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Das Schweigerkartell

Wenn Til Schweiger eine Bühne braucht, dann darf er sich der Unterstützung der „Bild“-Zeitung jederzeit gewiss sein. Sie gibt ihm eine Plattform, macht Werbung für seine Projekte und verteidigt ihn gegen Kritik — dafür lässt er sich regelmäßig auf „Bild“-Events blicken, er beteiligt sich an ihren Aktionen, er wirbt für sie, schreibt für sie und versorgt sie stets mit exklusiven News aus seinem Privat- und Berufsleben.

Wie sehr die “Bild”-Medien und Til Schweiger diese Symbiose perfektioniert haben, lässt sich seit einigen Monaten an der gewaltigen PR-Kampagne erkennen, mit der sie gemeinsam für den dreiteiligen Schweiger-“Tatort” trommeln (zwei Teile wurden bereits im Fernsehen ausgestrahlt, der dritte Teil läuft ab Donnerstag im Kino).

Ihren Anfang nahm diese Offensive schon vor eineinhalb Jahren.

Es ist das erste von zahlreichen noch folgenden Win-win-Interviews: Schweiger darf hier „seine von ihm entworfene Wohn-Kollektion“ vorstellen und verrät „Bild“ im Gegenzug erste Details zu seinen „Tatort“-Plänen:

Wie viele Tatort-Folgen wird es noch mit Til Schweiger geben?

Schweiger: „Wir drehen jetzt erst mal eine Doppelfolge. Die wird nächstes Jahr ausgestrahlt. Dann ist diese Geschichte im Fernsehen abgeschlossen. Vielleicht tragen wir sie dann noch weiter ins Kino.“

Was passiert nach der großen Doppel-Folge? Ist dann Schluss?

Schweiger: „Ich habe gerade meinen Vertrag für vier weitere Folgen, also vier Jahre, verlängert.“

Ermittelt bald Helene Fischer mit?

Schweiger: „Vielleicht sage ich auch: Lassen wir uns überraschen …“

Weiter geht’s am 19. September 2014 bei Bild.de:

2. Oktober 2014, “Bild Hamburg”:

22. Oktober 2014, “Bild Hamburg”:

Am 25. Oktober 2014 darf “Bild” exklusiv verkünden:

… und fragt:

… und lässt abstimmen:

19. November 2014, Bild.de:

21. November 2014, “Bild Hamburg”:

22. November 2014, “Bild Hamburg”:

3. Dezember 2014, “Bild Hamburg”:

1. April 2015, “Bild”:

4. April 2015, Bild.de:

19. April 2015, “Bild am Sonntag”:

2. Juli 2015, Bild.de

22. Juli 2015, “Bild”:

26. Juli 2015, “Bild am Sonntag”:

5. August 2015, Bild.de:

24. August 2015, “Bild Hamburg”:

26. August 2015, “Bild Hamburg”:

Es sind die Filmarbeiten für „Tschiller, a. D.“, der erste „Tatort“-Kinofilm seit 28 Jahren (im Kino ab 25. Februar 2016).

4. September 2015, “Bild Hamburg”:

22. September 2015, “Bild”:

5. Oktober 2015, Bild.de:

12. Oktober 2015, “Bild”:

4. November 2015, Bild.de:

17. November 2015, “Bild”:

17. November 2015, Bild.de:

17. November 2015, Bild.de:

18. November 2015, “Bild”:

Dann rückt die große Stunde näher. Zwei Wochen vor der TV-Ausstrahlung besucht “Bild” die Premiere …

… auch online sind sie ganz entzückt:

Zehn Tage vorher: großes “Bams”-Interview.

Einen Tag vorher: großes “Bild”-Interview.


Am Tag der Ausstrahlung noch mal volle Online-Power:


Und noch mal:


Und noch mal:

Doch so sehr sie sich auch bemüht haben: Der erste Teil floppt. Die Kritiker sind mittelmäßig begeistert, die Quoten vergleichsweise schwach.

