1. G20-Akkreditierungen: Illegale Datenlöschung bestätigt (blog.ard-hauptstadtstudio.de, Arnd Henze)
Im Blog des ARD-Hauptstadtstudios geht es um die Affäre um die G20-Akkreditierungen. Die Aufarbeitung zieht sich in die Länge und die zuständigen Behörden geben sich wenig auskunftsfreudig. TV-Korrespondent Arnd Henze berichtet, dass die Daten der beiden Journalisten Florian Boillot und Po-Ming Cheung tatsächlich gelöscht wurden. Ein Sprecher des LKA widerspricht der Darstellung des ARD-Hauptstadtstudios: Sowohl die Speicherung als auch die Löschung sei in beiden Fällen rechtmäßig erfolgt. Wie das allerdings mit dem im Beitrag zitierten Löschvorbehalt in Einklang zu bringen sei, hätte der Sprecher nicht erklären können.
2. Ein Algorithmus für mehr Kreativität (journalist-magazin.de, Catalina Schröder)
Ein neues Tool soll Redakteuren dabei helfen, neue Erzählansätze zu bekannten Themen zu finden. Die Idee dazu stammt von der Uni London, wurde von der „Google Digital News Initiative“ gefördert und wird inzwischen von der EU-Initiative „Horizon 2020“ für eineinhalb Jahre mit einer Million Euro finanziert. 14 Journalisten, Software-Entwickler und Wissenschaftler aus sechs Ländern arbeiten an dem Projekt. Das Magazin “Journalist” hat sich mit dem Hamburger Journalisten Claus Hesseling über den Stand des Projekts und den weiteren Fortgang unterhalten.
3. Die unheimliche Umverteilung (faktenfinder.tagesschau.de, Kristin Becker & Wolfgang Wichmann)
Der „Faktenfinder“ beschäftigt sich mit einem skandalisierenden Bericht zur angeblich geheimen Umverteilung von Flüchtlingen in der EU, der sich in den letzten Tagen im Netz verbreitet hat. Hintergrund ist ein Umverteilungsprogramm der Europäischen Union, das jedoch nicht geheim, sondern für jedermann online einsehbar ist.
4. “Nicht originell und in sich inkonsistent” (deutschlandfunk.de, Sebastian Wellendorf & Michael Borgers, Audio, 7:09 Minuten)
Im “Deutschlandfunk” geht es nochmal um die Debatte zur “Spiegel”-Kritik an ARD und ZDF. Leonhard Dobusch, im ZDF-Fernsehrat für den Bereich “Internet” zuständig, äußert sich zum Vorwurf, bei den Öffentlich-Rechtlichen handele es sich um „Staatsfunk“, den er bei aller möglichen Kritik für verfehlt hält. Der „Deutsche Journalisten-Verband“ moniert, der “Spiegel” spare in seiner Geschichte “vieles aus, was für das Gesamtverständnis der Leser wichtig gewesen wäre”. Im Beitrag seien nur die “Nörgler” zu Wort gekommen.
5. Löschen, so gut es geht (spiegel.de)
Nach erfolgreicher BKA-Fahndung konnte im Fall des Missbrauchs einer Vierjährigen ein Verdächtiger festgenommen werden. Dem vorausgegangen war eine Öffentlichkeitsfahndung, bei der ein Bild des Opfers veröffentlicht wurde. Nun bittet das BKA darum, das Bild zu löschen, um das Opfer zu schützen. Das Gros der Nutzer und Medien sei bemüht, das Bild des Opfers möglichst schnell wieder aus der Welt zu schaffen. Ganz gelingen werde das jedoch nicht.
6. taz.sachen: Die Macht der Farbe Braun (blogs.taz.de)
In der Onlineredaktion der „taz“ hat man bereits vor geraumer Zeit entschieden, bei Wahldiagrammen den Balken für die AfD braun zu färben. Bis zur Bundestagswahl habe das keine großen Reaktionen hervorgerufen — aber am Abend danach traf es offenbar einen Nerv. Was auch mit der Betitelung zu tun hat …
Wenn “Bild”-Briefchenschreiber Franz Josef Wagner einen Text so beginnt …
ein bisschen Völkerkunde in diesem Brief muss sein
… dann kann es danach nur bemerkenswert werden.
Der Text, aus dem dieser Einleitungssatz stammt, ist zwar schon ein paar Tage alt — er erschien am 27. September in “Bild” und am späten Vorabend bei Bild.de. Wir wollen ihn hier aber doch noch aufgreifen. Also dann, Herr Wagner:
Wagner kommt anschließend auf “die Koalitionsverhandler” in der deutschen Bundespolitik, die nicht wüssten, “was Jamaika bedeutet.” Danach eine mehr oder weniger zusammenhängende Gedankenkette: Sklaven-Händler, spanische Kolonialisten, britische Kolonialisten, Tanz und Gesang, Bob Marley, Dreadlocks, “I Shot the Sheriff” und “No Woman, No Cry”*. Was einem eben so einfällt, wenn man fünfeinhalb Minuten vor Abgabe merkt, dass man ja noch gar nichts aufgeschrieben hat.
Und dann dieser Satz:
80 Prozent der Jamaikaner sind Analphabeten.
Nach einem kurzen Ausflug zum seit 20 Jahren entkriminalisierten Kiffen endet Wagner mit:
Ich machte einmal Urlaub auf Jamaika. Weißer Strand, Luxushotel. Als Tourist erfährt man nichts über Jamaika. Herzlichst, F. J. Wagner
Und auch später als “Bild”-Kolumnist hat man offenbar nich genug über Jamaika erfahren.
