journalisten — so sie denn recherchiert hätten — also stutzig werden müssen. Und allerspätestens am Montagabend. Da schrieb die Mutter des kleinen Jungen auf ihrer Facebookseite nämlich:

Ich habe gesehen, dass in den sozialen Netzwerken das Gerücht verbreitet wird, Cristiano Ronaldo hätte sich einen Haarschnitt zu Ehren von Eriks Operation machen lassen, aber ich möchte klarstellen, dass das nicht der Fall ist. Mein Sohn wurde noch gar nicht operiert. Cristiano Ronaldo hat zugesagt, einen Teil der Kosten für die Operation zu übernehmen, wenn mein Sohn sich dieser unterziehen muss, aber dieser Tag ist zum Glück noch nicht gekommen.

(Übersetzung von uns.)

Inzwischen sind auch einige Medien wieder halbwegs zurückgerudert. “Bild” und “Sportbild” beispielsweise haben ihre Artikel um den Hinweis ergänzt, dass es keine offizielle Bestätigung für die Frisurengeschichte gebe. Das “Handelsblatt” hat den Online-Artikel kurzerhand gelöscht. Und Stern.de hat zwar die Sache mit der Operation korrigiert (“Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass Erik Ortiz Cruz bereits operiert worden sei. Das ist nicht der Fall”), findet aber immer noch, dass die Frisur einen tieferen Sinn habe:

Ronaldo wollte nicht symbolisieren, dass er (blitz-)schnell ist. Die einrasierte Stelle steht für eine Narbe am Kopf. Und damit für eine bewegende Botschaft: Der einjährige Erik Ortiz Cruz leidet an einer schweren Hirnerkrankung, er muss operiert werden, auch sein Kopf wird einmal über eine solche Narbe verfügen.

Offenbar findet Stern.de die Geschichte dann doch zu schön, um sie ganz aufzugeben.

Mit Dank an Claudia und pre.

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