So muss auch die “Bild am Sonntag” auf der Titelseite zugeben:

Andererseits

Also lieber schnell abhaken, schließlich steht noch der zweite “Tatort”-Teil an. Dazu erst mal wieder ein Interview.

Auch online geht das PR-Geballer weiter.

2. Januar:

2. Januar:

2. Januar:

3. Januar:

3. Januar:

4. Januar:

4. Januar:


4. Januar:

4. Januar:

4. Januar:

Am selben Abend veröffentlicht Til Schweiger auf Facebook einen Text, in dem er seinen “Tatort” als “ein Stueck deutsche Fernsehgeschichte” und den “bahnbrechendsten seiner Art” bezeichnet und erklärt, warum alle, die ihn nicht mindestens megamegamegageil fanden, völlig dumm sind (“Weil…. ich als Filmemacher/Schauspieler/Produzent/Writer/Cutter/Composer…. viel mehr Ahnung…. ich habe viiiieel mehr Ahnung von der Craft( Materie)….KUNST…. als die meisten von diesen Trotteln, die darüber schreiben!!!!….).

Für diesen Post erntet Schweiger ziemlich viel Kritik — so viel, dass selbst “Bild” sie nicht mehr ignorieren kann und am nächsten Tag fragt:

Doch man merkt: So richtig kritisieren wollen die “Bild”-Leute ihren Schützling eigentlich nicht. Der Facebook-Eintrag, den “Bild” bei jedem anderen mindestens als “bizarres Gaga-Posting” bezeichnet hätte, bekommt nur das Prädikat “Wut-Brief”. Und online klingt auch die Überschrift schon viel versöhnlicher. Statt “Hat sich Til verballert?” fragt Bild.de:

Dann folgt die Gegenoffensive.

Und zwar?

“Wir waren beide sehr beeindruckt!”

Klar.

Auch “Bild”-Kolumnist Franz Josef Wagner springt seinem Buddy zur Seite, schreibt:

Til Schweigers Mann ist ein metallisches Wesen. Er ist ein Mann, der nicht mehr weint. Er ist ein Mann, der rächt. Er ist ein Mann ohne Parfum.

Er ist die Rückkehr des Mannes.

Tapfer, selbstlos, großartig. Er ist ein Held wie Herkules. Sehnen wir uns nicht alle nach einem Herkules?

Am nächsten Tag darf sich Schweiger dann ausführlich verteidigen, exklusiv in “Bild” natürlich:

Und bei Bild.de:

Also lieber schnell abhaken und weiter im Text, schließlich steht noch der dritte Teil an, Schweigers Kino-“Tatort”.

8. Januar, Bild.de:

20. Januar, “Bild Hannover”:

29. Januar, Bild.de:

31. Januar, “Bild am Sonntag”:

Auch online nennt “Bild” …

Es ist der vorerst letzte von bisher über 50 Schweiger-PR-Artikeln, und das sind nur die, die sich auf den “Tatort” beziehen. In einem davon sagt Schweiger übrigens:

Ein Shitstorm kommt und geht wieder. Ich mache einfach weiter mein Ding.

Und wir ahnen auch schon, wer ihn dabei unterstützen wird.

Russland, Dialektik des Negativen, Herzschmerz-Kurator

1. Warten auf den Exodus?
(de.ejo-online.eu, Jannis Carmesin & Kai Steinecke)
Ausländische Verlage mit russischen Verlagsbeteiligungen sehen sich durch ein neues Mediengesetz gezwungen, ihre Anteile abzustoßen. Die Autoren erklären, welche Verwerfungen dies für die russische Medienlandschaft bedeutet. Eine Gesetzgebung, die auch deutsche Unternehmen wie den Axel-Springer-Verlag (Engagement bereits gelöst) und Burda beträfe (noch Herausgeber von rund 60 Titeln).

2. „Ihr könnt das? Dann liefert jetzt mal“
(taz.de, Jens Mayer)
Ein “Novum” sei es, dass ARD-Verantwortliche und TV-Produzenten erstmals ein gemeinsames Papier vorgelegt hätten, das die künftige Ausgestaltung der Beauftragung von TV-Auftragsproduktionen regele. Zwei Jahre hätten die Produzenten mit der ARD gerungen, und nun liege eine Vereinbarung vor, die einen Paradigmenwechsel in der deutschen Fernsehlandschaft einläute, indem sie das Risiko für Produzenten senke und die Innovationsfreude anheize.