80 Prozent Analphabeten? Im Niger, einem der ärmsten Länder der Welt, gibt es rund 80 Prozent Analphabeten. Aber selbst in Kriegs- und Krisengebieten wie Afghanistan oder Mali können mehr als 30 Prozent der Menschen lesen und schreiben. Auf Jamaika liegt die Alphabetisierungsrate bei 88,7 Prozent. 11,3 Prozent der Bevölkerung sind also Analphabeten. Das ist immer noch ein hoher Wert. Sieht aber ganz anders aus als die “Völkerkunde” eines Franz Josef Wagner.
Mit Dank an Lothar Z. für den Hinweis!
*Nachtrag, 12. Oktober: In einer ersten Version hatten wir den vermeintlichen Namen des Marley-Songs von Wagner übernommen: “No Women No Cry” hatte der “Bild”-Kolumnist geschrieben. Das ist gleich doppelt falsch. Erstens muss es die Singular-Form “Woman” sein. Und zweitens ist das Komma zwischen “No Woman” und “No Cry” inhaltlich bedeutend.
Es gibt einiges zu korrigieren seit der vergangenen Ausgabe. Fangen wir also am besten direkt an …
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… und zwar mit “Björn Böhning”, der gar nicht Björn Böhning ist. Heute in der Berlin/Brandenburg-Ausgabe der “Bild”-Zeitung:
Die Person, die “am Kofferband” steht und “wartet”, ist nicht Böhning, sondern “Tagesspiegel”-Redakteur Sidney Gennies. Beide hatten Berlins Bürgermeister Michael Müller in die Partnerstadt Los Angeles begleitet — Böhning in seiner Rolle als Chef der Berliner Senatskanzlei, Gennies als Journalist.
Über den Ausdruck “Wrestling-Irrer” lässt sich sicher streiten, schließlich handelt es sich um Shane McMahon, der nicht nur professioneller Wrestler ist, sondern auch der Sohn des “WWE”-Eigentümers Vince McMahon, und dem einigermaßen klar sein dürfte, was er da so macht. Eindeutiger ist die Sache beim angeblichen “10-Meter-Käfig”, der beim sogenannten “Hell in a Cell”-Match traditionell 20 Fuß hoch ist, was umgerechnet etwas mehr als sechs Meter sind. Deswegen sprechen die meisten Redaktionen auch von “20 feet” beziehungsweise einer “Sechs-Meter-Bruchlandung”. Nur bei Bild.de kommen noch mal vier Meter obendrauf.
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Zehn Jahre obendrauf gab’s für France Gall, von der “WAZ”:
Wir haben mehrmals nachgerechnet und kommen zu dem Schluss: Entweder handelt es sich um eine Meldung vom 9. Oktober 2027, oder die “WAZ”-Redaktion hat Schwierigkeiten mit Zahlen. Die französische Sängerin France Gall wurde gestern jedenfalls 70 Jahre alt.
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Apropos “WAZ”: Die heißt laut sportbild.de nicht mehr “Westdeutsche Allgemeine Zeitung”, sondern “Westfälische Allgemeine Zeit”:
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Aber zurück zum Jahreszahlen-Durcheinander. So eines hat auch Bild.de hinbekommen — bei dieser Geschichte:
Heute Nacht entscheidet sich, ob die argentinische Nationalmannschaft und Lionel Messi bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland dabei sind. Bild.de schreibt dazu:
Dennoch ist die Quali aus argentinischer Sicht bisher eine einzige Enttäuschung!
Und es droht ein doppeltes Drama: Argentinien wäre zum ersten Mal seit 47 Jahren nicht bei einer WM-Endrunde dabei.
Da die Fußball-WM nicht alle 3,917 Jahre stattfindet, sondern alle vier Jahre, wäre Argentinien zum ersten Mal seit 48 Jahren “nicht bei einer WM-Endrunde dabei.”
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Ebenfalls Fußball, ebenfalls ein einfacher Rechenvorgang, den Bild.de nicht hinbekommt. Nachdem FC-Bayern-Stürmer Thomas Müller gegen den FSV Mainz 05 getroffen hatte, schrieb die Redaktion:
Überragend: Es ist der 200. Scorer-Punkt in Müllers Bundesliga-Karriere (87 Tore, 103 Vorlagen) — und das in nur 261 Spielen!
Tatsächlich hat Müller bisher 97 Bundesliga-Tore geschossen. Die 200 Scorer-Punkte stimmen also — vorausgesetzt die 103 Vorlagen, die Bild.de nennt, sind korrekt. Andere Statistiken sagen allerdings, dass Müller seltener Vorlagengeber in der Bundesliga war.
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Und zum Abschluss noch eine falsche Bild.de-Rechnung. Zu den Gehältern in der ARD schreibt das Portal:
Angeführt wird die Liste von WDR-Intendant Tom Buhrow. Sein Verdienst: 399 000 Euro im 2016 — umgerechnet auf 12 Monate wären das 33 333 Euro!
Nein.
Mit Dank an Peter H., Peter S., Daniel P., Marco F., Lothar Z., Pippo, @BoehningB und @JuergenKuehner, für die Hinweise!
In der “Bild”-Zeitung gibt es seit einigen Wochen eine neue Klatsch-Kategorie mit dem Namen “GEHEIM — Bitte nicht weitersagen!”, und man erfährt dort Dinge, die man auf keinen Fall weitersagen will, nicht im Freundeskreis, nicht bei der Arbeit, nirgends, weil man sonst direkt als deppert gilt. Der Titel der neuen Klatsch-Spalte soll wohl lustig sein. Und der Inhalt ist noch dünner als bei anderen “Bild”-Texten auf der letzten Seite. Da steht dann zum Beispiel, dass das Gepäck von Veronica Ferres bei einem Flug verloren gegangen ist. Oder dass Sandra Maischberger bei einer TV-Premiere zu Marietta Slomka gesagt haben soll, dass es keinen Wein mehr gebe. Oder dass ein “Bild”-Mitarbeiter neulich Didi Hallervorden auf der Toilette getroff …
Pardon, wir sind kurz eingenickt.