3. Positiver Journalismus: “Eine Ausgewogenheit in der Berichterstattung herstellen”
(fachjournalist.de, Felix Fischaleck)
Einer der Hauptvorwürfe an Nachrichten (neben denen, dass sie falsch, ungenau oder tendenziös seien) ist: “Es wird immer nur über Negatives berichtet!” Hier setzt der sogenannte “positive Journalismus” an, der sich als “eine Art Gegenbewegung zum vorherrschenden Negativitätsbias in der Berichterstattung” sieht. Kommunikationswissenschaftler Dr. Oliver Bidlo spricht im Interview über die “Dialektik des Negativen” und wie man die, aus seiner Sicht notwendige, Ausgewogenheit in der Berichterstattung herstellen könne.

4. Rechtsstreit: Facebook will Nutzerprofile nicht vererben lassen
(spiegel.de)
Ein sowohl juristisches wie auch ethisch schwieriges Problem beschäftigt derzeit die Gerichte: Wem gehört das Facebook-Konto eines verstorbenen Kindes, den Erben oder dem Diensteanbieter? Das Landgericht Berlin hat das Konto den Eltern zugesprochen, die sich darin Aufklärung über den Tod ihrer Tochter erhoffen. Dagegen wehrt sich Facebook nun mit einer Berufung. Der Grund: Die Eltern könnten Einblick in private Nachrichten anderer Nutzer erhalten, die einen Anspruch auf Privatsphäre hätten.

5. Unter dem Radar
(faz.net, Fridtjof Küchemann)
Die amerikanischen Netzanbieter können Daten ihrer Nutzer relativ unkontrolliert wirtschaftlich nutzen beziehungsweise ausbeuten. Dagegen haben nun 60 Daten- und Verbraucherschutzorganisationen Protest eingelegt. Die Organisationen hätten die amerikanische Kommunikationsbehörde aufgefordert, schnellstmöglich Regeln aufzustellen, die nur bei Einwilligung der Nutzer die Sammlung und Vermarktung ihrer Daten zulassen. Die deutsche Datenschutzbeauftragte Andrea Voßhoff weist in diesem Zusammenhang tapfer darauf hin, dass Datenschutz keineswegs wirtschaftsfeindlich sei und sogar ein Wettbewerbsvorteil sein könne.

6. Meet the guy who makes sure your ex shows up in your Facebook feed.
(facebook.com/mashable.socialmedia, Video, 2:35 Minuten)
Eine Trennung geht wohl nie leicht vonstatten. Und wenn dann die Fotos des oder der Ex im Facebook-Feed auftauchen, verheilen die seelischen Narben noch schwerer oder reißen wieder auf. Die Investigativreporter von “Mashable Humor” konnten erstmals mit einem Verantwortlichen sprechen, der die herzschmerzerzeugenden Bilder der abgelegten Liebschaften in unsere Accounts einspeist: dem “Facebook Heartbreak Curator”.

Presserat billigt nacherzählten Terror-Fehlalarm

Im November vergangenen Jahres, eine Woche nach den Anschlägen in Paris, eilmeldete “Focus Online” am späten Abend:

Schon fünf Minuten später wurde die Meldung von der Münchner Polizei dementiert:

Doch statt die Geschichte zu überprüfen, schlugen auch andere Medien lieber erst mal eilig …

Auch zwei Stunden nach der Klarstellung der Polizei schrieb FAZ.net (auch auf der Startseite) immer noch:

“Focus Online” hielt sogar noch bis zum Mittag des darauffolgenden Tages an der “Terror”-Version fest, musste aber (nachdem die Polizei in einer Pressemitteilung erklärt hatte, dass alles ganz anders war) zugeben, dass alles ganz anders war.