In der heutigen Ausgabe geht es gewohnt ungesprächsstoffig weiter (bei Bild.de sind all diese Knaller-Geschichten übrigens nur mit einem “Bild plus”-Abo lesbar). Meldung Nummer eins lautet beispielsweise, dass “Bild”-Promi-Experte Norbert Körzdörfer irgendwann mal 17 Biere in einer Bar bezahlt hat. Schau an.
Und dann wird es auf einmal doch etwas interessanter, dank dieser Meldung:
In der Tat spannender als “Körzis” Bier-Rechnung. Nur: An diesem Text ist so gut wie alles geklaut. Die Formulierungen. Die Pointen. Selbst die Klammer mit der Anwalt-Info. Alles. Es ist fast eine wortwörtliche Übersetzung eines “Economist”-Artikels, der vor zwei Tagen erschienen ist.
Nur eine Sache hat die “Bild”-Redaktion selbst hinbekommen: Beim Übersetzen ihrer Beute hat sie die weibliche Zwischenruferin in einen männlichen Schreihals vermurkst.
Beim “Economist” heißt es:
JAGMEET SINGH could have done many things when a heckler accused him at a rally last month of plotting to subject Canada to sharia law. The turbaned politician could have pointed out that he is a Sikh, not a Muslim. He could have skewered her with lawyerly wit (he is a criminal lawyer) or asked security guards to remove her. Instead he told the heckler that everyone loved her and led a chant of “Love and courage”. She eventually walked out. (…)
A “hipster Sikh”, with a penchant for striking turbans, Mr Singh embodies the diversity that Mr Trudeau constantly celebrates. Like the prime minister, he is adept at social media and single-combat sports. (He practises Brazilian ju-jitsu; Mr Trudeau is a boxer.)
Während die “heckler”-Anekdote bei der britischen Wochenzeitschrift Teil eines kurzen Portraits über Jagmeet Singh ist, ist sie bei “Bild” die Nachricht. Allerdings spielte sich die Szene nicht “neulich” ab, wie das Boulevardblatt schreibt, sondern vor über einem Monat. Bei “Bild” kann man heute das falsch lesen, was vor Wochen bei anderen richtig stand.
1. Die unsichtbare Grenze der Diskretion (taz.de, Bettina Gaus)
Bettina Gaus kommentiert in der “taz” die viel gelobte “Spiegel”-Reportage über Martin Schulz. Wenn es nach ihr geht, wäre die Reportage besser nie erschienen: “Natürlich wollte Markus Feldenkirchen so dicht wie irgend möglich an den SPD-Kanzlerkandidaten herankommen. Das ist sein Job. Er hat seine Möglichkeiten genutzt, und er hat sich – soweit das von außen zu beurteilen ist – nicht unfair verhalten gegenüber seinem Protagonisten. Aber viele Szenen, die in der Reportage geschildert, und Äußerungen, die zitiert werden, gehen die Öffentlichkeit schlicht nichts an.”
2. Sturm Xavier – wie Medien Menschen auf dem Gewissen haben: Nichtstun tötet. (wetterkanal.kachelmannwetter.com, Jörg Kachelmann)
Jörg Kachelmann wirft den ARD- und ZDF-Verantwortlichen schwere Versäumnisse bei den Fernsehwetterberichten vor Eintreffen des Sturms “Xavier” vor, der in Deutschland mehrere Menschenleben gekostet hat: “Ich verachte diese Leute dafür, sehr. Denn Menschen sind gestorben und werden wieder sterben. Und es wird durch die, die dafür zuständig wären, nichts getan, dass sich das ändert.”
3. Wir sollten über “Political Correctness” diskutieren, aber bitte nicht so (broadly.vice.com, Yasmina Banaszczuk)
Zerstört die Political Correctness unsere freiheitliche Gesellschaft, wie es im Buch “Es war doch gut gemeint” behauptet wird? Unter anderem darüber hat sich Yasmina Banaszczuk mit den beiden Autoren des Buchs unterhalten. Doch die wollten die Zitate aus dem Interview nicht freigeben. Das Gesagte sollte angeblich durch schönere, relativierende Dinge ersetzt werden. Auch ohne das Interview wird deutlich, wo die Probleme des Buchs nach Ansicht von Banaszczuk liegen: “Ein – im besten Falle gut gemeintes – Buch über eine falsch verstandene linke Entwicklung kann potenziell gefährlich sein, wenn wir den Vorurteilen, die dem teils zugrunde liegen, nicht widersprechen. Und widersprechen sollten wir, egal, wie oft wir uns wiederholen müssen.”
4. Fellner übernahm am deutschen Wahlabend die ARD-Sendungen (kurier.at, Philipp Wilhelmer)
Bei der Bundestagswahl verfiel der österreichische Fernsehsender “oe24.tv”, wohl aus Ermangelung eigener Teams vor Ort, auf eine kostensparende Idee und ließ die Bilder der ARD ausstrahlen – allerdings ohne Genehmigung. Der “Kurier” hat bei der ARD nachgefragt, wie man mit dem Vorgang umgehe. Dort wird nun der Rechtsweg geprüft. Für “oe24.tv” kann die Sache nach Auskunft eines Juristen teuer werden. Weil es sich beim Fernsehsender um einen Medienbetreiber handele, der zumindest theoretisch wissen müsse, wie man das Urheberrecht einhält, könnte sich das vom Gericht zu ermittelnde Ersatzentgelt verdoppeln.
5. Wie porno ist Deutschland? (faz.net, Eva Heidenfelder)
Im aktuellen “Tatort” ging es auch um die darniederliegende Porno-Branche. Eva Heidenfelder hat für die “FAZ” den Faktencheck gemacht und Experten gefragt, ob die Porno-Produzenten wirklich “im Arsch wegen diesem Internet-Scheiß” sind, wie es ein Protagonist im “Tatort” behauptet. Außerdem geht es um Künstlernamen von Sex-Darstellern, Spermaspuren und den Unterschied zwischen Erwürgen und Erdrosseln. Weiterer Lesetipp: Die Tatort-Nachlese der “SZ”: “Porno im Planschbecken”
6. »Kothaufen in der Dusche« (11freunde.de, Stephan Reich)
Andere besprechen Schallplatten oder Bücher – Fußballer Arne Tiedemann rezensierte zu seiner Kreisligazeit beim TSV Kollmar die Kabinen und Duschen der Kreisliga Steinburg. Im Gespräch mit den “11Freunden” geht es um den Kachelreport, die Wischmopp-Skala von eins bis elf und die hygienischen Abgründe von Dusch- und Kabinentrakten.
1. Wiedervereinigte Medienrepublik – was eint, was trennt? (ndr.de, Video, 29:49 Minuten)
Passend zum Tag der Deutschen Einheit hat das Medienmagazin “Zapp” eine Schwerpunktsendung zur “wiedervereinigten Medienrepublik” zusammengestellt. In den drei Beiträgen geht es um “Medien-Klischees über den Osten”, “Zuschauerbindung beim MDR” und den “‘Neues Deutschland’-Fake”, dazu gibt es ein Interview mit Sergej Lochthofen, den früheren Chefredakteur der “Thüringer Allgemeinen”.
2. Guttenbergs Firma ist weltweit präsent – aber kaum zu finden (morgenpost.de, Sebastian Geisler)
Fragt man Karl-Theodor zu Guttenberg nach einem möglichen politischen Comeback, verweist der frühere Verteidigungsminister gern auf sein “expandierendes Unternehmen” “Spitzberg Partners”. Fragt man nach “Spitzberg Partners”, meldet sich Guttenbergs Anwalt Christian Schertz. Sebastian Geisler von der “Berliner Morgenpost” hat sich von drohenden Gegendarstellungen und Unterlassungen nicht abschrecken lassen und weiterrecherchiert, auf der Suche nach “Spitzberg”-Dependancen und -Mitarbeitern. Sein Werkstattbericht handelt nicht nur von Guttenbergs Firma, sondern auch von dessen Umgang mit den Medien.
3. Morddrohungen gegen Journalisten (taz.de, Marina Mai)
Trung Khoa Le betreibt von Berlin aus die zweisprachige Onlinezeitung thoibao.de. Dort hat er unter anderem über die Entführung des vietnamesischen Expolitikers Trinh Xuan Thanh berichtet — ausgesprochen erfolgreich, mit 1,5 Millionen Klicks allein im August, von denen 80 Prozent aus Vietnam gekommen sein sollen. Nun wird Le verfolgt. Fotos von ihm tauchen im Internet auf, genauso Informationen über seine Kinder und Morddrohungen gegen ihn. Verwandte von Le wurden bereits vom vietnamesischen Geheimdienst befragt.
4. Die Reise zum Mittelpunkt des Bebens (newsroom.de, Christian Jakubetz)
“Vor ein paar Jahren”, schreibt Christian Jakubetz, habe er mal eine Idee gehabt, die nie über den Status einer Idee hinausgekommen sei: ordentlichen Lokaljournalismus ordentlich aufziehen. “Man geht raus, schreibt Geschichten aus der Lebenswirklichkeit der Menschen, immer unter der Fragestellung: Wie geht’s uns eigentlich in Deutschland gerade so? Das alles zum einen multimedial aufbereitet und zum anderen an und aus Orten erzählt, die sonst nicht so sehr im Fokus der medialen Aufmerksamkeit stehen.” Das Interesse von Redaktionen damals: ganz knapp über null. Plötzlich entdecken “taz” und “Zeit Online” den Lokaljournalismus wieder. Dass nun “eine nur leichte Abwandlung” seiner Idee “gerade als das wirklich heiße Ding im Journalismus gefeiert” werde, amüsiert Jakubetz.
5. Kleines Heft mit großen Zielen (sueddeutsche.de, Oliver Meiler)
Das Magazin “Eastwest”, das seit kurzer Zeit auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz an den Kiosken liegt, hieß eigentlich mal “East” und war das PR-Blatt der italienischen Bank “Unicredit”. Heute steckt das Kreditinstitut teilweise zwar immer noch hinter dem Printprojekt, aber “Eastwest” ist ein durchaus ernstzunehmendes Politmagazin geworden. Oliver Meiler hat die kleine Redaktion, die inzwischen auf italienisch, englisch und deutsch publiziert und der Anfragen aus Spanien und Portugal vorliegen, in ihrer Produktionswohnung in Rom besucht.
6. Warum Tanit Koch im neuen “Bild”-Buch fehlt (dwdl.de, Thomas Lückerath)
Thomas Lückerath hat sich das große “Bild”-Buch aus dem “Taschen Verlag” genauer angeschaut, auch die Übersicht aller Chefredakteure des Boulevardblatts. Auffällig: In dem von Kai Diekmann und Julian Reichelt herausgegeben Werk lauten die letzten zwei Chefredakteure: Kai Diekmann und Julian Reichelt. Es fehlt: Tanit Koch, die aktuelle Chefredakteurin der gedruckten “Bild”, der im Februar dieses Jahres Reichelt als “Bild”-Oberchef vorgesetzt wurde. Lückerath fragt sich: “Warum ignoriert das Buch zur Geschichte der Bouevardzeitung aber ihre [Kochs] gut 13 Monate an der Spitze von ‘Bild’ von Anfang 2016 bis Februar 2017?” Die Antwort, die der Verlag ihm auf diese Frage liefert, hält er für “interessant”.