Die “verdächtige arabische Gruppe”, die angeblich “offenbar einen Anschlag in der bayerischen Landeshauptstadt” vorbereitete, entpuppte sich als eine Gruppe von Asylbewerbern, die sich in dem Hotel zur “Familienzusammenfindung” traf, wie die Polizei mitteilte. Die “falschen Uniformen” waren in Wahrheit ein “handelsübliches Baseball-Cap mit der Aufschrift ‘Police’ und eine schwarze Weste”. Und die Gasflaschen gehörten zu einem Campingkocher.

Wir haben uns beim Presserat über die Berichterstattung beschwert, weil wir der Ansicht sind, dass die Medien mit der ungeprüften Verbreitung der Falschmeldung gegen den Pressekodex verstoßen und unnötig Panik geschürt haben.

Im Fall von “Focus Online” wurde die Beschwerde an den Beschwerdeausschuss weitergeleitet, der sich im März damit beschäftigen wird.

Bei der “Huffington Post” und FAZ.net kann der Presserat aber keinerlei Verstoß erkennen. Er teilte uns mit:

Grundlage unserer Prüfung war in diesem Zusammenhang Ziffer 2 des Pressekodex. Danach sind zur Veröffentlichung bestimmte Informationen mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben. Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu machen. Ein Verstoß gegen die journalistische Sorgfalt ist bei den vorliegenden Fällen aber nicht ersichtlich. Die Beiträge beschreiben zutreffend, dass die Polizei wegen eines Verdachts auf einen terroristischen Anschlag alarmiert wurde. Sie nennen zudem jeweils die Quelle, auf deren Angaben die Falschmeldung beruhte, und machen diese durch die Verwendung des Konjunktivs und durch “soll”-Formulierungen als unbestätigte Meldungen erkennbar. Zudem haben beide Medien die Beiträge um einen Hinweis auf die Falschmeldung ergänzt bzw. diese in einer Folgeberichterstattung thematisiert.

Insgesamt konnten wir daher keinen Verstoß gegen die presseethischen Grundsätze feststellen.

Die abschreibenden Journalisten hätten nur einmal beim Twitter-Account der Polizei vorbeischauen müssen, um den angeblichen “TERROR-ALARM” zu überprüfen, vermutlich hätte es auch ein kurzer Anruf getan. Schade, dass das zu viel verlangt ist.

Kicker  

Das muss man sich mal vorstellen

Fragt man Fans des FC St. Pauli, welchen Fußballverein sie so gar nicht leiden können, dürften die meisten den HSV nennen, aber auch RasenBallsport Leipzig ist nicht irre beliebt unter den Paulianern. Die massive finanzielle Unterstützung durch Red Bull für die Leipziger, die fehlende Tradition, das Hin- und Hergestausche mit anderen mit Red Bull assoziierten Vereinen — RB Leipzig ist für viele Pauli-Anhänger ein “Kackverein”. Vergangenes Jahr hatte der FC St. Pauli sogar das Wappen der Leipziger (das stark dem Red-Bull-Logo ähnelt) von der eigenen Homepage gelöscht.

Fragt der “Kicker” St. Paulis Trainer Ewald Lienen, ob er sich vorstellen könne, Trainer in Leipzig zu sein, antwortet der:

Ich könnte mir das sehr gut vorstellen — unter der Bedingung, dass der Verein grundsätzlich seine Philosophie ändert. Wir können ja mal unsere Satzung und die Leitlinien schicken (lacht).

Unsere Zusammenfassung: Ewald Lienen kann sich das nicht vorstellen.

Und die Zusammenfassung des “Kicker”:

Mit Dank an @EFCRODGAU1999.

Folge dem Kaninchen, Bedrohnung aus Fernost, Verpackungskunst

1. Sender-Bewusstsein
(sueddeutsche.de, Martin Schneider)
Ein Radiosender kündigt an, ein Kaninchen zu schlachten. 86.000 Menschen unterstützen eine dagegen gestartete Online-Petition. Der Sender teilt mit, man hätte von Anfang an nicht vorgehabt, das Kaninchen zu schlachten. Es handele sich vielmehr um eine abgesprochene Aktion in Sachen Tierschutz. Die fragwürdigen Inszenierungen der deutschen Radiomacher sind vielfältig und reichen bis zum vorgetäuschten Tod einer Hörerin. Dazu auch: “Fair Radio” mit einer Polemik zum Thema.