Das von Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) vorangetriebene Netzwerkdurchsuchungsgesetz, das seit Sonntag in Kraft ist, hat laut OSZE-Repräsentant Harlem Désir möglicherweise eine “abschreckende Wirkung auf die freie Meinungsäußerung”.
Das oft auch als Facebook-Gesetz bezeichnete Netzwerkdurchsuchungsgesetz verpflichtet Online-Netzwerke dazu, schneller auf Beschwerden über Hasskriminalität und andere strafbare Inhalte zu reagieren und betreffende Inhalte zügiger zu entfernen.
Der Wirtschaftsjurist Gerald Spindler von der Universität Göttingen sieht in dem “Netzwerkdurchsuchungsgesetz” des SPD-Politikers gar eklatante Verstöße gegen europäisches Recht.
Bundesjustizminister Heiko Maas hatte in den vergangenen Monaten mit seinem “Netzwerkdurchsuchungsgesetz” eine breite Debatte über den richtigen Umgang mit Hass im Netz angestoßen.
Hinter dem Titel “Netzwerkdurchsuchungsgesetz” versteckt sich der Vorstoß von Justizminister Heiko Maas, mit dem er Hass in sozialen Netzwerken bekämpfen will.
Die Themen, die von der Kollaboration zwischen Kunst und Wissenschaft schon 2016 aufgegriffen wurden, erlangten in den letzten Wochen durch das Ende des NSA-Untersuchungsausschusses, den Staatstrojaner und auch das Netzwerkdurchsuchungsgesetz erneute Brisanz.
Auf der einen Seite wurde der Beschluss zur “Ehe für alle” bei einem Teil der Bevölkerung mit großer Freude zur Kenntnis genommen wurde, auf der anderen Seite hat das Parlament zur gleichen Zeit noch ein paar Gesetze (Netzwerkdurchsuchungsgesetz; Reform des Wissenschaftsurheberrechts und einheitliche Netzentgelte) durch das Parlament gepeitscht, die für wesentlich weniger Verzückung sorgen werden sobald die breite Masse davon erfährt.
Die Bundesregierung hat mit dem Netzwerkdurchsuchungsgesetz Facebook die Löschung von Hasskommentaren überantwortet und dem Konzern eine Richterrolle zugewiesen.
Irgendjemand? BILDblog vielleicht?
Das umstrittene Netzwerkdurchsuchungsgesetz ist besser als sein Ruf, findet Christian Humborg in seiner Kolumne auf “Carta”.
Ugh! Ja, auch wir haben “Netzwerkdurchsuchungsgesetz” geschrieben statt Netzwerkdurchsetzungsgesetz, wie es richtig heißt — oder in Langform: Gesetz zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken. Den einst fehlerhaften Artikel haben wir inzwischen korrigiert.
Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz bringt alle Voraussetzungen mit, um zum neuen “EU-Gericht” zu werden.
*Nachtrag, 6. Oktober: n-tv.de, “Wired”, “Deutschlandfunk Kultur”, “Meedia”, taz.de, “Huffington Post” und netzpolitik.org haben auf unsere Kritik reagiert und ihre Artikel — mitunter sogar sehr transparent — korrigiert.
1. Nichts gefunden: Auch der Generalbundesanwalt hat NSA-Affäre beendet (netzpolitik.org, Anna Biselli)
Im Zuge der Snowden-Enthüllungen kam heraus, dass die NSA in Deutschland im großen Stil abhörte und wahrscheinlich deutsche Behörden eingeweiht oder sonst wie involviert waren. Einige Menschen erstatteten daraufhin Anzeige beim Generalbundesanwalt, unter anderem wegen des Verdachts auf geheimdienstliche und landesverräterische Agententätigkeit. Einer der Anzeigeerstatter, Markus Beckedahl von netzpolitik.org, bekam nun Post vom Generalbundesanwalt. Dieser sieht vier Jahre nach Eingang der Anzeige keinen Anfangsverdacht für eine Massenüberwachung durch britische und US-Geheimdienste in Deutschland und hat die Sache für sich als beendet erklärt.
2. Nach Las Vegas gilt in Social Media, was die ganze Zeit galt! (wired.de, Johnny Haeusler)
Unmittelbar nach dem schrecklichen Geschehen in Las Vegas verbreiteten sich in den sozialen Medien Lügen und Spekulationen über den Schützen, der aus einem Hotelfenster im 32. Stock in die Menge schoss. Johnny Haeusler fragt sich, warum das Fake-News-Problem noch immer nicht gelöst ist und plädiert auf breite Aufklärung, Bildung und Digitalkompetenz: “Tun wir dies nicht, dann waren Teilergebnisse der Bundestagswahl 2017 erst der Anfang eines Zeitalters, in dem in immer größeren sozialen Gruppen gefühlte Richtigkeit, Populismus, Emotionen und Sensationen mehr zur Meinungsbildung beitragen als Argumente, Fakten, sachliche Erklärungen und geltendes Recht.”
3. Die angeblichen Krisenschauspieler (faktenfinder.tagesschau.de, Kristin Becker)
Immer wieder bezeichnen Verschwörungstheoretiker besondere Vorkommnisse als politische Inszenierung. Besonders oft werden diese Legenden bei Amokläufen oder Attentaten gestrickt. Überlebende und Zeugen werden dann regelmäßig als “Krisenschauspieler” bezeichnet. Durch Fehlinterpretationen von Videomaterial wird den Opfern, Augenzeugen oder Zeugen unterstellt, Teil einer Inszenierung zu sein. Kristin Becker erklärt das perfide Vorgehen der Verschwörungstheoretiker anhand von Beispielfotos und Tweets.
4. Antipolizeitaste in iOS 11: Schutz vor neugierigen Blicken (strafakte.de, Mirko Laudon)
Strafverteidiger Mirko Laudon weist auf eine Besonderheit beim Apple-Betriebssystem iOS 11 hin: Die sogenannte Antipolizeitaste. “Wer Sorge hat, sein iPhone könnte gleich von der Polizei beschlagnahmt werden, deaktiviert durch fünfmaliges Drücken der Einschalttaste schnell in der Hosentasche die Touch-ID. Das führt dazu, dass das iPhone nur noch durch die Eingabe des Passcodes im Sperrbildschirm zu entsperren ist. Denn die Biometriescanner können durch die Polizei leichter überlistet werden …” Die Barriere des Passcodes zu überwinden, sei dagegen deutlich schwieriger, zumal Beschuldigte nicht verpflichtet seien, der Polizei Passwörter jeglicher Art mitzuteilen.
5. Bildagentur Getty nimmt den Kampf gegen Photoshop auf (wuv.de, Petra Schwegler)
Die US-Bildagentur Getty reagiert auf ein neues Gesetz in Frankreich, das Fotografen dazu verpflichtet, retuschierte Bilder von Models zu kennzeichnen: “Seit dem 1. Oktober 2017 übernimmt Getty Images als weltweit erste Bildagentur keine Bilder mehr von Models in die Datenbank, deren Körperform retuschiert wurde, um sie schlanker oder fülliger erscheinen zu lassen”. Petra Schwegler hat die neue Geschäftspolitik kommentiert und Beiträge über umstrittene Werbekampagnen und Photoshop-Fails der Mode- und Kosmetikindustrie verlinkt.
6. Wie die ARD ihre Zuschauer warten lässt (haz.de, Imre Grimm)
Stolze 40 Millionen Euro flossen in „Babylon Berlin“, das teuerste deutsche TV-Epos aller Zeiten. Das Projekt wurde maßgeblich finanziert mit Gebührengeldern der ARD, zu sehen bekommen es jedoch vorerst nur die fünf Millionen “Sky”-Kunden. Die “ARD”-Zuschauer müssen sich ein Jahr gedulden. Imre Grimm kommentiert: “Das Problem ist das Signal, das die ARD aussendet. Sie scheint nicht zur Kenntnis genommen zu haben, dass zwölf Monate Wartezeit in Zeiten globalisierter Sofortbefriedigung aller Entertainmentbedürfnisse ein Anachronismus sind. Im Ersten scheint man weiterhin dem Irrglauben anzuhängen, dass eine Produktion wie früher erst Gültigkeit hat, wenn sie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gelaufen ist. Ganz so, als betreffe Sky, HBO, Netflix & Co. nur eine Minderheit. Ein fataler Irrtum.”
Das Medienmagazin “Zapp” fragte vor einer Weile: “Dürfen Journalisten Mitglied einer Partei sein?” Holger Stark, zuständig für Investigatives bei der “Zeit”, und “Spiegel”-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer hatten eine ähnliche Meinung zu dem Thema.
Ich finde, wer wahrhaft unabhängig und frei berichten möchte, sollte sich nicht an eine Organisation binden, sondern sollte ungebunden sein und dementsprechend kein Parteimitglied.
… sagte Stark. Und Brinkbäumer:
Für mich ist das keine Option. Also ich möchte neutral sein, ich möchte Distanz zu alle Parteien, zu allen Politikern wahren und nicht einmal durchscheinen lassen, was ich wähle.
Schaut man sich die Berichterstattung der “Welt” an, muss man wohl noch viel grundlegender ansetzen. Und etwa diese Frage hier stellen: Dürfen ehemalige Mitarbeiter eines Politikers diesen Politiker in ihrer Rolle als Journalist interviewen?
Vergangenen Mittwoch, zwei Tage nach der Bundestagswahl, erschien ein größeres Interview mit dem FDP-Vorsitzenden Christian Lindner in der “Welt” (bei Welt.de hinter einer Paywall):
Lindner darf dort über den Absturz von CDU und CSU reden, über die Situation bei den Grünen, über die SPD, er darf den Preis der FDP vor den anstehenden Koalitionsverhandlungen ein wenig hochtreiben. Die kritischste Frage an Christian Lindner im gesamten Gespräch: “Haben Sie Angst vor der eigenen Courage?” Ansonsten eher solche Vorlagen: “2013 sind Sie mit dem Satz angetreten: Ab sofort muss die FDP neu aufgebaut werden. Ist der Neuaufbau jetzt abgeschlossen?”
Wir hatten Ende August hier im BILDblog kritisiert, dass die stellvertretende “Welt”-Chefredakteurin Dagmar Rosenfeld, die mit Christian Lindner verheiratet ist, in der “Welt” und bei Welt.de einen Text veröffentlichte, in dem sie unter anderem Christian Lindner süffisant Stylingtipps gibt, und nirgends schreibt, dass es sich um ihren Ehemann handelt. Darauf gab es Kommentare, dass ein paar Stylingtipps wohl kaum den Wahlkampf entscheiden würden. Und dass das doch alles lustig gemeint sei. Das mag so sein. Uns ging es damals um die Intransparenz der “Welt”. Und so auch in diesem Fall: Natürlich kann eine Redaktion die Frage “Dürfen ehemalige Mitarbeiter eines Politikers diesen Politiker in ihrer Rolle als Journalist interviewen?” mit “Ja” beantworten. Gerade in Zeiten, in denen sich Menschen von Medien abwenden, auch weil sie das Gefühl haben, Journalisten und Politiker steckten unter einer Decke, wäre es aus unserer Sicht aber eine gute Idee, den Leuten offen mitzuteilen, wer da wen interviewt.