2. Eine vergebliche Suche nach der Lügenpresse
(tagesspiegel.de, Carsten Reinmann & Nayla Fawzi)
Die Kommunikationswissenschaftler Reinmann und Fawzi von der Ludwig-Maximilians-Universität in München machen sich Gedanken über den vieldiskutierten Vertrauensverlust der Medien und ziehen dabei verschiedene Umfragen und Studien zu Rate. Ob es tatsächlich eine „Glaubwürdigkeitskrise“ des Journalismus gebe, sei fraglich.

3. Das Fernsehen als Hort der Konservativen
(dwdl.de, Hans Hoff)
“Das deutsche Fernsehen ist auf Publikumsseite ein Hort des Konservativen, ein Bewahrmedium, das vor allem den mentalen Besitzstand sichern hilft”, so beschreibt es Kolumnist Hans Hoff. Im Netz werde probiert, im Fernsehen verwahrt. Hoffs knackiges Fazit: “Viel geschautes Fernsehen ist das Medium für Spießer. Keine Experimente. Gib mir mehr von dem, was ich kenne.”

4. Digitale Dividende
(jungle-world.com, Jörn Schulz)
Wenn beim World Economic Forum über eine angebliche vierte industrielle Revolution debattiert werde, sei Misstrauen geboten, so “Jungle World”-Autor Schulz. Von der “vierten industriellen Revolution” würden vornehmlich Unternehmensvertreter und Politiker sprechen. Der Trick dabei: Der Staat soll kostenlos die gewünschte Infrastruktur bereitstellen, die den Unternehmern im Erfolgsfall die entsprechenden Gewinne beschert.

5. Bedrohnung aus Fernost
(zeit.de, Xifan Yang)
Der neue Star der chinesischen Start-up-Welt soll der Ingenieur Wang Tao sein, der sich im geschäftlichen Umgang “Frank Wang” nennt. Wang ist der Chef von Dajiang Innovations, dem größten Drohnenhersteller der Welt. Interessanter Bericht über den medienscheuen Unternehmer und sein florierendes Drohnenbusiness.

6. Wie ein verpacktes Auto in Marburg viral geht und zeigt, wie scheiße Medien arbeiten können
(philippmag.de, Katharina Meyer zu Eppendorf)
Herrliches Lehrstück über Medienarbeit im Kleinen und im Großen: Eine Mitarbeiterin eines Studentenmagazins sieht in Marburg ein in Kunststofffolie eingeschlagenes Auto. Sie fotografiert den Wagen und postet das Bild auf Facebook. Das sehen andere, die eine klickheischende Story dazudichten. Danach handele es sich um eine Racheaktion einer Frau an ihrem fremdgehenden Partner. Darauf geht das Bild viral und Medien befördern den Hype.

Linke Nummer mit Mutti

Wenn Ermittlungsbehörden neue Zahlen über politisch motivierte Straftaten herausgeben, ist die “Bild”-Zeitung immer gleich zur Stelle, was meist darauf hinausläuft, dass sie die bösen Linken wortreich verteufelt und die Rechten irgendwie aus den Augen verliert.

Auch an der Studie über linke Gewalt, die der Verfassungsschutz in Berlin jetzt veröffentlicht hat, war “Bild” natürlich sofort dran und hat dabei ein äußerst amüsantes Detail entdeckt:

Der Verfassungsschutz hat in einer Studie, die BILD exklusiv vorliegt, den linken Durchschnitts-Täter ermittelt: Er ist männlich, 21 bis 24 Jahre alt, hat trotz mittlerer Reife meist keinen Job – und 92 Prozent von ihnen wohnen noch bei Mutti.

Hihihi!

Artikel der BILD Berlin und Brandenburg, bebildert mit einem riesigen Foto, auf dem ein vermummter Mann böse in die Kamera guckt, hinter ihm brennt eine Straßenbarrikade, ein weiterer Vermummter streckt beide Fäuste nach oben und zeigt die Mittelfinger. Dazu die Schlagzeile: 92 Prozent der Berliner Linksradikalen wohnen bei Mutti - In einer neuen Studie hat der Verfassungsschutz den Durchschnitts-Extremisten analysiert

Auch die “B.Z.” gluckst:

Artikel der B.Z., bebildert mit einem risiegen Foto, auf dem ein vermummter Mann gerade ausholt, um eine Bierflasche zu werfen. Dazu die Schlagzeile: Studie über den typischen Berliner Linksradikalen - 21-24 Jahre, ohne Job, gewalttätig und wohnt noch bei Mutti

Diese Studie liegt allerdings nicht nur den Springer-Blättern vor, sondern jedem, der Internetzugang hat (PDF).

Dort kann man dann auch nachlesen, dass es 1. nur um Tatverdächtige geht und dass 2. die erhobenen “Daten zur Wohnsituation, Schulbildung und zum Beruf” auf “freiwilligen, hier nicht nachprüfbaren Daten” beruhen – und nur sehr wenige Verdächtige überhaupt Angaben gemacht haben. Die Zahlen sind also keineswegs repräsentativ. In der Studie heißt es:

Aufgrund der geringen Fallzahl, die hier zur Verfügung stand (insgesamt lagen nur zu 65 Tatverdächtigen valide Aussagen über ihre Wohnsituation vor), sind diese Angaben jedoch in keiner Weise repräsentativ und auch nicht mit den Ergebnissen der Vorgängerstudie vergleichbar.

Im November 2014 gab es übrigens eine ähnliche Studie zu rechter Gewalt in Berlin (auch dort inkl. Bei-Mutti-Wohn-Quote). In der “Bild”-Zeitung stand darüber — nichts.

Mit Dank an Jonas!

Die “Welt” verheimlicht, dass nichts verheimlicht wurde

Wo wir grad beim Thema “Schweigen” sind: Es gibt neues Futter für Fremdenfeinde.







Aufgedeckt wurde dieser “Skandal” gestern von der “Welt”. Sie schreibt:

Führende NRW-Innenpolitiker waren schon im Oktober 2014 über Straftaten durch Gruppen nordafrikanischer Männer, die in Flüchtlingsheimen in Nordrhein-Westfalen lebten, informiert. Um die Bevölkerung nicht zu beunruhigen, gingen sie mit diesen Informationen aber nicht an die Öffentlichkeit. Das legt das Protokoll einer Innenausschusssitzung vom 23. Oktober 2014 nahe.

Zunächst einmal: Ja, in der Sitzung haben die Politiker tatsächlich über kriminelle Flüchtlinge gesprochen. Doch das Protokoll, mit dem die “Welt” hier beweisen will, dass irgendwas “zurückgehalten” wurde, belegt in Wirklichkeit das Gegenteil: Es ist nämlich seit der Sitzung im Oktober 2014 für jedermann zugänglich (PDF). Auch die Sitzung selbst war öffentlich.

Oder fragen wir mal so: Wenn die Politiker da irgendwas verheimlichen wollten, wenn irgendwas “nicht an die Öffentlichkeit” gelangen sollte — wieso haben sie in einer öffentlichen Sitzung darüber gesprochen? Zu der auch die Medien eingeladen waren? Und von der es ein Protokoll gibt, das seitdem öffentlich einsehbar ist?

Die einzigen Argumente, die die “Welt” für ihre Verheimlichungsthese anführt, sind folgende Zitate aus dem Protokoll:

Die Innenexperten kamen damals überein, dass durch solche Vorfälle “Angst” vor Flüchtlingen geschürt werde und “die öffentliche Wahrnehmung kippen” könnte, so Staatssekretär Nebe. Auch Freidemokrat Joachim Stamp warnte 2014 die Kollegen, solche Vorfälle könnten “schnell dazu führen, dass von interessierter Seite entsprechend Stimmung gemacht wird”. Man müsse “froh sein” über “die derzeitige vernünftige mediale Berichterstattung zu den steigenden Flüchtlingszahlen”. Andere Teilnehmer warnten vor einer drohenden “Stigmatisierung” infolge der Veröffentlichung solcher Erkenntnisse.