Es ist nicht irgendein Zitat. Die Aussage von Alexander Gauland …
Wenn die Franzosen zu Recht stolz auf ihren Kaiser sind, und die Briten auf Nelson und Churchill, haben wir das Recht, stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen.
… war eine der schaurigen Attraktionen des Wahlkampfs. Der Satz markierte den vorläufigen Höhepunkt der Radikalisierung der AfD. Er veranschaulichte aber auch die Fähigkeit der Partei, die Grenze des Sagbaren zu verschieben und gleichzeitig diese Grenze verschwinden zu lassen, als ob es sie nie gegeben hätte.
Die Aussage war — zusammen mit dem Spruch über die Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz, die man ja “in Anatolien entsorgen” könne — der größte Hit des AfD-Spitzenkandidaten im Endspurt des Wahlkampfes. Sie war es nicht nur deshalb, weil der gezielte Tabubruch die offensichtlich gewünschte Empörung entfachte, und jede Empörung über die AfD dieser im Wahlkampf zu nutzen schien. Ein Hit wurde die Geschichte mit den Soldaten vor allem deshalb, weil sie eine Pointe hatte. Eine Pointe, die den Tabubruch auf die Spitze trieb, weil sie es ermöglichte, die Geschichte immer wieder erzählen zu können, und gleichzeitig diejenigen, die sich darüber aufregten, als geschichtsvergessene Idioten dastehen zu lassen:
“Im Übrigen habe er nichts anderes gesagt als Frankreichs damaliger Präsident François Mitterrand am 8. Mai 1995 in einer Rede”, gab die “dpa” am 15. September ein Gespräch mit Gauland wieder. In dieser Rede habe Mitterrand …
“die Tapferkeit der deutschen Soldaten wie auch der anderen Soldaten gelobt und hat diese Tapferkeit dem verbrecherischen Regime gegenübergestellt”, behauptete der AfD-Mann. “Und diese persönliche Tapferkeit, auf die kann man stolz sein.”
Hätte die “dpa” einfach mal nachgeschaut, was Mitterrand in dieser Rede wirklich gesagt hatte, dann hätte die wundersame Karriere der Gauland-Provokation vielleicht schon da zu Ende sein können. Der damalige französische Staatspräsident lobte in seiner Versöhnungsrede 1995 zum 50. Jahrestag des Kriegsendes vor dem Deutschen Bundestag zwar die Tugenden des deutschen Volkes und auch den Mut der Soldaten. Doch nirgendwo auch nur im Ansatz die “Leistungen deutscher Soldaten” in den Weltkriegen. Gaulands Behauptung ist keine Verdrehung oder eine Missinterpretation. Es ist ganz einfach: Gauland lügt.
Mitterrand wörtlich:
Ich bin nicht gekommen, um den Sieg zu feiern, über den ich mich 1945 für mein Land gefreut habe. Ich bin nicht gekommen, um die Niederlage herauszustellen, weil ich wusste, welche Stärken das deutsche Volk hat, welche Tugenden, welcher Mut, und wenig bedeutet mir seine Uniform und auch die Vorstellung in den Köpfen dieser Soldaten, die in so großer Zahl gestorben sind. Sie waren mutig. Sie nahmen den Verlust ihres Lebens hin. Für eine schlechte Sache, aber ihre Taten hatten damit nichts zu tun. Sie liebten ihr Vaterland. Das muss man sich klar machen. Europa bauen wir auf, wir lieben unsere Vaterländer.
Die “dpa”-Meldung mit Gaulands Mitterrand-Lüge wurde von fast allen großen Zeitungen verbreitet, ohne diese aufzudecken. Keiner dieser Zeitungen kam es offensichtlich komisch vor, dass ausgerechnet ein französischer Staatspräsident die “Leistungen” der Wehrmacht lobt. Waren sie vielleicht eingeschüchtert durch die Verweise des AfD-Mannes auf Kaiser, Nelson und Churchill, die auf vermintes Gelände hindeuteten? Gauland kritisieren hätte womöglich bedeutet, Mitterrand zu kritisieren, gar “die Franzosen” und auch noch “die Engländer”. Dann lieber erst gar nicht nachschauen, worum es dabei eigentlich geht. Dabei ging es um nichts. Die Mitterrand-Pointe ist ein Bluff.
Womöglich hat sich Gauland selber gewundert, wie gut er damit durchkam. Alle Journalisten, auf die er nach dem 15. September traf, mussten nicht nur wissen, dass seine Soldaten-Äußerung Thema sein würde. Sie mussten auch wissen, wie er sie rechtfertigten würde — was heißt rechtfertigen: wie er seine Äußerung immer wieder damit krönen würde, indem er sie Mitterrand in die Schuhe schiebt. Wieso ließen sich unzählige Journalisten bei dieser für den Wahlkampf und die Bewertung der AfD so wichtigen Sache immer wieder mit dem gleichen Argument abspeisen, ohne auch nur einmal zu überprüfen, ob es überhaupt eines ist? Verließen sie sich darauf, dass das irgendwer schon gemacht hätte? Oder war es ihnen egal, was Mitterrand wirklich gesagt hatte, weil sie zwar ihre Aufgabe darin sehen, die Unsäglichkeit der AfD zur Schau zu stellen, aber nicht zu erklären, was es mit ihr auf sich hat, nicht zu benennen, was das Unsägliche ist?