Nur leider hat die “Welt” diese Aussagen völlig auseinandergerupft. Gehen wir sie also mal Schritt für Schritt durch.

Die “Welt” schreibt:

Die Innenexperten kamen damals überein, dass durch solche Vorfälle “Angst” vor Flüchtlingen geschürt werde und “die öffentliche Wahrnehmung kippen” könnte, so Staatssekretär Nebe.

Im Kontext betrachtet liest sich Nebes Aussage so:

Der nächste Punkt ist: Vor Ort werden Störungen in der öffentlichen Ordnung wahrgenommen. In der Tat ist das – auch aus unserer Sicht – kein Problem, das man auf die leichte Schulter nehmen kann. Wir dürfen nicht die Akzeptanz und Zustimmung der Bevölkerung in den Standortkommunen, wo sich am Anfang alle positiv geäußert haben, auf die Dauer riskieren – und diese Hinweise bekommen wir.

Wenn wir hier ein Risiko eingehen, wenn die öffentliche Wahrnehmung kippt, wenn Angstgefühle da sind, selbst wenn die reale Situation der Kriminalitätsentwicklung das nicht rechtfertigt – das ist ein Alarmsignal, und das wollen wir aufgreifen. Dies geschieht auch dadurch, dass der Minister im November beabsichtigt – er hat es eben nicht gesagt, ich sage es trotzdem –, mit den Bürgermeistern der Standortkommunen ein Gespräch zu führen, um auch über diese Fragen zu reden.

Die “Welt” schreibt weiter:

Auch Freidemokrat Joachim Stamp warnte 2014 die Kollegen, solche Vorfälle könnten “schnell dazu führen, dass von interessierter Seite entsprechend Stimmung gemacht wird”. Man müsse “froh sein” über “die derzeitige vernünftige mediale Berichterstattung zu den steigenden Flüchtlingszahlen”.

Wörtlich sagte Stamp:

Die Probleme im Zusammenhang mit Alleinreisenden aus der gerade beschriebenen Zielgruppe sind mir ebenfalls aus verschiedenen Einrichtungen geschildert worden, insbesondere in Hemer. Man muss hier sicher über Repressionen nachdenken. Wir müssen aber insgesamt auch darüber nachdenken, wie wir speziell mit dieser Gruppe umgehen; denn das ist in den Einrichtungen tatsächlich ein Problem. Darüber könnten wir vielleicht interfraktionell diskutieren.

Wir alle sind froh über die derzeitige vernünftige mediale Berichterstattung über die steigenden Flüchtlingszahlen. Solche Einzelfälle, die sich dann, wenn es aus einer bestimmten Richtung kommt, auch häufen können, können schnell dazu führen, dass von interessierter Seite entsprechend Stimmung gemacht wird. Es gibt da ja einen – Gott sei Dank – außerparlamentarischen Wettbewerber, den wir nicht unbedingt stärken wollen. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns als Demokraten verständigen, wie man sich mit diesen schwierigen Gruppen auseinandersetzt.

Und schließlich, “Welt”:

Andere Teilnehmer warnten vor einer drohenden “Stigmatisierung” infolge der Veröffentlichung solcher Erkenntnisse.

Bullshit. Der Begriff “Stigmatisierung” fällt, als ein Politiker der Piraten sagt:

Eine Verstärkung von Polizeikräften im Umfeld der Flüchtlingsunterbringung fände ich überhaupt nicht sinnvoll. Das wäre in meinen Augen eine Stigmatisierung.

Kein Wort von Veröffentlichung — oder: Verheimlichung — irgendwelcher Infos, auch sonst liefert das Protokoll keinerlei Hinweis darauf, dass irgendwas unter den Teppich gekehrt werden sollte. Die einzigen, die hier was verschweigen, sind die Leute von der “Welt”.

Mit Dank an Lars B.

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