Gauland schien sein Glück, die Sache so auf die Spitze treiben zu dürfen, kaum fassen zu können. Bei seinen letzten Auftritten wirkte es so, als würde er fast schon darauf warten, dass man ihn auf seinen Wahlkampfhit anspricht, und half, wenn es sein musste, noch etwas nach: Als ihn Tina Hassel, die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios, in der vom “Ersten” und vom ZDF übertragenen Wahlkampf-Schlussrunde der Spitzenkandidaten mit den Schlagzeilen konfrontierte, die zur Empörung geführt hätten, ohne den Inhalt dieser Schlagzeilen zu nennen, verwies er selbst auf sein Soldaten-Zitat. Natürlich als eines, das Mitterrand auch so gesagt hätte. Und dann: “Darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein.” Warum fragt Hassel ihn etwas, von dem sie wissen musste, dass er es so beantworten würde, ohne ihm zu widersprechen? Warum bringt sie ihn in eine Situation, in der er vor einem Millionenpublikum behaupten kann, es gäbe da irgendeine Mitterrand-Argumentation, der zufolge man unterschiedlicher Meinung darüber sein könne, ob die Verbrechen der Wehrmacht etwas seien, worauf man stolz sein könne oder nicht? Warum lässt auch die ZDF-Hauptstadtstudio-Leiterin Bettina Schausten, die die Anschlussfrage stellt, das ebenfalls einfach so stehen?
All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum “Eurovision Song Contest” gekommen. Den sogenannten “Waldschlösschen-Appell” gegen Homophobie in Medien hat er initiiert. Sein “Nollendorfblog” bekam eine Nominierung für den “Grimme Online Award”. Und mit “Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone” hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.
In den vergangenen Wochen wurde darüber diskutiert, welchen Anteil die Medien am Erstarken der AfD haben, und über das Dilemma, das darin besteht, wenn Medien über gezielte Provokationen der AfD berichten. Dass man nicht über jedes Stöckchen springen müsse, was diese einem hinhalte. Dass man aber auch nicht nicht berichten könne, weil man ja schließlich aufklären müsse.
Am Wahlabend war Gaulands Soldaten-Zitat zunächst Thema in der “Elefantenrunde”, vorgebracht von der Linken-Chefin Katja Kipping, woraufhin der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen entgegnete: “Wollen Sie etwa Mitterrand angreifen?” Es waren nun zehn Tage, in denen eine Mitterrand-Aussage, die es gar nicht gibt, permanentes Medienthema war. Nach den Leiterinnen der Hauptstadtstudios waren es diesmal die Chefredakteure von ARD und ZDF, Rainald Becker und Peter Frey, die sie, ohne sie in Frage zu stellen, einfach durchwinkten.
Etwas später am selben Abend saß Gauland dann bei Anne Will. Hier wollte der Journalist Hans-Ulrich Jörges den AfD-Mann selbst mit dessen Soldaten-Geschichte konfrontieren. Doch die Moderatorin entschied sich dafür, ihr Wissen um die Pointe (“Herr Jörges, sie kennen die Antwort, Herr Gauland wird sagen, das hat Mitterrand auch schon gesagt.”) nicht etwa dafür zu nutzen, diese zu hinterfragen, sondern schnell zu einem anderen Thema zu wechseln. Am nächsten Tag, als die AfD in der Bundespressekonferenz ihren Wahlerfolg erklärte, Gauland wieder nach den Soldaten gefragt wurde und er erneut mit Mitterrand antwortete, musste das Kribbeln besonders groß gewesen sein. Der Saal war voll mit Hauptstadtjournalisten. Ob er auch diesmal damit durchkommen würde? Ob einer, nur einer von ihnen auf die Idee kommen würde, da einmal nachzufragen? Er musste sich keine Sorgen machen.
Nachtrag, 22:24 Uhr: Wir hatten diesen Beitrag heute Nachmittag so bei Twitter rumgeschickt:
Der größte Wahlkampf-Hit der AfD – Gaulands Soldaten-Zitat – basiert auf einer Lüge. Kein Journalist hat es gemerkt: https://t.co/LfqiqHeCMq
Daraufhin meldete sich “dpa”-Nachrichtenchef Froben Homburger und sagte, dass die Nachrichtenagentur durchaus über die Differenz zwischen Gaulands Aussage und Mitterands Aussage berichtet habe:
Entgangen ist Ihrem Autor, dass dpa schon vier Tage vor seiner Enthüllungsgeschichte schrieb: https://t.co/igTS8pb96d
Der Link, den Homburger mitschickte, führt zu einem “Tag 24”-Artikel, veröffentlicht am 25. September um 12:39 Uhr.
Wenn wir die Kritik von Froben Homburger im weiteren Twitter-Gespräch richtig verstehen, stört ihn vor allem ein Satz in unserem Tweet: “Kein Journalist hat es gemerkt”.
Homburger hat recht, dass seine “dpa” zehn Tage nach dem ersten “dpa”-Gespräch gemerkt hat, dass etwas nicht stimmt an der Rechtfertigung von Alexander Gauland. Insofern ist der eine Satz in unserem Tweet falsch. Dafür möchten wir um Entschuldigung bitten.
Wenn wir die Kritik von Froben Homburger immer noch richtig verstehen, hat er an dem Artikel selbst, den Johannes Kram hier geschrieben hat und der sich ohnehin auf einen Zeitraum bezieht, der mit dem Auftritt Gaulands in der Bundespressekonferenz am Morgen des 25. September endet, nichts auszusetzen.